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Archiv der sozialen Demokratie

Sozialgeschichte der Bildung

Call for Papers für Band 62 (2022). Einsendeschluss: 31. Juli 2021

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»Bildung« ist ein ebenso zentraler wie schillernder Begriff der Gegenwart. Sie wird als eine wichtige ökonomische und nationale Ressource verstanden, durch Lehrpläne und Abschlüsse garantiert und formalisiert, aber auch als ein Prozess zur Persönlichkeitsbildung und zur Aneignung von Wissen und Kompetenzen angesehen. Häufig werden ihr hohe Ziele zugeschrieben, soll sie doch entscheidend dazu beitragen, gesellschaftliche Missstände zu beseitigen und eine gerechtere und harmonischere Gesellschaftsordnung zu verwirklichen. Der »Index der menschlichen Entwicklung« der Vereinten Nationen benennt die Bildungsdauer daher neben der Lebenserwartung und dem Einkommen als zentrales Kriterium für Wohlstand. Zugleich kann »Bildung« in dynamischen Gesellschaften als stetige Aufforderung zur (Weiter-)Qualifikation und Eigenverantwortung erfahren werden. »Lebenslanges Lernen« kann dabei positiv als Bereicherung erlebt, aber auch mit Leistungsdruck, Auslese und Situationen des Scheiterns in Verbindung gebracht werden. Debatten um soziale Ungleichheit, gesellschaftliche Integration und die Zukunft der Demokratie, um hier nur einige Beispiele zu nennen, kreisen deshalb immer auch um Bildung. Sie strukturiert (zugleich) Lebensläufe, bestimmt individuelle Lebenschancen und verweist auf unterschiedliche Lebensweisen und Formen der Vergemeinschaftung.
Was genau »Bildung« ist, welche gesellschaftliche Bedeutung ihr zukommt und wie sie politisch gestaltet werden soll, ist dabei umstritten. »Bildung« stellt ein sehr deutsches Reizwort dar, das oftmals eine Verständigung darüber erschwert, worüber überhaupt gestritten wird. Die Verworrenheit der aktuellen, von sozialwissenschaftlicher Expertise dominierten Debatten lässt eine erneute historische Beschäftigung mit Fragen der Bildung lohnend erscheinen, um mit einer historischen Tiefenschärfe Abstand zu gewinnen und dabei die Sicht auf aktuelle Debatten zu schärfen. Dabei fällt auf, dass Bildungsthemen in der Geschichtswissenschaft oftmals nur eine Nebenrolle spielen, wie der Blick in historische Gesamtdarstellungen zeigt.
Vor diesem Hintergrund will das Archiv für Sozialgeschichte die Rolle von Bildung im historischen Wandel der vergangenen beiden Jahrhunderte neu vermessen. Welche Rolle spielte Bildung in den gesellschaftlichen und politischen Transformationen der vergangenen beiden Jahrhunderte? Wie gestalteten soziale Bewegungen und politische Regime Bildung aus? Welche Errungenschaften, aber auch welche Widersprüche und Probleme zogen Bildungsreformen nach sich?
Das Archiv für Sozialgeschichte lädt Beiträge zur ganzen Breite des Rahmenthemas ein. Sie können sich an folgenden Dimensionen und Fragestellungen orientieren, aber auch weitere Aspekte einer Sozial- und Kulturgeschichte der Bildung seit dem 19. Jahrhundert in den Blick nehmen:

Bildung und soziale Ungleichheit

Über Bildung versuchten moderne Gesellschaften immer auch soziale Mobilität zu gestalten und Ungleichheiten ganz unterschiedlicher Art (soziale Herkunft, Geschlecht, ethnische Zuordnungen) abzubauen, oft unter Schlagwörtern wie »Aufstieg der Begabten« oder »Aufstieg durch Bildung«. Wie der französische Soziologe Didier Eribon in seinem Werk »Rückkehr nach Reims« beschreibt, kann der individuelle Bildungserfolg jedoch auch eine Entfremdung von dem Herkunftsmilieu mit sich bringen und Ungleichheiten und Klassengrenzen zusätzlich verstärken. Zudem ist umstritten, was in Bezug auf Bildung als sozial gerecht angesehen wird.

Gesellschaftliche Integration

Bildung war seit dem 19. Jahrhundert immer auch ein Mittel zur politischen und sozialen Einbindung unterschiedlicher Bevölkerungs- und gerade auch von Zuwanderungsgruppen. Es wäre zu fragen, wie sich Integration durch Bildung darstellt, sowohl mit Blick auf die sozialgeschichtliche Entwicklung als auch als auch aus der Perspektive der Politik- und Institutionengeschichte. Diese Zugänge könnten als Sonde dafür dienen, welche Rolle Bildung als kulturelles und symbolisches Kapital im Kampf um gesellschaftliche Anerkennung spielte und spielt. Bildungsinstitutionen konnten dabei je nach gesellschaftlichem Kontext sowohl zu einer Festigung und Vertiefung von demokratischen Prozessen beitragen, wurden aber gleichzeitig genutzt, um Autorität zu stabilisieren und politische Loyalität zu schaffen.

Bildungsreformen

Bildungspolitik verdichtete sich in den letzten beiden Jahrhunderten immer wieder in Reformphasen, in denen öffentliche Bildungsstrukturen und -konzeptionen auf eine neue Grundlage gestellt wurden. Die Bewertung der Reformen, ihrer Zielsetzungen und ihrer Folgen war und ist dabei oft umstritten. Sie besaßen dabei ganz unterschiedliche Ausrichtungen, die vergleichend und in diachroner Perspektive zu untersuchen wären, z.B. mit Blick auf die Einflussfaktoren (Staat vs. Kirche). Sie zielten oft auf den Abbau sozialer Unterschiede, schufen aber auch neue Unterschiede, etwa zwischen »Gebildeten« und »Ungebildeten«, »Akademikern« und »bildungsfernen Schichten«.

Arbeit und Bildung

Der Wandel von Wirtschaft und Arbeitswelt veränderte die Ansprüche an Bildung und gab ihr neue Formen, die in ihren Auswirkungen noch kaum erforscht sind. Wie veränderte sich Bildung im Zuge der Debatten über »Wissensgesellschaften« und ökonomischen Strukturwandel? Welche Bildungsvorstellungen vertraten Unternehmer und Gewerkschaften und welche Rolle spielte Bildung in industriellen Konflikten? Die wandelnden Anforderungen an berufliche Bildung könnten ebenso thematisiert werden wie die Anstrengungen gesellschaftlicher Transformationen mittels Umschulung, Weiterbildung und Akademisierung.

Ökonomisierung und Privatisierung

Eine Ökonomisierung und Privatisierung von Bildung werden oftmals heftig kritisiert, sind aber in ihrer Entwicklung von der Geschichtswissenschaft bislang kaum beachtet worden. Lässt sich ein übergreifender Trend zur Vermarktlichung und Monetarisierung konstatieren? Wird Bildung durch internationale Vereinbarungen und formale Vereinheitlichungen wie den Bologna-Prozess zur »Ware«? Welche Rolle spielten nichtstaatliche, private Bildungsanbieter, wie veränderte sich die Nachfrage nach privaten Bildungsangeboten durch unterschiedliche soziale Gruppen?

Globale Dimensionen

Bildung war und ist ein wichtiger Aspekt der »Entwicklungspolitik«. Während im 19. Jahrhundert Bildung ein Kernelement einer europäischen »Zivilisierungsmission« darstellte, erlangte sie im Prozess der Dekolonisation eine veränderte Bedeutung sowohl bei der Nationalstaatsgründung der ehemaligen Kolonien als auch in der Entwicklungszusammenarbeit. Historisch zu untersuchen wäre, unter welchen Voraussetzungen institutionelle Kooperationen, transnationale Bildungskarrieren und Studienreisen diese Beziehungen und Interdependenzen postkolonial festigten oder internationale Lernprozesse und Verbundenheit erst ermöglichten.

Bildungskonzeptionen und -praktiken

Moderne Gesellschaften zeichnen sich durch vielfältige Weltanschauungen und soziale Positionierungen aus. Konkurrierende Bildungskonzeptionen sind Ausdruck dieser Pluralität und können als Deutungskämpfe sozialhistorisch eingeordnet werden. Auch die gegenwärtige Debatte um Populismus, Wissenschaftsfeindschaft und »fake news« hat eine lange Geschichte, in der um »richtige« und »falsche« Bildung gestritten wurde – etwa zwischen säkularisierten Liberalen und kirchlichen Kreisen, Kultureliten und Emanzipationsbewegungen. Als lohnend könnte sich außerdem der Blick auf unterschiedliche Bildungspraktiken erweisen, beispielsweise in Bildungsvereinen, an Volkshochschulen, bei sozialpädagogischen Angeboten oder auf Ansätze des digitalen Lernens bis hin zum Homeschooling.

Auf einer Tagung, die nach jetzigen Planungen am 28./29. Oktober 2021 von der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgerichtet wird, möchten wir Beitragsideen, Themenangebote und gemeinsame Fragen des hier skizzierten Rahmenthemas des Archivs für Sozialgeschichte 62 (2022) entwickeln. Wir laden alle Interessierten ein, uns bis zum 31. Juli 2021 Vorschläge einzureichen (Mail an afs[at]fes.de). Sie sollten 3.000 Zeichen nicht überschreiten und können, ebenso wie die Vorträge und die späteren Texte, auf Deutsch oder Englisch verfasst werden. Die anschließend von der Redaktion für den Band ausgewählten Beiträge im Umfang von etwa 60.000 Zeichen sollten bis zum 31. Januar 2022 fertiggestellt werden.

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