Archiv der sozialen Demokratie

Eliten und Elitenkritik vom 19. bis zum 21. Jahrhundert

Call for Papers für Band 61 (2021). Einsendeschluss: 30. Juni 2020

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In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Eliten ein gutes Image. Ihnen wurden hohe Qualifikationen, besondere Fähigkeiten zur Führung und ein hohes Leistungsvermögen zugeschrieben. In der westlichen Welt setzte sich sogar die Überzeugung durch, Eliten seien in Demokratien unverzichtbar und mit den ausgleichenden Tendenzen des modernen Sozialstaats in Einklang zu bringen. Im Zeitalter der Globalisierung sind die Eliten allerdings mehr und mehr in Verruf geraten. In der aktuellen Debatte werden politische Eliten von rechten Populisten im Namen des »wahren« Volkes als abgehobene Akteure präsentiert, die nur egoistische Interessen verfolgten. Linke Antikapitalisten machen in den Eliten, die ökonomisch von der Globalisierung profitieren, ebenso wie in den »Superreichen« jene Kräfte aus, die der Verwirklichung ihrer Gerechtigkeitsideale entgegenstünden.

In der politisch-sozialen Sprache verbinden sich mit dem Begriff der Elite also Fragen nach der Organisation von Herrschaft und weitreichende Vorstellungen über soziale Ordnungen und politische Zukunftsentwürfe. Insofern stellen Eliten auch für die Geschichtswissenschaft ein vielversprechendes Forschungsfeld dar. In diesem Zusammenhang wird der Begriff der Elite – ähnlich wie in der Soziologie – als analytische oder beschreibende Kategorie verwendet. Demnach wären Eliten als Gruppen von meist der Oberschicht angehörenden Menschen zu verstehen, die – auf unterschiedlichen Ebenen von Staat, Gesellschaft, Politik oder Kultur – Leitungsfunktionen übernehmen und bestimmend in Entscheidungsprozesse eingreifen. Eine Sozialgeschichte der Eliten verspricht insofern Erkenntnisse über die grundlegenden sozialen Strukturen der Gesellschaft, die Verteilung und Legitimation von Macht und die politischen Partizipationschancen in den Prozessen des gesellschaftlichen Wandels seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert.

Wir laden Historiker*innen sowie historisch arbeitende Sozial- und Kulturwissenschaftler*innen ein, über die Sozialgeschichte von Eliten vom 19. bis zum 21. Jahrhundert nachzudenken. Dabei können Eliten aus unterschiedlichen Bereichen in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur in den Blick genommen werden, beispielsweise der Adel, Unternehmer*innen, hohe Kleriker, Manager*innen, Intellektuelle, Staatsbeamte oder auch Politiker*innen, Parteifunktionäre und Künstler*innen. Im Fokus stehen sozialgeschichtliche Fragen nach den Rekrutierungsmustern von Eliten, in kulturgeschichtlicher Perspektiven können Mechanismen der Einflussnahme, die Selbstbilder und schließlich die Legitimationsstrategien von Eliten untersucht werden. Von großer Relevanz ist zudem die Elitenkritik, ohne die man die Bildung und die Handlungsmuster von Eliten nicht verstehen kann. Willkommen sind schließlich auch Beiträge zur soziologischen oder kulturwissenschaftlichen Theorie der Eliten, die der historischen Elitenforschung wichtige Impulse vermitteln kann.

 

Leistung oder Herrschaft? Funktions- und Machteliten

Die zentralen Fragen der sozialgeschichtlichen Elitenforschung lauten: Wie kommt es zur Bildung von Eliten? Wie offen sind Eliten? Dominieren Mechanismen sozialer Selbstrekrutierung oder spielen die individuelle Leistung und der soziale Aufstieg eine vorherrschende Rolle? Besonders relevant erscheint diese Problematik zunächst für traditionale Eliten, beispielsweise für den europäischen Adel im langen 19. Jahrhundert, der sich mit aufsteigenden bürgerlichen Wirtschafts- und Bildungseliten in den Städten zu messen hatte. Hier könnten Adels- und Bürgertumsforschung gleichermaßen anknüpfen und fragen, aus welchen Herkunftsschichten die Mitglieder von Eliten stammten, wie typische Bildungswege aussahen, welche Karriereverläufe sich feststellen lassen, welche Heiratspolitik verfolgt wurde, kurzum, warum jemand überhaupt zur Elite gehörte oder auch nicht. In diesem Zusammenhang kann die Forschung sich an unterschiedliche Angebote sozialwissenschaftlicher Begriffsbildung anschließen, etwa an die Unterscheidung von Funktionseliten zum einen, die sich idealtypisch aufgrund von Leistung rekrutieren, und von »Machteliten« (Mills) zum anderen, die eher Cliquen gleichen und sich abschotten, um die eigene Herrschaft zu stabilisieren. Solche Forschungsperspektiven können für die neuere Reichtumsforschung ebenso relevant sein wie für die Parteiengeschichte, die sich mit der Rekrutierung und Rolle von politischen Führungsgruppen befasst. Auch in räumlicher Hinsicht ist die Elitenforschung offen, denn Eliten formierten sich auf lokaler, regionaler oder nationaler Ebene ebenso wie in internationalen oder transnationalen Kontexten. In diesem Zusammenhang könnte man etwa an die Eliten der Sozialistischen beziehungsweise Kommunistischen Internationalen oder auch die Elitenbildung im Prozess der Globalisierung des frühen 21. Jahrhunderts denken.

 

Soziale und kulturelle Praktiken von Eliten

Die Sozialgeschichte von Eliten ist nur zu verstehen, wenn ihre spezifischen sozialen Handlungsmuster untersucht und ihr Verhältnis zu jenen gesellschaftlichen Gruppen berücksichtigt wird, die nicht der jeweiligen Elite angehören und häufig allzu undifferenziert als »Massen« bezeichnet werden. Welche gesellschaftlichen Vorstellungen von Eliten bildeten sich also in unterschiedlichen Schichten aus, welche Selbstbilder lassen sich identifizieren? Ferner ist nach den spezifischen Formen der Soziabilität der Eliten zu fragen, nach Assoziationen wie Clubs, Vereinen, Geheimgesellschaften oder Salons, aber auch nach dem Heiratsverhalten, Mentalitäten oder Lebensstilen, mit denen Eliten die soziale Distanz zu den »einfachen Leuten« untermauerten. In diesem Zusammenhang können höchst unterschiedliche Eliten in den Blick genommen werden, von Unternehmer*innen und Gewerkschaftsfunktionären bis hin zu Basiseliten wie Betriebsräten oder Aktivist*innen globalisierungskritischer Bewegungen. Relevant sein könnten ferner Verwaltungseliten, deren Mitglieder etwa in Frankreich nicht nur einen rigorosen Bildungsweg zu absolvieren hatten, sondern – folgt man Pierre Bourdieu – einen eigenen Habitus entwickelten und auf die Distinktion durch »feine Unterschiede« setzten. Daran könnte auch die Geschlechtergeschichte mit ihren Problemstellungen anknüpfen. Inwieweit waren Eliten männlich geprägt, welche spezifische Rolle übernahmen Frauen in den Prozessen der Elitenbildung? Männerbünde könnten ebenso ein Thema sein wie die Führungseliten der Frauenbewegungen und des Feminismus im 19. und 20. Jahrhundert.

 

Elitenkontinuität und Elitenwechsel

Auch wenn Eliten generell bestrebt waren, ihre Position auf Dauer zu festigen, ist es seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert immer wieder zu einem Wechsel, dem Austausch oder dem Transfer von Eliten gekommen. Warum wurde die Kontinuität von alten Eliten gebrochen, und so könnte man fragen, wie kam es zum Aufstieg neuer Eliten? In diesem Zusammenhang stellt etwa die Epoche der Französischen Revolution von 1789 ein klassisches Forschungsfeld dar, denn die Revolution war mit einem Aufstieg neuer bürgerlicher Eliten verbunden. Ferner stellt sich das Problem, ob und inwieweit Nationalstaatsgründungen zu Elitenwechseln führten, so etwa in Deutschland nach 1871 oder auch in Italien in den Jahrzehnten nach dem Risorgimento. Der Blick könnte sich aber auch auf Prozesse der Dekolonisation im 20. Jahrhundert richten, in denen sich neue Eliten formierten. In der deutschen Zeitgeschichte dürften Zäsuren wie jene von 1933 und 1945, aber auch der Elitenaustausch nach der deutschen Einheit und der Auflösung des Ostblocks eine große Rolle spielen.

 

Legitimationsstrategien und Elitenkritik

Eliten setzten sich nicht nur durch soziale Praktiken von der »Masse« ab, sondern auch durch den Versuch, ihre herausgehobene Position diskursiv zu rechtfertigen. Ungleichheit wird in kapitalistischen Gesellschaften, darauf hat jüngst der Ökonom Thomas Piketty hingewiesen, immer auch auf politischem Wege, mittels legitimatorischer Ideologien der herrschenden Klassen stabilisiert. Welche Legitimationsstrategien von Eliten lassen sich also ausmachen? Wie sahen diese Elitendiskurse aus und in welche gesellschaftspolitischen Entwürfe waren die Konzepte von Eliten eingebunden? Welche Rolle spielten im 20. Jahrhundert die Verwissenschaftlichung des Sozialen und die Soziologie der Eliten etwa von Gaetano Mosca oder Vilfredo Pareto?

Die Legitimationsstrategien der Eliten antworten immer auf Elitenkritik. Zu nennen ist hier etwa die Adelskritik des frühen 19. Jahrhunderts oder die Kritik von Tendenzen der Oligarchisierung, mangelnder Demokratie und der Herrschaft der »Führer« über die »Massen« in den sozialistischen Arbeiterbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts. Generell ließe sich fragen, wie die Kritik von Eliten begründet wurde: Wie fügte sich die Elitenkritik in gesellschaftliche Visionen ein, wie spielten Elitenkritik und Forderungen nach Demokratisierung zusammen? Und schließlich: Lassen sich im 19. und 20. Jahrhundert auf lange Sicht Phasen der Entwicklung der Elitenkritik ausmachen? Veränderte sich etwa im späten 20. Jahrhundert die Form der Elitenkritik nach dem Ende des Ost-West-Konflikts oder im Prozess zunehmender Globalisierung?

Auf einer Tagung, die nach jetzigen Planungen am 29./30. Oktober 2020 bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin stattfinden wird, möchten wir Beitragsideen, Themenangebote und gemeinsame Fragen des hier skizzierten Rahmenthemas des Archivs für Sozialgeschichte 61 (2021) entwickeln. Sollte aufgrund anhaltender Kontaktbeschränkungen eine Präsenzveranstaltung im Oktober noch nicht möglich sein, werden wir eine andere Form der gemeinsamen Diskussion entwickeln. Wir laden daher alle Interessierten ein, uns bis zum 30. Juni 2020 Vorschläge einzureichen. Sie sollten 3.000 Zeichen nicht überschreiten und können, ebenso wie die Vorträge und die späteren Texte, auf Deutsch oder Englisch verfasst werden. Die anschließend von der Redaktion für den Band ausgewählten Beiträge im Umfang von etwa 60.000 Zeichen sollten bis zum 31. Januar 2021 fertiggestellt werden.

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