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Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern

Die 18. Agrarpolitische Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung MV

"Zwischen regional und global! - Den Wandel der Landwirtschaft gestalten"

Hier finden Sie die wichtigsten Ergebnisse der Online-Tagung (Programm als PDF) vom 21. und 22. Januar 2021.

Erfahren Sie,

  • wie sich Wissenschaft und Politik im Wahljahr 2021 die Zukunft der Landwirtschaft vorstellen,
  • was notwendig ist für den Wandel der Landwirtschaft,
  • welche Impulse aus der EU kommen und
  • ob regionale Produktion der Zukunftstrend ist
     

Veranstaltungsbericht Tag 1 - 21.01.2021

Alle Teilnehmende und Zuschauer erlebten zwei Tage lang eine spannende, interessante und auch kontroverse Diskussion. Die Thematik allein ließ ja bereits erwarten, dass sehr unterschiedliche Positionen aufeinanderstoßen werden. Dennoch muss man gleich zu Beginn feststellen: alle Akteure haben dazu gelernt!

So stand der erste Tag ganz im Zeichen des Vortrages von Prof. Grethe von der Humboldt-Universität Berlin und den aktuellen Ausführungen von Minister Dr. Backhaus. Es erfolgte dann eine spannende Diskussion zu Fragen der aktuellen und zukünftigen Landwirtschafts-und Umweltpolitik im Zeichen der anstehenden Wahlen mit den agrarpolitischen Sprechern der wichtigsten Parteien im Deutschen Bundestag.

Die große Überraschung war dabei sicher die Übereinstimmung bei der These:

Dass in Zukunft Leistungen der Landwirte für die Umwelt, den sozialen Zusammenhang im Dorf, die Ökologie, die Artenvielfalt und für die Gemeinschaft zum einen ein Zukunftsfeld für die Landwirte sind und zum anderen entsprechend durch die Gemeinschaft entlohnt werden müssen!


Über den Umfang und die konkrete Umsetzung gibt es noch Differenzen, aber in der Sache war man sich einig. Das ist ein großer Schritt in Richtung Umgestaltung der Landwirtschaft. Das diese inzwischen mehr als nötig sei und es Versäumnisse auf politischer Ebene gibt, wird nicht mehr generell bestritten.

Die Übergangsphase vom gegenwärtigen Wirtschaften bis hin zur Neuausrichtung der Landwirtschaft, wird von fundamentaler Bedeutung sein. Da herrscht bei den Landwirten teilweise panische Angst und Ungewissheit. Hier wird auf unterschiedliche Positionen innerhalb der EU-Länder verwiesen.

Es wurde aber auch deutlich, dass gerade der Deutsche Bauernverband und auch einige politische Akteure noch stark an konservativen Vorstellungen festhalten. Auf Landesebene in MV ist man da weit aus fortschrittlicher.

Insgesamt gab es von den bundesweiten und internationalen Referenten viel Anerkennung für den „Mecklenburger Weg“. Deutlich wurde auch, dass inzwischen viele unterschiedliche Standesvertretungen die Interessen der konventionellen und der biologischen Landwirtschaft wahrnehmen.


Ein einheitliches Berufs-und Standesbild gibt es nicht mehr. Dies wurde auch durch den Vertreter der EU bestätigt. Der große gesellschaftliche Dissens bleibt aber weiterhin bestehen:

Die Wünsche und teilweise idealisierten Vorstellungen der Verbraucher und der Gesellschaft, die wirtschaftliche Realität und das finanziell Machbare. Der Preisverfall gerade im konventionellen Lebensmittelbereich ist erheblich.


Dennoch ist ein Umsteuern unabwendbar!


Norbert Bosse,  Freier Journalist & Moderator

Veranstaltungsbericht Tag 2 - 22.01.2021

Der zweite Tag der agrarpolitischen Tagung stand zu Beginn ganz im Zeichen der EU-Politik.

Das Impulsreferat hielt der Generaldirektor der Generaldirektion Landwirtschaft bei der europäischen Kommission Dr. Wolfgang Burtscher.

Der Österreicher hielt einen sehr spannenden und realitätsnahen Vortrag und setzte die gedankliche Klammer für das Tagungsthema:

Regional und global, die zwei Seiten einer Medaille, die nicht zu trennen sind! Europa darf nicht zur Auslöschung der regionalen Identitäten führen und auch kulturelle Traditionen, wie die Viehhaltung auf den Almen oder die Schafweide auf den Deichen, müssen erhalten bleiben. Europa ist geprägt durch Kulturlandschaften! Viel Verantwortung ist und soll auch den Ländern vorbehalten bleiben.


Für den Bereich der Bio-Landwirtschaft vertrat der Aktivist Bernward Geier mit seinem Referat die These: 

Das gerade im Bio-Bereich Global und Regional vertretbare Positionen sind. Hier wurde versucht Ängste zu nehmen. Bei den großen Mengen, die der Markt inzwischen an Bio-Produkten umsetzt, ist eine allein regionale Erzeugung schwierig.


Die ökologischen und ethischen Konsequenzen wurden kontrovers diskutiert.

Auch im Ergebnis der 17. Agrarpoltischen Tagung 2020 wird immer deutlicher, dass sowohl die biologische als auch die koventionelle Erzeugung von Nahrungsmitteln die Zukunft bestimmen wird.

Dann erfolgte die weitere Beratung in vier verschiedenen Foren. Dazu gibt es gesonderte Bewertungen. Insgesamt wurden folgende Schwerpunkte herausgearbeitet:

  • Politisches Handeln ist dringend notwendig und setzt eine weiterte gesellschaftliche Diskussion voraus.
  • Ein nationaler Strategieplan „Zukunft-Landwirtschaft“ ist notwendig.
  • Landwirtschaft muss sich ökologisch und ökonomisch nachhaltig entwickeln.
  • Es muss auch in Zukunft ein „gutes Leben auf dem Lande“ möglich sein.
  • Die urbanen Stadtgesellschaften und die ländlichen Regionen brauchen Interessensvermittler.
  • Die Corona-Krise hat nachhaltig und regional angebauten Lebensmitteln einen deutlichen Aufschwung beschert.
  • Bauern dürfen nicht zu Sündenböcken der Nation gemacht werden, müssen sich aber auch den Forderungen der Gesellschaft stellen und diese muss ihre Fragen beantworten.
  • Es braucht keine Angst vor der Globalisierung, aber beherztes Handeln und eine Verwurzelung in den Regionen.
  • Regionale Vermarktung und regionale Kreisläufe (siehe Thün´sche Kreise)

sind im Lebensmitteleinzelhandel, der Gastronomie, der Gemeinschaftsverpflegung und in der Öffentlichkeitsarbeit zu berücksichtigen und zu fördern

  • Es braucht mehr Bildung und Information über die Grundlagen der Landwirtschaft und der Ernährung.

 

Insgesamt war die digitale Form der Tagung ein Erfolg. Es gab wesentlich mehr Teilnehmer_innen aus dem ganzen Bundesgebiet und MV als in herkömmlicher Weise. Es wurde sehr rege von den Möglichkeiten der Fragestellung im Netz und dem Chat Gebrauch gemacht.

Fragen wurden direkt mit einbezogen. Für 2022 ist eine kombinierte Veranstaltungsform zu bedenken.
 

Norbert Bosse,  Freier Journalist & Moderator

"Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern im Kontext der bundesweiten Situation"

Vortrag von Dr. Till Backhaus, Minister für Landwirtschaft und Umweltschutz MV

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"Welche Agrarpolitik brauchen wir, um die Landwirtschaft bei der Bewältigung der gegenwärtigen Herausforderungen zu unterstützen?"

Prof. Dr. Harald Grethe (HU Berlin)

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Berichte aus den Foren:

Forum 1: Verbraucher, Handel, Landwirt – Verantwortung in der Landwirtschaft

Der Agrarsektor steht vor einem Wandel. Die Zeiten, in der nur noch die Herstellung gesunder Lebensmittel im Mittelpunkt stand, sind vorbei. Heute werden Kriterien wie Nachhaltig- bzw. Umweltverträglichkeit, Tierschutz, aber auch Landschaftsschutz und Gemeinwohlorientierung immer wichtiger. Fragen nach "Wer produziert Wie und Wo" werden nachdrücklich gestellt.

Kriterien wie Transparenz in der Herstellung von Lebensmitteln, Regionalität, aber auch das Kosumentenverhalten spielen eine Rolle. Wer aber hat die Verantwortung, damit der Wandel in der Landwirtschaft funktioniert? 

Diese Frage haben wir mit Dorte Harloff (Vorstandssprecherin Konsumgenossenschaft Hagenow e.G.), Dr. Heike Müller (Vizepräsidentin des Bauernverbandes MV) und Nora Röder (Leiterin Fachbereich Lebensmittel und Ernährung der Verbraucherzentrale MV) und etwa 60 Personen im Forum 1 der 18. Agrarpolitischen Tagung diskutiert. 

Dabei waren wir uns am Ende einig, dass es nur mit freiwilligen Selbstverpflichtungen des Handels und Appellen an die Verbraucher nicht geht. Zu groß sind Beharrungskräfte, Bequemlichkeit der Konsumenten und natürlich auch der verständliche Wunsch, den größtmöglichen Profit zu erwirtschaften. Daher müssen politische Lösungen her, wenn die Gesellschaft den Wandel der Landwirtschaft möchte. 

Die politischen Lösungsmöglichkeiten setzen bei der finanziellen Unterstützung derjenigen Landwirte an, die besonders umweltbewusst produzieren wollen und sich besonders für nachhaltigen Landschaftsschutz engagieren.


Die Verbraucher_innen benötigen klare und einfache Kennzeichnung von Produkten nach  Herkunft und Herstellungsprozess. Und der Handel sollte die Vorteile regionaler Produkte erkennen und verpflichtet werden, eine Kennzeichnung durchzuführen. Dass dies möglich ist, zeigt das Beispiel der Eierkennzeichnung. Vorher müsste geklärt werden, was eigentlich „regional“ bedeutet. Ein zusätzlicher Baustein könnte eine erweiterte Ernährungsbildung sein.

Vieles ist also auch eine Frage der Kommunikation.
 


fw/fes-mv

Forum 2: Das Dorf entwickeln – Ansätze für ein neues Miteinander von Leben und Landwirtschaft im ländlichen Raum

Der Ländliche Raum Mecklenburg-Vorpommerns erlebt eine neue Blütezeit.

Die verfügbaren Grundstücke sind insbesondere in Regionen mit einem guten Angebot an Arbeitsplätzen oder einem kurzen Weg in die Metropolregionen oder die Oberzentren M-Vs begehrt. Vielerorts zeigen gerade junge Menschen nach ihren ersten Berufsjahren Interesse an zu verkaufenden Häusern oder Bauplätzen. Gerade in stark touristisch geprägten Regionen des Landes finden auch viele Ältere nach dem Ende ihres Berufslebens ihren Lebensmittelpunkt. Beide Gruppen haben eins gemeinsam: die Angebote in den Bereichen soziale Versorgung (KiTa, Schule, Pflege etc.), Gesundheit, Infrastruktur (Nahverkehr, Internet etc.) und Versorgung mit Dingen des täglichen Bedarfs spielt für die eine entscheidende Rolle bei der Wahl ihres Lebensmittelpunktes.

  • Wie können unsere Dörfer zu attraktiven Lebens- und Arbeitsorten weiterentwickelt werden?
  • Wie ist ein neues Miteinander zwischen Landwirten, „Alteingesessenen“ und Zugezogenen positiv beeinflussbar?
  • Welche Weichen müssen gestellt werden, damit das Leben in den Dörfern M-Vs für alle Altersgruppen lebenswert bleibt oder wird?

Diesen Fragen sind wir mit Silvia Hennig (Gründerin und Vorsitzende Neuland21), Thomas Reimann (Referatsleiter Landwirtschaftsministerium MV), und Jutta Schulze (Inhaberin „Der kleine Landhausmarkt“) in Siedenbollentin sowie etwa 35 Teilnehmenden im Forum 2 der 18. Agrarpolitischen Tagung auf den Grund gegangen.

Sehr schnell wurde in den Statements der Referent_innen und der Teilnehmenden aus dem Auditorium klar, dass alles Potential des gemeinsamen Miteinanders mit den handelnden Personen zusammenhängt. Neben den messbaren Rahmenbedingungen der Bereiche Versorgung und Infrastruktur sind es die persönlichen Beziehungen und die Bereitschaft etwas für die Gemeinschaft zu leisten, die neue Ideen auf den Weg bringen und umsetzbar machen.

Das Leben in den Dörfern ist dabei keinesfalls mit dem Leben in den Zentren unseres Landes gleichzusetzen. Die Gerüche und Geräusche der Landwirtschaft, die oft weiten Wege für die Versorgung mit Dingen des täglichen Bedarfs und die spezielle Beziehung der „Alteingesessenen“ zu „ihrem“ Dorf stellen das gemeinsame Miteinander oft auf die Probe. Toleranz und Akzeptanz sind hier die Gebote der Stunde.


Um neue Wege der Digitalisierung für die Versorgung in den Ländlichen Räumen nutzen zu können, ist neben den technischen Voraussetzungen wie Breitbandanbindung eine gute Zusammenarbeit mit Ideengebern, Verantwortlichen in Gemeinden, Ämtern und Ministerien und Fördermittelgebern notwendig.

Dabei steht die persönliche Bereitschaft eines jeden sich über „Dienst nach Vorschrift“ hinaus zu engagieren im Mittelpunkt für schnellen und nachhaltigen Erfolg. Gute Netzwerke sind gebraucht, um Ideen von anderen zu finden und auf das eigene Umfeld übertragen zu können. Diese Netzwerke sind es auch, die Förderprogramme wie LEADER so erfolgreich machen.
 

Forum 3: Das Potential der Direktvermarktung erkennen und fördern

Über Potenziale von Direktvermarktung haben sich Anne Höpfner, (Geschäftsführerin von MaMüMaMa), Dennis Rosenstock (Gründer von mein-bauernhof.de), Anja Tews (Marketinggesellschaft der Agrar- und Ernährungswirtschaft MV) unter Moderation von Constantin Marquardt im Forum 3 der 18. Agrarpolitischen Tagung befasst und mit den Teilnehmenden diskutiert.

Es gab breite Zustimmung, dass bereits jetzt viele kreative Angebote im Bereich der Direktvermarktung existieren. Es gebe ein großes Bedürfnis, sich diesbezüglich zusammen zu tun. Dabei bedeutet Direktvermarktung nicht nur, dass die Ware von Bauer direkt an die Konsument_innen geht, sondern dass daraus ein Mehrwert für sie selbst entsteht.  

Es gilt, Synergien zu finden, das hat zum Beispiel das MaMüMaMa (ManMüssteMalMachen) Mobil gezeigt. 

Zum Beispiel Touristen von der Küste auch in das Landesinnere zu locken und oder das Land durch seine kulinarische Seite zu repräsentieren. Es geht darum, die klaren Grenzen zwischen Vermarktung und Tourismus aufzubrechen und das brachliegende Potential zu nutzen. 


Schnell kam die Gruppe auf Probleme und Hürden zu sprechen, z.B. unklare Zuständigkeiten und bürokratischer (wenn auch vielleicht notwendiger) Aufwand. Als Lösungen wurde das Zusammenlegen von Förderrichtlinien und Anlaufstellen vorgeschlagen. 

Weiter wurde bilanziert, dass wesentlich die digitalen Kompetenzen gefördert werden müssen. Speziell bei Direktvermarktung, Marketing und Produktplattformen gibt es noch viel Potential und auch eine hohe Nachfrage. 

Die Menschen wollen wissen, wo ihre Produkte herkommen und was genau sie kaufen. Das verdeutlicht der Bericht von „Mein Bauernhof“ -  alleine seit der Corona-Krise ist die Nachfrage extrem gestiegen.
 


jw/tp/fes-mv

Forum 4: Die Gastronomie als Faktor für die Landwirtschaft

Es diskutierten u.a. Christin Röpert (Ernährungswiss., Foodmentorin), Manfred Leberecht (Vizepräs. Bauernverband MV) und Dörte Wollenberg (Vorstand ELG Mecklenburgische Schweiz eG) 

Bereits vor „Corona“ waren die Branchenbedingungen z.B. von Nachwuchsmangel, langen Arbeitszeiten und mäßiger Entlohnung geprägt. Die Corona-Pandemie setzt der Gastro-Branche stark zu: weggebrochene Einnahmen erschweren Perspektiven zur Wiedereröffnungen, so dass ein schrumpfender Markt prognostiziert wird. Das bedeutet gleichzeitig weniger Absatz für landwirtschaftliche Betriebe.

Welche Wege sind zur Stützung und Entwicklung von Landwirtschaft und Gastronomie in MV begehbar? Im Zentrum der Diskussion lagen die Themenbereiche „Transparenz“ und „Bildung“, weitere Chancen liegen in einer engen Verzahnung zu Kantinen und Schulspeisung. 

Vielen Marktakteuren und Konsument_innen sind Bedürfnisse wie Rahmenbedingungen von Landwirten und Gastronomen wenig bekannt. Mehr Transparenz kann dazu beitragen, erbrachte Waren und Dienstleistungen preislich fair „wertzuschätzen“ und nachzuvollziehen, welche Schritte nötig sind, bis eine Kartoffel oder ein Stück Fleisch auf dem Restaurantteller liegen. 


Wird in Zukunft das qualitativ hochwertige Handwerk die Nase vorn haben oder wird die Convenience-Sparte zulegen? Sowohl als auch - beides liegt im Trend. 

Wertvoll ist eine (Rück-) Besinnung auf eigene Stärken und Traditionen, um mit regionalspezifischen Besonderheiten Gäste anzulocken, denn „Schnitzel-Pommes kann jeder“. Es lohnt, alte lokale/regionale Rezepte hervorzukramen und modern zu interpretieren. 


Kreativität und Engagement der Landwirte und Gastronomen werden aber nicht ausreichen. Daher wird an die Politik appelliert, das vielschichtige Potenzial zu heben, das in Kitas und (Schul-)Kantinen liegt. Auf kurzen Wegen transportierte Lebensmittel sind frisch und schaffen umweltfreundlich verlässliche Absatz- und Vertriebskanäle. Kinder lernen beiläufig regionale Kost und saisonal geprägte Speisepläne kennen. Zudem kann von politischer Seite sichergestellt werden, dass alle Kinder in MV regelmäßig eine warme Mahlzeit erhalten. 
 

 

tp/fes-mv

"GAP, Green-Deal und das Lieferkettengesetz – wohin führt die Landwirtschaftspolitik der Europäischen Union?"

Vortrag von Dr. Wolfgang Burtscher (EU-Generaldirektor der Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung)

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"Regionalität vs. Welthandel - welchen Weg geht die Landwirtschaft?"

Vortrag / Diskussion mit Bernward Geier (Gründer und Direktor von Colobora - Let's work together)

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Wie kommt die Landwirtschaft aus der Zwickmühle zwischen internationalen Märkten und den vielen hohen Ansprüchen hier?"

Statements der agrarpolit. Sprecher der Bundestagsfraktionen: Albert Stegemann (CDU), Rainer Spiering (SPD), Friedrich Ostendorff (Bü90/Grüne) & Kirsten Tackmann (Die Linke). Sowie Bernhard Krüsken, Generalsekr. des Dt. Bauernverbands & H. Grethe (HU Bln)

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tp/fes mv (zuletzt 29.01.2021)

 



„Ein weiter so, kann es nicht geben?!“ – Den Wandel der Landwirtschaft gestalten

Die 17. Agrarpolitische Tagung der FES MV (23./24. Januar 2020)

Überblick

17. Agrarpolitische Tagung (23./24.01.2020)

„Ein weiter so, kann es nicht geben?!“ – Den Wandel der Landwirtschaft gestalten

Die Zukunft der Landwirtschaft - Umdenken oder weiter so?

Wandel gibt es immer! Was wie ein verstaubter Kalenderspruch anmutet, ist jedoch Ausdruck einer wichtigen Voraussetzung für Entwicklung jeglicher Art. Neu und für manche erschreckend sind das Ausmaß und die Geschwindigkeit des Wandels, mit dem wir an vielen Stellen heutzutage konfrontiert sind. Das macht auch vor der Landwirtschaft nicht halt. Um nur drei Beispiele zu nennen:

  • Zwei Jahre mit überdurchschnittlichen Temperaturen und Trockenheit lasssen erahnen, welche Probleme durch die menschenbeeinflusste Erderwärmung auf die Landwirte auch in Mecklenburg-Vorpommern zukommen.
  • Immer mehr Menschen wollen wissen, wie ihre Lebensmittel produziert werden und legen Wert auf Nachhaltigkeit. Darauf reagiert auch die Politik, z. B. mit neuen Gesetzen zum Einsatz von Düngemitteln. Dennoch ist die Mehrheit der Konsument_innen noch immer nicht bereit, den entsprechend höheren Aufwand zu vergüten.
  • Auch die Landwirtschaft hat mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. Immer wenige junge Menschen sind bereit, die Entbehrungen, die eine Arbeit in der Landwirtschaft auch mit sich bringt, einfach so zu akzeptieren. Selbst Saisonarbeitskräfte zu finden, wird immer schwieriger.


Diese drei Grundprobleme wollen wir bei der 17. Agrarpolitischen Tagung aufgreifen. Eine Aufgabe der Tagung ist es, gesellschaftliche Vorstellungen und Idee und die Realität landwirtschaftlicher Prozesse zwischen Verbraucher_innen und Akteuren zu vermitteln.

Mit Blick auf die bevorstehenden Veränderungen wollen wir mit Expert_innen und den Teilnehmenden Leitlinien abstecken, in denen der Wandel gestaltet werden kann. Dazu wollen wir in drei Foren tiefer in die Themen einsteigen und am Ende – wenn möglich – zu politischen Handlungsoptionen kommen.

 

Videos

Dr. Till Backhaus, SPD, Landwirtschaftsminister in MV: 

 

"Wir wollen das Umweltproblem lösen. Dazu gehört komplexes Denken!"
 

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Hubertus Paetow, Präsident Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG):

"Die Arbeit in der Landwirtschaft wird sich radikal verändern."
 

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Prof. Michael Succow, Träger des "alternativen Nobelpreises" / Right Livelihood Award:

"Wir stoßen an die Grenzen unserer Wachstumsgesellschaft. Naturkatastrophen sind keine Naturkatastrophen mehr, sondern menschengemacht. Wir müssen vieles neu bedenken"

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Zusammenfassung

Zusammenfassender Bericht über die 17. Agrarpolitische Tagung der FES MV

 

 

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Forum 1 - Welche Landwirtschaft wollen wir - eine ethische Frage

Dass Landwirtschaft mehr ist, als nur Land zu bewirtschaften, war Thema im ersten Forum. Gerade weil die Landwirtschaft ein gesellschaftlich so bedeutender Wirtschaftszweig ist, sind besondere hohe Wertmaßstäbe und Kriterien in Bezug auf Ökologie, Nachhaltigkeit sowie Ethik und Moral anzulegen.

Kritisiert wurde, dass auch die Landwirtschaft vollständig ökonomischen Zwängen untergeordnet wird. Gefordert wurde, Menschen und Natur in wieder den Mittelpunkt zu stellen. Folgende Aussagen untermauern dies: „Ökonomische Realitäten sind nicht zwingend“ und die „Grundlagen des Lebens haben keinen Marktwert.“

Ausgehend davon, dass die Landwirtschaft stark von öffentlichen Zuschüssen geprägt ist, sollte daraus resultierend ein öffentlicher Anspruch nach mehr Mitbestimmung gelten. Drastisch ausgedrückt: die staatlichen Subventionen sind in der jetzigen Form unzeitgemäß und verfehlt („kein Geld in das falsche System“) und folgen schlechterdings der Logik der neoliberalen Vermarktungsradikalität.

Wobei nicht nur die Sichtweise der Verbraucher_innen eingenommen, sondern auch an die Situation der Landwirte gedacht wurde.

Konkret orientierte sich das Forum an folgenden ethischen Grundsätzen:

  • Landwirtschaft klimaneutral und nachhaltig gestalten
  • Den Verlust der Artenvielfalt (Biodiversität) stoppen
  • Ausreichende Bereitstellung gesunder Nahrungsmittel zu fairen Preisen für alle (dauerhafte Verfügbarkeit sämtlicher Produkte ist damit nicht gemeint)
  • Weltweiter Ausschluss von Kinder- und Sklavenarbeit
  • Auskömmliches Einkommen für in der Landwirtschaft arbeitenden Personen

Landwirt_innen werden als Partner auf dem Weg zu einer naturnahen ethischen Landwirtschaft gesehen. Zentral sei dabei, die Landwirte von ihren ökonomischen Sorgen (Wachstumslogik) zu entlasten und beispielsweise den Markt so zu gestalten, dass ressourcenschonende Produktionsverfahren belohnt werden. Anerkennung fanden bisher geleistete Anstrengungen der Landwirtschaft, die Umweltbilanz zu verbessern.

Weiterhin gilt die Sorge dem ländlichen Raum. Der starke Einfluss von Großkonzernen auf die Bodennutzung wird kritisch bewertet und müsse zurückgedrängt werden. Zudem sind verstärkte Kreislaufwirtschaft (statt Spezialisierung und Monokultur), eine fachlich sinnvolle Bodennutzung sowie spürbare Rücksicht auf die Pflanzen- und Tierwelt sowie die Bevölkerung wichtige Bausteine zur Stärkung des ländlichen Sozialraums.

An die Bevölkerung wurde appelliert, sich eigenverantwortlicher um eine „gute“ Ernährung zu kümmern. Das Bewusstsein, dass jeder Bissen einen Ort hat, muss gestärkt werden. Als ordnungspolitische Maßnahmen wurden vorgeschlagen, irreführende Werbung zu verbieten und Transparenz in der Ernährungsindustrie (Herkunft der Zutaten, CO2-Bilanz und Inhaltsstoffe) gesetzlich durchzusetzen.

Weitere Vorschläge, die gesammelt und diskutiert wurden:

  • Chancen der Digitalisierung nutzen
  • Marktmacht der „großen Vier“ (deutsche Einzelhandelsriesen) brechen, z.B. mit einem Shop in Shop-System
  • Mit öffentlichen Mitteln Innovationen und Existenzen ermöglichen (statt flächendeckende Subventionen)
  • Ökologische und konventionelle Landwirtschaft zusammenbringen
  • Programme zum Aufbau von Humus


fw tp/fes-mv (21.02.2020)

Forum 2 - Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft

Der Boden wird trockener, die Winter kürzer, die Temperatur höher. Bei einem „Weiter so“-Szenario der Klimapolitik weltweit steigt die Durchschnittstemperatur in Deutschland bis zum Jahr 2100 um 3,8 Grad, erklärte die Wissenschaftlerin Dr. Cathleen Frühauf vom Deutschen Wetterdienst.

Die Landwirtschaft ist ein großer Mitproduzent der weltweiten Emissionen. Über die genaue Prozentzahl lässt sich durchaus streiten. Es liegt also auf der Hand, dass auch die Landwirtschaft seinen Teil dazu beitragen muss, die Klimakrise einzudämmen.

Durch steigende Temperatur wird es eine längere Vegetationsperiode im Jahr geben. Die Mineralisation steigt. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit unterschiedliche und auch neue Kulturen anzubauen, so der Fachkoordinator der LMS Agrarberatung GmbH, Steffen Engberink. Dies würde auch die Risiken bei extremen Wetterlagen verringern, denn diese werden häufiger auftreten. Der Sommer wird tendenziell trockener und der Winter nasser. In Sommer steigt die Dürrewahrscheinlichkeit, die im Boden Winderosionen hervorrufen können, und im Winter, die des starken Regens, der die Nährstoffe im Boden auswaschen oder Wassererosionen im Boden auslösen könnte.

Ein internationaler Ausblick ist trotzdem relativ schockierend: Der globale Temperaturanstieg lässt die Permafrostböden auftauen, der somit große Mengen an Kohlendioxid (CO2) freisetzen wird.

Also wie könnte man dieser Entwicklung entgegenarbeiten?

  • Viele Hoffnungen beruhen auf die Erfindung neuer Technologien und Technologien, die C02 abbauen können.
  • Außerdem solle das ökologische Potential, welches in der Landwirtschaft steckt, gefördert und genutzt werden.
  • Dazu sollten lukrative ökologische Modelle des Landwirtschaftens durch die Politik erarbeitet werden, die dann durch Agrarberatung den Landwirt_innen nahegebracht werden.

jh/ fes-mv (05.02.2020)

Forum 3 - Fairer Wettbewerb und sicheres Einkommen – wie Arbeit in der Landwirtschaft Zukunft hat

Die Landwirtschaft ist von Arbeitskräftemangel geprägt, die Besetzung offener Stellen ist schwierig. Die Ursachen dafür sind vielfältig: harte körperliche Arbeit, Schichtarbeit, Nachwuchsmangel, höhere Anforderungen uvm.

Stark ressourcenverbrauchende Produktionsverfahren stehen in der Kritik. Verbraucher_innen und Gesellschaft fordern höhere Standards (Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Tierwohl, Qualität) ein. Dafür höhere Preise am Markt durchzusetzen, gestaltet sich schwierig.

Zudem wirken sich Klimawandel, Globalisierung und Digitalisierung spürbar auf die Landwirtschaft aus.


Was kann getan werden, um Arbeit, Einkommen und Umweltschutz bei sich stark wandelnden Rahmenbedingungen fair und nachhaltig zu gestalten? Und was ist fair?

Faire Landwirtschaft müsse eine gerechte Balance herstellen zwischen auskömmlichen Löhnen für die Beschäftigten und einer Kostenstruktur, die verstärkte und notwendige Anstrengungen zugunsten Tier- und Umweltschutz berücksichtigt und ermöglicht.

Das erfordert ein Umdenken in der Preisgestaltung, die den tatsächlichen Aufwand abbildet und gleichzeitig eine gesteigerte Wert-Schätzung landwirtschaftlicher Arbeit und Produkte zum Ausdruck bringt.

Digitalisierungs- und Mechanisierungsprozesse helfen, Arbeitsbedingungen und Organisationsmodelle zu verbessern mit der Folge, dass Bewirtschaftungsflächen pro Hof weiter wachsen werden. Zudem ist absehbar, dass einfache, nicht mechanisierbare Arbeitsbereiche ins Ausland verlagert werden und verbleibende Arbeitsplätze eine hohe Qualifizierung benötigen.

Notwendig ist ein breiter gesellschaftlicher Konsens zwischen allen relevanten Gruppen (z.B. Erzeugern, Handel, Verbrauchern, Staat, Naturschutz), der sich auf geeignete und realistische Verfahren verständigt mit dem Ziel, zukünftig fair und ressourcenschonend Landwirtschaft zu betreiben.

Und:

  • Wie kann es gelingen, das Konzept einer „Work-Life-Balance“ über die urbanen Milieus hinaus für den ländlichen Raum zu entwickeln und somit das Interesse für berufliche Tätigkeiten in der Landwirtschaft zu steigern?
  • Wie kann damit einhergehend das Konzept „Gute Arbeit“ (gute Arbeitsbedingungen, auskömmliche Löhne, kontinuierliche Qualifizierung uvm.) bei der zukünftigen Entwicklung und Organisation der Landwirtschaft als wesentlicher Bestandteil verankert werden?


tp/fes-mv (18.02.2020)

Uwe Meier: „Ethik in der Landwirtschaft“ – Welche Landwirtschaft wollen wir?“ (Vortrag)

Der vorliegende Text von Dr. Uwe Meier basiert auf einem Vortrag, der auf der 17. Agrarpolitischen Tagung im Januar 2020 in Güstrow gehalten wurde.


Nahrungsmittel an jedem Ort, zu jeder Zeit, in hoher Qualität und zudem noch billig – in unserer Wohlstandgesellschaft ist das für viele Menschen selbstverständlich. Das ist es aber nicht!

Das ist es deshalb nicht, weil die Existenz des Menschen von Bedingungen abhängig ist. Sie ist abhängig von der lebenden Mitwelt! Von den Tieren, den Pflanzen und den Mikroorganismen. Der Mensch steht im Beziehungsgeflecht des Lebens. Eines Lebens, das er selbst nicht geben kann.

Das Lebendige ist abhängig von Lebensbedingungen, die wir jedoch durchaus beeinflussen können. Und das tun wir auch, und zwar so massiv und zum Teil destruktiv, dass die Widersprüche überdeutlich werden. Besonders trifft das in der Landwirtschaft zu. Bleibt die Tatsache unberücksichtigt, dass ihre existenzielle Grundlage das Lebendige ist, wird die Zukunftsfähigkeit des Menschen in Frage gestellt.

Unsere Zukunftsfähigkeit hängt von drei Faktoren ab: Von unserem Umgang mit knappen Ressourcen, der Verteilung der Güter und vom Umgang mit unseren Lebensgrundlagen wie Klima, Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit. Hierin besteht weitgehender Konsens. Wir müssen im nachhaltigen Umgang mit dem Lebendigen einen neuen Weg im Denken und im praktischen Handeln beschreiten. Doch ist es überhaupt möglich unter den derzeitigen neoliberalen Marktbedingungen diese drei Zukunftsfaktoren nachhaltig auf unserem Globus zu etablieren? Dieser Frage soll in diesem Vortrag auf der Grundlage einer Agrarethik nachgegangen werden.


Vom Umgang mit Lebewesen

Der Theologe und Biologe Günter Altner geht über den Begriff der „Nachhaltigkeit“ hinaus. Er schreibt, dass es in der Agrarwirtschaft um die Ehrfurcht vor der Schöpfung geht. Diese Ehrfurcht vor der Schöpfung wird in der „kulturellen Erneuerung nicht nur im Geiste, sondern gerade auch im praktischen Umgang mit der Natur“ dargestellt. Altner weist daher einer Agrarethik einen ganzheitlichen Anspruch zu, denn das Konzept der Agrarethik geht weit über die Prinzipien der Nachhaltigkeit hinaus. (Altner, Günter, 2012, 35-42: Landwirtschaft zwischen Eigennutz und Ehrfurcht. In: Uwe Meier (Hrsg). Agrarethik – Landwirtschaft mit Zukunft. Agrimedia, 2012, S. 347)

Einen ganzheitlichen Anspruch hat auch die Philosophin und Biologin Nicole Karafyllis. Sie lehnt eine reduzierte Betrachtung der Tiere und auch der Pflanzen nur auf deren Leistungsfähigkeit und damit wirtschaftliche Verwertbarkeit hin ab. Sie sieht bei der Nutzung durch den Menschen eine Grundbedingung nicht erfüllt, indem sie den Respekt vor dem Lebewesen nicht ausreichend gewürdigt sieht. Dabei geht sie auch der Frage nach, welche Beziehung der Mensch in seinem eigenen Inneren zu Lebewesen hat und wie der Mensch sich selbst versteht im Kontext zu Natur und Technik. (Karafyllis, Nicole, 2012: Nachwachsende Rohstoffe als Modellfall der Agrarethik 43-66. In: Uwe Meier (Hrsg). Agrarethik – Landwirtschaft mit Zukunft. Agrimedia, 2012, S. 347)

Der Mensch muss anderes Leben (Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen) töten, um sich selbst zu erhalten. Auf diese Unvermeidbarkeit und wie mit dieser „Schuld“ umgegangen werden sollte, geht der Philosoph Harald Lemke ein. Er ist sich einig mit Altner und Karafyllis, die Respekt vor dem Lebewesen (Schöpfung bei Altner) einfordern, wobei den Technik- und Naturwissenschaften nicht allein die Vision der Nachhaltigkeit überlassen werden sollte (Karafyllis). (Lemke, Harald, 2012: Die philosophischen Anfangsgründe der Agrarethik, 19-34. In: Uwe Meier (Hrsg). Agrarethik – Landwirtschaft mit Zukunft. Agrimedia, 2012, S. 347)

Hinweis zum Umgang mit Tieren: Wir wissen doch und fühlen es auch, dass es falsch ist und jeglicher Würde entbehrt als Geschäftsprinzip Millionen Küken zu schreddern, Qualzuchten zu befördern, Tiere auf engstem Raum zu halten und Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren - also Tiere zu quälen. Es gibt viele weitere Beispiele bei der auch die Würde des Menschen als Täter und Konsument verletzt wird, wenn er Produkte kauft, die unter tierquälerischen Verhältnissen hergestellt wurden. Unbeachtet bleibt oft zudem der Boden, der lebendig und fruchtbar ist. Er wird für Bauwerke zerstört. Das heißt, dieses lebendige Stück Natur, das der Ernährung und dem Klimaschutz dient, ist für immer vernichtet. Wie lässt sich dieser Umgang mit der Kreatur, also das Quälen und Töten, rechtfertigen? Normalerweise werden betriebswirtschaftliche Argumente angeführt. Diese sogenannten Argumente sind jedoch Rechtfertigungen und Begründungen für den Umgang mit Lebewesen. Diese befreien uns nicht von der Schuld des Tötens, und schon gar nicht vor der Schuld des Quälens von Tieren. Der Markt berücksichtigt bekanntlich moralische Defizite nicht in der Produktion. Quälen ist nicht marktkompatibel!

Ökonomische Begründungen enthalten keine Kategorien, die der Überlebensfähigkeit des Menschen dienen. Wo bleibt die Würde – auch die des Menschen? Was offenbart der Mensch für eine Geisteshaltung, Würde- und Empathielosigkeit? Aus dieser Geisteshaltung heraus entstehen auch all die anderen Widersprüchlichkeiten in der Agrarwirtschaft bis hin zum Klimawandel und Biodiversitätsverlust.

Die ökonomische Realität
Die realwirtschaftliche Seite besteht aus einer schon fast religiösen Überhöhung menschengemachter ökonomischer Realitäten, die naturgegeben sind. Das sind sie selbstverständlich nicht; sie sind menschengemacht! Darum konnte der Ökonom Binswanger (Universität St. Gallen) sagen: „Unsere Generation hat die Chance, durch die politische Aktion die soziale Wirklichkeit mit den ökologischen Voraussetzungen auf dem Raumschiff Erde in Einklang zu bringen.“ Dieser Schlüsselsatz ist vor über 40 Jahren im NAWU- Report formuliert worden (H. C. Binswanger, W. Geissberger & T. Ginsburg (Hrsg.) 1978: Wege aus der Wohlstandsfalle – Strategien gegen Arbeitslosigkeit und Umweltkrise.

Die Wirtschaftsethiker und Ökonomen Peter Ulrich und Thorsten Busch von der Universität St. Gallen/Schweiz sehen unter den gegenwärtigen Bedingungen keine naturverträgliche Wirtschaftsentwicklung kommen, solange diese nicht in einen übergeordneten gesellschaftlichen Kontext eingebettet wird. Und dies zu leisten ist eine kulturelle und politische Gestaltungsaufgabe. Sie weisen auf die Widersprüche hin und hinterfragen kritisch das „Zauberwort der Nachhaltigen Entwicklung“ unter den derzeitigen marktradikalen Bedingungen mit seiner sachzwanghaften Wachstumslogik. (Ulrich, Peter und Busch Thorsten, 2012: Nachhaltige Entwicklung kritisch hinterfragt. Drei Orte der Verantwortung einer integrativ verstandenen Agrarethik, 85-98. In: Uwe Meier (Hrsg). Agrarethik – Landwirtschaft mit Zukunft. Agrimedia, 2012, S. 347)

Ethische Werte und entsprechende Leitbilder zur nachhaltigen ökologischen und sozialen Entwicklung der Menschen sind eher unpassend für den Alltag der derzeitigen wirtschaftlichen Realität. Der globale Konkurrenzkampf im derzeitig herrschenden neoliberalen Ökonomismus ist angeblich ohne Alternative. Es gibt in der Agrarwirtschaft keinen Raum für das gemeinsame Nachdenken auf der Grundlage ethischer Fragestellungen, Begründungen und moralischer Werte.

Dabei bedürfte es einer systematischen Reflexion. Einer Reflexion der weltanschaulichen, moralischen, ökologischen, sozialen und ökonomischen Grundlagen der Agrarpolitik, der Agrarforschung, der Praxis und der alternativen Optionen. Die Wahrhaftigkeit und die Legitimation des Handelns gilt es belastbar zu überprüfen – auch auf wissenschaftlicher Grundlage. Dafür bedarf es entsprechender agrarethischer Institutionen, die zu schaffen sind. Agrarethik ist bis heute kein Forschungsthema.


Der Marktwert
Was für einen Wert hat ein Wasserfloh oder ein Feldhamster, das Blaukehlchen oder die Schönheit einer Landschaft? Und was für einen Wert hat die Leistung eines Landwirtes?

Bei der Suche nach der Antwort stellt sich zunächst die Frage, ob es überhaupt einer Leistung bedarf, um den „Wert“ eines Lebewesens, einschließlich des Menschen, zu bestimmen. Begründet das SEIN des Lebewesens nicht schon hinreichend den zu erbietenden wertgebenden Respekt? Und wie kann dieser Respekt zum Ausdruck gebracht werden?

Der Arzt sorgt in einem geringeren Maße für unser Überleben als der Bauer, der uns täglich ernährt. Warum liegt der Leistung des Bauern keine Gebührenordnung zugrunde – also menschenwürdige Preise? Warum hat er nicht mindestens dasselbe Sozialprestige wie ein Arzt?

Dazu gehört auch die Frage: Was ist uns die Leistung der Menschen wert, die für unser Leben sorgen? Was ist uns der Bauer wert, der uns am Leben erhält und für eine Kulturlandschaft sorgt. Wenn schon die Menge des Geldes ein Maßstab für Leistungsfähigkeit und Sozialprestige in unserer Gesellschaft ist, dann muss die Frage erlaubt sein: Ist die Leistung des Börsenexperten, der viel Geld bekommt, mehr wert als die des Bauern, der in der Regel wenig Geld für seine Leistung am Markt bekommt, weil die Produktpreise zu niedrig sind?

Wollen wir, dass die außergewöhnlichen Leistungen der Bauern von anonymen Märkten bewertet werden? Eignen sich Lebewesen überhaupt zur Bewertung durch globale neoliberale Märkte? Der Markt hat doch keine Kategorien und Bewertungsmaßstäbe für die Einzigartigkeit von "Leben", für Respekt vor dem Leben und der bäuerlichen Leistung, für Würde, Solidarität und Empathie.

Ist diese Absurdität der Leistungsbewertung in der Landwirtschaft nicht auch der Ideologie des permanenten Wachstums geschuldet? Eine Ideologie, die nahezu unangreifbar zu sein scheint. Obwohl schon das schlichte menschliche Wissen und allemal die bäuerliche Erfahrung ergibt, das unbegrenztes Wachstum auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen nicht möglich ist.

Gleichwohl soll hier keineswegs pauschal das Wirtschaftswachstum kritisiert werden. Vielmehr geht es um ein nach lebenspraktischen, gesellschaftlichen und ökologischen Kriterien sinnvolles und legitimes Wachstum. Es kommt darauf an, die soziale und ökologische Konflikthaftigkeit von Wirtschaftswachstum als solche ursächlich in den Blick zu nehmen. Bisher versucht die Agrarpolitik immer wieder zu reagieren, statt zu agieren. Sie repariert ständig, wenn sich negative Wachstumsauswirkungen einstellen. Der wirtschaftlich Handelnde, der Landwirt, beklagt sich zurecht über ständig sich ändernde normative Regelungen. Diese permanenten Änderungen sind politischen Entscheidungen geschuldet, die insbesondere auf mangelnder agrarethischer Grundlage getroffen wurden.

Auf der derzeitigen marktliberalen Grundlage wird eine zukunftsorientierte nachhaltige Produktion nicht möglich sein. Die Agrarpolitik und die Agrarwirtschaft haben es bisher nicht geschafft, kontroverse Themen einem gesellschaftlichen Konsens zuzuführen und offen mit den Anspruchsgruppen zu kommunizieren. Es scheint an der Wahrhaftigkeit in der Auseinandersetzung,einer Agrarethik zu fehlen. Denn die angewandte Philosophie, die Ethik, verlangt konsequent nach einer nicht hintergehbaren Begründung.

Ethik befasst sich mit der Moral. Sie fragt nach der belastbaren Begründung, warum etwas moralisch oder unmoralisch ist. Damit lädt sie zur Reflexion und zum Diskurs ein. In allen Konfliktbereichen zeigt es sich, dass es zur Konfliktlösung zunächst einer begründungsstarken und wahrhaftigen Rechtfertigung der real existierenden Landbewirtschaftung bedarf. Der Ruf nach einem lösungsorientierten agrarethischen Diskurs ist daher überfällig. In der Agrarwirtschaft können agrarethisch orientierte Fragestellungen helfen, die Belastbarkeit von Begründungen zu überprüfen. Stimmen zum Beispiel die Handlungen von Akteuren mit einem Leitbild überein, sind die Handlungen lebensdienlich, gehen sie konform oder stehen sie im Widerspruch mit unserem kulturellen Ordnungswissen?


Kooperation und kulturelles Ordnungswissen
Im Grunde weiß der Mensch bereits, dass der dunkle egoistische Trieb nach Geld, Macht und Status nicht zum Besten ist für die Gesellschaft, die Natur und die lebendige Mitwelt. Anstatt aber zu versuchen uns Menschen zu ändern, die sich nur schwerlich ändern lassen, sollten wir vorrangig die Regeln ändern, nach denen wir Menschen miteinander und im Austausch mit unserer Mitwelt leben.

So wäre es wünschenswert, wenn sich langsam die Werte hin zu Großzügigkeit, Respekt, Wohlwollen, Anerkennung und gegenseitiger Wertschätzung ändern würden im Sinne eines übergeordneten größeren Ganzen, einer Art Welt-Ethos. Gegenüber der wünschenswerten Konkurrenz und dem Wettbewerb ist dabei die Kooperation ein entscheidender Faktor im Wertekanon des enkeltauglichen Handelns.

Kooperation ist ein Schlüssel zum enkeltauglichen Handeln. Wird mein Partner des Lebens, der Landwirt, durch die Konkurrenz im Lebensmittel-Einzelhandel und Wachstumszwang oder durch normative Regelungen handlungsunfähig gemacht? Dann gilt es für alle lebensdienliche Wege zu finden – auch außerhalb neoliberaler Wirtschaftsdogmen.

Durch die Ausführungen des Kulturwissenschaftlers, Ethnologen und Unternehmensberater Christian Carstensen lässt sich die Frage stellen, ob sich der Landwirt unter dem Markt- und Wachstumszwang kommenden Generationen gegenüber überhaupt „kultiviert Benehmen“ kann. Er sieht kein „kultiviertes Benehmen“ im Rahmen eines kulturellen Ordnungswissens hinsichtlich der agrarkulturellen Überlebensfähigkeit. Welche Kultur überlebensfähig ist, sei eine Frage des Wertekanons einer kulturellen Gemeinschaft, meint Carstensen. (Christian Carstensen, 2012: Agrarethik in einem kulturellen Kontext, 67-84. In: Uwe Meier (Hrsg). Agrarethik – Landwirtschaft mit Zukunft. Agrimedia, 2012, S. 347)

Wenn die Aufgabe von Ethikern darin liegt, moralische Konflikte aufzuzeigen und sie einer belastbaren Lösung zuzuführen, dann bedarf es schon längst einer wissenschaftlich orientierten Agrarethik und damit eines Lehrstuhls dafür. Denn die Agrarethik kann an den Kern der vielen Konflikte in der Landwirtschaft führen und den Diskurs hin zu einer enkeltauglichen Wirtschaft begleiten.


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"Agrarethik - Landwirtschaft mit Zukunft" 

Aus dem Chat:

"Ich denke, dass Politikbereiche ohnehin nicht isoliert betrachtet werden können, Die Frage einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ist nicht ohne die Klärung sozialer Fragen oder Fragen der Umweltpolitik zu beantworten."
"Die Politik hat auch die Aufgabe zu regulieren (... und) mitzusteuern und den Handel, die Verarbeitungsindustrie, die Landwirtschaft, etc. mit in die Pflicht zu nehmen. (...)
"Man kann aber auf einem gewissen Öko-Standard auch internationaler Landwirtschaft bestehen - Es darf auch nicht sein, dass wie in Brasilien weiterhin Regenwälder abgeholzt werden, um hier in Europa landwirtschaftliche Produkte billigst zu verkaufen."
"Die Politik der 'erschwinglichen Lebensmittelpreise' hat zu einem brutalen Preiskampf nach unten geführt, mit Schleuderpreisen für Fleisch beim Discounter. Dieser Weg ist falsch."
"Mein Betriebsnachbar (konventionell) hat einen nagelneuen Supermilchviehstall (300 Kühe) mit Weidegang. Nur ca. 10 % der Kühe gehen von sich aus regelmäßig auf die Weide, obwohl sie es schon als Jungvieh gewöhnt waren."
"Regionaler und globaler Handel müssen nebeneinander bestehen."

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Seuchen gab es in der Region MV schon immer. Wie gingen die Menschen damit um - eine kurze Video-Zeitreise

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