Archiv der sozialen Demokratie


Rezensionen

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Aktuelle Rezensionen

Wiebke Wiede/Johanna Wolf/Rainer Fattmann (Hrsg.), Gender Pay Gap. Vom Wert und Unwert von Arbeit in Geschichte und Gegenwart

(Reihe Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 113)

Dietz | Bonn 2023 | 288 Seiten, Broschur | 32,00 € | ISBN 978-3-8012-4258-9

rezensiert von

Wibke Rhein, Universität Konstanz

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Fast schon so zuverlässig wie der kalendarische Frühlingsanfang fällt auch der Equal Pay Day in Deutschland in jedem Jahr in den März. Er soll seit 2008 symbolisch den Tag markieren, bis zu dem Frauen ›unbezahlt‹ arbeiten und basiert auf den seit 1995 vom Statistischen Bundesamt nach EU-Richtlinien erhobenen Daten zum Gender Pay Gap, den geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Entlohnung von Männern und Frauen. Die Zahl liegt für Deutschland relativ stabil bei 18 Prozent und gilt der EU als wichtiger Indikator für den Stand der Gleichstellung der Geschlechter.

In seinem Plädoyer für eine Neubefassung der Zeitgeschichte mit der Arbeitsgeschichte hat unlängst Lutz Raphael an die zentrale Rolle von Erwerbsarbeit für gesellschaftliche Ungleichheiten und speziell an die vielfältigen Verbindungen zwischen der Geschichte der Geschlechter und der Geschichte der Arbeitswelten erinnert.[1] Umso erfreulicher ist es, dass sich nun das vorliegende Werk den Ursachen und Ausprägungen des Gender Pay Gap historisch annähert. Der von Wiebke Wiede, Johanna Wolf und Rainer Fattmann herausgegebene Sammelband folgt dabei der sogenannten Devaluationsthese, die die Beständigkeit der Lohndifferenz auf die schlechtere Bewertung ›frauentypischer‹ Arbeit zurückführt. Zeitlich reichen die Beiträge vom späten 19. Jahrhundert bis ins zweite Drittel des 20. Jahrhunderts, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf den 1970er-Jahren. Geographisch liegt der Fokus des Bandes auf dem Gebiet der ›alten‹ Bundesrepublik.

Thematisch gliedert sich der Sammelband in drei Abschnitte. Der erste und zugleich umfangreichste Abschnitt fragt unter dem Titel »Bedingungen und Anerkennung bezahlter und unbezahlter Arbeit« danach, wie Betroffene Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen zu erkämpfen suchten und mit welchen Hindernissen und Erwartungshaltungen sie dabei konfrontiert waren. Mit Fallstudien zur Krankenpflege (Susanne Kreutzer), Tagesmüttern (Laura Moser), städtischen Hausgehilfinnen (Mareike Witkowski) und ehrenamtlichen Pastorenfrauen (Michaele Bräuninger) konzentriert sich dieser erste thematische Block auf den Care-Bereich. Ergänzt werden diese Studien zu einzelnen Arbeitsbereichen durch den Beitrag von Michaele Kuhnhenne, die am Beispiel Bremens in der ersten Nachkriegsdekade darlegt, wie Kindern verschiedenen Geschlechts aufgrund vermeintlich geschlechtsspezifischer Wesenseigenschaften verschiedene Bildungswege zugewiesen wurden und wie diese Ausbildungswege wiederum geschlechtsspezifische Berufsfelder und Entlohnungen rechtfertigten. In der Geschichtswissenschaft ist dieser Zusammenhang bekannt, spätestens seit Karin Hausen 1976 die zentrale Funktion der »Polarisierung der Geschlechtscharaktere« für die moderne Erwerbsgesellschaft herausgearbeitet hat.[2] Insofern sind die Befunde dieses ersten Abschnitts des Bandes als solche nicht neu. Die Stärke der Fallstudien liegt vielmehr in der Sichtbarmachung komplexer Zusammenhänge, die sich hinter einer statistischen Größe verbergen.

Besonders erhellend ist in dieser Hinsicht der Beitrag von Laura Moser. Am Beispiel des Modellprojekts »Tagesmütter«, das von 1974 bis 1978 unter der Federführung des Bundes- ministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit elf Standorte mit je 15 bis 20 Tagesmüttern umfasste, fragt Moser nach dem Einfluss von Geschlechternormen auf die Ausgestaltung und die Finanzierungssystematik des Projekts. Sehr deutlich wird dabei, dass weiblicher Erwerbstätigkeit auch nach der Ehe- und Familienrechtsreform von 1977 durch das vorherrschende Ernährer-Modell sowohl diskursiv als auch strukturell deutliche Grenzen gesetzt waren. So sollten die im Projekt beschäftigten Tagesmütter zunächst zwar sozialversicherungspflichtig tätig sein, keinesfalls aber sollte ein neuer Ausbildungsberuf begründet werden. Die arbeits- und steuerrechtliche Unvereinbarkeit dieser Positionen wurde schlussendlich dadurch gelöst, dass die Frauen als Selbstständige besteuert wurden, was in Verbindung mit dem Ehegattensplitting zu einer erheblichen steuerlichen Mehrbelastung der Betroffenen führte. Diese Lösung stieß in den meisten Modellorten auf Protest, doch bestand Uneinigkeit über die Alternativen. Während etwa die Reutlinger Tagesmutter-Gruppe sich unter Verweis auf die Sozialabgaben für die Anerkennung ihrer Tätigkeit als Lohnarbeitsverhältnis einsetzte, sah ein Großteil der organisierten Frauen die beste Lösung in einer steuerfreien Entschädigungszahlung, da diese ihnen eine höhere Entlohnung ermöglichte, ohne das Ehegattensplitting selbst in Frage zu stellen. Ein solcher Kompromiss ergab für verheiratete Frauen aus der Mittelschicht, die den Großteil der Tagesmütter in dem Projekt ausmachten, ökonomisch durchaus Sinn. Er führte aber die Kindertagespflege letztlich in die prekäre Selbstständigkeit. Die Geschichte des Modellprojekts lässt sich so auch als Plädoyer dafür lesen, mehr nach den Zusammenhängen zwischen Geschlecht und prekären Beschäftigungsformen zu fragen.[3]

Die vier Beiträge des zweiten Abschnitts ergründen, wie durch gesetzliche und tarifliche Regelungen ungleiche Arbeitsbewertungen festgeschrieben wurden. Während die ersten zwei Beiträge einen Blick zurück auf die Entwicklung rechtlicher Vorschriften für preußische Volksschullehrerinnen (Leonie Kemper) und der Rechtsprechung zur Entgeltgleichheit in der Bundesrepublik (Anna Quadflieg) werfen, nehmen die zwei anderen Beiträge eine aktuellere Perspektive ein. Andrea Jochmann-Döll, Christina Klenner und Alexandra Scheele untersuchen die Chancen und Risiken der Digitalisierung für eine geschlechtsneutrale Bewertung der Erwerbsarbeit. Mit Karin Schönpflugs Beitrag wiederum erhält der Band eine begrüßenswerte Erweiterung um queere und intersektionale Perspektiven. Basierend auf Erkenntnissen einer in Wien durchgeführten Erhebung, gibt die Ökonomin einen Überblick über die Forschung der letzten Jahre zu Lohnungleichheiten abseits eines binär und cis-normativ gedachten Gender Pay Gap. So haben Studien etwa signifikante Lohnunterschiede zwischen trans- und cis-Personen festgestellt, und auch Lohnunterschiede entlang der sexuellen Orientierung werden vermehrt unter dem Begriff des Gay Pay Gap untersucht.

Insbesondere Schönpflugs Ausführungen zu Erhebungsproblematiken rufen ins Gedächtnis, dass der Gender Pay Gap als statistischer Indikator ebenso Ergebnis historisch geformter Vorstellungen über Geschlecht ist, wie er selbst an der Ordnung von Gesellschaften entlang der Kategorie Geschlecht beteiligt ist. Er macht(e) die Lohndifferenz zwischen abhängig beschäftigten Männern und Frauen sichtbar, ebenso wie er andere Lohnungleichheiten in der Unsichtbarkeit beließ. So erlaubt der Gender Pay Gap, wie er vom statistischen Bundesamt seit 1995 erhoben wird, etwa keine Aussagen über Selbstständige, Beschäftigte im öffentlichen Dienst oder abhängig Beschäftigte in Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten. Die Tagesmütter aus Laura Mosers Beitrag würden hier also ebenso wenig repräsentiert werden wie die städtischen Haushaltshilfen in bürgerlichen Haushalten, die Mareike Wittkowski in ihrem Beitrag behandelt.[4]

In allen Beiträgen wird deutlich, dass gesetzliche oder tarifliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Lohnungleichheit nur bedingt von Wirksamkeit waren. So führte die Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts von 1955, wonach Frauen für gleiche Arbeit auch gleichen Lohn erhalten sollten, zwar zu einer Abschaffung von Lohnabschlagsklauseln für Arbeitnehmerinnen. De facto wurden diese aber durch neu geschaffene Niedriglohnkategorien fortgeführt. Noch deutlicher aber verweist das Kapitel auf den zugrundeliegenden Zankapfel: Was bedeutet Lohngleichheit und wie ist sie zu messen und sicherzustellen?

Wie nationale und internationale Gewerkschaftsorganisationen diese Fragen diskutierten, ist schließlich Thema des letzten Abschnitts, der damit zugleich den geographischen Rahmen des Bandes über die Bundesrepublik hinaus ausdehnt. Johanna Wolf beschäftigt sich mit den Diskussionen im Weltgewerkschaftsbund über Entgeltgleichheit und liest diese als »Kondensat weltweit geführter Diskussionen« um die Berufstätigkeit von Frauen (S. 221). Judith Holland fragt am Beispiel gewerkschaftlicher Diskussionen in Frankreich nach der Länderspezifik von Gleichheitsvorstellungen und zeigt, wie diese auch die Datenerhebung zum Gender Pay Gap beeinflussten. Damit zeigt sie einmal mehr die Wichtigkeit nationaler Besonderheiten von Statistiken auf. Indem sie die Auswirkungen des 1975 von den Vereinten Nationen ausgerufenen »Internationale Jahrs der Frau« auf Debatten um Entlohnungsgleichheit in Island, Indien und Südafrika untersuchen, nehmen Silke Neunsinger und Ragnheiður Kristjánsdóttir im letzten Beitrag des Bandes die Dreiecksbeziehung zwischen transnationalen Aktivist:innen, dem Staat und internationalen Organisationen in den Blick. Dabei argumentieren sie, dass die UN-Kampagne von 1975 als »Globalisierungskatalysator« für die Forderung nach Lohngleichheit fungierte, indem sie wichtige Gelegenheitsstrukturen für Aktivist:innen in den jeweiligen Ländern schuf.

Insgesamt legen die Herausgeber:innen einen thematisch und auch methodisch breit gefächerten Sammelband vor, der die Vielschichtigkeit von genderspezifischen Ungleichheitsstrukturen auf dem Arbeitsmarkt verdeutlicht. Indem der Band der Komplexität des Gegenstandes gerecht wird, bietet er viele Anknüpfungspunkte für weitere Beschäftigungen mit dem Gender Pay Gap. Zu hoffen bleibt schließlich, dass die Erforschung des Gender Pay Gap nicht selbst geschlechterspezifisch bleibt, so erfreulich die überdurchschnittlich hohe Präsenz von Forscherinnen in diesem Sammelband auch ist.

 

Zitierempfehlung

Wibke Rhein, Rezension zu: Wiebke Wiede/Johanna Wolf/Rainer Fattmann (Hrsg.), Gender Pay Gap. Vom Wert und Unwert von Arbeit in Geschichte und Gegenwart, Dietz, Bonn 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81989.pdf> [27.5.2024].

 

[1]Lutz Raphael, Deutsche Arbeitswelten zwischen globalen Problemlagen und nationalen Handlungs- bezügen, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 69, 2021, S. 1-23, hier S. 11-14.

[2]Karin Hausen, Die Polarisierung der »Geschlechtscharaktere« - Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Werner Conze (Hrsg.), Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Neue Forschungen, Stuttgart 1976, S. 363-393.

[3] Dafür plädiert am Beispiel Italiens auch: Eloisa Betti, Gender and Precarious Labor in a Historical Perspective. Italian Women and Precarious Work between Fordism and Post-Fordism, in: International Labor and Working-Class History 89, 2016, S. 64-83.

[4] Vgl. Christina Klenner/Susanne Schulz/Sarah Lillemeier, Gender Pay Gap – die geschlechtsspezifische Lohnlücke und ihre Ursachen, in: Policy Brief WSI Nr. 07/2016, (07/2016), S.5. Ökonomische Studien lassen vermuten, dass der Gender Pay Gap bei Selbstständigen noch größer ist als bei abhängig Beschäftigten. Vgl. Moritz Drechsel-Grau/Andreas Peichl/Kai D. Schmid u.a., Inequality and Income Dynamics in Germany, in: Quantitative Economics 13, 2022, S. 1593-1635.

Jenny Baumann, Ideologie und Pragmatik. Die DDR und Spanien 1973–1990

(Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 142)

De Gruyter Oldenbourg | Berlin/Boston 2023 | 405 Seiten, gebunden | 64,95 € | ISBN 978-3-11-114121-3

reviewed by

Xavier María Ramos Diez-Astrain, Universidad Complutense de Madrid

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Until recently, the history of relations between Spain and the German Democratic Republic (GDR) was a little-studied topic in historiography. The secondary position of both players in the Cold War meant that neither Spanish nor German historians paid much attention to bilateral relations between the two countries. In recent years, however, several studies have shed new light on the role of subordinate actors in the bloc dynamics of the Cold War. In this context, several studies on relations between Spain and the GDR have been published, most of them in Spain.[1] Jenny Baumann’s study »Ideologie und Pragmatik. Die DDR und Spanien 1973–1990« from 2023 is the first major contribution on this topic from German historiography (although there had already been some previous studies on partial aspects).[2] Her work reflects a broad knowledge of both areas, supported by a solid analysis of the sources.

The book’s subtitle seems modest in relation to the book’s content, as »Ideologie und Pragmatik« deals quite extensively also with the period between 1949 and 1973. In those years, Spain and the GDR had no direct relations and did not officially recognise each other. However, their mutual existences were very relevant for both. The GDR based part of its self-portrayal as anti-fascist state on the struggle of several German interbrigadists in the Spanish Civil War, which was seen as a vital episode of the anti-Hitler struggle in Germany itself. In addition, there was constant East-German support for the anti-Franco struggle of the Communist Party of Spain (PCE). Franco's anti-communist regime, for its part, found an important ally in the Federal Republic of Germany (FRG) in its rapprochement with the European communities and NATO. It was therefore particularly zealous in its support for the West-German Hallstein Doctrine. Against this difficult background, only lukewarm economic and cultural relations developed.

The establishing of diplomatic relations between Spain and the GDR in 1973 was then, as Baumann reconstructs, the result of a combination of internal and external factors, such as the relaxation of the West German position and the loss of influence of the most ideological actors on both sides. The GDR was the first socialist country to establish diplomatic relations at the highest level with Franco's Spain. But the relationship remained difficult. The GDR suspended relations again as early as 1975 in a gesture of protest against the last five executions in Spain; a gesture which, in the author's opinion, was essentially propagandistic and whose consequences were not properly assessed. Diplomatic relations were not re-established until April 1977, when Spain (in the midst of transition to democracy) had already normalized its relations with the other Warsaw Pact states.

From 1977 onwards, Baumann distinguishes two phases in relations between Spain and the GDR. The first phase corresponds to the period of government of the Union of the Democratic Centre (UCD) from 1977 to 1982, a coalition that included the reform-oriented factions of the former Franco regime. The author describes how the SED regime built up a network of contacts in Spain with a large number of dialogue partners during this period, while the Spanish government showed only little interest in the relationship. Among these dialogue partners was also the Spanish Socialist Workers' Party (PSOE), which won the 1982 elections under the leadership of the young Sevillian lawyer Felipe González. Under the González government, relations between Spain and the GDR underwent a phase of expansion. The GDR paid close attention to relations with Spain, despite its entry into NATO in 1982 and its ratification in a referendum on 12 March 1986. For its part, Spain maintained a friendly attitude towards the GDR and other socialist states despite its increasing integration into the Western sphere (including joining the European Communities in 1986), but without giving it priority. When the East German regime went into terminal crisis in 1989, Spain concentrated its efforts on supporting unification.

Reconstructing effectively the general features of the history of relationships, the book reveals many strengths but also some weaknesses. The main challenge for a study that deals with a topic that has already been investigated is to bring novelty to it. This is not always achieved by Baumann. Nevertheless, »Ideologie und Pragmatik« does provide some relevant new perspectives. One of the aims Baumann sets herself in the introduction is to analyze the relationship between Spain and the GDR, including the triangular relationship with the Federal Republic - and in doing so to take into account above all the East German endeavour to take an independent, not secondary, position as a state representative of German culture in Madrid. Meticulous work on the sources makes this aspect (which has been dealt with in lesser depth in other studies) perhaps the most striking aspect of this book. In contrast, »Ideologie und Pragmatik« does not shine as brightly in its analysis of GDR-Spain relations as part of the socialist countries' relations with Spain. Multilateral issues are somewhat blurred compared to the weight of bilateral aspects. The role of the GDR as an integral part of the Warsaw Pact is present in the book, but does not form its actual backbone. Greater attention to the efforts of the GDR and the Soviet bloc to prevent Spain's entry into NATO or to qualify its membership of the alliance would contribute, however, to a better understanding of some issues. These include, for example, the efforts made by the GDR to win the recognition of the Spanish public through cultural and propaganda activities (in competition with West Germany), or the willingness of the SED to reorganize relations with the PCE when the latter had lost its former significance.

Another strength of »Ideologie und Pragmatik« is its detailed analysis of the many different factors in the relationship between the GDR and Spain. Baumann has done a great job in weighing up the weight of the various political and social actors, both internal and external: the respective governments, political parties, cultural actors, social organizations, economic actors, and, in particular, the FRG. The book thus quite convincingly combines a very comprehensive overview with the transnational approaches of recent historiography of international relations. However, the result has also some weaknesses. Occasionally there is an excess of zeal in the individualization of each actor in the play. This is the case, for example, with the PSOE leaders involved, whose differences (which were sometimes simply based on different functions in the apparatus) lead the author to differentiate between »friends« and »sympathisers« of the GDR and the rest. Alfonso Guerra can hardly be considered a friend or sympathiser of the GDR or of communism in general. Moreover, the separate consideration of the individual actors and factors leads to numerous leaps in time, which often make it difficult to follow the narrative thread (especially for reader unfamiliar with the subject).

As already noted, the work on sources is very extensive and meticulous. With references from thirteen archives and fifty-two periodicals from Spain and Germany, Baumann has accomplished an overwhelming feat in analyzing primary sources. In addition, there is an abundant bibliography. However, the bibliographical apparatus could have been strengthened, which in turn would have made the work more robust. What is missing is a stronger dialogue with the existing literature on the subject, which is scarcely considered, and especially with the literature that deals with other issues of relations (political or economic) between Spain and Eastern Europe. This would also have helped to avoid some minor errors, such as the assertion that the bilateral trade agreement was denounced by Spain in 1986 as a consequence of the declining attractiveness of the East German market (in reality, it was a consequence of Spain's entry into the EEC, which monopolized this type of agreement, and had been anticipated by the GDR). It would also have been useful to pay more attention to the abundant literature on Spanish communism.

Finally, it is worth mentioning a problem that affects this book as well as other research on this subject. Access to Spanish sources is considerably more difficult than to German sources. As a result, all studies tend to overemphasize the East German perspective over the Spanish one, whose actors cannot be examined with the same meticulousness. It is to be expected, however, that the gradual opening of Spanish sources will resolve this problem sooner rather than later. As for »Ideologie und Pragmatik«, Baumann's efforts to circumvent this limitation as far as possible should be emphasized.

Despite some weaknesses, »Ideologie und Pragmatik« is a solid, coherent work that makes valuable contributions to knowledge about relations between Spain and the GDR. Its differentiated approach sets it apart from other works on this and similar topics. As such, the book is highly recommended reading.

 

Zitierempfehlung

Xavier María Ramos Diez-Astrain, Rezension zu: Jenny Baumann, Ideologie und Pragmatik. Die DDR und Spanien 1973–1990, De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81996.pdf> [27.5.2024].

 

[1] Cf. José M. Faraldo/Carlos Sanz Díaz (Eds.), La otra Alemania. España y la República Democrática Alemana (1949-1990), Granada 2022; Xavier Maria Ramos Diez-Astrain, A través del Telón de Acero. Historia de las relaciones políticas entre España y la RDA (1973-1990), Madrid 2021; cf. id., Las relaciones entre España y la República Democrática Alemana: un campo de estudio en auge, in: Blog del CEPC, 22.11.2022, URL: <https://www.cepc.gob.es/blog/las-relaciones-entre-espana-y-la-republica-democratica-alemana-un-campo-de-estudio-en-auge> [24.05.2024].

[2] Cf. Andreas Jüngling, Alternative Außenpolitik. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund der DDR und Franco-Spanien (1947-1975), Berlin 2017; Tim Haberstroh, Die DDR und das Franco-Regime. Außenpolitik zwischen Ideologie und Pragmatismus, Schkeuditz 2011; Michael Uhl, Mythos Spanien. Das Erbe der Internationalen Brigaden in der DDR, Bonn 2004.

Jan Kellershohn (Hrsg.), Der Braunkohlenbergbau im 20. und 21. Jahrhundert. Geschichte – Kultur – Erinnerung

(Landesgeschichtliche Beiträge, Nr. 1)

Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt | Halle (Saale) 2023 | 298 Seiten, gebunden | 45,00 € | ISBN 978-3-948618-52-0

rezensiert von

Charlotte Kalenberg, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

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So wie das Ende des Steinkohlenbergbaus in Deutschland 2018 zum Rückblick einlud, so gibt nun auch das für das Jahr 2038 geplante Ende der Kohleverstromung Anlass, den Braunkohlenbergbau historisch zu untersuchen. Die Verteilung der Braunkohlereviere in Deutschland über verschiedene Regionen und Bundesländer hinweg ermöglicht dabei vielseitige regional- und kulturgeschichtliche Perspektiven auf den Bergbau, ob in Mitteldeutschland, der Lausitz, der Oberpfalz oder im Rheinischen Revier.

Der hier besprochene Band basiert auf einer Tagung zum Braunkohlenbergbau, die im Dezember 2021 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle stattfand, und ist als erster Band der neuen Reihe »Landesgeschichtliche Beiträge« des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt erschienen. Der Band hat das Ziel, eine transregionale Perspektive auf den Braunkohlenbergbau zu fördern und interdisziplinäre Ansätze zu entwerfen, mit denen die Geschichte des Braunkohlenbergbaus und der mit ihm verbundenen Industriekultur geschrieben werden kann. Jan Kellershohn, der Herausgeber des Bandes, skizziert einleitend den Begriff der Industriekultur und betont dabei die Notwendigkeit einer Unterscheidung von Quellensprache und Analysebegriff. Zugleich gibt er einen Überblick über die bisherige Geschichtsschreibung zum Braunkohlenbergbau und identifiziert lohnende noch unbearbeitete Untersuchungsfelder.

Der Band ist in vier Abschnitte gegliedert, wobei die Beiträge im ersten Abschnitt den Braunkohlenbergbau nur indirekt betreffen. Stattdessen stehen hier Vergleichsperspektiven im Mittelpunkt. Der zweite Abschnitt untersucht den Braunkohlenbergbau aus landesgeschichtlicher Perspektive, während der dritte einen aktuelleren Blickwinkel einnimmt und ethnologische und kulturanthropologische Untersuchungen umfasst. Im letzten Abschnitt geben Beiträge einen Ausblick auf die Herausforderungen, die künftig auf die museale Arbeit in Bergbauregionen zukommen werden.

Zu Beginn des ersten Teils führt Felicitas Weiss in die Konzepte Raum und Region als Untersuchungsperspektiven ein und gibt Anregungen, wie diese mit Erkenntnisgewinn für die Untersuchung von Montanregionen eingesetzt werden können. Sie veranschaulicht dies für das Bergbaurevier im Fichtelgebirge, in dem vornehmlich Eisenerz abgebaut wurde und das man sowohl als Wirtschaftsraum wie auch als kulturellen Raum beschreiben und analysieren kann. Auch Sabine Breer beschäftigt sich indirekt mit dem Bergbau, indem sie die sogenannte Mansfeld-Galerie vorstellt, eine zu DDR-Zeiten im VEB Mansfeld-Kombinat »Wilhelm Pieck« entstandene Gemäldesammlung, die derzeit weitgehend ungenutzt im Kreisarchiv Mansfeld-Südharz liegt. Ihre Beschreibung veranschaulicht das sozial-, kultur- und politikgeschichtliche Potential dieser Sammlung für die Bergbaugeschichte, handelt es sich bei den Auftragsarbeiten doch in großer Zahl um Darstellungen von Angestellten und Arbeitern, welche die Arbeitsatmosphäre im Bergbau und dessen Industrielandschaften widerspiegeln. Helen Wagner diskutiert am Beispiel des vom Steinkohlebergbau geprägten Ruhrgebiets die Neuausrichtung von Industriekultur, die sich in der Hochphase auf den Denkmalschutz von ungenutzten Bauwerken und die Umnutzung von Industriestätten konzentrierte. Sie erklärt den Geschichtsboom, diskutiert die Ausrichtung der Geschichtskultur im Ruhrgebiet auf Industriekultur und gibt schließlich Denkanstöße, wie Braunkohleregionen nach dem Ausstiegmit ihrer industriellen Vergangenheit umgehen könnten.

Im ersten Beitrag des zweiten Teils macht Jan Kellershohn auf die komplexe Beziehung zwischen dem Braunkohlenbergbau und der Erzeugung von geologischem Wissen aufmerksam. Zum einen habe die Zerstörung von Landschaften durch den Braunkohlenbergbau die Schaffung eines als ›Heimat‹ bezeichneten Raums erst etabliert und die wissenschaftliche Beschäftigung mit demselben begünstigt. Zum anderen sei auch der Kolonialismus ein Auslöser für die Erforschung des heimischen Bodens gewesen, da in den Kolonien neue Erfahrungen gesammelt und Praktiken (beispielsweise zur Auffindung von Wasserquellen) entwickelt wurden, die dann auch in der ›Heimat‹ eingesetzt wurden. Davon etwas losgelöst, identifiziert er zuletzt einen Zusammenhang zwischen dem Wandel der geologischen Wissensproduktion und einem sich ebenfalls veränderten Körperverständnis, vom individuellen und talentierten Forscher hin zu einer ›Wissen‹ schaffenden Gemeinschaft.

Martin Baumert erzählt die Geschichte der Rekultivierung von Flächen, die für den Braunkohlenbergbau genutzt wurden. Er konzentriert sich vor allem auf Forschungsaktivitäten zur Wiedernutzbarmachung in der DDR und attestiert dem ostdeutschen Staat eine führende Rolle in der Entwicklung und Testung neuer Methoden. Die Bedeutung regionaler Verflechtungen für den Braunkohlenbergbau verdeutlicht Benedikt Martin Ertl anhand der strukturpolitischen Rolle des Wackersdorfer Tagebaus und des Wärmekraftwerks bei Schwandorf für die bayerische Energiepolitik. Zwar konnte Wackersdorf nicht mit den großen europäischen Braunkohlerevieren mithalten, war in Krisenzeiten wie nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg jedoch durchaus relevant. Die Bedeutung der Braunkohle für die Energieversorgung in Bayern und für die Reduzierung von Importabhängigkeiten veranschaulicht etwa der Umstand, dass der Ort Wackersdorf 1948 bis 1952 komplett umgesiedelt wurde, um die darunterliegende Braunkohle abbauen zu können. Erst Ende der 1950er-Jahre verlor der Wackersdorfer Tagebau durch die verstärkte Nutzung konkurrierender Energieträger wieder an Bedeutung.

Christian Möller betrachtet den Umgang mit Konflikten um den Braunkohlenbergbau und insbesondere die Umweltfolgen des Tagebaus aus demokratiehistorischer Perspektive. Am Beispiel des Braunkohlenausschuss (BKA), in dem seit 1950 Akteure aus Politik und Unternehmen sowie Betroffene zusammenkamen, untersucht er die Entwicklung korporatistischer Konfliktlösung, aber auch die Grenzen dieses politischen Instruments. War der BKA als Vermittlungsinstanz zwischen Verursachern und Betroffenen zunächst in gewisser Weise erfolgreich, veränderte sich dies im Laufe der Zeit durch veränderte Ansprüche an demokratische Beteiligung etwa infolge der Entstehung von Bürgerinitiativen. Interessant ist in Bezug auf heutige Proteste im Rheinischen Revier, dass die generelle Notwendigkeit des Braunkohleabbaus in den 1950er-Jahren auch von Kritikern noch nicht angezweifelt wurde.

Der dritte Teil des Bandes hat einen ethnologischen Schwerpunkt. Felix Schiedlowski gibt mit zahlreichen Interviewzitaten einen lebendigen Einblick in die Situation der Menschen, die heute im Mitteldeutschen Revier von Strukturwandel und Braunkohleausstieg betroffen sind. Material für seine ethnologische Forschung sammelte er 2020/21 und untersuchte anhand dessen, welche Rolle die Braunkohle in der Orientierung der Menschen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielt. Er betont, dass man die Erfahrungen von 1989/90 zum Verständnis des Mitteldeutschen Reviers nicht außer Acht lassen könne. Ähnlich ist der Ansatz von Katharina Schuchardt, die im deutsch-polnischen Braunkohlerevier Lausitz ebenfalls ethnologische Feldforschung betrieb. Auch sie bezieht den Faktor Zeit stark in ihre Untersuchung ein. Am Beispiel der Bemühungen im ehemaligen Kurort Opolno Zdrój (Bad Oppelsdorf), die eigene Geschichte im Ort sichtbar zu machen, veranschaulicht sie den Umgang der Menschen in der Region mit dem ungewissen Transformationsprozess. Valeska Flor blickt aus kulturanthropologischer Perspektive auf die Umsiedlungen im Rheinischen Revier und erkennt dabei drei Bewältigungsstrategien zur Verarbeitung der Erlebnisse. Dazu gehören das bewusste Erzählen, was immer auch Selbstreflexion und Identitätsschaffung bedeute, Partizipation, im Speziellen die Beteiligung an der Planung des neuen Ortes, und zuletzt Erinnerungsobjekte wie beispielsweise Straßenschilder der umgesiedelten Ortschaft.

Im vierten und letzten Teil des Bandes kommen Autorinnen und Autoren aus dem musealen Bereich zu Wort. Ein kollektiv von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt verfasster Artikel gibt einen kurzen Einblick in die Geschichte des Geiseltals sowie in eine Auswahl von Funden aus dem dortigen Bergbau, die derzeit in einem großen Projekt mit weiteren materiellen Zeugnissen des Braunkohlenbergbaus erfasst und dokumentiert werden. Danny Könnicke schreibt ein Plädoyer für die Rolle des Museums, das sich aktiv in die Gestaltung der Zukunft einbringen könne, indem es anschaulich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Region miteinander verknüpft. Gerade für die Braunkohleregionen im Strukturwandel erfüllten Museen eine wichtige gesellschaftliche Funktion, weil sie Raum für Diskurse schafften. Jenny Hagemann diskutiert die Historisierung des Braunkohlentagebaus in der Lausitz, die sowohl durch ihre industrielle Geschichte geprägt als auch das Siedlungsgebiet der Sorbinnen und Sorben war und ist. Dass beides untrennbar miteinander verbunden ist und die Lausitz dadurch auch nach Ende des Braunkohlenbergbaus ein »hybrider Raum« sein wird, betont sie als Prämisse für die historische Forschung, aber auch für die aktuelle Welterbeinitiative »Lausitzer Tagebaufolgelandschaft«. Zuletzt gibt Alrun Berger Einblick in ein Projekt des Landschaftsverbands Rheinland »geSCHICHTEN Rheinisches Revier«, bei dem das kulturelle Erbe des Reviers nicht nur mit Blick auf die Braunkohle vermittelt werden soll, sondern andere Transformationen in der Region, beginnend mit der Durchsetzung von Ackerbau und Viehhaltung und endend mit der aktuellen Dekarbonisierung, mit einbezogen werden.

Somit liefert der Band in der Tat zahlreiche Perspektiven auf den Braunkohlenbergbau, von denen allerdings nur die kleinere Zahl einen im engeren Sinne landesgeschichtlichen Ansatz verfolgen. Jeder Beitrag ist für sich lesenswert, einige tragen aber weniger zur wissenschaftlichen Debatte bei, sondern sind vielmehr Aufrufe zum Nachdenken oder informieren über die aktuellen Herausforderungen im Umgang mit dem Braunkohlenbergbau. Die sprachgewandten Kapitelüberschriften (z.B. »Vergangene Gegenwart« und »Gegenwärtige Vergangenheit«) hätten aussagekräftiger sein und präziser den Inhalt des Bandes beschreiben können. Zwar ergibt sich in der Gesamtschau eine gewisse chronologische Einteilung, da zunächst historische Aspekte des Braunkohlebergbaus und anschließend seine historischen Spuren in der Gegenwart und die Frage ihrer künftigen Musealisierung erörtert werden. Doch hätten das inhaltliche Konzept des Bandes und sein Gliederungsprinzip einleitend klarer erläutert werden können. Dennoch erfüllen der Band und die einzelnen Beiträge ihr Ziel und geben Inspiration und viele Antworten auf die komplexe Frage, wie die Geschichte des Braunkohlenbergbaus geschrieben werden kann.

 

Zitierempfehlung

Charlotte Kalenberg, Rezension zu: Jan Kellershohn (Hrsg.), Der Braunkohlenbergbau im 20. und 21. Jahrhundert. Geschichte – Kultur – Erinnerung, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Halle (Saale) 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81997.pdf> [27.5.2024].

Olaf Kistenmacher, »Gegen den Geist des Sozialismus«. Anarchistische und kommunistische Kritik der Judenfeindschaft in der KPD zur Zeit der Weimarer Republik

ça ira | Freiburg/Wien 2023 | 156 Seiten, Französisch Broschur | 23,00 € | ISBN 978-3-86259-146-6

rezensiert von

Mario Keßler, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

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Vor acht Jahren erschien Olaf Kistenmachers Bremer Dissertation »Arbeit und ›jüdisches Kapital‹. Antisemitische Aussagen in der KPD-Tageszeitung ›Die Rote Fahne‹ während der Weimarer Republik«.[1] Das Buch wurde in der Fachwelt und der Öffentlichkeit insgesamt positiv rezipiert, obwohl der weitgehende Verzicht auf Archivquellen auffiel. Im nun vorliegenden Buch knüpft der Autor an sein damaliges Forschungsthema an, wechselt jedoch die Perspektive: Nunmehr stehen im Zentrum der Analyse die Kritiker der KPD, insbesondere Anarchisten, aber auch die innerparteiliche Kritik an der, laut Kistenmacher, »Judenfeindschaft« in der KPD.

Das Buch setzt nach einer kurzen Erwähnung der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD) und ihrer Protagonisten Fritz Wolffheim und Heinrich Laufenberg intensiver erst in der zweiten Phase der KPD-Geschichte ein, im Jahr 1923. Die ersten innerparteilichen Kritiker wie Paul Levi, dem einige antisemitisch gefärbte Schmähungen hinterhergerufen wurden, hatten die Partei da bereits verlassen. Diese hatte sich mit der unvermeidbaren Annahme der 21 Bedingungen der Komintern einem rigiden, mehr noch als von Lenin durch den Komintern-Vorsitzenden Sinowjew geprägten Verständnis von Politik unterworfen. Noch aber war die innerparteiliche Diskussion keineswegs ganz abgetötet, und auch spätere bizarre Politik-Rituale, so der Huldigung der jeweiligen Parteiführer, lagen noch in der Zukunft.

Das Jahr 1923 war ein Schlüsseljahr in der deutschen Geschichte, in der das Schicksal der Weimarer Republik auf der Kippe stand. Die permanente Krisenstimmung führte zur Verstärkung des latenten Antisemitismus, galten doch die Juden nun nicht mehr nur – fälschlicherweise – als Profiteure der Krise und als Kriegsgewinnler, galt die deutsche Republik bei ihren rechten Feinden nicht nur als Judenrepublik, sondern das janusköpfige Zerrbild des jüdischen Kapitalisten und jüdischen Bolschewiken wurde von der rechtsradikalen Propaganda überdimensional aufgeblasen. Die Arbeiterklasse erwies sich noch am ehesten immun gegenüber diesem Propaganda-Monster. Die machtvollen Demonstrationen aller Arbeiterparteien im Jahr zuvor, mit denen sie gegen den Mord am jüdischen Reichsaußenminister Walther Rathenau protestierten, legten davon Zeugnis ab.

Dennoch zeigte sich auch die Linke, insbesondere die von Kistenmacher untersuchte KPD, gegenüber dem Antisemitismus nicht immun. Sie nahm ihn zudem als eigenständige Größe innerhalb der deutschen Gesellschaft nur unzureichend wahr. Hingegen suchte sich die KPD als nationale Kraft im Widerstand gegen Frankreich zu präsentieren und keinen Nihilismus in der nationalen Frage zuzulassen. In diesem Sinne pries Karl Radek den von französischen Truppen im Ruhrgebiet hingerichteten rechtsradikalen Untergrundkämpfer Leo Schlageter als mutigen Soldaten der Konterrevolution, der von den Soldaten der Revolution zu würdigen sei. Radek gab sich überzeugt, dass die große Mehrheit der national empfindenden Massen nicht in das Lager des Kapitals, sondern in das Lager der Arbeit gehöre. Daran anschließend öffnete »Die Rote Fahne« ihre Spalten für zwei Beiträge des völkischen Nationalisten Ernst Graf Reventlow, die auch als Broschüre erschienen, gemeinsam mit Radeks Rede sowie Aufsätzen des Kommunisten Paul Frölich (und, wie ergänzt sei, des neokonservativen Nationalisten Arthur Moeller van den Bruck). Dies leitete eine Reihe von Versammlungen ein, auf denen kommunistische und völkische Redner gemeinsam auftraten. Besonders tat sich der KPD-Reichstagsabgeordnete Hermann Remmele hervor, der sich nicht scheute, Anfang August 1923 auf einer Versammlung der NSDAP zu sprechen. »Wie dieser Antisemitismus entsteht«, rief er laut einem Bericht der »Roten Fahne« aus, »kann ich ja sehr leicht begreifen. Man braucht nur einmal auf den Stuttgarter Viehmarkt, nach dem Schlachthof zu gehen, um dort zu sehen, wie Viehhändler, die größtenteils zum Judentum gehören, zu jedem Preise das Vieh aufkaufen, während die Stuttgarter Metzger wieder leer abziehen müssen, weil sie einfach nicht so viel Geld haben, [um] Vieh kaufen zu können. (Sehr richtig! bei den Faschisten.).« (zit. nach S. 33) Wie Kistenmacher detailliert zeigt, verwendete die KPD-Presse den Begriff des »Volkes« als Schlüsselkategorie, um die Zustände in Deutschland anzuprangern. Doch damit desorientierte die KPD die eigenen Genossen, während die nationalistische Rechte nur höhnisch Beifall spendete oder ablehnend reagierte.

Dabei verurteilte die Partei weiterhin den Antisemitismus. Dessen Stoßtrupps bestünden aus deklassierten Offizieren, Studenten, Sekundanern, Lockspitzeln und sonstigem Gesindel, schrieb die KPD-Presse ein um das andere Mal. Die Finanzierung der antisemitischen Hetze würde größtenteils das industrielle und agrarische Großkapital besorgen, das im antisemitischen Lumpenproletariat einen Schutz gegen die soziale Revolution sehe. Doch fanden sich, wie aussagekräftige Illustrationen zeigen, immer wieder auch antijüdische Karikaturen, auf denen etwa zufrieden lächelnde, stereotyp gezeichnete jüdische Kapitalisten einer Nazidemonstration Beifall spendeten (S. 36).

Einigen Raum widmet Kistenmacher Ruth Fischer. Sie machte auf ihrem Weg an die Spitze der KPD vor populistischer Stimmungsmache nicht Halt, wobei sie auch antisemitische Klischees einsetzte. In einer Rede, der kommunistische wie völkische Studenten zuhörten, stellte sie am 25. Juli 1923 fest, wer »gegen das Judenkapital« aufrufe, sei »bereits Klassenkämpfer.« (zit. nach S. 31) Nachdem der Rätekommunist Franz Pfemfert auf diese Rede aufmerksam gemacht hatte, zitierte auch die SPD-Zeitung »Vorwärts« sie und vergaß nicht den Hinweis, dass Ruth Fischers bürgerlicher Name Elfriede Friedländer lautete (S. 40). Der Anarchist Rudolf Rocker warnte davor, solche »Vorgänge in ihrer Tragweite unterschätzen zu wollen. Hier waren furchtbare Kräfte an der Arbeit, die durchaus nicht harmlos sind, sondern eine furchtbare Gefahr für die allernächste Zukunft dieses Landes bedeuten.« (zit. nach ebd.) Der KPD-Vorsitzende Heinrich Brandler, von seinen innerparteilichen Gegnern als Rechter bezeichnet, suchte ebenso wie August Thalheimer und Clara Zetkin dieser bedrohlichen Entwicklung entgegenzuwirken. So schrieb Clara Zetkin Ende März 1924 aus Moskau an den bevorstehenden IX. Parteitag der KPD: »Die radikalisierten Parteimassen werden zum größten Teil von revolutionären Gefühlen und Stimmungen beherrscht, sie sind grundsätzlich nicht geschult, nicht klar und fest. Die ›linke‹ Parteimehrheit vereinigt brüderlich reichlichst KAPisten, Syndikalisten, Antiparlamentarier, bei Lichte besehen – horrible dictu – sogar Reformisten und neuerdings – faschistische Antisemiten.« (zit. nach S. 51)

All dies bewies die völlige Unterschätzung des Antisemitismus, auch des akademischen Rechtsradikalismus, durch Teile der KPD. Beide Arbeiterparteien, auch die SPD, reagierten recht spät auf das Pogrom gegen jüdische Kleinhändler und Subproletarier Anfang November 1923 im Berliner Scheunenviertel. Die Erfahrung der jüngsten Geschichte hätten indes gerade die KPD mahnen sollen: Die Revolution von 1918/19 war zur Geburtsstunde der mörderischen Losung vom »jüdischen Bolschewismus« geworden. Antikommunismus und Antisemitismus gingen seitdem Hand in Hand. Doch die Mystifizierung der angeblich nur irregeleiteten, doch potentiell revolutionären Massen vernebelte nicht nur Ruth Fischer und ihrem damaligen Bündnispartner Hermann Remmele den Blick. Mit dem Parteiausschluss der von Ruth Fischer angeführten Richtung traten ab 1925 die antisemitischen Stimmen innerhalb der KPD zurück, ohne ganz zu verstummen. Clara Zetkins Befürchtungen bewahrheiteten sich jedoch nicht. Denn anders als in der Sowjetunion, deren innere Entwicklung Kistenmacher in gebotener Kürze behandelt, wurde der Antisemitismus innerhalb der KPD kein Mittel in Fraktionskämpfen.

In der existentiellen Krise der Weimarer Republik ab 1929/30 verhielt sich die KPD zunächst auffallend defensiv gegenüber der von den Nationalsozialisten verbreiteten Behauptung, sie sei jüdisch durchsetzt und ihr Marxismus ein von Hebräern ausgeklügeltes Instrument zur Zersetzung der germanischen Rasse. Die KPD sah im Judenhass nur ein nazistisches Ablenkungsmanöver. Hitlers Antisemitismus sei nicht genuin, sondern lediglich ein Schwindel. Jüdische Bankiers seien ebenso wie »arische« Unternehmer Nutznießer des Hitlerfaschismus, denn Kapital bleibe Kapital. All dies zeigte erneut die Ignoranz der Partei gegenüber den vielschichtigen Dimensionen des Judenhasses.

Am weitesten entfernt schien jedoch die Auseinandersetzung zwischen Juden und Arabern in Palästina. Der erste arabisch-jüdische Bürgerkrieg in Palästina, der im August 1929 Hunderte von Menschenleben auf beiden Seiten kostete, war für die KPD-Führung der einzige Anlass, zum politischen Zionismus Stellung zu nehmen. Am 24. und 25. Oktober 1929 behandelte das Zentralkomitee der KPD die Ereignisse. Im Referat zum Tagesordnungspunkt gab Hermann Remmele zu, »innerhalb der Partei« sei wenig Kenntnis darüber vorhanden, welche Rolle in Palästina die Komintern spiele. »Unsere Partei« habe »in Palästina 160 Mitglieder, davon 30 Araber, die anderen 130 Zionisten.« Deswegen sei es ganz klar, dass die KP Palästinas »nicht eine solche Einstellung haben kann, wie sie dem Gesetz der Revolution entspricht. Gerade das unterdrückte Volk, jene Schicht des Volkes, die das revolutionäre Element, den Verhältnissen entsprechend, überhaupt ausmachen kann, sind nur die Araber.« (zit. nach S. 103) Ganz abgesehen von der pauschalen Kategorisierung von »Juden« und »Arabern« ohne Verweis auf die Klassenlage bestürzt in Remmeles Referat vor allem die Unterstellung, die jüdischen Parteimitglieder seien Zionisten. Auch ohne Kenntnis der inneren Lage der illegal arbeitenden KP Palästinas hätte ein Blick in die »Inprekorr«, die internationale Zeitung der Komintern, genügt, um zu sehen, dass gerade die jüdischen Kommunisten inner- wie außerhalb Palästinas die schärfsten Gegner des Zionismus waren. Die Uninformiertheit, aber wohl auch Desinteresse und mangelnde Sensibilität der ZK-Mitglieder an dieser für die internationale Politik wahrlich nicht peripheren Problematik zeigte sich darin, dass niemand diesen falschen Aussagen widersprach. »Aus Zeitgründen« fand keine Diskussion darüber statt. Die Palästina-Berichte der»Roten Fahne« waren entsprechend einseitig. Da es im Buch um die Kritik der KPD-Politik geht, wäre hier ein Blick auf sozialdemokratische und oppositionell-kommunistische Publikationen geboten gewesen, in denen diese Probleme oftmals weit klarer wahrgenommen wurden.

Das Buch vermittelt ein plastisches Bild der widersprüchlichen Haltung der KPD zum Antisemitismus. Dennoch erscheint dem Rezensenten der Terminus »Judenfeindschaft« hier übertrieben. Die KPD wies, wie auch die SPD, alle rassistischen Deutungen der sogenannten jüdischen Frage zurück, die die zeitgleich im bürgerlichen politischen Spektrum immer mehr an Boden gewannen. Die jüdische Frage war für die Arbeiterparteien die Frage nach gleichberechtigter Teilhabe der Juden am Leben Deutschlands. Es war deshalb logisch, dass Hitler und die Seinen zuerst die Arbeiterbewegung zerschlagen mussten, bevor sie an das grauenvolle ›Werk‹ der Judenvernichtung gingen.

 

Zitierempfehlung

Mario Keßler, Rezension zu: Olaf Kistenmacher, »Gegen den Geist des Sozialismus«. Anarchistische und kommunistische Kritik der Judenfeindschaft in der KPD zur Zeit der Weimarer Republik, ça ira, Freiburg/Wien 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81990.pdf> [27.5.2024].

 

[1]Olaf Kistenmacher, Arbeit und »jüdisches Kapital«. Antisemitische Aussagen in der KPD-Tageszeitung »Die Rote Fahne« während der Weimarer Republik, Bremen 2016.

Sylvia Köchl, Delikt Abtreibung. Frauenarmut, ungewollte Schwangerschaften und illegale Abbrüche

Mandelbaum | Wien 2024 |  254 Seiten, Broschur | 22,00 € | ISBN 978399136-043-8

rezensiert von

Susanne Krejsa MacManus, Wien

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Zum besseren Verständnis zuerst die rechtlichen Voraussetzungen: Der Schwangerschafts- abbruch unterliegt in Österreich auch im Jahr 2024 noch dem Strafgesetzbuch und kann laut Paragraph 96 mit Gefängnis bestraft werden. Jedoch gilt seit 1. Januar 1975 die so genannte Fristenlösung. Nach Paragraph 97 des Österreichischen Strafgesetzbuchs ist demnach die Tat nicht strafbar, »wenn der Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten drei Monate nach Beginn der Schwangerschaft nach vorhergehender ärztlicher Beratung von einem Arzt vorgenommen wird; oder […] wenn der Schwangerschaftsabbruch zur Abwendung einer nicht anders abwendbaren ernsten Gefahr für das Leben oder eines schweren Schadens für die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren erforderlich ist oder eine ernste Gefahr besteht, daß das Kind geistig oder körperlich schwer geschädigt sein werde, oder die Schwangere zur Zeit der Schwängerung unmündig gewesen ist […].«[1] Zur Klarstellung: Als Beginn der Schwangerschaft versteht das Strafgesetzbuch den Tag der abgeschlossenen Einnistung des befruchteten Eies.

Ob man es hören mag oder nicht: Die Natur will sich fortpflanzen, durchschnittlich 15 Schwangerschaften pro Frauenleben sind ›natürlich‹ bzw. ›naturgewollt‹. Mangels sicherer und zugänglicher Verhütungsmittel fanden Abtreibungen entsprechend häufig statt. Der Nationalratsabgeordnete Gustav Zeilinger bemerkte beispielsweise 1955 im Budgetausschuss des Österreichischen Parlaments: »Da an jeder Abtreibung etwa drei Personen beteiligt sind, begehen in Österreich rund 600.000 Personen im Jahr ein Verbrechen. Das bedeutet, dass in neun Jahren das ganze Bundesvolk - mit Ausnahme der Kinder - dieses Verbrechen begeht.«[2]

Nun legt Sylvia Köchl, Politikwissenschafterin und Journalistin in Wien, eine gründliche Aufarbeitung des Themas »Verbotene Abtreibung« vor. Aus biografischen Gründen, aus schierer Neugier und als linke Feministin gilt ihr spezielles Interesse der Situation derjenigen Frauen, die sich keine ärztliche Abtreibung leisten konnten und deren Lebenssituationen aufgrund sozialer Herkunft, fehlender (Aus)Bildung und anderer Umstände (etwa häuslicher Gewalt) prekär waren. »Arme Frauen […] konnten Schwangerschaften und Abtreibungen schon allein aufgrund ihrer Lebens- und Wohnsituationen ›schlechter verbergen‹ und mussten aus finanziellen Gründen zu Abtreiber*innen in der Nähe gehen […]. So gerieten die ungewollt Schwangeren wie auch die Abtreiber*innen schnell in den Fokus der Polizei.« (S. 11)

Wie viele Strafverfahren es zu verbotenen Schwangerschaftsabbrüchen bzw. zu Neugeborenen- tötungen (im Sinne verschleppter Abtreibungen) gab, ist nicht erfasst. Im Verhältnis zur riesigen Anzahl der durchgeführten Abtreibungen waren es aber wenige. Für das Jahr 1955 finden sich im Wiener Stadt- und Landesarchiv 582 Akten unter den Stichworten »Abtreibung« bzw. »Kindsmord«, für das Jahr 1965 22 Akten zu den Stichworten »Abtreibung«, »Kinderleiche« bzw. »Säugling«. Für diese niedrigen Zahlen gibt es mehrere Gründe: einerseits die erfolgreichen Selbstabtreibungen, andererseits die auch von medizinischen Gutachtern anerkannte Geschicklichkeit und Fürsorglichkeit der Abtreiber*innen.[3] Und schließlich: Gerüchten oder Verdachtsfällen wurde in vielen Fällen gar nicht nachgegangen, denn auch die Gendarmen und die ganz überwiegend männlichen Mitglieder der Polizei sind Väter, Ehemänner, Liebhaber, haben Freundinnen, Töchter, Frauen, Mütter, Tanten und andere weibliche Familienmitglieder oder Bekannte, die im Fall einer ungewollten Schwangerschaft auf Tipps angewiesen waren.

Köchl stellt aus dem Zeitraum von 1923 bis 1974 anhand von Gerichtsakten 49 Gerichtsfälle aus unterschiedlichen Siedlungsbereichen Wiens sowie aus den benachbarten Bundesländern Niederösterreich und Burgenland vor. Sie breitet die Fakten aus, legt die Begleitumstände dar, schildert den zeitlichen Kontext und ergänzt um ausführliche Lesetipps, Erläuterungen und Erklärungen. Das Buch ist trotz aller Dramatik des Dargestellten gut lesbar, sogar spannend – wenngleich das in diesem Zusammenhang herablassend klingen mag, schließlich handelt es sich ja nicht um einen Unterhaltungskrimi. Tatsächlich gehen die ›unterhaltsamen‹ Details in meinen Augen zu weit: Mit personenbezogenen Informationen sollte man sensibler umgehen und es den Familien bzw. Nachkommen überlassen, ob sie die Identifizierbarkeit ihres Familienmitgliedes/ ihrer Familienmitglieder gestatten. Erfahrungsgemäß ist es für Familien mitunter schmerzhaft, über Abtreibungen oder Neugeborenentötungen zu sprechen, auch wenn das Geschehen schon länger zurückliegt.

Vor der Darstellung der individuellen Gerichtsakten beschreibt die Autorin ausführlich ihren Weg der Materialsammlung aus dem Wiener Stadt- und Landesarchiv sowie dem Straflandesgericht, ferner den Aufbau der gefundenen Unterlagen, den daraus gelernten Ablauf der Gerichtsverfahren und die Hierarchie der beteiligten Personen. Sie schildert die Argumentationen vor Gericht, die Urteilsfindung und die Gefängnissituationen. Die genaue Angabe der Aktensignaturen macht das Material für weitere Forschung auffindbar. Allerdings kann Köchls Verzicht auf eine Unterteilung ihres langen Untersuchungszeitraums leicht zu Verwirrung führen. Zumindest die NS-Zeit stellte eine so wesentliche Unterbrechung und eine Veränderung aller Werte dar, dass eine Unterteilung ratsam gewesen wäre.

Präzise beschreibt Köchl die Methoden und Begleitumstände der Abtreibungen, was ihr Buch auch für thematisch Versierte wertvoll macht. Heimliche Selbstabtreibungen führten seltener zu Aufdeckungen, nur dann, wenn jemand sie ausplauderte (mitunter aus Rache), oder wenn es zu Selbstverletzungen kam, die eine Spitalsbehandlung nötig machten. Die Autorin hat auch die Suche nach Abtreiber*innen, den Umgang mit ihnen und die Art der Geschäftsbeziehungen untersucht: »Wer nicht selbst eine Abtreiberin kannte, kannte andere, die etwas wussten. Es kursierten praktisch überall Informationen darüber: innerhalb von Familien, unter Freund*innen, Nachbar*innen, Schüler*innen und Arbeitskolleg*innen – und an diesem Austausch waren sowohl Frauen als auch Männer rege beteiligt. Frauen, die bereits Kinder hatten, wandten sich in der Regel als Erstes ratsuchend an ihre Hebammen.« (S. 66)

Die Autorin deklariert, wie gesagt, ihre politische Position, die sowohl ihre Wortwahl als auch ihre Auswahl der Quellen erklärt. Anderes ist unverständlich: Warum erwähnt sie lediglich ein einziges Mal und nur in einer Fußnote das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch (MUVS) in Wien, das seit rund 20 Jahren Unmengen von Objekten, Büchern und Dokumenten zusammengetragen hat? Schwer vorstellbar, dass die Autorin niemals einen Blick riskiert hat, um ihr Wissen zu erweitern oder ihre Vermutungen zu überprüfen, beispielsweise zu den erwähnten »Schautafeln«, auf denen die gängigen Abtreibungsinstrumente dargestellt waren, damit die Beamten bei den Ermittlungen wussten, worauf sie achten sollten (S. 122). Unsachlich und unnötig ist die Anprangerung und Ausgrenzung des Wiener Gynäkologen Christian Fiala wegen seines kritischen Hinterfragens der Maßnahmen während der Corona-Pandemie (S. 7), weil sich daraus kein Zusammenhang mit seinem Engagement für die Freigabe der Abtreibung, für die Kostenübernahme von Verhütung und Abtreibung sowie zu seinen Forschungen für die laufende Verbesserung von Abtreibungsmethoden erkennen lässt. Und mit dem Terminus »Abtreibungsarzt« übernimmt sie die abwertende Diktion der religiösen Fundamentalisten, gegen deren Aktivitäten sie sich ja eigentlich wendet. Hier scheint Köchl persönliche Antipathien über die Tatsache gestellt zu haben, dass die beiden eigentlich in so vielen Punkten am selben Strang ziehen.

Sylvia Köchl hat ihre Untersuchungen mit Akribie und Sachverstand durchgeführt. Da passieren auch manchmal kleine Fehler, etwa ihre Wortschöpfung »Skartierungslisten« (S. 14), mit der sie die Arbeitsprotokolle des Wiener Stadt- und Landesarchivs meint. Der Embryo gilt medizinisch erst ab der elften Schwangerschaftswoche als »Fötus« – und nicht bereits ab der neunten Schwangerschaftswoche (S. 94). Diese Kritik soll Köchls verdienstvolle Arbeit in keiner Weise kleinreden, aber Leserinnen und Leser bei eigenen Forschungsvorhaben vor vermeidbaren Irrtümern und Sackgassen bewahren.

Viele Menschen versuchen, so viel wie möglich über ihre Vorfahren herauszufinden. Nicht selten klaffen aber Lücken, die Rätsel aufgeben. Warum ›verschwand‹ eine Tochter oder Frau? Warum war die Reihenfolge der Geburten offenbar ›gestört‹? Warum gab es unerklärliche Selbstmorde in frühem Alter etc.? Doch Abtreibungen und Neugeborenentötungen wurden in den meisten Familien totgeschwiegen, sodass Familienforscher*innen diese Möglichkeit gar nicht bewusst ist. Sie werden bei der Lektüre von Köchls Buch ein großes Aha-Erlebnis haben, weil sich plötzlich eine mögliche Erklärung für das Fehlende eröffnet. Dies ist nur eine der Zielgruppen, die großen Gewinn aus Köchls Buch ziehen werden. Die einfühlsame Beschreibung der Lebensumstände armer Frauen in Notlagen eröffnet Einblicke, die ansonsten nur schwer zugänglich sind: Wie haben ›Arme‹ gelebt – und vor allem arme Frauen? Köchls Buch gibt wertvolle Antworten.

 

Zitierempfehlung

Susanne Krejsa MacManus, Rezension zu: Sylvia Köchl, Delikt Abtreibung. Frauenarmut, ungewollte Schwangerschaften und illegale Abbrüche, Mandelbaum, Wien 2024, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81991.pdf> [27.5.2024].

 

[1] Zit. nach URL: <https://www.jusline.at/gesetz/stgb/paragraf/97> [15.5.2024].

[2] Zit. nach Austria Presse Agentur, Meldung 1.182 vom 25.11.1955.

[3] Vgl. Katharina Riese, In wessen Garten wächst die Leibesfrucht. Das Abtreibungsverbot und andere Bevormundungen, Wien 1983, S. 113 (dort Zitat: »Keine von den Frauen ist ernsthaft erkrankt, die Vorsicht ging so weit, daß bei den auswärtigen Fällen eigene Blutstillungsmittel mitgegeben wurden […].«).

Gerhard Paul, Die Bundesrepublik. Eine visuelle Geschichte

wbg Theiss | Darmstadt 2023 | 600 Seiten, gebunden | 60,00 € | ISBN 978-3-8062-4615-5

rezensiert von

Miriam Zlobinski, Berlin

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Rechtzeitig zum 75. Geburtstag der Bundesrepublik nähert sich mit Gerhard Paul ein renommierter Vertreter der Visual History ihrer Bilderwelt an. Seine zahlreichen Publikationen, darunter das Opus Magnum »Das visuelle Zeitalter. Punkt und Pixel« mit 760 Seiten und über 900 Abbildungen, belegen eindrucksvoll sein weit reichendes Verständnis von Visualität.[1] Paul definiert die Visual History als ein Forschungsfeld, dass »Bilder in einem weiten Sinne sowohl als Quellen als auch als eigenständige Gegenstände der historiografischen Forschung betrachtet und sich gleichermaßen mit der Visualität von Geschichte wie mit der Historizität des Visuellen befasst.«[2] Der nun vorliegende Band umfasst 75 Jahre Geschichte und bietet auf 600 Seiten mit über 500 Abbildungen abermals eine umfangreiche Materialsammlung. Herausgekommen ist eine vielschichtige Zwischenbilanz der bundesrepublikanischen Bilderwelt.

Die visuelle Geschichte der Bundesrepublik zwischen zwei Buchdeckeln manifestieren zu wollen, legt den Versuch einer Kanonbildung nahe. Paul beginnt jedoch die Geschichte im Sprachbild des Familienalbums und vermittelt dadurch eine besondere Nähe zum Untersuchungsgegenstand: »Die Geschichte unserer alten Dame ist in einem Album mit vielen schwarz-weißen und noch mehr farbigen Bildern festgehalten.« (S.15) Der Autor, Jahrgang 1951, kann und will sich seiner visuellen Zeitzeugenschaft nicht entziehen. So stellt Paul gleich zu Anfang fest, dieses Buch sei »keine Widerspiegelung der Bildgeschichte der Republik und schon gar keine repräsentative.« (S.18) Zugleich verweist der Einstieg indirekt auf die kritische Sichtweise des Historikers Habbo Knoch, der 2009 seine Thesen zum »kollektiven Bildhaushalt« der Bundesrepublik als »Album mit Unschärfen« betitelte.[3]

Paul greift für die Gliederung seines Bandes auf politische Intervalle zurück und teilt die betrachteten 75 Jahre in »Bonner Republik« (bis 1989), »Berliner Republik« (ab 1990) und »Ampelrepublik« (ab 2021) ein. Die ersten beiden Intervalle entsprechen gängigen Zäsursetzungen in der Zeitgeschichte. Die »Ampelrepublik« erscheint noch ohne historischen Abstand als weitere Zäsur im Buch. Laut Autor verkörpert die »Ampelrepublik« neue »Identitätspunkte« wie »die ökologische Transformation der Wirtschaft, eine neue feministische Außenpolitik, eine antikoloniale Identität sowie Diversität und geschlechtliche Gleichstellung.« (S.17) Thematisch verfolgt der Autor die Geschichte der Bundesrepublik auf drei Ebenen: der »ästhetischen Selbstdarstellung der jeweiligen Republik«, »der Geschichte der bildenden Kunst, der Kunstfotografie und der technischen und elektronischen Bildmedien« sowie der »Bildpraxen«. Dieser Ansatz verweist laut Autor auf den Zusammenhang zwischen den betrachteten Medien und der »kollektiven Identitätsfindung und -bildung« (S.16). Paul versteht die visuelle Geschichte als eine umfassende Bilderwelt, die sich aus Kunstwerken, Bauwerken und verschiedenen Medien wie Fotografien, Plakaten, Film-Stills, Printmedien, Fernsehbildern und Plattformbildern zusammensetzt. So zeigt das Buch zugleich, wie sich die medialen Techniken im Laufe der Jahrzehnte verändert haben und in welchem Neben- und Miteinander verschiedene mediale Einflüsse stehen: vom Plakat und der Zeitung über das Fernsehen bis zum digitalen Zeitalter in einer Welt omnipräsenter Medien. Paul stützt sich hierfür auf Ausstellungskataloge und einschlägige Bildarchive, auf tagesaktuelle Berichterstattung in Print und Fernsehen sowie auf seine eigene stattliche Bildersammlung.

Besonders interessante Zusammenhänge zwischen Bild und Symbolik, technischen Entwicklungen und Publikationsformen ergeben sich für den Zeitraum der Bonner Republik. Hier greift Paul auf die von der Visual History katalysierten Forschungsansätze zur Film-, Fernseh- und Fotogeschichte zurück. Dabei werden unterschiedliche Ebenen der Bildanalyse aufgezeigt. Das Bildmaterial dient zum einen als Quelle für die Verortung gesellschaftlicher Normen und Vorstellungen. Zum anderen schreibt Paul auch eine Beziehungsgeschichte der zeitgenössischen Visualitäten, indem er u.a. auf Funktionen und Bedingungen der jeweiligen Medien eingeht. Ein gutes Beispiel dafür ist das Kapitel »Vom Zuschauer zum Teleflaneur« (S. 124-160). Entsprechend haben die verwendeten Abbildungen im Buch teils eher illustrativen, teils einen belegenden und teils einen eigenständigen Objektcharakter mit kontextualisierenden Qualitäten. Dabei lässt sich fragen wie »jugendlich, braungebrannt« Willy Brandt nun wirklich war, wenn die Rezensentin im Buch auf vier Schwarz-Weiß-Fotografien und ein dezent koloriertes Wahlplakat eines gestandenen Herren schaut, dessen Gesicht hier eher den Farbton »Eierschale« hat (S.49). Eine Petitesse der Bildredaktion oder treffen hier bereits unterschiedliche Bildgedächtnisse aufeinander?

Eine besondere Stärke des Buches besteht darin, zeitgenössische Sichtweisen und übergeordnete Betrachtung mithilfe von lokalen und persönlichen Beispielen zu verknüpfen. Die visuelle Geschichte der Bundesrepublik lebt von symbolhafter Visualität einzelner Motive wie ganzen Konzepten der Darstellung. Dies fließt bei Paul in das Buch ein, indem er in 21 Einzelanalysen nah am Objekt den symbolischen Gehalt der Bilder und dessen Verschiebungen unter verschiedenen Aspekten erörtert. So wird etwa das HB-Männchen zwischen den rauchenden heroischen Darstellungen von Camel und Marlboro eingeordnet (S.196). Das Atom-Ei von Garching wiederum diente in der Modefotografie und auf Wahlplakaten als »Fortschrittsikone« und architektonischer Hinweis auf eine bessere Zukunft, bevor der Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 zu einer Umdeutung führte (S.189-191). Auch ein Bild aus Pauls eigenem Familienalbum findet sich unter den Beispielen. Das unverfängliche Familienbild zeigt eindrucksvoll, wie selbst aus Familienfotos die Spuren des Nationalsozialismus verschwanden. Das unbeschnittene Original zeigte ein Hitler-Porträt an der Küchenwand, im überlieferten Familienalbum verschwand dieser Teil des Fotos (S.107). Bereits in den Publikationen »Bilder einer Diktatur« und (gemeinsam mit Michael Wildt) im Band »Nationalsozialismus« der bpb-Reihe »Zeitbilder« hatte Paul vor der Schablone der weiterlebenden propagandistischen Bilderwelt eindrucksvoll gezeigt, dass und wie Bilder eine eigene Realität generieren.[4]

Während Paul seinen Untersuchungsgegenstand inhaltlich mit der »Ampelrepublik« bis an die unmittelbare Gegenwart heranführt, bleiben jüngere methodische und bildethische Debatten im Buch unerwähnt, obwohl sich etwa künstlerische Interventionen an kolonialen Bildbeständen mittlerweile etabliert haben. Gerade bei den neueren Beispielen zieht das Erzähltempo an, zu Lasten der konkreten Kontextualisierung am Bild. Verkürzt wirkt etwa Pauls Argumentation im Fall der Politikerin Aminata Touré, die laut ihm zum »personalisierten Ausdruck« eines »neuen Diversity-Diskurses« wurde (S.524f.). Gezeigt wird das Vogue-Cover mit ihrem Porträt; doch eine Thematisierung von Selbstermächtigung im Bild, der Tradition der Politikerinnen-Darstellung, der Fotografin oder der Symbolkraft dieses Aktes, wie sie durch die Besprechungen zum Vogue-Cover von Kamala Harris vielen Leser*innen noch präsent sein mag, findet nicht statt. Eine Betrachtung oder ein Kommentar zur visuellen Darstellung von schwarzen Bundesbürger*innen fehlt.

Das Buch »Die Bundesrepublik. Eine visuelle Geschichte« ist weitaus vielschichtiger, als es ein Jubiläumsrückblick gemeinhin verspricht, und bietet eine beeindruckende Materialfülle. Die kontextualisierenden Darstellungen im Sinne einer Visual History überzeugen vor allem für Medien wie Fotografie und Fernsehen, insbesondere im Bereich der politischen Darstellungskonventionen. Pauls Wissens und Leistung sind beeindruckend. Aus der Perspektive der jüngeren Forschung lässt die gewählte Betrachtung aber auch Bedürfnisse offen. So benennt Paul etwa selbst die Unterrepräsentation von Arbeitsmigrant:innen in der Bundesrepublik (S. 103), präsentiert jedoch selbst auch keine Fotograf:innen aus eben dieser Gruppe, obwohl private Fotopraktiken ebenso wie künstlerische Ausdrücke existieren. Spätestens wenn über die Zeit der »Ampelrepublik« gesprochen wird, sind auch Diskurse über Plattform-Algorithmen, »For you-Pages« (FYP) und Meme-Kultur unumgänglich. Hier scheinen die traditionellen Methoden der Bildanalyse kaum noch aussagekräftige Rückschlüsse für ein einzelnes Land zuzulassen. Inwiefern eröffnet die Visual History auch Perspektiven für eine nicht mehr rein national zu fassende Mediengesellschaft? Und in Anbetracht der zu Beginn vom Autor eingeräumten Subjektivität wäre schließlich ein selbstreflexives Fazit nützlich gewesen zur Beantwortung der Frage, wie die eigene Zeitzeugenschaft die Arbeit von Historiker:innen an der visuellen Geschichte beeinflusst.

 

Zitierempfehlung

Miriam Zlobinski, Rezension zu: Gerhard Paul, Die Bundesrepublik. Eine visuelle Geschichte, wbg Theiss, Darmstadt 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81992.pdf> [27.5.2024].

 

[1]Gerhard Paul, Das visuelle Zeitalter. Punkt und Pixel, Göttingen 2016.

[2]Ders., Visual History. Version 3.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 13.3.2014, URL: <http://docupedia.de/zg/paul_visual_history_v3_de, 2014> [15.5.2024].

[3]Habbo Knoch, Album mit Unschärfen, 18.5.2009, URL: <https://www.boell.de/de/demokratie/zeitgeschichte-6780.html> [15.5.2024].

[4]Gerhard Paul, Bilder einer Diktatur. Zur Visual History des »Dritten Reiches«, Göttingen 2020; ders./Michael Wildt, Nationalsozialismus. Aufstieg – Macht – Niedergang – Nachgeschichte, Bonn 2022.

Olga Sparschuh, Fremde Heimat, fremde Ferne. Italienische Arbeitsmigration in Turin und München 1950–1975

Wallstein Verlag | Göttingen 2021 | 718 Seiten, gebunden | 74,00 € | ISBN 978-3-8353-5012-0

rezensiert von

Christoph Lorke, LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Münster

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Das Buch beginnt mit einer Gegenüberstellung: Die Ankunftserfahrungen an den Bahnhöfen Turin und München, an denen Menschen aus dem Süden Italiens eintrafen, dem sogenannten Mezzogiorno oder Meridione – jenem Teil des Landes also, der Regionen wie Apulien, Kampanien, Basilikata, Kalabrien oder die Inseln Sizilien und Sardinien umfasst. In Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs in den Zielregionen kamen zahlreiche Menschen aus Süditalien in die Industriezentren Europas nördlich der Alpen (Frankreich, Schweiz, Bundesrepublik) oder in das industriell geprägte Dreieck aus den norditalienischen Städten Genua, Mailand und Turin. Schätzungsweise neun Millionen Italiener migrierten zwischen Mitte der 1950er- und den frühen 1970er-Jahren innerhalb Italiens; noch einmal etwa zwei Millionen wanderten in dieser Zeit in die Bundesrepublik aus. Diesen Befund nimmt Olga Sparschuh in ihrer Dissertation zum Anlass, die Bedingungen und Ausformungen dieser Migrationsbewegungen analytisch miteinander zu vergleichen. Eine solche Annäherung an das Thema erscheint zunächst ungewöhnlich, erweist sich jedoch als ein innovativer und weiterführender Zugriff – denn beide migrantischen Gruppen wurden an ihrer neuen Wirkungsstätte als »Fremde« begriffen. Auch bei einer Binnenwanderung innerhalb Italiens mussten nicht allein geographische, sondern immer auch teils erhebliche soziale und kulturelle Grenzen überschritten werden. Obwohl die Menschen hier inländische Arbeiter, dort ausländische »Gastarbeiter« waren, erscheinen folglich ihre Lebenswirklichkeiten und ihre Verständnisschwierigkeiten in der »Fremde« als durchaus vergleichbar.

Mit Turin und München nimmt Sparschuh zwei europäische Großstädte in den Blick, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges große Bevölkerungszunahmen erlebten: Turin, wichtigstes Ziel der inneritalienischen Binnenmigration, wuchs zwischen 1951 und 1961 von 719.000 auf über eine Million Einwohner, München im selben Zeitraum von 855.000 auf ebenfalls knapp über eine Million. Waren unter den Bewohnern von Turin schon 1971 mehr als ein Viertel im Mezzogiorno oder auf den Inseln geboren worden, betrug die Zahl der italienischen Arbeitnehmer in München im Jahr 1974 knapp 30.000 Menschen. In beiden Städten herrschte ein großer Bedarf an industriellen Arbeitskräften, allen voran in der Automobilindustrie (FIAT, BMW, MAN) und anderen Zweigen der Schwerindustrie.

Sparschuh nähert sich ihrem Untersuchungsgegenstand auf einer breiten Quellgrundlage. Knapp 20 Archive in München, Turin und Rom wurden konsultiert, um die kommunale, die staatliche, die betriebliche, die kirchliche und die gewerkschaftsnahe Überlieferung zu rekonstruieren. Auf dieser Grundlage entwirft das Buch in zwei Abschnitten mit insgesamt fünf Kapiteln, deren Befunde jeweils in einer Zwischenbilanz resümiert werden, ein facettenreiches Bild unterschiedlicher Lebensbereiche der Migranten, wie Arbeit, Freizeit, Konsum und Wohnen.

Zunächst werden im Abschnitt »Ankunft« die jeweiligen Migrationsregime auf das Funktionieren ihrer Steuerungs- und Kontrollversuche hin analysiert, wozu rechtliche Regelungen ebenso wie städtische Handlungspraktiken gezählt werden. Besonders auffällig sind dabei die Unterschiede bei der Arbeitsvermittlung: Waren die Wege in die Bundesrepublik nicht zuletzt durch das Anwerbeabkommen von 1955 »geregelter« (wobei Arbeitsmigranten bestehende Lücken durchaus für ihre Interessen nutzen konnten), spielten bei der Binnenmigration personelle Netzwerke und die Kettenmigration eine bedeutsame Rolle. Das Ergebnis war, dass sich Arbeitsmigranten in der Binnenmigration oftmals in einer »semilegalen Randposition der Gesellschaft« (S. 97) befanden. Parallelen zwischen Turin und München gab es dagegen beispielsweise beim grundsätzlichen Umgang der amtlichen Akteure mit der Migration: Dominierte zunächst das Streben nach Regulierung, setzte ab den 1960er-Jahren ein Wechselspiel aus Liberalisierung (EWG-Freizügigkeit) und Kontrollwünschen ein. Zugleich wurde Migration hier wie dort seit den ausgehenden 1960er-Jahren zunehmend in gesellschaftlichen Debatten problematisiert. Auffällig ist ein ähnliches Reagieren der Kommunen auf die Herausforderung der Migration, wobei es sich an beiden Orten immer an den lokalen Erfordernissen orientierte. Je nach Bedarf wurden liberalere oder restriktivere Maßnahmen ergriffen, die nicht immer im Einklang mit nationalen oder europäischen Vorkehrungen stehen mussten. Einengender als in München war in Turin sicherlich, dass sich die Migranten dort aufgrund eines Gesetzes aus faschistischer Zeit nicht ohne Weiteres niederlassen durften, es sei denn, sie besaßen ein Arbeitsangebot.

Ein weiteres Kapitel im Abschnitt »Ankunft« behandelt die zeitgenössischen Vorstellungswelten. Hier widmet sich die Autorin den Wissensbeständen und Alltagsrealitäten, aber auch den Identitäten sowie den Selbst- und Fremdwahrnehmungen der Migranten. Die Ankunftsbedingungen waren in beiden europäischen Metropolen von überkommenen Klischeevorstellungen über »Nord« und »Süd« bzw. »Stadt« und »Land« geprägt. Diese schlugen sich auch in der Presseberichterstattung und in Teilen der Bevölkerung nieder, wobei laut Sparschuh in Turin eine Regionalisierung bzw. (Sub-)Nationalisierung von Zuschreibungen vorgeherrscht habe. Sparschuh beschreibt die Problemwahrnehmung in der italienischen Presse als tendenziell größer als in der bundesrepublikanischen Presse, wo zunächst eine Willkommenshaltung dominierte, die (ungeachtet von topischen Verweisen auf Kriminalität und andere, ähnlich abwertende Deutungsmuster) grundsätzlich im Vergleich positivere, von Tourismus und Gastronomie geformte Interpretationen bereithielt und in eine »Art Neuerfindung« (S. 257) der Migranten mündete. Interessant ist dann auch der Vergleich für die weiteren Jahre: Während Italiener in München im Laufe der Jahre in ihrer quantitativen Bedeutung allmählich von Türken und Jugoslawien abgelöst wurden und sich ihr Image dabei retrospektiv verbesserte, blieb die negative Wahrnehmung der Migranten in Turin im Großen und Ganzen konstant.

Der zweite Teil (»Lebensbereiche«) gliedert sich in drei Kapitel: Zunächst werden Beschäftigungsmodi und Arbeitswelten der Migranten vorgestellt. Darunter werden unter anderem der Fabrikalltag und Konflikte am Arbeitsplatz, aber auch politische Partizipationsmöglichkeiten im Betrieb, konkret durch die Mitarbeit in Gewerkschaften, sowie Protestverhalten und Streiks gefasst. Letztere waren in Zeiten von Vollbeschäftigung noch weniger problematisch, was sich aber im Zuge der in Turin wie München spürbaren Rezession von 1966/67 und späterer Krisen in den frühen 1970er-Jahren änderte. Dabei zeigten sich die Gewerkschaften im Umgang mit migrantischen Streikaktionen hin- und hergerissen zwischen Solidarität mit den ausländischen Kollegen und der Berücksichtigung der Stimmung unter ihren ›eigenen‹ Arbeitern. Relevant waren für die Migranten auch Aufstiegsversprechen durch betriebliche oder kommunale Angebote der Aus- und Weiterbildung. Die Ungleichbehandlung zwischen migrantischen und »heimischen« Arbeitnehmern aufgrund vorhandener Qualifikationsunterschiede arbeitet Sparschuh durchaus markant heraus, regelrecht zweigeteilte Arbeitsmärkte seien dadurch entstanden. Hier wie dort verknüpften sich dabei Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt nicht nur mit der regionalen, sondern auch der sozialen Herkunft. Erwähnenswert ist, dass Migranten in Turin offenbar noch häufiger in prekären Beschäftigungsverhältnissen angestellt wurden als in München, weil die deutschen Arbeitgeber eher langfristige Arbeitsverträge bevorzugten.

Für den Freizeitbereich hebt die Autorin die schon früh wichtige Rolle der Kirchen und Wohlfahrtsverbände hervor. Erst später wurden auch die Kommunen und Betriebe verstärkt aktiv, deren Maßnahmenspektrum Sparschuh entlang der Begriffe Assimilation, Integration, Exklusion und Segregation ordnet. Mit Blick auf die Konsummuster der Migranten zeichnet sie ein Bild beschränkter Möglichkeiten. Die Kontaktmöglichkeiten mit Einheimischen etwa blieben begrenzt, weil sich viele Migranten in Bars und Gaststätten nicht willkommen fühlten. Diese wichtigen Hinweise auf alltagsgeschichtlich relevante Belange finden ihre Fortführung in der Betrachtung politischer Partizipationsstrukturen, die sich durch Vereinsgründungen in Stadt und Umland sowie migrantische Interessensvertretungen ergaben. Dieses Kapitel bleibt in gewisser Hinsicht disparat, wobei sich sowohl in Turin als auch in München Tendenzen der Segregation und ein eher zögerliches Aneignen der Stadtgesellschaft durch die Migranten zeigen.

Prozesse der Segregation finden sich auch im Kapitel über die Unterkünfte der Arbeitsmigranten, die anfangs in Turin wie München einen eher provisorisch-kurzfristigen Charakter trugen. Erst mit der Zeit entwickelten die Städte und die Unternehmen Lösungen für dieses Problem, die dann aber teils eher halbherzig umgesetzt wurden. Den Arbeitsverträgen zum Dank, waren die Unterkünfte in München in der Regel besser, bei aller Einfachheit. Eindrücklich beschreibt Sparschuh die Diskriminierungserfahrungen, die Arbeitsmigrantinnen in beiden Städten auf dem Wohnungsmarkt machten, als sie im Laufe der 1960er-Jahre verstärkt begannen, sich eigenständig auf Wohnungssuche zu begeben. Das erzwungene Ausweichen auf Wohnlagen am Rande der Stadt – wie Hasenbergl in München – aber auch das Wohnen in maroden Altstadtvierteln führten schnell zu Ghetto-Diskussionen, die mit allerlei überkommenen Stereotypen angereichert waren.

Die Studie, die indirekt auch viel über das Entstehen und Fortwirken sozialer Ungleichheiten im Stadtraum erzählt, berührt viele wichtige Themen, die für die Migrationsgeschichte von weiterführender Bedeutung sind. Dazu gehört etwa die Aushandlung von Zugehörigkeiten und den damit verbundenen Vorstellungen von »Eigen« und »Fremd«. Wo der europäische Kontext der Arbeitnehmerfreizügigkeit berührt wird, ergibt sich ein wichtiger Aktualitätsbezug zu fortlaufenden Debatten, zu deren historisierender Perspektivierung das Buch beitragen kann. Die Darstellung hat in Teilen ihre Längen, ist aber nicht zuletzt deswegen reizvoll, weil sie nationalstaatliche Rahmungen analytisch gewinnbringend herausfordert. Sie kann als Plädoyer verstanden werden, komparative Stadtgeschichte für die historische Erforschung moderner Migrationsbewegungen zu nutzen. Denn gerade der lokalgeschichtliche Fokus und der Vergleich örtlicher Migrationsregime vermag es, wie hier eindrücklich aufgezeigt, nicht nur städtische Eigendynamiken nachzuvollziehen, sondern davon ausgehend interpretatorische Angebote für die Historisierung der Europäischen Migrationsgeschichte zu formulieren.

 

Zitierempfehlung

Christoph Lorke, Rezension zu: Olga Sparschuh, Fremde Heimat, fremde Ferne. Italienische Arbeitsmigration in Turin und München 1950–1975, Wallstein Verlag, Göttingen 2021, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81993.pdf> [27.5.2024].

Anna Strommenger, Zwischen Herkunft und Zukunft. »Heimat« in der Sozialdemokratie vom späten Kaiserreich zur Weimarer Republik

(Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 250)

Vandenhoeck & Ruprecht | Göttingen 2023 | 381 Seiten, gebunden | 65,00 € | ISBN 978-3-525-37106-0

rezensiert von

Vincent Dold/Imogen Wilkins, Humboldt-Universität zu Berlin

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Anna Strommenger untersucht im vorliegenden Buch, hervorgegangen aus ihrer Dissertation, die politischen Implikationen sozialdemokratischer Heimat-Bezüge im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Mit reformorientierten Akteuren der Weimarer SPD und des sozialistischen »Natur«-Milieus wie der deutschen Sparte des »Touristenvereins ›Die Naturfreunde‹« fokussiert ihre Studie auf die national integrierte und mit kulturpolitischer Gestaltungsmacht ausgestattete Sozialdemokratie primär der 1920er-Jahre. Vor dem Hintergrund der geläufigen Topoi bürgerlich-konservativer Vergangenheitsbezüge zielt Strommenger auf neue Erkenntnisse »für die geschichtswissenschaftliche Einschätzung der Sozialdemokratie einerseits, der gesellschaftlichen Heimat-Konjunkturen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert andererseits« (S. 10). In Anknüpfung an den aus der englischsprachigen Forschung stammenden methodischen Ansatz, Heimat als »modern imagining« zu konzeptualisieren, unternimmt Strommenger eine um die Sozialdemokratie erweiterte Pluralisierung der historischen Heimat-Bezüge.[1] Damit trägt sie zugleich zu einem differenzierten Verständnis sozialdemokratischer Zugehörigkeitsvorstellungen und Zugehörigkeitspraktiken zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik bei.

Die Arbeit ist entlang der analytischen Kategorien »Räume der Heimat«, »Zeiten der Heimat« und »Zugehörigkeit und Heimat« in drei Hauptkapitel gegliedert, wobei jeweils auf eine problemorientierte geschichtswissenschaftliche Einbettung eine Untersuchung von Semantiken und Praktiken folgt. Eingerahmt werden diese drei Kapitel von einem Prolog zur Genese der Heimatdiskurse bis zur Novemberrevolution und einem Epilog zur Zuspitzung der Debatten um Heimat im Übergang zum Nationalsozialismus. Der gelungene räumliche Zuschnitt der Untersuchung auf die zwei Regionen Pfalz (mit einem Fokus auf den Raum Ludwigshafen) und Sachsen (mit einem Fokus auf den Großraum Dresden, insbesondere Freital) erlaubt es, »zentrale Kernpunkte und typische Verwendungsweisen« sozialistischer Heimat-Konzepte anhand eines breiten Samples von Quellen unterschiedlichster Gattungen aufzuzeigen (S. 19). Neben lokalen Archivalien finden sich überregionale politische und literarische Schriften, Zeitschriften und regionale Tageszeitungen, Arbeiterkalender, Maipostkarten, Fotografien und Arbeiterlieder- bücher. Zentriert werden diese Quellen durch einen Fokus auf regionale SPD-Bezirke und sozialdemokratische Kommunalpolitiker sowie auf die lokale und regionale Arbeiter- kulturbewegung.

Beginnend mit Heimat-Räumen, untersucht Strommenger, wie lokale, regionale und nationale Räume als materielle Realitäten diskursiv gedeutet und praktisch verändert wurden. Sie betont, dass die durch die Novemberrevolution angeeigneten Heimat-Räume nicht statisch, sondern als veränderbare Orte konzipiert waren. Die Republik sollte in der Region verankert und damit zur Heimat werden. Dass in den Unterkapiteln Diskurse und Praxen getrennt untersucht werden, ist ein nachvollziehbarer Ordnungsversuch. Vor allem im ersten Unterkapitel führt dies aber dazu, dass Praktiken primär als Umsetzungen, Spiegelungen und Abbildungen von Diskursen untersucht werden. Das anvisierte »Wechselverhältnis« (S. 113) zwischen Semantiken und Praktiken bleibt hier mehr Behauptung als Befund, obschon Strommenger ihrem Quellenmaterial, etwa zu den Naturfreunde-Ausstellungen in der Pfalz, durchaus geeignete Befunde für diese Frage abgewinnt. Die Analyse dieses Materials hätte stellenweise genauer ausfallen und auch von einer tieferen Einbettung in bestehende Forschungsdiskussionen profitieren können, zum Beispiel in der dennoch bemerkenswerten Wiederentdeckung früher sozialdemokratischer Heimat-Ausstellungen in Freital. Vorrangige Referenzpunkte der Untersuchung bleiben an dieser Stelle diskursive Großnarrative wie der »Gegensatz zwischen Natur und Geschichte« (S. 142). Tatsächlich konnten aber Natur, Heimat und Modernisierung gerade durch die Praxis naturgeschichtlicher Heimatforschung in ein äußerst produktives Verhältnis gebracht werden, wie jüngst Nils Güttler am Beispiel des im Kaiserreich sozialpolitisch engagierten Heimatforschers Wilhelm Kobelt und seiner Arbeit am »Heimat-Raum« Rhein-Main gezeigt hat.[2]

Heimatbezüge zeichneten sich nach 1918 durch eine zunehmende Gegenwartsorientierung aus, wie Strommenger im zweiten Hauptkapitel argumentiert. Im Kaiserreich galten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft noch als Abfolge, bei welcher die Arbeiterschaft zunächst durch das vormoderne Heimatrecht exkludiert wurde, dann in der Arbeiterbewegung eine temporäre Übergangsheimat findet, aber erst in der Zukunft in einer sozialistischen Heimat endgültig aufgehoben sein würde. Dieses Verständnis von Heimat differenzierte sich je nach (kultur-)politischen Handlungsmöglichkeiten und entlang eines vervielfältigten Zeitbezugs der Akteure aus. In der »Hochphase des gegenwartsbezogenen Heimat-Verständnisses« (S. 227) orientierten sich Zeitschriftenbeilagen wie die von Hans Loschky konzipierten pfälzischen Blätter »Bei uns Daheim« und »Die Welt der Kleinen« an den Prinzipien bürgerlicher Heimatkunde. Durch die »Adaption etablierter kultureller Formen« (S. 230) näherte sich die sozialdemokratische Praxis trotz diskursiver Abgrenzung dem bürgerlichen Heimatbezug an.

Das dritte Hauptkapitel untersucht heimatbezogene Zugehörigkeitsvorstellungen der Sozialdemokratie unter der Frage, wie der spezifisch sozialistische Heimatbegriff – »die Hoffnung auf eine versöhnte und sichere, noch in der Zukunft liegende internationalistische Heimat« (S. 277) – im Verhältnis zu einem auf die Demokratisierung von Regional- und Nationalräumen ausgerichteten Heimatbegriff einerseits und politisch rechtslastigen, völkischen Auslegungen des Begriffs andererseits zu gewichten ist (eine Frage, die im Epilog gelungen weiterentwickelt wird). Strommenger konstatiert, dass um 1930 herum anstelle der ehemals dominierenden »Zukunftsorientierung« des sozialdemokratischen Heimatbegriffs auch in der Arbeiterbewegung Vorstellungen dominant wurden, die diskursiv »Elemente des Nationalsozialismus vorwegnahmen« (S. 278). Damit war die 1918 noch integrativ wirkende »Bedeutungsoffenheit und begriffliche Ambivalenz« (S. 333) des Heimatbegriffs gegen Ende der Weimarer Republik einem politischen Konfliktfeld gewichen, gerade weil sich mit ihm so unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe verbinden ließen. Die Untersuchung der »Heimat-Praktiken« (S. 326) des Wanderns, der Heimat-Fotografie sowie einzelner Facetten sozialdemokratischer Volks- und Geschichtskultur hätte noch die Frage nach den sozialdemokratisch hergestellten Gemeinschafts- und Exklusionserfahrungen bereichern können – nicht zuletzt in Hinblick darauf, welche sozialen Hierarchien durch die sozialdemokratische Heimat-Praxis produziert bzw. reproduziert wurden.

Resümierend hält Strommenger fest, dass die »Schnittstellen zwischen Sozialdemokratie und bürgerlicher Heimatbewegung« überraschend ausgeprägt waren und die Heimatbewegung somit als politisch vielfältiger verstanden werden muss, als bisher angenommen wurde (S. 343). Zugleich kann sie die Sozialdemokratie als einen Akteur der »Politisierung von Heimat in der deutschen Gesellschaft« identifizieren, weshalb die sozialdemokratischen Heimat-Bezüge nicht als ein »separates Additivum« sondern als zusätzliche Dynamisierungen der Heimat- bewegung(en) zu verstehen seien (S. 343f.).

Es sei kritisch angemerkt, dass die politischen Konflikte um das Heimat-Konzept innerhalb der Sozialdemokratie eine ausführlichere Besprechung verdient gehabt hätten. Durch die Begrenzung auf den reformorientierten Teil der Arbeiterbewegung und den zeitlichen Fokus auf die 1920er-Jahre werden diese teilweise ausgeklammert. Die marxistische Vorstellung, dass die globale Dimension des Kapitalismus eine heimatlose und damit weltrevolutionäre internationale Arbeiterklasse herstelle, wird vorrangig in der nur knapp betrachteten Zeitphase des Kaiserreichs verortet. Gegenläufige nationalistische Tendenzen und Praxen der Heimatverbundenheit in der Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg finden ebenso nur beiläufig Erwähnung wie kommunistische Strömungen, die auch nach Ende des Ersten Weltkriegs an weltrevolutionären Ambitionen festhielten. Strommenger hätte ihre Befunde durchaus noch stärker in Beziehung zur Forschung über Nationalismus und Internationalismus in der langen Geschichte der Arbeiterbewegung setzen können.[3]

Mit Blick auf die Zuspitzung der Konflikte um das Heimat-Konzept gegen Ende des Untersuchungszeitraums weist Strommenger zwar darauf hin, dass zentrale Akteure wie Hans Loschky (der unter dem NS-Regime an der Kinderbeilage »Wir sprechen deutsch« beteiligt war) sowie Karl und Robert Söhnel »auch in den eigenen Reihen in die Kritik« gerieten (S. 325). Welche Rolle aber sozialdemokratische Heimatverständnisse für eine mögliche Anpassung an das NS-Regime spielten, oder ob sie umgekehrt auch eine Ressource für widerständige Haltungen und Praxen sein konnten, wird nicht erörtert.

Trotz dieser Kritik ist Strommenger mit ihrer Untersuchung über sozialdemokratische Heimatverständnisse und Heimatpraktiken »zwischen Herkunft und Zukunft«, so der treffende Titel, ein aufschlussreicher, weil die zeitgenössischen Ambivalenzen sorgfältig auslotender Beitrag gelungen, an den sich vielfach anknüpfen lässt. Die Frage danach, wie sich »Heimat« verstehen, machen und damit erfahren lässt, ohne in allzu bekannte Abgründe zu stürzen, bleibt angesichts einer ungebrochenen kapitalistischen Modernisierungserfahrung aktuell.

 

Zitierempfehlung

Vincent Dold/Imogen Wilkins, Rezension zu: Anna Strommenger, Zwischen Herkunft und Zukunft. »Heimat« in der Sozialdemokratie vom späten Kaiserreich zur Weimarer Republik, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81995.pdf> [27.5.2024].

 

[1] Vgl. Celia Applegate, A Nation of Provincials. The German Idea of Heimat, Berkeley 1990.

[2]Nils Güttler, Nach der Natur. Umwelt und Geschichte am Frankfurter Flughafen, Göttingen 2023, S. 66-79.

[3] Vgl. Talbot Imlay, The Practice of Socialist Internationalism. European Socialists and International Politics, 1914-1960, Oxford 2017; Gleb J. Albert, Das Charisma der Weltrevolution, Revolutionärer Internationalis- mus in der frühen Sowjetgesellschaft 1917–1927, Köln 2017.

Larissa Wegner, Occupatio Bellica. Die deutsche Armee in Nordfrankreich 1914–1918

(Moderne Zeit. Neue Forschungen zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 36)

Wallstein Verlag | Göttingen 2023 | 522 Seiten, gebunden | 48,00 € | ISBN 978-3-8353-5370-1

rezensiert von

Jakob Müller, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Berlin

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Die vorliegende Arbeit widmet sich der deutschen Besatzung Nordfrankreichs während des Ersten Weltkriegs, ein Thema, das bisher vor allem aus der Perspektive der Besetzten erzählt wurde. Wegner macht es sich nun zur Aufgabe, es aus Sicht der Besatzer zu beleuchten. Sie hat hierfür in großem Umfang deutsche militärische Quellen ausgewertet. Die Autorin ordnet ihre Forschung in die Debatte um die Totalisierung der Kriegsführung während des Ersten Weltkriegs ein. Nicht nur Armeen, sondern ganze Gesellschaften wurden mobilisiert und die Zivilbevölkerung in die Kriegsführung einbezogen. Hierbei drängt sich die Frage nach den Kontinuitäten auf. Welche Entwicklungen nahmen 1914 ihren Anfang und mündeten in den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs?

Nordfrankreich bietet sich für eine solche Untersuchung an, stand es doch in beiden Kriegen zu weiten Teilen unter deutscher militärischer Besatzung. Beim Einmarsch 1914 kam es zu Massakern an Zivilisten, die verdächtigt wurden als »Franktireure« in die Kampfhandlungen eingegriffen zu haben. Unter der Kontrolle des Militärs wurden nicht nur Landwirtschaft und Industrie von der Besatzungsmacht für ihre Zwecke eingesetzt, sondern auch die Arbeitskraft der Nordfranzosen. Arbeiter wurden nach Deutschland deportiert und in den berüchtigten Zivil-Arbeiter-Bataillonen mussten Zivilisten auch unmittelbar hinter der Front Zwangsarbeit leisten. Bei ihren Rückzügen 1917 und 1918 verwüsteten die Deutschen zudem ganze Landstriche. Letzteres klammert Wegner als vorwiegend militärtaktische Maßnahme allerdings aus der Untersuchung aus.

Mögliche Kontinuitäten zum Zweiten Weltkrieg spielen in der Untersuchung eher eine untergeordnete Rolle, stattdessen behandelt sie die Besatzung Nordfrankreichs als Untersuchungsgegenstand eigenen Rechts. Insgesamt ist die Autorin gegenüber der These einer Radikalisierung der Kriegsführung eher skeptisch. So fanden Massaker an Zivilisten zwar zu Beginn des Kriegs statt, aber später nicht mehr. Von einer Radikalisierung könne hier also keine Rede sein, so Wegner. Im Gegenteil könne gefragt werden, ob es nicht auch Faktoren gebe, um Radikalisierungsprozesse während eines Kriegs zu stoppen. Und in der Tat, auch die Deportationen von Zwangsarbeitern wurden schließlich beendet, wofür internationaler Protest verantwortlich war, aber eben auch deutsche Verantwortliche, die für dessen Argumente zugänglich waren.

Inwieweit war also eine spezifische »military culture« für das deutsche Vorgehen verantwortlich? Diese von Isabel V. Hull formulierte These wird vor allem von konservativen Militärhistorikern als Herausforderung betrachtet.[1] Wegner widmet sich dieser Frage differenziert, akribisch und ohne Polemik. Ihr Ausgangspunkt ist dabei die Debatte um eine Kodifizierung des Kriegsrechts vor dem Ersten Weltkrieg, welcher der umfangreiche erste Teil des Buches gewidmet ist.

Während die Genfer Konvention von 1864 vor allem den Schutz verwundeter Soldaten behandelte, sollten die Brüsseler Konferenz von 1874 und die Haager Konferenzen von 1899 und 1907 die Rechte und Pflichten der kriegführenden Parteien regeln. Insbesondere die Zivil- bevölkerung sollte so vor der Kriegsgewalt geschützt werden. Ob und wie sich Zivilsten an der Verteidigung gegen einen Angreifer beteiligen durften, war hierbei besonders umstritten. Die Niederlande, Belgien und die Schweiz (die Wegner etwas anachronistisch als »Kleinstaaten« tituliert) sahen als potentielle Angriffsopfer Widerstand als eine patriotische Bürgerpflicht an. Deutschland argumentierte hingegen für eine klare Trennung zwischen Zivilisten und Kombattanten, womit es keineswegs alleinstand. Auch Russland und Österreich-Ungarn vertraten diese Position. Dennoch akzeptierte auch Deutschland grundsätzlich das Recht der Bevölkerung sich gegen eine Invasion zu verteidigen, setzte ihm allerdings enge Grenzen. Eine Beteiligung an Kämpfen war nach der Haager Landkriegsordnung nur gegen einen »herannahenden« Feind zulässig, also nicht nach dem Ende der Kampfhandlungen im bereits besetzten Gebiet. Zudem wurden Zivilisten verpflichtet, sich durch Abzeichen und »offenes Tragen« der Waffen als Kombattanten kenntlich zu machen.

Wegner weist zurecht darauf hin, dass die deutsche Ablehnung des »Volkskriegs« ausschließlich opportunistischen Gründen entsprang. Zu widersprechen ist ihr allerdings, wenn sie resümiert, dass während »der Invasion Belgiens und Nordfrankreichs […] die nicht nur von den [deutschen] Militärdelegierten prophezeiten schrecklichen Konsequenzen eines Volkskrieges grausame Realität« wurden (S. 69). Erstens fand kein »Volkskrieg« statt, auch wenn sich an einzelnen Orten Zivilisten an Kämpfen beteiligten. Zweitens hatte am Entstehen der »grausamen Realität« der Massaker im August und September 1914 eine deutsche Militärdoktrin großen Anteil, welche – wie die Autorin an anderer Stelle herausarbeitet – stark von den Erfahrungen des deutsch-französischen Kriegs von 1870/71 geprägt war. Sie bestätigt damit eine These von John Horne und Alan Kramer, die in den letzten Jahren bezweifelt worden war.[2] Zudem waren die deutschen Soldaten bereits vor dem Einmarsch überzeugt auf Zivilwiderstand zu stoßen. Hierfür sorgten die Berichterstattung in der Presse, aber auch das Militär selbst. So wurden in einigen Einheiten noch im Oktober 1914 »Stricke zum Aufhängen der Franktireurs« verteilt (S. 133). Die Gewalt war also nicht die Konsequenz eines Volkskriegs, sondern vor allem Resultat einer self-fulfilling prophecy (S. 491).

Problematisch ist die Aussage, »nach heutigem Forschungsstand« lasse sich nicht abschließend klären, ob es einen »Franctireurkrieg« gab (S. 145). Die einzigen Belege für einen solchen Untergrundkrieg sind deutsche Soldatenaussagen, von denen die Autorin an anderer Stelle schreibt, dass ihnen in dieser Frage kein Beweiswert zukomme (S. 128). Was sich aus den Zeugnissen deutscher Soldaten und Dienststellen hingegen herausarbeiten lässt, ist das deutsche Rechtsverständnis, und das leistet das vorliegende Buch in erfreulicher Gründlichkeit. Es kommt zu dem Ergebnis, dass in dieser Rechtsauffassung Erschießungen ohne Gerichtsverfahren, Geiselnahmen und -hinrichtungen sowie Kollektivstrafen gegen die Bevölkerung legitimer Teil der Kriegsführung waren. Auch wenn diese Maßnahmen nicht »eindeutig völkerrechtswidrig« gewesen seien, so bliebe doch festzuhalten, dass »die deutsche Armee grundsätzlich die für die Zivilbevölkerung härteste Rechtsauslegung wählte.« (S. 218)

Diese Praxis lässt sich auch in der Verwaltung der besetzten Gebiete Nordfrankreichs erkennen. Beim Einsatz von Zwangsarbeitern, die laut Haager Landkriegsordnung nicht zu »Kriegsunternehmungen gegen ihr Vaterland« herangezogen werden durften, bewerteten die Deutschen etwa lediglich die unmittelbare Teilnahme an Kampfhandlungen als unter diese Definition fallend. Französische Arbeiter wurden daher auch zum Stellungsbau in unmittelbarer Frontnähe verwendet. Die Zustände in den Zivil-Arbeiter-Bataillonen führten zu einer hohen Sterblichkeit unter den Zwangsarbeitern, zudem kam es vielfach zu Misshandlungen durch Bewacher. An dieser Stelle hätte die Schilderung von den Zeugnissen Betroffener profitieren können, zumal andererseits viel Einfühlungsvermögen für die beteiligten Militärs gezeigt wird. Wenn es etwa heißt, die Zwangsarbeiter seien »nicht gezielt in der Feuerzone eingesetzt worden« (S. 484), oder die Zustände in den Arbeitslagern seien strukturell bedingt gewesen, ihnen habe aber »kein ›inhumaner Wille‹« zugrunde gelegen, »die Arbeiter absichtlich oder willentlich zugrunde« zu richten (S. 486), so scheint doch sehr die Perspektive der militärischen Quellen durch.

Das gilt auch für Wegners Feststellung, weder »Nahrungsentzug, ›strenger Arrest‹, noch das stunden- oder tagelange ›Stehenlassen‹ wurde[n] in der deutschen Armee als Misshandlung eingestuft, sondern waren eine übliche und als erlaubt betrachtete Disziplinierungsmaßnahme.« (S. 477) Gänzlich fehl geht die die Autorin, wenn das Setzen von Anreizen in den Lagern als Hinweis interpretiert wird, dass das System der Zwangsarbeit »weder im Großen noch im Kleinen die letzte, vollständig entgrenzende Schwelle überschritt« (S. 482). Anreize und Privilegien waren sogar im NS-Lagersystem bewährte Mittel.

Trotz dieser Kritikpunkte ist »Occupatio Bellica« eine gelungene Studie zur deutschen Besatzung Nordfrankreichs während des Ersten Weltkriegs. Künftige Studien etwa zu Kontinuitäten zur Besatzungspraxis von 1940 bis 1944 können auf ihr aufbauen. Die Autorin arbeitet überzeugend heraus, dass trotz einer grundlegenden Skepsis das Kriegsvölkerrecht eine wichtige Richtlinie für das Handeln der deutschen Truppen und der Besatzungsverwaltung darstellte. Die Analyse des deutschen Vorgehens gegen vermeintliche »Franktireure« ist ein wichtiger Beitrag zur Debatte über die »German Atrocities« von 1914.

 

Zitierempfehlung

Jakob Müller, Rezension zu: Larissa Wegner, Occupatio Bellica. Die deutsche Armee in Nordfrankreich 1914–1918, Wallstein Verlag, Göttingen 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81994.pdf> [27.5.2024].

 

[1]Isabel V. Hull,Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany, Ithaca 2005; vgl. dagegen Peter Lieb, Der deutsche Krieg im Osten von 1914 bis 1919. Ein Vorläufer des Vernichtungskriegs?, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 65, 2017, S. 465-506.

[2] Vgl. John Horne/Alan Kramer, Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit, Hamburg 2018.

Rezensionsarchiv

Doppelrezension: Antisemitism and the Politics of History / Was ist Antisemitismus? Begriffe und Definitionen von Judenfeindschaft

Scott Ury/Guy Miron (Hrsg.), Antisemitism and the Politics of History (The Tauber Institute Series for the Study of European Jewry)

Brandeis University Press | Waltham, Mass. 2023 | 384 Seiten, Paperback | $ 40,00 | ISBN 9781684581801

 

Peter Ullrich/Sina Arnold/Anna Danilina u.a. (Hrsg.), Was ist Antisemitismus? Begriffe und Definitionen von Judenfeindschaft (Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart, Bd. 8)

Wallstein Verlag | Göttingen 2024 | 315 Seiten, Klappenbroschur | 24,00 € | ISBN 978-3-8353-5070-0

 

rezensiert von

Andreas Rentz, Zentrum für Holocaust-Studien, München

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Um den Jahreswechsel 2023/24 erschienen mit dem Band »Antisemitism and the Politics of History« des Tauber Institute for the Study of European Jewry und dem Band »Was ist Antisemitismus« des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) gleich zwei neue Sammelbände, die sich mit Definitionen und Konzeptionen von Antisemitismus auseinandersetzen. Nach dem Pogrom der Hamas am 7. Oktober 2023 könnte der Zeitpunkt kaum geeigneter zu sein, um aus geschichts- und sozialwissenschaftlicher Perspektive den Antisemitismusbegriff erneut zu beleuchten. Dabei ist dieser Zeitpunkt tatsächlich Zufall: Beim Band des Tauber Institute handelt es sich um eine englische Übersetzung eines 2020 zunächst auf Hebräisch erschienenen Sammelbandes, die den Pogrom entsprechend mit keinem Wort erwähnt. Und auch die Veröffentlichung des ZfA wurde bereits vor dem 7. Oktober konzipiert. An der Relevanz beider Publikationen ändert das jedoch nichts.

Dreh- und Angelpunkt des Bandes des Tauber Institute, der von Scott Ury (Tel Aviv University) und Guy Miron (Open University of Israel) herausgegeben wurde und hauptsächlich Beiträge israelischer Historiker*innen beinhaltet, bildet die Auseinandersetzung mit einem 2009 erschienen Artikel des Holocaustforschers David Engel. Unter dem Titel »Away from a Definition of Antisemitism« stellte Engel darin die Nützlichkeit des Antisemitismusbegriffs grundsätzlich infrage, da zu viele unterschiedliche historische Phänomene ohne erkennbaren Zusammenhang darunter subsumiert würden: Ideologeme genauso wie soziale Bewegungen oder Handlungen, die Jüdinnen*Juden schadeten.[1] Der Titel des Artikels war eine Anspielung auf die 1990 von Gavin I. Langmuir veröffentlichte und breit rezipierte Studie »Toward a Definition of Antisemitism«, deren Versuch einer begrifflichen Fassung der Essenz von Antisemitismus Engel ebenso zurückwies wie jeden anderen auch.[2] Er begründete das damit, dass die verschiedenen Definitionsversuche einander widersprechen würden, ohne sich jedoch mit ihnen im Einzelnen auseinanderzusetzen. Unterschiedliche Verwendungen des Antisemitismusbegriffs reichen Engel aus, um für einen vollständigen Verzicht auf ihn zu plädieren. Auch wenn Engels Argumentation nicht völlig überzeugt, sind seine Bedenken nicht ohne weiteres abzutun: Sie verweisen auf das tieferliegende Problem unklarer und disparater Begriffsverwendungen im Bereich der Antisemitismusforschung. Eine gekürzte Version seines Artikels findet sich im Sammelband des Tauber Institute direkt im Anschluss an die Einleitung. Diese wurde von Ury und Miron verfasst und nimmt Engels Kritik zum Ausgangspunkt für die Leitfrage des Bandes, ob »Antisemitismus« der richtige Terminus zur Beschreibung und Erklärung der verschiedenen ihm zugeordneten historischen und sozialen Phänomene sei und welche alternative Terminologie für die Verwendung in akademischen und öffentlichen Diskursen sinnvoll sein könnte. Davon ausgehend plädieren sie dafür, Vorstellungen einer bruchlosen Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis heute, von der Shoa als logischer Konsequenz des Antisemitismus, seines fundamentalen Unterschieds zu anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und eines »new antisemitism«, der sich gegen die Existenz oder die Politik Israels richtet, kritisch zu hinterfragen.

Die meisten der folgenden Beiträge beziehen sich explizit auf die Kritik Engels, aber nur die wenigsten ziehen denselben radikalen Schluss, den Antisemitismusbegriff ersatzlos zu streichen. So bemüht sich etwa Amos Morris-Reich um ein dynamisches und dialektisches Verständnis von Antisemitismus, der wie seine historischen Kontexte stetigen Wandlungen unterworfen ist und dessen Begriff in seiner Abstraktion notwendig ist, um zwischen verschiedenen historischen und sozialen Phänomenen Verbindungen zu erkennen. In eine ähnliche Richtung geht der Aufsatz von Susannah Heschel: Auch sie spricht sich für die Verwendung des Begriffs aus, weil er den Zusammenhang verschiedener disparater Phänomene veranschaulicht. Statt Antisemitismus als eine geradlinige, kontinuierliche und zielgerichtete Geschichte zu verstehen, sollte er als unbewusste oder verschwiegene Sammlung von Mythen und Ideen verstanden werden, die in verschiedenen Kontexten aktiviert werden können. Einer der wenigen Artikel, die Engel beipflichten und sich ebenfalls gegen die Verwendung des Antisemitismusbegriffs aussprechen, stammt von Arie M. Dubnov. Er begründet das mit der angeblich inflationären Verwendung des Begriffs, um Kritik an Israel und am Zionismus zu verunmöglichen, und plädiert am Beispiel der britischen Jüdinnen*Juden dafür, jeden begrifflichen Unterschied zwischen Antisemitismus, Rassismus und Xenophobie zu eliminieren (»eliminate«, S. 247). Da sich insbesondere der Antizionismus nicht gegen britische Jüdinnen*Juden, sondern gegen Israel richte, sei der Antisemitismusbegriff für Großbritannien ungeeignet. Vor dem Hintergrund, dass es bereits 2016 zu Angriffen auf jüdische Studierende durch Anhänger*innen der antizionistischen BDS-Bewegung in Großbritannien kam und sich die Zahl antisemitischer Vorfälle an britischen Hochschulen seit dem 7. Oktober 2023 um 400 Prozent erhöht hat, erscheinen Aussagen dieser Art sachlich falsch und fahrlässig zugleich.[3]

Das letzte Wort wird David Engel überlassen, der auf einige der besprochenen Beiträge eingeht, aber an seiner grundsätzlichen Forderung, auf den Antisemitismusbegriff zu verzichten, festhält. Er begründet das damit, dass es keine Definition von Antisemitismus gäbe, die ein »intrinsic attribute« (S. 340, 343f.) nennen könnte, das auf alle als antisemitisch bezeichneten Phänomene zutreffen würde. Dabei geht er auch konkret auf jene Autor*innen des Bandes ein, die sich für eine eingeschränkte Begriffsverwendung aussprechen, und auf die unterschiedlichen und einander teils ausschließenden Verwendungsweisen in den einzelnen Beiträgen. Er plädiert schließlich dafür, eine differenzierte Terminologie zu entwickeln, die jüdische Sicherheits- und Gefährdungswahrnehmungen zum Ausgangspunkt nimmt. Nun sind selbstverständlich jüdische Wahrnehmungen bei der Bestimmung dessen, was antisemitisch oder judenfeindlich ist, ernst zu nehmen und zu berücksichtigen. Dennoch ist Engels Schlussfolgerung problematisch, da er letztlich dafür plädiert, auf eine Untersuchung jener Ideologien zu verzichten, die den Ursprung judenfeindlicher Aktivitäten bilden und die dadurch unerklärt bleiben müssen. Solange Jüdinnen*Juden nichts davon mitbekommen, dass beispielsweise irgendwo von angeblichen jüdischen Ritualmorden die Rede ist, und sich daher auch nicht in ihrer Sicherheit gefährdet fühlen, würde es sich nach Engel nicht um antisemitische Vorfälle handeln. Es ist auch bezeichnend, dass Engel ausgerechnet die Skizze von Morris-Reich, der sich um ein komplexes Verständnis des Antisemitismusbegriffs bemüht, unberücksichtigt lässt.

Der Sammelband des Tauber Institute verdeutlicht ein grundsätzliches Problem, nämlich den mangelnden Austausch zwischen Antisemitismusforscher*innen aus den Sozialwissenschaften einerseits und den Geschichtswissenschaften andererseits. Die meisten Beiträge stammen von Historiker*innen. Die sozialwissenschaftlichen Antisemitismustheorien international bekannter Gelehrter wie Jean-Paul Sartre, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno oder Moishe Postone werden im ganzen Band mit keinem Wort erwähnt. Hier bietet sich als Ergänzung die Lektüre des vom ZfA vorgelegten Bandes an, in dem zahlreiche Soziolog*innen zu Wort kommen. Im Unterschied zur Veröffentlichung des Tauber Institute handelt es sich hier nicht um einen klassischen Sammelband, sondern um ein »genuin kollektives Produkt« (S. 12), das die Ergebnisse eines gemeinsamen Forschungsprojekts des ZfA und der Rosa-Luxemburg-Stiftung zusammenfasst. Der ZfA-Band stellt sich die Aufgabe, die »Vielfältigkeit von Antisemitismusverständnissen« und die »Schwierigkeit, Antisemitismus zu definieren« (S. 10), die von den unterschiedlichen Zugängen von Psycholog*innen, Soziolog*innen und Historiker*innen herrührten, aufzuzeigen. Er spricht auch Konflikte um gängige Definitionen in Hinblick auf den Nahostkonflikt an. Der Einleitung ist ein »Nachtrag« hintangestellt, in dem betont wird, dass das Buch vor dem 7. Oktober 2023 fertiggestellt worden sei und dass »vor diesem Hintergrund […] der Zungenschlag einiger Darstellungen in diesem Buch etwas anders ausgefallen« wäre (S. 14), ohne dies jedoch näher zu erläutern.

Der Band liefert konzise Erläuterungen verschiedener Begriffe wie »Antijudaismus«, »Israelbezogener Antisemitismus« oder »Sekundärer Antisemitismus« und spricht dabei verschiedene Probleme und Kontroversen an, wie etwa die Schwierigkeit, Antijudaismus und Antisemitismus klar abzugrenzen, oder die Entstehung eines »Antisemitismus ohne Antisemiten« nach Auschwitz infolge einer sich bildenden Kommunikationslatenz (gemeint ist damit, dass sich aufgrund einer wahrgenommenen oder tatsächlichen Tabuisierung und formellen Diskreditierung des Antisemitismus infolge der Shoa die offene Artikulation entsprechender Ideologeme vom öffentlichen in den privaten Bereich verschob).[4] Ein weiterer Abschnitt widmet sich verschiedenen »Positionen« der Antisemitismusforschung. Vorgestellt werden hier diverse Autor*innen, die sich in den vergangenen hundert Jahren zum Antisemitismus geäußert und sich in unterschiedlichem Ausmaß um eine begriffliche wie theoretische Annäherung bemüht haben. Über weite Strecken handelt es sich bei diesen Abschnitten um eine gelungene Überblicksdarstellung zentraler Begriffe und Thesen der Antisemitismusforschung, die leicht zugänglich vermittelt werden, ohne ihnen ihre Komplexität zu nehmen.

Der letzte Abschnitt des Bandes stammt ausschließlich vom Mitherausgeber Peter Ullrich und bemüht sich aus erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Perspektive um ein Verständnis für die Vielfältigkeit unterschiedlicher, bisweilen einander ausschließender Begriffe und Definitionen von Antisemitismus. Nachdem er quasi auf einer Metaebene die Ausdrücke »Begriff« und »Definition« geklärt hat, formuliert Ullrich »acht Probleme der Begriffsbildung von Antisemitismus« (S. 217), u. a. die historische Wandlungsfähigkeit des Begriffs und des durch ihn bezeichneten Gegenstands, die Frage nach der Spezifizität des Antisemitismus, die ihn von anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit unterscheidet, oder die Frage danach, inwieweit Handlungen als antisemitisch zu klassifizieren sind, die zwar in ihrer Wirkung Jüdinnen*Juden schaden, ohne das aber intendiert zu haben. Dabei wird auch knapp auf Engels Kritik eingegangen, der jedoch keine »Chance auf Durchsetzung« bescheinigt wird (S. 222). Insgesamt sind die Überlegungen Ullrichs durchaus anregend und scheinen auch notwendig, um sowohl das geläufige Verständnis von Antisemitismus kritisch zu reflektieren und weiterzuentwickeln, als auch sich im Rahmen der wissenschaftlichen Debatte einem komplexen Antisemitismusbegriff anzunähern.

Getrübt wird der vielfach positive Eindruck des Bandes jedoch vor allem an jenen Stellen, wo Antizionismus bzw. israelbezogener Antisemitismus thematisiert werden. Wie ein roter Faden zieht sich das Narrativ durch das Buch, dass hier ein Begriff inflationär auf legitime Formen des Antizionismus angewendet werde, die einem »nicht-nationale[n] jüdische[n] Selbstverständnis und/oder universalistische[n] Perspektiven« (S. 49) entspringen würden. Beanstandet wird eine »Politisierung der wissenschaftlichen Debatte« (ebd.), wobei mir fraglich erscheint, ob eine scharfe Trennung von Wissenschaft und Politik bei einem Thema mit so eindeutig politischen Implikationen überhaupt möglich ist und ob eine derartige Politisierung nicht gerade auch von einigen Autor*innen des Bandes vorgenommen wird.

Ein Kapitel widmet sich dem Nahostkonflikt und kommt zu dem Schluss, dass »Antizionismus oder Israelfeindschaft […] nicht immer und nicht zwingend antisemitisch sein« (S. 87) müssten, weil diese Auseinandersetzung »im Kern […] ein Konflikt zweier Nationalismen, die einen Anspruch auf das gleiche Territorium erheben«, sei (S. 86). Gewarnt wird vor einer Unterschätzung des israelisch-palästinensischen »Realkonflikts«, die entstünde, wenn Vorfälle aller Art »primär aus antisemitismustheoretischer Sicht« bzw. »primär aus Perspektive der Antisemitismuskritik« gedeutet würden, laut der jedwede »Gegnerschaft zum Zionismus und zu Israel […] eine Form von Antisemitismus ist.« (S. 87; Hervorhebung i. O.) Als entgegengesetzte Pole der Antisemitismusforschung werden eine »Identitätsposition« (Antizionismus ist gleich Antisemitismus) und eine »Differenzposition« (Antizionismus und Antisemitismus sind zwei völlig verschiedene Phänomene) konturiert (S. 87). Plädiert wird sodann für eine in der Mitte liegende »Affinitätsposition«, die zwischen Antizionismus und Antisemitismus differenziert, ohne Überschneidungen auszuschließen. Des Weiteren werden die Argumentationsmuster der Konfliktparteien als »spiegelbildlich« bezeichnet (S. 88) und eine »erinnerungspolitische Formung der Nahostdebatten in Deutschland« beanstandet (S. 91-92). Die Arbeitsdefinition für Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und Natan Sharanskys 3D-Test (welcher die Grenze zwischen legitimer Israel-Kritik und Antisemitismus daran misst, ob eine Kritik Israel dämonisiert, delegitimiert und im Vergleich zu anderen Staaten einen doppelten Standard anlegt)[5] werden zurückgewiesen. Die von Antisemitismusforscher*innen wie Samuel Salzborn oder dem Aachener Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien (CARS) ausgehend von der Kritischen Theorie entwickelten Antisemitismusmodelle, die sowohl die IHRA-Definition als auch den 3D-Text integrieren und auf dieser Basis zwar nicht jede Form von Antizionismus, wohl aber jede Form von Israelfeindschaft, als Antisemitismus einstufen, werden im ZfA-Band nur knapp gestreift und als der »Identitätsposition« zugehörig zurückgewiesen. Ich halte diese Konzepte für überzeugender, weil sie einerseits der Vielschichtigkeit und Dynamik des Antisemitismus gerechter werden als die Versuche des ZfA, den Terminus einzuengen, und andererseits die empirischen Befunde des Nahostkonflikts besser erklären.[6]

Dagegen erhält die Philosophin Judith Butler im Abschnitt »Positionen« ein eigenes Kapitel an der Seite Sartres und Adornos. Sie wird als eine der »Ersten, die nicht nur die fatale politische Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs reflektieren und kritisieren, sondern damit die Ambivalenzen des ›Antisemitismus gegen Israel‹ in den Blick nehmen«, gewürdigt (S. 182). Zu ihren Verdiensten wird die Warnung vor der »Gefahr einer Entleerung des Begriffs« und »der repressiven Verwendung des Vorwurfs« des Antisemitismus (S. 185) gezählt, durch den »dem legitimen Protest enge Grenzen gesetzt« würden (S. 182). Zwar ist eine Auseinandersetzung mit den Thesen Butlers allein schon aufgrund ihrer Prominenz sicherlich notwendig, doch scheint es mehr als fragwürdig, diese Thesen, die die reaktionäre Vorstellung einer wirkmächtigen Antisemitismuskeule implizieren, dergestalt zu affirmieren, wie es im ZfA-Band geschieht.

Im direkten Vergleich beider Bände zeigen sich so nicht allein ihre jeweiligen Stärken und Schwächen, sondern auch verschiedene Schwierigkeiten der Antisemitismusforschung, auf die sie verweisen. Der Sammelband des Tauber Institute enthält viele lesenswerte Beiträge, demonstriert aber auch die mangelnde Beschäftigung von Historiker*innen mit der sozialwissenschaftlichen Antisemitismusforschung, die im Band des ZfA geleistet wird. Dieser wiederum zeigt nicht nur die Vielgestaltigkeit der Forschung auf, sondern auch den hohen Grad ihrer Politisierung, die hier zwar vor allem der dezidiert prozionistischen Forschungsrichtung vorgehalten wird, aber auch auf Teile des Bandes selbst zutrifft. Trotz vieler nützlicher und anregender Abschnitte ist er daher nur eingeschränkt zu empfehlen, weil er den erhobenen Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität überall dort nicht einhalten kann, wo er in der Auseinandersetzung mit Antizionismus selbst politisch argumentiert, ohne dies hinreichend zu reflektieren.

 

Zitierempfehlung

Andreas Rentz, Doppelrezension zu: Scott Ury/Guy Miron (Hrsg.), Antisemitism and the Politics of History, Brandeis University Press, Waltham 2023; Peter Ullrich/Sina Arnold/Anna Danilina u.a. (Hrsg.), Was ist Antisemitismus? Begriffe und Definitionen von Judenfeindschaft, Wallstein Verlag, Göttingen 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81988.pdf> [17.4.2024].

 

[1]David Engel, Away from a Definition of Antisemitism. An Essay in the Semantics of Historical Description, in: Jeremy Cohen/Moshe Rosman (Hrsg.), Rethinking European Jewish History, Oxford 2009, S. 30–53.

[2]Gavin I. Langmuir, Toward a Definition of Antisemitism, Berkeley, Calif. 1990.

[3] Vgl. https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/328693/antisemitismus-in-der-bds-kampagne/; https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/400-prozent-anstieg-antisemitischer-vorfaelle-an-hochschulen/ [9.4.2024].

[4] Vgl. Werner Bergmann/Rainer Erb, Kommunikationslatenz, Moral und öffentliche Meinung. Theoretische Überlegungen zum Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 38, 1986, S. 223–246.

[5]Natan Sharansky, Emerging Anti-Semitic Themes (Foreword), in Jewish Political Studies Review 16, 2004, Nr. 3-4, S. 5-8.

[6] Vgl. exemplarisch Samuel Salzborn, Antisemitismus. Geschichte, Theorie. Empirie, Baden-Baden 2014.

Knud Andresen/Sebastian Justke/Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.), Vom Ich zum Wir und wieder zurück? Subjektverständnisse zwischen Politisierung und Entradikalisierung seit den 1960er Jahren

Wallstein Verlag | Göttingen 2023 | 267 Seiten, gebunden | 34,00 € | ISBN 978-3-8353-5489-0

rezensiert von

Uwe Sonnenberg, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin

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»Vom Ich zum Wir und wieder zurück« – mit einem Fragezeichen versehen – ist der Titel einer akademischen Festschrift. Mit ihr wird dem Kopenhagener Zeithistoriker Detlef Siegfried zu seinem 65. Geburtstag gratuliert. In einer beigegebenen Würdigung zeichnet Jürgen Reulecke die Karriereschritte Siegfrieds nach und bespricht dessen wichtigste Werke. Der Band leistet aber zugleich einen Beitrag zur »Vorgeschichte« einer Gegenwart, die von Soziolog*innen heute unter anderem als »Gesellschaft der Singularitäten« (Reckwitz) beschrieben wird.[1] Nachgegangen wird der Frage, »wie und ob sich in politischen und gesellschaftlichen Debatten [seit den 1960er-Jahren] Verschiebungen in den Subjektverständnissen – also der Verortung des Individuums im gesellschaftlichen Kontext – zeigten.« (S. 14) Dabei werden diverse Forschungsansätze, zum Teil auch -inhalte, aus den Werken des Jubilars aufgegriffen, etwa Siegfrieds Arbeiten über Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 1960er-Jahre sowie seine Untersuchungen zum alternativen Milieu der 1970er-Jahre.[2] Mit Abstand am häufigsten aber rekurrieren die Autor*innen auf Siegfrieds Aufsatz »Die Rückkehr des Subjekts«. 2008 ebenfalls in einer akademischen Festschrift publiziert, erkennt Siegfried darin neue »postindustrielle« Subjektivitätskonzepte im Verlauf von Politisierungs- und auch Entradikalisierungsprozessen verschiedener Akteur*innen.[3]

Die insgesamt neun Beiträge sind in vier Rubriken untergliedert. Es geht als erstes um neue Perspektiven, die sich mit der »Rückkehr des Subjekts« in die Forschung ergaben. Dagmar Herzog beschreibt den Erfolg, den Ernst Klee mit beharrlichem Engagement hatte, die westdeutsche Öffentlichkeit wie auch die geschichtswissenschaftliche Zunft nach Jahrzehnten »der Ablehnung und des Desinteresses dazu zu bringen, die Ermordung von Menschen mit Behinderung als Verbrechen ernst zu nehmen« (S. 24). Klees Pionierarbeit über »›Euthanasie‹ im NS-Staat« sei Auslöser eines »moralpolitischen Durchbruchs« in der alten Bundesrepublik gewesen (S. 38). Gabriele Kandzora berichtet über ihre Erfahrungen als Lehrerin mit Projektpädagogik an einer Hamburger Reformschule. Dabei macht sie sehr bedenkenswert auf die unterschiedlichen Subjektverständnisse aufmerksam, mit denen Pädagog*innen und Zeithistoriker*innen jeweils operieren.

Es folgen in der zweiten Rubrik Fallbeispiele aus den Alternativszenen Westeuropas. Tobias De Fønss Wung-Sung verfolgt den Wandel der Schwulen- und Lesbenbewegung in Dänemark. Im Zentrum seiner Betrachtung steht mit der F-48 eine Interessenvertretung, die Ende der 1970er-Jahre noch für »clear left-leaning political ambitions« stand und bis Mitte der 1980er-Jahre zu einer »vibrant and multifaceted but also de-radicalized« Organisation geworden war (S. 79). Nikolaos Papadogiannis wertet für den gleichen Zeitraum die ersten »alternativen« Reiseführer und -berichte westdeutscher Globetrotter aus und »demonstrates how the globetrotters‘ approaches to sex tourism as an ›authentic‹ experience and a key to empathy for their hosts diverged« (S. 84). Er erkennt sowohl antikoloniale und neue feministische Argumentationen, als jedoch auch das Fortbestehen alter Stereotype. Kristoff Kerl untersucht den Umgang mit drogenbasiertem Rausch um 1970 »zwischen Revolution und Reklame« (S. 100) sowie als Teil neuer »Formen der Subjekt- und Lebensführung« (S. 118) bis in die Mitte der Gesellschaft, was wiederum (wert)konservative Angst vor einem Verfall von Moral und ergo heftigen Widerstand von rechter Seite auslöste.

In der dritten Rubrik wird der Blick in den zweiten realexistierenden Staat auf deutschem Boden hinein gelenkt: die DDR, an deren Beginn die Parole »Vom Ich zum Wir« ein zentrales Motto der Kollektivierungskampagne auf dem Lande gewesen war.[4] Entsprechend diskutiert Dorothee Wierling in ihrem Beitrag Individualisierung und Subjektivierung in entgegengesetzter Entwicklungsrichtung. Ja, auch in der DDR habe es einen Wertewandel gegeben, was Wierling den wenigen belastbaren Datensätzen soziologischer Forschung, vor allem aber sozialen Praktiken in der Konsum- und Nischengesellschaft entnehmen kann. Letztere diskutiert sie insbesondere als kulturelle Aneignungen, die sie jedoch als kreative Prozesse versteht, weswegen es in der DDR »wie im Westen – nur anders« (S. 161-164) gewesen ist. Den Weg, auf dem Silly ihr Ich vom Wir emanzipierte, schildert Michael Rauhut. Die für viele wichtigste Rockcombo der DDR (mit ihrer schillernd-charismatischen Frontfrau Tamara Danz) habe sich in den 1980er-Jahren vom Egalitätsdruck befreit, den »Grenzgang« perfektioniert (S. 125), sich mit der Macht arrangieren können und dennoch nicht vereinnahmen lassen.

Insgesamt fünf Beiträge beinhaltet die Rubrik »Politische Linke«. Für die Bundesrepublik ganz naheliegend widmet sich Knud Andresen dabei Selbstverständigungsprozessen innerhalb der maoistischen Parteien, der sogenannten K-Gruppen. »Gestaltungswille« wie auch »die Bereitschaft zum Einsatz in und für die Gesellschaft« haben darin nicht nur mehr geprägt als »das private Vergnügen«, so ist bei Andresen in einem selten so gegebenen Ausblick zu lesen, sie seien für die dort »subjektivierten Individuen« auch ein »über die politischen Wandlungen hinaus […] prägendes Moment ihrer Lebensführung« geblieben (S. 215). Hanno Plass erkundet, wie der algerische Unabhängigkeitskampf zwischen 1950 und 1970 in den südafrikanischen Befreiungsbewegungen (vor allem in der South African Communist Party) rezipiert und welche Rückschlüsse aus den in Algerien gemachten Erfahrungen dort für die eigene Politik gezogen wurden. In Stefanie Schüler-Springorums Beitrag über den »Mauergucker« Franz Josef Degenhardt geht es nicht etwa um das Verhältnis des Schriftstellers, Juristen und Liedermachers zur Berliner Mauer. Vielmehr betrachtet sie seine frühen, eher sozialkritisch und moralisch als marxistisch ausgerichteten Werke und erkennt in deren wirkmächtigen Texten und Bildern radikal-subjektive Reflektionen über das Leben in der BRD als einem postfaschistischen Land.[5]

Der Beitrag von Markus Mohr wiederum führt in das Jahr 1999 und nach Zittau, das heißt ganz an die östliche Grenze des vereinigten Deutschlands, wo innerhalb eines antirassistischen Grenzcamps plötzlich noch einmal ganz neue Grenzen gezogen wurden. Identitätspolitisch aufgeladene Debatten außerinstitutioneller Linker hatten sich seit den 1970er-Jahren fortgesetzt und sich – ohne, dass den Protagonist*innen die historische Spur als solche bewusst gewesen sein mag – in ihrem Gehalt noch einmal gewandelt. Schließlich macht sich David Templin auf die Spur von früheren Anhängerinnen und Anhängern der Gruppe Devrimci Yol (Revolutionärer Weg), die in den 1980er-Jahren in Hamburg gelandet waren. Wie erzählen diese bislang in der Forschung wenig beachteten Akteure heute über ihr Leben und ihr (letztlich gescheitertes) politisches Engagement?

Gerade in den zwei letztgenannten Beiträgen wird mit der Untersuchung migrantischer (Selbst-)Organisation in der Einwanderungsgesellschaft oder dem Agieren (post-)autonomer Linker in den 1990er-Jahren bereits der Boden für künftige Forschungsarbeiten erkennbar. Wünschenswert wäre auch ein Beitrag dazu gewesen, wie aus Konsument*innen im Zuge der Pluralisierung von Lebensstilen die Figur des Verbrauchers mit eigenem Selbstbewusstsein im wirtschaftlichen Gefüge wurde – und was daraus wurde. Viel zu selten wird zudem der Blick auf das Themenfeld Wirtschaft oder in die Welt der Arbeit gewagt. Freilich, so sehr die einzelnen Beiträge des Buches mit großem Erkenntnisgewinn zu lesen sind, lassen sie sich in ihrer Gesamtheit schon jetzt nur schwer gemeinsam diskutieren.

Zumal die Beiträge methodisch auf kaum vergleichbaren Ebenen angelegt sind. Mal werden Praktiken, mal Diskurse analysiert. Mal wird die Interpretation von Liedtexten vorgenommen, mal die langfristige Wirkungsgeschichte von Büchern beschrieben, mal geht es um persönliche Erfahrungsberichte und mal werden statistische Auswertungen mit dem Habitus-Konzept konfrontiert, um soziale Milieus zu erkennen. Auch Interviews werden geführt und selbstverständlich die zeitgenössische Presse, ›graue Literatur‹ und Archivakten studiert. Diese methodische Vielfalt ist fraglos reizvoll und sie macht auch den Charme aus, wenn erforscht wird, »wie und ob sich neue Subjektivitätsmerkmale seit den 1960er Jahren entwickelten« (S. 14).

Allerdings werden in den Fallbeispielen immer wieder ganz verschiedene »Wir« angerufen oder sie haben sich – was die Sache erneut nicht einfacher macht – vor verschiedenen Hintergründen in differenzierte Interessen, Belange, Positionen und darin in ganz unterschiedliche Subjektivitäten übersetzt. Entspricht das nun dem »und wieder zurück« im Titel? Das diesbezügliche Fragezeichen bleibt in vielen Beiträgen unaufgelöst. So landen wir beim Nachdenken über das vorgelegte Buch tatsächlich in einer Gegenwart, in der es schwerfällt, zu einem tieferen gesellschaftsdiagnostischen und gesellschaftskritischen Verständnis zu gelangen, und bei einer Gesellschaft, in der angesichts neuer Problemlagen (von ›Corona‹ über Krieg bis hin zur menschengemachten ökologischen Krise) bereits um notwendige neue »Wir« gerungen wird – und doch viel zu oft nur die alten hervorgeholt werden. Detlef Siegfried auch von mir die besten Wünsche zu seinem 65. Geburtstag!

 

Zitierempfehlung

Uwe Sonnenberg, Rezension zu: Knud Andresen/Sebastian Justke/Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.), Vom Ich zum Wir und wieder zurück? Subjektverständnisse zwischen Politisierung und Entradikalisierung seit den 1960er Jahren, Wallstein Verlag, Göttingen 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81983> [17.4.2024].

 

[1]Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017.

[2]Detlef Siegfried, Time is on my Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, um ein Nachwort erw. Auflage, Göttingen 2017 (zuerst 2006); ders./Sven Reichardt (Hrsg.), Das Alternative Milieu. Antibürgerlicher Lebensstil und linke Politik in der Bundesrepublik Deutschland und Europa 1968–1983, Göttingen 2010.

[3]Detlef Siegfried, Die Rückkehr des Subjekts, in: Olaf Hartung/Katja Köhr (Hrsg.): Geschichte und Geschichtsvermittlung, Festschrift für Karl Heinrich Pohl, Bielefeld 2008, S. 125-146.

[4] Überraschenderweise wird im besprochenen Buch auf diese oder eine andere mögliche Herkunft des Titelzitats nicht eingegangen. Das Motto zierte auch die Beitrittsurkunde der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), vgl. Uta Bretschneider, »Vom Ich zum Wir«? Flüchtlinge und Vertriebene als Neubauern in der LPG, Leipzig 2016.

[5] Die vorgestellten Lieder können mit Hilfe von QR-Codes einzeln aufgerufen und nachgehört werden – ein sehr zu begrüßendes crossmediales Angebot in einer wissenschaftlichen Publikation!

Detlev Brunner/Michaela Kuhnhenne (Hrsg.), Proteste, Betriebe und Gewerkschaften. Beiträge zur ostdeutschen Transformation seit 1990

(Schriftenreihe der Johannes-Sassenbach-Gesellschaft, Nr. 7)

BeBra Wissenschaft | Berlin 2023 | 120 Seiten, Paperback | 24,00 € | ISBN 978-3-95410-317-1

rezensiert von

Christian Rau, Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, Berlin

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Die post-sozialistische Transformation in Ostdeutschland, die viele Jahre lang das Sujet der Sozialwissenschaften war, erfährt seit einigen Jahren eine intensive Historisierung. Dominierte dabei anfangs noch die Perspektive auf nationale Akteure wie die Treuhandanstalt, geraten zunehmend auch lokale Sichtweisen in den Fokus. Der von zwei ausgewiesenen Gewerkschaftsforscher:innen herausgegebene Sammelband »Protest, Betriebe und Gewerkschaften« trägt zu dieser Perspektivverschiebung bei und schließt zugleich an jüngere Arbeiten an, die sich mit betrieblichen oder gewerkschaftlichen Akteuren in dieser tiefgreifenden Umbruchphase beschäftigt haben.[1] Ziel der Herausgeber:innen ist es aber nicht nur, einen historiographisch-methodischen Beitrag zu jener auch politisch heiß umkämpften Phase zu leisten, indem sie konkret nach Einflussmöglichkeiten von Belegschaften und Gewerkschaften auf die Politik der Treuhand fragen. Ihr Anspruch erstreckt sich auch auf das Feld der Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. So verstehen sie ihren Band gleichermaßen als Beitrag zur Zukunftsdebatte in (Ost-)Deutschland, für die sie die Transformationserfahrungen der Ostdeutschen fruchtbar machen möchten.

Die fünf Beiträge zum Kampf um das Stahlwerk Hennigsdorf (Jakob Warnecke), zum Konflikt um die Thüringer Faser AG (Jary Koch), zum Automobilwerk Eisenach (Jessica Lindner-Elsner), zur ADDINOL Mineralöl GmbH (Konrad Bunk) und zur Berichterstattung über die Proteste gegen die Politik der Treuhand (Justin Andrae) bieten jeweils für sich genommen spannende Tiefenbohrungen, aus denen die Dynamik der historischen Ereignisse, Prozesse und Akteurskonstellationen hervorgeht. Gleichwohl ist die Qualität der Beiträge recht unterschiedlich. Dies hat zum Teil damit zu tun, dass sie aus unterschiedlichen Qualifikationsstadien stammen. Sie beruhen auf Masterarbeiten, Doktorarbeiten und Post-Doc-Projekten. Insofern ist die unterschiedliche Qualität kein Manko, sondern es ist vielmehr begrüßenswert, dass auch Abschlussarbeiten, die ansonsten in Universitätsschränken verschwinden, veröffentlicht wurden. Etwas enttäuschend ist jedoch der auf einer Doktorarbeit beruhende Aufsatz von Lindner-Elsner. Hier bleibt die betriebliche Ebene zu blass. Stattdessen dient ihr das Automobilwerk als Beispiel, um die mit der wirtschaftlichen Transformation einhergehenden sozialen Ungleichheiten zu exemplifizieren, ohne jedoch zum bekannten Problem der Benachteiligung und der Armutsrisiken von Alleinerziehenden und älteren Frauen wesentlich Neues beizutragen. Das ist umso bedauerlicher, als die anderen Beiträge die Geschlechterdimension bestenfalls anreißen. Nur an einer Stelle weist Lindner-Elsner darauf hin, dass die Interessen dieser marginalisierten Gruppen in betrieblichen Sozialplanverhandlungen durchaus vertreten wurden. Darüber hätte man gern mehr erfahren.

Demgegenüber verdeutlichen die Beiträge von Warnecke, Koch und Bunk, welches Potential in einem konsequenten mikrohistorischen Zugriff liegt. Vor allem Warnecke zeigt, wie betriebsinterne Konflikte in den späten 1980er Jahren in bürgerschaftliches und gewerkschaftliches Engagement nach 1989/90 münden konnten. Es greift also zu kurz, ostdeutsche Belegschaftsproteste einzig aus Konfliktkonstellationen mit der Treuhand heraus zu erklären, auch wenn diese im Falle der Thüringer Faser AG tatsächlich die Initialzündung für eine landesweite Protestbewegung darstellten. Westdeutsche Gewerkschaftsstrukturen wurden dabei, so ein weiterer Befund, nicht zwangsläufig als übergestülpt erfahren, sondern vermochten es besonders auf örtlicher Ebene, ostdeutsche Interessen zu bündeln und in den politischen Diskurs einzubringen. So beteiligten sich Belegschaftsvertreter:innen und Gewerkschaften vor Ort auch an Standortdebatten, die über die Ebene des Betriebs hinauswiesen. Wie unterschiedlich und mitunter unentschieden sich dabei auch die Landesregierungen verhielten, die ja Sitz und Stimme im Verwaltungsrat der Treuhand hatten, zeigen besonders die Beiträge von Koch und Bunk. Solche lokalen und regionalen Dynamiken geraten in der Vogelperspektive ebenso aus dem Blick wie das auf dieser Ebene wirksame Ineinandergreifen von westdeutscher Gewerkschaftspolitik und ostdeutschen Interessen. Die lediglich bei Bunk kurz angerissene Rolle der Europäischen Union verdient künftig aber ebenso eine stärkere Beachtung. Ein kleines Manko ist es auch, dass die Beiträge zu sehr darum bemüht sind, die relativen Erfolge der Belegschaften und Gewerkschaften in den Fokus zu stellen, sodass Bruchlinien innerhalb der Belegschaften eher wenig Aufmerksamkeit erfahren.

Thematisch etwas außerhalb der betrieblichen und regionalen Fallstudien steht der mediengeschichtliche Beitrag von Andrae, der dennoch eine wichtige Perspektive in die Debatte einbringt. Er zeigt nicht nur Konjunkturen in der nationalen Berichterstattung über die Treuhand auf und gibt Einblicke in den Alltag der Pressestelle der Behörde, sondern kontrastiert diese Ergebnisse auch mit der regionalen Berichterstattung, in der die Treuhand viel intensiver und emotionaler verhandelt wurde. Auch wenn das alles nicht ganz neu ist, erweist sich doch vor allem der vergleichende, wenngleich zu kurz kommende Rekurs auf audio-visuelle Medien als anregend für weitere Fragestellungen, etwa, wie deren Eigenlogiken und -narrative auf Identitätskonstruktionen ostdeutscher Belegschaften einwirkten. Der Beitrag lässt sich somit auch als Aufforderung verstehen, die Medien als aktiv Handelnde in die historische Analyse zu integrieren.

Während sich die Beiträge trotz kleiner Monita nicht nur für die Gewerkschaftsgeschichte, sondern auch für die Transformationsgeschichte als weiterführend erweisen, indem sie zeigen, dass das oft für den Osten bemühte Opfernarrativ zu einseitig ist, bleiben die Bezüge zur Gegenwart (und Zukunft) am Ende doch recht vage und assoziativ. Nur an wenigen Stellen berühren die Beiträge überhaupt diese in der Einleitung so stark gemachte Dimension und auch die Herausgeber:innen bleiben ein entsprechendes Resümee schuldig. Dazu hätten die Beiträge über ihre kurzen Betrachtungszeiträume – in der Regel die Treuhand-Jahre von 1990 bis 1994 – hinausgehen und nach längerfristigen Dynamiken fragen müssen. So bleibt etwa Kochs Behauptung, dass die ostdeutsche betriebliche Protestbewegung ein »wichtiges Kapitel bundesdeutscher Demokratie- und Protestgeschichte« (S. 36f.) sei, ohne weitere Ausführungen stehen. Dabei ist es fraglich, ob es sich bei den Protesten tatsächlich um eine »Bewegung« handelte, denn die meisten betrieblichen Proteste blieben auf ihre örtlichen Wirkungsräume begrenzt. Das Protestbündnis, das Koch selbst untersucht, ist hier eher eine Ausnahme. Auch drängt sich der Eindruck auf, dass Koch den Demokratiebegriff eher normativ verwendet. In der Tat steht die historische Transformationsforschung, die noch immer sehr stark auf die wirtschaftliche Dimension fokussiert, vor der großen und dringlichen Herausforderung, umfassendere historische Perspektiven auf die (ost-)deutsche Demokratiegeschichte nach 1990 zu entwickeln. Das leistet der vorliegende Sammelband jedoch nicht, so sehr er mit seiner mikrogeschichtlichen Perspektivierung überzeugt.

 

Zitierempfehlung

Christian Rau, Rezension zu: Detlev Brunner/Michaela Kuhnhenne, Protest, Betriebe und Gewerkschaften. Beiträge zur ostdeutschen Transformation seit 1990, BeBra Wissenschaft, Berlin 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81984> [17.4.2024].

 

[1] Vgl. Detlev Brunner/Michaela Kuhnhenne/Hartmut Simon (Hrsg.), Gewerkschaften im deutschen Einheitsprozess. Möglichkeiten und Grenzen in Zeiten der Transformation, Bielefeld 2018; Eric Weiß, Gewerkschaftsarbeit im Vereinigungsprozess. Die Industriegewerkschaft Chemie-Papier-Keramik in der Transformationszeit 1990–1994, Berlin 2018; Christian Rau, Die verhandelte »Wende«. Die Gewerkschaften, die Treuhand und der Beginn der Berliner Republik, Berlin 2022; Eva Lütkemeyer, Wendemanöver. Die Transformation der ostdeutschen Werftindustrie 1989/90–1994, Berlin 2023.

Thomas Großbölting, Alfred Müller-Armack – die politische Biografie eines Ökonomen

(Veröffentlichungen des Universitätsarchivs Münster, Nr.17)

Aschendorff Verlag | Münster 2023 | 95 Seiten, gebunden | 29,00 € | ISBN 978-3-402-15903-3

rezensiert von

Ralf Ptak, Universität Köln

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Der Historiker und Leiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Thomas Großbölting, hat eine politische Biographie zu Alfred Müller-Armack vorgelegt – der neben Ludwig Erhard wohl wichtigsten Ikone der Sozialen Marktwirtschaft. Die Publikation ist in der Reihe »Veröffentlichungen des Universitätsarchiv Münster« erschienen, was deshalb erwähnenswert ist, weil Müller-Armack in Münster wesentliche Stationen seines akademischen Werdegangs verbracht hat. Auch wenn der Titel einen umfassenden Zugang zu Person und Werk erwarten lässt, steht die Auseinandersetzung mit der Rolle Müller-Armacks in der Zeit des Nationalsozialismus im Zentrum der nur knapp über 90 Seiten starken Schrift. Alle übrigen Abschnitte zur Kindheit, zur Rolle als Ökonom und als führender Theoretiker der Sozialen Marktwirtschaft sowie maßgeblicher Wirtschaftspolitiker der Nachkriegszeit zeigen sich eher als Umrahmung der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Müller-Armacks. Obwohl der Text durch diesen Zuschnitt der gesamten Komplexität von Person und Werk Müller-Armacks kaum gerecht wird, nimmt sich Großbölting einer wichtigen, bis heute unterbelichteten und zudem kontrovers diskutierten Fragestellung an. Für ihn geht es in erster Linie um die Klärung der Frage, ob das NSDAP-Mitglied Müller-Armack tatsächlich lediglich ein Mitläufer, ggf. ein Opportunist der NS-Zeit war, der wie viele andere Intellektuelle nach anfänglicher Sympathie in die »innere Emigration«, ja sogar in eine Art passiven Widerstand gegangen sei. So behaupten es vor allen Dingen ehemalige Schüler Müller-Armacks und ordoliberale Sympathisanten, die retrospektiv diese Legende verbreitet haben, da der Protagonist selbst einer Aufklärung dieser Frage lebenslang ausgewichen war.

Es ist Großbölting zuzustimmen, dass diese Auseinandersetzung deshalb von Bedeutung ist, weil Müller-Armack eine herausragende Bedeutung für die bundesdeutsche Legendenbildung um die Soziale Marktwirtschaft hat. Man könnte etwas präziser sagen: Die Narrative um die Soziale Marktwirtschaft sind konstituierend für die westdeutsche Identitätsbildung, weshalb die führenden Köpfe der wirtschaftlichen Neuordnung nach 1945 von jeglicher NS-Belastung oder auch nur indirekter Verwicklung reingewaschen werden mussten. Das gilt im Übrigen nicht nur für den besonderen Fall Müller-Armacks, sondern letztlich für die gesamte ordoliberale Gründergeneration, die mit Ausnahme der Exilanten Alexander Rüstow und Wilhelm Röpke in Deutschland geblieben war und in dieser Zeit die theoretischen Grundlagen des Ordoliberalismus erarbeitet und veröffentlicht hatte. Besonders Leonhard Miksch und Ludwig Erhard waren in die kriegswirtschaftliche Beratung einbezogen, andere Vertreter der Freiburger Schule suchten mit ihren Forschungsarbeiten nach Anschlussmöglichkeiten für das Modell einer autoritären Marktwirtschaft.[1]

Großbölting nimmt sich die einzelnen Argumentationsstränge der biographischen Reinwaschung von Müller-Armack differenziert vor, mal scharf und deutlich formulierend, dann aber auch changierend und etwas unsicher. Das mag daran liegen, dass Großbölting als Historiker sonst zu ganz anderen Themenfeldern forscht bzw. publiziert und ob der narrativen Mächtigkeit des tradierten Bildes Müller-Armacks Vorsicht walten lässt. Gut gelungen ist die Auseinandersetzung mit Müller-Armacks Schrift »Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen Reich« von 1933, in der seine Sympathien für das Völkische und den italienischen Faschismus ebenso deutlich werden wie seine grundsätzliche Begeisterung für die »neue« Zeit. Schließlich wird diese Schrift in den meisten biographischen Beiträgen ignoriert oder als Ausrutscher deklariert. Erhellend, wenn auch nicht gänzlich neu, ist die Aufarbeitung der Münsteraner Zeit von Müller-Armack, denn hier wurde er 1940 zum ordentlichen Professor für Nationalökonomie und Kultursoziologie berufen und hier begann auch die Legendenbildung zu seiner Person. Großbölting stellt gut belegt dar, wie Müller-Armack die unter seiner Leitung stehenden Forschungsinstitute zur Wohnungswirtschaft und insbesondere zur Textilwirtschaft im kriegswirtschaftlichen Kontext positionierte und dabei mit diversen regionalen und Wirtschaftsgrößen der NSDAP eng kooperierte.

Das tat Müller-Armack weitgehend ohne Verwendung rassistischer und antisemitischer Ideologeme, aber mit klarem Bekenntnis zum deutschen Nationalismus und zur völkischen Großraumwirtschaft. Etwas undeutlich bleibt Großbölting in der Diskussion um die Behauptung, dass die Verwendung des Begriffs Marktwirtschaft im Münsteraner Wirken Müller-Armacks als widerständige Handlung zu werten sei, wie es dessen Verteidiger häufig anführen. Dieses Argument wird auch gern in der Auseinandersetzung um die Freiburger Schule und ihre ab 1937 erschienene »Schriftenreihe zur Ordnung der Wirtschaft« angeführt. Es beruht jedoch auf einem verkürzten Verständnis nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik. Zumeist wird dabei auf den von Eucken selbst produzierten Dualismus von Marktwirtschaft einerseits und Zentralverwaltungswirtschaft anderseits abgehoben, wobei dem Nationalsozialismus letztere zugeschrieben wird. Das ist allerdings bestenfalls halb richtig, denn jenseits der kriegswirtschaftlichen Organisation der Volkswirtschaft, in der immer Produktion zentralisiert und marktwirtschaftlicher Wettbewerb ausgesetzt wird, waren weder Hitler noch die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen der NSDAP gegen Marktwirtschaft an sich, wie sich an vielen NS-Quellen nachweisen lässt. Sie schwadronierten zwar propagandistisch gegen liberalistisches Versagen, verteidigten aber durchaus die »natürlichen« Selektionsmechanismen einer (autoritären) Marktwirtschaft. Gerade weil die NSDAP in der Wirtschaftspolitik über kein festes Konzept verfügte und ihre Positionen diesbezüglich voller Ambivalenz waren, witterten die Vertreter eines autoritären Liberalismus zumindest bis Anfang der 1940er-Jahre durchaus eine Chance, mit dem starken Staat eine marktgerechte Ordnungspolitik wenigstens in Teilen umzusetzen.

Großbölting erwähnt auch Müller-Armacks Schrift »Entwicklungsgesetze des Kapitalismus« von 1932, die er allerdings als weniger bedeutend betrachtet. Das ist mit Blick auf Großböltings primäres Erkenntnisziel durchaus nachvollziehbar, aber im Hinblick auf die Gesamtperson Müller-Armacks und sein Werk nicht angemessen. Tatsächlich stehen die beiden genannten Schriften von 1932 und 1933 in unmittelbarer Kontinuität zueinander, auch wenn der Wechsel zu einer völkischen Sprache in »Staatsidee und Wirtschaftsordnung« von 1933 diesen Blick zunächst verstellt. Gerade in den »Entwicklungsgesetzen« von 1932 werden die Grundelemente seines Denkens deutlich, die er dann 1933 mit völkischem Geschwurbel auflädt. Ihm geht es um Kapitalismus als ein offenes System, das unter verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen existieren kann: »Die vom Kapitalismus zum Systemgedanken gemachte Fortschrittsförderung hat eine Richtung, aber kein festes Ziel. Der vom Kapitalismus realisierte Fortschritt darf nicht als schrittweise Annäherung an ein Ideal verstanden werden.«[2] In scharfer Abgrenzung zum Marxismus und in Anlehnung an seine konjunkturpolitischen Studien der 1920er-Jahre prägte er den Begriff der »Selbstrealisierung«, der als evolutionäres Prinzip die Offenheit des kapitalistischen Prozesses gewährleisten soll und zugleich den Kapitalismus als »geschichtliches Monopol« begründet. Zur Stabilisierung dieses Systems hielt es Müller-Armack für unabdingbar, dass »ein objektives Ordnungsgefüge, mit dem der erwünschte Erfolg zu erreichen ist, ›erfunden‹ wird.«[3]

Die Erfindung eines solchen Ordnungsgefüges ist der Kern des Denkens und Wirkens von Müller-Armack. Zurecht verweist Großbölting auf den Begriff »Geschichtsaktivismus« in der Schrift von 1933, den Müller-Armack einsetzt, um die Notwendigkeit ideologischer Anpassungen an veränderte Gesellschaftsformationen zu beschreiben. Müller-Armacks Analysen der gesellschaftspolitischen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen haben den Zweck, für die jeweils spezifische historische Phase des Kapitalismus das erforderliche Framing, das »objektive Ordnungsgefüge«, immer wieder neu zu ›erfinden‹. Deshalb ist Müller-Armacks Weg vom Nationalismus hin zur Religion als neuer ideologische Klammer in der Nachkriegszeit kein Bruch, sondern eine Kontinuitätslinie. So erklären sich auch die inhaltlich stark divergierenden Texte im Werk von Müller-Armack, die es praktisch allen politischen Kräften in Deutschland bis heute möglich machen, sich auf ihn und die Soziale Marktwirtschaft zu beziehen. Und so ist die theoretische Leere der Sozialen Marktwirtschaft als Konzeption, die Großbölting benennt, kein Fauxpas. Sie ist vielmehr Ausdruck dessen, dass die Soziale Marktwirtschaft von Müller-Armack als eine flexible Implementierungsstrategie und als methodisches Prinzip angelegt wurde, um die Grundsätze der sperrigen ordoliberalen Programmatik in die reale Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepublik zu überführen.[4] Vor diesem Hintergrund ist es auch wenig zielführend, einzelne theoretische Widersprüche zwischen Müller-Armack und anderen Ordoliberalen übermäßig zu betonen, handelt es sich doch eher um eine komplementäre Beziehung mit unterschiedlichen Handlungsfeldern auf der Grundlage eines gemeinsamen ordoliberalen Weltbildes. Ob Müller-Armack dabei der Erfinder des Begriffs der Sozialen Marktwirtschaft war, wie er selbst und seine Apologeten stets suggerieren, ist umstritten, aber letztlich ohne Belang. Hier lohnt sich vielmehr ein Blick auf die konkrete Popularisierung des Begriffs in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Uwe Fuhrmann sehr deutlich herausgearbeitet hat.[5]

Trotz ihrer Engführung ist die Biographie von Großbölting ein anregender und lesenswerter Text zur Auseinandersetzung um Müller-Armack und die Soziale Marktwirtschaft. Die im Zentrum stehende Debatte um dessen nationalsozialistische Vergangenheit ist ein wichtiger Beitrag in einer bis heute weitgehend verdrängten deutschen Diskussion. Vielleicht wäre ein anderer, dem Inhalt angemessener Titel sinnvoll gewesen. Auch hätte dem Text ein ordentliches Lektorat gutgetan, da einige Quellen ungeklärt oder missverständlich bleiben.

 

Zitierempfehlung

Ralf Ptak, Rezension zu: Thomas Großbölting, Alfred Müller-Armack – die politische Biografie eines Ökonomen, Aschendorff Verlag, Münster 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81985.pdf> [17.4.2024].

 

[1] Vgl. Ralf Ptak, Vom Ordoliberalismus zur Sozialen Marktwirtschaft. Stationen des Neoliberalismus in Deutschland, Opladen 2004, S.62-109.

[2]Alfred Müller-Armack, Entwicklungsgesetze des Kapitalismus. Ökonomische, geschichtstheoretische und soziologische Studien zur modernen Wirtschaftsverfassung, Berlin 1932, S. 38.

[3] Ebd., S. 18 u. 42.

[4] Vgl. Thomas Biebricher/Ralf Ptak, Soziale Marktwirtschaft und Ordoliberalismus zur Einführung, Hamburg 2020, S.77-148.

[5]Uwe Fuhrmann, Die Entstehung der »Sozialen Marktwirtschaft« 1948/49. Eine historische Dispositivanalyse, Konstanz 2017.

Benedikt Josef Neuroth, Das Private in der Sicherheitsgesellschaft. Umstrittene Freiheitsrechte in den USA 1963–1977

(Bürgertum. Neue Folge, Bd. 23)

Vandenhoeck & Ruprecht | Göttingen 2023 | 422 Seiten, gebunden | 70,00 € | ISBN 978-3-525-30222-4

rezensiert von

Antonia Wegner, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

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Wer die gegenwärtigen politischen Verwerfungen der US-Gesellschaft aus historischer Perspektive verstehen will, setzt oft bei den tiefgreifenden Verschiebungen in den 1960er- und 1970er-Jahren an. Auch Benedikt Josef Neuroth untersucht in seiner Dissertation mit den Auseinandersetzungen um »privacy« und »security« zwischen 1963 und 1977 einen Diskurs aus diesem Zeitraum, dessen intellektuelle und politische Folgen ihm zufolge bis heute reichen. Der Autor zeigt anhand von drei Schlüsselkonflikten – um Datenschutz, um die Arbeit der Geheimdienste und um Reproduktionsrechte –, wie unterschiedliche Akteur*innen in verschiedenen Politikfeldern mehr bürgerliche Mitbestimmung bei der Gestaltung der Übergänge zwischen der individuellen und der gesellschaftlichen Sphäre einforderten. »Privacy« und »security« wurden – ähnlich anderen politischen Grundbegriffen des 20. Jahrhundert – zu populären und flexibel einsetzbaren politischen Leitideen, die oft in Spannung zueinander standen.[1] Einen frischen und in vielerlei Hinsicht anregenden Blick auf zentrale Entwicklungslinien der US-Gesellschaft seit den 1960er-Jahren bietet Neuroth vor allem dank der Kombination von auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Diskursen – Datenschutz und Verhütung. Auch wenn er den zeitgenössischen Bezügen zwischen diesen Konfliktfeldern nicht eigens nachgeht, überzeugt sein Vorschlag, die neuen Ansprüche auf »privacy« als Reaktion auf die »gewandelte Staatstätigkeit« (S. 378) zu verstehen. Dazu rechnet der Historiker die wachsende Bürokratie wohlfahrtsstaatlicher Programme wie Lyndon Johnsons »Great Society«, insbesondere aber die »entstehende Sicherheitsgesellschaft« in den USA im 20. Jahrhundert.

Mit dem Konzept der »Sicherheitsgesellschaft« schließt die Studie konzeptionell an die Arbeiten von Michel Foucault an, dessen Theorien zu Gouvernementalität und Überwachung ihr Analyseinstrumentarium bilden. Mit dem Neologismus »Privarität« erfasst Neuroth darüber hinaus Maßnahmen zur Begrenzung von Staatlichkeit (S. 24). Sinnvollerweise schlägt der Autor vor, »privacy« und »security« als Quellenbegriffe zu betrachten, die zeitgenössischen Verwendungsweisen aber auch auf ihre handlungspraktischen Folgen hin zu befragen. Wer sich für regierungsinterne oder juristische Abläufe interessiert, wird die ausführliche Darstellung auf breiter empirischer Basis schätzen. Wichtige analytische Befunde werden leider oft nur nebenbei geäußert. Primär wertet Neuroth Archivdokumente staatlicher Institutionen aus der Exekutive, Legislative und Judikative sowie Unterlagen der zivilgesellschaftlichen Organisationen American Civil Liberties Union (ACLU), Planned Parenthood (PP) und National Organization for Women (NOW) aus. Punktuell hinzugezogen werden wissenschaftliche und publizistische Schriften. Es handelt sich jedoch nicht um eine konsequente ideenhistorische Auswertung, die zeitgenössische Denk- und Wahrnehmungsmuster ermitteln und systematisieren würde. Tatsächlich hätte man gerne mehr über die tieferliegenden Motive und die intellektuellen sowie moralischen Prämissen der unterschiedlichen Akteur*innen gewusst, um die Gründe für wegweisende Gerichtsentscheidungen, Gesetzesreformen oder auch ihr Scheitern besser zu verstehen.

Ein einführendes erstes Kapitel stellt überzeugend die Ausgangspunkte des »privacy«-Diskurses im »New Deal« der 1930er Jahre und im aufziehenden Kalten Krieg mit seinem wachsenden Antikommunismus in den späten 1940er- und 1950er-Jahren dar. Neue Datentechnologien fanden sowohl beim Ausbau des Sozialstaates als auch bei der nach innen und außen gerichteten Sicherheitspolitik der USA Nutzen. Zugleich erschienen sie bedrohlich. Die Wissenschaft widmete sich ab Ende der 1950er-Jahre verstärkt dem Konzept »privacy« und es kam zu ersten juristischen Klagen auf verletzte Privatsphäre, meist vergeblich. Auch die Liberalisierung des Verhütungsrechts forderten Sozialreformer bis in die frühen 1960er-Jahre eher noch aus bevölkerungspolitischen, nicht aus privatrechtlichen oder gar feministischen Gründen (S. 78).

Ab 1963 folgt die Studie der Karriere des Konzepts »privacy« nach US-Präsidentschaften gegliedert. Die entscheidende Veränderung, die Politisierung von »privacy« unter Johnson (1963–1969), ist Gegenstand des zweiten und umfangreichsten Kapitels. Neuroth führt sie auf das nachdrückliche Engagement von ACLU, PP und Datenschutzaktivist*innen zurück. 1965 begründete der Supreme Court die Legalisierung von Verhütungsmitteln in der Ehe mit dem »right to privacy« (S. 122) und besiegelte so, dass Reproduktion von einem demografischen Problem zu einer »privaten« Frage geworden war. Derweil scheiterte die Einrichtung eines nationalen Datenzentrums auch deshalb, weil das Ideal von »privacy« stärker ins Gewicht fiel als Bestrebungen zur administrativen Vereinheitlichung oder wissenschaftliche Interessen an der Verknüpfung von »micro data« (S. 179). Auch der Freedom of Information Act von 1966 stärkte die Rechte der Bürger*innen gegenüber staatlicher Informationspolitik, während sich die Privatwirtschaft vielen gesetzlichen Vorgaben entzog, indem sie auf die »privacy« ihrer Kunden verwies (S. 153). Mit weniger Erfolg forderten dagegen Aktivist*innen der Neuen Sozialen Bewegungen das Ende ihrer Überwachung durch die Geheimdienste. FBI und CIA hielten auch dann noch an dem Paradigma der Gewaltprävention fest, als dessen Zielverfehlung immer stärker zutage trat (S. 213).

Neuroth illustriert, wie die Suche nach der Balance zwischen »privacy« und »security« von gegensätzlichen Interessen verschiedener Staatsinstanzen (beispielsweise Kongress und Militär), Kompetenzstreitigkeiten zwischen Behörden und parteipolitischen Profilierungsbemühungen geprägt war. Er rechnet die Konflikte den übergeordneten Veränderungen im Planungsdenken und zugleich der Durchsetzung pluralistischerer Gesellschaftsvorstellungen zu. Einmal argumentativ verfügbar, zeigten sich außerdem direkt die Vielfalt und Ambivalenz der Aneignung von »privacy«. So hielt zum Beispiel die Katholische Kirche die sozialpolitisch begründete Verhütungspolitik der Johnson-Regierung für eine Bevormundung ärmerer Bevölkerungskreise, womit sie freilich vor allem ihre eigenen Ansichten über Sexualität zu stärken suchte (S. 126). Neuroth widersteht damit dem Reiz allzu einfacher Liberalisierungsnarrative in Bezug auf die »sexuelle Revolution«. Ebenso treffend stellt er heraus, dass die Geheimdienste unter Johnson ihre Überwachungsmaßnahmen ausweiteten und sich in den Maßnahmen der »Great Society« rassistische ebenso wie klassistische Stereotype einschrieben.

Mit der Diagnose einer sich seit den 1960er-Jahren verschärfenden »Krise des Liberalismus« reiht Neuroth sich in eine prinzipiell begrüßenswerte kritische Neubewertung der großen US-amerikanischen Sozialreformen ein (S. 97–99).[2] Seine Deutung neigt jedoch dazu, im Gegenzug die emanzipativen Effekte der sozialstaatlichen Programme zu unterschätzen, da er den Vorkämpfer*innen von »privacy« tendenziell mehr Glauben schenkt als ihren jeweiligen Gegenkräften, damit Teile des zeitgenössischen Krisendiskurses reproduziert und doch die verschiedenen Positionen implizit an seinen eigenen, staatskritischen Idealen misst (mit Ausnahme der Forderung nach mehr staatlicher Regulation der Privatwirtschaft, S. 365f.).[3] Es bleibt offen, ob und wie Akteur*innen unter Verweis auf »privacy« Reformen zu delegitimieren versuchten, die der Gleichstellung bislang diskriminierter Menschen – Schwarze, Frauen, Homosexuelle – dienen sollten.

Das dritte Kapitel argumentiert, dass Verfechter*innen von »privacy« zwischen 1969 und 1974 von dem allgemein wachsenden Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen profitierten und dieses gleichzeitig schürten. Neuroth stellt anhand mehrerer Gerichtsprozesse gegen publik gewordene Geheimdienstoperationen dar, wie die Planungseuphorie an ihr Ende kam, ohne dass eine Alternative zu präventiver, massenhafter Datensammlung gefunden war. Eine neue Wendung des »privacy«-Diskurses, aber auch der Praktiken zur Überwachung politischer Gegner*innen sieht Neuroth im Abklingen linker Proteste und im Watergate-Skandal, da Nixon zunächst sein Amt missbrauchte und sich dann mithilfe des »right to privacy« zu schützen suchte (S. 318). Insbesondere die Aufarbeitung des Watergate-Skandals ermöglichten unter Gerald Ford die Herausbildung eines »Konsens zu privacy« (S. 323), auch wenn sich die Konflikte um »privacy« und »security« weiterhin um die gleichen Fragen drehten (Kapitel 4). Reformen wie der Privacy Act von 1974 unterstellten die Geheimdienste und den politischen Betrieb neuen Transparenzregeln. An der so etablierten Ordnung der Sicherheits- und Freiheitsrechte rüttelten grundlegend weder die zahlreichen Gesetzesreformen und Justizentscheidungen von 1977 bis heute, über die das vorletzte Kapitel einen knappen Abriss bietet, noch das Ende des Kalten Krieges oder die Anschläge vom 11. September 2001. Auch das Fazit betont, dass Gesetzgeber und Supreme Court trotz der wiederholten Forderung nach Vereinheitlichung keine übergeordnete Leitlinie für »privacy« ausarbeiteten, sondern in bestimmten Bereichen die Privatrechte ausbauten, in anderen dagegen die Befugnisse der Geheimdienste (S. 376).

Bedauerlich ist, dass der Autor seine Untersuchung nicht in den florierenden Forschungsdebatten der US-Zeitgeschichte verortet und daher das Innovationspotential seiner Thematik nicht voll ausschöpft. Dabei würde sich das Begriffspaar »privacy« und »security« wunderbar eignen, um den beispielsweise unter Schlagwörtern wie Individualisierung, Polarisierung und Neoliberalismus intensiv beforschten Fragen nach dem Verhältnis struktureller Veränderungen und neuer gesellschaftlicher Konflikte nachzugehen.[4] Wünschenswert wäre auch eine genauere Begründung bestimmter konzeptioneller Entscheidungen gewesen, beispielsweise die Gliederung nach Präsidentschaften oder die Definition und empirische Erfassung zentraler Analysebegriffe wie Gesellschaft, Staat und Sicherheit. Obwohl Neuroth selbst die begrenzte Erklärungskraft von Foucaults Theorien für seinen Untersuchungsgegenstand feststellt (S. 228), erwägt er keine anderen auf die Befunde passenden Analysedimensionen. So übernimmt die Studie spezifische Werturteile und bedenkt nicht, dass Foucaults Ideen selbst im Untersuchungszeitraum entstanden und zum größeren zeitgenössischen Diskurs um Sicherheit, Grundrechte und Staatlichkeit gehörten. Dennoch ist es erkenntnisfördernd, dass sich der Autor für die Historisierung dieses Diskurses auf die USA konzentriert. Indem Neuroth den Aufstieg der Konzepte »privacy« und »security« nicht über die Höhenkammliteratur erschließt, sondern über eine Vielfalt wichtiger Protagonist*innen, Diskursstränge und konkreter politisch-juristischer Prozesse, zeigt er auf, wie vielfältig und uneinheitlich sich der US-amerikanische Staat im Konkreten ausformte.[5] Mit diesem Weg erschließt die Studie einen wichtigen Aspekt der US-amerikanischen Zeitgeschichte als Vorgeschichte der Gegenwart für ein deutsches Publikum und regt auf vielerlei Art zur weiteren Beschäftigung an.

 

Zitierempfehlung

Antonia Wegner, Rezension zu: Benedikt Josef Neuroth, Das Private in der Sicherheitsgesellschaft. Umstrittene Freiheitsrechte in den USA 1963–1977, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81986.pdf> [17.4.2024].

 

[1] Vgl. Christian Geulen, Plädoyer für eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts, in: Zeithistorische Forschungen 7, 2010, S. 79–97.

[2] Vgl. Elizabeth Hinton, From the War on Poverty to the War on Crime. The Making of Mass Incarceration in America, Cambridge 2016.

[3] Vgl. dagegen Julian E. Zelizer, The Fierce Urgency of Now. Lyndon Johnson, Congress, and the Battle for the Great Society, New York 2015; Joshua Zeitz, Building the Great Society. Inside Lyndon Johnson's White House, New York 2018.

[4] Vgl. Daniel T. Rodgers, Age of Fracture, Cambridge, Mass. 2012; Bruce J. Schulman, Post-1968 U.S. History. Neo-Consensus History for the Age of Polarization, in: Reviews in American History 47, 2019, S. 479–499.

[5] Vgl. auch William J. Novak, The Myth of the »Weak« American State, in: The American Historical Review 113, 2008, S. 752–772.

Stefanie Palm, Fördern und Zensieren. Die Medienpolitik des Bundesinnenministeriums nach dem Nationalsozialismus

(Veröffentlichungen zur Geschichte der deutschen Innenministerien nach 1945, Bd. 7)

Wallstein Verlag | Göttingen 2023 | 592 Seiten, gebunden | 46,00 € | ISBN 978-3-8353-3480-9

rezensiert von

Jürgen Wilke, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

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Die vorliegende Studie gehört in die Serie von Untersuchungen, die dem Aufbau der Ministerien in der Bundesrepublik Deutschland in der Nachkriegszeit gewidmet sind. In ihr steht zum wiederholten Male das Bundesinnenministerium im Zentrum, mit dem Schwerpunkt diesmal allerdings auf der dort betriebenen Medienpolitik.[1] Sie greift damit gezielt nur einen Teil der Zuständigkeit dieses Ministeriums auf, und zwar denjenigen, für den zumindest damals der hier dafür verwendete Begriff noch gar nicht in Gebrauch war. Erst seit den 1970er-Jahren wurde es hierzulande üblich, mit dem Begriff »Medien« die Gesamtheit der Techniken zur Massenkommunikation zu bezeichnen (Presse, Film, Rundfunk). Das gilt auch für den davon abgeleiteten Begriff »Medienpolitik«. Dessen ungeachtet waren die politischen Instanzen in der Bundesrepublik freilich schon vorher damit befasst, regulierend auf die gesellschaftliche Kommunikation einzuwirken.

Der Spielraum dafür, der im Titel kurz mit den operativen Modi des Förderns und Zensierens umrissen wird, war allerdings von Beginn an begrenzt. Das hatte vor allem mit der Abkehr vom Nationalsozialismus und der Rückkehr zu demokratischen Verhältnissen zu tun, insbesondere der in Art. 5 GG garantierten Presse- und Informationsfreiheit. Daraus folgerte man eine Zeit lang sogar, dass die beste Medienpolitik gar keine sei.[2] Das war freilich illusorisch. Hinzu kam überdies die von den Vätern und Müttern des Grundgesetzes geschaffene Kompetenzverteilung, wonach die Zuständigkeit für die Kultur den Bundesländern zufiel, was den Zentralstaat diesbezüglich einengte. Umso mehr mag es vielleicht überraschen, dass Stefanie Palm ihre Untersuchung zur Medienpolitik des Innenministeriums auf mehr als 500 Seiten ausbreitet. Von einer quantité négligeable kann also keine Rede sein.

Die Studie ist quellenmäßig breit fundiert. Sie schöpft nicht nur aus den Akten des Ministeriums im Bundearchiv, sondern für Teilaspekte auch aus zahlreichen anderen Archiven. Ergänzende Interviews konnten nur wenige durchgeführt werden, da die meisten der damaligen Akteure längst verstorben sind. Das ist bedauerlich, weil die Darstellung damit so gut wie ausschließlich auf dem papierenen Niederschlag der untersuchten Vorgänge basiert und nicht oder nur am Rande die nicht in diese Quellen eingegangene subjektive Wahrnehmung von zeitgenössischen Akteuren in Betracht gezogen werden kann. Über 40 Seiten umfasst zudem das Literaturverzeichnis.

Methodisch verschreibt sich die Studie dem »politikwissenschaftlichen Ansatz des akteurszentrierten Institutionalismus« (S. 11), demzufolge das Ministerium als »kooperativer Akteur« (ebd.) erscheint, das von den in ihm tätigen Personen geprägt wird. Das bedeutet, dass große Teile der Studie aus der Rekonstruktion der Lebensläufe der relevanten Akteure entstanden sind. Mehrfach spricht die Verfasserin von dem »biographischen Gepäck« (z.B. S. 532), das diese mit sich führten, womit vor allem gemeint ist, wie sie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich agiert hatten und ob und wie sie sich dem Nationalsozialismus angedient hatten. Denn in der Tat bestätigt sich in diesem Fall – wie in den anderen gleichartigen Untersuchungen –, dass das ministerielle Personal mehr oder weniger stark durch eine NS-Vergangenheit belastet war. Die Mitgliedschaft in NSDAP und SA, vereinzelt auch in der SS, wurde bei der beruflichen Neurekrutierung nach 1945 zumeist verschwiegen oder heruntergespielt. Indem die Verfasserin das Verwaltungshandeln der Akteure ziemlich umstandslos mit ihrer NS-Vergangenheit in Zusammenhang bringt, verzichtet sie jedoch darauf, den unterstellten kausalen Nexus zwischen »biographischem Gepäck« und politischem Handeln in der Nachkriegszeit theoretisch näher auszuleuchten.

Nach der Einleitung ist die Studie in vier große Kapitel gegliedert. Im ersten wird gewissermaßen der ministerielle Apparat geschildert, in dem der Untersuchungsgegenstand seinen Platz hatte. Kernzelle war die Kulturabteilung des Bundesinnenministeriums, deren Stellung wegen der limitierten Bundeszuständigkeit prekär war. Das schloss Revierkämpfe mit anderen Regierungsstellen bis hin zu Bundeskanzler Adenauer nicht aus, im Gegenteil. Denn man suchte selbstverständlich, den eigenen Spielraum extensiv auszulegen. Außer auf das ministerielle Arrangement geht Palm auf die Personalpolitik im Innenministerium ein und porträtiert die aufeinander folgenden Leiter der Kulturabteilung und die maßgeblichen Referenten. Eine Sonderstellung räumt sie von Beginn an dem Referat für Presse, Rundfunk und Film ein.

Im zweiten Kapitel werden vier thematische Teilkomplexe abgehandelt. Zunächst geht sie auf institutionelle Bestrebungen ein. Während die Gründung eines Informationsministeriums wegen der unvermeidlichen Erinnerung an Goebbels scheitern musste, gelang im Bildungsbereich die Wiedererrichtung der aus der Weimarer Republik stammenden Bundeszentrale für Heimatdienst (später: für politische Bildung). Danach geht es um Kontroversen mit den Besatzungsmächten, und zwar bei der Gewährung von Krediten an neu- oder wiedergegründete Zeitungen, aber auch bei der Genehmigung amerikanischer Rundfunksender auf deutschem Boden. Das dritte Unterkapitel ist dem »guten« Film gewidmet, also pädagogisch motivierten Vorkehrungen gegenüber schädlichen Einflüssen des Kinos auf Jugendliche. Hier erreichte man immerhin eine Bundesbeteiligung an der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) und an der Filmprämiierung. Viel Aufsehen erregte 1952 der letztlich ebenfalls fehlgeschlagene Versuch der Schaffung eines Bundespressegesetzes, das beträchtliche staatliche Kontrollmechanismen vorsah. Der Fall ist bereits mehrfach behandelt worden, wenn auch nirgendwo so eingehend wie hier.

Da das Bundesinnenministerium mit der Mehrzahl seiner medienpolitischen Initiativen gescheitert war oder lediglich begrenzte Möglichkeiten der Einflussnahme erzielt hatte, sieht Stefanie Palm in der Folgezeit eine Abkehr des Ministeriums von medialen Großthemen. Freilich verblieben Optionen in verschiedenen Feldern und insbesondere in Medienkonflikten. Das gilt z.B. für die Studentenbewegung Ende der 1960er-Jahre. Die Aktivitäten des Referats für Schul-, Erziehungs- und Bildungswesen liegen allerdings eher am Rande der in dieser Studie fokussierten Thematik. Im Presserecht setzte man sich weiterhin für die Berücksichtigung staatlicher Belange ein, materiell etwa gegen ein zu weit reichendes Zeugnisverweigerungsrecht für Journalisten. Der Aktualisierung geschuldet ist es, wenn Palm die Auseinandersetzung um die Veröffentlichung geheimer Unterlagen durch Journalisten unter dem Begriff »Whistleblower« abhandelt. Sie zeigt das vor allem an der 1959 von einem Reporter des Stern ausgelösten »Nayhauß-Affäre«. In weiteren Teilkapiteln geht es um den Ehrenschutz sowie um die Pläne für ein Notstandspressegesetz. Hier drängte das Ministerium in der Regel auf strengere Vorschriften als man im Journalismus und in der medialen Öffentlichkeit zu akzeptieren bereit war. Im vierten, relativ kurzen Hauptkapitel konstatiert Palm dann eine Krise der Kulturabteilung in den späten 1960er-Jahren. Ein Fazit mit generellen Schlussfolgerungen schließt die Untersuchung ab. Palm resümiert ihr insgesamt kritisches Urteil über die vom Innenministerium betriebene, aber weithin fehlgeschlagene staatliche Medienpolitik, konzediert aber in mehrfacher Hinsicht »Lernprozesse«.

Stefanie Palm hat eine kenntnisreiche, ja erschöpfende Studie zur Medienpolitik des Bundesinnenministeriums vorgelegt. Vieles davon war zwar bisher schon bekannt, wurde aber noch nicht in einem so breiten Kontext systematisch dargestellt. Das ist ein großer Gewinn, verlangt aber auch geduldige Lektüre. Vor allem wird deutlich, dass die Durchsetzung einer freien Medienlandschaft in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg nicht selbstverständlich war, sondern auf erhebliche Beharrungskräfte stieß. Die Widerstände führt Palm vor allem auf eine aus der deutschen Tradition stammende »antiliberal etatistische« (S. 23) Grundhaltung in der Ministerialbürokratie zurück. Woran es der Studie vielleicht fehlt, ist ein Gefühl für das Meinungsklima, aus dem heraus bestimmte Handlungen in den 1950er- und 1960er-Jahren gerechtfertigt erscheinen mochten. Das betrifft beispielsweise die damals wahrgenommene Bedrohung durch den Sowjetkommunismus. Nach meinem Eindruck scheint die Verfasserin diese zu unterschätzen bzw. die Reaktionen darauf für hypertroph zu halten, wie es nach dem Zusammenbruch von 1989 manchen vielleicht naheliegen mag. Mehrfach werden Wertungen ausdrücklich »aus heutiger Sicht« (z.B. S. 281) vorgenommen, ohne dass deren Begründung immer einsichtig wäre. Das gilt auch für gelegentliche Attribuierungen, so wenn Verhaltensweisen als »freimütig« (S. 217), »willig« (S. 223) oder »reflexartig« (S. 233 u. 368) eingestuft werden.

Stefanie Palm meint aber auch bestimmte Annahmen der bisherigen Mediengeschichtsschreibung korrigieren zu können, so die von Hodenberg aufgestellte und häufig wiederholte These vom »Konsensjournalismus« in der frühen Bundesrepublik.[3] Doch wird man auch gegen Palms Untersuchung etwas kritisch einwenden können, nämlich dass sie gegenüber den Medien durchweg sehr wohlwollend ausfällt. Ist es gänzlich verfehlt, wenn politik- und kommunikationswissenschaftliche Diagnosen zu dem Schluss kommen, die Gewichte zwischen Staat und Medien hätten sich in der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit zunehmend zugunsten der letzteren verschoben?

 

Zitierempfehlung

Jürgen Wilke, Rezension zu: Stefanie Palm, Fördern und Zensieren. Die Medienpolitik des Bundesinnenministeriums nach dem Nationalsozialismus, Wallstein Verlag, Göttingen 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81987.pdf> [17.4.2024].

 

[1] Vgl. auch (mit Beteiligung der Autorin) Frank Bösch/Andreas Wirsching (Hrsg.), Hüter der Ordnung. Die Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin nach dem Nationalsozialismus, Göttingen 2018.

[2] Vgl. Jürgen Wilke, Bedeutung und Gegenstand der Medienpolitik. Skizze eines Feldes praktischer Politik und wissenschaftlicher Analyse, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 9/1985, S. 3-16, hier S. 6.

[3]Christina von Hodenberg, Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945–1973, Göttingen 2006.

Stefan Zeppenfeld, Vom Gast zum Gastwirt. Türkische Arbeitswelten in West-Berlin

(Geschichte der Gegenwart, Bd. 26)

Wallstein Verlag | Göttingen 2021 | 430 Seiten, gebunden | 39,00 € | ISBN 978-3-8353-5022-9

rezensiert von

Jana Matthies, Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg

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Wo arbeiteten West-Berliner:innen, die als »Gastarbeiter:innen« aus der Türkei in die Stadt gekommen waren? Mit welchen rechtlichen und beruflichen Rahmenbedingungen waren sie konfrontiert? Welche Aufstiegsmöglichkeiten boten sich ihnen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Stefan Zeppenfeld in seiner am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam entstandenen und 2021 als Buch erschienenen Dissertation. Er untersucht darin türkische Arbeitswelten in West-Berlin zwischen dem Anwerbeabkommen mit der Türkei 1961 und dem Mauerfall 1989 und zeigt: Wesentlich waren nicht Gesetzestexte oder Dienstanweisungen, sondern vielmehr die Migrierten selbst. Sie schufen sich ihre eigenen Arbeitswelten, Erwerbsleben und Einkommensquellen in unterschiedlichsten Bereichen, indem sie ihre Handlungsspielräume erkannten und sie je nach Situation und Interesse nutzten. Vor allem Rückkehrüberlegungen und die Branche, in der sie tätig waren, bedingten, welche Perspektiven sich für sie im Westteil Berlins ergeben konnten (S. 29f., 377-381). Zeppenfeld hat ein grundsätzlich erkenntnisreiches, klar aufgebautes und gut lesbares Buch geschrieben, das die Unterschiedlichkeit von Arbeitswelten aufzeigt und damit zur Widerlegung einseitiger Bilder über den oder die (türkische) »Gastarbeiter(in)« beiträgt.

Einleitend verzichtet der Autor erfreulicherweise auf die sonst übliche Aufzählung migrationspolitischer Rahmenbedingungen und beginnt seine Erzählung stattdessen mit einem Überblick über die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen und die Entwicklung Berlins als Wirtschaftsstandort seit der vorletzten Jahrhundertwende (Kapitel 2). Darauf aufbauend nimmt er fünf Arbeitswelten genauer in den Blick: erstens das örtliche Siemens-Werk; zweitens den öffentlichen Dienst der Stadt und hier besonders die Angestellten der Stadtreinigung, der Verkehrsbetriebe, der Schulen und Kitas sowie der Polizei; drittens akademische Berufe wie Ärzte und Rechtsanwälte und außerdem Studierende; viertens Selbstständige im Lebensmittelhandel, in Gebrauchtwarenläden und im grenzüberschreitenden Handel; sowie fünftens Tätigkeiten »jenseits geregelter Beschäftigungsverhältnisse«, worunter er Arbeitslosigkeit, Schwarzarbeit und Drogenhandel subsumiert (Kapitel 3 bis 7). Abschließend wirft er einen Ausblick auf das wiedervereinigte Berlin (Kapitel 8).

Warum der Westen des geteilten Berlins? Berliner:innen aus der Türkei bildeten seit 1966 die größte Gruppe der Zugezogenen im Westteil und prägten ihn entsprechend mit. Hinzu kam die spezifische Lage der Stadt mitten in der DDR. Die Berliner Mauer begrenzt Zeppenfelds Untersuchungsgegenstand also gewissermaßen doppelt, nämlich örtlich und zeitlich. Diese Konstellation macht nicht zuletzt den Reiz von Zeppenfelds Buch aus. Sein Ansatz unterscheidet sich damit von den gängigen Periodisierungen in Untersuchungen zur Migrationsgeschichte der Bundesrepublik, die sich meist an der Unterzeichnung der Anwerbeabkommen seit 1955 und dem »Anwerbestopp« von 1973 orientieren. Die Potenziale von Zeppenfelds Rahmensetzung werden beispielsweise in den Unterkapiteln zum vielfach grenzüberschreitenden Drogenhandel unter Beobachtung der Alliierten, der Polizeien und der »Stasi« (S. 336-357) und zum Kreuzberger Ortsteil SO 36 (S. 251-301) deutlich. Hier verortet er Arbeitswelten an konkreten Orten wie dem Wrangelkiez und der U-Bahn-Station Bülowstraße und bindet sie zugleich zurück an übergeordnete Fragen wie der nach der Bedeutung familiärer Netzwerke, nach der Aneignung des Viertels und nach interkulturellen Begegnungen. An diesen Stellen gelingt es Zeppenfeld zudem, die vielfältigen transnationalen und translokalen Verbindungslinien aufzuzeigen, die an anderer Stelle mitunter in Halbsätzen abhandenkommen.

Grundsätzlich prägt Zeppenfelds Arbeit allerdings die Qual der (Nicht-)Wahl. Das zeigt sich vor allem an zwei Punkten: der Quellengrundlage und der Frage von Differenzierungen. Auf den ersten Seiten des Buches stellt Zeppenfeld heraus: »Die Migrationsgeschichte hat ein Quellenproblem. Allzu häufig fehlen der historischen Forschung die Stimmen der Eingewanderten selbst.« (S. 31). Dies betrifft jedoch auch seine eigene Untersuchung, die sich vor allem auf eine Vielzahl an Behörden- und Firmenakten, Presseberichten, Statistiken, Fotografien und literarischen Verarbeitungen stützt, die er aus diversen Archiven zusammengetragen hat. Die Rechercheleistung ist beeindruckend, löst aber das Problem nicht. Er nimmt damit vor allem die Perspektiven von Repräsentant:innen der Mehrheitsgesellschaft ein; der oder die Migrierte kommt nur selten tatsächlich selbst zu Wort. Da kaum schriftliche Selbstzeugnisse von ihnen zugänglich sind, wären Interviews mit Migrierten umso wichtiger gewesen. Dass solche Quellen das schriftliche Archivgut kontrastieren und neue Blickwinkel eröffnen können und damit zur Erweiterung historiografischer Erzählungen beitragen, ist auch Zeppenfeld klar. Er stellt dies anhand eines Interviews mit einem Angestellten im Berliner Siemens-Werk heraus, dessen Vater dort als »Gastarbeiter« gearbeitet hatte und dessen Sohn dann ebenfalls, aber als Werkstudent, in die Firma kam (S. 133-136). Umso mehr verwundert es, dass er diese Möglichkeit für seine Untersuchung nicht häufiger nutzt. Auch Bildmaterialien baut er nur spärlich ein. So bleiben die Arbeitswelten weitestgehend ohne Alltag und die eigentlichen Protagonist:innen ohne Gesicht und Namen. Sie verschwinden hinter Zahlen, Typologisierungen und Sammelbegriffen. Zeppenfeld erzählt letztlich eine mehr oder weniger »klassische« Sozialgeschichte mit neuem Thema (S. 13f.).

Dabei geraten Binnendifferenzierungen und Ambivalenzen, welche die türkischen Arbeitswelten in West-Berlin mitkonstituierten, mitunter aus dem Blick. So stellt sich beispielsweise die Frage, warum Intellektuelle bewusst ausgeblendet werden (S. 29) und überhaupt Migrationsmotive jenseits von Arbeit kaum vorkommen. Zu denken ist für die 1970er- und die 1980er-Jahre nicht nur an wirtschaftliche Krisen, sondern auch an politische Umbrüche im Umfeld der Militärputsche in der Türkei. Kurz: Die begrüßenswerte Breite in Zeppenfelds Untersuchung geht zulasten von Vertiefungen. Umgekehrt werden Klammern um Personenkreise gezogen, deren Arbeitsleben und Startvoraussetzungen kaum zu vergleichen waren. Bei den erwähnten Rechtsanwält:innen handelt es sich gar um Angehörige der zweiten Generation, die das deutsche Bildungssystem teilweise oder ganz durchlaufen hatten. Gemeinsam war allen im Hauptteil berücksichtigten Personen lediglich der Lebensmittelpunkt West-Berlin und der Bezug zur Türkei. Davon ausgehend macht Zeppenfeld sie zur Gruppe und labelt sie als »Türkeistämmige«, um »der diversen Gesellschaft der Türkei gerecht [zu] werden« (S. 24). Diese semantische Reflexion ist in jedem Fall zu begrüßen, hätte aber in der Konzeption der Untersuchung und im Text selbst eine größere Rolle spielen können. Dort ist oft das Attribut »türkisch« zu lesen.

Zeppenfelds Arbeit lanciert permanent zwischen Lokal- und Strukturstudie. Das ist zugleich ihre Stärke und ihre Schwäche. Zwar gelingt es ihm nicht immer, die inhärenten Potenziale seines Ansatzes auszuschöpfen und etwa stets den angestrebten lokalen Zugriff einzulösen. Er vermag es aber, unterschiedlichste Arbeitswelten aufzuzeigen und dadurch mit vielen Klischees zu brechen. Es gab eine Vielzahl von Erwerbsmöglichkeiten und Handlungsspielräumen, die die Migrierten selbst ausfüllten und hinter denen politische Regelungen oder Kontrollen zurücktraten. Das System der »Gastarbeit« entwickelte ein »Eigenleben« (S. 29) jenseits der Pläne aller Beteiligten, seien es Politiker:innen, Firmen, Arbeitnehmer:innen, Kolleg:innen oder Familienangehörige. Zeppenfelds Thema ist nach wie vor hochaktuell. Dies gilt sowohl für unsere gegenwärtige Gesellschaft als auch für die wissenschaftliche Historiografie. Beides greift Zeppenfeld auf: Er will »zum Verständnis des Einwanderungslandes« (S. 18) ebenso beitragen wie zu einer »historische[n] Neuperspektivierungen der deutschen Gesellschaft im Wandel« (S. 383). Dies gelingt ihm nur eingeschränkt. Zweifellos aber regt sein Buch an, weiter über (lokale) Migrationsgeschichte(n) nachzudenken.

 

Zitierempfehlung

Jana Matthies, Rezension zu: Stefan Zeppenfeld, Vom Gast zum Gastwirt? Türkische Arbeitswelten in West-Berlin, Wallstein Verlag, Göttingen 2021, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81981> [17.4.2024].

Harro Zimmermann, Günter Grass. Biographie

Osburg Verlag | Hamburg 2023 | 944 Seiten, gebunden | 49,00 € | ISBN 978-3-95510-332-3

rezensiert von

Bernd Rother, Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, Berlin

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Vorab eine ›Triggerwarnung‹: Dies ist eine Rezension aus der Sicht eines Zeithistorikers; auf literaturwissenschaftliche Fragen werde ich nicht eingehen.

Umfänglich ausgefallen ist diese neue Grass-Biographie. Michael Jürgs begnügte sich vor zwanzig Jahren mit weniger als der Hälfte.[1] Der Bremer Literaturwissenschaftler und Rundfunkredakteur Harro Zimmermann nimmt – wie das Vorgängerwerk – den ganzen Grass in den Blick: den Schriftsteller und darstellenden Künstler ebenso wie den politisch engagierten Staatsbürger. Kindheit und Jugend in Danzig, die schwierigen Jahre bis zum Sensationserfolg mit der »Blechtrommel«, das Auf und Ab der Kritikerreaktionen auf die mit nie ermüdender Produktivität vorgelegten Erzählungen, Novellen und Romane, die große Resonanz auf seine Werke im Ausland, schließlich der Nobelpreis, das immer stärkere Engagement für Willy Brandts SPD, die allmähliche Enttäuschung über die Politik der Sozialdemokratie bis zum Bruch in den 1990er-Jahren, die zugunsten von Gerhard Schröder neu belebte Unterstützung für die Partei – all das wird detailliert beschrieben. Wenig erfährt man hingegen über den Privatmenschen Grass und über die Menschen um ihn herum. Die Schilderung von Grassens politischem Engagement nimmt großen Raum ein. Das Inhaltsverzeichnis erweckt gar den Eindruck, als ginge es nur darum. Niemand (außer Grass natürlich) wird im Buch häufiger erwähnt als Willy Brandt. Die Lektüre erweist dann aber doch, dass sich Zimmermann ebenfalls umfänglich mit dem literarischen Werk von Grass befasst.

Im »Dritten Reich« war Grass wie viele seines Alters überzeugter Nationalsozialist. Der verordnete Besuch des amerikanischen Kriegsgefangenen Grass im KZ Dachau bewirkte nichts, erst »das Eingeständnis Baldur von Schirachs beim Nürnberger Prozess« (S. 57) habe ihm, so Zimmermann über Grass, die Augen geöffnet für die Schuld der Deutschen an Krieg und Judenvernichtung. Die (erneute) Politisierung setzte in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre ein, als Grass in Paris lebte und an der »Blechtrommel« arbeitete. 1961 trat der politische Grass erstmals in Erscheinung und bekannte sich öffentlich zur SPD. In diesem und im folgenden Bundestagswahlkampf leistete er »Text- und Beratungsarbeit« (S. 248) für sozialdemokratische Wahlkämpfer. 1969 und 1972 erreichte die öffentliche Wahlkampfhilfe von Grass für die SPD ihren Höhepunkt. Um ihn herum entstanden vielfältige »Sozialdemokratische Wählerinitiativen«, er selbst hielt Dutzende Wahlkampfreden.

Seine politischen Aktivitäten waren in mehrfacher Hinsicht umstritten: Die teils provozierenden Aussagen bestätigten Konservative (und Nationalliberale) in ihrer Ablehnung seiner Person, zu der sie bereits wegen seines aus ihrer Sicht streckenweise pornografischen schriftstellerischen Werks gelangt waren. Aber auch für Sozialdemokraten, solche an der Spitze der Partei zumal, gab es mehrfach Momente, in denen sie meinten, sich von seinen Positionen distanzieren zu müssen, sei es von der frühen Forderung nach Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, der Missbilligung der bundesdeutschen Asylpolitik der 1990er-Jahre und vieles mehr. Negative Reaktionen erfuhr Grass auch unter Schriftstellern: Manche lehnten die Aktivitäten ihres Kollegen als generell eines Künstlers unangemessen ab, andere stießen sich an zu radikalen, Dritte an zu wenig radikalen Stellungnahmen. Neu ist das alles nicht, wie auch insgesamt Zimmermanns Biographie mit bisher Unbekanntem nicht aufwartet. Auch eine kritische Erörterung der politischen Positionen von Grass erfolgt selten. Dem Autor geht es darum, »die Bedeutung dieses Dichters der Deutschen noch einmal ins Licht [zu] rücken.« (S. 30) Das Buch eine ausgesprochene Apologie zu nennen wäre andererseits unzutreffend, denn der Verfasser bezieht kaum selbst Stellung.

Mit »Dichter der Deutschen« benennt Zimmermann nicht nur den Rang, den Grass aus seiner Sicht in der deutschen Kulturgeschichte einnimmt, sondern auch eines der zentralen politischen (und literarischen) Themen von Grass: Deutschland, die deutsche Nation, die deutsche Vergangenheit und Gegenwart, der Zusammenhalt über die Grenzen des geteilten Landes hinweg. Auschwitz war für Grass dabei der Sehepunkt, den er einnahm. »Die Wunde Auschwitz müsse offen bleiben«, so fasst Zimmermann Grassens Haltung bei dessen Israel-Besuch 1967 zusammen (S. 425). Als 1989/90 die Einheit der deutschen Nation kam, stand Grass zur Verwunderung derer, die sein jahrzehntelanges Eintreten kannten, auf der Seite der Kritiker. Für ihn war es ein Anschluss, eine Überwältigung, gar ein Bruch der Verfassung. Grass wähnte 1990 »einen nahezu delirierenden Nationalismus« am Werke. (S. 687)

In der Politik war, wie bereits angedeutet, Willy Brandt die Persönlichkeit, auf die Grass seine Hoffnungen setzte (so auch 1989/90, aber da blitzte der Schriftsteller beim Politiker ab), den er für dieses und jenes Anliegen zu gewinnen suchte, den er bei Treffen und durch viele Briefe traktierte, häufig zum Leidwesen des Adressaten. Zu Helmut Schmidt fand er keinen ähnlichen Zugang, obwohl dieser doch – was Zimmermann leider nicht anspricht – Kunst und Wissenschaft viel näherstand als Brandt. Nur Gerhard Schröder erwies sich nach anfänglicher Skepsis auf Seiten von Grass als ähnlich an den Künsten interessiert und für die Meinungen der Künstler aufgeschlossen. Von Oskar Lafontaine hingegen war Grass bald enttäuscht, nachdem dieser zuerst sein Hoffnungsträger für die SPD nach Brandt gewesen war.

Zu den aufgeregten Debatten um die Zugehörigkeit von Grass zur Waffen-SS, als dieses Faktum, das Einzelne bereits Jahre vorher von Grass selbst erfahren hatten, im Jahre 2006 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, nimmt Zimmermann eine Frage von Dieter Wellershoff auf: »Hätte die ›Gruppe 47‹, hätten Willy Brandt und die SPD jemals ein Waffen-SS-Mitglied an sich herangelassen?« (S. 806). Was die SPD und was Brandt angeht, kann man da nur mit einem klaren Ja respondieren. Zimmermann hingegen beantwortet die Frage nicht. Dies ist das Grundmuster des Buches: Aus einem wohlsortierten Zettelkasten zieht der Verfasser die jeweils passenden Äußerungen Dritter zum politischen und literarischen Schaffen von Grass heraus und lässt den Leser immer wieder mit einer Zusammenstellung von ›die einen sagen, die anderen sagen‹ ratlos zurück. Weit über Gebühr verzichtet der Autor auf eigene Urteile. Am Ende weiß man, was Marcel Reich-Ranicki, Hans Magnus Enzensberger usw. von Grass hielten, aber erfährt nicht die Einschätzung des Biographen. Auf Dauer wirkt dieses Verfahren recht ermüdend.

Wach wird der zeithistorisch kundige Leser dann aber wieder, wenn er zum eigenen Verdruss über viel zu viele Irrtümer stolpert. Eine kleine Auswahl reicht von der Verwechslung der Ostberliner »Berliner Zeitung« mit der Westberliner »B.Z.« über die Behauptungen, vor Charles de Gaulles Machtübernahme 1958 hätten putschende Militärs Frankreich regiert, Rainer Barzel sei 1969 Kanzlerkandidat der CDU/CSU gewesen, Biedenkopf habe es zum CDU-Vorsitzenden gebracht, Brandt habe sich 1973 bei einem Moskau-Besuch »schweren Angriffen aus den eigenen Reihen« (S. 514) ausgesetzt gesehen (tatsächlich war Wehner in Moskau und griff von dort aus Brandt an) bis zur Fehlerinnerung, Helmut Kohls Zehn-Punkte-Programm wäre im November 1989 in der BRD strikt abgelehnt worden (die SPD stimmte ihm zu).

Zimmermanns Werk endet mit dem Tod des ›Helden‹. Wäre es nicht angebracht gewesen, acht Jahre danach seine Nachwirkung zu thematisieren? Auch eine Zusammenfassung, ein Fazit, eine abschließende Einordnung fehlt. Ausführungen, die in diese Richtung gehen könnten, finden sich im Prolog. Darin erscheint Grass als Repräsentant der Bundesrepublik »in den politischen Ordnungsmaßen der Sechziger- und Siebzigerjahre« (S. 27). Dem schließt sich unmittelbar die Charakterisierung Grassens als »revisionistische[r] Sozialdemokrat« an. Aber wer deshalb erwartet, dass Eduard Bernstein ein wichtiges Thema sein werde, hat sich getäuscht. Das Personenregister vergisst den Ahnherren des Revisionismus gänzlich, der Rezensent fand drei kurze Erwähnungen auf den Seiten 254, 484 und 491. Auch August Bebel hat es zwar – ganz knapp – ins Buch, aber nicht ins Register geschafft, obwohl Günter Grass 2010 eine nach dem Mitbegründer der Sozialdemokratie benannte Stiftung ins Leben rief.

Am Ende legt man das Buch ermattet aus der Hand. Seine Ausführlichkeit ist eher ein Malus als ein Plus. Zu sehr dominiert der Eindruck, hier habe jemand fleißig einen Zettelkasten abgearbeitet. Hinzu kommen vermeidbare sachliche Fehler in den Passagen zur Zeitgeschichte und – noch störender – die weitgehende Abwesenheit von eigenen Urteilen des Autors. Schade!

 

Zitierempfehlung

Bernd Rother, Rezension zu: Harro Zimmermann, Günter Grass. Biographie, Osburg Verlag, Hamburg 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81982> [17.4.2024].

 

[1]Michael Jürgs, Bürger Grass. Biografie eines deutschen Dichters, München 2002.

Helena Barop, Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden. Eine globale Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute

Siedler Verlag | München 2023 | 304 Seiten, Hardcover | 26,00 € | ISBN 978-3-8275-0172-1

rezensiert von

Kristoff Kerl, Köln

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In den letzten Jahren ist in einigen Ländern wie Uruguay und den USA Bewegung in die Drogenpolitik gekommen. Das Ende Februar im Bundestag verabschiedete Cannabisgesetz erlaubt es nun auch in Deutschland Erwachsenen, über sogenannte Cannabis Social Clubs legal Cannabis zu erwerben bzw. es privat anzubauen und zu konsumieren. Diese Veränderungen in den Drogenpolitiken einiger Länder hat die Historikerin und Publizistin Helena Barop zum Anlass genommen, um einen Überblick über die Entstehung moderner Drogenprohibition zu liefern. Bereits in ihrer 2021 veröffentlichten und mehrfach preisgekrönten Dissertation »Mohnblumenkriege« hatte sich Barop detailliert mit einem wichtigen Aspekt moderner Drogenpolitik auseinandergesetzt: der Drogen-Außenpolitik der USA zwischen den 1950er und den 1970er Jahren.[1] Nun hat sie mit »Der große Rausch« ein weiteres und erneut sehr lesenswertes Buch vorgelegt. Bei »Der große Rausch« handelt es sich jedoch, anders als bei ihrer ersten Monographie, nicht um ein wissenschaftliches Buch, sondern um ein Sachbuch, das ein breiteres Publikum adressiert und zu diesem Zwecke auf einen wissenschaftlichen Sprachduktus, einen ausführlichen Endnotenapparat und ein detailliertes Literatur- bzw. Quellenverzeichnis verzichtet.

Zeitlich nimmt das Buch den Zeitraum seit dem 19. Jahrhundert in den Blick. Geographisch richtet Barop den Untersuchungsfokus weitgehend auf die USA, die sie als maßgebliche Kraft bei der Herausbildung der modernen Drogenprohibition begreift. So widmen sich acht der insgesamt elf Kapitel der von den USA sowohl im Inneren als auch außenpolitisch verfolgten Drogenpolitik. Aber auch die Entwicklung, die die Drogenpolitik in den geographischen Gebieten genommen hat, aus denen sich die Bundesrepublik zusammensetzt, wird skizziert – wenn auch eher kursorisch.

Einleitend problematisiert die Autorin zunächst den Begriff der »Droge«, wie er alltagssprachlich häufig genutzt wird und dessen Verwendung laut Barop Substanzen wie Alkohol ausschließt. Dabei verweist sie anschaulich auf die Willkürlichkeit und die Widersprüchlichkeit des Sammelbegriffs »Droge«, der sich einer kohärenten Definition entzieht. Vor diesem Hintergrund verwendet sie den Terminus als einen Quellenbegriff.

Den Anfang nahm die Geschichte der modernen Drogenprohibition mit der Synthetisierung von Substanzen wie Morphium (1805) und der Popularisierung eines neuen, nicht-medizinischen Drogengebrauchs durch romantische Dichter wie Thomas De Quincey, Samuel Coleridge und Charles Baudelaire, der auch bald in der Konsumkultur in Form psychoaktiver Genussmittel – beispielsweise dem Pemberton’s French Wine Coca, dem Vorgänger der Coca-Cola – seine Spuren hinterließ (Kapitel 1). Die Entdeckung des Morphiums und des Kokains (1860) lösten in den USA jeweils für einige Jahre große Wellen der Euphorie aus und die Anzahl an Menschen, die diese Substanzen konsumierten, wuchs rapide, bevor der massiv gestiegene Konsum dann mit ein paar Jahren Verzögerung problematisiert wurde. Die ersten gesetzlichen Verbote betrafen jedoch eine andere Substanz: das Rauchopium, das 1875 in San Francisco kriminalisiert wurde. Dieses Verbot wies eine deutlich rassistische Stoßrichtung auf, wurde es doch aufs Engste mit vermeintlich von chinesischen Arbeitsmigranten ausgehenden Lastern und Gefahren verknüpft (Kapitel 2).

Nachdem im späten 19. Jahrhundert der Konsum von Substanzen wie Opium zunehmend mit »Sittlichkeit« und »Moral« in Kontrast gesetzt wurden, kam es um die Jahrhundertwende auch zu den ersten Bemühungen der USA, dem als Übel ausgemachten Drogengebrauch auf globaler Ebene entgegenzuwirken. Und auch im Inneren wurde durch die Verabschiedung des Harrison Narcotics Tax Act (1915) mit restriktiveren legislativen Mitteln gegen Drogenabhängigkeit vorgegangen (Kapitel 3). Nur einige Jahre später wurde in den USA zudem die Herstellung, der Verkauf und der Konsum von Alkohol kriminalisiert – eine politische Entscheidung, die rasch zur Herausbildung von Schwarzmärkten führte, die wiederum von »Untergrundunternehmen« (S. 83) dominiert wurden (Kapitel 4). Nachdem 1933 die Alkoholprohibition wieder aufgehoben wurde, engagierten sich diese auf neu entstehenden Schwarzmärkten. Einen wichtigen Beitrag hierzu lieferte das Verbot des Cannabiskonsums durch den Marihuana Tax Act von 1937, die eng mit anti-mexikanischen moral panic-Diskursen verwoben war (Kapitel 5). Während illegale Substanzen auch in den folgenden Dekaden in steter Regelmäßigkeit zum Gegenstand von moral panic-Diskursen wurden, gerieten legale Amphetamine und Beruhigungsmittel im Zeitalter des McCarthyismus und des Konformismus in den 1950er Jahren zu den kleinen Helfern vieler Bewohner*innen der von den weißen Mittelschichten dominierten suburbanen Räume. Gleichzeitig diente Substanzgebrauch in den 1950er Jahren subkulturellen Gruppen wie den Beats als Mittel eines gegen die dominanten Formen der Lebensführung gerichteten Lebensstils. Substanzgebrauch war also gleichzeitig eine Technik der gesellschaftlichen Anpassung wie auch der rebellischen Abgrenzung (Kapitel 6).

Aber auch in das Feld der psychiatrischen Therapie fanden (psychedelische) Substanzen wie das 1938 erstmals von Albert Hofmann synthetisierte LSD seit den 1950er Jahren zunehmend Einlass. Psychiater*innen und Psycholog*innen wie Humphry Osmond und Timothy Leary versuchten, psychedelische Substanzen dafür fruchtbar zu machen, vermeintliche oder tatsächliche psychische Probleme und Persönlichkeitsstörungen zu erforschen und zu therapieren. Das Zeitalter der »psychedelischen Revolution« nahm seinen Anfang (Kapitel 7). In den 1960er Jahren nutzten zunehmend auch andere Bevölkerungsgruppen die vermeintlichen Subjekteffekte psychedelischer Substanzen. LSD, Meskalin, Psilocybin und Cannabis fanden nun auch Anklang in studentischen und gegenkulturellen Szenen und Milieus – eine Geschichte, die Barop in ihrem Narrativ eng mit dem 1963 von der Harvard University entlassenen Timothy Leary und den sogenannten Hippies verknüpft. Während Gegenkulturelle unterschiedlicher Couleur versuchten, mittels psychedelischer Substanzen und Cannabis ihr Bewusstsein zu »erweitern«, breitete sich in den afroamerikanischen Communities in den zunehmend pauperisierten Innenstädten der großen Metropolen der Gebrauch von Heroin aus (Kapitel 8). Der Substanzgebrauch dieser beiden Bevölkerungsgruppen bildete den Hintergrund des Feldzugs gegen Drogen, den Richard Nixon nach seiner Wahl zum US-Präsidenten 1968 im Namen der sogenannten silent majority startete und der im 1971 ausgerufenen War on Drugs mündete. (Kapitel 9).

Der Export der US-amerikanischen Politik der Drogenprohibition bildet den Gegenstand des zehnten Kapitels, wobei primär die Drogenpolitik im Deutschen Reich und in der Bundesrepublik im Verlauf des 20. Jahrhunderts in den Fokus genommen wird. Obwohl Drogengebrauch bereits in den Dekaden zuvor eine Rolle gespielt hatte – beispielsweise war den Soldaten im Zweiten Weltkrieg im großen Stile Amphetamine gegeben worden – wurde Drogengebrauch erst in den Jahren um 1970 zu einem öffentlichen Problem, wobei die öffentliche Debatte laut Barop von Fehlinformationen und hysterischen Vorstellungen von Drogenabhängigkeit durchzogen war. In Reaktion darauf kam es zur Verabschiedung eines Betäubungsmittelgesetzes, das wesentlich von US-amerikanischen Politikansätzen inspiriert war. In den folgenden Jahrzehnten wurde insbesondere der gesellschaftliche Umgang mit den sogenannten Junkies zum Sinnbild der bundesrepublikanischen »Drogenpolitik der Ausgrenzung und Desinformation« (S. 235) (Kapitel 10). Die Effekte, die die auf Prohibition ausgerichtete Drogenpolitik zeitigte, lassen sich gegenwärtig in den USA beobachten. Nicht nur, dass Drogenkonsument*innen durch die Politik der Prohibition dazu verdammt sind, auf dem Schwarzmarkt zu agieren und dort häufig verunreinigte Substanzen erwerben, die ihrer Gesundheit schwere Schäden zufügen, lässt sich auf dem Negativkonto der Drogenprohibition verbuchen. Die Drogenprohibition ist auch seit ihren Anfängen eng mit einem gegen People of Color gerichteten Rassismus verflochten, was sich etwa in der Praktik des racial profiling und den daraus resultierenden enorm hohen Zahlen afroamerikanischer Inhaftierter niederschlägt (Kapitel 11).

Helena Barop hat mit »Der große Rausch« ein gut lesbares, sehr informatives und den globalen Regimes der Drogenprohibition kritisch gegenüberstehendes Buch vorgelegt. Eine Stärke des Buches liegt darin, dass es die Verquickung der Drogenpolitiken mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Herrschaftskategorien wie Geschlecht und race bzw. Ethnizität überzeugend herausarbeitet. In diesem Kontext zeigt sich jedoch auch eine Schwachstelle des Buches: die stellenweise Neigung zu Verkürzungen und Simplifizierungen. In »Der große Rausch« wird die Geschichte der Drogenprohibition tendenziell als eine Geschichte dargestellt, die von weißen Männern wie Harry J. Anslinger, Timothy Leary und Richard Nixon gemacht wurde. Dabei drohen andere soziale Gruppen wie etwa weiße Mittelschichtsfrauen als Träger*innen der Drogenpolitiken aus dem Blick zu geraten.[2] Auch in der Darstellung des psychedelischen Substanzgebrauchs in der Counterculture der 1960er und 1970er Jahre zeigt sich dieser Hang zu argumentativer Verengung. Wenn Barop diese Geschichte wesentlich an Leary und den sogenannten Hippies festgemacht, läuft sie Gefahr die stereotype Gleichsetzung von Gegenkultur und Hippies zu reproduzieren. Aber die US-amerikanische Counterculture war wesentlich heterogener und auch militant agierende und von der Revolution träumende Gruppen wie die Youth International Party, die White Panther Party und der Weather Underground befürworteten in den Jahren um 1970 den Gebrauch von Cannabis und LSD als Mittel der radikalen Subjekt- und, darüber vermittelt, Gesellschaftstransformation.[3] Trotz dieser kleinen Kritikpunkte hat Helena Barop mit »Der große Rausch« ein interessantes und lesenswertes Buch vorgelegt, das nicht zu Unrecht seit seinem Erscheinen viel Aufmerksamkeit erfahren hat.

 

Zitierempfehlung

Kristoff Kerl, Rezension zu: Helena Barop, Der große Rausch. Warum Drogen kriminalisiert werden. Eine globale Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute, Sieder Verlag, München 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81978> [5.3.2024].

 

[1] Helena Barop, Mohnblumenkriege. Die globale Drogenpolitik der USA 1950–1979, Göttingen 2021.

[2] Weiße Frauen waren beispielsweise bedeutende Akteurinnen in der Prohibitionsbewegung oder in Anti-Cannabis-Initiativen der 1970er Jahre; vgl. Timo Bonengel, Riskante Substanzen. Der »War on Drugs« in den USA, 193-1992, Frankfurt/New York 2020; S. 146 u. 154-162; Joshua Clark Davis, From Head Shops to Whole Foods. The Rise and Fall of Activist Entrepreneurs, New York 2020, S. 114-116.

[3] Damon R. Bach, The American Counterculture. A History of Hippies and Cultural Dissidents, Lawrence (KS) 2020; Kristoff Kerl, Psychedelic Marxism. The Ecstatic States of the Body in the White Panther Party around 1970, American Communist History 22 (2023), Nr. 3-4, S. 173-194; ders., Rausch und Revolution. Die White Panther Party in Europa, in: Detlef Siegfried (Hg.), Global Europe Underground. Transnationale Netzwerke und globale Perspektiven europäischer Alternativmilieus, 1965-1985, München [2024].

Sebastian Elsbach, Eiserne Front. Abwehrbündnis gegen rechts 1931 bis 1933

Weimarer Verlagsgesellschaft | Wiesbaden 2022 | 160 Seiten, gebunden | 16,00 € | ISBN 978-3-7374-0294-1

rezensiert von

Dennis Werberg, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam

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Am 16. Dezember 1931 schlossen sich mehrere republikanische Organisationen, darunter die SPD, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, die Freien Gewerkschaften sowie der Arbeiter-Turn- und Sportbund zur »Eisernen Front« zusammen. Dieses »Abwehrbündnis gegen rechts« stellt Sebastian Elsbach in den Mittelpunkt einer eigenen, knapp abgefassten Studie zur historisch orientierten Demokratieforschung. Dabei ordnet er die Vorgeschichte und die Arbeit dieses republikanischen Zusammenschlusses in die Geschichte der Endphase der Weimarer Republik ein. Da die Eiserne Front keineswegs eine festgefügte, hierarchisch strukturierte Organisation war, sondern sich vielmehr über gemeinsame Verbindungsausschüsse der genannten eigenständigen Verbände organisierte, nimmt insbesondere die Tätigkeit des Reichsbanners hier viel Raum ein, die Elsbach bereits in seiner Dissertationsschrift umfassend behandelt hat.[1] Der Vorzug der hier besprochenen Arbeit liegt vor allem in der komprimierten Form, in der er seine Forschung für den Lesenden aufbereitet.

Spätestens mit dem erdrutschartigen Wahlerfolg der NSDAP bei den Reichstagswahlen im September 1930 war die Bedrohung des Nationalsozialismus für die Republik von Weimar offenkundig geworden. Das Parlament, die staatlichen Überwachungs- und Polizeibehörden sowie die Gerichte gingen aus verschiedenen Gründen nicht oder in nur unzureichendem Maße gegen diese Bedrohung vor. Initiativen im Reichstag gegen NSDAP und SA hatten aufgrund der starken Fragmentierung des Parlamentes und der inzwischen erreichten Stärke der nationalsozialistischen Fraktion kaum Aussicht auf Erfolg. Das Amt des Reichskommissars für Überwachung der öffentlichen Ordnung war personell nur schwach besetzt. Das Gleiche galt für die politische Polizei auf Landesebene. Zudem bestand zwischen den Behörden Uneinigkeit darüber, welches Verhalten der beobachteten politischen Akteure als verfassungsfeindlich anzusehen war und welches nicht. Der nach den Reichstagswahlen 1930 eingesetzte Sonderbeauftragte, der im Auftrag des Reichsministers des Innern Maßnahmen zur Eindämmung der Nationalsozialisten erarbeiten sollte – der Zentrumspolitiker und Mitbegründer des Reichsbanners Carl Spiecker – wurde nach dem »Rechtsruck« des Kabinetts Brüning im Herbst 1931 wieder abberufen. In dieser Situation waren es politisch engagierte Republikaner und ihre Organisationen, die in die Bresche sprangen. Im März 1931 schlossen sich diese zum Kartell republikanischer Verbände zusammen mit dem Ziel, die gemeinsame politische Basis zu verbreitern, das Reichsbanner durch den Aufbau paramilitärischer Verbände für den Kampf auf der Straße zumindest teilweise zu militarisieren und konkrete Verbotsmaßnahmen gegen die NSDAP zu erarbeiten. Über die Reichsbanner-Zeitung veröffentlichen die republikanischen Aktivisten neueste Entwicklungen und Vorkommnisse in Verbindung mit NSDAP und SA, um die Zivilgesellschaft auf die Bedrohung von rechts aufmerksam zu machen und den öffentlichen Druck auf die Regierungen zu erhöhen.

Hierzu gehörte auch, auf festgestellte Missstände in der Reichswehr hinzuweisen, der in der Endphase der Republik eine immer größere innenpolitische Bedeutung zukam. Dies führte zu großen Belastungen und Spannungen im Verhältnis zwischen Streitkräften und Reichsbanner, die auch durch persönliche Animositäten zwischen Reichswehrminister (und seit Oktober 1931 zugleich Reichsinnenminister) Wilhelm Groener und dem Bundesvorsitzenden des Reichsbanners Otto Hörsing, die eine regelmäßige briefliche Korrespondenz pflegten, bedingt waren. Zu wirksamen Schritten gegen die Nationalsozialisten, wie Hörsing sie forderte, ließ sich Groener zunächst nicht bewegen. Gleichzeitig nahm die Reichswehr die Annäherung von Reichsbanner und preußischer Landespolizei alarmiert auf. Der Versuch des Reichsbanners, im Zusammenwirken mit der Polizei ein republikanisches Gegengewicht zur Reichswehr aufzubauen, scheiterte jedoch am preußischen Innenminister Carl Severing, der stattdessen daraufsetzte, ein vertrauensvolles Verhältnis zum Reichswehrministerium aufzubauen. Dies setzte dem Reichsbanner enge Grenzen.

Für die Gründung der Eisernen Front im Dezember 1931 macht Elsbach verschiedene Motive aus. Vor allem war die Eiserne Front eine Antwort der republikanischen Verbände auf den allgemeinen Rechtsruck auf Reichsebene. So sollten die Kräfte des republikanischen Lagers insbesondere im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlkämpfe des Jahres 1932 und für den Abwehrkampf gegen die immer stärker werdende NS-Bewegung gebündelt werden. Deutlich weniger Einfluss als bisher angenommen hatte laut Elsbach die Großveranstaltung der selbsternannten »Nationalen Opposition« in Bad Harzburg im Oktober 1931, bei der die Republikfeinde von rechts daran scheiterten, ein festes Bündnis zu schließen. Von großer Bedeutung waren jedoch darüber hinaus machtpolitische widerstreitende Interessen innerhalb des republikanischen Lagers. So verfolgte die Reichsbanner-Führung unter Hörsing mit dem Zusammenschluss das Ziel, die Weimarer Koalition des Jahres 1919 im außerparlamentarischen Raum neu zu beleben und nicht zuletzt die Position des Reichsbanners als überparteilicher republikanischer Sammlungsbewegung zu stärken. Die SPD dagegen strebte danach, über den Zusammenschluss ihre Kontrolle über das Reichsbanner zu stärken und es in Zeiten der innenpolitischen Krisen zu einer rein sozialdemokratischen Schutztruppe umzuformen. In den Auseinandersetzungen zwischen Verband und Partei setzte sich die SPD schließlich durch und zwang Hörsing zum Rücktritt. An seine Stelle trat als geschäftsführender Vorsitzender Karl Höltermann, der eine stärkere Anbindung des Reichsbanners an die SPD garantieren sollte.

Hiernach bemühte sich Höltermann um eine Annäherung an Reichsregierung und Reichswehr und bot eine Zusammenarbeit mit der Eisernen Front bzw. mit dem Reichsbanner als zuverlässige Alternative zu einer Kooperation mit den Nationalsozialisten an. Um den erwarteten Aufstieg der NSDAP abzubremsen erklärte sich die SPD derweil bereit, das Kabinett Brüning weiter zu tolerieren. Das Engagement der Eiserne Front für die Wiederwahl Paul von Hindenburgs bei der Reichspräsidentenwahl im März und April 1932 verfolgte dasselbe Ziel. Als Groener in seiner Funktion als Reichsminister des Innern dem Druck der Länder nachgab und am 13. April 1932 ein reichsweites Verbot für SA und SS verhängte, schien dies ein großer Erfolg für die Republikaner zu sein. Vor dem Reichstag nahm Groener gleichzeitig das Reichsbanner in Schutz, erkannte den überparteilichen Charakter des Verbandes an und grenzte ihn positiv von der SA ab, die nicht dem Staatswohl, sondern einem einzigen Mann, nämlich Hitler, verpflichtet sei. Ein Zusammengehen von Reichswehr und Reichsbanner hätte jedoch die von Reichspräsident Hindenburg beabsichtigte autoritäre Umgestaltung des politischen Systems in Frage gestellt. Wie aus dem Nichts brachte Hindenburg daher am 26. April 1932 ein Verbot des Reichsbanners ins Spiel. Außerdem lief das SA-Verbot den Plänen Kurt von Schleichers, dem Chef des Ministeramtes im Reichswehrministerium und engen Vertrauten Groeners, entgegen, die nationalsozialistische Schlägertruppe als Personalreservoir für die Aufrüstung der Reichswehr zu gebrauchen. Noch im Mai wurde Groener dazu gedrängt, das Amt des Reichswehrministers niederzulegen. Nachdem Brüning am Ende desselben Monats als Reichskanzler ebenfalls zurückgetreten war, wurde das SA-Verbot unter seinem Nachfolger Franz von Papen bereits im Juni 1932 wieder aufgehoben. Schleicher wurde neuer Reichswehrminister. Trotz alledem hielten das Reichsbanner und die Eiserne Front unter Höltermann an dem bisherigen Kurs fest und boten sich selbst nach der verfassungswidrigen Absetzung der sozialdemokratisch geführten Regierung in Preußen am 20. Juli 1932 (»Preußenschlag«) als verlässlicher Partner der Reichswehr an. Die Übertragung der politischen Macht an Hitler am 30. Januar 1933 führte zunächst zu einer weiteren Intensivierung der Verbandsarbeit. Die letzte Massenveranstaltung der Eisernen Front fand am 17. Februar im Berliner Lustgarten statt. Doch bereits im März 1933 wurde das Reichsbanner in allen Ländern verboten und seine Organisationsstruktur zerschlagen.

Es ist ein zentrales Anliegen Elsbachs zu zeigen, dass selbst Länder mit starker autoritärer Tradition demokratiefähig sind – dafür ist Deutschland im Übergang vom Kaiserreich zur Republik ein gutes Beispiel. Doch ist Demokratie, selbst wenn sie erreicht ist, keine Selbstverständlichkeit. Sie muss gelebt und – wenn nötig – auch verteidigt werden. In Zeiten erstarkender autoritärer, demokratiefeindlicher Bewegungen und Parteien ist dieser Appell dringender denn je. Die Demokratie steht weltweit unter Druck. Auch wenn sie am Ende nicht erfolgreich waren, können die demokratischen Aktivistinnen und Aktivisten in der Weimarer Republik, die versuchten, »selbst in einer vermeintlich ausweglosen Situation noch ihren Idealen treu zu bleiben« (S. 17), als Vorbild dienen. Gleichzeitig müssen wir bei fest etablierten, autokratischen Systemen hinsichtlich der möglichen Geschwindigkeit eines politischen Wandels realistisch sein. Das gilt insbesondere für Gesellschaften, die über keine oder nur sehr schwache demokratische Traditionen verfügen. Elsbach warnt in diesem Zusammenhang zu Recht vor der Einnahme einer allzu aktivistischen Position und weist darauf hin, dass Demokratie nicht durch Kompromisslosigkeit gegenüber antidemokratischen Kräften allein erreicht werden könne: »Demokratiebewegungen sind fast immer auf einflussreiche Überläufer oder einen Kompromiss mit autoritären Machthabern angewiesen […].« (S. 17) Nur selten wird Demokraten die Macht einfach in die Hände gelegt. Daher ist es umso wichtiger, auf die Bedingungen des Erfolges bzw. des Misserfolges demokratischer Bewegungen in der Vergangenheit zu schauen, um hieraus Lehren auch für heutige Entwicklungen ziehen zu können.

 

Zitierempfehlung

Dennis Werberg, Rezension zu: Sebastian Elsbach, Eiserne Front. Abwehrbündnis gegen rechts 1931 bis 1933, Weimarer Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 2022, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81975> [5.3.2024].

 

[1] Sebastian Elsbach, Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Republikschutz und politische Gewalt in der Weimarer Republik, Stuttgart 2019.

Nils Güttler, Nach der Natur. Umwelt und Geschichte am Frankfurter Flughafen

Wallstein Verlag | Göttingen 2023 | 472 Seiten, gebunden | 38,00 € | ISBN 978-3-8353-5381-7

rezensiert von

Daniel Rothenburg, Universität Konstanz

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»Flughafenvergessenheit« (S. 20) attestiert Nils Güttler der Umweltgeschichte und verordnet ihr als Kur eine Geschichte des Frankfurter Flughafens. Die Studie wurde 2022 von der ETH Zürich als Habilitation angenommen und liegt nun in Buchform vor. Der Autor versteht dabei den Flughafen und die von ihm hervorgebrachte und überformte Region – die »Flughafenlandschaft« – als paradigmatisch für technisierte Landschaften, in denen »Natur« und »Gesellschaft« nicht mehr sinnvoll voneinander zu trennen sind. Die Umweltgeschichte habe sich der konzeptionellen Herausforderung, eine angemessene Beschreibung für diese Landschaften zu entwickeln, bisher zu selten gestellt. Dabei seien diese in ihrem Zustand »nach der Natur« (S. 20) doch gerade die Art von Landschaft, die für uns heute immer mehr zum Normalzustand würde. Die »Flughafenlandschaft« bringe ein traditionelles Verständnis, das an der physischen Geographie orientiert ist, an seine Grenzen. Diese Landschaft wird in Güttlers Buch daher entgrenzt – sie wird zum Kreuzungspunkt einer Vielzahl von Skalen, die räumlich mitunter weit entfernt vom eigentlichen Flughafen liegen, aber in seinen Betrieb, seine Wartung und seine Überwachung eingebunden sind. Der zentrale Zugang ist hierbei die Wissensgeschichte, wobei der konzeptionelle Anspruch auf eine »systematische Verbindung umwelt- und wissensgeschichtlicher Ansätze« zielt (S. 13).

Eine der großen Stärken von Nils Güttlers Ansatz ist, dass er seine Analyseregion als multiskalares Objekt begreift, mit dem es gelingt, Verbindungen zu einer Vielzahl von Kontexten zu ziehen, und dabei stets den Bezug zu seinem leitenden Erkenntnisinteresse wahrt. Dabei spielen die »großen« Entwicklungen wie der der Nachkriegsboom, der Beginn der »Ära der Ökologie« und die heraufziehende Hegemonie des Neoliberalismus zwar eine Rolle, sie werden aber stets auf ihre Bedeutung für die Flughafenregion und ihre Akteur:innen bezogen. Wie konsequent der Autor sein Buch anhand seines Erkenntnisobjekts organisiert hat, zeigt bereits die Struktur: Die vier Großkapitel sind unabhängig von etablierten politikgeschichtlichen Periodisierungen und überlappen sich zudem absichtlich, um offen für vor- oder nachgelagerte Prozesse zu sein. Dabei ist die »Unterströmung« aller Kapitel der Ausbau des Flughafens und sein zunehmendes Ausgreifen auf allen Skalen.

Bereits das erste Kapitel (»Heimat und Verkehr«), das zeitlich 1895 einsetzt und 1936 mit der Eröffnung des »Weltflughafens Rhein-Main« endet, ist keine bloße »Vorgeschichte«. Hier zeigt der Autor vielmehr überzeugend, dass die Region »Rhein-Main« durch die entstehende Regionalplanung in Verbindung mit der Wissensgenerierung der »naturgeschichtlichen« Heimatforschung überhaupt erst entstanden ist. Und auch wenn das Bild der »Flughafenregion« letztlich unter der Ägide des Nationalsozialismus etabliert wurde, so war das nur der Endpunkt einer langen Entwicklung, die bereits im Kaiserreich begonnen hatte und in der Landschaftsgestaltung und Selbstbeschreibung ineinandergriffen. Die Region, die der Autor untersucht, wird so nicht vorausgesetzt, sondern empirisch hergeleitet. Die Quellengrundlage des Buchs ist entsprechend breit: Güttler hat im Fraport-Archiv, bei der US-Air Force und der PanAm, in Frankfurter Lokalarchiven und in Archiven der sozialen Bewegungen recherchiert und zudem große Mengen gedruckter Quellen über Heimatkunde, Umwelt, Regionalplanung und Aktivismus ausgewertet.

Wie konsequent Güttler seine Wissensgeschichte als dezidiert politische Geschichte begreift, zeigt sich auch im zweiten Kapitel (»Luft«) anhand seiner Analyse des »Frankfurter Modells« der Himmelsbeobachtung. Hier geraten die Akteur:innen aus Wissenschaft, Industrie und Verwaltung mit ihren Interessen in den Blick. In der Weimarer Republik wurde das Rhein-Main-Gebiet zum Zentrum der deutschen Segelflugforschung. Dem Meteorologen Walter Georgii gelang es hier, sich mit seinem aus »vertikaler Meteorologie« (d.h. mittels Flugzeugen) gewonnenen »Luftwissen« als erfolgreicher wissenschaftspolitischer Akteur zu etablieren. Auch unter dem NS-Regime setzte er seine Karriere fort, indem er sich als Experte für rüstungsstrategische Zwecke anzudienen vermochte. Nach dem Krieg wurde der Flughafen zur zentralen Basis der US-Luftstreitkräfte, die ebenfalls ein großes Interesse an Wetter- und Klimadaten hatten. In der Nachkriegszeit verdichteten sich so die meteorologischen Infrastrukturen weiter und die im Krieg entwickelten Navigations- und Vorhersagetechnologien diffundierten in die zivile Luftfahrt. Sie wurden Teil der alltäglichen Wartung der Flughafeninfrastruktur.

Im Kapitel III (»Flüsse«), das den Zeitraum von 1945 bis 1972 behandelt, wird die Region »Rhein-Main« endgültig zu einer infrastrukturellen Landschaft – und auch als solche wahrgenommen. Die »aviation environment« (S. 192) wurde ermöglicht durch und erforderte interdisziplinäres Steuerungswissen von regionalen, nationalen und globalen Akteuren, ob der NATO und der UNESCO, der Senckenberg Gesellschaft, oder eben der Frankfurter Vogelschutzwarte. Hier wird der Flughafen am deutlichsten als sozialer und ökologischer Ort greifbar: Steuerungswissen ist ein Wissen darum, wie die »flows« von Flugzeugen, Passagieren und Angestellten effizient organisiert und in Bewegung gehalten werden können. Hier kommen die Arbeitsabläufe der »einfachen« Arbeiter:innen und der Fluglots:innen in den Blick, die tagtäglich für Betrieb, Wartung und Monitoring zuständig waren. Zu den vielleicht eindrücklichsten Abschnitten des Buches gehören Gütlers Ausführungen über den »Flughafenförster« als Agenten praxisnahen Managements von Natur in einer infrastrukturell durchbildeten Umwelt. Hier zeigt Güttler überaus anschaulich, wie die Flughafenlandschaft ökologisch manipuliert wurde, um sie an die Bedürfnisse der Luftfahrt anzupassen – gärtnerisch, technisch und durch alltägliche Beobachtung.

Der Rest des Kapitels ist eher ein Vorgriff auf das folgende Kapitel IV (»Wald«), insofern hier erstmals das »Gegenwissen« in Gestalt des Pfarrers Kurt Oeser und seiner »Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms« erscheint. Hier führt Güttler nochmals zwei seiner Kernthesen aus: Erstens, der Flughafen bringt die Bedingungen seiner eigenen Kritik hervor und zweitens, das Flughafenwissen ist politisch ambivalent und kann nicht eindeutig in »offizielles« Wissen und »Gegenwissen« kategorisiert werden. Vielmehr baute das Gegenwissen auf dem offiziellen Wissen auf. Zudem verstand es die Flughafengesellschaft, ihre Kritiker:innen zu integrieren und zum Teil der Infrastruktur zu machen. Hier verwundert es etwas, dass der Autor den Widerstand gegen den Fluglärm nicht stärker im Kontext der Geschichte der Umweltbewegung reflektiert. Andernfalls wäre der Befund, dass viele Wege zum Gegenwissen führten – aus dem Sponti-Milieu, einem Expertengremium oder eben von der Kanzel einer evangelischen Kirche – vermutlich weniger überraschend gewesen, da die Umweltbewegung bekanntermaßen politisch, weltanschaulich und soziokulturell überaus heterogen war (und ist).[1]

Das letzte Kapitel widmet sich der Startbahn-West-Bewegung als erstem Höhepunkt der »Ära der Ökologie«. Diese Bewegung interpretiert Güttler als Motor für eine Intensivierung der ökologischen Forschung, insofern die Protestbewegung neue Kanäle und Foren schuf, in denen Umweltwissen erhoben, geteilt und diskutiert wurde: unabhängige Laboratorien, Informationsbüros und alternative Forschungsinstitute. Damit sei die Bewegung Teil der Verwissenschaftlichung gesellschaftlicher Konflikte geworden. Hier zeigt Güttler überzeugend, wie zum Beispiel Bioindikatoren sowohl zu einem administrativen wie zu einem aktivistischen Instrument der Umweltpolitik wurden. Der Wald habe sich, so Güttlers Fazit, während des Konflikts in ein »vielschichtiges politisch-epistemologisches Objekt« verwandelt, in dem sich »Wissen, Erfahrung und politische Aktion mischten« (S. 332). Geblieben sei davon nach der Inbetriebnahme der Startbahn 1984 indes nur das »offizielle« Wissen im Dienste des Flughafens, während die Formate, Orte und Medien des »alternativen« Umweltwissens heute fehlten.

Bedauerlich ist, dass der Autor am Schluss des Buchs auf eine Konklusion verzichtet, in der er seine konzeptionellen Impulse noch einmal breiter reflektiert. Denn wie ist eine Landschaft »nach der Natur« konkret zu verstehen? Es fällt auf, dass das titelgebende Motiv im Verlauf der Darstellung immer weiter in den Hintergrund tritt. Implizit, so scheint es, hat sich die Flughafenlandschaft in der Nachkriegszeit zu einem Zustand völliger anthropogener Überformung entwickelt, in dem diese immer intensiver beobachtet, beschrieben, vermessen, kontrolliert und damit stillgestellt wurde. Das entspricht aber genau dem modernen Anspruch auf völlige Naturbeherrschung. Auch dafür steht der im Epilog als Symbol der alltäglichen ökologischen Überwachung angeführte Eklektor im Flughafenwald – eine automatisierte Tierfalle für kleine Insektenarten. Als konsequente Interpretation im Sinne einer »post-natürlichen« Landschaft wäre indes vielleicht das Elsternest ganz aus Baumaterialien das bessere Symbol für die »Naturkultur« gewesen, die der Flughafen hervorgebracht hat. Denn durch den häufig engen Fokus auf das Wissen gerät nicht nur der Flughafen als konkreter sozialer und ökologischer – sprich: belebter – Ort häufig aus dem Blick, er verschwindet geradezu unter dem sich überlagernden, wuchernden »Steuerungswissen«. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind die Eigendynamiken dieser Hybridlandschaft, deren Bewohner:innen, wie die Elster, nicht aufhören, sich den Ort anzueignen und selbst zu verändern.

Nils Güttler ist mit »Nach der Natur« ein eindrucksvolles Buch gelungen. Es besticht durch eine breite Quellengrundlage, abgewogene Urteile und vor allem dadurch, dass es bei der Fülle an Skalen und Themen, die es verbindet, fast immer den Rückbezug zum Flughafen durchhält. Dass bei einem Ansatz, der die Region als derart entgrenzt konzeptualisiert, nicht jeder Bezug gleich eng verwoben sein kann, liegt in der Natur der Sache. Die Darstellung ist stets akteursnah und zeichnet sich durch einen klaren Blick für Interessen und machtförmige Aushandlungsprozesse aus. Trotz der hier formulierten Einwände hat Güttler damit zu den gegenwärtigen Diskussionen um »envirotechnical systems« einen inspirierenden Beitrag geleistet. Dieser hätte allerdings noch stärker gewirkt, wenn er seinen wissensgeschichtlichen Ansatz konsequenter mit den existierenden begrifflichen Angeboten aus der Umwelt- und Infrastrukturgeschichte verschaltet hätte.[2]

 

Zitierempfehlung

Daniel Rothenburg, Rezension zu: Nils Güttler, Nach der Natur. Umwelt und Geschichte am Frankfurter Flughafen, Wallstein Verlag, Göttingen 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81977> [5.3.2024].

 

[1] Vgl. Frank Uekötter, Deutschland in grün. Eine zwiespältige Erfolgsgeschichte. Göttingen 2015.

[2] Vgl. hierzu kürzlich: Giacomo Bonan/Katia Occhi (Hrsg.), Environment and Infrastructure. Challenges, Knowledge and Innovation from the Early Modern Period to the Present. München/Wien 2023.

Wolf-Rüdiger Knoll, Die Treuhandanstalt in Brandenburg. Regionale Privatisierungspraxis 1990–2000

Ch. Links Verlag | Berlin 2022 | 704 Seiten, Hardcover | 38,00 €| ISBN 978-3-96289-173-2

rezensiert von

Jakob Warnecke, Universität Leipzig

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Die Treuhandanstalt erregt nach wie vor die Gemüter. Je nach Perspektive wird ihr Wirken in den öffentlichen Debatten oft wenig differenziert entweder als Scheitern oder Erfolg bewertet. In den letzten Jahren sind aber auch einige fundierte wissenschaftliche Forschungsarbeiten zu dem Thema erschienen. Vor allem die Arbeit von Marcus Böick wies einen Weg aus der Schwarz-Weiß-Betrachtung der Behörde.[1] Auch das Institut für Zeitgeschichte hat ein großangelegtes Forschungsprojekt zur Treuhandanstalt aufgelegt, dass die Struktur und Arbeitsweise der Anstalt anhand verschiedener Themenfelder wie etwa der regionalen Privatisierungspolitik und ihren gesellschaftlichen Folgen untersuchen soll. Die Ergebnisse liegen mittlerweile in der Reihe »Studien zur Geschichte der Treuhandanstalt« vor.[2] Zu dieser Reihe gehört auch die 2022 erschienene Dissertation von Wolf-Rüdiger Knoll, die am Beispiel Brandenburgs die Treuhandanstalt »im politischen Kräftefeld sowie den ökonomischen und gesellschaftlichen Debatten des wiedervereinigten Deutschlands zu verorten« (S. 23) sucht. Dazu fragt sie nach der Bedeutung der Behörde im Land Brandenburg und nach den Einflussmöglichkeiten von Akteurinnen und Akteuren der sozioökonomischen Transformation ebendort in der Zeit von 1990 bis 2000. Um dies empirisch darzustellen, nimmt die Untersuchung insgesamt 25 Industriebetriebe in den Blick. Zu den Quellen der Untersuchung zählen die im Bundesarchiv gelagerten Treuhand-Unterlagen, Akten der entsprechenden Landesministerien sowie Interviews mit damals beteiligten Akteur:innen.

Die Studie ist systematisch strukturiert und gliedert sich in insgesamt sechs Hauptkapitel. Das erste Kapitel beschreibt die Geschichte der wirtschaftlichen Strukturen Brandenburgs zwischen 1945 und 1990 als Rekonstruktion vormaliger und Ansiedlung neuer Industrien, die eine letztlich nur wenig ausdifferenzierte Wirtschaftsstruktur hervorbrachte. Mehrheitlich veraltete Industrieanlagen mit vereinzelten »Modernisierungsinseln« bildeten also die Ausgangslage für die Transformation ab 1990. (S. 104) Das zweite Kapitel nimmt die Akteur:innen der sozioökonomischen Transformation in den Blick und untersucht den Wandel der Bezirksstrukturen und die Entstehung der Landesverwaltung sowie der kommunalen Selbstverwaltung nach 1990 unter der Frage nach der Rolle des Elitenwechsels und der die Zäsur überdauernden Netzwerke. Unter mentalitätsspezifischen Gesichtspunkten richtet sich die Analyse auf das aus der Bundesrepublik zugezogene Verwaltungspersonal. Neben dem Aufbau der Landesverwaltung beschreibt das Kapitel zudem die wirtschaftspolitischen Institutionen des Landes und die wirtschaftspolitische Ausrichtung der Landesregierung von Manfred Stolpe, sowie die Entstehung der Treuhand und jener Instrumente die für die Zusammenarbeit von Treuhand und Land maßgeblich waren. Beide, Treuhand und Landesregierung, trafen sich mehrmals wöchentlich auf verschiedenen Ebenen, wobei es der Landesregierung besonders über das Treuhandkabinett gelang, die Treuhand in die Interessenpolitik von Land und Kommunen einzubinden. (S. 224)

Das darauffolgende Kapitel nimmt die beiden zentralen Branchen der Braunkohleindustrie und der Stahlindustrie in den Blick. Die Treuhand musste die großen Industriebetriebe der Braunkohleindustrie in neue Strukturen überführen und gleichzeitig die ökologischen Folgeschäden des Bergbaus in der DDR bewältigen. Bei der Privatisierung der fünf Stahlstandorte in Brandenburg stellte sich die Frage nach deren Wettbewerbsfähigkeit nach dem Wegfall des RGW. Vor allem die Privatisierung von EKO Stahl löste Grundsatzdebatten um die Verantwortung und Zuständigkeit der Treuhand in strukturpolitischen Entscheidungen aus. In der Stahlindustrie setzten sich nicht die von der Stahlkrise betroffenen westdeutschen Stahlkonzerne als neue Eigentümer durch, sondern ausländische Investoren, die den Brandenburger Stahlstandorten eine dauerhafte Perspektive boten. Dagegen übertrug die westdeutsche Stromwirtschaft erfolgreich ihr in der Bundesrepublik etabliertes Organisationsmodell auch auf die brandenburgische Braunkohleindustrie. (S. 326)

Das vierte Kapitel fragt nach den konkreten Einflussmöglichkeiten betrieblicher und politischer Akteur:innen. Anhand von zehn betrieblichen Fallbeispielen werden detaillierte Rückschlüsse auf die grundsätzlichen Privatisierungsentscheidungen der Treuhand gezogen. So lässt sich unter anderem ableiten, dass es kommunalen Akteuren nur in einem der untersuchten Fälle gelang, das Privatisierungsgeschehen zu beeinflussen. In der Mehrzahl mussten sie vorrangig die Folgen der Privatisierung bewältigen. (S. 490) Die Privatisierungsprozesse verliefen dabei insgesamt recht unterschiedlich. Ihr Verlauf war von technologischen Voraussetzungen, Wettbewerb sowie individuellen und strukturellen Bedingungen abhängig. Das Handeln der Treuhand führte einerseits in einigen Fällen zu medialen und politischen Skandalen. Andererseits hatte sie durchaus Erfolge zu verbuchen, auch wenn diese aufgrund konjunktureller Entwicklungen oder unternehmerische Fehlentscheidungen nicht immer nachhaltig waren. (S. 494) Im anschließenden Kapitel begibt sich die Studie am Beispiel von Privatisierungen in der Stadt Eberswalde auf die Meso- und die Mikroebene und untersucht, wie die Eberswalder Lokalpolitik mit der Treuhand und den sich aus den massenhaften Entlassungen ergebenen sozialen Fragen umging. Dabei stehen die konkreten kommunalen Handlungsspielräume und die Durchsetzungskraft der Treuhandpolitik sowie die Wechselwirkungen zwischen Stadt, Treuhandanstalt und Landesregierung im Zentrum des Interesses. Der massenhafte Abbau von Arbeitsplätzen bewirkte »ein rasches Aufbegehren der Kommunalpolitik« gegen die Treuhandanstalt (S. 592), die ihrerseits allerdings nicht die Kommune, sondern das Land als ihren Ansprechpartner ansah. Detailliert beschreibt Knoll, wie die aktive Arbeitsmarktpolitik in Eberswalde die sozialen Folgen in der von Schrumpfung und Arbeitslosigkeit geprägten Industriestadt aufzufangen versuchte. Das sechste Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert unter anderem die Spezifität des Brandenburger Transformationsprozesses. Dabei kommt der Autor zu dem Schluss, dass der Staats- und Verwaltungsaufbau dem ökonomischen Umbau in Brandenburg hinterherhinkte. (S. 643)

Die Menge der als Beispiele herangezogenen Unternehmen in der 704 Seiten umfassenden Darstellung lässt die Studie etwas überfrachtet wirken und geht mitunter zulasten einer noch tiefergehenden Analyse der vielseitigen Akteurskonstellationen, etwa im betrieblichen Handlungsfeld oder auf kommunaler Ebene. Knoll hat dennoch eine insgesamt sehr informative und gut lesbare Studie vorgelegt, die viele neue Facetten zur Geschichte der Treuhand, dem ostdeutschen Transformationsprozess und der jüngsten Geschichte Brandenburgs zutage fördert. Dem formulierten Anspruch, einen differenzierteren Blick einzunehmen, wird die Arbeit durchaus gerecht. Schlussendlich widerlegt die Studie das Bild einer kollektiven ostdeutschen Ohnmachtserfahrung angesichts des Handelns der Treuhandanstalt und arbeitet anschaulich heraus, wie stark sich landespolitisches Handeln und die Tätigkeit der Treuhand tatsächlich gegenseitig beeinflussten. (S. 653)

 

Zitierempfehlung

Jakob Warnecke, Rezension zu: Wolf-Rüdiger Knoll, Die Treuhandanstalt in Brandenburg. Regionale Privatisierungspraxis 1990–2000, Ch. Links Verlag, Berlin 2022, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81980> [5.3.2024].

 

[1] Marcus Böick, Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung 1990–1994, Göttingen 2018.

[2] Vgl. exemplarisch Christian Rau, Die verhandelte »Wende«. Die Gewerkschaften, die Treuhand und der Beginn der Berliner Republik, Berlin 2022; Max Trecker, Neue Unternehmer braucht das Land. Die Genese des ostdeutschen Mittelstands nach der Wiedervereinigung, Berlin 2022; Dierk Hoffmann (Hg.), Transformation einer Volkswirtschaft. Neue Forschungen zur Geschichte der Treuhandanstalt, Berlin 2020; Andreas Malycha, Vom Hoffnungsträger zum Prügelknaben. Die Treuhandanstalt zwischen wirtschaftlichen Erwartungen und politischen Zwängen 1989-1994, Berlin 2022.

Felix Lösing, A »Crisis of Whiteness« in the »Heart of Darkness«. Racism and the Congo Reform Movement

transcript | Bielefeld 2020 | 396 Seiten, Paperback | 48,00 € | ISBN 978-3-8376-5498-1

reviewed by

Dean Pavlakis, Carroll College, Helena, MT

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For the past few decades, the historical profession has increasingly applied race (and therefore racism) as a mode of analysis of historical eras and phenomena. With this book, Felix Lösing undertakes to examine the racism of a major humanitarian movement, the movement to reform the Congo Free State of Leopold II, King of the Belgians, who was its founder, despot, and exploiter. While some scholars, such as the present writer, have acknowledged the racist attitudes that appear in the discourse of even the most well-intentioned reformers, others have not addressed the subject at all.[1] Lösing asks us to think about racism and racial ideas as pervasive in the reform movement as they were in the movement’s opponents. In this analysis, racism and related ideas are the most important forces among the motives of the reformers, thus pervading their methods and ultimately compromising their effectiveness. As Lösing argues, »a critique of its [the reform movement’s] imperialist and racist ideology seems desperately needed« (29), and his book demonstrates the truth of this argument. Lösing’s prose sometimes suggests that everything was motivated by and expressed through racism, with all other considerations playing secondary roles, but he decisively shows how racial attitudes played a significant role in motives, methods, and outcomes than previous authors have appreciated, including the present reviewer.

The racism of the reform movement, Lösing shows, is essentially fighting fire with fire: a racist counterpoint and complement to racist ideas, structures, and actions in the wider culture and imperial projects of Europe and the United States. Although his analysis sometimes treats racism to a simple yardstick by which all participants can be measured and found wanting, he is aware of the concept’s many meanings and applications, as well as to the varieties of racial thought that co-existed and competed in the decades around the turn of the twentieth century. These ideas did not simply exist in opposition to each other; they were entangled both in the public sphere and in the minds of individuals in ways that can be perplexing to a modern observer; the most dramatic example of this is Edmund D. Morel, the leader of the humanitarian reformers, who subsequently went on to participate in the »Black Horror on the Rhine« campaign – a racist diatribe against the presence of African soldiers in the French forces occupying the Rhineland. (24-29) Many kinds of racism, reflecting essentializing narratives about whites as well as blacks percolated among European leaders and societies.

Lösing weaves many threads into his analysis, including concepts drawn from the work of other scholars. A key element is Neil Macmaster’s exploration of »humanitarian racism« (36), which accepts common humanity of all people but posits that backwards, immature (38), or degenerate people need to be lifted up by the white race – whether through missionary work, colonization, or (per Morel) trade.[2] Another strand is how white societies used racism (38-41) to situate their own place in the racial order. Their racial status was a source of cohesion and pride, while simultaneously generating a field of anxiety that Lösing calls the »crisis of whiteness«:  degeneration, military defeats, or demographic shifts threatened to end white superiority. Nascent expressions of racial solidarity similarly threatened the racial construction of whiteness.  Similarly, exposure of oppression and atrocities in colonial rule corroded the comforting contrast between the civilized white imperial regime and the savagery of colonized people. In Lösing’s insightful reading, the humanitarian movement redeemed the virtue and superiority of the white race by rescuing the African from the worst forms of oppression.

A few examples will have to suffice to convey the depth and richness of the many arguments in the book, as well as of the wide range of secondary and primary sources consulted.

Lösing’s brilliant analysis of Henry Morton Stanley’s widely read depiction of Africans in general and the people of the Congo in particular (128-148) elaborates on the widely acknowledged racism of these depictions. Lösing then makes a persuasive and innovative argument – building on the work of scholars such as Kevin Dunn - that what we might perceive as »anti-racist« or (more realistically) less racist rhetoric from the Congo reformers served to instead construct a new set of racial stereotypes that in turn could be used to generalize, essentialize, and discriminate. While apparently more benign, these stereotypes, designed to inspire white saviors, could also serve as a refreshed ideology of imperial rule, perhaps less murderous than that of the Free State, but nonetheless geared toward subjugation and exploitation. In this way, the new images might move Europeans to pity and outrage, but not empathy.

But Lösing does not confine his gaze to representations of Africans. He also examines how Congophobe literature, especially but not only Joseph Conrad’s and Mark Twain’s contributions, dramatically othered and even Orientalized Leopold’s regime, thus expelling the Congo exploiters from the ranks of the civilized world. By discursively and accurately identifying the Free State regime with all the sins of European colonial powers and then ejecting it from their community like a scapegoat of old, colonialism and therefore European civilization was redeemed in its own eyes, despite the presence of exploitative, oppressive, and brutal practices in other colonies.

Occasionally, Lösing draws a sweeping conclusion from limited or particularist evidence. For instance, he makes the argument that the reformers believed that the Congo atrocities were fundamentally the fault of the African (180), contradicting his insightful analysis of the attack on Leopold’s government. This thinner analysis cites Conrad and Arthur Conan Doyle as if their arguments represented the bulk of the reformers, but this opposes the trend of most reformers’ writing, including that of Morel, Harris, Casement, and many others, which puts the blame on the Europeans, particularly the inventors of the Congo system, most of whom, including Leopold himself, never set foot in the Congo. Similarly, he insists »the Congo reformers did not fundamentally oppose the idea that a colonial administration had to rely on forced labour«, (153) relying on a statement from the diary of Edward Glave, who had participated in the founding of the Congo Free State by working for Stanley, for Leopold’s International Association of the Congo, and for Leopold’s ally, Henry Sanford. Glave was not a Congo reformer; he was an imperial agent who, shortly before his death, noted in his diary that he was disturbed by the dystopia that had emerged from his work. The reformers held many ideas about forced labor, but it is safe to say that Morel, John Holt, and John Harris disapproved of forced labor; indeed, Harris became one of the instigators of the Forced Labor Convention of 1930.

The most sweeping conclusion of all, asserted without argument or evidence, is made on page 29: the Congo Reform Association »promoted and possibly prolonged the violent subjugation of Congolese«. This appears to be based on the common feeling among most reformers that what was wanted was a better colonial regime, not the end of colonialism. In this way, the reformers accepted the idea of continued colonial rule. But the counterfactual notion that colonial rule would have been briefer without the reform movement is not substantiated in this book.

The book has some factual errors, which is not surprising given its scope and the extensive use of factual evidence, some of which could have been avoided by consulting this reviewer’s history of the reform movement: Harry Johnston was never a member of the executive for the Congo Reform Association, Jane Cobden Unwin was not the president of the Women’s Auxiliary, and Morel did not force John Harris to resign from the Association in 1909, though he might have liked to. John and Alice Harris remained until they resigned in March 1910 to take leadership positions at the merged Anti-Slavery and Aborigines Protection Society. The Congo Free State was never even close to the world’s leading supplier of rubber (307, 310); Brazil held that position by a wide margin until the rubber plantations of the Far East became productive in the 1910s.

Notwithstanding these missteps, the book is quite valuable in providing a new perspective and new insights on the Congo reform movement. The bonus for scholars more broadly is the model he provides for examining other movements and geopolitical events in the decades before and after the First World War. Lösing may be trained as a sociologist, but with this work he makes his mark as a historian.

 

Zitierempfehlung

Dean Pavlakis, Rezension zu: Felix Lösing, A »Crisis of Whiteness« in the »Heart of Darkness«. Racism and the Congo Reform Movement, transcript, Bielefeld 2020, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81974> [5.3.2024].

 

[1] Dean Pavlakis, British Humanitarianism and the Congo Reform Movement, 1896–1913, (London: Routledge, 2016), 128; Kevin C. Dunn, Imagining the Congo: The International Relations of Identity (New York: Palgrave Macmillan, 2003), 21-60.

[2] Neil MacMaster, Racism in Europe, 1870-2000 (Houndstooth, Palgrave, 2001).

Frank Schorkopf, Die unentschiedene Macht. Verfassungsgeschichte der Europäischen Union, 1948–2007

Vandenhoeck & Ruprecht | Göttingen 2023 | 381 Seiten, gebunden | 35,00 € | ISBN 978-3-525-30219-4

rezensiert von

Horst Dippel, Universität Kassel

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Laut Aussage des Autors unternimmt sein Buch »erstmals, Gründung und Genese der Europäischen Union als ›Verfassungsgeschichte‹ zu beschreiben« (S. 9). Dabei geht Frank Schorkopf nicht von einem »formell-revolutionäre[n]« Verfassungsbegriff aus, sondern versteht diesen »materiell-evolutiv« (S. 292). Der Göttinger Europarechtler ist ohne jede Frage für den Versuch einer Verfassungsgeschichte der »Europäischen Union« bestens qualifiziert. Dennoch kann bereits der Buchtitel durchaus als Provokation verstanden werden. Ist es sinnvoll, die europäische Integration über die gesamte Zeitspanne von der Gründung des Europarates und der Montanunion bis zum Lissaboner Vertrag mit dem Rubrum »Europäische Union« zu versehen, obwohl diese erst 1992 mit dem Vertrag von Maastricht gegründet wurde, so dass sich der Begriff als Rechtsfigur kaum auf die Jahrzehnte zuvor übertragen lässt? Wie passend ist für dieses so komplexe Gebilde, das über die hier betrachteten sechs Jahrzehnte mehrfache und teilweise grundlegende Veränderungen erfahren hat, der politische Begriff der »Macht«, eine »Macht«, die zudem »unentschieden« sei? Doch wer ist tatsächlich in der Europäischen Union »unentschieden«? In einem rechtlichen, gar verfassungsrechtlichen Sinn wird man dies nicht von den bestehenden Institutionen der Europäischen Union sagen können. Weit eher trifft dies zu für das ideelle Konvolut der dahinterstehenden Rechtsvorstellungen, die Schorkopf in Supranationalisten, Gouvernementalisten, Pragmatisten und Konstitutionalisten auffächert. Unter ihnen gehen die Vorstellungen über das organisierte Europa von Bundesstaat bis Staatenbund weit auseinander, ohne dass bislang eine Richtung eindeutig die Oberhand gewonnen hätte. Hinzu kommt, dass diese Problematik in jedem der 27 Mitgliedstaaten andere Gewichtungen und Nuancierungen erfährt.

Schorkopf hat den Stoff chronologisch eingeteilt in drei gleichgewichtige Teile: 1948-1969: »Das Ringen um die Supranationalität«, 1969-1984: »Die Suche nach Identität« und 1985-2007: »Der Sprung in die Union«, wobei die insgesamt sechzehn Kapitel jeweils unter einem mitunter etwas holzschnitzartigen Schlagwort stehen (»Politizität«, »Individualität«, »Ambition« u.a.). Das alles ist sehr anschaulich und tiefschürfend dargestellt, wobei sich der Autor nicht allein auf eine umfangreiche Literaturkenntnis stützt (das Literaturverzeichnis umfasst über 30 Seiten), sondern auch unveröffentlichte Quellen aus dem Bundesarchiv, dem Auswärtigen Amt und der Europäischen Union heranzieht. Hierbei hätte man sich allerdings gewünscht, dass dieser Rückgriff auf bislang unveröffentlichte Materialien im Text mitunter stärker hervorgehoben worden wäre und dass diese Aktenbestände im Quellenverzeichnis näher bezeichnet worden wären, statt sie lediglich mit ihren Aktennummern aufzuführen.

Was der Autor in diesen Kapiteln und Teilen entwirft, ist keine Geschichte der politischen Integration Europas. Indem er sich ausschließlich auf die rechtliche und verfassungsrechtliche Konstruktion Europas konzentriert, unterscheidet sich seine Darstellung grundlegend von den bekannten europäischen Integrationsgeschichten. Das ist ihr herausragendes Verdienst und macht sie zu einer ebenso wertvollen wie notwendigen Ergänzung der politischen Integrationsliteratur. Ob man jedoch beide Bereiche stets so scharf voneinander trennen sollte, lassen schon Persönlichkeiten wie Paul-Henri Spaak oder Charles de Gaulle zweifelhaft erscheinen. Wenn man in den 1980er Jahren von der Renationalisierung der europäischen Politik gesprochen hat, ist die rechtliche Entwicklung dieser Zeit davon nicht abzukoppeln.

Mitunter hätte man sich eine kritischere Evaluation der Entwicklung gewünscht. Schließlich ist nicht von der Hand zu weisen, um nur dieses Beispiel anzuführen, dass der europäische Verfassungsvertrag von 2003/04 nicht zuletzt auch deshalb gescheitert ist, weil der ihn ausarbeitende Konvent nach Zusammensetzung, innerer Autonomie, Geschäftsordnung, Beauftragung und Verfügung über seinen Verfassungsentwurf absolut nichts mit seinen vermeintlichen Vorbildern aus dem Ende des 18. Jahrhundert noch mit modernen Verfassungskonventen irgendetwas zu tun hat. Vielmehr handelte es sich um den reinsten Etikettenschwindel, bei dem die europäischen Bürger außen vor blieben und sich mit einer medienwirksam inszenierten Scheinbeteiligung zufriedengeben mussten. Dennoch waren die Staats- und Regierungschefs von ihrem Taschenspielertrick so begeistert, dass sie diesen »Europäischen Konvent« im Lissaboner Vertrag festgeschrieben haben. Ein Europa der Bürger, das Nationalismus und Populismus widerstehen und weiterhin Friede und Wohlstand sichern will, bedarf zu seiner Legitimation überzeugenderer und zeitgemäßerer verfassungsrechtlicher Lösungen.

Wie sich die europäische Verfassungsgeschichte weiterhin materiell-evolutiv weiter entwickeln wird, vermag niemand vorauszusagen. Doch dank Schorkopfs großartigem Pionierwerk liegen die unterschiedlichen Optionen offen auf dem Tisch. Wer weiß, wen Altiero Spinelli, der unermüdliche Kämpfer für ein freies und vereinigtes Europa seit den finsteren Tagen des Zweiten Weltkriegs, mit seinem richtungweisenden sogenannten »Spinelli-Entwurf« von 1984 noch in Zukunft inspirieren wird?

 

Zitierempfehlung

Horst Dippel, Rezension zu: Frank Schorkopf, Die unentschiedene Macht. Verfassungsgeschichte der Europäischen Union, 1948–2007, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81976> [5.3.2024].

Charlie Taverner, Street Food. Hawkers and the History of London

Oxford University Press | Oxford 2023 | 256 Seiten, hardback | 40,50 € | ISBN 978-0-19-284694-5

rezensiert von

Heiner Stahl, Erfurt

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Städtische Geräuschkulissen und das Geschäft des Straßenverkaufs von Nahrungsmitteln sind eng miteinander verzahnt. Diese Zusammenhänge zu beforschen, lohnt sich also. Als ich den Titel Street Food. Hawkers and the History of London las, war ich begeistert. Ich hoffte darauf, dass Charlie Taverners Buch Ideen entwirft, wie sich die Beziehungen zwischen Geräuschen und Warenverkauf in der Stadt theoretisch und methodisch ausleuchten ließen. Es versprach ein Puzzleteil zu liefern, welches bislang noch fehlte, um das Wissen des Hörens und der Geräusche mit den Wissensbeständen von und den Praktiken des Essens und der Versorgung mit Gütern im (Stadt-)Raum zu verknüpfen. Das lenkt den Blick darauf, dass in der Stadtgeschichtsforschung Pläne, Karten, Architekturen und Diskurse im Vordergrund stehen und selten die konkreten Menschen und ihre Geschäfte zu Geltung kommen. Es berührt Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, die sich wohl noch allzu gerne mit Datenauswertungen und dem Auslegen von statistischen Berechnungen begnügt.

Lärm machte Stadt. Menschen, Maschinen, Technologien, Verkehrsmittel und Infrastrukturen, die den Stadtraum bespielten, erzeugten Geräusche. Sie waren und blieben ziemlich unreguliert und verstärkten sich gegenseitig. Sound History und Science and Technologie Studies haben diese Konstellationen der Kommunikation und der medialen Verdichtungen bereits erkundet.[1] Dass sich Taverner darauf bezieht und hier zuordnet, das hätte ich erwartet.

Dennoch überzeugte mich seine Gliederung. Der Sozial- und Wirtschaftshistoriker, der am Birkbeck College der University of London mit diesem Thema promovierte, erzählt von Menschen (People, S. 12-32), die auf Londons Straßen Nahrung verkauften und von denjenigen, die diese erwarben und konsumierten. Von »class«, einem in die Jahre gekommenen Kernkonzept der britischen Sozialgeschichte, spricht Taverner nicht. Allerdings markiert er soziale Figuren, die den Straßenraum bevölkerten, benennt Arbeitskräfte (Workers, S. 33-46) und Verkaufende (Retailers, S. 79-94) und entfaltet die geschlechtlichen Zuschreibungen, die ihre visuellen und literarischen Bezeichnungen enthalten. Er setzt die Bedeutung von Orten (Markets, S. 95-108) mit Bewegungen von Waren und Personen sowie Verkehrskonflikten und tages- und nachtzeitlichen Rhythmen (Traffic, S. 110-125) im Straßenraum in Beziehung. Tätigkeiten, die auf der Straße stattfanden, wirkten sich auf die daran angrenzenden Wohnräume und -häuser aus. In den Ohren der Nachbarinnen und Nachbarn entstanden Störungen und Beeinträchtigungen (Nuisances, S. 126-143), die in Schreien und Rufen, in verbalen und in körperlichen Auseinandersetzungen zum Ausdruck kamen. Der Widerhall, das Echo und die Lautstärke, hingen buchstäblich in der Luft wie die sagenumwobenen Londoner Nebelschwaden. Stimmen, also Kommandos, Beleidigungen und unziemliche Sprache, schrieben sich in die Geräuschkulissen ein, die von Straßenzügen über Gehwege bis hin zu den engen Durchgängen zwischen den Gassen reichten (Voices S.144-158). Armut war laut und sie stank. Akustische und olfaktorische Abfälle vermüllten gleichermaßen den Stadtraum und waren nur schwerlich ohne Rückstände zu entsorgen. Die Erzeugung von Aufmerksamkeit bei der Bewerbung von Waren zog vielfältige Belästigungen nach sich. Es roch, stank, rumorte, gellte und lärmte. Das ließ sich zwar polizeilich bearbeiten und in Berichten von lokalen Komitees zum Gegenstand machen. Jedoch verschwanden damit die schreienden Straßenverkäuferinnen eben nicht aus Stadtbild und Stadtklang der englischen Hauptstadt, auch wenn die Zeitungsjournalisten und -journalistinnen oder soziale engagierte Wohltäter und Wohltäterinnen sich um die Besserung der sozialen und moralischen Lagen von Unterschichten bemühten. Sie gehörte genauso zum Straßenbild von »schlechten« Vierteln, wie der flanierende, in feinem Zwirn gekleidete Geschäftsmann aus der »middle class«, der in den »guten« Stadtteilen wohnend, seine Frau oder Freundin ausführte und sich mit Hilfe der Polizei vor Belästigungen durch ausrufende Straßenhändler zu schützen wusste.

Taverner baut seine Ausführungen auf Aktenbestände aus den London Metropolitan Archives und den National Archives in Kew und dort insbesondere auf Gerichtsakten des zentralen Londoner Strafgerichtshofs »Old Bailey« auf. Er bezieht sich auf das späte 17. und das frühe 18. Jahrhundert und nimmt die Überlieferung von Bürgermeistern, Stadtausschüssen und der lokalen Polizei in den Blick. Das 19. Jahrhundert deckt er ausschließlich mit Komitee-Reports ab, das frühe 20. Jahrhundert beleuchtet er wiederum aus der Perspektive von Polizisten und Praktikern der Lebensmittelsicherheit in den Gesundheitsämtern. Das ist gut gemacht und solide.

Street Food hat ein einprägsames und ansprechendes Coverbild. Es ist ein tolles Lesebuch. Damit lassen sich Seminare für BA- und MA-Studierende ganz gut bestreiten. Sie erhalten anhand des Themas einen ersten Einblick, was Sozial- und Wirtschaftsgeschichte leisten kann. Es erzählt anschauliche und griffige Geschichten und stellt Frauen in den Mittelpunkt, die als Nahrungsunternehmerinnen im Stadtraum immer auch prekäre Stellungen auszuhalten hatten und ihre Rollen immer wieder zu festigen wussten. Street Food ist garantiert frei von jeglicher Theorie. Ich habe theoretische Einbettungen schmerzlich vermisst. Taverner verweist weder auf die Sensory Studies noch auf die Raumtheorie von Lefebvre aus den 1960er Jahren, noch verliert er Sätze über die Zugänge der Urban Studies, wie sie Scott Lash und John Urry in den 1990er Jahren vorschlugen.[2] Sound History findet in diesem Buch gar nicht statt. Karin Bijsterveld hätte durchaus erwähnt werden können. Das alles hätte Street Food nicht nur zu einem Lesevergnügen gemacht, sondern zu einem Menü für Augen und Kopf mit mehreren Gängen werden lassen. Natürlich erwähnt Taverner den kanadischen Komponisten Raymond Murray Schafer, der die Soundscape-Idee formulierte und zur ästhetischen Klanganalyse ermutigte. Dass in dessen Betrachtungsweise, die akustische Verschönerungen von Stadtklängen durch eine geradezu eugenischen Ausmerzung der »schlechten« Sounds erreichen will, zahlreiche Denkfehler stecken, darüber lässt sich Taverner nicht im Ansatz aus. Der Buchautor reist mit leichtem theoretischem und methodischem Marschgepäck, wenn er seine historischen Stadtspaziergänge unternimmt und die Londoner Straßenzüge und Armenviertel zwischen dem 17. und 20. Jahrhundert durchstreift.

Deshalb ist Street Food für geschichtswissenschaftliche Einsteigerinnen und Einsteiger sicherlich zu empfehlen. Für den Geschichts- oder Englischunterricht in der Schule taugt es ohne Weiteres ebenfalls. Es bezieht sich auf griffige Beispiele und zeichnet sich durch gut geschriebene Einstiege in die jeweiligen Kapitel aus. Mir blieb es zu oberflächlich und es enttäuschte mich maßlos. Das soll allerdings für andere Leserinnen und Lesern nicht der Maßstab sein.

 

Zitierempfehlung

Heiner Stahl, Rezension zu: Charlie Taverner, Street Food. Hawkers and the History of London, Oxford University Press, Oxford 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81979> [5.3.2024].

 

[1] Karin Bijsterveld, Mechanical sound. Technology, culture, and public problems of noise in the twentieth century, Cambridge (MA) 2008; Daniel Morat (ed.), Sounds of Modern History. Auditory Cultures in 19th- and 20th-Century Europe, New York/Oxford 2014; James G. Mansell, The age of noise in Britain. Hearing modernity, Urbana/Chicago/Springfield (IL) 2017; Heiner Stahl, Geräuschkulissen. Soziale Akustik und Hörwissen in Erfurt, Birmingham und Essen (1880-1960), Köln 2022.

[2] Henri Lefebvre, Le droit à la ville, Paris 1968; Scott Lash/John Urry, Economies of signs and space, London 1994.

Christopher Clark, Frühling der Revolution. Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt

DVA | München 2023 | 1168 Seiten, Hardcover | 48,00 € | ISBN 978-3-421-04829-5

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Am Anfang dieser Rezension sei betont, dass sowohl Revolutionen als auch der Widerstand gegen reaktionäre Herrschaftssysteme, Diktaturen und totalitäre Herrschaft weit in die Vergangenheit Europas reichen und ein Thema für den gesamten Kontinent sind. Das zeigt Christopher Clark ganz herausragend und umfassend am Beispiel der Revolution von 1848/49 als gesamteuropäischem Ereignis. Im Jahr der 175. Wiederkehr dieser Revolution ist über dieses deutsche und europäische Schlüsselereignis zwar diskutiert und publiziert worden – so über die Frankfurter Nationalversammlung als verfassungsgebendes Gremium mit der Reichsverfassung vom März 1849 und über deren Nachwirkungen auf die Weimarer Verfassung von 1919 und das Bonner Grundgesetz von 1949[1] –, doch blieb dieses Thema am Rande des gesellschaftlichen Diskurses. Auch die Bedeutung des Jahres 1848 für die deutsche Einigungsbewegung blieb, wie etwa Heinrich August Winkler meint, wenig beachtet. Nicht zuletzt lag das daran, dass die deutschen Achtundvierziger an der Doppelaufgabe der gleichzeitigen Herstellung eines Verfassungs- und eines Nationalstaates scheiterten. Doch umsonst waren diese Kämpfe nicht, wie spätestens die Friedliche Revolution 1989/90 zeigte. Winkler hat auch darin Recht, dass diese jüngste der deutschen Revolutionen die erfolgreichste war, da ihr ein nachhaltiger Regimewechsel gelang. Doch gelingt vielen Historikern und Vertretern anderer Disziplinen eine solche Sicht in aller Regel nicht bzw. sie wird von ihnen nicht angestrebt.

Das gilt auch für Clark, der sein Augenmerk auf 1848/49 beschränkt – hier aber Bahnbrechendes leistet. Wie keinem zweiten Historiker gelingt es ihm, heute kaum noch bekannte revolutionäre Ereignisse dieser Jahre sowie ihre Vor- und Nachgeschichte in großen Teilen Europas eindringlich und ausführlich zu schildern. Dabei schweift sein Blick von Spanien bis Galizien und von Ostpreußen bis Sizilien. Er beschreibt Leben und Werk bedeutender charismatischer Akteure, die heute im besten Fall noch Spezialisten bekannt sind: Demokraten, Liberale, Radikale, Patrioten und Sozialisten, ob als Schriftsteller, als Denker oder als militärische Führer. Stets geht es dabei um europäische Aufstände, die erst im Rückblick nationalisiert wurden. Besonders auffällig ist für den Autor die Gleichzeitigkeit der einzelnen Revolutionen dieses europäischen Völkerfrühlings, der ihn an den „Arabischen Frühling“ erinnert.

Clarks Grundthese ist, dass die Revolutionen der Jahre 1848/49 nicht gescheitert seien, sondern dass sie als „Teilchenbeschleuniger“ (S. 13) gewirkt hätten, die letztlich neue politische und gesellschaftliche Formen mit tiefgreifenden Konsequenzen für die neuere Geschichte Europas hervorbrachten. Dem wird man grundsätzlich folgen können, es bringt aber natürlich die Frage mit sich, was das im Einzelnen bedeutet. Das Missverhältnis zwischen Kapitalismus und sozialer Ungleichheit jedenfalls konnte bis heute nicht beseitigt werden. Dagegen scheinen die Spannungen zwischen den verschiedenen Formen politischer Repräsentation gegenwärtig zugunsten des Parlamentarismus entschieden, auch wenn immer wieder nicht nur im demokratischen Diskurs, sondern vor allem von links- und rechtsradikaler Seite Formen direkter Herrschaft ins Spiel gebracht werden.

Aus Clarks Sicht waren die Ereignisse der Jahre 1848/49 in Europa auch dadurch gekennzeichnet, dass sich nur schwer eine Trennlinie zwischen Revolution und Konterrevolution ausmachen ließe. Stattdessen erkennt Clark eine Fülle von Rissen, die in alle Richtungen liefen. Diesen geht er akribisch und mit überwältigender Materialfülle und Detailkenntnis nach. Dabei lautet eine weitere These, dass materielle Not wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts als solche keine Revolutionen auslöste, sondern soziale Probleme nur deren unverzichtbaren Hintergrund bildeten. Das erscheint mir ebenfalls diskussionswürdig, stellt es doch zu sehr die Rolle von Persönlichkeiten in den Mittelpunkt der Geschichte. Zwar spielt auch für Clark die Schilderung der sozialen Lage breiter Bevölkerungsschichten immer wieder eine wichtige Rolle, so bei den Weberaufständen in Lyon 1831 und in Schlesien 1844. Doch letztlich geht es ihm um Revolutionen als politische Vorgänge, um ihre Denker und Kämpfer sowie um ihre konkreten Verläufe. Und obwohl dabei klar wird, dass der Ablauf der Revolutionen nicht immer den Vorstellungen der Intellektuellen entsprach, waren aus Clarks Sicht die „Ideensysteme und Gedankenketten“ der „fähigen Köpfe in ganz Europa“ (S. 133) entscheidend für das Vorfeld und für die Revolution. Hinzu kamen als eigenständige revolutionäre Akteure Frauen, religiöse Minderheiten wie die Juden, nationale Minderheiten bzw. Sprachgruppen und nicht zuletzt Sklaven. So wurde etwa erst 1848 die Sklaverei in den französischen Kolonien abgeschafft. Alle diese Gruppen bzw. ihre Vertreter hatten jeweils eigene Vorstellungen von dem zu Erreichenden, alle gewannen durch die Revolutionen und verloren vieles davon wieder durch die folgenden Konterrevolutionen.

Dabei war „Geheimbündelei“ eine wichtige Lebensform der Revolutionäre, das Lesen von Zeitungen schoss in die Höhe, Bankette und Cafés spielten eine zentrale Rolle. Viele Revolutionäre waren aber auch bereit, für ihre Sache ihr Leben zu geben. Das schildert der Autor für viele europäische Länder in aller Eindringlichkeit und Detailtreue. Dabei wird deutlich, dass die Abläufe einerseits immer unübersichtlicher wurden, andererseits aber überall die gleichen Forderungen zu hören waren: „Verfassung, Freiheit, Presse-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit, Bürgerwehr […], Wahlrechtsreform“ (S. 474). Die Errichtung neuer Ordnungen wurde angestrebt und an manchen Orten auch verwirklicht, Parlamente wurden gewählt und Verfassungen geschrieben.

Vieles davon brach in Konterrevolutionen zusammen und gleichzeitig schwand der revolutionäre Zusammenhalt. Dafür führt Clark verschiedene Gründe an. So waren die Revolutionäre oft uneins, das Militär blieb den herkömmlichen Obrigkeiten loyal ergeben und die Revolutionen erreichten kaum ländliche Gebiete. Auch Liberale und Radikale arbeiteten nicht zusammen. Trotz dieser Misserfolge blieben jedoch gerade die erwähnten Verfassungen von bleibender Bedeutung, die Sklaverei konnte weitgehend überwunden werden, die Emanzipation von Juden und Roma machte Fortschritte und das Wahlrecht in verschiedenen Staaten unterlag Reformen. Gleichzeitig begann die Neugestaltung von Städten, neues politisches Selbstbewusstsein erwachte, das allgemeine Wahlrecht gewann weitere Anhänger, die Geburt der Sozialdemokratie kündigte sich an und die Voraussetzungen für den deutschen wie den italienischen Nationalstaat konnten geschaffen werden. Jedoch kam auf der anderen Seite die Emanzipation der Frauen kaum vom Fleck, die Kluft zwischen Russland und Westeuropa vertiefte sich und überall keimte neuer Nationalismus auf. Auch mit der weltweiten Anteilnahme an der Revolution, die aber keinen Revolutionsexport mit sich brachte, setzt sich der Autor schließlich auseinander.

Zusammenfassend bezeichnet Clark 1848/49 als die „einzige wahrhaft europäische Revolution der Geschichte“ (S. 9). Hier ist zu fragen, wie es vor allem mit der Revolution von 1989/90 aussieht, einer Revolution in Mittelosteuropa, aber mit weit darüberhinausgehenden Wirkungen. Dabei muss es um ein Gesamtbild der Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts gehen. Und das führt schließlich auch zu der Frage nach eventuellen künftigen Aufständen und Revolutionen. Diese schließt Clark nicht aus, meint aber, dass besonders auch kommende Revolutionen wie 1848/49 sein könnten: „schlecht geplant, verstreut, uneinheitlich und voller Widersprüche“ (S. 1024).

Rainer Eckert, Berlin

 

[1] Vgl. Heinrich August Winkler, Der Fortschritt als Fessel. An ihrem Anfang stehen tiefe Systemkrisen: Was die deutschen Revolutionen 1848, 1918 und 1989 miteinander verbindet, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.12.2023; ders., Die Deutschen und die Revolution. Eine Geschichte von 1848 bis 1989, München 2023.

 

Zitierempfehlung:

Rainer Eckert, Rezension zu: Christopher Clark, Frühling der Revolution. Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt, DVA, München 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81971> [23.1.2024].

Eva Gschwind, Auf zur Urne! Direkte Demokratie in Basel von den Anfängen bis heute

Christoph Merian Verlag | Basel 2022 | 320 Seiten, Klappenbroschur | 32,00 € | ISBN 978-3-85616-982-4

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Im Jahr 1875 führte der Kanton Basel-Stadt die Volksinitiative wie auch das fakultative Referendum ein. Konkret bedeutete dies, dass von nun an jeweils 1000 Stimmbürger (Zahlen von 1875) mit ihren Unterschriften eine Gesetzesinitiative, die Totalrevision der Verfassung oder ein konkretes Projekt zur Volksabstimmung bringen konnten bzw. eine Volksabstimmung über einen Beschluss des Großen Rates, ganz gleich, ob es sich bei diesem um ein Gesetzesvorhaben, um einen Finanzbeschluss oder aber ein Bauprojekt handelte, erzwingen konnten. Anders als beispielsweise in Zürich, Bern oder Genf, ist es in Basel-Stadt über die Frage der Einführung der direkten Demokratie nicht zu schweren, teils sogar gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen. Vielmehr wurde eine Entwicklung nachvollzogen, die auf Ebene des Gesamtstaates bereits 1874 im Zuge der Totalrevision der Bundesverfassung stattgefunden hatte. So hat sich die Forschung bislang noch recht wenig mit der direkten Demokratie in der Stadt am Rheinknie auseinandergesetzt. Diese Lücke möchte Eva Gschwind nunmehr schließen. Ihren Blick auf die direkte Demokratie in Basel-Stadt bindet sie dabei ein in eine Darstellung der politischen Geschichte des Stadtkantons. Ihr geht es nicht zuletzt auch darum, eine Geschichte der Anliegen, die seitens der Bevölkerung artikuliert wurden, vorzulegen. Unter anderem fragt sie, inwieweit und in welcher Form die politische Elite auf das Volk als Machtfaktor eingegangen ist. Wer lancierte zu welchem Zeitpunkt Volksinitiativen und wer war berechtigt, an Volksabstimmungen teilzunehmen? Wirkten Volksinitiativen und Referenden eher in progressiver Richtung oder wurden diese vielmehr zum Bremsklotz für die weitere Entwicklung.

In zwei relativ umfangreichen Kapiteln schildert die Autorin zunächst den Weg zur direkten Demokratie und gibt in diesem Zusammenhang Einblick in die politische Verfassung Basels vor 1875. Die Stadt wurde dominiert von einer Schicht von Kaufleuten, Gelehrten und Fabrikbesitzern, die in sozialpolitischer Hinsicht durchaus fortschrittlich war. So gab es eine progressive Einkommensteuer, die kleine Einkommen schonte. Aus einem „pietistisch-humanistischen Pflichtgefühl“ (S. 49) heraus förderte die städtische Elite im Zusammenspiel mit der „Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige“ auch gleichermaßen Suppenanstalten, preisgünstige Arbeiterwohnungen und die Schaffung von Badeanstalten. Auch bestand seit 1869 ein für die damalige Zeit fortschrittliches Fabrikgesetz. Soziale Zugeständnisse dienten aber nicht zuletzt dazu, ein politisch hoch konservatives System zu stützen, in dem die politische Macht bei nur wenigen Familien konzentriert war. So standen an der Spitze Basels als Exekutive zwei Bürgermeister und ein 13-köpfiger Kleiner Rat, wobei bis auf die zwei Bürgermeister alle Funktionsträger ehrenamtlich tätig waren. Allein schon hierdurch war ein politisches Engagement von weniger Betuchten ausgeschlossen. 36 Sitze des Großen Rates (der Legislative, der jedoch auch die Bürgermeister und die Mitglieder des Kleinen Rates angehörten) wurden in Basel noch immer durch die Zünfte bestimmt. Das Wahlverfahren war überaus komplex, zugleich fanden die Wahlen unter der Woche statt, wodurch abhängig Beschäftigte von den Wahlen ferngehalten wurden.

Die Autorin stellt den freisinnigen Politiker Wilhelm Klein als denjenigen vor, der seit 1867 mehrfach Anträge stellte, die auf eine grundlegende Erneuerung des politischen Systems zielten, und der damit ab 1873 auch Erfolg hatte. Zunächst kam es zur Einführung der Wahlen am Sonntag und einer Wahlurne. 1875 erhielt Basel dann einen von allen Stimmbürgern direkt gewählten Großen Rat als Legislative und einen hauptamtlichen Regierungsrat mit sieben Mitgliedern (zunächst durch den Großen Rat, ab 1890 direkt vom Volk gewählt) als Exekutive. Durch die gleichzeitige Einführung von fakultativem Referendum und Volksinitiative erwartete sich Klein zudem eine stärkere Beteiligung der Bevölkerung an der Politik, genauso wie eine Lösung etwaiger Konflikte zwischen Wählern und Behörden. Mit diesen Argumenten konnte sich Klein gegenüber seinen konservativen Gegnern durchsetzen, die eine Schwächung des Verantwortlichkeitsgefühls des Großen Rates fürchteten. Überhaupt sahen die Konservativen überall nur „fruchtlose Agitation“ (zitiert S. 21) und sprachen der Bevölkerung die Kompetenz ab, über komplexe Vorgänge ein Urteil zu fällen.

Bemerkenswert war freilich, dass sich das erste Referendum 1876 mit der Frage der Einführung einer Kanalisation beschäftigte und trotz unhaltbarer hygienischer Zustände die Kanalisation abgelehnt wurde. Zu groß war die Furcht vor hohen Anschlusskosten. Das gleiche Spiel wiederholte sich 1881. Erst 1896 sollte Basel die schon 20 Jahre zuvor geforderte Kanalisation erhalten. Am Beispiel der ersten Volksinitiative zeigt Gschwind jedoch auf, dass Volksinitiativen durchaus beschleunigend wirken konnten. Dank einer Volksinitiative erhielt Basel innerhalb kürzester Zeit 1882 eine dritte Rheinbrücke – die zweite Rheinbrücke war erst 1879 fertig gestellt worden.

In vier Kapiteln zeigt die Autorin auf, welche Themen bei den Volksabstimmungen und Referenden dominierten. In der Regel ging es um die weitere Demokratisierung des politischen Systems und um die Berücksichtigung von Minderheiten. Ein Meilenstein war die Einführung des Proporzwahlrechts 1905, mittels dessen die dominierende Stellung der inzwischen regierenden Freisinnigen gebrochen wurde. 1966 führte Basel-Stadt als erster deutschsprachiger Kanton das Frauenstimmrecht ein. 1988 wurde das Wahlalter von 20 Jahren auf 18 Jahre gesenkt. In der Gegenwart wird über das Stimmrecht von Ausländern, die eine bestimmte Anzahl von Jahren in der Stadt leben, wie auch über eine weitere Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre diskutiert. Weitere Themen von Abstimmungen bildete vor allem ab den 1920er Jahren der Ausbau des Sozialstaates, oftmals in Verbindung mit Steuerfragen. Da Basel ein Stadtkanton ist, wurde im Rahmen von Volksabstimmungen auch immer wieder die städtebauliche Entwicklung behandelt. Dementsprechend stellt die Autorin in einem reich bebilderten Kapitel städtebauliche Projekte vor, die von der Bevölkerung entweder angenommen oder verworfen wurden.

Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit Abstimmungskampagnen und geht dabei auf „Aufreger und Grenzüberschreitungen“ (S. 228) ein. Von Parteien der politischen Rechten wurden seit den 1920er Jahren immer wieder Abstimmungskampagnen mit fremdenfeindlichem, ja offen rassistischem Unterton geführt, die darauf zielten, Ängste in der Bevölkerung zu schüren – ein unerfreulicher Aspekt der direkten Demokratie. Neben „Schlussbetrachtungen“ (S. 281) und einigen knappen rechtlichen Erläuterungen zur direkten Demokratie bilanziert zudem wiederum ein Kapitel die direkte Demokratie in statistischer Hinsicht. Hier geht es unter anderem um die Frage, wie hoch die Wahlbeteiligung war. Wie viel Prozent der Einwohner Basels dürfen überhaupt wählen? Wann waren Abstimmungen ungültig oder welchen Einfluss hatten bzw. haben die beiden Landgemeinden des Kantons, Riehen und Bettingen, auf das Gesamtergebnis? In den beiden Landgemeinden wohnen zusammen heute immerhin 13,2 Prozent der Stimmberechtigten, die in der jüngeren Vergangenheit bei knappen Entscheidungen wiederholt den Ausschlag gegeben und gerade in Fragen von Wohnungsbau und Miete mehrheitlich anders als die Einwohner Basels votiert haben.

Eva Gschwind wird dem selbst gestellten Anspruch, den Leser „auf eine spannende Zeitreise durch die Basler Politik der letzten 150 Jahre“ (Buchrücken) mitzunehmen, vollauf gerecht. Der Leser bekommt einen detaillierten und doch leicht verständlichen Einblick in das Funktionieren der direkten Demokratie sowie in zentrale Entwicklungen und politische Kontroversen nicht nur der Basler Stadtgeschichte, sondern auch der Schweiz insgesamt und der Oberrhein-Region.

Michael Kitzing, Singen

 

Zitierempfehlung:

Michael Kitzing, Rezension zu: Eva Gschwind, Auf zur Urne! Direkte Demokratie in Basel von den Anfängen bis heute, Christoph Merian Verlag, Basel 2022, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81970> [23.1.2024].

Thomas Fläschner, Bergmannspfade. Die Arbeitswege der Bergleute im Saarrevier

Röhrig Universitätsverlag | St. Ingbert 2022 | 144 Seiten, geb. | 24,00 € | ISBN 978-3-96227-016-2

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Die Entwicklung der Mobilität von Bergarbeitern im mitteleuropäischen Raum während des 19. und 20. Jahrhunderts war in den verschiedenen Montanregionen unterschiedlich. Abhängig von Faktoren wie geografischer Lage, Arbeitsbedingungen und wirtschaftlichen, politischen sowie sozialen Strukturen gestalteten sich Zusammensetzung und Nutzung der infrastrukturellen Mittel. Thomas Fläschner, Leiter der Bereichsbibliothek Empirische Humanwissenschaften der Universität des Saarlandes, schafft mit seiner Studie „Bergmannspfade. Die Arbeitswege der Bergleute im Saarrevier“ einen breiten Überblick über die Arbeitswege der Bergleute in der Saarregion von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in das 20. Jahrhundert. Dabei führt er die einzelnen Verkehrsmittel auf, setzt sie in einen historischen Kontext und arbeitet deren Bedeutung und kulturelle Aneignung heraus.

Der Aufbau gliedert sich nach den einzelnen Verkehrsmitteln: dem Fußweg über die sogenannten Bergmannspfade, der Anfahrt mit der Eisenbahn und später der Straßenbahn, der Nutzung des Fahrrads, den eingerichteten Buslinien und der privaten Motorisierung mit Automobilen oder motorisierten Zweirädern. Allerdings findet eine Schwerpunktsetzung auf die Bergmannspfade und den Eisenbahnverkehr statt. Die Abfolge spiegelt chronologisch die Entwicklung der Mobilität der Bergarbeiter im Saarrevier wider, wobei betont werden muss, dass die parallele Nutzung der einzelnen Verkehrsmittel trotz der fortschreitenden Mobilisierung erhalten blieb (S. 84). Der Autor arbeitet mit vielen quellenbasierten Beispielen eine differenzierte Perspektive auf die zeitlich und örtlich gebundene Mobilität der Bergleute heraus. Neben der Betrachtung der Bergarbeiter selbst, die als offensichtliche Akteure Einfluss auf ihre Arbeitswege nahmen, werden die Verflechtungen mit und zwischen anderen Akteuren – Privatpersonen außerhalb der Bergarbeiterschaft, Gemeinden, Berg- und Forstverwaltungen – und daraus sich ergebende Konflikte aufgezeigt. Anhand konkreter Konflikte verdeutlicht Fläschner das komplexe Netzwerk zwischen den Handlungen der Akteure, das nicht zuletzt vor dem politisch wechselhaften Hintergrund der Saarregion (S. 75–81) zu sehen ist. Zahlreich erschlossene Quellen zeugen von einer ausgeprägten Archivarbeit, unter anderem im Landesarchiv Saarland, im Landeshauptarchiv Koblenz, in den Archives départementales de la Moselle sowie in diversen saarländischen Stadtarchiven. Zudem profitiert die regionalgeschichtliche Studie von einer medienbasierten Analyse zeitgenössischer Zeitungen und Zeitschriften, insbesondere von werksinternen Mitarbeiterzeitschriften sowie gewerkschaftlich orientierten regionalen Wochen- und Tageszeitungen.

Inhaltlich beginnt Fläschner mit der Betrachtung der Bergmannspfade als grundlegender Infrastruktur für den Arbeitsweg der Bergarbeiter. Unter der Führung des Preußischen Bergfiskus erlebte der Steinkohlenbergbau in der Saarregion zur Mitte des 19. Jahrhunderts einen explosionsartigen Aufschwung. Die voranschreitende Industrialisierung und die damit steigenden Belegschaftszahlen verursachten einen erhöhten Bedarf an infrastrukturellen Maßnahmen (S. 13). Die Expansion der Arbeitereinzugsgebiete hatte nicht nur eine Erweiterung des bereits bestehenden Netzes an Pfaden (S. 23–25), sondern auch siedlungspolitische Maßnahmen für die Bergarbeiterschaft zur Folge. Der Autor schafft es an dieser Stelle, die standortabhängige Mobilität zwischen Arbeitsplatz und Heimatort mit den daraus resultierenden Entwicklungen in Beziehung zu setzen. Zum Beispiel entwickelte sich aufgrund des Mangels an Wohnraum und der weiten Arbeitswege eine umfassende Wohnungs- und Siedlungspolitik des Preußischen Bergfiskus, welche die Schaffung des Einliegerwesens ebenso umfasste wie den Bau von Schlafhäusern und der Einführung des Systems der Prämienhäuser (S. 13–23). Ein anderes Beispiel ist die vielfältige soziokulturelle Aneignung der Wege, die sich exemplarisch im Sprachgebrauch – „Ranzenmänner und Hartfüßer“ (S. 87) – oder im Nutzen der Wege als Kommunikationskanäle für Streikgespräche (S. 49) im Arbeiterkampf abbildete. Einen weiteren Schwerpunkt setzt Fläschner mit der Betrachtung der historischen Entwicklung des Eisenbahnverkehrs. Auch hier erwuchs aus den stark steigenden Belegschaftszahlen die Notwendigkeit, das Bahnliniennetz zu verdichten (S. 97), um einerseits überfüllten Zügen (S. 101) entgegenzuwirken und andererseits neue Arbeitereinzugsgebiete zu erschließen (S. 97). Interessant zu sehen ist, dass Arbeiterzüge auch als Räume der Politisierung genutzt wurden (S. 112). Das verdeutlicht noch einmal, wie wichtig der Faktor der Mobilität ist, wenn es darum geht, die Arbeits- und Lebenswelt der Bergleute historisch zu untersuchen.

Charakteristisch für das 20. Jahrhundert war vor allem die Entwicklung von der gemeinschaftlichen Nutzung öffentlicher Wege und Eisenbahnlinien hin zum Individualverkehr mit Kraftfahrzeugen, wobei Fläschner aber die Intermodalität der Verkehrsmittel hervorhebt (S. 131). Daraus folgt, dass der Arbeitsweg der Bergarbeiter im Saarrevier zeitlich sowie räumlich als ein Konglomerat von Verkehrsmitteln bezeichnet werden kann und dass trotz weitgreifender Technisierung die ursprüngliche Art, das Zu-Fuß-Gehen über die Bergmannspfade (S. 131), nicht vollständig ersetzt werden konnte. Zusammenfassend wird damit in Fläschners Untersuchung nochmals die besondere Stellung der Bergmannspfade deutlich, denn sie fungierten als Verbindung zwischen Arbeits- und Lebenswelt der Bergarbeiter sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert.

Durch die Betrachtung von Verkehrsmitteln im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen und sozialen Strukturen und Prozessen sowie den Handlungen der verschiedenen Akteure gelingt dem Autor eine komplexe Darstellung der Mobilität von Bergarbeitern. Die Überlegungen zu Verkehrs- und Siedlungsstrukturen unter Einbeziehung der geografischen Lage der Grubenstandorte ermöglichen Rückschlüsse auf die vergangene sowie die gegenwärtige Raumgestalt der Saarregion. Für weiterführende Studien könnte von Interesse sein, die Erkenntnisse aus der Saarregion überregional oder sogar transnational zu vergleichen, um die entsprechenden Alleinstellungsmerkmale der verschiedenen Montanregionen herauszuarbeiten. Interessant wäre darüber hinaus eine größer angelegte Verflechtungsgeschichte der Mobilität von Industriearbeiter:innen allgemein. Die vielfältigen Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den Industrieregionen könnten so kontextualisiert werden, um Prozesse beispielsweise der Migration besser verstehen zu können.

Joana Baumgärtel, Saarbrücken

 

Zitierempfehlung:

Joana Baumgärtel, Rezension zu: Thomas Fläschner, Bergmannspfade. Die Arbeitswege der Bergleute im Saarrevier, Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2022, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81969> [23.1.2024].

Daniel Hedinger, Die Achse. Berlin–Rom–Tokio 1919–1946

C.H. Beck | München 2021 | 543 Seiten, Hardcover | 29,95 € | ISBN 978-3-406-74153-1

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Daniel Hedinger nimmt sich in seiner Münchener Habilitationsschrift viel vor: „Dieses Buch erzählt die Geschichte der Achse Berlin-Rom-Tokio“ (S. 7). Nicht eine Geschichte oder ein Interpretationsangebot, nein die Geschichte. Mehr noch, handele es sich doch zugleich auch um „eine Globalgeschichte des Faschismus“ (S. 8). Darüber hinaus trage das Buch auch noch „zu einer Globalgeschichte des Zweiten Weltkrieges bei“ (ebd.). Das ist ein hoher Anspruch, der auf 400 locker gesetzten Textseiten eingelöst werden soll. Auf dem Buchumschlag wird gar behauptet, Hedinger schreibe „anhand umfangreicher Archivrecherchen“ die Geschichte des Achsenbündnisses „neu“. Das ist eindeutig falsch: Rund 100 der 1800 Anmerkungen des Bandes beziehen sich auf Archivalien von zumeist nachgeordneter oder peripherer Bedeutung. Dieses Buch zieht sein Material nahezu vollständig aus der Forschungsliteratur. Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Untersuchung im eigentlichen Sinne. Kein Dokument findet eine eingehende Analyse, keine Gesprächsaufzeichnung wird intensiv ausgewertet, keine programmatische Erklärung näher betrachtet, überhaupt wird nicht ein wissenschaftliches Problem gründlich erörtert. Hedinger legt einen Großessay vor, der eine von vornherein feststehende Interpretation durch gedankliche Operationen, Imaginationen und schlichte Behauptungen zu untermauern sucht. In Hedingers Worten: „Das Buch bietet Synthese und Interpretation zugleich“ (S. 8). Quellenlage oder Forschungsstand werden nicht dargelegt. Zu letzterem heißt es einfach, „die Arbeiten, die sich des Themas annahmen, haben das Bündnis kleingeschrieben“ (S. 12). „In der umfangreichen Literatur zum Zweiten Weltkrieg fristet die Achse Berlin-Rom-Tokio ein Schattendasein“ (S. 11). Dabei kennt Hedinger nicht einmal die einschlägigen Beiträge in dem Reihenwerk Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg oder die für seine Thematik immens relevanten Arbeiten von Andreas Hillgruber etwa zur Struktur der „Hitler-Koalition“.[1]

Daniel Hedinger möchte die Achse großschreiben. Sein Gedankengang verläuft etwa folgendermaßen: „Faschistische Gravitation“ – ein der Naturwissenschaft entlehnter Terminus bietet Hedinger nicht zufällig einen Schlüsselbegriff seiner Darlegungen – habe „den Nährboden für die Annäherung der drei Mächte“ gebildet, die „auf faschistischer Ideologie“ basierte (S. 75 f.). Ein spezifisches „Expansions-, Radikalisierungs- und Beschleunigungspotential des Faschismus“ habe eine „faschistische Radikalisierung erst im transnationalen Wechselspiel der Achsenmächte“ entstehen lassen und dabei zu „einer kumulativen Radikalisierung der Achse“ geführt, die diesem Bündnis „Sprengkraft und Dynamik“ verliehen habe (S. 13). „Erfolgreiche Expansion“ habe in der Praxis „wechselseitig anziehend“ gewirkt und einen „imperialen Nexus“ entstehen lassen, „der die drei Mächte aneinanderband und den Weg in den Weltkrieg ebnete“, wobei „koloniale Kontexte und transimperiale Ursachen des Weltkrieges“ besondere Aufmerksamkeit verdienten (S. 9). Darin offenbart sich eine für Hedingers Darstellung kennzeichnende Neigung zu quellenfernen und abstrakten Begrifflichkeiten, die, häufig nicht hinreichend definiert, als tragende Elemente dienen: Bei Hedinger „entsteht“ etwas aus Deduktionen, ohne dass in den Quellen nach Belegen gesucht werden müsste oder nach tatsächlichen Handlungen, Zielen und Beweggründen menschlicher Protagonisten oder gesellschaftlicher Gruppen. So bedarf es keiner Diskussion der Ursachen und Gründe für die nationalsozialistische Machtergreifung im Deutschen Reich: Es war einfach „die globale Welle des Faschismus, die im Frühjahr 1933 nun unübersehbar auch Deutschland mitgerissen hatte“ (S. 108). „Der Verfall der Weimarer Republik, der Aufstieg der NSDAP und die «Machtergreifung» waren ein integraler Bestandteil des ersten globalen Moments des Faschismus“ (S. 120). Ein Geschichtswissenschaftler, der sich so einfacher Lösungen für schwierigste sachliche und methodische Probleme gewiss ist, mag zu beneiden sein.

Hedingers Bemühungen, „globale Momente“ des Faschismus und „imperiale Nexus“ als Wegbereiter des Zweiten Weltkriegs aufzuzeigen, bleiben weithin ergebnislos. So habe die Pariser Friedenskonferenz von 1919 Prozesse freigesetzt – anonyme „Prozesse“ führen in Hedingers Darstellung durchweg ein handlungsleitendes Eigenleben –, „die auf lange Sicht die Grundlage für eine Annäherung der drei Länder bildeten“ (S. 41). Tatsächlich aber findet Hedinger keine Hinweise auf eine Annäherung von Vertretern Deutschlands, Italiens und Japans im Jahr 1919. Ein „erster globaler Moment des Faschismus“, den Hedinger im Herbst/Winter 1932/33 verortet, war „spätestens 1934 [...] wieder vorbei“ (S. 114). Und noch „Ende 1935 war eine Allianz zwischen Japan, Italien und Deutschland der Traum einiger weniger“ (S. 126). Die seit dem Winter 1935/36 sich allmählich abzeichnende Annäherung und partielle Zusammenarbeit dieser drei Mächte spielte sich hingegen in einem Kontext konventioneller machtpolitischer Zielsetzungen und Entscheidungen ab.

Weil aber von einer Kooperation der drei Mächte in der Sache schon ab Ende 1937 erneut kaum mehr die Rede sein kann, flüchtet sich Hedinger für die Folgezeit in Erzählungen von „Faschisten auf Reisen“, in die Ästhetisierung von Politik und in pseudopolitische öffentliche Spektakel. Das Ergebnis ist ernüchternd: Das gegenseitige Entsenden und Empfangen von Missionen und Besucherdelegationen diente „repräsentativen Zwecken“, verfolgte „aber kaum konkrete diplomatische Ziele“ (S. 230). Wenn Hedinger mit Blick auf die inszenierten Spektakel anlässlich gegenseitiger Staatsbesuche betont, „erst durch die Prozesse wechselseitigen Austausches wurde dem Bündnis gleichsam Leben eingehaucht“ (S. 224) – an sich war es also offenbar tot –, die „medienwirksamen Besuche und Handlungen verliehen dem Bündnis gleichsam erst Substanz“ (S. 14) – an sich war es folglich substanzlos –, dann bestätigt er nur die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschungen: Das Achsenbündnis zog zu keiner Zeit eine echte politische oder strategische Zusammenarbeit nach sich.

Hedinger kann diesen Mangel an Substanz nicht wegdiskutieren: „Letztendlich ist die Geschichte der Achse im Krieg natürlich [!] vor allem eine des Scheiterns“ (S. 272). Um es dabei aber nicht bewenden zu lassen, kreiert Hedinger einen Popanz, den er gleich auf der ersten Seite seines Werks vorstellt: „Nichts schien den Aufstieg der drei Mächte aufzuhalten.“ Mitte des Jahres 1942 „herrschten die Drei über gewaltige Imperien. [...] Für kurze Zeit schien es, als stünde der Realisierung einer neuen Weltordnung durch das Bündnis zwischen Deutschland, Japan und Italien nichts mehr im Wege“ (S. 7). Wem schien es denn so? Zu Hedingers Popanz passt eine skurrile Karte „Weltordnungsentwürfe der Achsenmächte“ – auf der Amerika nicht vorkommt –, die die „größte Machtausdehnung der Achsenmächte und ihrer Verbündeten [...] zu unterschiedlichen Zeitpunkten [...] (ca. 1942)“ darzustellen versucht, um die Bedrohung möglichst groß erscheinen zu lassen. Die beabsichtigte Suggestion funktioniert von vornherein nur, indem verschämt angemerkt wird, das im Kartenbild gewaltige ostafrikanische Kolonialgebiet Italiens sei „bis Ende 1941 an die Briten verloren gegangen“. In Nordafrika zeigt die Karte als scheinbar zeitgleich den Frontverlauf vor El Alamein von Oktober 1942 und den in Tunesien vom Winter 1942/43, als Libyen für die Achsenmächte längst verlorengegangen war (S. 543). Das sind Taschenspielertricks. In ähnlicher Weise arbeitet Hedinger mit gigantischen Bevölkerungszahlen und Wirtschaftspotentialen in den vom Deutschen Reich und Japan okkupierten Gebieten, um eine von diesen ephemeren „Imperien“ ausgehende Bedrohung zu suggerieren. Der Versuch, die Leserschaft zu beeindrucken, fällt sofort in sich zusammen, da die Achsenmächte zu keiner Zeit Integrationsangebote für die Mehrzahl der von ihnen unterworfenen Menschen vorzuweisen hatten und nicht zuletzt deshalb auch die scheinbar hinzugewonnene Wirtschaftskraft nicht hinreichend auszunutzen verstanden (S. 354-356). Unabhängig davon war „Mitte 1942“ Italien längst zu einem militärisch und machtpolitisch bedeutungslosen bloßen Anhängsel des Deutschen Reiches herabgesunken, war Hitlers Kriegsplan im Winter 1941/42 desaströs gescheitert, war die militärische Kraftentfaltung des Japanischen Kaiserreichs an ihre Grenzen gestoßen. Alle drei Mächte hatten die strategische Initiative verloren und ihre Führungen besaßen keine Vorstellung davon, wie ihr jeweiliger Krieg vor allem gegen die Vereinigten Staaten zu gewinnen sein mochte.

Tatsächlich gelingt es Hedinger nicht, eine koordinierte Bedrohung der globalen Ordnung durch das Kaiserreich Japan, das Königreich Italien und das Großdeutsche Reich nachzuweisen. Ebenso wenig überzeugt seine Vorstellung eines globalen Faschismus. Das beginnt und endet damit, dass Hedinger jeglicher Definition von „Faschismus“ konsequent ausweicht, ja sie dezidiert ablehnt (S. 415). Es bleibt völlig im Dunkeln, was für Hedinger den „Faschismus“ kennzeichnet – ein für eine „Globalgeschichte des Faschismus“ denkwürdiger Tatbestand. Während schon eine Charakterisierung der nationalsozialistischen Herrschaft als „faschistisch“ deren Beschaffenheit eher verschleiert als zu analysieren hilft, erscheint sie insbesondere im Hinblick auf Japan kaum konsensfähig. Kurzum postuliert Hedinger „in Japan eine ganz eigene Form faschistischen Globalismus, der sich als Pendant zu Neuordnungsentwürfen europäischer Faschisten verstehen lässt“; es handele sich um „eine Art Nipponismus“ als „einer von oben verordneten partikularen Form des Faschismus“ (S. 105 u. 195). Wenn Hedinger schließlich „die japanische Variation eines ethnozentrischen Herkunftsmythos, der polygenetisch aufbereitet nun zelebriert wurde“, heraufbeschwört, dann bleibt nur zu hoffen, dass der Verfasser selbst weiß, was er mitteilen möchte (S. 311).

Der Begriff „faschistische Kriegsführung“, der Hedingers Buch durchzieht, wird nicht definiert: Sie sei durch „die Entmenschlichung des Gegners“ und durch „gesteigerte Gewalt“ gekennzeichnet gewesen, wobei nirgends erklärt wird, wie sich „gesteigerte Gewalt“ von Gewalt unterscheidet (vgl. etwa S. 158-161). Unter diesem Gesichtspunkt wirkt es erstaunlich, wenn Hedinger behauptet, die Zeitgenossen hätten insbesondere den deutschen „Blitzkrieg“ gegen Frankreich 1940 „als Meisterstück faschistischer Kriegsführung“ interpretiert (S. 278). Hedingers bar jeder militärgeschichtlichen Expertise verfertigtes Konstrukt der „faschistischen Kriegsführung“ trägt nicht und wirkt verfehlt, insofern es die Kriterien rascher militärischer Operationen mit verbundenen Waffen, des Bombenkriegs gegen Zivilbevölkerungen oder des bewussten Einsatzes von sexualisierter Gewalt betont, die völlig unspezifisch werden, wenn man den Blick auf die gleichzeitige Kriegführung der Sowjetunion oder der Westmächte richtet.

Hedingers Überlegungen zu gegenseitigen Anregungen oder gar Überbietungswettbewerben der drei Mächte bleiben durchweg ohne Belege in den Quellen. Die Vorstellung, die japanische Eroberung und imperiale Neuordnung Mandschukuos sowie generell die Expansion Japans hätten für die nationalsozialistische Eroberungs- und Siedlungspolitik Vorbildcharakter gehabt (S. 152-155, 415 u. 421), entbehrt nicht nur einschlägiger Nachweise im Hinblick auf die Verantwortlichen im Deutschen Reich, sie präsentiert sich darüber hinaus ohne Kenntnis der Forschungen zum Vorbildcharakter des ephemeren deutschen Ostimperiums im Jahre 1918. Hitler und seine Mitarbeiter benötigten wahrhaftig keine Anregungen aus Fernost für ihre eigenen und ganz spezifischen Großraumvisionen und verbrecherischen Handlungen. Ebenso wenig diente ihnen die italienische Kriegführung in Afrika als Vorbild.

Anstatt in kritischer Weise Quellen zu analysieren, erliegt Daniel Hedinger mehrfach der Suggestionskraft zeitgenössischer Äußerungen, etwa bei der Verwendung von Zitaten aus den Goebbels-Tagebüchern, die oft nichts als Autosuggestion widerspiegeln. Mehrere der in dem Buch wiedergegebenen fotografischen Abbildungen bieten ausschließlich hohle Propaganda, die Hedinger nicht dekonstruiert. In der Konsequenz versteigt sich Hedinger zu analytisch zweifelhaften Urteilen, wenn er die „spirituelle Seite“ des faschistischen Projekts betont (S. 79), wenn „einmal mehr [...] beide Regime schicksalhaft verbunden“ waren (S. 137) oder er in Freundschaftsmissionen „die emotionale Bindung zwischen den beiden Regimen“ wirksam sieht (S. 229). Und wenn Hedinger meint, für die deutsche Führung „markierte der Dezember 1941 [...] keineswegs eine Wende, vielmehr ließ sie den Krieg und die Gewalt im Glauben an den Endsieg weiter eskalieren“, außerdem „glaubten die Achsenmächte“ 1942 „selbst durchaus noch an den Endsieg“ (S. 346 f.), dann urteilt er wiederum ohne Kenntnis der einschlägigen Quellen und Literatur, während sich zwingend die methodische Frage stellt, woher Hedinger weiß, was die deutsche Führung oder gar „die Achsenmächte“ glaubten. Hedinger selbst glaubt zu oft den vermeintlichen Erinnerungen zweifelhafter Zeitzeugen wie Edda Ciano, Erich Kordt oder Max Domarus. In der Sache gelangt er mitunter zu seltsamen Erkenntnissen: Bei der Gründung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda „stand im Frühjahr 1933 klar das italienische Vorbild Pate“ (S. 111), in Deutschland lag ab 1933 „der Fokus auf inneren Reformen“ (S. 115), die SPD habe nach 1919 „die Rückgabe von Kolonien“ gefordert (S. 166), die 1940 in Frankreich einmarschierenden Soldaten der Wehrmacht gehörten zu “den neuen Männern faschistischer Prägung“ (S. 277). Und Adolf Hitler saß „in der Nacht auf den 8. Dezember“ 1941 „besorgt in seinem ukrainischen Hauptquartier in einem Lehnstuhl“ (S. 320): Nein, dort saß er bestimmt nicht.

Rainer Behring, Köln

[1] Vgl. exemplarisch: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.), Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd. 6: Der Globale Krieg. Die Ausweitung zum Weltkrieg und der Wechsel der Initiative 1941-1943, Stuttgart 1990 (bes. S. 95-170: „Die Koalition der Dreimächtepakt-Staaten“); Andreas Hillgruber, Die „Hitler-Koalition“. Eine Skizze zur Geschichte und Struktur des „Weltpolitischen Dreiecks“ Berlin-Rom-Tokio 1933 bis 1945, in: ders., Die Zerstörung Europas. Beiträge zur Weltkriegsepoche 1914 bis 1945, Frankfurt a.M./Berlin 1988, S. 169-185.

 

Zitierempfehlung:

Rainer Behring, Rezension zu: Daniel Hedinger, Die Achse. Berlin – Rom – Tokio 1919-1946, C.H. Beck, München 2021, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81968> [23.1.2024].

Michael F. Feldkamp, Adenauer, die Alliierten und das Grundgesetz

Langen Müller | München 2023 | 176 Seiten, laminiert | 22,00 € | ISBN 978-3-7844-3654-8

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Michael Feldkamp, in der Verwaltung des Deutschen Bundestages tätig und eifriger Publizist, darunter mehrerer Editionen und Veröffentlichungen zum Parlamentarischen Rat, hat nunmehr eine populäre Darstellung der Entstehungsgeschichte des Grundgesetzes vorgelegt, die sich im Wesentlichen auf die Zeit zwischen dem 1. September 1948 und dem 23. Mai 1949 konzentriert (S. 36-136). Ihr voraus gehen unter anderem kurze Erwähnungen der Empfehlungen der Londoner Außenministerkonferenz vom Frühjahr 1948, der Frankfurter Dokumente vom 1. Juli 1948 und des Verfassungskonvents von Herrenchiemsee. Den Abschluss bilden die Gründung der Bundesrepublik, die Übergabe des Besatzungsstatuts auf dem Petersberg am 21. September 1949 und die Auseinandersetzungen um Kurt Schumachers Zwischenruf „Der Kanzler der Alliierten“ im Deutschen Bundestag vom 24. November 1949. Feldkamps zentrales Thema ist die Frage, inwieweit die drei Westmächte von den Außenministern über die Militärgouverneure bis zum Alliierten Verbindungsbüro in Bonn Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung des Grundgesetzes nahmen.

Die Frage ist so alt wie das Grundgesetz selbst, und die Antwort, die Feldkamp auf der Basis der vorliegenden Literatur bereithält – es ging im Kern um die Ausgestaltung des Föderalismus –, ist ebenfalls hinreichend bekannt. Feldkamp konzentriert sich jedoch weniger auf die konkreten Formulierungen im Text des Grundgesetzes, als vielmehr auf die Konfliktlinien zwischen den verschiedenen politischen Akteuren, in dem Bemühen aufzuzeigen, wie sich letztlich die deutsche Seite in der Interaktion mit den alliierten Stellen weitgehend durchzusetzen vermochte. Das ist durchweg nachvollziehbar und leicht lesbar dargelegt, was die Darstellung für ein breiteres Publikum mühelos zugänglich macht, zumal der Autor auf Fußnoten zugunsten eines ausführlichen Literaturverzeichnisses verzichtet.

Dabei verliefen die Konfliktlinien keineswegs stets eindeutig. Aus Sicht des Autors waren es zumal die zwischen CDU/CSU auf der einen und SPD auf der anderen Seite, während die zwischen Parlamentarischem Rat und Alliierten zunehmend verschwammen und je nach Parteipräferenz dem politischen Gegner geheime Absprachen mit den Alliierten vorgehalten, wenn nicht Kumpanei mit den Amerikanern beziehungsweise – bezogen auf die SPD – mit den Briten unterstellt wurden. Bei alledem hielt sich Adenauer – obwohl im Titel des Buches prominent herausgestellt – aus taktischen Gründen oft im Hintergrund, ohne dass seine tatsächliche Rolle stets hinreichend deutlich wird.

Damit werden zugleich die Grenzen des schmalen Bandes offenkundig. Hätte man sich bereits eine vertiefte Einordnung der ganzen Problematik in den sich verschärfenden Ost-West-Gegensatz und den eskalierenden Kalten Krieg zumal als Erklärungsmodell für das wachsende Entgegenkommen insbesondere der amerikanischen Seite gewünscht, so wird man in den meisten Fragen, etwa möglicher Absprachen zwischen den Amerikanern und der bayerischen Staatsregierung oder hinsichtlich der Spannungen zwischen der SPD-Führung in Hannover und den SPD-Parlamentariern in Bonn, dem Verhältnis zwischen Pierre Koenig, André François-Poncet und Jean Victor Sauvagnargues sowie zwischen ihnen und den Amerikanern wie Briten, den Feinheiten des Adenauerschen Taktierens und Führens und vieles mehr, nicht ohne den Gang in die Archive weiterkommen können. Hier mag noch manches überraschende Detail verborgen liegen. Doch das wäre dann ein anderes Buch geworden.

Horst Dippel, Kassel

 

Zitierempfehlung:

Horst Dippel, Rezension zu: Michael F. Feldkamp, Adenauer, die Alliierten und das Grundgesetz, Langen Müller, München 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81973> [23.1.2024].

Jan Kellershohn, Die Politik der Anpassung. Arbeitswelt und Berufsbildung im Ruhrgebiet 1950–1980

Böhlau Verlag | Wien/Köln 2022 | 475 Seiten, gebunden | 65,00 € | ISBN 978-3-412-52249-0

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Die aus einer Dissertation an der Ruhr-Universität Bochum hervorgegangene Studie von Jan Kellershohn beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Arbeit, Qualifikation und Wissen im Rahmen des wirtschaftlichen Strukturwandels im Bergbau. Dabei konzentriert sie sich auf das Ruhrgebiet im Zeitraum von den 1950er Jahren bis zum Ende der 1970er Jahre und nimmt vergleichend außerdem noch die französische Region Nord-Pas-de-Calais in den Blick. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass im Untersuchungszeitraum Qualifikation und Ausbildung immer stärker als Schlüssel verstanden wurden, um wirtschaftlichen Strukturwandel gesellschaftlich wie individuell zu bewältigen und zu gestalten. Den empirischen Kern der Studie bildet dementsprechend eine Untersuchung der sich verändernden Verständnisse, Konzepte, Institutionen und Akteure der beruflichen Ausbildung im Ruhrgebietsbergbau, der wie kein anderes Feld zum Sinnbild für die Herausforderung des industriellen Wandels und daher zu einem Experimentier- und Interventionsraum ersten Ranges wurde. Als zentraler Begriff der vielfältigen Diskurse und Praktiken der in dem Buch geschilderten Qualifizierungs- und Umschulungspolitik im Bergbau figurierte die „Anpassung“: in einer in Bewegung gekommenen Arbeitswelt konnten Arbeitnehmer (tatsächlich geraten ausschließlich männliche Arbeiter in den Blick) nicht mehr auf ein stabiles Verhältnis von Ausbildungsinhalten und späterer Berufstätigkeit vertrauen, sondern mussten sich auf Veränderung einlassen und zur Umstellung bereit sein. Wie sie dazu gebracht werden konnten und wer hierzu überhaupt willens und in der Lage war, diese Fragen standen im Mittelpunkt wissens- und qualifizierungspolitischer Debatten und Bemühungen, deren ausführliche Untersuchung einen Großteil des Textes ausmacht. Damit möchte die Arbeit auch einen Beitrag zu einer Kulturgeschichte des Strukturwandels leisten, indem sie die vielschichtige Diskursivität dieses Begriffs betont und scheinbare Zwangläufigkeiten wie eine Entwicklung hin zu mehr Mobilität und Flexibilität nicht als Beschreibungskategorien aufnimmt, sondern vielmehr als zeitgenössisches Disziplinarregime auffasst, das fortdauernd gesellschaftliche Ausschlüsse produziert habe.

Zunächst wendet sich der Autor dem Regime der Berufsausbildung im Bergbau um 1950 zu, was als Vorgeschichte erst die folgende Entwicklung hin zu einer „Politik der Anpassung“ in ihrer paradigmatischen Bedeutung verständlich werden lässt. Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland lag der Fokus im Rahmen eines holistisch-moralischen Ausbildungssystems auf der Eingliederung in eine Gemeinschaft. Fragen der Qualifikation waren in dieser Sicht untrennbar mit Aspekten der moralischen Lebensführung verwoben. Der Sinn einer Berufsausbildung bestand nicht zuletzt darin, jedem Individuum einen Platz innerhalb der Gesellschafts- und der Belegschaftshierarchie zuzuweisen, der seinem Begabungsniveau entsprach.

Der erste Hauptteil „Von der Eingliederung zur Anpassung“ handelt davon, wie dieses Paradigma brüchig wurde und ein Qualifizierungsimperativ Einzug erhielt, in dessen Zeichen Mobilität und Anpassungsfähigkeit im Laufe der 1960er Jahre zu Fixpunkten der Berufsausbildung wurden. „Mobilität“, zunächst noch eher räumlich verstanden, wurde zuerst in Frankreich Anfang der 1950er Jahr zu einem Schlüsselbegriff des Umgangs mit dem Strukturwandel in Bergbauregionen. Von dort wanderte er nach Deutschland und veränderte in diesem Zuge auch seine Bedeutung: unter Mobilität wurden nun zunehmend Wille und Fähigkeit des Einzelnen zur inneren Umstellung verstanden. Die binationale Vergleichsperspektive schließt sich an dieser Stelle bereits wieder, denn in Frankreich wurde als Reaktion auf den Niedergang des Bergbaus in Nord-Pas-de-Calais die Berufsausbildung in diesem Bereich zum Ende der 1960er Jahre kurzerhand beendet. In Deutschland dagegen entfalteten sich langanhaltende Bemühungen, dem industriellen Strukturwandel mit Veränderungen in der Ausbildungs- und Qualifizierungspolitik zu begegnen. Im Glauben an eine rationelle Gestaltbarkeit der Zukunft, wie er für die 1960er Jahre charakteristisch war, wurde in der ersten Hälfte des Jahrzehnts noch versucht, mithilfe gestufter Ausbildungsformen und dem Einsatz kybernetischer Prinzipien das unter Arbeitnehmern tatsächlich vorhandene Begabungsniveau mit zukünftig benötigten Anforderungsprofilen in Deckung zu bringen. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, insbesondere im Zuge der Rezession von 1966/67, rückten dann zunehmend Umschulungsmaßnahmen für ehemalige Bergarbeiter in den Blickpunkt. Skepsis und Widerstand waren zunächst erheblich, galten doch etwa den regionalen Arbeitsämtern ältere Arbeiter als generell nicht mehr (aus)bildungsfähig. Großangelegte Umschulungsprogramme im Programmieren riefen zuerst Euphorie hervor, brachten jedoch auch die Grenzen der Umstellungsfähigkeit vieler Teilnehmer sichtbar zu Tage. Zeitweilig wurde die scheinbar mangelnde Anpassungsfähigkeit unter Rückgriff auf ältere völkische Stereotype sogar zur gleichsam historisch-ethnisch verfestigten Immobilität des „Ruhrvolks“ anthropologisiert. Die Erforschung von Mobilität mit den Mitteln der modernen Sozialwissenschaften brachte jedoch auch keine eindeutigen Ergebnisse hervor, das Wesen der Mobilität blieb damit staatlicher Intervention dauerhaft unzugänglich.

Vor diesem Hintergrund schilderte der zweite Hauptteil „Von der Anpassung zum Ausschluss“ in zwei Kapiteln, wie das in den 1960er Jahren zur Geltung kommende Ausbildungsregime zwei Sozialfiguren entstehen ließ, die die Grenze der Bildbarkeit markierten: den „älteren Arbeitnehmer“ und den „Lernbehinderten“. Im ersten Kapitel werden Bemühungen analysiert, im Ruhrgebiet ein Netz von Institutionen der Umschulung und Qualifizierung zu etablieren, die vom Autor als ein „großer Apparat zur Rettung und Bewahrung einer schwerindustriellen Männlichkeit“ (S. 258) interpretiert werden. Ihre Ausgestaltung war permanent umstritten, nicht zuletzt, weil sie immer wieder in die Nähe der Rehabilitationspädagogik gerückt wurden, womit „ältere Arbeitnehmer“ in Analogie zu „Behinderten“ gerieten. Als ambitionierte Unternehmung wurde die 1968 ins Leben gerufene Gesellschaft zur Verbesserung der Beschäftigtenstruktur, in der ältere Arbeiter unterkommen und gefördert werden sollten, allerdings schon nach wenigen Jahren wieder eingestellt, ohne dass unter den beteiligten Akteuren Einigkeit darüber erzielt werden konnte, was dieses Scheitern über die Bildungsfähigkeit der anvisierten Klientel aussagte. Im letzten Kapitel geht es schließlich wieder um die grundständige Berufsausbildung und das von vielen zeitgenössischen Akteuren wahrgenommene Problem eines zunehmenden Begabungsverfalls unter den Auszubildenden des Bergbaus. Der Fokus der Untersuchung liegt insbesondere darauf, wie sich in den Bemühungen, auf diese Entwicklung mit Reformen in der Ausbildung zu reagieren, eine Unterscheidung zwischen bildungs- und umstellungsfähigen Individuen auf der einen und Bildungsunfähigen auf der anderen Seite etablierte. Dies resultierte unter anderen in der Einrichtung einer abgestuften Berufsausbildung Ende der 1970er Jahre, in der nun eine Vollausbildung zum Bergmechaniker und eine zweijährige Ausbildung zum „Berg- und Maschinenmann“ unterschieden wurden.

Kellershohns Ansatz, den wirtschaftlichen Strukturwandel nicht als vorgängige Tatsache analytisch hinzunehmen, sondern ihn zunächst „vollständig als sprachliches Phänomen“ (S. 21) zu fassen und als solches zum Untersuchungsgegenstand zu erheben, erscheint einerseits ertragreich und auch theoretisch weiterführend, er wird sozialgeschichtlich interessierte Leser*innen aber auch an der ein oder anderen Stelle enttäuschen. Darüber, welche realen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen der im Buch behandelten Qualifizierungspolitik eigentlich zu Grunde lagen, schweigt die Darstellung, obgleich manche Information (etwa die Größenordnung der durch Zechenschließungen freigesetzten Arbeitskräfte und der erfolgten Umschulungsmaßnahmen) zur Einordnung der Befunde durchaus erhellend gewesen wäre. Auch die Perspektive der Bergarbeiter und Auszubildenden als Objekte und Betroffene der Qualifizierungs- und Wissenspolitik, ihre Erfahrungen in Umschulung und Ausbildung oder auch die Frage, was der postulierte „Ausschluss“ für sie konkret bedeutete, bleiben weitgehend ausgeblendet. Die Stärken des Buches liegen auf anderem Gebiet: in der theoretisch informierten und innovativen Art und Weise, mit der sich der Autor der Verwobenheit von Strukturwandel und Qualifizierungsfragen seit den 1960er Jahren widmet, und in dem breiten Quellenzugriff, der eine Fülle neu erschlossenen Materials aus regionalen Archiven verarbeitet und mit übergeordneten Fragen und Perspektiven verknüpft. Der erhobene Anspruch auf Allgemeingültigkeit wird zwar dadurch eingeschränkt, dass weder das seit den 1960er Jahren sich entwickelnde Phänomen migrantischer Arbeitswelten noch (trotz eines geschlechtergeschichtlichen Blicks auf den männlichen Arbeiter) die Erwerbsarbeit von Frauen in den Blick kommen, doch liefert die Arbeit gleichwohl einen ebenso überzeugenden wie stimulierenden Beitrag zum Zusammenhang von Wirtschaftswandel, Arbeit, Bildung/Qualifikation und Wissen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der durch seine Thesenfreude zahlreiche Anknüpfungspunkte zum Weiterdenken und -forschen bereithält.

Benno Nietzel, Frankfurt (Oder)

 

Zitierempfehlung:

Benno Nietzel, Rezension zu: Jan Kellershohn, Die Politik der Anpassung. Arbeitswelt und Berufsbildung im Ruhrgebiet 1950–1980, Böhlau Verlag, Wien/Köln 2022, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81972> [23.1.2024].

Michael Kotulla, Deutsches Verfassungsrecht 1806–1918. Eine Dokumentensammlung nebst Einführungen, Bd. 5: Elsass-Lothringen

Springer Verlag | Berlin/Heidelberg 2023 | LX, 1559 Seiten, gebunden | 219,00 € | ISBN 978-3-662-64749-3

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Von Michael Kotullas groß angelegtem Deutschen Verfassungsrecht 18061918 erschienen bislang fünf Bände: Bd. 1:Gesamtdeutschland, Anhaltinische Staaten und Baden (2006), Bd. 2: Bayern (2007), Bd. 3: Berg und Braunschweig (2010), Bd. 4: Bremen (2016) und Bd. 18: Nassau (2021). Nun ist nach nur zwei Jahren mit Elsass-Lothringen der sechste Band gefolgt. Dass dieser Band rund 1.000 Seiten kürzer ausgefallen ist als der Band über Nassau, mag nicht der einzige Grund für dieses erfreulich kurze Intervall gewesen sein. Dennoch war er wohl der schwierigste Band angesichts der diffusen Rechtslage im Reichsland Elsass-Lothringen, das 1871 in das soeben gebildete Deutsche Reich zu integrieren war. Aufgrund der rechtlichen Sonderstellung des Reichslandes innerhalb des Reiches musste Kotulla vielfach Neuland beschreiten. Elsass-Lothringen war rechtlich kein Bundesstaat, jedoch seit 1874 im Reichstag vertreten, erst ab 1911 auch im Bundesrat. Doch hier zählten seine drei Stimmen nur, wenn sie tatsächlich nichts zählten, d.h. wenn sie für die Mehrheitsfindung ohne Belang waren. Als Republik innerhalb des monarchischen Reiches schien das Reichsland nicht tragbar. Allerdings war ein eigenständiges monarchisches Oberhaupt, vergleichbar denen der übrigen Bundesstaaten außer den Freien Städten, ebenso undenkbar, sodass es nie zur Anerkennung Elsass-Lothringens als gleichberechtigter, autonomer Bundesstaat innerhalb des Reiches gekommen ist.
Durch diese politische, soziale, ökonomische und nicht zuletzt kulturelle Gemengelage allein mit den Mitteln der Rechtssetzungen steuern zu wollen, mag zwar aus der Perspektive des Deutschen Verfassungsrechts naheliegend erscheinen, erfasst jedoch angesichts einer über die Köpfe der Betroffenen hinweg vollzogenen Okkupation lediglich einen Teilaspekt einer viel tiefergehenden Gesamtproblematik. Dennoch hat sich der Jurist Kotulla entschieden, allein diese Normsetzungen in den Blick zu nehmen, obwohl hin und wieder zumindest Andeutungen über die Weiterungen der unterliegenden Probleme wünschenswert gewesen wären.
Tatsächlich werden die Grenzen dieser ausschließlich juristischen Vorgehensweise in der ausführlichen Einleitung der Dokumentensammlung rasch sichtbar. Als das Reichsland 1871 eingerichtet wurde, verfügte es über keine Verfassung. In den folgenden Kapiteln der Einleitung behandelt Kotulla daher das, was er „Verfassungs-Verhältnisse“ des Reichslandes nennt, um dann im 9. Kapitel zum Verfassungsgesetz vom 31. Mai 1911 zu kommen. Es folgen darauf die Zeit bis zum Kriegsausbruch, die Kriegszeit und der „Abgesang“ (Kap. 12). Damit, so könnte man meinen, wäre das Thema abgehandelt, zumal diese Kapitel hinreichend Raum geboten hatten, den Verfassungsbegriff mit Bezug auf Elsass-Lothringen und dessen Defizite zu thematisieren. Obwohl Kotulla im Zusammenhang mit der unsäglichen Zabern-Affäre die „reklamierte Suprematie der Reichsmilitärgewalt“ herausstreicht und betont, dass sich die „reichsländischen und Reichsinstitutionen als unfähig zu einer wirksamen Kontrolle der Armee und ihrer Einrichtungen“ erwiesen (S. 107), leitet diese Erkenntnis nicht zu einer grundsätzlichen Verfassungskritik über. Dabei wurde darin letztlich mehr als nur das Scheitern von 48 Jahren reichsdeutscher Politik offenkundig. Jenseits von reinen Rechtssetzungen hatten viele Faktoren zu diesem Scheitern beigetragen, von denen der von Deutschland verlorene Erste Weltkrieg nur einer war. Zwar hatte man, als das Haus längst lichterloh brannte, noch am 28. Oktober 1918 die Reichsverfassung geändert und am 30. Oktober den Versuch unternommen, auch die Verfassung Elsass-Lothringens zu ändern (S. 114). Doch auch an dieser Stelle bleibt die fundamentale Kritik an der Verfassungsordnung und den darüber herrschenden Vorstellungen von Reich und Reichsland ebenso aus, wie sie sich bereits im ersten Band bezüglich der Reichsverfassung zu verhalten präsentiert hatte. Statt den letztlich anachronistischen, nahezu einhundert Jahre deutscher und allgemeiner Verfassungsentwicklung konterkarierenden Charakter der Reichsverfassung herauszustreichen, die eine moderne Wirtschaftsordnung mit einem außerhalb der Verfassungsordnung stehenden und bis zum Schluss letztlich unkontrollierbaren Militär – siehe Zabern-Affäre – verband, übergeht Kotulla diese Problematik wortlos.
Auf diese ersten 116 Seiten der Einführung folgt indessen ein dreizehntes Kapitel mit nahezu 200 weiteren Seiten über das „Recht einzelner Sachgebiete“. In ihm geht es in über zwei Dutzend Unterkapiteln um die Bezirks-, Kreis- und Kommunalebene, das Justiz- und Haushaltswesen, das Landesbeamtenrecht, die „Ordnungsgewalt des Militärs“, das Vereins-, Versammlungs- und Pressewesen, Gewerbe, Landwirtschaft, Jagd- und Fischereiwesen, Berg- und Baurecht, das Religions- und Schulwesen – wo eigens auf die katholische Kirche und die protestantischen Kirchen eingegangen, aber die jüdische Glaubensgemeinschaft nicht behandelt wird – die Universität Straßburg und das Eisenbahnwesen – ohne dass die Aufzählung damit vollständig wäre.
Die Relevanz dieser Rechtsbereiche ist unbestritten. Doch wie schon bei den voraufgegangenen Bänden stellt sich auch hier die Frage, ob es sich hierbei in der Tat durchweg um Verfassungsrecht oder in der Regel nicht eher um Verwaltungsrecht handelt. In diesem Zusammenhang spielt stets der selten abrupte, meist langwierige, mitunter gar nicht erfolgte Übergang von französischem Recht auf deutsches Recht eine Rolle. Bei diesen Vorgängen geht es natürlicherweise immer wieder auch um das Auswechseln von Personen, ob bei der Justiz, der Polizei, der Verwaltung, den Schulen oder anderswo, von den damit verbundenen sozialen Verwerfungen und deren Rückwirkungen auf das Gesellschaftsgefüge ganz zu schweigen. Doch von allen diesen Problemen ist nie die Rede. Sicherlich handelt es sich hierbei nicht um genuine Themen des Verfassungsrechts. Aber galt das nicht ebenso bereits zumindest für die Mehrzahl dieser rechtlichen Sachgebiete? Und kann man diese Prozesse wirklich erfassen, ohne ihre unmittelbare soziopolitische Dimension auch nur anzudeuten?
Ungeachtet dieser Einwände wird man Kotulla dankbar sein, dass er sich des schwierigen Themas Elsass-Lothringen angenommen und eine große Fülle bislang weit verstreuter Dokumente in die-sem Band zusammengetragen hat. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob es nicht grundsätzlich angebracht gewesen wäre, auch jene französischen Rechtstexte im Wortlaut abzudrucken, die nach 1870 im Reichsland weiterhin geltendes Recht darstellten? Stattdessen wird man sich mit den einschlägigen Quellennachweisen, mitunter verbunden mit entsprechenden wörtlichen Zitaten in der Einführung, zufriedengeben müssen. Irritierend ist hingegen, dass Verweise auf die durchnummerierten Abschnitte innerhalb der Einführung vielfach mit unzutreffenden Nummern versehen sind.
Es ist die Aufgabe eines Rezensenten, ein Werk kritisch zu bewerten. Dazu gehört aber auch, dort Lob auszusprechen, wo es die Sache gebietet. Dass dies bei den inzwischen sechs Bänden des Deutschen Verfassungsrechts angesichts ihrer immensen Stoff- und Dokumentenfülle mehr als geboten ist, steht völlig außer Frage. Insofern sehen wir alle dem nächsten Band mit Spannung und Freude entgegen und können seinen Schöpfer nur nachdrücklich ermuntern, im Rahmen seiner Kräfte und finanziellen wie personellen Ressourcen fortzufahren.
Horst Dippel, Kassel

 

Zitierempfehlung:

Horst Dippel, Rezension zu: Michael Kotulla, Deutsches Verfassungsrecht 1806-1918. Eine Dokumentensammlung nebst Einführungen, Springer Verlag, Berlin/Heidelberg 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 64, 2024, URL: < library.fes.de/pdf-files/afs/81967.pdf > [23.1.2024].

Christina Morina, Tausend Aufbrüche. Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er Jahren

Siedler | München 2023 | 399 Seiten, gebunden | 28,00 € | ISBN 978-3-8275-0132-5

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In den letzten Jahren – schon vor dem neuen Buch von Christina Morina – war verschiedentlich die Auffassung zu lesen, dass es in der DDR „dialog- und partizipationsorientiertes Handeln“ gegeben hätte, das von den Vorstellungen der Diktatur abwich. Ebenso sollten Teile der DDR-Geschichte als relativ normale Entwicklungen in die deutsche Geschichte eingeordnet werden. Es seien, so die These, in der SED-Diktatur „gesellschaftliche Sphären“ entstanden, in denen sich „zivilgesellschaftliche Diskurse und Partizipationsformen“ entwickelten. Als Beispiele wurden in aller Regel verschiedene Initiativen angeführt, die sich in der DDR vor allem für den Erhalt von Altbausubstanz und ganzer abrissbedrohter Wohnquartiere einsetzten.[1] Dabei spielten gerade diese Gruppen im gesamten oppositionellen Spektrum in der DDR nur eine untergeordnete Rolle, während Friedens-, Umwelt-, Dritte-Welt- und Menschenrechtsgruppen sowie Wehrdienstverweigerer das Bild dominierten.[2]
Eine solche konzentrierte Sicht auf vermeintliche zivilgesellschaftliche Ansätze in der SED-Diktatur führt zwar, wie ich meine, in die Irre. Doch zumindest auf den ersten Blick scheint auch die Bielefelder Historikerin Christina Morina in ihrem neuen Buche „Tausend Aufbrüche“ diese Sichtweise zu stützen, ist es doch das explizite Ziel der Autorin, eine Demokratiegeschichte beider deutscher Teilstaaten zu schreiben. Dass dies angesichts des Gegensatzes von freiheitlicher Demokratie in der Bundesrepublik einerseits und Diktatur der SED in der DDR andererseits problematisch ist, ist Morina dabei durchaus bewusst. Dennoch versucht sie ihren Ansatz durchzuziehen, indem sie für die DDR von einer „Demokratieanspruchsgeschichte“ (S. 291) spricht. Letztlich vermag das nicht zu überzeugen. Grundsätzlich ist Morina aber natürlich als Verdienst anzurechnen, dass sie erstmalig in vergleichender Perspektive und in großer Breite Bürgerbriefe an führende Politiker in der Bundesrepublik sowie Eingaben an staatliche Stellen und SED-Einrichtungen in der DDR auswertet. Das führt bei einer genaueren Analyse ihres Buches zu zahlreichen neuen Einsichten. Dazu kommen Texte, Erklärungen und Flugblätter aus dem Vorfeld der Friedlichen Revolution und solche, die während der Zeit dieses demokratischen Aufstandes – und der darauffolgenden Verfassungsdebatte - mit seinen „Tausend Aufbrüchen“ entstanden.
Bei den ausgewerteten Briefen aus der Bundesrepublik und für die Zeit bis 1989 aus der DDR wird allerdings auch schnell deutlich, dass es sich hier um zwei sehr unterschiedliche Quellengattungen handelt. Das zeigt ein Vergleich der von Morina herangezogenen Briefe westdeutscher Bürger an die Bundespräsidenten Karl Carstens und Richard von Weizsäcker mit den Eingaben von Ostdeutschen an staatliche und gesellschaftliche Stellen in der DDR. Die Bundesbürger schrieben in der Regel als souveräne Staatsbürger, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung verbessern wollten, während die unmündig gehaltenen Ostdeutschen persönliche Anliegen und für sie existenzielle Fragen mit einem formalen Bekenntnis zur DDR und ihrem Realsozialismus verbanden. Ein weiterer gravierender Unterschied ist, dass in der Bundesrepublik die Briefe vom Bundespräsidialamt bearbeitet und beantwortet wurden, während sie in Ostdeutschland von den angeschriebenen Stellen an die Geheimpolizei Staatssicherheit zur „Bearbeitung“ weitergegeben wurden. Außerdem gab es im SED-Staat keine Möglichkeit, individuelle Rechte auf dem Rechtsweg – etwa vor Verwaltungsgerichten – einzuklagen. Der prinzipielle Unterschied bestand also darin, dass im Osten Demokratie als staatliches Postulat und alltägliche Utopie und im Westen als staatliche Ordnung und alltägliche Praxis verhandelt wurde. Deshalb kann ich Morina grundsätzlich nicht zustimmen, wenn sie meint, dass beide deutsche Staaten auf je eigene Weise eine streitbare Demokratiegeschichte besessen hätten.
Und so ist es dann doch die Frage, ob Morinas Buch über den erwähnten neuartigen Zugriff auf Bürgerbriefe und Eingaben hinaus wirklich neue Erklärungen hervorbringt, oder ob die Autorin nur wie andere darauf kommt, dass wir nicht genau wissen, warum der Osten so unzufrieden und rechtsradikal ist, wie es scheint. Vielleicht hat sich hier ja auch nicht wirklich viel geändert, sondern der Blick ist nur schärfer geworden und die Möglichkeit bzw. die Notwendigkeit darüber öffentlich zu sprechen. Im Hinblick auf rechtsextreme bzw. rechtspopulistische Parteien und Bewegungen wie die AfD und PEGIDA stellt Morina das auch überzeugend dar.
So richtig trägt Morinas Ansatz jedoch erst für die Zeit der Friedlichen Revolution und besonders für das Jahr 1989. Hier ist der eigentliche Ansatzpunkt, den Morina beschreibt, der Protest gegen die von der SED-Diktatur gefälschte Kommunalwahl vom 7. Mai 1989. Einen Höhepunkt mit „tausend Aufbrüchen“ brachte dann der Herbst dieses Jahres. Dabei fragt die Autorin zu Recht, welche demokratischen Vorstellungen die damals handelnden Menschen eigentlich hatten. Allerdings artikulierte nur eine geringe Minderheit der Ostdeutschen ihre demokratischen Hoffnungen und Gestaltungsvorstellungen – Morina sieht das offenbar anders. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob die damaligen demokratiepolitischen Erwartungen heute Anknüpfungspunkte für links- und rechtsradikale Demagogen und Verführer bieten können. Das beginnt damit, dass 1989/90 der Gegenbegriff zur Diktatur nicht Demokratie, sondern Freiheit war. Von zentraler Bedeutung ist auch, dass trotzdem immer wieder „direkte Demokratie“ und Volksentscheide im Mittelpunkt politischer Forderungen standen. Dazu kamen als Forderungen weitreichende Rechtsansprüche auf Sozialleistungen und die Souveränität einer reformierten DDR. Es gab ein widersprüchliches Bedürfnis nach Autonomie und Harmonie, nach Eigen- und Gemeinsinn, nach individueller Wirkmacht und kollektiver Kontrolle. Das ist aus der Situation einer Diktatur heraus mehr als verständlich, doch ist zu prüfen, ob das auch für die Demokratie der heutigen Bundesrepublik gilt. Offensichtlich ist ja, dass heute bei Rechtsradikalen die Vorstellung von direkten Volksentscheidungen statt parlamentarischer Demokratie eine erhebliche politische Rolle spielt.
Im Anschluss an die Schilderung von Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung geht die Autorin der Frage nach, wie auch im vereinigten Deutschland in Briefen an staatliche Instanzen Demokratie als politische Ordnung und alltägliche Praxis verhandelt wird. Dabei geht es zuerst um Forderungen in den 1990er-Jahren, anstelle des Grundgesetzes eine neue gesamtdeutsche Verfassung zu erarbeiten. Der Verfassungsentwurf des revolutionären Zentralen Runden Tisches war bekanntlich nicht realisiert worden, aber auch das „Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Staaten“ und die Versuche der Gemeinsamen Verfassungskommission von Bundesrat und Bundestag, „Impulse aus der Deutschen Einheit“ in das Grundgesetz aufzunehmen, scheiterten weitgehend (S. 229). Zwar konnten erweiterte soziale Grundrechte und plebiszitäre Verfahrenswege in den ostdeutschen Landesverfassungen verankert werden, doch spielen diese heute politisch kaum eine Rolle.
Im letzten Kapitel ihres Buches wendet sich Morina der Bundeskanzlerin Angela Merkel, also einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der deutschen Zeitgeschichte, zu. Das ist als biografischer Ansatz interessant, kreist bei ihr aber leider immer wieder um Merkels Rolle als Ostdeutsche. Nun ist diese fraglos ein wichtiger Punkt in der Selbst- und Außendarstellung der Kanzlerin, aber doch eben nur eine Seite ihrer Persönlichkeit. Im Zusammenhang mit Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck vertritt die Autorin die Auffassung, dass Ostdeutsche im politischen System der Bundesrepublik sogar überproportional vertreten seien. Dem kann ich wiederum nicht folgen, beschränkt das den Blick doch auf wenige Führungspersönlichkeiten, die heute ihre Positionen auch schon nicht mehr ausüben. Entscheidend sind jedoch die Ebenen darunter, wie Staatssekretäre und leitende Beamte. Hier gibt es weiterhin kaum Ostdeutsche und so wird auch das von Morina ausgemachte „Repräsentationsparadox“ vom angeblichen politischen Einfluss der Ostdeutschen und ihrem entgegengesetzten Eindruck der Einflusslosigkeit mit einem einfachen „weiter so“ nicht zu lösen sein.
Dass die demokratischen Ansätze der Friedlichen Revolution in der heutigen Bundesrepublik keine oder nur eine äußerst marginale Rolle spielen, ist grundsätzlich zu bedauern und ein zentraler Grund für die heutige Kluft zwischen Ost und West. Morina kommt in ihrem Fazit zu dem Schluss, dass die bundesrepublikanische Demokratiegeschichte bis heute eine „Demokratieanspruchsgeschichte mit offenem Ausgang“ (S. 310) sei. Auch hier ist Widerspruch anzumelden, doch ist diese Meinung zumindest ein Ansatzpunkt für weitere Diskussionen.
Rainer Eckert, Berlin

 

[1] Solche Gruppen gab es in verschiedenen ostdeutschen Städten, so auch in Potsdam. Vgl.: Rainer Eckert, Revolution in Potsdam. Eine Stadt zwischen Lethargie, Revolte und Freiheit (1989/1990), Leipzig 2017, S. 149-171.
[2] Zu deren Rolle im Vorfeld der Friedlichen Revolution vgl. Ehrhart Neubert, Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, Berlin 1997, S. 539-770; Hans-Joachim Veen (Hrsg.), Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin 2000; Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009, S. 232-291. Als Überblick bis 2019 vgl. Rainer Eckert, SED-Diktatur und Erinnerungsarbeit im vereinten Deutschland. Eine Auswahlbibliographie, Halle/Saale 2019, S. 312-469.

 

Zitierempfehlung

Rainer Eckert: Rezension von: Christina Morina, Tausend Aufbrüche. Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er Jahren, Siedler, München 2023, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) Band 64, 2024, URL: <https://library.fes.de/pdf-files/afs/81966.pdf> [23.1.2024].

Stefanie Middendorf, Macht der Ausnahme. Reichsfinanzministerium und Staatlichkeit (1919–1945)

De Gruyter Oldenbourg | Berlin/Boston 2022 | 585 Seiten, gebunden | 69,95 € | 978-3-1107-1218-6

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Um im Bundeshaushalt 2022 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr bereitzustellen, musste das Grundgesetz geändert werden, damit dieses Sondervermögen nicht gegen die Schuldenbremse verstieß; wenige Monate später erklärte die Bundesregierung eine weitere, doppelt so hohe Verschuldung für akzeptabel, um die hohen Gaspreise zu subventionieren. Genau das Instrument, das den Staat vor der finanziellen Lähmung bewahren soll, greift nicht, damit der Staat in außergewöhnlichen Notsituationen handlungsfähig bleibt. Dasselbe Argument zog die Bundesregierung 2020 und 2021 heran, um die Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Pandemie durch eine höhere Neuverschuldung zu finanzieren. Schaut man auf die Haushaltsentwicklung der letzten drei Jahre, so erscheint die Grundfrage, mit der sich die Habilitationsschrift von Stefanie Middendorf auseinandersetzt, gut hundert Jahre nach Beginn von deren Untersuchungszeitraum brennend aktuell. Sie beschäftigte sich mit der Konstruktion von Staatlichkeit durch Praktiken, Taktiken und Techniken des Regierens. Das Buch ist ein Ergebnis des vom Bundesfinanzministerium initiierten Forschungsprojekts »Das Reichsfinanzministerium im Nationalsozialismus«. In diesem Rahmen hatte die Autorin die Institutionengeschichte zu bearbeiten, also gerade die Form der älteren Verwaltungsgeschichte, die seit dem cultural turn als wenig ergiebig und dröge gilt. Da andere Studien im Projekt die Rolle des Ministeriums in den fiskalischen Staatsverbrechen der NS-Diktatur in den Mittelpunkt rücken und zur Finanzpolitik während der Weimarer Ära nach wie vor ergiebige Studien vorliegen1, muss die Studie sich der Herausforderung stellen, neue, innovative Ergebnisse jenseits dieser Perspektiven hervorzubringen.
Die Autorin löst dieses Problem, indem sie das Reichsfinanzministerium als Fallstudie für den Wandel von Staatlichkeit untersucht. Dabei leiten sie zwei konzeptionelle Vorentscheidungen: Sie fragt erstens nach den Antrieben für organisationales Handeln als Gegenstand eigenen Rechts, der nicht aus den Motiven leitender Akteure heraus zu erklären sei. Zweitens löst sie sich von Interpretationen, die das »Scheitern« der Weimarer Demokratie zum Ausgangspunkt nehmen und in der Funktionalität des Staatsapparates für die NS-Verbrechen eine Pathologie moderner Bürokratien erblicken. Gegen solche normativen Erklärungsmodelle von »parasitärer Zersetzung« (Hans Mommsen) und »permanentem Ausnahmezustand« (Karl Dietrich Bracher) untersucht sie die Dynamiken von Regelhaftigkeit, Abweichungen und Neuordnungen als konstitutiven Prozess, der Staatlichkeit seit der Revolution von 1919 hervorbrachte und kontinuierlich umformte. »Ausnahme« ist in dieser analytischen Perspektive in erster Linie ein Argument, um administrative Programme und gouvernementale Praxen zu legitimieren.
Mit diesem Ansatz konzentriert sich die Studie auf Haushaltspolitik als den traditionellen Kern des Finanzressorts. Damit rückt sie ein höchst relevantes Untersuchungsfeld in den Mittelpunkt: Politische Programme übersetzen sich in die Zuteilung finanzieller Ressourcen. Regierungshandeln drückt sich daher vor allem in der Allokation und Distribution von Staatsgeldern aus; die Haushaltspolitik ist aus diesem Grund systematisch ein Kernbestandteil der Aushandlung von Staatlichkeit. Dazu tritt eine gewichtige demokratiehistorische Bedeutung der Haushaltspolitik, weil das Recht, den Staatshaushalt zu bestimmen, das Fundament der parlamentarischen Kontrolle über die Exekutive bildet. Für die Frage, wie der demokratische Staat ausgeformt werden sollte, bildet die Haushaltspolitik daher ein eminentes Handlungsfeld, in
dem die Interaktion zwischen Ministerialbürokratie, Parlament und gesellschaftlichen Interessengruppen von besonderer Bedeutung ist. Schließlich ist der Staatshaushalt auch eine Projektionsfolie und symbolischer Gradmesser für die Ordnung des Staatswesens insgesamt. Haushaltspolitik hat daher neben einer fiskalischen auch eine normative Ebene, auf die das Buch besonders stark abhebt.
Die Studie ist chronologisch in drei Abschnitte gegliedert, die sich an unterschiedlichen Rahmenbedingungen orientieren. Der erste Teil analysiert die Entstehungs- und Etablierungsphase des Reichsfinanzministeriums. Unter den Bedingungen von Krieg und Inflation analysiert die Autorin die Entstehung einer demokratischen Finanzordnung als »Staatsexperimente im Ausnahmezustand«. Anschließend wendet sie sich den als ruhig geltenden mittleren 1920er Jahren zu, um die Annahme einer Normalität im Geschäftsbetrieb des Ministeriums zu dekonstruieren. Der umfangreichste Teil des Buches beschäftigt sich damit, wie das Ministerium den ökonomischen, finanziellen und politischen Umbrüchen seit 1929 begegnete. Als »Ausweitung der Kampfzone« beschrieben, bildet dieser Teil den analytischen Fixpunkt, indem die Autorin fragt, in welchem Verhältnis Regierungstechniken, Ausnahmezustände und Verfassungswandel zueinander standen.
Nur einige Ergebnisse dieser fundamentalen Studie lassen sich hier herausgreifen. So betont die Autorin, dass die starke Ausgestaltung der zentralstaatlichen Finanzgewalt nach dem Ersten Weltkrieg zu einem erheblichen Teil auf außenpolitischen Druck zurückzuführen war, weil der Reichsetat den Willen und das Vermögen auswies, den Reparationsforderungen der Siegermächte zu genügen. Zu dieser Determinante gesellte sich eine Kette fiskalischer Not- und Ausnahmesituationen, die auch nach Ansicht von republikloyalen Akteuren nach Lösungen außerhalb der herkömmlichen Verfahren verlangten, sodass die Budgetpraxis regelmäßig den verfassungsmäßigen Vorgaben hinterherhinkte und das haushaltsrechtliche Instrumentarium umging, erweiterte oder ad absurdum führte.
Entgegen der Annahme, dass zwischen Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise eine Phase relativer Ruhe geherrscht habe, belegt die Studie sehr eindrücklich, dass das Reichsfinanzministerium auch in den Mitteljahren der Republik extranormative Staatstechniken und Ermächtigungsstrategien heranzog. So kooperierte die Haushaltsabteilung etwa eng mit den Abgeordneten des Reichstagsausschusses für den Staatshaushalt, um das Plenum auszumanövrieren. Allerdings geschah dies nicht in der Absicht, das parlamentarische System zu delegitimieren. Die Ministerialbeamten folgten einem an wirtschaftlicher Effizienz ausgerichteten Leitbild, das die Staatsfinanzen entpolitisierte und dem Primat einer überparteilichen »Sachlichkeit« huldigte. Auf diese Weise blieb das Instrumentarium für den Ausnahmezustand praktisch ununterbrochen in Gebrauch, und zwar, wie die Autorin betont, ohne rechtstaatlich begrenzt zu werden. In der ökonomischen Krise ab 1929 konnte es dann auch gegen die parlamentarische Demokratie eingesetzt werden.
Allerdings belegt die Studie instruktiv, dass der Prozess der Entparlamentarisierung des Budgetrechts bis 1931 eben keinem »reaktionären Masterplan« (399) folgte. Zu Recht betont sie, dass die Machtverschiebungen zur Exekutive dennoch gewollt waren, dass sie nicht allein durch Notverordnungen, sondern auch mit Hilfe von administrativen Regelwerken wie der Reichshaushaltsordnung geschahen, und dass sie die Handlungsmöglichkeiten der Spitzenbeamten des Finanzministeriums enorm erweiterten. Dies setzte sich unter ganz anderen Vorzeichen fort, als der ehemalige Leiter der Haushaltsabteilung, Lutz Schwerin von Krosigk, zunächst im Kabinett Papen und dann unter Reichskanzler Adolf Hitler an die Spitze des Finanzressorts trat. Allerdings brachte die NS-Diktatur dem Finanzminister nicht nur Vorteile. Zwar profitierte das Finanzministerium vom Zentralisierungsschub, der die finanziellen Interessen der Länder und Gemeinden ganz denen des Reichs unterordnete. Doch ganze Bereiche der Haushaltsgestaltung – insbesondere der Wehretat – blieben dauerhaft der Kontrolle des Ministers entzogen. Ab 1939 verlor die Haushaltsplanung dann ihre machtpolitische Bedeutung, weil Geld, Kreditwürdigkeit und finanzielle Stabilität im Rassen- und Vernichtungskrieg keine
Schlüsselressourcen mehr darstellten. Der Reichshaushalt wurde so zum »dauernden Provisorium« (457). Schwerin von Krosigk bemäntelte dies, indem er den Krieg als »Laboratorium dynamischer Budgetierung« zu nutzen versuchte. Obwohl dieser Ansatz offensichtlich scheiterte, relativiert die Autorin mit guten Gründen die These vom Machtverfall des Reichsfinanzministeriums. Durch eine intensive Überwachung von Einzelplänen konnten die Reichshaushälter zum Teil den Kontrollverlust kompensieren, den die Erosion des Haushaltswesens als Prinzip staatlicher Ordnung nach sich zog. Mit Nachdruck untermauert die Studie die Verantwortlichkeit und die Mitschuld von Ministerialbeamten und des Reichsfinanzministers für die Staatsverbrechen der NS-Diktatur. Damit tritt sie der Legendenbildung von Krosigks entgegen, der unter den überlebenden NS-Potentaten so viel Resonanz mit seinen Exkulpationsdarstellungen des vermeintlich unpolitischen Fachressorts in der Forschung gefunden hat wie ansonsten lediglich Albert Speer.2
Am überzeugendsten ist die Studie dort, wo sie die Analyse von Ausnahmeregelungen in konkrete Auseinandersetzungen um Machtbeziehungen und Interessen einbettet. Diesen Nexus stellt das Buch immer wieder sehr plastisch her. Zuweilen erscheinen die Entwicklungslinien, die die Autorin ins Zentrum rückt, dem Kontext enthoben. Dies gilt etwa für die Diskussion der Rolle des Reichssparkommissars in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre, die die Autorin zwar breit analysiert, ohne aber mitzuteilen, welche Befugnisse diese extranormative Einrichtung gegenüber dem Reichsfinanzministerium wann erhielt. Auch die Diskussion über den Reichshaushalt 1926 beleuchtet instruktiv Pläne und Ansichten über die zukünftige Ausrichtung der Haushaltspolitik, doch das Schicksal dieser Vorhaben bleibt unklar. Durchgängig lässt die Studie die für die Tagespolitik oftmals bestimmenden Rahmenbedingungen beiseite – die Leser*innnen erfahren nur in groben Zügen, über welche Haushaltsgrößen gestritten wurde, wie das Ministerium strukturiert war oder welche Mehrheitsverhältnisse im Haushaltsausschuss gerade herrschten. Es ist das gute Recht und sogar die Aufgabe von Historiker*innen, ihre Fragestellung und Untersuchungsebenen aus eigenem Recht zu definieren. Die Autorin tut das wohlbegründet. Allerdings hat diese Vorgehensweise einen Preis, denn die Lektüre wird auf diese Weise sehr voraussetzungsreich. Glanz und Gefahr einer solchen Argumentation sind verschwistert: Nur durch eine derartige Abstraktion werden die langen Linien von Ausnahmetatbeständen in der Haushaltspolitik überhaupt sichtbar, und die Autorin versteht es glänzend, zwischen Absichten, nicht intendierten Folgen und den durch solche Öffnungen geschaffenen Möglichkeitsräumen zu differenzieren. Doch zugleich geraten situative und pragmatische Motive, Geld für diesen oder jenen Zweck bereitzustellen, weitgehend aus dem Blick, ebenso wie tagespolitischen Konfliktlinien und Kontingenzen.
Stefanie Middendorf hat ein Werk vorgelegt, das das Ziel, über den Gegenstand hinaus zu weisen, eindrucksvoll einlöst. Sein Ergebnis, dass die NS-Diktatur keineswegs durch staatlichen Dilettantismus gekennzeichnet war, sondern auf Ermächtigungstechniken zurückgreifen konnte, die in der Demokratie von Weimar erprobt und sogar zum Schutz der Demokratie hatten eingesetzt werden können, ist sowohl für die NS- als auch für die Weimar-Forschung ein höchst erhellender Befund. Seine irritierende Weitungen für die frühe Bunderepublik deutet die Autorin nur an. Indessen zeigt sie klar, dass Ausnahmezustände als gouvernementale und erfahrungsgeschichtliche Kontinuitätslinie die Wahrnehmung und Gestaltung des Staatswesens in Demokratie und Diktatur bis 1945 verklammern. Alles spricht dafür, dass sich diese Verklammerung mit viel Erkenntnisgewinn auch für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts weiterverfolgen lässt.

Bernhard Gotto, München

Dieter Grimm, Die Historiker und die Verfassung. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte des Grundgesetzes

Verlag C.H. Beck | München 2022 | 358 Seiten, gebunden | 34,00 € | ISBN 978-3-406-78462-0

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Als Historiker wird man das Buch jedem dringend zur Lektüre empfehlen wollen, der sich unter allgemeinen Aspekten mit der Geschichte der Bundesrepublik beschäftigt, da es dazu zwingt, den Blick über den gewählten engeren politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Bereich hinaus auf die ihm zugrunde liegenden rechtlichen, genauer verfassungsrechtlichen Bedingungen zu richten. Ein einleitender exkulpierender Hinweis auf das Grundgesetz reicht keineswegs aus, nicht allein, weil das Grundgesetz selbst seit 1949 bislang über 60 Mal geändert wurde, sondern insbesondere, weil die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, indem es die Bestimmung des Grundgesetzes mit Leben erfüllt, dieses in den zurückliegenden 70 Jahren entscheidend gestaltet und weiterentwickelt hat. Oftmals mögen uns die Ereignisse, Krisen oder Zäsuren dieser Jahrzehnte noch gegenwärtig sein, doch ihre verfassungsrechtliche Dimension und die Auswirkungen der Karlsruher Entscheidungen, die damit verbunden oder durch sie herbeigeführt worden waren, übersieht der Nicht-Jurist gerne, selbst wenn diese bedeutsamer als das sie auslösende Ereignis gewesen sein mögen.
Grimm möchte das Bewusstsein für diese grandes décisions, wie es im Titel einer grundlegenden Publikation zu den Entscheidungen des französischen Verfassungsrats heißt, schärfen, indem er diese von den 1950er- bis in die 1990er-Jahre entwickelt und in einem weiteren Schritt danach fragt, wie diese sich in den vom ihm ausgewählten 13 großen historischen Gesamtdarstellungen, Studienliteratur und Kurzdarstellungen, erschienen zwischen 1997 und 2021, niedergeschlagen bzw. Erwähnung gefunden haben. Grimm ist bemüht, das in jedem Einzelfall zu dokumentieren und vermeidet pauschale Urteile. Doch zusammenfassend wird man festhalten können, dass das Ergebnis ernüchternd ist. Von einer systematischen und sachgerechten Einarbeitung dieser Entscheidungen kann bei allen kleineren Unterschieden im Detail keine Rede sein. Die dargelegte Geschichte der Bundesrepublik bleibt lückenhaft, da für ihren weiteren Verlauf grundlegende verfassungsrechtliche Weichenstellungen nicht selten unzureichend erfasst sind oder – in noch größerer Zahl – völlig unerwähnt bleiben.
Fragt man nach den Gründen für diese Versäumnisse, hält sich Grimm erstaunlich bedeckt. Das mag nicht allein damit zusammenhängen, dass der Autor hier selbst Partei ist. Dieter Grimm gehörte auf Vorschlag der SPD von 1987 bis 1999 dem Ersten Senat des Bundesverfassungsgerichts an und hat mithin selbst an etlichen der hier zur Sprache kommenden Entscheidungen mitgewirkt. Dennoch hat Grimm keine Geschichte der Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts vorgelegt, sondern sich bewusst auf jene Urteile konzentriert, von denen erwiesenermaßen über den Einzelfall hinaus eine erhebliche politisch-rechtliche Folgewirkung ausging. Er erwähnt zwar immer wieder, dass diese Entscheidungen nicht alternativlos gewesen seien, doch die Alternativen (»Sondervoten«) werden in der Regel weder erwähnt noch gar dargelegt. Anders als in juristischen Verfassungsgeschichten unterbleibt mithin die rechtliche Auseinandersetzung um das ergangene Urteil. Vielmehr steht die Entscheidung für sich, und man würde es sich mithin zu leicht machen, die angesprochenen Defizite in den historischen Darstellungen mit mangelnden juristischen Spezialkenntnissen der jeweiligen Autoren entschuldigen zu wollen.
Vielmehr tut sich die Geschichtswissenschaft mit ihren verschiedenen Großschwenkungen seit den 1960er-Jahren zur Sozial-, Struktur- oder Kulturgeschichte, um nur diese zu nennen, schwer
mit Verfassungen als rechtlichen Texten, die vielfach eher als sekundär und nachgeordnet empfunden werden, ohne dass sich die Autoren in der Regel der Tatsache bewusst sind, in welch hohem Maße unser modernes Leben, gleich in welchen Bereichen, rechtlich konnotiert und determiniert ist und dass Veränderungen in diesen rechtlichen Rahmenbedingungen unweigerlich ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft und ihre Teilbereiche haben. Wie in der Öffentlichkeit allgemein Karlsruhe eher als mediales Ereignis von Fall zu Fall wahrgenommen wird, werden Verfassung und Verfassungsentwicklung in der deutschen Geschichtswissenschaft, anders als etwa in den USA, eher nicht als auf den Alltag der Menschen durchschlagendes Kontinuum verstanden. Damit stellt sich letztlich die Frage nach der Verfassungskultur in Deutschland, was über die von Grimm in seinem letzten Kapitel thematisierte »unterschätzte Konstitutionalisierung der Politik«hinausgeht.
Kritiker mögen daher Grimms Zugriff auf die ausgewählten Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts als positivistisch werten, zumal wenn sie die Auswirkungen dieser Entscheidungen selbst wiederum kritisch betrachten. Dem wird man sich insbesondere bei dem missglückten Maastricht-Urteil kaum entziehen können, mit dem das Gericht bemüht war, dem Bekenntnis zum »vereinten Europa«in der Präambel des Grundgesetzes den Rekurs auf die nationalstaatliche Souveränität entgegenzusetzen, was fatal an das engstirnige Festklammern der deutschen Einzelstaaten an ihre »Souveränität«zu Zeiten des Deutschen Bundes erinnert, das in der Öffentlichkeit als wenig zeitgemäß empfunden wurde und heute in der Europäischen Union dazu führt, dass sich Ungarn, Polen und andere den europäischen Werten reserviert bis abweisend gegenüberstehende Mitgliedstaaten nur zu gerne auf das Bundesverfassungsgericht berufen. Das können weder die Europäische Kommission noch der Europäische Gerichtshof hinnehmen, noch liegt es im deutschen Interesse. Denn wenn jedes nationale Höchstgericht der Mitgliedstaaten darüber entscheiden kann, was die europäischen Institutionen tun dürfen und was nicht, gibt es kein einheitliches europäisches Recht mehr, sondern 27 verschiedene.
Es braucht vielmehr eine vertiefte, im Alltag der Menschen verwurzelte Verfassungskultur, auch unter den Historikern, die in ihrer demokratischen Verankerung sich von überlebten Denkmustern befreit, nicht nur von einer, einer Monstranz gleich, vor sich hergetragenen nationalstaatlichen Souveränität, sondern auch von einer, dem 19. Jahrhundert entnommenen Vorstellung von »Staat« und einer damit einhergehenden »Trennung von Staat und Gesellschaft«, die in einer Demokratie geradezu als widersinnig erscheinen müssen. Auch die in vielen juristischen Köpfen immer noch spukende »deutsche Staatsrechtslehre«, die sich gerne als dogmatischer Gegenpol zum Bundesverfassungsgericht und seinen Entscheidungen begreift, gehört einer vergangenen Zeit an. Eine living constitution ist kein Spezialfall für die Juristen. Sie geht uns alle an, und sie ist Teil der bundesrepublikanischen Identität. Hier haben viele von uns noch einen Nachholbedarf, und Dieter Grimm hat uns dies erneut vor Augen geführt.

Horst Dippel, Kassel

Rüdiger Hachtmann, 1848. Revolution in Berlin

BeBra Verlag | Berlin 2022 | 240 Seiten, gebunden | 26,00 € | ISBN 978-3-8148-0261-9

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Rechtzeitig zum Jubiläumsjahr 2023 – die 1848er-Revolution liegt nun 175 Jahre zurück – hat Rüdiger Hachtmann ein gut lesbares und mit Abbildungen versehenes Buch vorgelegt, mit dem er auf den Spuren seines umfangreichen Werkes (Berlin 1848. Eine Politik- und Gesellschaftsgeschichte der Revolution, Bonn 1997) die damaligen Ereignisse in Berlin nachzeichnet. Dabei fügt er politische, wirtschaftliche, soziale und (alltags-)kulturelle Entwicklungen zu einem facettenreichen Gesamtbild zusammen, in das immer auch Hinweise auf die Vorgänge in anderen europäischen Städten, insbesondere in Wien und Paris, eingebettet werden.
So leuchtet er zunächst mit breiter Perspektive die vielfältigen Ursachen für den revolutionären Aufbruch 1848 aus. Deutlich wird, dass das soziale Elend »sicherlich eine Voraussetzung für einen gesellschaftlichen Umsturz« war, dass aber die Verelendung »keinen ›revolutionären Automatismus‹ in Gang« setzte (S. 19). Bedeutsam für die Zuspitzung der Konflikte Ende der 1840er-Jahre waren neben dem wachsenden Gefühl von sozialer und politischer Ungerechtigkeit auch und vor allem die Ohnmacht gegenüber den Übergriffen des Militärs sowie die Herausbildung einer kritischen Öffentlichkeit, die sich trotz der Unterdrückung der Meinungs- und Vereinigungsfreiheit zu entfalten begann. Und die Ereignisse in anderen Ländern, zum Beispiel der Schweizer Sonderbundskrieg im November 1847 sowie die Februarevolution 1848 in Paris, befeuerten den Aufstand auch in Berlin.
Am 18. März 1848 begannen in Berlin Protestdemonstrationen, die das Militär sofort mit Gewalt zu unterdrücken versuchte. Das als unverhältnismäßig brutal empfundene Vorgehen der Soldaten bewirkte eine Radikalisierung der Proteste und zu Barrikadenbau und Straßenkämpfen: 15.000 Soldaten standen schätzungsweise 5.000 bis 6.000 Aufständischen gegenüber, die sich hinter zahlreichen Barrikaden verschanzten und damit den Vormarsch der Soldaten in die proletarisch geprägten Viertel Berlins verhinderten. Aufseiten der Herrschenden, also im Königshaus wie in der Militärführung, wurden Verschwörungsmythen verbreitet: Schon in der Nacht vom 18. auf den 19. März machte der König in seinem Aufruf »An meine lieben Berliner« eine »Rotte von Bösewichtern, meist aus Fremden bestehend«, für den Aufstand verantwortlich. Das folgte einem immer wieder zu beobachtenden Argumentationsmuster, das vor allem die Unfähigkeit oder den Unwillen bewies, »die sozial- und politisch-strukturellen Ursachen von Rebellionen und Revolutionen in den Blick zu nehmen« (S. 42f.).
Dass sich das Militär dann erst einmal zurückzog, war auch eine Antwort darauf, dass sich in vielen Städten der näheren und weiteren Umgebung Bürger bewaffnet hatten, um den Berliner Aufständischen zu Hilfe zu kommen. In Berlin erfasste die Rebellion unterdessen immer weitere Kreise der Bevölkerung, wobei der übergroße Anteil der zumeist jüngeren Barrikadenkämpfer und -kämpferinnen der unteren Schicht entstammten. Die Zahl der Opfer war hoch: 183 »Märzgefallene« waren zu beklagen; am 22. März wurden die »Märzgefallenen« mit einem großen Trauerzug zur Grabstätte im Friedrichshain geleitet. Aufseiten des Militärs starben, wie es später hieß, 7 Offiziere und 56 einfache Soldaten.
Zunächst sah es so aus, als würde der preußische König einlenken. Zumindest glaubten weite Kreise der kritischen Öffentlichkeit, er werde sich einer Parlamentarisierung Preußens nicht entgegenstellen. Auch wenn derartige Hoffnungen, wie sich bald zeigen sollte, auf einer Illusion
basierten, so waren sie doch durchaus wirksam, was das öffentliche Leben in Berlin anlangte: Die Revolution war nicht nur Ausdruck einer »Fundamentalpolitisierung«, sondern auch einer »Fundamentaldemokratisierung« (S. 64), die nicht nur zur Einberufung der Deutschen Nationalversammlung in Frankfurt am Main und der Preußischen Nationalversammlung, sondern auch zu einem Boom der Volkspresse und Straßenliteratur sowie zur Mobilisierung von Teilen der Bevölkerung führte, die – zu denken ist vor allem an Frauen und Jugendliche – zuvor am politischen Leben eher wenig beteiligt waren. Und diese Politisierung hielt an und bewirkte nicht nur eine organisatorische Verstetigung in demokratischen Vereinen und Clubs, sondern äußerte sich auch in Streiks sowie in der Gründung von ersten Arbeiter- beziehungsweise Gesellenverbänden. Zu erinnern ist vor allem an das Central-Comité der Arbeiter, das sich unter der Präsidentschaft Stephan Borns als eine Art von Arbeiterparlament verstand und eine Reihe von sozialpolitischen Forderungen – von der Beschäftigung von Arbeitslosen in Staatsanstalten bis zur Schaffung von Volksbibliotheken – erhob.
Unterdessen rückten Monarchie und protestantische Kirche eng zusammen: Die Geistlichkeit nahm entschieden gegen die revolutionären Umwälzungen des Frühjahrs 1848 Stellung. Zudem waren monarchischer und kirchlicher Konservativismus nicht nur durch ihre obrigkeitsstaatlichen Gesellschaftsvorstellungen, sondern auch durch einen ausgeprägten Antisemitismus miteinander verbunden. Die seit Jahrhunderten immer wieder propagierte Legende von der jüdischen Verschwörung rückte in den Vordergrund, ließen sich damit doch, wie R. Hachtmann klar macht, »existenzielle Ängste in Krisen- oder Umbruchsituationen […] auf denkbar einfache und griffige Weise ›erklären‹« (S. 119).
Schon im Frühsommer 1848 dominierten die Bemühungen der monarchischen Eliten, ihre Machtposition wieder auszubauen; zu denken ist vor allem an die Rückkehr des Thronfolgers, an die Verweigerung der Anerkennung der Revolution durch die Preußische Nationalversammlung und an die Ablehnung einer allgemeinen Volksbewaffnung. Dadurch spitzte sich der Konflikt erneut zu und führte in der Nacht vom 14. zum 15. Juni 1848 zum Sturm auf das Zeughaus. Dieses Ereignis wirkte polarisierend auf die Berliner Bevölkerung: Während weite Kreise des Bürgertums an die Seite der Monarchie traten, wurden Angehörige der proletarischen Schichten vielfach in ihrer Ablehnung der Monarchie und in der radikalen Befürwortung von demokratischen und sozialen Rechten bestärkt. Dass in der Bevölkerung, vor allem in den proletarischen Wohnvierteln, nach wie vor Unzufriedenheit mit der politischen Situation herrschte, zeigte sich wenig später erneut in der Reaktion auf die Stabilisierung der monarchischen Obrigkeit, die mit der Auflösung des Preußischen Parlaments durch Soldaten am 15. September 1848 manifest wurde. Zu denken ist nicht nur an die Unruhe auf den Straßen, mit der die amtlichen Bulletins und Plakate aufgenommen wurde. Zu erwähnen ist zudem die »Schlacht auf dem Köpenicker Feld« im Oktober 1848; Ausgangspunkt war der Protestzug von 100 Erdarbeitern, die, nachdem sie eine ihre Arbeitsplätze überflüssig machende Dampfmaschine zum Abpumpen von Grundwasser zerstört hatten, gekündigt worden waren und nun ihre Kollegen zum Streik aufriefen. Aus dem Eingreifen der Bürgerwehr wurde ein Barrikadenkampf, bei dem mehrere Arbeiter getötet wurden.
Ihren Abschluss fand der revolutionäre Aufbruch in Berlin schließlich mit der Verkündung der (schein-)demokratischen Verfassung vom Dezember 1848, in der allerdings die garantierten Grundrechte durch eine Reihe von Artikeln relativiert wurden. In der folgenden Reaktionszeit wurden denn auch die Meinungs- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt, was schon bei den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus vom Januar 1849 ungleiche Wahlchancen der angetretenen Kandidaten zur Folge hatte.
Abschließend geht R. Hachtmann auf die Frage nach dem Stellenwert der Märzrevolution in Berlin in der deutschen Erinnerungskultur ein. Der Bogen reicht von den Gedenkfeiern der Sozialdemokratie im Kaiserreich über die gespaltene Erinnerungskultur in der Weimarer Republik und die ebenfalls gespaltene Erinnerung in »Ost« und »West« in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart, in der einerseits, z.B. auf dem »Friedhof der
Märzgefallenen«, primär die revolutionären Ursprünge der Demokratiebewegung und andererseits, z.B. 1998 in der Frankfurter Paulskirche, vorrangig die Anfänge ihrer parlamentarischen Ausformung gewürdigt wurden.
Die unterschiedlichen Akzentuierungen der Erinnerungen an die Ereignisse vor 175 Jahren vor Augen, bleibt mit Blick auf die Gedenkfeierlichkeiten im Jahre 2023 zu hoffen, dass es gelingt, eine Erinnerung zu etablieren, in der beides, das revolutionäre Aufbegehren und die Entfaltung der parlamentarischen Demokratie, miteinander verbunden wird; damit könnte zugleich ein Beitrag zu einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur geleistet werden, in der nicht nur Konflikte und Kriege, sondern eben auch die im 19. Jahrhundert vielerorts in Europa etwa zeitgleich beschrittenen Wege zur modernen Demokratie ihren Platz haben sollten.

Michael Schneider, Kalenborn

Bernd Rother, Sozialdemokratie Global. Willy Brandt und die Sozialistische Internationale in Lateinamerika

Campus Verlag | Frankfurt am Main/New York 2022 | 470 Seiten, gebunden | 39,00 € | ISBN 978-3-59351-501-4

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In diesem Buch von Bernd Rother, einem langjährigen Mitarbeiter der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, geht es, wie der Untertitel verspricht, in erster Linie um Willy Brandt und die Sozialistische Internationale (SI) in Lateinamerika und nicht um deren globales Wirken. Rother hat gute Gründe für diese Beschränkung, denn einerseits ist das Thema an sich schon breit gesteckt und andererseits war Lateinamerika das mit Abstand wichtigste außereuropäische Zielgebiet für die deutschen Mitglieder der SI. Dass sich diese Aktivitäten unter der Präsidentschaft Brandts nach dessen Rücktritt als Bundeskanzler ab 1976 entfalteten, war ebenfalls kein Zufall. Lateinamerika war seinerzeit eine Projektionsfläche für die Linke weltweit. Das galt sowohl im positiven Sinne durch die Hoffnungen, die sich mit den Revolutionen in Kuba und später in Nicaragua sowie mit dem Wahlsieg der Unidad Popular in Chile verbanden, wie auch im negativen durch die Militärdiktaturen, die vielerorts die Ansätze linker Regierungen wieder zunichtemachten.
Rothers Buch konzentriert sich auf die Endphase des Kalten Kriegs von den 1970er- bis in die frühen 1990er-Jahre. Dabei macht er bewusst Einschränkungen, die er in der Einleitung transparent begründet. So geht es ihm nicht um die Gesamtheit der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Lateinamerika in dieser Zeit, sondern um die Außenbeziehungen der Sozialdemokratischen Parteien, die damit als transnationale Akteure in den Fokus rücken. Eine weitere Einschränkung ist die Konzentration auf die europäische, genauer, die deutsche Seite, was mit der Verfügbarkeit der Quellen zu tun hat. Zweifellos ist der Quellenbestand der deutschen Sozialdemokratie umfangreicher und besser zugänglich als die in Lateinamerika – und auch in anderen europäischen Ländern – vorhandenen Quellen, wenn es sie denn überhaupt noch gibt. Um dort in die Tiefe zu gehen, hätte der Autor vor Ort viel Zeit investieren müssen, um Kontakte zu knüpfen und die oft in Privathänden befindlichen Dokumente mühsam zu suchen oder aber die Textquellen durch Oral History-Interviews zu ergänzen.
Da Rother dies nicht tut, bleibt das Buch wie gesagt der deutschen Perspektive verhaftet, wobei auch die Rückwirkungen der sozialdemokratischen SI-Aktivitäten auf die Außenpolitik der sozialliberalen Regierungen ausgeklammert werden. Der Autor konstatiert, dass es sich bei der SI um einen „Scheinriesen“ (S. 29) handelte. Gewicht bekam die Vereinigung durch ihre Einzelmitglieder, die je nach finanziellen Möglichkeiten mehr oder weniger aktiv agierten. Vor allem die deutschen Sozialdemokraten im Verbund mit den schwedischen und österreichischen Genossen verfügten in besonderem Maß über diese Mittel und nutzten sie für ihre Arbeit in Lateinamerika etwa durch die Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie der Autor eingangs klar macht, war es nicht die SI, sondern das persönliche Ansehen Willy Brandts, das vor Ort Türen öffnete. Die SI bot demgegenüber nur ein lockeres Forum für den Meinungsaustausch mit lateinamerikanischen Partnern.
Das Buch ist in drei ungleiche Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es um die Grundlagen für die internationale Parteiarbeit. Rother diskutiert hier die Faktoren, die die Akteure zur Belebung der SI motivierten. Die Transformationen auf der iberischen Halbinsel waren ebenso ein entscheidender Auslöser wie das als Versagen wahrgenommene Handeln der USA in ihrem vermeintlichen „Hinterhof“. Die Sozialdemokratie, so sahen es Brandt und Gleichgesinnte, konnte demgegenüber einen dritten Weg zwischen dem US-Kapitalismus und dem real existierenden Sozialismus des Ostblocks bieten. Die Solidarität mit den Völkern der „Dritten Welt“ spielte dabei
eine wichtige Rolle. Verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten erleichterten den Austausch. Zudem gab es auf Seiten lateinamerikanischer Reformkräfte schon seit den 1960er-Jahren Interesse daran, den Reformismus der europäischen Sozialdemokraten näher kennen zu lernen, denn Länder wie Schweden galten als Vorbild.
Die Annäherung der europäischen Sozialdemokraten und der lateinamerikanischen Linksreformer spielte sich zunächst außerhalb der SI ab und fand in einer Konferenz in Caracas 1976 einen ersten Höhepunkt. Mit der Wahl Brandts zum Präsidenten der SI verlagerten sich die Gewichte. Die SI wurde zum Zentrum der Zusammenarbeit der Parteien. Wie Rother herausarbeitet, blieben jedoch die Grundprobleme der fehlenden Ausstattung bestehen. Zudem blieb die Internationale tendenziell eurozentrisch. Im Gegensatz zu den Europäern, die sich berufen fühlten, zu allen Themen von den Menschenrechten bis zur Nahostproblematik beizutragen, blieben die Lateinamerikaner zurückhaltend, solange es nicht um ihre eigenen Belange ging. Rother arbeitet hier sehr schön die lateinamerikanische Sichtweise gegenüber den Europäern heraus, die der Salvadorianer Guillermo Ungo treffend als „unausgesprochene Übereinkunft kolonialer Unterwerfung“ charakterisierte (S. 197). Anders als die Europäer kannten die lateinamerikanischen Vertreter in der SI ihre Gesprächspartner nur zu gut.
Im dritten und mit Abstand größten Teil des Buches geht Rother auf lateinamerikanische „Herausforderungen“ ein. Damit meint er die nicaraguanische Revolution, den Bürgerkrieg in El Salvador sowie – allerdings eher epilogartig – den Konflikt um die Falkland-Inseln/Malvinen. Zentralamerika wurde in den 1980er-Jahren zu einem Schwerpunkt der Debatten innerhalb der SI. Nicaragua und El Salvador versprachen den ewigen Kreislauf von Unterdrückung und Gewalt durch reformerische, ja revolutionäre Projekte zu durchbrechen. Wie weit aber durfte der revolutionäre Geist gehen? Darüber war man sich innerhalb der SI uneins. Rother zeichnet die verästelten Diskussionen akribisch nach. Fachlich Interessierte finden hier viele interessante Informationen.
Dieses Buch ist eine willkommene Ergänzung zu den Studien zur Außenpolitik der Bundesrepublik in der Spätphase des Kalten Kriegs. Mit der Konzentration auf die SI und die Parteien rückt Rother Akteure in den Mittelpunkt, die bislang wenig Beachtung fanden. Wie der Autor eindringlich zeigt, war die SI in den ersten Jahren unter Brandt sehr erfolgreich und wurde auch in den Zentren der Macht wie z.B. den USA als beachtenswerter neuer Gesprächspartner geschätzt. In den 1980er-Jahren ließ dieser Glanz nach, die „Herausforderungen“ wurden zu groß. Als dann Persönlichkeiten wie Olof Palme, Bruno Kreisky und schließlich auch Brandt, die die Hochphase entscheidend prägten, starben und mit dem Ende des Kalten Kriegs ein neues Zeitalter begann, verlor die SI schnell an Bedeutung.

Stefan Rinke, Berlin

Bernd Rother, »Willy Brandt muss Kanzler bleiben!« Die Massenproteste gegen das Misstrauensvotum 1972

Campus Verlag | Frankfurt am Main/New York 2022 | 203 Seiten, broschiert | 26,00 € | 978-3-593-51515-1

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»Willy Brandt muss Kanzler bleiben!«, skandierten 400.000 empörte Bürger:innen im Frühjahr 1972 auf Protestveranstaltungen. Nachdem die Oppositionsparteien CDU und CSU angekündigt hatten, mit Hilfe eines konstruktiven Misstrauensvotums den Kanzler zu stürzen und die Ratifizierung der Ostverträge durch den Deutschen Bundestag zu verhindern, formierten sich republikweit Streiks, Kundgebungen und Demonstrationen. Bisher blieben diese von der zeithistorischen Forschung unberücksichtigt, während sowohl die eigentliche Abstimmung, die Vorwürfe des Stimmenkaufes als auch die anschließenden »Willy-Wahlen« hinreichend untersucht wurden.
Bernd Rother, Senior Research Fellow der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, schlägt mit seiner hier besprochenen Studie einen neuen Weg ein und widmet sich den bisher vernachlässigten Massenprotesten rund um das gescheiterte Misstrauensvotum gegen Brandt. Den Ort der Proteste von 1972 in der bundesrepublikanischen Geschichte zu bestimmen, ist neben der Rekonstruktion des Protestgeschehens das Hauptanliegen seiner durchweg lesenswerten und erkenntnisbereichernden Studie. Die Arbeit stützt sich auf die akribische und ausführliche Auswertung zahlreicher regionaler als auch überregionaler Zeitungs- und Archivbestände. Seine Hauptfrage unterteilt Rother in über ein Dutzend weiterer relevanter Forschungsfragen, die sich zusammenfassend mit der Bedeutung der Proteste für die politische Kultur der Bundesrepublik befassen. Zudem wird das Protestgeschehen in die Zeit einer starken gesellschaftlichen Polarisierung und Politisierung eingeordnet, und zuletzt nach Verallgemeinerungsfähigem und Spezifika der bundesweiten Proteste gefragt.
Zunächst skizziert Rother anschaulich den Rahmen seiner Studie und wirft in diesem Zusammenhang einen Blick auf mögliche politische Vorbilder der Proteste und Streiks von 1972, bei denen circa 400.000 Menschen in den Innenstädten und den Betrieben protestierten. Diese Größenordnung ist vergleichbar mit den Protesten im Rahmen der Kampagne »Kampf dem Atomtod« von 1958. Erst im Jahr 1983 protestierten in der Bundesrepublik mehr Menschen, und zwar gegen den NATO-Doppelbeschluss. Rother arbeitet heraus, dass politische Streiks in Deutschland keine traditionelle Handlungsform der Arbeiterbewegung darstellen. Im September 1969 kam es allerdings zu einer »bisher nicht gekannten Welle spontaner Streiks« (S. 31), die allerdings nicht von den Gewerkschaften initiiert worden waren. Bei den September-Streiks von 1969 handelte es sich zudem um ökonomische Arbeitskämpfe, die allerdings die politische Debatte maßgeblich beeinflussten. Mehrere sozialwissenschaftliche Forschungseinrichtungen betonen, dass es bei den bisherigen Streiks zu keiner »Repolitisierung der Arbeiterschaft« (S. 33) gekommen sei. In Deutschland, betont Rother, gab es demnach für die politischen April-Streiks von 1972 keine historischen Vorbilder.
An dieses Kapitel schließen sich zwei weitere Hauptkapitel an, die die Streiks und Proteste erstmalig dokumentieren, bevor die Aktionsformen analysiert und synthetisiert werden. Als CDU/CSU 1972 ihren Antrag zum Kanzlersturz einbrachten, hatte damit »ein Blitz eingeschlagen, die Betriebe ›brannten‹, die Menschen strömten auf die Straßen und Plätze« (S. 51). Als die Opposition versuchte, »einen von ihnen, das Arbeiterkind, den obersten Sozialdemokraten, den höchsten Repräsentanten der Arbeiterschaft, Willy Brandt, zu stürzen« (S. 179), entlud sich der »Eigensinn« (S. 179) der Arbeiterschaft auf Basis eines übergebliebenen Klassenstolzes und verletzter Ehre. Zugleich bedeutete das Vorgehen der Opposition für die Arbeiterschaft den dritten illegitimen beziehungsweise illegalen Anlauf eines Sturzes einer sozialdemokratischen Regierung, ohne die Unterschiede zwischen den Aprilprotesten und den historischen
Referenzpunkten »Kapp-Putsch« (1920) und »Preußenschlag« (1932) hinreichend wahrzunehmen. 1972 bestand die Antwort der Arbeiterschaft aus Arbeitsniederlegungen – aber auch ein Generalstreik war bei Sieg Barzels wieder denkbar geworden. Die Proteste konzentrierten sich auf die Betriebe, in denen die Streiks als wichtigstes Mittel der Interessensartikulation aus den Belegschaften heraus selbst initiiert wurden. Rother verdeutlicht, es gebe keinerlei Hinweise dafür, dass die SPD Bundesorganisation die Streiks initiiert oder gesteuert habe. Ganz im Gegenteil: Von der Welle der Empörung zeigte sich der Parteivorstand überrascht und seine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Die Partei und die Gewerkschaften versuchten die Belegschaften vergebens zu bremsen, indem sie an die Verfassungskonformität des oppositionellen Vorgehens erinnerten. In der SPD-Führung wurde auch die Verfassungswidrigkeit eines Erzwingungsstreikes (s.u.) nicht angezweifelt. Auf der anderen Seite wollte die Parteiführung durch konsequentes Abraten keine Unterstützer:innen und Wähler:innen verlieren, gerade auch vor dem Hintergrund der aktiven Rollen einiger lokaler Sozialdemokrat:innen bei der Streikorganisation. Daher entschied man sich im Ollenhauer-Haus für den Weg, spontane Solidaritätsbekundungen nicht zu unterbinden, sie aber auch nicht extra forcieren zu wollen. Doch die Basis wollte aktiv werden. In dieser Situation blickte die abratende SPD-Parteiführung mit kritischem Blick auf die Aktivitäten der DKP in den Betrieben, die Aktionsgemeinschaften mit sozialdemokratischen und gewerkschaftsnahen Arbeitnehmer:innen planten, um die Ostpolitik, das »Prestigeprojekt« (S. 53), nicht nur für die bundesdeutsche Regierung, sondern auch für die kommunistischen Parteien in den Staaten des Ostblocks zu sichern. Aus dieser erwachsenen Konkurrenzsituation vor Ort in den Betrieben wurde zum Beispiel in Stuttgart seitens der lokalen SPD, der Gewerkschaften und der FDP eine Kundgebung einberufen. Auch Demonstrationen und Kundgebungen lassen sich, so zeigt Rother, nicht auf bundesweite Aufrufe der Partei- und Gewerkschaftszentralen zurückführen. Die Appelle und Zurückhaltung der SPD störten wider Erwarten allerdings nicht das Verhältnis zwischen Industriearbeiterschaft und Partei. Ihre Beziehung konnte stattdessen gestärkt werden und erreichte einen neuen Höhepunkt. CDU und CSU hatten durch ihr Vorgehen das Gegenteil des Gewollten erreicht. Ein Überhöhungsprozess hinsichtlich der Person Brandt entwickelte sich fort.
Wichtigste Träger der Streiks waren Industriearbeiter:innen – insbesondere aus der Metallindustrie (in einer weiteren Definition). Auch Student:innen und Schüler:innen organisierten im Übrigen Protestaktionen, blieben jedoch weit hinter den Protesten der Industriearbeiter:innen zurück. Ihre führende Rolle unterstreichen auch die zahlreichen Proteste im Ruhrgebiet, die »alles andere in den Schatten« (S. 178) stellten, obgleich in der Bergbauindustrie kaum Streikaktivitäten zu vernehmen waren. Die IG Bergbau, die im DGB als konservative Gewerkschaft galt, lehnte sowohl Erzwingungs- als auch Demonstrationsstreiks ab. Die IG Metall hingegen trug Demonstrationsstreiks mit. Während in NRW zahlreich gestreikt wurde, kam es im benachbarten Rheinland-Pfalz zu keinem einzigen Streik pro Brandt. Von diesem Befund ausgehend widmete sich Rother dem Zusammenhang zwischen der Intensität der Proteste und der Parteistärke. Die Grenzen seiner Überlegungen sind dem Autor dabei stets bewusst, wenn er die vor Ort »gut verankerte Sozialdemokratie und auch ebenso starke Gewerkschaften« (S. 115) als wichtige, aber nicht hinreichende Erklärung für die Ungleichverteilungen der Streiks und Protestaktionen klassifiziert.
Rother ordnete die Aprilproteste als »letzte politische Bewegung in der deutschen Geschichte, die von der Arbeiterschaft […] getragen wurde« (S. 178), ein. Sie habe sich 1972 mit einer »Gala-Vorstellung« (S. 178) verabschiedet. Bei nachfolgenden Protesten sei es nicht mehr um »Politik im engeren Sinne« (S. 178) gegangen. Bei den an der Umwelt- und Friedensbewegung teilnehmenden Arbeiter:innen handelten ebendiese als »Bürger allgemein« (S. 178). Mit Blick auf die Spontanität sowie das Ignorieren von Empfehlungen der SPD- und Gewerkschaftszentralen stellten die Aprilproteste jedoch keine Abschiedsvorstellung dar, unterstreicht Rother. Ähnlich wie der Außerparlamentarischen Opposition spricht er den Aprilprotesten eine Scharnierfunktion »zwischen einer ›formierten‹ und einer aktivistischen, mündigen Gesellschaft« (S. 178) zu. Für die Zeit seit 1967 ist von der Forschung häufig ein Generationskonflikt attestiert worden, den Rother jedoch für die Aprilproteste von 1972 nicht bestätigen kann. Vielmehr eigneten sich ältere Jahrgänge neuere Protestformen an, die ab 1967 in die politische Kultur der Bundesrepublik integriert wurden.
Wie ein roter Faden zieht sich die streikrechtliche Einordnung der April-Aktionen zwischen Erzwingungs- und Demonstrationsstreik durch Rothers Studie. Er argumentiert gegen eine Einordnung als Erzwingungsstreik, der erst nach Rücktritt Barzels vom Kanzleramt oder Scheitern des Antrages geendet wäre, sondern spricht sich für einen Demonstrationsstreik aus. Keiner der Proteste war von Beginn an auf einen längeren Zeitraum ausgelegt. Es galt lediglich, ein Signal zu setzen. Dazu benötigte es keine Organisationsstrukturen und Führungsfiguren. Am Tag des Misstrauensvotums selbst erlebte die noch junge parlamentarische Demokratie der Bundesrepublik ihre »größte Belastungsprobe« (S. 180). Bei Erfolg des CDU/CSU-Antrages wäre, laut Rother, die Republik in eine »Legitimationskrise« (S. 180) geraten, in der zahllose Streiks mit Rufen nach Neuwahlen entstanden wären. Ein Generalstreik wäre wohl nicht zustande gekommen, da die Arbeiterbewegung nicht geschlossen hinter der Streikidee stand.
Dass das Misstrauensvotum im Endeffekt scheiterte, stehe in keinem Zusammenhang mit den Aprilprotesten, sondern mit dem »paradoxen Befund« (S. 180), dass die DDR die Geldtransfers an Bundestagsabgeordnete zwecks Stimmenkaufes initiierte: Ein Sturz des Kanzlers lag nicht im Staatsinteresse der DDR und der Sowjetunion. Als ebenso paradox erschien Rother der Befund, dass die parlamentarische Demokratie der Bundesrepublik durch das Misstrauensvotum gestärkt wurde. Nach dem letztlich erfolglosen Antrag der Oppositionsparteien kam es zu keinen weiteren Aktionen. Unter dem Eindruck des nicht existenten Bekanntheitsgrades der Bestechungen galt der Triumph Brandts und seiner Regierung gar als Sieg des freien Mandats. Auch die hohe Wahlbeteiligung bei den »Willy-Wahlen« im November 1972 von 91 Prozent unterstreicht die Stärkung der parlamentarischen Demokratie.
Abschließend wirft Bernd Rother die berechtigte Frage auf, warum die Aprilproteste gegen das konstruktive Misstrauensvotum in der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur einen vergleichsweise geringen Stellenwert einnehmen, obwohl ein Erfolg der CDU/CSU eine wohl viel größere Protestwelle sowie ein Verhindern beziehungsweise Bremsen der Ostpolitik bedeutet hätte. Rother beantwortet die Frage mit vier stichhaltigen Argumenten. Erstens: Mit dem Misstrauensvotum verbinden sowohl die Öffentlichkeit als auch die Forschung zunächst die Schlagworte Bestechung und Stimmenkauf, da sie den »Reiz des Verruchten und Kriminellen« (S. 182) besitzen. Zweitens begreift Rother die Aprilproteste als eine »gesellschaftliche Bewegung, die ihre eigene Kraft und ihr eigenes Ausmaß unterschätzte« (S. 183). Bekanntermaßen scheiterten die Unionsparteien in ihrem Vorgehen, sodass sich keine weitere Notwendigkeit einer Vergemeinschaftung ergab. Drittens fanden die Aprilproteste wegen des Wahlsieges vom 19. November 1972, bei dem die SPD ihr bisher bestes Ergebnis bei Bundestagswahlen erzielte, wenig Beachtung. Darüber hinaus beabsichtigten – viertens – weder Gewerkschaften noch SPD, die Proteste in das kollektive Gedächtnis ihrer Mitgliederschaft zu etablieren, da sie die Proteste im Frühjahr 1972 aus verfassungsrechtlicher Perspektive problematisiert und von einer bewussten Forcierung abgeraten hatten. Auf der anderen Seite wurden die Erinnerungen an Proteste im Frühherbst wiederbelebt, um die Anhängerschaft zur Wahl zu mobilisieren.
Bernd Rother ist eine äußerst lesenswerte Studie zu einem Thema geglückt, das bisher in der Forschungslandschaft vernachlässigt wurde. Er argumentiert durchweg stringent und ist sich den Grenzen seiner Thesen stets bewusst. Besonders hervorzuheben ist die akribische Quellenarbeit in zahlreichen Archiven und Zeitungsbeständen, deren Erkenntnisse nun weiterhin für Arbeiten der Protest- und Streikforschung, aber auch für die Parteiengeschichte nutzbar gemacht werden sollten. Insbesondere die regionalgeschichtlichen Zusammenstellungen und Analysen werden die historisch-politische Bildungsarbeit in vielen Regionen bereichern und weiterführende (regionalgeschichtliche) Arbeiten motivieren.

Patrick Böhm, Bochum

Alexander Thiele, Der konstituierte Staat. Eine Verfassungsgeschichte der Neuzeit

Campus Verlag | Frankfurt am Main/New York 2021 | 463 Seiten, kartoniert | 29,95 € | 978-3-593-51422-2

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Als Autor einer zeitgleich erschienenen Verfassungsgeschichte[1] mag man mir Voreingenommenheit vorhalten. Dennoch hätte Thiele schreiben können, wie, während sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, beflügelt durch Montesquieu und Jean Louis de Lolme das aufgeklärte Europa für die englische Verfassung begeisterte, in Nordamerika ab 1763 angesichts der sich durch die britische Politik bedrängt fühlenden Amerikaner eine zunehmend intensivere Diskussion über eben diese englische Verfassung auf der Suche nach der Sicherung ihrer Rechte und Freiheiten geführt wurde. Aus dieser Diskussion erwuchsen schließlich die zehn Prinzipien des modernen Konstitutionalismus, wie sie mit der Virginia Declaration of Rights am 12. Juni 1776 ins Leben traten und sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten gegen vielfältige Widerstände von, wie man heute sagen würde, rechts wie links durchsetzten und in Folge der Herausforderungen der Demokratie ab den 1830er-Jahren (Jacksonian Democracy) inhaltlich anpassten, zumal was die Prinzipien Volkssouveränität, begrenzte Regierung (limited government) und Unabhängigkeit der Justiz betraf.
Auf Frankreich hatten diese Ideen bereits im Vorfeld der Französischen Revolution übergegriffen und ebenfalls zur Sicherung der Rechte und Freiheiten der Bürger 1789/1791 zu entsprechenden Verfassungslösungen geführt, die schon bald durch von der radikaldemokratischen Verfassung von Pennsylvania von 1776 inspirierte Auffassungen abgelöst wurden, die den spezifischen französischen Vorstellungen und Bedingungen eher zu entsprechen schienen und ihren Einfluss nicht allein in Frankreich bis heute ausüben, selbst wenn sich die reale Verfassungssituation in Frankreich rasch änderte und schließlich mit dem Aufstieg Napoleons sämtliche Prinzipien des modernen Konstitutionalismus weggewischt wurden, eine Politik, der sich, wenn auch aus anderen Beweggründen, die Restauration in Frankreich anschloss.
Doch die Ideen und Prinzipien des modernen Konstitutionalismus waren nicht par ordre du mufti aus der Welt zu schaffen. Sie griffen rasch auf andere Länder und Weltteile (Lateinamerika) über. Ungeachtet aller Einschränkungen und Behinderungen fanden sie ihren Weg nach Deutschland, wenn auch nicht in die Verfassung von Westphalen, selbst wenn diese 1807 als liberalste napoleonische Verfassungsschöpfung gelten konnte. Doch mit den liberalen Verfassungen von Bayern (1818), Baden (1818), Württemberg (1819), Braunschweig (1820), Hessen-Darmstadt (1820), Coburg-Saalfeld (1821) und Hessen-Kassel (1831) wurden hier beachtliche Verfassungspositionen erreicht, die sich durchaus neben die Verfassungen von Cadiz (1812) und Belgien (1831) stellen lassen.
Die Paulskirche versuchte, dieses weiterzuführen – andere deutsche Verfassungen waren da zum Teil erfolgreicher. Doch war die Frankfurter Nationalversammlung von Anbeginn zum Scheitern verurteilt, da sie, wie der Blick in die entsprechenden Gesetze oder Dekrete zu ihrer Wahl deutlich macht, weder über ein allseits akzeptiertes Mandat verfügte, noch sie sich – nicht zuletzt dank ihrer liberal-konservativen Mehrheit – anders als ihr heimliches Vorbild, die französische Nationalversammlung von 1789, in der Lage sah, sich durch einen revolutionären Akt ein solches unangefochtenes Mandat selbst zuzulegen.
Der Weg in die Reaktion war damit vorgezeichnet, und aus ihr heraus und unter ausdrücklicher Zurückweisung der »Ideen von 1789« entstand die Reichsverfassung von 1871, die, wie es bereits Napoleon vorgemacht hatte, alle Prinzipien des modernen Konstitutionalismus abschmetterte, entgegen allen Verfassungskämpfen der ersten Jahrhunderthälfte das Militär ausdrücklich aus der Verfassungsordnung herauslöste, es eidlich ausschließlich auf den Kaiser verpflichtet und dem Parlament – das hatte man aus der preußischen Verfassungskrise gelernt – jeden Zugriff auf das Militärbudget verweigerte.
Kein Wunder, dass die Weimarer Verfassung alle diese Gedanken- und Verfassungskonstruktionen von sich wies und wieder an die deutsche Verfassungsentwicklung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zumal an die Paulskirchenverfassung anzuknüpfen und die Prinzipien des modernen Konstitutionalismus erneut einzuführen suchte. Doch im Ergebnis war es nicht nur eine unvollständige Übernahme dieser Prinzipien. Aufgrund der Gegebenheiten, die die französische Variante dieses modernen Konstitutionalismus eher für die spezifisch deutschen Bedingungen geeignet erscheinen ließ als die amerikanische, kam es im Kern zu einer unausgeglichenen Verfassung, der zudem – ähnlich der französischen Verfassung der Zweiten Republik von 1848 – ein entscheidendes Element fehlte, nämlich dank entsprechender Bestimmungen die Fähigkeit, selbst gravierende Verfassungskonflikte im Rahmen und mit den Mitteln der Verfassung zu lösen. Die weitere Geschichte ist bekannt und braucht hier nicht wiederholt zu werden.
Alles dies hätte Thiele schreiben können. Doch stattdessen stellt er, wie bereits im Titel seines Buches angedeutet, den Weg zum modernen Konstitutionalismus in einem Dreischritt dar: Staat – Verfassungsstaat – moderner demokratischer Verfassungsstaat. Ein derartiges Konstrukt lässt sich allein mit der von Christoph Schönberger zu Recht als »German Approach« gegeißelten, ideologisch aufgeladenen deutschen Staatsrechtslehre begründen, denn, wie wir gesehen haben, die Entstehung des modernen Konstitutionalismus hatte weder etwas mit einem wie auch immer gearteten Konzept von »Staat« – die englische Sprache wie auch die romanischen Sprachen kennen keinen dem deutschen Wort »Staat« dogmatisch vergleichbaren Begriff – noch etwas mit Demokratie zu tun. Statt um Demokratie und Gleichheit ging es um Recht und Freiheit. Doch zumal vom Recht ist in diesem Buch ohnehin wenig die Rede. Stattdessen begegnet man immer wieder der historisch wie inhaltlich abwegigen Gleichsetzung von Verfassung mit Demokratie. Dieser Ansatz mag der Grund sein, weshalb die liberalen deutschen Verfassungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum erwähnt, geschweige denn analysiert werden. Vielmehr wird immer wieder mit der in dieser Form erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgebildeten deutschen Staatsrechtslehre argumentiert, wobei generell der Zurückweisung der These von einem deutschen Sonderweg für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zweifellos zuzustimmen ist, diese jedoch für die Reichsverfassung von 1871, wie gezeigt, nicht haltbar ist, woran auch die bemühten vermeintlichen Parallelen zum Vereinigten Königreich nichts ändern, zumal diese eher auf unzureichenden Kenntnissen des Autors beruhen, was zumal in seinen übrigen Passagen zu England, aber auch zu den Vereinigten Staaten und Frankreich bedauerlicherweise kein Einzelfall ist. Darüber hinaus erscheint es logisch geradezu grotesk, die Auffassung eines deutschen Sonderwegs in der Verfassungsentwicklung methodisch mit dem Rekurs auf eben diesen deutschen Sonderweg in Sachen deutscher Staatsrechtslehre entkräften zu wollen.
Dagegen wird man dem Autor für seine beiden letzten Kapitel (NS-Regime und Entstehung und Entwicklung des Grundgesetzes bis zur Gegenwart, S. 327-381) und die darin entwickelten Gedanken außerordentlich dankbar sein. Was hier angesprochen wird, mag nicht stets von jedem geteilt werden, doch sind es Überlegungen, die durchweg aufgegriffen zu werden verdienen und weiterführen, Nachdenkens wert. Allerdings ist der Anspruch des Bundesverfassungsgerichts, in eigener Rechtsvollkommenheit die EU-Verträge auslegen und der Union notfalls Überschreiten ihrer Befugnisse vorhalten zu können – also der Rückgriff auf eine usurpierte ulta vires-Doktrin – nicht hinnehmbar. Würde er rechtlich Bestand haben, hätten wir kein einheitliches EU-Recht, sondern 27 verschiedene. Zuständig kann hier allein der Europäische Gerichtshof sein. Sollte dennoch das Bundesverfassungsgericht in einem konkreten Fall zu der Auffassung gelangen, dass das EU-Recht mit deutschem Verfassungsrecht nicht vereinbar ist, hat der Gesetzgeber die Pflicht, das deutsche Verfassungsrecht entsprechend anzupassen. Nur gemeinsam können die Mitgliedstaaten EU-Recht ändern, nicht jedoch jeder für sich allein. Auch hier regt uns Thiele zu weiterem Nachdenken an.

Horst Dippel, Kassel

[1] Horst Dippel, Moderner Konstitutionalismus. Entstehung und Ausprägungen. England – Nordamerika – Frankreich – Deutschland – Europa/Europäische Union – Lateinamerika, Berlin 2021.

Michael Kotulla, Deutsches Verfassungsrecht 1806-1918. Eine Dokumentensammlung nebst Einführungen. Bd. 18: Nassau

Springer Verlag | Berlin/Heidelberg 2021 | 2.565 Seiten, gebunden | 349,99 € | 978-3-662-62951-2

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Mit dem Abstand von erneut fünf Jahren liegt nunmehr der fünfte Band von Kotullas monumentalem Deutschen Verfassungsrecht 1806–1918 vor. Er setzt die bewährte Einteilung in Historische Einführungen auf Basis der nachfolgend publizierten Dokumente (Teil 1) und die umfangreiche diplomatische Wiedergabe dieser Verfassungsdokumente (Teil 2) fort. Und dennoch ist diesmal Einiges anders. Ausweislich des aktuellen Katalogs der Deutschen Nationalbibliothek ist das Gesamtwerk auf 13 Bände angelegt, und der Nassau gewidmete Teil sollte in dem ursprünglich geplanten Band 8 veröffentlicht werden. Es mag am Umfang dieses Teils liegen, dass er stattdessen getrennt erschienen ist, und zwar als Band 18, was eher einer Zählung zu entsprechen scheint, gemäß der die zuvor geplanten Bände 5 bis 8 nunmehr als Einzelstaatsbände erscheinen sollen. Sollte dies der neue Editionsplan sein, wäre mit einem projektierten Umfang des Gesamtwerkes von eher um die 30 statt 13 Bänden zu rechnen.
Dieser sich andeutenden Entwicklung entspricht, dass die Bände ohnehin immer umfangreicher werden. Band 1 umfasste mit Gesamtdeutscher Verfassungsentwicklung, Anhaltinischen Staaten und Baden zusammen rund 450 Seiten Einleitung und 400 Dokumente auf insgesamt gut 2.000 Seiten. Band 2 war allein Bayern gewidmet mit knapp 390 Seiten Einleitung und 341 Dokumenten, zusammen rund 2.040 Seiten, Band 3 galt, räumlich ungleich enger angelegt, lediglich Berg und Braunschweig mit rund 230 Seiten Einleitung und insgesamt 449 Dokumenten, was sich auf 2.080 Seiten addierte. Band 4 – der Rahmen wurde nochmals enger gesteckt – befasst sich ausschließlich mit Bremen und verfügt über eine Einleitung von gut 380 Seiten und über 700 Dokumenten auf zusammen 2.419 Seiten. Nun kommt mit Band 18 Nassau hinzu mit einer Einleitung von über 600 Seiten und gut 660 Dokumenten, alles wohlgemerkt lediglich für 60 Jahre, mit zusammen 2.565 Seiten.
Man würde der unermüdlichen Schaffenskraft und der bewundernswerten Akribie Kotullas nicht gerecht, wenn man daraus schließen wollte, dass ihm das Deutsche Verfassungsrecht über den Kopf wachse. Aber was er sich hier aufgebürdet hat und mit beispiellosem Engagement in den zurückliegenden 15 Jahren auf die Beine gestellt hat, ist eine unübertroffene Quellensammlung zum deutschen Verfassungsrecht des 19. Jahrhunderts. Dennoch stellt sich unvermittelt die Frage, wie vielen der noch verbliebenen gut 30 Staaten des Deutschen Bundes ihm gegeben sein wird, auf diese Weise zu dokumentieren?
Das zeichnete sich so nicht ab, als sich Kotulla zu Beginn dieses Jahrhunderts an dieses riesige Opus heranmachte. Damals ließ er die Gesamtzahl der zu publizierenden Bände wohlweislich offen. Doch dann drang er immer tiefer in die Materie ein, und das Material wurde immer umfangreicher, ohne dass es ihm gelungen wäre, bei seinem Jahrhundertprojekt zu bleiben und es dennoch auf das Menschenmögliche einzugrenzen. Gewiss, auch die Schiller Nationalausgabe geht nunmehr in ihr 80. Jahr und hat ganze Herausgebergenerationen beschäftigt, ohne dass sie inzwischen abgeschlossen wäre. Auch wenn es dann am Ende wohl doch keine gut 60 Bände sein werden, kann theoretisch dem Deutschen Verfassungsrecht 1806–1918 Vergleichbares widerfahren. Und dennoch passt der Vergleich letztlich nur begrenzt.
Wenn man Hubers sicherlich überhohlbedürftige Quellen zur deutschen Verfassungsgeschichte notgedrungen zum Vergleich heranzieht, so hat sich dieser für den gleichen Zeitraum mit rund 1.000 Seiten begnügt. Sehr zu Recht geht Kotulla daran, diese obsolet zu machen. Aber müssen es deswegen gleich mehrere Zehntausend Seiten werden? Es ist zweifellos legitim, darüber nachzudenken, ob es ausreicht, zur Abbildung des deutschen Verfassungsrechts des 19. Jahrhunderts die Verfassungen der deutschen Staaten und ihre davon abweichenden offiziellen
Entwürfe abzudrucken, wie dies Werner Heun in sechs Bänden für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts unternommen und damit ein gravierendes Desiderat beseitigt hat. Kotulla ist ohne jede Frage zuzustimmen, dass dies für eine vertiefte Beschäftigung mit dem deutschen Verfassungsrecht dieser Jahrzehnte nicht ausreicht. Aber wo ist die Grenze zu ziehen? Wo geht die Dokumentation fast unmerklich vom Verfassungsrecht über zum Verwaltungsrecht? Spätestens mit dem Bremen-Band hat Kotulla deutlich gemacht, dass es für ihn hier keine scharf zu ziehende Trennungslinie gibt, dass er an bestimmten Stellen beides in den Blick nimmt. Die Kommunalverfassung, mit der er sich im Nassau-Band ausführlich beschäftigt, ist Verfassungsrecht auf lokaler Ebene, aber sie ist eben auch Verwaltungsrecht. Beim Jagdrecht, auch das hier mehrfach behandelt, bietet das Verfassungsrecht hingegen bestenfalls einen in der Ferne angedeuteten geistigen Hintergrund. In Besoldungsfragen, bei Witwen- und Waisenkassen, beides wiederholt behandelte Themen, Schulwesen, Münzwesen usw., dürfte dieser kaum auszumachen sein. Alle derartigen Themenfelder haben ihre Relevanz. Doch werfen sie zwangsläufig die Frage auf, ob das Gesamtwerk auf diese Weise nicht zunehmend zu einem deutschen Verfassungs- und Verwaltungsrecht wird und es genau diese unscharfe Abgrenzung ist, die zur wachsenden Aufblähung des Gesamtwerkes führt und damit letztlich ihre weitere Durchführbarkeit angesichts einer kaum noch einzugrenzenden Materialfülle gefährdet.
Dazu mag nicht zuletzt beitragen, dass der Verfassungsbegriff, den Kotulla verwendet, doch eher an jenen Huber erinnert, den er doch eigentlich dokumentarisch überwinden will. So benutzt er gerne den tautologischen Begriff der »konstitutionellen Verfassung«, der der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstammt und letztlich nichts anderes zum Ausdruck bringt als den von Anbeginn zum Scheitern verurteilten Versuch, die Sicherung der überkommenen Herrschaftsstruktur durch die Scheinintegration des modernen Verfassungsgedankens zu legitimieren, ohne den Ruf nach Volkssouveränität und der konstituierenden Gewalt des Volkes erst aufkommen zu lassen. Tatsächlich unterschied sich das nassauische Verfassungsedikt von 1814 insofern davon (S. 146–147), als es ihm darum ging, verfassungsrechtlich die Stände einzubeziehen, ohne dafür auf eine Verfassung nach dem Muster des soeben überwundenen napoleonischen Systems zurückgreifen zu müssen, was innen- wie außenpolitisch höchst inopportun gewesen wäre. Dieses Modell hat daher zumindest bis in die 1830er-Jahre vielfache Nachahmung gefunden. Offener, nicht für Kotullas nebulösen »Konstitutionalismus«, sondern für die Prinzipien des modernen Konstitutionalismus haben sich dann ab 1818 andere deutsche Verfassungen gezeigt. Dass dennoch das Verfassungsedikt von 1814 eine tragende Säule des Nassauer Verfassungslebens bis zu den Revolutionsjahren 1848/49 blieb, wird in der Folge immer wieder deutlich, selbst wenn der noch zu Beginn der Revolution verwandte, doch nachfolgend aufgegebene Begriff der »konstitutionellen Liberalen« (S. 391–392) irreführend ist, da er im Gegensatz zu den in Nassau allerdings eher weniger prägenden demokratischen Liberalen letztlich konservative Liberale meint, die für maßvolle Reformen eintraten, gerade um das bestehende System zu konsolidieren. Besonders deutlich zeigt sich diese Problematik des Kotullaschen Verfassungsbegriff bei der Behandlung der »Zusammenstellung« des geltenden nassauischen Staatsrechts von 1849 (S. 483–485), die für ihn eine Verfassung darstellt, obwohl sie genau dies nicht sein wollte und nicht sein sollte. Zwar hatte hier die Regierung Verfassungsbestimmungen zusammengetragen, die teils auf das Verfassungsedikt von 1814, teils auf die Grundrechteerklärung der Paulskirche zurückgingen, doch dieses zugleich nicht mit dem Begriff der Verfassung, sondern dem in den folgenden Jahrzehnten dank Laband große Konjunktur entfaltenden, doch letztlich hohlen Begriff des Staatsrechts verknüpft, das über jeder Verfassung anzusiedeln sei. Damit blieb die »Zusammenstellung« ein Gesetz, das wie jedes andere Gesetz jederzeit durch eine neue Normierung ersetzt werden konnte. Es war, wie dieses auch außerhalb Nassaus mangels Alternativen vereinzelt unternommen worden war, bestenfalls eine Ersatz-Verfassung – da man die eigentliche neue Verfassung nicht schaffen konnte und wollte –, die jedoch naturgemäß keinen Bestand hatte, selbst wenn die Fortschrittsliberalen Mitte der 1860er-Jahre sie wieder zu Leben erwecken wollten.
Auch wenn eine schärfere Begrifflichkeit in Sachen Verfassung dem Gesamtwerk guttun würde, können diese Bemerkungen den unbezweifelbaren Wert dieser Nassauer Dokumentation nicht im mindestem schmälern, und man wird nur hoffen und wünschen mögen, dass Kotulla sein Opus magnum noch möglichst lange wird fortsetzen können.

Horst Dippel, Kassel

Gabriele B. Clemens, Geschichte des Risorgimento. Italiens Weg in die Moderne

Böhlau Verlag | Köln 2021 | 264 Seiten, gebunden | 30,00 € | 978-3-412-52094-6

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Gabriele B. Clemens lehrt als Universitätsprofessorin für Neuere Geschichte an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, leitet die Arbeitsgemeinschaft für die Neueste Geschichte Italiens und ist Mitherausgeberin der Reihe »Italien in der Moderne«. Sie ist durch vielfältige Forschungsaktivitäten und zahlreiche Publikationen zur europäischen wie zur italienischen Geschichte im 19. Jahrhundert einschlägig ausgewiesen. Damit erfüllt sie die besten Voraussetzungen für ihr Vorhaben, das Zeitalter des Risorgimento, des erwachenden Nationalbewusstsein der italienischen Eliten und der Nationalstaatswerdung Italiens zwischen 1770 und 1870, in einer handlichen Gesamtdarstellung zu beschreiben und zu analysieren. Clemens bemängelt das Fehlen eines aktuellen Überblicks zur Geschichte des italienischen Risorgimento in deutscher Sprache, »der sowohl die klassischen Themen der italienischen Politikgeschichte und sozioökonomische Aspekte als auch die Ergebnisse der italienischen Kulturgeschichte der letzten zwanzig Jahre berücksichtigt« (Vorwort, S. 7). Die vorliegende Arbeit, das sei vorausgeschickt, vermag diese Lücke in weithin überzeugender Weise zu schließen.
Clemens beginnt mit einem Abriss der Entwicklungen in den italienischen Territorien gegen Ende des Ancien Régime von etwa 1770 bis in die 1790er-Jahre. Dieser Rückgriff auf die vorrevolutionäre Zeit sei notwendig, so die Verfasserin, weil die rechtlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und religionspolitischen Reformen etwa im Königreich Sardinien-Piemont, in der habsburgischen Lombardei, dem Großherzogtum Toskana oder im Königreich Neapel trotz aller Begrenztheiten und Unzulänglichkeiten auf spätere Entwicklungen vorauswiesen. Der knappe und konventionelle Überblick über Reformer und Reformen wird ergänzt durch Hinweise auf die Ausbreitung und Bedeutung von Akademien und gelehrten Gesellschaften, Freimauerlogen und Buchproduktion im Kontext der Aufklärung – Themen, die mitsamt den Aspekten ihrer gesamtitalienischen wie europäischen Vernetzung im Verlauf der Darstellung immer wieder aufgegriffen werden.
Ein ausführliches Kapitel widmet sich der französischen Herrschaft in Italien zwischen 1797 und 1814. Napoleon habe weitere Reformen angestoßen; die an das Empire angeschlossenen Gebiete Italiens und die von ihm abhängigen Modellstaaten seien »mit einem egalitären Rechtssystem, Gewerbefreiheit, staatsbürgerlicher Gleichheit, religiöser Freiheit, einer modernen, funktionierenden Verwaltung und der Abschaffung der Privilegien« gemäß liberalen Prinzipien »grundlegend modernisiert« worden (S. 33). Sozial und ökonomisch profitieren konnten davon allerdings zuvörderst die Notabeln, reiche Bürger sowie der alte und neue Adel, während Clemens keinen Zweifel daran lässt, dass die Masse der Bevölkerung von der französischen Herrschaft auch in Italien primär Kontributionen, Requirierungen und Zwangsrekrutierungen zu erwarten hatte und das Empire den einfachen Untertanen, mochten sie nun auch »Bürger« genannt werden, keine Integrationsangebote vermittelte: »Die französische Herrschaft blieb den Menschen mehrheitlich fremd«; die forcierte und aufgezwungene Modernisierung stieß vielfach auf dezidierte Ablehnung (S. 53).
Das trägt zur Erklärung der Unterstützung bei, die die Restaurationsregime nicht bloß nach dem ersten Zusammenbruch der Franzosenherrschaft in Italien 1799, sondern in weiten Teilen der ländlichen Bevölkerung auch nach 1815 erhielten. Liberal, demokratisch oder gar national motivierte Revolutions- und Aufstandsversuche, die die Geschichte der italienischen, weitestgehend von Österreich dominierten Territorien bis zur Nationalstaatsgründung
durchzogen, waren durchgehend Unternehmen einer politischen und gesellschaftlichen Elite, denen sich Teile der unterbürgerlichen, bäuerlichen oder ärmeren Bevölkerungsschichten bestenfalls aus Unzufriedenheit oder schierer Verzweiflung zeitweise anschlossen. Für Gabriele B. Clemens bleibt der Risorgimento im Sinne einer nationalen Bewegung wie der Schaffung eines italienischen Nationalstaats ein Elitenprojekt; durchweg betont sie »den elitären Charakter des Risorgimento« (S. 221): Das von dem demokratisch-revolutionären Vordenker und Protagonisten des Risorgimento Giuseppe Mazzini »immer wieder beschworene Volk interessierte sich nämlich herzlich wenig für seine politischen Ideen« (S. 9). »Die Masse der Italiener hatte existenzielle Sorgen und war kaum zu motivieren, Haus und Hof zu verlassen, um für eine abstrakte Idee zu kämpfen« (S. 72). »Die Mehrheit der Bevölkerung auf dem Lande beteiligte sich [...] nicht« an den revolutionären Erhebungen der Jahre 1847 bis 1849 (S. 178). Dem ist schwer zu widersprechen, und Clemens argumentiert hier plausibel gegen Bemühungen von kulturgeschichtlich orientierten Vertretern der italienischen Forschung, eine breite Nationalisierung der Massen schon vor den 1860er-Jahren durch eine vermeintlich weitreichende Wirkung von patriotischen Liedern, Gedichten, Romanen oder Bildern zu postulieren: Dafür fehle jeglicher empirische Nachweis (vgl. insb. S. 70-72 u. 235). Allerdings gilt es zu bedenken, dass das Denken und Fühlen der Masse der italienischen Bevölkerung nicht leicht quellenkritisch zu erfassen ist: Vielleicht würde ein neuer Ansatz lohnen, entsprechende Quellen ausfindig zu machen, vorhandene gegen den Strich zu lesen, um ein allzu schematisches und einfaches Bild vom tumben, desinteressierten und politikfernen italienischen Bauern, Landarbeiter oder einfachen Stadtbewohner wenigstens infrage zu stellen. Immerhin agierten die nationalen Eliten an vielen Stationen der Geschichte des Risorgimento nicht allein, sondern mitunter mit beachtlicher Beteiligung der Bevölkerung – das wird in Clemens‘ Darstellung verschiedentlich deutlich –, und wenn aus der Sicht dieser Eliten »eine Beteiligung der Massen [...] weder im politischen noch im militärischen Bereich erwünscht« war, dann wird genau diese Haltung auch in den von diesen Eliten produzierten Quellen ihren Niederschlag gefunden haben. Den Versuch einer Geschichte des Risorgimento »von unten« wagt Clemens jedenfalls nicht.
Dafür bereichert sie ihre chronologische Darstellung durch zwei facettenreiche Kapitel zu Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur Italiens im 19. Jahrhundert. Sie spürt den industriellen Anfängen in der weitgehend agrarisch bestimmten Ökonomie nach, die allerdings bescheiden blieben, bis ein eigentlicher Take-off erst um 1900 eingesetzt habe. Traditionelle Themen wie die grassierende Armut und die damit verbundenen sozialen Nöte handelt die Verfasserin souverän und mit großer Sachkenntnis ab. Einige Aspekte stellt sie besonders in den Vordergrund: Die Bedeutung von Salons und Gesellschaften, Oper, Kunst und Literatur wird ebenso hervorgehoben wie die gesellschaftliche Persistenz des Adels und die Rolle von Frauen in verschiedenen Bereichen der risorgimentalen Entwicklung. Darüber hinaus betont Clemens den wesentlichen Einfluss des politischen Exils in westlichen Staaten, in das sich zahlreiche Repräsentanten nationaler und revolutionärer Ideen unter dem Druck der vom System Metternich und den verschiedenen Restaurationsregimen ausgehenden Verfolgungsmaßnahmen begaben, auf die künftige politische Entwicklung: In revolutionären Zeiten wie 1848/49 oder 1859/60 wurden viele Exilanten wieder in Italien aktiv und wirkten anschließend am Aufbau des Nationalstaats mit.
In ihrer luziden und auch erzählerisch gelungenen Darstellung führt Clemens ihre Leserschaft durch die verwickelte Geschichte von Revolution und erstem nationalen Krieg 1848/49. Sie verweist darauf, dass die revolutionären Ereignisse ebenso wie ein erneuter Politisierungs- und Reformschub etwa im Kirchenstaat, im Königreich beider Sizilien wie auch in Piemont bereits 1847 einsetzten und Italien damit der europäischen Entwicklung voranging. Die nicht weniger komplizierten Entwicklungen, die vom Königreich Sardinien-Piemont ausgingen und dominiert wurden, mündeten schließlich in den Jahren 1859 bis 1861 in die Gründung des Königreichs Italien einmündeten. Dabei wird deutlich, dass die Situation zunächst durchaus offen war und das Ergebnis die meisten Akteure überraschte: Weder von König Viktor Emanuel II. noch von seinem Ministerpräsidenten Camillo Benso di Cavour, erst recht nicht von Berufsrevolutionären wie Giuseppe Mazzini oder Giuseppe Garibaldi wurde dieses Resultat so angestrebt oder vorausgesehen; die Ereignisgeschichte mit ihrer Betonung von Unwägbarkeiten und Kontingenzen kommt bei Clemens zu ihrem Recht. Am Ende profitiert in Clemens‘ Interpretation der König am meisten. Viktor Emanuel II., König von Sardinien, seit 1861 von Italien, wird von der Verfasserin auf der Basis neuester Literatur als konservativ, antiliberal und allein auf die Interessen einer territorialen Ausdehnung der Herrschaft seiner Dynastie abzielender Monarch charakterisiert, der die Liberalen für seine Ziele zu vereinnahmen verstanden und die Souveränität des Parlaments nie akzeptiert habe. In dezidierter Abkehr von traditionellen Darstellungen geht Clemens so weit, in Piemont ein bloß »pseudoparlamentarisches System« etabliert zu sehen, das dann im Grunde auf den italienischen Nationalstaat übertragen worden sei (S. 182 u. 217). Diese Interpretation dürfte zu weit gehen, zumal keine wirklich überzeugenden Belege beigebracht werden, die auf eine mangelnde Verantwortung des Parlaments und der von ihm gestützten Regierungen für den politischen Kurs des Königreichs und die entsprechenden Entscheidungen hindeuten würden.
Überlegungen zur politischen Struktur und den Führungseliten des neuen Nationalstaats – leider nicht zu seinen außenpolitischen Optionen – sowie ein instruktiver Exkurs zum brigantaggio, dem jahrelang anhaltenden Bandenkrieg bourbonisch-legitimistischer Kräfte und traditioneller deklassierter Bevölkerungsgruppen im Gebiet des ehemaligen Königreichs Neapel gegen die zentralisierenden, fremden Herrscher aus dem Norden, die den neuen Staat repräsentierten und sich mit brutaler Gewalt durchsetzten, sowie zum von Beginn an vergeblichen Kampf dieses neuen Staates gegen das organisierte Verbrechen beschließen den niveauvoll und eigenständig argumentierenden, anregenden und durchweg gelungenen Band. Gabriele B. Clemens synthetisiert in ihm eine breite Forschung und eröffnet zahllose Perspektiven für weitere Forschungen.[1]

Rainer Behring, Köln

[1] Einige Anakoluthe und sachliche Fehler trüben den sehr positiven Gesamteindruck nur unwesentlich: Cesare Beccaria schrieb »Dei delitti e delle pene«, nicht »penne« (S.13); »Joseph II. von Österreich« [?] konnte 1792 in seinen Erblanden nicht 700 Klöster säkularisieren, da er 1790 starb (S. 39); nicht »Edward Burke« verfasste »Reflections on the French Revolution«, sondern Edmund Burke die »Reflections on the Revolution in France« (S. 69); Architektur orientierte sich im späteren 19. Jahrhundert an der Neoromanik, nicht der »Neoromantik« (S. 142); es berührt merkwürdig, wenn Ferdinand Gregorovius‘ klassischer Text »Der Ghetto und die Juden in Rom« ausgerechnet nach der Ausgabe »Berlin 1935« zitiert wird (Anm. 19 auf S. 158); die farbigen Karten sind nicht völlig korrekt: »Italien 1789« auf S. 21 erscheint ohne das Herzogtum Modena, dessen Territorium ebenso wie Lucca fälschlich der Republik Genua zugeschlagen wird, und »Österreich-Ungarn« existierte weder 1789 noch 1810, 1815 oder 1861. Das Literaturverzeichnis ist gemäß den Kapiteln des Buches gegliedert und enthält deshalb leider nicht die Gesamtdarstellungen und Überblickswerke, auf die sich die Verfasserin stützt.

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn

Mario Keßler, Sozialisten gegen Antisemitismus. Zur Judenfeindschaft und ihrer Bekämpfung (1844–1939)

VSA Verlag | Hamburg 2022 | 368 Seiten, broschiert | 26,80 € | 978-3-96488-144-1

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»Zur Befreiung der Menschen von Unterdrückung, Ausbeutung und Völkerhass hatte sich die sozialistische Bewegung im 19. Jahrhundert gebildet. Dennoch war das Verhältnis sozialistischer Persönlichkeiten und Bewegungen zum Antisemitismus niemals einfach, judenfeindliche Vorurteile gab und gibt es auch in der Linken«, heißt es im Klappentext dieses im Dezember 2022 erschienenen jüngsten Buches von Mario Keßler. Keßler ist Senior Fellow am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, an dem er von 1996 bis 2021 arbeitete. Er war außerplanmäßiger Professor an der Universität Potsdam, Gastprofessor an der Yeshiva University in New York und unterrichtete an weiteren Universitäten in der DDR, der Bundesrepublik, den USA und Israel. Sein Oeuvre umfasst 29 Bücher in deutscher und englischer Sprache und zahlreiche Herausgeberschaften. Seine Arbeitsgebiete sind unter anderem moderner Antisemitismus, internationale Arbeiterbewegung und Kommunismusforschung.
Dieser Band erscheint im Anschluss an eine kleine Edition über Leo Trotzki und dessen Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus im Allgemeinen und in der KPdSU im Besonderen sowie mit entsprechenden Dokumenten Trotzkis, die Keßler ebenfalls 2022 herausgab.[1] Strukturiert wird Keßlers Darstellung der Rezeption von Antisemitismus in der Arbeiterbewegung durch dreizehn Kapitel, deren zeitliche Reichweite sich von der Zeit kurz vor den Revolutionen in Europa 1848/49 bis hin zum Zweiten Weltkrieg erstreckt. Keßlers Blickrichtung erstreckt sich längst nicht allein über die deutschen Sozialisten, sondern bezieht die französische und britische Arbeiterbewegung, die II. Internationale, Russland und die Sowjetunion, natürlich die Komintern sowie die europäische Sozialdemokratie zwischen den beiden Weltkriegen ein. Der Darstellungsteil des Buches reicht bis Seite 296, der Dokumententeil von Seite 297 bis Seite 338, der Anhang nimmt den Rest des Bandes ein.
Zu Beginn führt der Autor kursorisch in die Historie des Problemkomplexes »Judenfeindschaft, Judenemanzipation und Sozialismus« ein. Wiewohl es bereits in der Antike vor unserer Zeitrechnung einzelne Judenverfolgungen gab beziehungsweise das Strafgericht des Imperium Romanum an den aufständischen Juden im 1. und. 2. nachchristlichen Jahrhundert die Vertreibung aus dem angestammten Siedlungsgebiet nach sich zog, kann von systematischem Antisemitismus erst mit dem Aufstieg des Christentums gesprochen werden. Ressentiments und Stigmatisierungen nahmen im Mittelalter zu, auch der Islam stand nicht beiseite. Das Zeitalter der Aufklärung mit den bürgerlichen Emanzipationsbewegungen trug auch zur Judenemanzipation in Europa bei, diese aber währte nur kurz. Auch die Arbeiterbewegung zeigte oft ein zwiespältiges Verhältnis zum Judentum, womit Keßler bei seiner eigentlichen Auseinandersetzung angelangt ist.
Die Entstehung einer deutschen Nationalbewegung war in Teilen auch mit Antisemitismus gekoppelt. In der bürgerlich-demokratischen Bewegung um 1848 hingegen fanden sich zahlreiche Aktivisten mit jüdischem Hintergrund, die aber vor allem gegen die absolute Monarchie und für den Verfassungsstaat eintraten. Doch blieb das Verhältnis zwischen Emanzipation des Bürgertums beziehungsweise der Arbeiterklasse und der Emanzipation der Juden in Deutschland fragil, auch in der Arbeiterbewegung fanden sich immer antisemitische Aussagen. Doch die große historische Linie wies in die Richtung der Solidarität. Spannend sind daher Keßlers Analyse und Kontextualisierung von Marx` Schrift »Zur Judenfrage«.[2] Angelehnt an diese Frühschrift warfen viele nachfolgende Historiker dem jungen Marx Antisemitismus vor. Keßler schaut hier sehr genau hin und stellt heraus, dass es zwar erstens »gehässige Bemerkungen gegen politische Widersacher jüdischer Herkunft, am deutlichsten gegen Lassalle« gab, ihm aber »›Jude‹ und ›Judentum‹ (...) als ›soziale Symbole‹ der auf Privateigentum und Konkurrenz beruhenden Gesellschaft« dienten. Diese Symbole, da irrte Marx offensichtlich, »waren kaum geeignet, den Blick für die kapitalistische Realität zu schärfen« (S. 32f.). Letztlich aber habe für Marx gegolten, dass die Lösung der sozialen Frage ohne die gleichberechtigte Integration der Juden nicht vorstellbar gewesen sei. Auch Friedrich Engels geizte nicht mit derben Bemerkungen über jüdische Zeitgenossen, war jedoch ein entschiedener Befürworter des politischen Kampfes gegen Antisemitismus und trug zum Beispiel durch seinen »Anti-Dühring« mit großer Wirkung in der deutschen Arbeiterbewegung zu ihm bei. Ein in seiner Bedeutung ganz sicher unterschätzter Repräsentant der politischen Emanzipation von Juden und letztlich auch des sozialistischen Zionismus war Moses Hess, der zeitweilig sehr eng mit Marx und Engels kooperierte. Er verband den demokratischen Emanzipationskampf und den Sozialismus mit der nationalen Eigenständigkeit der Juden und forderte demgemäß in Palästina freien nationalen Boden, um die Klassen- und Rassenherrschaft abzuschütteln (S. 65).
Die folgenden Kapitel verlassen das Terrain der Programmatik und betreten jenes der sozialistischen Bewegungen in Europa. Hier rekonstruiert Keßler den manchmal widerspruchsvollen Weg sozialistischer Kräfte zu klaren Positionen gegen Antisemitismus auf demokratisch-sozialistischer Basis. Die deutschsprachige Sozialdemokratie habe stets den Antisemitismus als moralisch verwerflich postuliert, ihn aber als potenzielle Kraft oder als Gärungsmittel häufig unterschätzt, gleich ob in Berlin oder Wien. August Bebel im Kaiserreich und später Otto Bauer in Österreich haben der Nachwelt zu diesem Komplex Anregendes hinterlassen. Dennoch benennt Keßler hier ein übergreifendes Manko: Auch im deutschsprachigen Raum fanden sich in der Arbeiterbewegung antijüdische Vorurteile, die trotz der Verpöntheit des Antisemitismus nicht verschwanden. Für die französischen Sozialisten bedeutete der Dreyfus-Prozess eine inhaltliche Zäsur. Durch diesen Justizskandal von 1894-1899 schärfte die (gespaltene) Arbeiterbewegung ihren Blick. Zunächst zurückhaltend reagierend angesichts der im Prozess zum Ausdruck kommenden reaktionären Gefahr für die französische Republik insgesamt, ergriff sie vor allem nach den Interventionen von Emile Zola als Literat und von Jean Jaurès als Sozialist entschieden Partei; 1899 wurde der Antisemitismus auf einem Kongress aller französischen sozialistischen Organisationen einheitlich scharf verurteilt.
Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit den Entwicklungen im 20. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg. Sowohl die westeuropäische Sozialdemokratie als auch die Situation in der Sowjetunion werden dabei analysiert. Den Band beschließen 17 Dokumente, die von einem Artikel von Moses Hess aus dem Jahr 1862 bis zu Leo Trotzkis Beitrag »Die Gefahr der Ausrottung des jüdischen Volkes« aus dem Jahr 1938 reichen. Für die Entwicklungen in Russland und in der UdSSR sei auf das eingangs erwähnte Buch von Keßler über Leo Trotzki verwiesen.
Der hier vorgestellte Band ist eine ungemein wichtige Handreichung über eine noch in Gänze aufzuarbeitende Entwicklungslinie der europäischen Arbeiterbewegung. Bei allen Widersprüchlichkeiten, die Keßler anführt und mit den Dokumenten hinterlegt, zieht er folgendes Fazit: Die Arbeiterbewegung hat den Kampf um die eigene Emanzipation verbunden mit dem Kampf gegen Antisemitismus und für die Befreiung aller Menschen. Das bleibt ihr historisches Verdienst. Nicht ohne Grund musste Hitler erst die Arbeiterbewegung zerschlagen, um Rassenwahn und Holocaust den Weg zu bahnen.

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn

[1] Mario Keßler (Hrsg.), Leo Trotzki oder: Sozialismus gegen Antisemitismus, Berlin 2022.

[2] Karl Marx, Zur Judenfrage [1844], in: ders./Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, Berlin 1956, S. 347–377.

 

James D. White, Red Hamlet. The Life and Ideas of Alexander Bogdanov

Brill | Leiden 2018 | xiv + 494 Seiten, gebunden | 199,02 € | 978-90-04-26890-6

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Aleksandr Bogdanov (1873–1928) gehört zu den interessantesten Persönlichkeiten der russischen Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung. Bereits während des Studiums politisch aktiv und in Konflikt mit der zaristischen Obrigkeit geraten, nahm er ab den 1890er-Jahren an zentralen politisch-philosophischen Debatten der russischen Sozialdemokratie teil. Sein Versuch einer Verbindung von Denken im Anschluss an Karl Marx mit den materialistischen Ansätzen unter anderem von Ernst Mach trug ihm die entschiedene Gegnerschaft von Lenin ein, der darauf durch die Veröffentlichung des Bandes »Materialismus und Empiriokritizismus« antwortete. Neben naturwissenschaftlich-philosophischen Arbeiten engagierte sich Bogdanov zudem in der proletarischen Kulturpolitik und veröffentlichte utopische Romane. Innerhalb der russischen Politik nach dem Oktoberumsturz 1917 blieb er zwar als Denker einflussreich, aber von dem neuen Regime politisch isoliert.
Umfassende biografische Darstellungen zu Bogdanov existierten bislang kaum. Vor diesem Hintergrund stößt die nun in englischer Sprache erschienene Biografie von James D. White in eine erhebliche Forschungslücke. Der Autor arbeitet als Historiker am Department of Central und East European Studies der Universität Glasgow und hat umfangreich zur Geschichte des Marxismus in Russland veröffentlicht. In seinem Vorwort hält White fest, es gehe ihm vor allem um eine intellektuelle Biografie Bogdanovs, die allerdings nicht isoliert von dessen Leben und politischen Aktivitäten entfaltet werden könne. Bogdanov selbst habe in seinem Schreiben mehrfach auf Shakespeares Hamlet Bezug genommen. Anders als landläufige Interpretationen Hamlets als Zauderer habe Bogdanov Hamlet als jemanden verstanden, der zwar als Nachfahre der Wikinger kriegerisch erzogen wurde, aber auch eine Neigung zu Kultur und Künsten gehabt habe. Bogdanov habe sich selbst als jemand im Geiste sowohl der Revolution wie auch der Philosophie gesehen. Im Anschluss an die Arbeit von Dietrich Grille passe »Red Hamlet« daher mit Blick auf Bogdanovs eigenen Anspruch einer Verbindung von Philosophie und politischem Handeln sehr gut.
Der Gang der weiteren Darstellung folgt den Lebensstationen Bogdanovs. Sie ist dabei insbesondere in den frühen Kapiteln ohne umfassende Kenntnisse des zeitgenössischen politischen Politik- und Personenpanoramas teils nur schwer zu erfassen, da viele Personen erwähnt werden, deren Vita und Bedeutung kaum näher erläutert werden. Dies betrifft auch teils
die politisch-philosophischen Bezüge zu Bogdanovs Texten. In den späteren Kapiteln gelingt die Darstellung dann teils deutlich besser und klarer.
Der inhaltliche Einstieg beginnt mit Bogdanovs Studienzeit zunächst in Moskau und dann in der Verbannung in Tula. Bereits von Anfang an gehörten Wechselwirkungen zwischen Bogdanovs naturwissenschaftlichem Studium und Bezügen zu marxschem Denken dazu. Zu engen persönlichen Gesprächspartnern gehörte der später auch in der Sowjetunion als Wissenschaftspolitiker bedeutende Anatolij Lunačarskij, der eine Zeitlang auch mit Bogdanovs Schwester verheiratet war. Intellektuell wichtig blieb über den gesamten Lebensweg hinweg zudem der Bezug auf materialistische Denker wie Ernst Mach und Richard Avenarius. Wie immer recht schwer nachzuvollziehen sind die im Band angesprochenen vielfältigen inhaltlichen Auseinandersetzungen, persönlichen Debatten und politisch-strategischen Seitenwechsel innerhalb der russischen Partei.
Neben seiner wissenschaftlich-analytischen Stellung erreichte Bogdanov zudem auch politisch einigen Einfluss, indem er zu den Verwaltern der unter anderem aus Raubüberfällen stammenden Parteikasse gehörte. Diese Tätigkeit führte zugleich zu Kontroversen über die Ausrichtung der Partei und die damit zusammenhängenden Ausgaben. Im Mittelpunkt von Bogdanovs philosophisch-theoretischen Arbeiten stand das Zusammenbringen der Entwicklungsprozesse von Natur und Gesellschafft. Im Jahr 1909 gründete er die Zeitschrift Vperëd (Vorwärts). Bogdanovs theoretische Arbeiten und die von ihm vertretenen politisch-strategischen Ansichten brachten ihn in zunehmenden Konflikt zu Lenin, was letztlich 1913 zu seinem Ausschluss aus der Partei führte. Im Bereich der Theorie zentral war dabei Lenins Einordnung von Bogdanovs materialistischer Philosophie als idealistische Abkehr vom marxschen Materialismus. Als Beispiel für Bogdanovs politisch-inhaltlichen Ehrgeiz schildert White sehr eindrücklich die von ihm mitbetriebene Parteischule auf Capri, in der Bogdanov versuchte, auf Basis seines Denkens neue Kader zu schulen, wodurch er sich in klare Opposition zu der Mehrheit in der Parteiführung brachte. In den folgenden Jahren bis zu seinem Tod blieb Bogdanov daher zwar intellektuell einflussreich, aus den tatsächlichen politischen Entscheidungskreisen aber ausgeschlossen.
Mit »Die Philosophie der lebendigen Erfahrung« legte er eine Zusammenfassung seines philosophischen Denkens vor. Ziel von Philosophie sei es, die jeweiligen Erfahrungen der Menschen wieder zusammenzubringen, die durch die Spezialisierung auf einzelne Arbeits- und Wissensbereiche auseinandergetrieben seien. Durch die Entwicklung der Maschinen sei dies nun möglich. Da der Arbeiter zunehmend nur noch die Maschinen überwachen werde, werde die Unterscheidung zwischen dem Arbeiter und dem Ingenieur verschwinden. Die Teilung der Arbeit sei nicht mehr die Teilung der Person, sondern eine rein technische Angelegenheit. Die Spezialisierung in die verschiedenen Wissensgebiete wieder zusammenzubringen, sei ein zentraler Aspekt neuer proletarischer Kultur. Nach der Oktoberrevolution entwickelte Bogdanov mit der ›Tektologie‹ eine umfassende systemische Erklärung der Welt. Zentral dafür sei das
Verständnis einer Einheit von physiologischen und psychologischen Faktoren sowie die Betrachtung von Wechselwirkungen aus Aktivität und Widerstand als Treiber von Entwicklung. Mit Kurzfassungen in Zeitschriften habe Bogdanov versucht, auch die Arbeiter für den Theorieansatz zu interessieren. Seine Hoffnung sei gewesen, die Tektologie zur Grundlage proletarischer Wissenschaft und damit prägend für die neue Gesellschaft zu machen. Dies sei allerdings nicht gelungen: Um richtig in das Konzept eintauchen zu können, hätte man zumindest ein gewisses Maß an Wissen in den Gebieten der Physik, Chemie und Biologie sowie gleichfalls der Ökonomie, Astronomie und der Sprachwissenschaften haben müssen. Leser und Leserinnen hätten damit letztlich über das Wissen verfügen müssen, das sie sich mithilfe der Tektologie eigentlich erst hätten aneignen sollen.
Den Machtübergang zu den Bolschewiki habe Bogdanov zwar loyal begleitet, inhaltlich aber sehr skeptisch gesehen. Die politische Bewegung sei in Bogdanovs Sicht nicht mehr von den Arbeitern ausgegangen, sondern habe vor allem auf Soldaten beruht. Im Ergebnis habe es sich damit um eine Soldaten- und eben keine Arbeiterrevolution gehandelt. Das entstandene politische System trage eher staatskapitalistische beziehungsweise kriegskommunistische Züge. Auch wenn der unmittelbare politische Einfluss Bogdanovs gering blieb, behielt er als zentrale Figur der Proletkult-Bewegung – die auf eine eigenständige Kultur- und Bildungsbewegung der Arbeiterschaft abzielte und damit faktisch auch in Konflikt zu dem hierarchischen Politik- und Kulturverständnis der Bolschewiki geriet – eine gewisse öffentliche Relevanz. Obwohl nicht Mitglied der Partei und ohne Staatsamt, sei Bogdanovs Einfluss daher während der Jahre 1918 bis 1920 auf einem Höhepunkt gewesen. Mit der von ihm maßgeblich mitgeprägten Proletkult-Organisation habe er über eine eigene, große und unabhängige Bildungsorganisation verfügt, zudem seien seine Werke Standardtexte zum Studium marxistischer Theorie gewesen. Zuletzt war Bogdanov als Leiter des Instituts für Bluttransfusion tätig, einer Technik, in der Bogdanov eine neue Möglichkeit zur Gesundheitserhaltung und Gesundheitsförderung des Menschen sah. Er nahm dabei selbst auch an entsprechenden Experimenten teil – und verstarb im Jahr 1928 an den Folgen einer solchen Transfusion.
White hält fest, Bogdanov habe – wie Marx auch – Sozialismus nicht als bestimmtes ökonomisches System, sondern als bestimmtes Verhältnis zwischen den Menschen, als menschliche Gemeinschaft gesehen. Daher sei es ihm auch nicht um ein einmal zu etablierendes System, sondern um einen sich fortlaufend weiterentwickelnden Prozess gegangen. Zentral sei für Bogdanov immer die Überwindung der Spezialisierung gewesen. Der Unterschied zu Lenin sei gewesen, dass dieser vor allem Revolutionsführer mit Macht habe sein wollen. Letztlich sei es den Bolschewiki gelungen, Bogdanov gezielt aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen.
Insgesamt ist White eine lesenswerte Biografie gelungen. Herausfordernd ist mitunter die stillschweigende Voraussetzung der Kenntnis des zeitgenössischen politischen und theoretischen Kontextes. Dies ist aber in großen Teilen auch der Tatsache geschuldet, dass Bogdanov eine sehr
umfassende und intellektuell enorm anspruchsvolle inhaltliche Arbeit betrieb. Diese ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass Bogdanovs intellektueller Lebensweg als Aktivist im repressiven Zarenreich begann, sich dann in der keinesfalls einfachen Situation der Emigration fortsetzte und dann im komplexen Machtgefüge des neuen bolschewistischen Regimes endete – und Studieren und Schreiben damit die meiste Zeit in den sehr eingeschränkten und einschränkenden Lebensumständen des Exils oder der Illegalität im eigenen Land stattfanden.

Thilo Scholle, Lünen

Sonia Combe, Loyal um jeden Preis. »Linientreue Dissidenten« im Sozialismus

Ch. Links Verlag | Berlin 2022 | 272 Seiten, Gebunden | 25,00 € | ISBN 978-3-96289-141-1

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Sonia Combe spürt in ihrer bereits 2019 in Frankreich erschienenen Studie denjenigen DDR-Intellektuellen nach, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs freiwillig aus dem Exil nach Ostdeutschland zurückkehrten, um sich am Aufbau eines antifaschistischen Staates zu beteiligen, dabei jedoch nie zu SED-Apparatschiks mutierten. Was waren Wurzeln und Triebfedern der Loyalität dieser »linientreuen Dissidenten« – der Begriff ist abgeleitet vom Titel der Autobiografie Jürgen Kuczynskis – die zwar das Ziel des politischen Systems teilten, »dessen Stil und Methoden sie jedoch nicht unterstützen konnten« (S. 19). Was waren die zugrundeliegenden Mechanismen und welchen Preis zahlten diese Menschen, denen man aufgrund der Nichtübereinstimmung von Überzeugung und Verhalten nach Leon Festinger eine »kognitive Dissonanz« (S. 23) unterstellen könnte.
Im ersten Teil geht Combe auf die Gründe der Kulturschaffenden ein, ins Land der Täterinnen und Täter zurückzukehren. Während man die Exilantinnen und Exilanten im Westen nicht wirklich willkommen hieß, buhlte der Osten regelrecht um sie. Die Autorin hebt hier besonders die Rolle der sowjetischen Kulturoffiziere, oftmals eigentlich »Professoren in Uniformen« (S. 62) hervor, die bereits kurz nach Kriegsende ein Programm ausarbeiteten, dass die kulturellen Eliten anziehen sollte. Ihnen wurden Intendantenposten, Lehrstühle an Universitäten, Verlagsleitungen, das Mitwirken in Verbänden, Engagements an Theatern und zahlreiche weitere Entfaltungsmöglichkeiten angeboten. Die im Osten proklamierte demokratisch-antifaschistische Umwälzung wirkte sicherlich nicht nur auf die zahlreichen überzeugten Marxistinnen und Marxisten attraktiv. Als ebenfalls nicht zu unterschätzenden Punkt geht die Autorin auch auf das Bedürfnis vieler Künstlerinnen und Künstler insbesondere der schreibenden Zunft ein, sich bei der Arbeit ihrer Muttersprache zu bedienen. » [D]ie Sprache war mitunter wichtiger als politische Überzeugungen« (S. 76).
Anschließend widmet sich die Autorin dem den Parteikommunistinnen und Parteikommunisten zur »zweiten Natur« gewordenen »gewaltigen Kontrollmechanismus« des Schweigens. Gleichwohl sei es meist kein »Akt des Gehorsams« gewesen, »da man das Schweigen mit der Rettung kommunistischer Ideale rechtfertigte« (S. 91). Also eher eine »Ethik des Schweigens« (S. 89). Die aus den sowjetischen GULags Entlassenen schwiegen über das Erlittene genauso, wie allgemein nicht über die antisemitische Welle des Spätstalinismus gesprochen wurde. Erst die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 markiert die Überschreitung einer zuvor selbstauferlegten Grenze: Mit der Weitergabe der Petition an die Agence France Press (AFP) verließ eine von Künstlerinnen und Künstlern artikulierte Kritik an den Machthaberinnen und Machthabern zum ersten Mal den geschlossenen Raum der Partei. Im Prinzip blieb es jedoch bei dieser Ausnahme. Die Kulturschaffenden orientierten sich (ansonsten) stets am Leitspruch des Kulturfunktionärs Hermann Kant: »Streitet euch, aber tut es hier« (S. 140) – Missstände sprachen sie nur innerhalb der SED an.
Die dem Nationalsozialismus entronnenen Künstlerinnen und Künstler wie Anna Seghers oder Ernst Busch dienten der Übergangsgeneration um Christa Wolf und Heiner Müller als Vorbilder, die ihnen, die im Dritten Reich sozialisiert worden waren, nach der Bewusstwerdung der Katastrophe 1945 neuen Halt gaben. Dieser Einfluss dient für Combe auch als Beleg dafür, dass der DDR-Antifaschismus, bevor er nur noch eine »säkulare Religion« und einen »Mythos« darstellte, »ein Kampf« war. Sie führt aber auch das Paradox an, dass diese Generation »die
Ideologie der Gründerväter mit Begeisterung« (S. 148) aufnahm, ausgerechnet zu einer Zeit, in der bei der Bekämpfung von (vermeintlichen) Regimegegnerinnen und Regimegegnern kaum ein Mittel zu brutal war.
Der Werdegang Jürgen Kuczynskis mit Sanktionen, Rückzug in die eigentliche Arbeit – »Schweigen verstand er als einen Akt des Widerstands« (S. 189) – und schließlich seiner lauter werdenden Kritik während Glasnost und Perestroika dient Combe im folgenden Abschnitt als »ein exemplarischer Weg« (S. 177) des von ihr betrachteten Sujets.
Im letzten Kapitel erklärt Combe die DDR zum letzten Ort der deutsch-jüdischen Symbiose. Die Anziehungskraft des Kommunismus auf »nichtjüdische Juden« (S. 209) entstamme dabei der Ähnlichkeit des jüdischen Messianismus mit seiner »ausgeprägten Sensibilität für Ungerechtigkeit« (S. 207) zum revolutionären Marxismus, wobei nach der Shoa die Assimilation in einer egalitären kommunistischen Partei die beste Aussicht auf Gleichberechtigung geboten habe, mitunter als »Eintrittskarte für die moderne Gesellschaft« (S. 207) galt.
Im Fazit attestiert die Autorin ihren Protagonistinnen und Protagonisten schließlich eine »Theaterperformance [,] eine Haltung, die es ermöglicht, in Situationen, in denen andere eine Vormachtstellung haben, das Gesicht zu wahren und sich durchzulavieren« (S. 217). Auch deshalb spricht sie sie in gewisser Weise frei von Festingers Verdikt der »kognitiven Dissonanz« (S. 216). Sie mussten Kompromisse eingehen. »Aber kompromittierten sie sich dabei?« (S. 219).
Sonia Combes Untersuchung, deren Grundlage unter anderem von ihr in den 1980er-Jahren in der DDR durchgeführte Interviews mit Künstlerinnen und Künstlern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bilden, erlaubt detaillierte sowie erkenntnisreiche Einblicke in die Welt der DDR-Intellektuellen. Ihr Ziel, die Bedeutung dieser angeblich von einer antikommunistisch dominierten Geschichtsschreibung ignorierten »kritischen Marxisten« aufzuwerten, gelingt ihr anhand des Zusammengetragenen indes nicht. Combe betont mehrmals, dass »die Partei keinen monolithischen Block bildete« (S. 142) und in ihr immer auch »pluralistisches Denken« (S. 27) gerade durch die im Parteirahmen von den kritischen Intellektuellen offen geäußerten Meinungen existierte. Diese »loyale Subversion« (S. 25) hatte aber, wie sie selbst an zahlreichen Stellen anhand von Zeitzeugnissen offenbart, nicht einmal das Potenzial, Parteistrafen der SED-Mitglieder zu verhindern. Gerade die von Combe beschriebenen »subpolitischen Gesten« (S. 140) waren doch Ausdruck der Machtlosigkeit. Wie sollte denn dieser in einer Blase simulierte Pluralismus politische Relevanz erringen, um auf die ganze DDR-Gesellschaft auszustrahlen? An der sich in den 1980er-Jahren entfaltenden Bürgerrechtsbewegung hatte dieses »intellektuelle Pfand der DDR« (S. 25) jedenfalls kaum einen Anteil.
Auf handwerklicher Ebene hätte sich der Rezensent an manchen Stellen mehr kritische Distanz der Autorin zu den Aussagen ihrer Protagonistinnen und Protagonisten gewünscht. Es handelt sich um über dreißig Jahre alte subjektive Äußerungen von teils überzeugten Anhängerinnen und Anhängern des Marxismus-Leninismus, die anhand des aktuellen Forschungsstandes eingeordnet gehören. Zudem ist fraglich, wie frei die Personen tatsächlich sprachen, auch wenn Combe diese Bedenken gleich zu Beginn ihres Vorwortes mit Verweis auf eine Aussage Christoph Heins zu den 1980er-Jahren regelrecht abschmettert: »Damals war es schon lange her, dass man für seine Meinung ins Gefängnis gekommen war« (S.11). Eine Darstellung, die so pauschal formuliert sachlich falsch ist.
Die mehrfach genutzte Begrifflichkeit »Kristallnacht« für die reichsweiten Pogrome im November 1938 wirkt heute mehr als anachronistisch, gerade in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung.
Wirklich ärgerlich ist jedoch, dass Combe bei ihren historischen Einordnungen mithilfe von Auslassungen, inhaltlichen Verkürzungen sowie rhetorisch gestellten Fragen ein schiefes Bild bestimmter Sachverhalte vermittelt. Am deutlichsten zum Tragen kommt dies bei der Beschreibung der Entnazifizierung in der DDR, die sehr eindimensional und an DDR-Propaganda erinnernd erfolgt. Sie begründet die Behauptung einer »schnelle[n] und konsequente[n]
Entnazifizierung im Osten« (S. 52) zum Beispiel mit den 1950 abgehaltenen Waldheimer Prozessen (S. 53f.). Tatsächlich stehen diese – nicht nach rechtsstaatlichen Standards durchgeführt; Verurteilung zahlreicher Regimegegnerinnen und Regimegegner – als Symbol für die willkürliche politische Justiz in der DDR. Unerwähnt lässt sie in diesem Zusammenhang hingegen die Gründung der NDPD als Auffangbecken für ehemalige NSDAP-Mitglieder auf Initiative Walter Ulbrichts im Jahr 1948, um innerhalb der Blockparteien die führende Rolle der SED zu sichern. Ein Akt, der unter überzeugten Antifaschistinnen und Antifaschisten große Empörung auslöste, auch in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), deren Auflösung man 1953 ebenfalls aus machtpolitischem Kalkül beschloss. In Ostdeutschland nahm die Funktionsfähigkeit der Besatzungszone beziehungsweise des Staates also ebenfalls einen sehr hohen Stellenwert ein. Ein Vorwurf, den Combe ausschließlich Westdeutschland macht (S. 55). Während zu begrüßende Entwicklungen in der Bundesrepublik, wie die Frankfurter Ausschwitzprozesse ab 1963, allein auf Druck der DDR zustande gekommen wären (S. 57), also eigentlich auch ihr Verdienst seien, dient die Notwendigkeit, die Entnazifizierung schnell vonstattengehen zu lassen, Combe wiederum als Entschuldigung für in der DDR politisch und gesellschaftlich aktive ehemalige Nazis (S. 58). Hier misst die Autorin mit zweierlei Maß.
Gänzlich unverständlich ist schließlich ihr Vorwurf an die deutsche Forschungslandschaft, durch die Gewährung von Fördergeldern den Ton des aus ihrer Sicht einseitigen DDR-Geschichtsbildes – einer »Geschichtsschreibung durch die Sieger« (S. 26) – zu dominieren, in dem »diese auch von Historikern auf eine Diktatur reduziert worden ist« (S. 26). Nicht nur von ihr selbst angesprochene Beispiele (S. 169f.), sondern das Portfolio des Ch.Links-Verlags, der auch ihre Studie veröffentlicht, zeugen hingegen von einer umfangreichen Beschäftigung mit vielfältigen Themen der DDR-Geschichte und führen Combes Einschätzung so ad absurdum. Fakt ist aber auch: Die DDR war ihrem Wesen nach eine Diktatur. Gleichzeitig, so Combe, sei zu fragen, »inwiefern diese uniforme Erzählung dem Aufstieg des Rechtsradikalismus Vorschub geleistet hat« (S. 26), womit sie der Forschung implizit auch eine Mitschuld am Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern unterstellt.
Es ist bedauerlich, dass eine interessante und auch wichtige Studie zur Erhellung der Motivlage von vermeintlich offen und kritisch denkenden Geistern und ihrer Unterordnung unter ein repressives Regime durch einen geschichtspolitischen Diskurs dieser Art entwertet wird.

Andreas Neumann, Berlin

Hartfrid Krause, Arthur Crispien. Vom Spartakusanhänger zum sozialdemokratischen Reformsozialisten

Westfälisches Dampfboot | Münster 2022 | 268 Seiten, broschiert | 28,00 € | 978-3-89691-079-0

Zusammen besprochen mit:

Hartfrid Krause, Mein Vaterland ist die Menschheit, die Länder der Erde. Die Broschüren von Arthur Crispien (1914–1933),

Grin | München 2022 | 363 Seiten, kartoniert | 22,95 € | 978-3-34668-048-8

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Hartfrid Krause kann mit Fug und Recht als der Experte der Geschichte der USPD gelten. Die 1975 veröffentlichte, aus seiner Dissertation hervorgegangene Studie »USPD. Zur Geschichte der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands« ist nach wie vor grundlegend für jede wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser relativ kurzlebigen Partei des deutschen Linkssozialismus, die auf dem Höhepunkt ihrer politischen Wirkung 1920 beinahe so stark war wie die SPD, aus der sie 1916/17 hervorgegangen war, als die Kritiker an der Burgfriedenspolitik im Ersten Weltkrieg aus der Reichstagsfraktion ausgeschlossen wurden. 2021 wurde das Werk als erweiterte und aktualisierte 2. Auflage erneut verlegt.[1] Doch ruhte sich Krause, der zwischenzeitlich als Lehrer und Schulleiter in Hessen wirkte, keinesfalls auf seinen alten Lorbeeren aus, sondern publizierte in den vergangenen Jahren weitere Broschüren und Bücher zur USPD oder zu ihren Hauptrepräsentanten, die auch als E-Books verfügbar sind.
Zu den wichtigsten Köpfen der USPD gehört neben Hugo Haase, Georg Ledebour und Wilhelm Dittmann zweifellos Arthur Crispien (1875–1946), über den bislang noch keine biographische Darstellung existierte. Crispien war von 1919 bis 1922 Co-Vorsitzender der USPD und von 1922 bis 1933 Co-Vorsitzender der SPD, stand also in den Jahren der Weimarer Republik stets an der Spitze einer sozialdemokratischen Partei. Dennoch gehört auch er zu jenen Sozialdemokraten, deren Namen heute kaum mehr präsent sind. Das allein ist sicher Grund genug für eine Biographie. Krause stellt seinen Zugang zu Crispien unter die Leitfrage, ob dieser eher ein »Vorsitzender der zweiten Reihe« oder ein Parteiführer war, dem der internationale Betätigungsrahmen vordringlich erschien, ähnlich wie Willy Brandt mit seinem Wirken für die Sozialistische Internationale. Der biographische Teil dieses Bandes reicht bis zur Seite 145, es folgen hundert Seiten mit Dokumenten Crispiens sowie eine Chronik der USPD und der Anhang.
Arthur Crispien wurde am 4. November 1875 in Königsberg in einer kinderreichen Arbeiterfamilie geboren. Wie Hugo Haase und Otto Braun war er Ostpreuße. Er erlernte den Malerberuf und folgte damit zunächst seinem Vater, der für die Sozialdemokratie aktiv war, was in Ostpreußen wegen dessen ökonomischer und politischer Rückständigkeit eine Sisyphusarbeit darstellte. Seiner ersten Ausbildung folgte eine zweite als Theatermaler. 1894 trat der junge Crispien der SPD und der Malergewerkschaft bei. Sein frühes politisches Engagement kostete ihm den Arbeitsplatz. 1906 wurde er hauptberuflicher Redakteur der Königsberger Volkszeitung, schon 1903 hatte er vergeblich für den Reichstag im Wahlkreis Elbing-Marienburg kandidiert. In den Folgejahren verstetigte sich seine Laufbahn als »Arbeiterbeamter«, unter anderem als Parteisekretär für Westpreußen. Der Arbeiterpresse blieb er dabei stets treu. Von August Bebel politisch vorgeprägt, lernte Crispien 1909/10 an der Parteischule der SPD in Berlin Rosa Luxemburg kennen. Sie sollte seine sozialistischen Vorstellungen viele Jahre maßgeblich beeinflussen. Nach drei vergeblichen Reichstagskandidaturen (1903, 1907, 1912) wechselte er von Danzig nach Stuttgart als Chefredakteur der Schwäbischen Tagwacht. Die Parteiorganisation in Stuttgart um Clara Zetkin und Friedrich Westmeyer stand auf dem marxistischen, der württembergische Landesvorstand um Wilhelm Keil auf dem reformsozialistischen Flügel, der auch die Kooperation mit bürgerlichen Parteien suchte. Crispien gehörte zu den »Radikalen« und nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum engeren Umfeld der »Gruppe Internationale« um Luxemburg, Karl Liebknecht, Zetkin und Andere. Die Solidarität mit Liebknecht brachte ihm 1916 drei Monate Gefängnis ein. Im Herbst 1917 trat er der USPD bei. All diese Fakten rekonstruiert Krause auf einer wenig opulenten Basis an Primärquellen, aber Crispien hinterließ in seinem Nachlass beim Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) in Bonn einige Erinnerungstexte, die der Biograf erfolgreich zu Rate ziehen konnte. Weiteres konnte mit Hilfe seiner Reden und Artikel Schriften in der sozialdemokratischen Presse, durch Parteitagsprotokolle und aus der Sekundärliteratur gewonnen werden.
Crispien entfernte sich 1918/19 zusehends von der Spartakusgruppe und ging nicht zur KPD, sondern blieb in der USPD, für die er vom 9. November 1918 bis zum 10. Januar 1919 als Innenminister in der provisorischen württembergischen Regierung wirkte. Im März 1919 wurde er neben Hugo Haase zum Vorsitzenden der USPD gewählt. In dieser Funktion trat er von 1919 bis 1921 für den Wiederaufbau der Internationale ein. Als dieses Projekt aus Sicht vieler linkssozialistischer Parteien gescheitert war, sträubte er sich, genauso wie seine Genossen Dittmann und Ledebour, gegen eine Vereinnahmung der USPD durch die Dritte Internationale Lenins. An dieser Frage spaltete sich die USPD im September 1920. Die Rest-USPD schloss sich im Februar 1921 mit weiteren linkssozialistischen beziehungsweise linkssozialdemokratischen Parteien zur »Wiener Internationale« zusammen, die 1922/23 die Wiedervereinigung mit der SPD und anderen Parteien der alten Internationale vorbereitete, woran Crispien mitwirkte. Seit dem Nürnberger Vereinigungsparteitag 1922 leitete Crispien gemeinsam mit Otto Wels die vereinigte SPD bis 1933. Die Nazis zwangen ihn und unzählige Genossinnen und Genossen aus Partei und Reichstagsfraktion zur Flucht, Crispien, Dittmann, Ledebour und andere Exponenten der Novemberrevolution mussten die Rache der Nazis fürchten. Crispien ging ins Exil in die Schweiz. Auch dort wirkte er, in der Weimarer Zeit zum Reformsozialisten geworden, gegen das NS-Regime und für die Unterstützung Hilfesuchender. Gerade wollte er aus der Schweiz seine Rückkehr ins besetzte Deutschland vorbereiten, als er am 29. November 1946 plötzlich in Bern verstarb. So war es ihm nicht vergönnt, am demokratischen Wiederaufbau in Deutschland und am Wiederaufbau der SPD mitzuwirken. Der biographische Teil des Buches ist natürlich etwas gerafft, aber gelungen. Crispien war, wie Krause bilanziert ein »überzeugter Sozialist und konsequenter Internationalist der Arbeiterklasse« und ein Politiker, »der im Hintergrund vor allem international agierte.« (S. 145)
Unter den Dokumenten nehmen seine Erinnerungen »Ein Proletarierleben für das Proletariat« den größten Raum ein und vertiefen die biographische Darstellung. Krause dürfte ihre Entdeckung im AdsD sicher als Glücksfall betrachtet haben. Weitere Quellen aus seinem vielfältigen Wirken vervollständigen diesen Buchteil.
Ergänzt wird dieser Band durch die Dokumentation der Broschüren Crispiens von 1914 bis1933, denen Hartfrid Krause ein eigenes »Book on Demand« gewidmet hat. Dieser Broschürenband mit dem für sich selbst sprechenden Titel »Mein Vaterland ist die Menschheit, die Länder der Erde« ermöglicht einen Einblick in Crispiens Wirken auf dem linken Flügel der deutschen Sozialdemokratie und für das internationale Agieren des demokratischen Sozialismus. 14 Broschüren mussten druckreif vorbereitet werden, eine echte Fleißarbeit, die Anerkennung verdient. Crispien setzte sich hierin unter anderem mit der Entwicklung der USPD, der Geschichte Internationale und mit Karl Marx, aber auch mit politischen Gegenwartsfragen auseinander. Wer tief in die Geschichte der USPD und ihrer Repräsentanten einsteigen möchte, kommt um diese und andere Arbeiten Krauses nicht herum!

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn

[1] Hartfrid Krause, Die USPD 1917–1931. Spaltungen und Einheit, 2. erw. und akt. Aufl., Münster 2021.

Sabine Mecking/Manuela Schwartz/Yvonne Wasserloos (Hrsg.), Rechtsextremismus – Musik und Medien

Vandenhoeck & Ruprecht unipress | Göttingen 2021 | 376 Seiten, Gebunden | 55,00 € | 978-3-8471-1327-0

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Rechtsextreme Musik ist seit der Serie rechtsextremer Gewalt Anfang der 1990er-Jahre zum Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Analog zu der stilistischen und ideologischen Pluralisierung rechter Musikformate, die weit über den etwas statischen Begriff Rechtsrock hinausgehen, hat sich der Forschungszweig weiterentwickelt und umfasst neben historischen Perspektiven unter anderem auch funktionelle Dimensionen der Medialität sowie Überlegungen über die Perzeption, Rezeption und Wirkung.
Der »Sturm auf den Reichstag« am 29. August 2020 hat einmal mehr bestätigt, was bereits durch die rechtsterroristischen Anschläge in Kassel, Halle und Hanau deutlich wurde: das Gefahrenpotenzial, das vom Rechtsextremismus in Deutschland ausgeht, ist hoch. Die immer wieder aufgeworfene Frage danach, ob das Hören entsprechender Musik die verbale, psychische und physische Gewalt von Rechtsextremisten fördert, legt den Schluss nahe, dass die Musik mehr als nur eine »Komponente extremer Einstellungen« ist, sondern möglicherweise sogar ein »mitbestimmendes Phänomen« (S. 14). Musik spielt demnach eine maßgebliche Rolle bei der »Kommunikation, Inszenierung und Multiplikation rechtsextremer Haltungen« (S. 7).
Der Sammelband »Rechtsextremismus – Musik und Medien« basiert auf einer interdisziplinären Tagung, die 2018 unter demselben Titel an der Hochschule für Musik und Theater Rostock stattfand. Das Ziel der Veranstaltung war eine Aktualisierung des Forschungsfeldes, das sich nunmehr seit etwa 25 Jahren herausgebildet hat. Einen besonderen Fokus sollten dabei stilistische und mediale Entwicklungen, die Wirkung und die mit der Musik verbundenen Szenestrukturen einnehmen.
Dem wird der Band in seiner inhaltlichen Aufteilung durchaus gerecht. Das erste Kapitel »Historie, Narrative und Methodik« ist dabei als Einführung und inhaltliche Bestandsaufnahme aufzufassen. Wolfgang Benz beginnt einleitend mit einem historischen Überblick über die Entwicklung des Rechtsextremismus in Deutschland nach 1945. Anschließend beschreibt Sabine Mecking die stilistische Ausdifferenzierung rechtsextremistischer Musik seit den 2000er-Jahren und geht dabei konkret auf den National Socialist Hardcore und Rechtsrap ein. Darüber hinaus erläutert sie die Funktion der Musik als ein zentrales Medium für die Rekrutierung, Radikalisierung und Gruppenidentifizierung im rechtsextremen Milieu. Wie Musik als »zentraler Baustein« (S. 84) rechtsextremer Erlebniswelten funktioniert, weitet Thomas Pfeiffer in seinem Beitrag aus. Er geht dabei sowohl auf die Emotionswelten von Jugendlichen ein als auch auf die mögliche Scharnierfunktion in jugendliche Lebenswelten, die Musik und rechtsextreme Symbolik herstellen kann. Dennoch ergeben sich in der Forschung über rechtsextreme Musik methodologische Herausforderungen: Die Black-Box, so Manuela Schwartz in ihrem Beitrag, weise eine zu geringe Systematik, Transparenz, Dokumentation und Nachprüfbarkeit auf (S. 101). Zudem bestehe ein Mangel an analysierfähigen Zeugen. Mögliche Einschränkungen sieht sie auch in der pauschalen Verwendung des Begriffs Rechtsrock als Überbegriff, da dadurch der vorhandene Stilpluralismus vernachlässigt werde.
Im zweiten Kapitel »Ambivalenz, Perzeption und Medien« werden vor allem musikalische und multimediale Grauzonen untersucht, die unter Umständen ein Scharnier in das rechtsextreme Spektrum sein können. Nachdem das erste Kapitel einen guten und kompakten Überblick in die Thematik, ihre Komponenten und Leerstellen vermittelt hat, werden an dieser Stelle des Bandes nun spezifische Aspekte behandelt. Darunter fällt die Frage nach der textlichen Ambivalenz von Musikstücken und ihren Interpretationen als Potenzial rechtsextremistischer Propaganda (Jan Philipp Sprick). Yvonne Wasserloos thematisiert dagegen die Verwendung von Instrumentalmusik in rechtsextremen Gruppierungen. Die Tendenz, Instrumentalmusik zur Hinterlegung von rechtsideologisch aussagekräftigen Bildern beziehungsweise Videos zu nutzen, macht sie anhand von sinfonischer Musik bzw. Soundtracks und Fashwave kenntlich. Georg Brunner geht anschließend auf das Internet als zentrales Medium bei der Distribution und Verfügbarkeit von rechtsextremer Musik ein. In seiner Auswertung zeigt er ebenfalls, wie YouTube als ein Spiegelbild des fortgeschrittenen Stilpluralismus zu sehen ist. Seine Analyse umfasst neben einer generellen Einordnung der untersuchten Interpreten vor allem die Bildsprache sowie Nutzerkommentare. Wie sich die Pluralisierung des Rechtsextremismus und seiner Musik konkret ereignet hat, wird dagegen in Christoph Schulzes Beitrag schlüssig. Dabei beschreibt er vor allem Prozesse der Aneignung von Rap und Hardcore am Beispiel der Autonomen Nationalisten, zeigt aber auch die kulturelle Rückwirkung der vereinnahmten Jugendkulturen auf die rechtsextreme Szene auf. Doch ambivalente Musikformate finden sich auch außerhalb der rechtsextremen Szene, wie Fabian Bade mit einer Analyse der teils polarisierten journalistischen Auseinandersetzungen über die nationalsozialistische Ästhetik und Symbolsprache der Band Rammstein zeigt. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass das Polarisierungspotenzial der Band gesunken ist, was sich auch in der medialen Rezeption faschistoider Ästhetik abzeichnet.
Das dritte Kapitel »Rezeption, Wirkung und politische Bildung« nimmt einen perspektivischen Wechsel auf die Ebene der Rezipientinnen und Rezipienten vor. Michaela Glaser präsentiert an dieser Stelle eine qualitative Studie des Deutschen Jugendinstituts von 2009, deren Ergebnisse jedoch nicht an Aktualität verloren haben. Aus der Befragung von Jugendlichen ergibt sich ein vielfältiges Bild. Der Mythos der »Einstiegsdroge Musik« kann hier zwar nicht eindeutig widerlegt werden, da in zwei Fällen die Musik tatsächlich eine unterstützende Rolle bei der sozialen Annäherung gespielt hat. Dennoch zeigt sich, dass vor allem individuelle Vorprägungen entscheidend sind, ob sich Jugendliche in der Musik »wiederfanden« (S. 229). Es konnten demnach sowohl Indizien auf die unterschiedlichen individuell-subjektiven Bezugspunkte zu rechtsextremer Musik ausgemacht werden als auch auf die gruppenbezogenen Funktionen. Die rechtsextreme Lebenswelt stellt nach wie vor auch eine Herausforderung für Präventivstrategien dar, vornehmlich für die politische Bildung. Dies thematisiert Gudrun Heinrich am Beispiel der Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 als Lerngegenstand. Zwar werden in diesem Beitrag weniger musikalische als generelle Aspekte aufgezeigt, jedoch wird, neben allgemeinen Grundsätzen der politischen Bildung, ein Modell in fünf Schritten vorgestellt, das sich durchaus auch auf das Feld Musik und Medien übertragen lässt. Dadurch werden wertvolle Anreize zur methodischen Erweiterung auf das Themenfeld rechtsextreme Musik und Medien im Kontext der politischen Bildung gegeben. Eine konkrete Beschäftigung mit rechtsextremer Musik im Schulunterricht findet sich dagegen in Jan-Peter Kochs Beitrag. Neben einer didaktischen Interpretation rechtsextremer Songs, bei welcher die Lehrkraft lediglich eine vermittelnde Funktion einnehmen solle, sieht er das interkulturelle Lernen als besonders wichtig an. Die Beschäftigung mit dem »Fremden« (S. 268) soll Jugendlichen den eigenen Standpunkt verdeutlichen und so eine persönliche Bewertung hervorrufen. Der letzte Beitrag, ein Essay von Oliver Krämer, stellt eine Frage, die im Kontrast zu den anderen Beiträgen steht: Gibt es eine Musik, die sich nicht politisch vereinnahmen lässt? Zwar geht auch Krämer davon aus, dass Musik immer in gesellschaftlichen Zusammenhängen stattfinde und dadurch immer eine gewisse politische Komponente beherberge (S. 275). Dennoch beantwortet er die eingangs gestellte Frage durchaus plausibel, indem er vorwiegend unter Einbezug von Neuer Musik und (Free) Jazz eine Musikpraxis beschreibt, die bei Rezipientinnen und Rezipienten die Fähigkeit zum aktiven Denken stimuliert. Aufgrund der im Vordergrund stehenden inhärenten musikalischen Struktur
verschließt sich jene Musik zunächst einmal der Gefühlsebene. Sie muss erst rational erschlossen werden und lässt so kaum eine politische Vereinnahmung zu.
Der Sammelband schließt mit einer Dokumentation einer öffentlichen Podiumsdiskussion, die im Rahmen der Fachtagung stattgefunden hat. Ziel dabei war, Ausblicke und Erweiterungen auf den Forschungsgegenstand interdisziplinär zu diskutieren, aber auch generelle Fragen, Problematiken und Desiderate zu bündeln, die bereits in den Vorträgen angeklungen waren.
Insgesamt schafft der Band eine gewinnbringende Bündelung und Aktualisierung des Forschungsfelds. Während die Pluralisierung der Stile und Szenen eine stetige Aktualisierung des Forschungsstandes erfordert, scheinen ambivalente Formate beziehungsweise Grauzonenphänomene aktuell immer mehr in den Fokus der Forschung zu rücken. Nach wie vor bestehen jedoch viele offene Fragen, deren Bearbeitung »stärker regional, semantisch und international« (S. 17) ausgerichtet sein sollte, um Betroffenenperspektiven und szeneinterne Mikrostudien zu ergänzen. Auch dafür sind die Erschließung neuen Quellenmaterials sowie eine intensivere interdisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich.

Jacob Hirsch, Bonn

Detlef Lehnert/Volker Stalmann: Johannes Stelling 1877–1933. Sozialdemokrat in Opposition und Regierung: Hamburg – Lübeck – Schwerin – Berlin

Metropol-Verlag | Berlin 2021 | 394 Seiten, gebunden | 24,00 € | ISBN 978-3-86331-567-2

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Welche Schwierigkeiten es Historikern bereitet, sich einer Persönlichkeit wie Johannes Stelling zu nähern, von dem kein Nachlass überliefert ist, der nicht zu den passionierten Briefeschreibern zählte und der als Mitglied des Reichstags kaum in Erscheinung trat, davon hätte man gerne mehr in der Einleitung des Bandes gelesen. Dort hätte man auch die Frage erörtern können, ob man angesichts dieser widrigen Quellenlage überhaupt das Wagnis einer biografischen Untersuchung eingehen sollte. Allein, die beiden Autoren haben auf dieses Standardkapitel einer jeden wissenschaftlichen Darstellung verzichtet. Statt einer Einleitung finden sich erst auf der Seite 16 in der Fußnote 32 die Hinweise darauf, dass Detlef Lehnert die Abschnitte »Hamburg und Lübeck«, also Herkunft und politischen Aufstieg, Volker Stalmann hingegen »Schwerin und Berlin« verfasst habe, mithin die Karrierehöhepunkte des gebürtigen Hamburgers als Ministerpräsident von Mecklenburg-Schwerin 1921 bis 1924 und als Reichstagsabgeordneter von 1919 bis 1933 (mit der kurzen Unterbrechung Mai bis Dezember 1924) sowie als Mitglied des SPD-Parteivorstands seit 1924. An gleicher Stelle erfährt man auch, dass die umfangreiche Quellenrecherche in Zeitungen, Zeitschriften und Protokollen im Wesentlichen von den beiden Historikern Jörg Pache und Jens Thiel geleistet wurde, die dafür mehr Anerkennung verdient hätten, als in einer Fußnote versteckt zu werden. 

Die Darstellung folgt der Biografie Stellings chronologisch, beginnend mit seiner Geburt 1877 als unehelicher Sohn einer aus Mecklenburg stammenden Köchin, die erst vier Jahre später einen Schneider namens Stelling heiratete. Der Junge wuchs in proletarischen Lebensverhältnissen auf, die er als begabter Schüler durch den Besuch einer Fortbildungsklasse und eine anschließende Lehre als Handlungsgehilfe hinter sich lassen konnte. Beeindruckt von dem Sozialexperten der SPD-Reichstagsfraktion Hermann Molkenbuhr, der 1893 bis 1898 den ersten Hamburger Reichstagswahlkreis in Berlin vertrat, schloss sich Stelling als 18-Jähriger der SPD an. 

Sein eigentlicher politischer Aufstieg vollzog sich in der Hansestadt Lübeck, wo er 1901 zum Lokalredakteur des »Lübecker Volksboten« gewählt wurde. Hier heiratete er im gleichen Jahr Frieda Schilling. Sie bekamen 1903 ihr einziges Kind, die Tochter Gertrud. 1904 stieg er zum Chefredakteur seines Blattes auf, 1907 wurde er in die Lübecker Bürgerschaft und damit in ein – wenn auch kleines – Landesparlament gewählt. Beide Funktionen hatte er bis 1919 inne. Während des Ersten Weltkriegs stützte er die Burgfriedenspolitik der Parteimehrheit, wie er überhaupt zumeist die Haltung des Parteivorstands mittrug. Schon in der Massenstreikdebatte 1906 habe Stelling, so Detlef Lehnert, »das typisch zentristische Credo« vertreten: »Wir müssen einigend wirken und das trennende Moment beseitigen.« (S. 41) Die Person Stellings steht jedoch in weiten Teilen des Kapitels über Lübeck quellenbedingt im Schatten einer Organisationsgeschichte der lübischen Sozialdemokratie. 

Nach der Novemberrevolution wurde Stelling in die Weimarer Nationalversammlung gewählt, von wo aus er im August 1919 als Innenminister in die Regierung von Mecklenburg-Schwerin berufen wurde, des größeren der beiden ehemaligen mecklenburgischen Großfürstentümer, die bis 1918 ohne gewählte Landtage als rückständigste Staaten des Deutschen Reichs gegolten hatten. Von 1921 bis 1924 amtierte er als Ministerpräsident, davon im ersten Jahr 1921/22 unter Einschluss der DVP und damit in der ersten Großen Koalition der Weimarer Republik überhaupt. Stellings Regierung konnte zahlreiche wichtige Projekte realisieren, etwa auf dem Sektor der Bildungspolitik, indem die Volksschullehrer zu Staatsbeamten aufgewertet und die Lernmittelfreiheit eingeführt wurden (S. 230). Aber natürlich agierte die Schweriner Landesregierung nicht im luftleeren Raum, sondern war in die reichsweite politische und ökonomische Entwicklung eingebunden, die zahlreiche Wählerinnen und Wähler der SPD enttäuschte. Bei den Landtagswahlen am 17. Februar 1924 erfolgte daher »ein regelrechter Absturz« (S. 251). Die regionale Sozialdemokratie sackte von 41,7 auf 22,8 Prozent ab und schied aus der Regierung aus. 

Stelling konzentrierte sich nunmehr auf seine Tätigkeiten als Sekretär im SPD-Parteivorstand und seit Januar 1928 als Gauvorsitzender des Reichsbanners Berlin-Brandenburg. Im Reichstag blieb er auf die mehrfach erwähnte Funktion eines »Hinterbänklers« (etwa auf S. 267) beschränkt, was durch eine Ermittlung der Anzahl seiner Reichstagsreden (insgesamt lediglich acht) leicht hätte belegt werden können. Stelling war also ein Mann des Parteiapparats, nicht des Parlaments. Sein politisches Urteilsvermögen ist ambivalent einzuschätzen, einerseits warnte er bereits 1919 vor einer drohenden Kandidatur Paul von Hindenburgs bei einer künftigen Reichspräsidentenwahl (S. 145) und übte berechtigte Kritik an Gustav Noske (S. 148), andererseits erkannte er die Tragweite des Sturzes von Reichskanzler Hermann Müller 1930 nicht (S. 310) und hing nach der Errichtung der NS-Diktatur »einem geradezu fatalistischen Entwicklungsglauben« an (S. 374), indem er die Gefahr für sich persönlich wie für die Partei unterschätzte. Der in diesem Buch geschilderte Übergang von der Regierung Müller zum Kabinett Brüning entspricht im Übrigen nicht dem neuesten Forschungsstand. Brüning war über die Intrige zum Sturz Hermann Müllers schon Monate vorher eingeweiht gewesen und hatte gegenüber deren Drahtziehern seine Bereitschaft zur Bildung des ersten Präsidialkabinetts erklärt. 

Stelling stimmte am 23. März 1933 in der zum Reichstag umgebauten Kroll-Oper gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz; eine Flucht aus Deutschland lehnte er ab und unterstützte den im Reich verbliebenen Berliner gegen den Prager Exilvorstand der SPD. Durch seine Funktion beim Reichsbanner (bis 1932) und durch von ihm kolportierte Gerüchte, dass die Nationalsozialisten für den Reichstagsbrand verantwortlich seien, zog er sich in besonderem Maße den Hass der neuen Machthaber zu. Während der sogenannten »Köpenicker Blutwoche« wurde er von der SA verhaftet, schwer misshandelt und in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1933 ermordet. Sein Leichnam wurde in einen Sack gestopft, in die Dahme geworfen und erst am 1. Juli 1933 aufgefunden. 

Letztlich bleiben viele Fragen aus Stellings Biografie offen: Wer zählte außer Hermann Molkenbuhr zu seinen persönlichen Vorbildern? Wer förderte ihn? Mit welchen führenden Sozialdemokraten »konnte« er, mit welchen nicht? Wie war das weitere Lebensschicksal seiner Witwe und seiner Tochter? Tochter und Schwiegersohn traten nach 1945 als Zeugen in den genannten Strafprozessen auf. Aber wie und wo lebten sie anschließend? Dass diese Fragen vielleicht nicht beantwortet werden können, weil die Quellen schweigen, hätte thematisiert werden können. Dass Täter der »Köpenicker Blutwoche« 1947 und 1948 in West- und 1950 in Ost-Berlin vor Gericht gestellt wurden, wird erwähnt, nicht mitgeteilt wird jedoch, dass die Urteile in Ost-Berlin wesentlich härter ausfielen und dass es die DDR war, die lange vor der Bundesrepublik Deutschland Stelling im öffentlichen Raum würdigte: mit der Überführung seines Grabes im Jahr 1950 in die »Gedenkstätte der Sozialisten« auf dem Friedhof in Friedrichfelde, wo man es noch heute besuchen kann, mit der Einrichtung einer Gedenkstätte zur »Köpenicker Blutwoche«, mit der Anbringung einer Gedenktafel sowie der Benennung einer Straße in Köpenick (Stellingdamm) und einer Brücke in Adlershof. Zu diesen Gedenkorten ist nun die vorliegende Studie hinzugekommen. An Johannes Stelling als eines der frühesten und prominentesten Opfer des NS-Terrors zu erinnern und zahlreiche Bausteine zu seiner Biografie zusammengetragen zu haben, ist – trotz aller offenen, also den nicht gestellten wie den nicht beantworteten Fragen – ein bleibendes, ein unbestreitbares Verdienst dieses Buches.

Bernd Braun, Heidelberg

Gerhard Kluchert/Klaus-Peter Horn/Carola Groppe/Marcelo Caruso (Hrsg.), Historische Bildungsforschung. Konzepte – Methoden – Forschungsfelder

Verlag Julius Klinkhardt | Bad Heilbrunn 2021 | 388 Seiten, kartoniert | 29,90 € | ISBN 978-3-7815-5563-3

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Es ist ein Paradox der (deutschen) Historiografie, dass zentrale Aspekte der menschlichen Vergangenheit aus dem Kanon der allgemeinen Geschichtswissenschaft ›ausgelagert‹ scheinen: so die Geschichte von Religion und Glauben in die Kirchengeschichte und die von Bildung, Erziehung und Aufwachsen in die Historische Bildungsforschung. Historikerinnen und Historiker wissen selbstverständlich um die geschichtlichen Hintergründe der Situation; darum, dass infolge der Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems im 19. Jahrhundert einzelne Disziplinen ihre ›eigene‹ Geschichte zu erforschen und schreiben begannen, auch mit dem Ziel, das Programm des eigenen Faches zu rechtfertigen. Die Auslagerung einzelner Themen aus dem Gros der Geschichtsschreibung hat Vor- und Nachteile. Zum Ertrag zählt sicherlich, dass ihnen die Aufmerksamkeit einer Gruppe hochausgebildeter Spezialistinnen und Spezialisten zukommt, die sich in einer Breite und Tiefe mit ihnen beschäftigen, die anderenfalls kaum vorstellbar wäre. Die intensive Beschäftigung hat ihr Fundament in eigenen Lehrstühlen und Fachorganisationen und findet unter anderem Niederschlag in spezifischen Publikationen. Die Kehrseite der Ausdifferenzierung ist eine bisweilen mangelnde Bezugnahme von spezifischer und allgemeiner Historiografie aufeinander. Letztere neigt dazu, die Arbeiten der ersteren als zwar entlastend für die eigene Forschung wahrzunehmen, sie aber zugleich als nachgeordnet abzutun. Ihre häufig herausragenden Leistungen werden so höchstens in Zeiten thematischer Konjunkturen zur Kenntnis genommen, auch weil das jeweilige Feld als vermeintlich zu speziell und unübersichtlich gilt.

Für das Forschungsgebiet der Historischen Bildungsforschung kann dieses Argument spätestens mit der Veröffentlichung des vorliegenden Handbuchs nur noch eine vorgeschobene Ausrede sein. Der Band, der Beiträge ausgewiesener Fachvertreterinnen und -vertreter vereint, hat zum Ziel, »über den Stand und die Entwicklung der Historischen Bildungsforschung« (S. 9) zu informieren, also eine Art »State of the Art« zu präsentieren, wie es die vier Herausgeberinnen und Herausgeber im Vorwort formulieren. In ihrer Einleitung beschreiben sie hierzu zunächst, was den Gegenstandbereich kennzeichnet, wie sich die Disziplin in unterschiedlichen nationalen Kontexten, besonders aber im deutschsprachigen Raum, seit dem 18. Jahrhundert institutionell und inhaltlich entwickelt hat und worin ihre Leistungen, Probleme und Desiderate liegen. Die Historische Bildungsforschung stellt demnach ein interdisziplinäres Forschungsfeld dar, das maßgeblich zwischen der Erziehungswissenschaft und der Geschichtswissenschaft angesiedelt ist. Historisch im Umfeld der Pädagogik und speziell der Lehrerbildung entstanden, konzentrierten sich ihre Arbeiten, wie die der allgemeinen Geschichtswissenschaft, zuerst auf die Geschichte von Institutionen, Personen und Ideen, bevor sie sich durch die historiografischen Wenden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sozial- und später kulturhistorischen Fragen zuwendeten. Als Forschungsgebiet, das sich der »Erforschung des pädagogischen Feldes im geschichtlichen Wandel« widmet, geht der Blick der Historischen Bildungsforschung stets in zwei Richtungen: auf »Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung« und auf den »Beitrag von Sozialisation und Enkulturation zur Entwicklung von Geschichte und Kultur« (S. 13). Das gesamte Forschungsfeld zeichnet sich heutzutage durch seine große Produktivität, eine tiefgreifende Verwissenschaftlichung und ein breites Themenspektrum aus, wie sich auch in den Beiträgen des Bandes zeigt.

Zählt man die thematische Einleitung nicht mit, erschließt der Band die Fachdisziplin der Historischen Bildungsforschung in jenen drei Dimensionen, die dem Untertitel zu entnehmen sind: Konzepte, Methoden und Forschungsfelder. Was darunter jeweils konkret zu verstehen ist, kann sich die Mehrzahl der Leserinnen und Leser wohl vorstellen, trotzdem ist es etwas bedauerlich, dass es im Band nicht noch einmal näher erläutert wird. Dessen ungeachtet, umfasst der Abschnitt »Konzepte« erwartungsgemäß unterschiedliche, zeitlich zum Teil aufeinander folgende, zum Teil gleichzeitig praktizierte historiografische Zugriffe wie die Sozial- und Strukturgeschichte, die Ideengeschichte oder die Historische Biografiegeschichte. Der Gegenstand »Quellengattungen und Methoden« dreht sich dezidiert um diese, wobei in den lediglich drei Beiträgen des Abschnitts noch zwischen qualitativen und quantitativen Methoden unterschieden wird. Im umfassendsten Block »Forschungsfelder« werden schließlich zentrale Themenbereiche der Historischen Bildungsforschung wie »Kindheit«, »Familie«, »Schule«, »Kinder- und Jugendliteratur«, aber auch »Medien«, »Militär«, »Interkulturalität und Minderheiten« erschlossen. Sämtliche Beiträge sind nach demselben Schema gegliedert: Auf eine kurze Definition des jeweiligen Bereichs folgt ein Abschnitt über Forschungsgeschichte und -kontexte, eine kurze Einführung in die Reichweite und Grenzen des Gegenstands sowie abschließend eine Diskussion von Desideraten und Forschungsperspektiven. Die Darstellung bezieht sich in vielen Fällen in erster Linie auf die deutschsprachige Forschung, wobei wichtige internationale Entwicklungen Erwähnung finden. Jeder Beitrag beinhaltet Hinweise zu zentralen Veröffentlichungen, der Anspruch auf eine umfassende Nennung der relevanten Literatur wird nicht erhoben.

Es ist an dieser Stelle nicht der Raum, um die rund 32 Fachartikel des Bandes im Einzelnen zu besprechen. Es seien daher lediglich zwei Beobachtungen formuliert, die sich aus der Lektüre ergeben haben. Zum einen stellt sich die Frage nach den Kriterien, die der Entscheidung, welche Gegenstände in den Band aufgenommen wurden und welche nicht, zugrunde lagen und die den thematischen Zuschnitt der einzelnen Kapitel beeinflusst haben. So ist es zwar nach Meinung des Rezensenten mehr als begrüßenswert, dass der wohl federführende Herausgeber des Bandes, Gerhard Kluchert, eine, wie nicht anders zu erwarten, kenntnis- und detailreiche Einführung in die Historische Sozialisationsforschung vorgelegt hat. Es erstaunt allerdings, dass der Beitrag von Karin Prien über die ohne Frage wesentlich einflussreichere Kulturgeschichtsschreibung genauso viel Platz in dem Band einnimmt und in diesem Zusammenhang, praktisch ›nebenbei‹, noch so wichtige Forschungskonzepte wie die Mentalitätsgeschichte und die Historische Anthropologie mitbearbeitet, die eigentlich ein eigenes Kapitel wert gewesen wären. Zum anderen wäre ein stärkerer Bezug einzelner Artikel auf die aktuelle internationale Forschung wünschenswert gewesen. So wird zum Beispiel im Beitrag über das Forschungsfeld »Kindheit« zwar mit vielen der üblichen Klischees über die Geschichte von Kindheit und Kindern aufgeräumt, darunter der Annahme, dass in früheren Zeiten nicht zwischen Kind- und Erwachsenensein unterschieden würde. Gleichzeitig werden akteurszentrierte Ansätze, die spätestens seit den 2000er-Jahren aufkamen, vorgestellt, nicht aber deren unter dem Begriff der Agency Trap diskutierten Probleme thematisiert. Ähnlich verhält es sich im Artikel über die Historische Geschlechterforschung, in dem zwar die Forschungsperspektive der Männlichkeitsgeschichte aufgegriffen und als (Teil-)Desiderat gekennzeichnet wird, neuere Forschungen zur Queer History aber keine Erwähnung finden.

Die angeführte Kritik tut der Qualität sowohl der einzelnen Beiträge wie auch des gesamten Bandes keinerlei Abbruch. Sie kann unter Verweis auf die im Vorwort erwähnte lange und verschlungene Entstehungsgeschichte des Bandes relativiert werden, weil davon auszugehen ist, dass einzelne Beiträge schon vor längerer Zeit verfasst worden sind. Das lange Warten auf den Band hat sich dennoch gelohnt, denn er schließt eine Lücke, indem er allen Interessierten, ob Studierenden oder Forschenden, ob Historikerin oder Erzieherwissenschaftler, in zentralen Forschungsbereichen der Historischen Bildungsforschung einen fachkundigen, systematisch angelegten und äußerst gut lesbaren Zugang ermöglicht. Dem Band sind daher zahlreiche Leserinnen und Leser zu wünschen. Mit ihm verbindet sich zugleich die Hoffnung, dass die eingangs skizzierte Distanz zwischen Geschichtswissenschaft und Historischer Bildungsforschung von vielen überwunden werden möge.

Daniel Gerster, Hamburg

Florian Heßdörfer, Der Geist der Potentiale. Zur Genealogie der Begabung als pädagogisches Leistungsmotiv

Transcript Verlag | Bielefeld 2022 | 239 Seiten, kartoniert | 35,00 € | ISBN 978-3-8376-6051-7

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Die Beschäftigung mit den Selbstoptimierungsimperativen der modernen Arbeitswelt und ihr faszinierendes Oszillieren zwischen der Ermächtigung und der Entmachtung des Individuums stellen seit den 2000er-Jahren ein beliebtes, disziplinenübergreifendes Sujet der Geistes- und Sozialwissenschaften dar. Kamen die ersten Auseinandersetzungen mit diesem Komplex noch aus dem Kontext einer Zeitdiagnostik in kritischer Absicht, erscheinen in den letzten Jahren zunehmend empirie- und fallstudiengestützte Qualifikationsschriften, die sich mit der Geschichte und Gegenwart von Begabung, Leistung und ihrer Optimierung auseinandersetzen. In der Geschichtswissenschaft dominieren dabei zwei Tendenzen: Zum einen handelt es sich um Detailstudien zu einzelnen Ausbildungsinstitutionen und Organisationen der Wissensgenerierung wie beispielsweise dem Deutschen Institut für technische Arbeitsschulung (DINTA) oder dem Tavistock Institute of Human Relations. Zum anderen wird deutlich, dass sich die Annahme einer Zäsur in den 1970er-Jahren als Übergang vom Fordismus zum Postfordismus und damit ein Übergang von einer Politik der Einpassung zu einer Politik der beständigen Weiterbildung nur schwerlich aufrechterhalten lässt.

In diesem Umfeld siedelt sich der Band Florian Heßdörfers an, der auf eine kumulative Habilitation an der Universität Leipzig zurückgeht. Die Monografie kann als ein Ertrag der auch in der Erziehungswissenschaft und Pädagogik in den letzten Jahren produktiven Auseinandersetzung mit den Grundbegriffen dieser Disziplin verstanden werden. Die Studie – eine Genealogie des Leistungsmotivs in der Pädagogik – wendet sich der Zeit um 1900 zu, um über die Figur des Potentials und der Potentialität die Bedingungen der Pädagogik in der Gegenwart zu untersuchen. Ziel dieser Diskursanalyse ist die »Herausarbeitung von Elementen einer pädagogisch strukturierten ‚Menschenregierungskunst‘“ (S. 22). Die Analyse und die Quellenauswahl beanspruchen dabei keineswegs systematischen, sondern »exemplarischen Charakter“ (S. 21), der es aber erlaube, die Regelhaftigkeit des Diskursfeldes des Potentials zu erfassen. »Potential“ ist bei Heßdörfer Analysebegriff, unter dem er Signifikanten wie Begabung, Talent oder Anlage subsumiert. Die Arbeit selbst besteht aus einem umfangreichen systematisierenden Überblick (S. 17–76), gefolgt von fünf Detailstudien. Diese Tiefenbohrungen stellen, vom ersten Kapitel abgesehen, Überarbeitungen bereits publizierter Aufsätze dar.

Fünf Elemente sind für Heßdörfer konstitutiv für den »Geist der Potentiale“ um 1900: Zunächst der Siegeszug psychologischer und pädagogischer Prüfungstechniken und die damit verbundene Suche nach dem Eigentlichen des Subjekts. Damit eng verknüpft identifiziert Heßdörfer zweitens ein biopolitisches Subjektivierungsregime, in dem Individuum und Gemeinschaft, »individuelle[] Entfaltung und kollektive[] Produktivität“ (S. 52) zusammenfallen. Darüber habe, drittens, die Ökonomie Einzug in das Feld der Pädagogik erhalten. Vorstellungen der Marktförmigkeit und Nutzbarkeit des Potentials seien zum Ideal avanciert. Das für die Pädagogik konstitutive Dilemma von Freiheit und Zwang ließ sich, nach Heßdörfer, dadurch auflösen, dass der »Einzelne zum Maßstab seiner selbst“ (S. 57) erhoben wurde. Viertens habe die Pädagogik über den Geist der Potentiale neue Strategien des Zugangs zum Individuum entwickelt: die Beratung und das Spiel. In beiden Fällen bildete ein idealisierter Begriff der Arbeit den Fluchtpunkt. Zuletzt habe sich durch die Figur der Potentialität einen der Grundbegriffe der Pädagogik – die Gleichheit – rekonfiguriert: Das Denken in Begriffen des Potentials habe ermöglicht, bei Annahme einer »abstrakte[n] Gleichheit“ (S. 70) des Menschen von der konkreten Ungleichheit der Individuen auszugehen.

Die folgenden Tiefenbohrungen entwickeln diese Achsen anhand von Detailstudien, die sich vornehmlich auf einzelne Autorinnen und Autoren der Vor- und Zwischenkriegszeit konzentrieren. In den Fokus treten bekannte und weniger bekannte Personen aus Pädagogik und Psychologie wie Ellen Key (Kap. 1), Theodor Litt (Kap. 2), Wilhelm Hartnacke (Kap. 3), Hermann Ebbinghaus, Berthold Hartmann und Hugo Münsterberg (Kap. 4). Heßdörfer geht es natürlich nicht um diese Autorinnen und Autoren selbst, sondern um die in ihren Texten geronnenen Regelmäßigkeiten des sich um die Figur der Potentialität herausbildenden Aussagenfeldes. Insbesondere die Schnittmengen zwischen dem Pädagogischen und dem Ökonomischen, die Heßdörfer am Beispiel von Theodor Litts »›Gesamtökonomie der geistigen Kraft eines Volkes‹« (S. 111) herausarbeitet, und die darin deutliche Nähe zum Rationalisierungsdiskurs der 1920er-Jahre verdienen eine stärkere geschichtswissenschaftliche Berücksichtigung. Das Potenzial einer Annäherung von Arbeits- und Bildungsgeschichte jenseits einer Verordnungsgeschichte der Berufsbildung lässt sich fasst über die gesamte Arbeit Heßdörfers ausmachen.

Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive bleiben trotz aller Schnittmengen auf der Ebenen des Kontexts Fragen offen. Der von Heßdörfer als »einige Jahrzehnte um 1900 herum« (S. 11) ausgewiesene Untersuchungszeitraum korrespondiert natürlich insbesondere für die deutsche Geschichte mit Umbrüchen, die Krisendiagnosen und entsprechenden Rationalisierungs-, Heils- und Wiederaufstiegsdiagnosen Vorschub leisteten. Da sich der Autor vornehmlich auf die deutschsprachige Pädagogik konzentriert, bleibt ungeklärt, inwieweit es sich hierbei um ein transnationales Phänomen handelte und inwieweit Vorstellungen des Nationalen – auf die Nation als omnipräsenten Fluchtpunkt der Potentialitätsfigur verweist Heßdörfer wiederholt (zum Beispiel S. 56 oder 147–156) – auf die Ausformung des Potentialitätsdiskurses zurückwirkten. Darüber hinaus arbeitet Heßdörfer zwar überzeugend eine Genealogie der Pädagogik der Gegenwart über die Jahrhundertwende hinaus. Wie sich die 1970er-Jahre, das Paradigma der Kompetenz und der Siegeszug des lebenslangen Lernens in den Brückenschlag von 1900 in die Gegenwart einordnen lassen, wird, trotz eines abschließenden Überblicks (S. 197–210), aber nur kursorisch ausgeleuchtet. Durch die Anlage seiner Studie relativiert Heßdörfer die Bedeutung dieser Zäsur; gibt sie aber dennoch nicht auf, indem er etwa den Abschied von Wesenssemantiken und den Übergang zu einer »Situation einer permanenten Versuchsanordnung« (S. 207) als Signum der 1970er-Jahre ausmacht.

Interdisziplinarität bleibt also trotz identischer Interessen ein zweischneidiges Schwert. Einerseits stellt Heßdörfers Analyse exponierter pädagogischer Texte eine beeindruckende Systematisierungsleistung dar. Andererseits deckt sich diese Brillanz auf synchroner Ebene nur teilweise mit den Interessen der Geschichtswissenschaft, die sich vor allem auf die Diachronie und die Froschperspektive jenseits der Höhenkammliteratur konzentriert. Das interdisziplinäre Potenzial liegt genau an der Kreuzung dieser beiden Blickrichtungen: den gereinigten und systematisierten Diskurs, den Heßdörfer pointiert ausbreitet, durch die Heterogenität, Ambivalenz und die Ungleichzeitigkeit der Geschichte wiederum zu veruneindeutigen. Sowohl die Frage nach den Verästelungen des von Heßdörfer skizzierten Diskurses in Institutionen und Organisationen als auch nach der Praxis des Diskurses selbst, nach der Materialität, der Entstehung, der Kontingenzen und dem, was diese kanonischen Texte verbergen, bleiben am Ende in weiteren Untersuchungen zu erörtern.

Jan Kellershohn, Halle an der Saale

Walter Mühlhausen, Hessen in der Weimarer Republik. Politische Geschichte 1918–1933

Waldemar Kramer | Wiesbaden 2021 | 279 Seiten, gebunden | 20,00 € | ISBN 978-3-7374-0490-7

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Bereits im Rahmen seiner Dissertation hat Walter Mühlhausen eine Gesamtdarstellung der politischen Geschichte Hessens in den Jahren 1945–1950 erarbeitet. Nunmehr legt er einen ebenso fundierten Überblick zur Geschichte Hessens in der Weimarer Republik vor. Das heutige Bundesland Hessen bildete damals kein einheitliches Gebilde, sondern unterteilte sich in den Volksstaat Hessen, der 1918 an die Stelle des Großherzogtums Hessen-Darmstadt getreten war. Das ehemalige Herzogtum Nassau, das frühere Kurfürstentum Hessen und die ehemalige Freie Stadt Frankfurt bildeten seit 1866 die preußische Provinz Kurhessen-Nassau, außerdem gehörte der Kreis Wetzlar bis 1932 zur preußischen Rheinprovinz. Das vormalige Fürstentum Waldeck stand bereits seit längerem unter preußischer Verwaltung und wurde 1929 ebenfalls Teil der Provinz Kurhessen-Nassau.

In allen Teilen Hessens verlief der Umbruch von 1918/1919 weitgehend ohne Blutvergießen und somit ruhiger als auf Reichsebene. Anschaulich arbeitet Mühlhausen heraus, dass im Volksstaat Hessen eine Räterepublik niemals ein Thema war. Vielmehr kam es in Darmstadt wie auch in den Nachbarländern Baden und Württemberg schon im November 1918 faktisch zur Bildung einer Koalitionsregierung aus Sozialdemokratie, Zentrum und Linksliberalen. Diese Regierung hat, wie Mühlhausen betont, große Verdienste erbracht. In der schwierigen Umbruchphase am Ende des Ersten Weltkriegs gelang es, die Demobilisation des Heeres zu meistern, die Soldaten wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren, die Wirtschaft auf Friedensproduktion umzustellen und eine drohende Hungerkatastrophe zu vermeiden.

Politisch standen der Volksstaat Hessen wie auch Preußen für Stabilität. In beiden Ländern regierte langfristig eine Weimarer Koalition, in Preußen zeitweilig eine große Koalition, beide Regierungen verfügten dabei bis 1931/1932 über stabile parlamentarische Mehrheiten. Auch hier vergleicht Mühlhausen die Situation mit der in anderen Ländern. So wurde beispielsweise in Darmstadt nie wie in Thüringen oder Sachsen eine Volksfrontregierung gebildet, noch kam es wie in Thüringen vor 1933 zur Einbeziehung der Nationalsozialisten in die Regierung.

Gemeinsam hatten die Gebiete des heutigen Hessen jedoch nicht nur eine gewisse politische Stabilität, sondern auch die Last der Besatzung. So war das linksrheinische Gebiet des Volksstaats Hessen vollständig von französischen Truppen besetzt. Außerdem hatten die Franzosen um Koblenz und Mainz herum Brückenköpfe mit einem Radius von 30 km gebildet. Natürlich bildete die Besatzung eine schwere Belastung für die junge Demokratie. Eingehend schildert Mühlhausen die Auseinandersetzung mit der Besatzungsmacht und damit verbunden die wiederholten Ausweisungen deutscher Politiker aus dem besetzten Gebiet wie auch die katastrophalen Folgen für Wirtschaft und Finanzen.

Trotz dieser Hypothek war, so Mühlhausen, die Weimarer Republik »keine ›Republik ohne Republikaner‹« (S. 3). In diesem Sinne weist er darauf hin, dass sich zum Beispiel im Mai 1923 mehrere zehntausend Menschen auf dem Frankfurter Römerberg einfanden, um der 75. Wiederkehr der Zusammenkunft der Paulskirche zu gedenken. Auch stellt Mühlhausen einzelne Persönlichkeiten vor, die sich für Demokratie und soziale Reformen eingesetzt haben. Zu diesen gehörte der Wetzlarer Unternehmer Ernst Leitz II. (Leica). Er setzte das soziale Engagement seines Vaters fort, beginnend ab 1885 hatte der Betrieb ein umfassendes Sozialversicherungswesen für seine Arbeitnehmer geschaffen, schon 1906 kam es zur Einführung des Achtstundentags. Während der Weimarer Zeit war Leitz für die DDP Mitglied in Kreis- und Gemeindevertretungen, genauso wie er das örtliche Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold in Wetzlar unterstützte. Unterstützung erhielten von ihm ebenfalls in der NS-Zeit auch Verfolgte des Regimes, jedoch hat auch er während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter beschäftigt.

Den mutigen Vorkämpfern für die Demokratie standen jedoch auch nationalkonservative Gegner gegenüber. Diese fanden sich unter anderem an den Universitäten, in der Verwaltung, aber auch in der Industrie, wo Ernst Leitz II. eher eine Ausnahme bildete. Genauso stand die protestantische Kirche der Demokratie in großen Teilen ablehnend gegenüber. Mühlhausen verweist hier auf den hessischen Kirchenpräsidenten Wilhelm Diehl, der zugleich als Mitglied der DNVP dem Darmstädter Landtag angehörte und für den »der 9. November 1918 das größte ›Verbrechen, das jemals am Deutschen Volke vollbracht worden‹ sei« (S. 137f.), darstellte. Damit verweist Mühlhausen auf eines der gängigsten Argumentationsmuster der antidemokratischen Rechten: die so genannte Dolchstoßlüge, gemäß der das kaiserliche Heer im Felde unbesiegt gewesen sei und es nur durch die Revolution zur Niederlage im Krieg gekommen sei, wobei vor allem Sozialdemokraten, Juden und Katholiken zu Schuldigen gestempelt wurden.

Angesichts der unverdauten Niederlage hatte die Dolchstoßlüge Konjunktur, vor allem als 1925 mit Paul von Hindenburg ein Mann Reichspräsident wurde, der diese wesentlich geprägt hatte. Gleichwohl wählten in der Mitte der 1920er-Jahre, einer Phase relativer Stabilität, die Menschen im Gebiet des heutigen Bundeslands Hessen noch mit deutlicher Mehrheit die Parteien der Weimarer Koalition. Erst im Gefolge der Weltwirtschaftskrise kam es zum Aufstieg der NSDAP. Immerhin waren am Beginn der 1930er-Jahre Landesregierungen der Weimarer Koalition in Berlin wie auch in Darmstadt weiterhin geschäftsführend im Amt. Denn die Nationalsozialisten hatten zwar massive Stimmengewinne verbuchen können, jedoch die absolute Mehrheit verfehlt, sodass sie keine neue Staatsregierung wählen konnte. Auch die geschäftsführenden Landesregierungen »bekämpften aktiv Bestrebungen der Antidemokraten, verboten deren Versammlungen, Organisationen und Publikationsorgane« (S. 225). Die endgültige Zerstörung der Demokratie auch in den Ländern erfolgte schließlich von Gegnern der Weimarer Demokratie auf Reichsebene: Durch den Preußenschlag Franz von Papens wurde nicht nur die Weimarer Koalition in Preußen entmachtet, auch in der Verwaltung der Provinz Kurhessen-Nassau wurden engagierte Demokraten entlassen. Zugleich schuf der Preußenschlag das Vorbild für das Vorgehen der Nationalsozialisten gegen die demokratischen Landesregierungen im Frühjahr 1933.

Auf symbolischer Ebene zerstörten die Nationalsozialisten die Demokratie unter anderem dadurch, indem sie noch 1933 ein seit 1926 bestehendes Denkmal von Reichspräsident Friedrich Ebert an der Paulskirche entfernten. Ein neues Denkmal für Ebert wurde 1950 in Anwesenheit des zweiten hessischen Ministerpräsidenten der Nachkriegszeit, Christian Stock, wieder aufgestellt. Der Sozialdemokrat Stock hatte bereits in der Weimarer Zeit der Nationalversammlung angehört. Er hatte somit »in der ersten Republik zu den Verteidigern der Demokratie gehört« (S. 229), die sich nach »der Erfahrung vom Scheitern der ersten Republik« erfolgreich dafür eingesetzt haben, »die zweite (Republik) wehrhafter, krisenfester (zu) machen« (ebd.).

Mühlhausen legt eine überaus kompetent und zugleich leicht verständlich geschriebene politische Geschichte Hessens während der Weimarer Zeit vor, wobei er jedoch auch auf kulturhistorische Aspekte wie die Rolle der Frau eingeht und ebenfalls nicht vergisst, auch immer wieder einen Blick auf die Entwicklung in einzelnen Kommunen zu werfen.

Michael Kitzing, Singen am Hohentwiel

Hannes Androsch/Heinz Fischer/Wolfgang Maderthaner (Hrsg.), Vorwärts! Österreichische Sozialdemokratie seit 1889 | Werner Michael Schwarz/Georg Spitaler/Elke Wikidal (Hrsg.), Das Rote Wien 1919–1934. Ideen, Debatten, Praxis

Christian Brandstätter Verlag | Wien 2020 | 400 Seiten, gebunden | 48,00 € | ISBN 978-3-7106-0424-9

Birkhäuser Verlag | Basel 2019 | 472 Seiten, gebunden | 39,00 € | ISBN 978-3-0356-1957-7

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Die Politik der sozialen Demokratie in Österreich – hier verstanden sowohl als Parteiorganisation als auch als gesellschaftliche Bewegung im weiteren Sinne – steht im Mittelpunkt zweier von Umfang und Inhalt her ausgesprochen gewichtiger Bände.  

Die zeitlich größte Spanne deckt dabei der von Hannes Androsch, Heinz Fischer und Wolfgang Maderthaner herausgegebene Band »Österreichische Sozialdemokratie seit 1889« ab, der sich auf 400 Seiten im Katalogformat maßgeblichen programmatischen und politischen Wegmarken der Parteientwicklung von Beginn an  widmet. Die Darstellung der Beiträge ist getragen von Sympathie und Respekt für die Leistungen und Akteure der Sozialdemokratie – vermutlich auch, weil bei nahezu allen Autorinnen und Autoren ein Gefühl der Zugehörigkeit zur Bewegung vorhanden ist. Dennoch handelt es sich nicht um eine Jubelschrift, die einzelnen Texte sind durchweg sachlich fundiert und differenziert begründet. Eingeteilt ist die Darstellung in acht nach Zeitepochen gegliederte Kapitel, die von einigen Exkursen – unter anderem zu den Themen »Staat«, »Judentum«, »Frauenpolitik« und »Europa« – unterbrochen werden. Besonders lesenswert ist hier der Exkurs zur »kulturellen Moderne« im Kontext des »roten Wiens« und Österreichs der 1920er-Jahre. Geboten werden pointierte Schlaglichter und Skizzen zu längeren Entwicklungslinien, eher am Rande kommen Personalentscheidungen sowie interne Auseinandersetzungen vor, sodass sich der Sammelband letztlich gut als ein (sehr) ausführlicher und reich bebilderter Essay zur Parteigeschichte lesen lässt. 

Am Ausgang der Sozialdemokratie ab Mitte der 1880er-Jahre habe eine Koalition »von wenigen radikaldemokratischen, freisinnigen, meist jüdisch-großbürgerlichen Intellektuellen mit Vertretern der ›organischen‹, überwiegend aus dem anarchistischen Handwerkermilieu stammenden Arbeiterintelligenz« gestanden, der es in den folgenden eineinhalb Jahrzehnten gelungen sei, eine reformistisch-demokratische Massenpartei der Arbeiterschaft und damit ein neues Gebilde in der Parteiengeschichte aufzubauen. Mit Blick auf die Bedeutung der Partei bei der Gründung und Entwicklung der ersten österreichischen Republik nach 1918 wird unter anderem das Wirken von Otto Bauer sowie weiterer Austromarxisten herausgestellt und als »offensive Verfassungspolitik« im Sinne einer auf die Macht des Rechts und nicht auf die Mittel der Gewalt gestützten politischen Strategie eingeordnet. Politische Anschlüsse an die rechts- und verfassungspolitischen Überlegungen des Austromarxismus habe es erst in den 1970er-Jahren unter Bruno Kreisky und insbesondere Justizminister Christian Broda wieder gegeben. 

Sehr beeindruckend und zugleich sehr bedrückend gelingt die Schilderung des Schicksals von Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Widerstand und in der Verfolgung, beispielsweise der Lebens- und Leidenswege der in Konzentrationslagern ermordeten Käthe Leichter und Robert Danneberg ebenso wie von Rosa Jochmann, die die Lagerhaft überlebte. Differenziert und durchaus kritisch wird zudem der problematische Umgang mit den ins Exil gedrängten Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten nach 1945 geschildert, etwa am Beispiel des ehemaligen Finanzstadtrats von Wien, Hugo Breitner, der vergeblich auf die ernsthafte Einladung zur Mitarbeit am Wiederaufbau der Partei und des Landes gehofft habe. 

Auch für die Auseinandersetzung mit den zurückliegenden Jahrzehnten bis in die Gegenwart bietet der Band interessante Einblicke. So sei die SPÖ seit der Rückeroberung der Kanzlerschaft durch Alfred Gusenbauer im Jahr 2006 vom »Mythos des richtigen oder falschen Parteivorsitzenden besessen, als liege der Erfolg allein am Führungspersonal. Die Sozialdemokratie ist zu Modernität verurteilt und von Heimweh nach der verlorenen Größe getrieben«. Mitherausgeber Hannes Androsch empfiehlt in Anlehnung an das Motto des Jahres 1968 »Leistung, Aufstieg, Sicherheit«. Die SPÖ müsse eine »Partei des Prinzips Hoffnung« werden, die die technologischen und kommunikativen Revolutionen der letzten und der kommenden Jahrzehnte nicht abwehrt, sondern ihnen eine soziale und humane Dimension abverlange. Es bleibt dabei unklar, ob technologische Entwicklung hier als ein etwas losgelöst von gesellschaftlicher Steuerung eigenmächtiges Phänomen verstanden werden soll – ähnliche der »Sachzwänge« der Jahre des (vermeintlichen) »Dritten Wegs« – oder ob hier darüber hinausgehende Perspektiven entwickelt werden sollen. 

Einen unglaublich profunden Überblick über das »Rote Wien« zwischen 1919 und 1934 bietet der Begleitband zur gleichnamigen Sonderausstellung im Wien Museum in den Jahren 2019 bis 2020. Dabei leistet das Werk weit mehr, als nur etwas tiefer gehende Informationen zu einzelnen Ausstellungsbereichen zu liefern: Letztlich gleicht der mit über 400 Textseiten ebenfalls im Katalogformat sehr voluminöse Band eher einem Handbuch zur Geschichte und Analyse des Roten Wien. In ihrer Einleitung halten die beiden Herausgeber und die Herausgeberin als Leitintention für die aktuelle Befassung »die Interpretation des Roten Wien als ein Projekt der Emanzipation und Teilhabe« fest. Die insgesamt 73 Beiträge verteilen sich auf die Abschnitte »Grundlagen und Voraussetzungen«, »Fürsorge«, »Schulreform und Bildung«, »Architektur, Infrastruktur, Wohnen«, »Kommunikation und Kunst«, »Arbeiterkultur«, sowie »Gewaltsames Ende, Verfolgung und Emigration«. Neben überblicksartigen – und reich bebilderten – Texten zu einzelnen Aspekten finden sich auch reine Bilddokumentationen und Nachdrucke historischer Texte. Hinzu kommen einige moderierte Gespräche zwischen Wissenschaftler*innen und Publizist*innen zu grundsätzlichen Fragen der historischen Einordnung wie auch zu aktuellen Bezügen und Rückgriffen auf das Rote Wien. Eher am Rande gestreift wird die politisch-gesellschaftliche Situation im restlichen Österreich, die ja sowohl für die Sonderstellung wie auch die realen Handlungsbedingungen der Politik der Wiener Sozialdemokratie maßgeblich waren.  

Erkennbar wird in allen Beiträgen der Anspruch einer differenzierten Einordnung – bei einer allseits geteilten grundsätzlichen Sympathie für den Gegenstand der Beschäftigung. So ist die Grundmelodie des Bandes auch nicht die des Scheiterns, sondern die eines bemerkenswerten und nach Anschlussmöglichkeiten auszulotenden Experiments einer am Gemeinsinn orientierten Gestaltung einer Stadt. Einzelne Texte weisen inhaltliche Überlappungen auf, etwa bei den Themen des kommunalen Wohnungsbaus und der von der Stadt als beispielhaft angestoßenen Architektur. Dass ein vollständiger Bruch mit bestehenden Ungleichheitsverhältnissen meist nicht gelang, zeigen etwa die Beiträge zur Finanzierungsstrategie des Roten Wien über Luxussteuern, zur Frauen- und Familienpolitik, zur Situation von Juden und zur Entstehung des Antisemitismus. Im Bereich der Jugendfürsorge wird mit Blick auf den Umgang mit Kindern in der »Kinderübernahmestelle« ein ambivalentes Spannungsverhältnis beschrieben, bei dem sich offensichtlich emotionale Bedürfnisse der Kinder und nüchtern-wissenschaftliches Vorgehen der Einrichtung nur schwer in Einklang bringen ließen. Spannend sind auch die Beiträge zu Schulreform sowie zu den Schulbaukonzepten, die als Verbindung von pädagogischen Konzepten und den dafür angemessenen Räumen gedacht wurden. Im Bereich der Architektur und Stadtplanung nehmen naturgemäß die Gemeindebauten sowie die Gartensiedlungen breiten Raum ein. Hier suchen einige Artikel auch nach internationalen Projekten, die sich das Rote Wien zum Vorbild nahmen, etwa in Großbritannien in den 1930er-Jahren. Im Bereich der Kultur verbindet sich die Darstellung mitunter mit der Geschichte der Sozialdemokratie, etwa wenn es um die grafische Gestaltung der Wahlkampagnen der Zeit geht. Durchaus gemischt fallen die Beiträge zum Verhältnis des Roten Wien zur Kunst aus. Hier gelang es den Einschätzungen im Band zufolge eher nicht, die Idee einer eigenen »Arbeiterkultur« mit dem Anspruch, der Arbeiterschaft den Zugang zur »Hochkultur« zu ermöglichen, zu verbinden – wie etwa in den Beiträgen zum Thema Musik gezeigt wird.  

Nur ganz am Rande wird beschrieben, mit welchen politischen und gesellschaftlichen Gegenströmungen stadtintern und extern sich das Rote Wien auseinanderzusetzen musste. Der Band schließt eindrücklich mit dem Ende des Roten Wien, auch wenn ein eigener Beitrag zu den Februarkämpfen 1934 fehlt. Enthalten ist stattdessen eine Bilderserie aus dem Fotoalbum der sozialdemokratischen Politikerin Gabriele Proft, das ihre persönliche politische und ihre private Geschichte des Jahres einschließlich ihrer Verhaftung und Inhaftierung dokumentiert. Dokumentiert wird auch die Kündigung von Juden aus den Gemeindebauten nach dem Anschluss an das Deutsche Reich ab 1938 – während die Familien teilweise bereits verzweifelt nach einer Möglichkeit suchten, das Land verlassen zu können. Abgeschlossen wird der Band mit einigen Texten und Gespräch mit Nachfahren von Protagonist*innen des Roten Wien, etwa dem Enkel des vormaligen Gesundheitsstadtrats Julius Tandler, dem Sohn von Käthe und Otto Leichter sowie der Enkelin von Helene Bauer.  

Der Band ist eine herausragende Leistung der Herausgeber*innen und Autor*innen, der einen wirklichen Meilenstein bei der Erinnerung und Bearbeitung der Politik des Roten Wien setzt. Er zeigt zudem, an wie vielen Stellen auch aktuelle Anschlüsse möglich wären – hier allerdings verbunden mit einer intensiv zu leistenden Debatte über derzeitige Handlungsbedarfe in Städten und die Verfasstheit von (Stadt-)Gesellschaften und ihren Ansprüchen an politisch-gesellschaftliche Gestaltung (einschließlich der Frage nach dem Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt und gesellschaftlichen Fragmentierungen). 

Beide Bände bieten damit nicht nur vom bloßen Umfang, sondern auch mit Blick auf die Konzentriertheit und Tiefe der inhaltlichen Aufbereitung der jeweiligen Themen ein beeindruckendes Panorama der historischen Entwicklung. Sie zeigen auf, inwieweit sich an Vorstellungen einer sozialen Demokratie orientierende Politikkonzepte verwirklichen lassen – ohne die internen wie externen Begrenztheiten zu ignorieren.

Thilo Scholle, Lünen

Udo Grashoff, Gefahr von innen. Verrat im kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Wallstein Verlag | Göttingen 2021 | 471 Seiten, gebunden | 52,00 € | ISBN 978-3-8353-3950-7

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Untersuchungen über Vertrauensleute (V-Leute) in den NS-Verfolgungsapparaten haben sich zu einem eigenständigen Forschungsfeld entwickelt. Die Gestapo setzte V-Leute gegen beinahe alle Feindgruppen ein. Dass sich die Perspektive der Forschung dabei auf die illegale KPD fokussiert hat, ist sicher mit dem vergleichsweise hohen Bedeutungsgrad des kommunistischen Widerstands erklärbar. Und die bislang vorliegenden Erkenntnisse über das Phänomen sind eindeutig: Ohne die Mitwirkung hunderter V-Leute wäre es der politischen Polizei kaum gelungen, den kommunistischen Widerstand im Zuge der großen Verhaftungswellen in den Jahren 1933 bis 1935/36 derart effektiv zu zerschlagen. 

In seiner aus einer bei der Universität Leipzig eingereichten Habilitationsschrift hervorgegangen Monografie dehnt Udo Grashoff die auf die Agententätigkeit im Dienste der Gestapo enger geführte Forschungsoptik auf einen weiter gefassten, analytischen Verratsbegriff aus, »der sich an der individuellen Handlungslogik orientiert«, die den Bruch eines Treueverhältnisses sowie ein intentionales Agieren voraussetzt. Damit soll »die Verratszone bis in ihre Randbereiche« erfasst werden (S. 14 f.). Mittels Clustertechnik hat Grashoff zahlreiche Einzelfälle in Kategorien gefasst und damit Verrat in den jeweiligen Konstellationen »von situativen Faktoren und individuellen Handlungsdispositionen« ausgeleuchtet (S. 432 f.).  

Das »kommunistische Verrats-Label« wird dabei in sechs Untergruppen unterschieden: 1. »Renegaten«, die entweder zum politischen Gegner, vor allem zur SA oder/und zur NSDAP, überliefen und/oder die sich im Zuge eines expliziten Gesinnungsverrats demonstrativ für die NS-Propaganda dienstbar machten; 2. »Apostaten«, die sich dem Widerstand entzogen, weil sie die Konsequenzen fürchteten oder dessen Sinnhaftigkeit generell infrage stellten, ohne sich indes auf die andere Seite zu schlagen; dazu kamen 3. »Polizeispitzel«, welche die Gestapo meist aus dem kommunistischen Milieu rekrutierte; überwiegend »umgedrehte« Funktionäre, die als Kollaborateure der Staatspolizei ihre früheren Genossen ausspionierten; 4. »Aussagewillige«, die in den Folterverhören Namen ihrer Genossen preisgaben und somit unfreiwillig der Gestapo halfen; 5. »Mischtypen«, welche Spielräume nutzten, ihr Verhalten situativ an die Rahmenbedingungen anpassten und aus der Notlage heraus Konzessionen an die Gestapo machten oder nur zum Schein auf deren Offerten eingingen; 6. »Verdächtige«, die lediglich infolge aufkommender Gerüchte als angebliche »Verräter/innen« markiert wurden (S. 15 f.). 

Anders als die bisherige Forschung suggeriert, spielten Renegaten aus den Spitzengremien der KPD, etwa aus dem Zentralkomitee (ZK), zumindest in der Anfangsphase der NS-Diktatur keine Rolle. Einen höheren Stellenwert hatten Überläufer/innen der unteren Ebene, die sich manchmal aktiv an den Rollkommandos beteiligten, mit denen SA, SS und Stahlhelm die linken Milieus in den Großstädten angingen. Dabei bildet das Überläufertum in NS-Organisationen nur das Finale einer immensen Fluktuation, die schon in der Weimarer Republik an den Rändern der Partei eingesetzt hatte. In Anbetracht der 1933 einsetzenden Massenverfolgung gegen die kommunistische Bewegung, die sich bis zum Ende der NS-Diktatur auf bis zu 150.000 Verhaftete und etwa 20.000 Tote belief, war dies für die KPD nur ein Problem unter vielen: »Überläufer bewirkten eine signifikante, aber in ihren Ausmaßen begrenzte Erosion der Mitgliederbasis der Partei« (S. 82). Insgesamt könnte bis 1934 ein Sechstel der KPD Parteimitglieder zu den Nazis übergewechselt sein. Bei zuletzt 300.000 Mitgliedern dürfte es sich um eine Größendimension von maximal 50.000 handeln (S. 41 f.). 

Der instabilen Basis der KPD stand indes ein gefestigter Parteikern gegenüber, der den strukturellen Fixpunkt in den indifferenten Mitgliedermassen bildete. Allerdings war die Überführung einer zentralistisch geführten Kaderpartei in eine konspirative Widerstandsorganisation schwierig. Fatalerweise waren es jene unteren Funktionsträger/innen, die als Schreibkräfte, Kuriere oder Sicherungspersonal eine marginale Stellung innerhalb der Parteihierarchie einnahmen, andererseits aber strukturelle Schlüsselpositionen besetzten, die sich als Einbruchstellen der Gestapo erwiesen. Da diese »technischen Mitarbeiter« über ein genaues Insiderwissen der inneren Zusammenhänge verfügten, hatte ihre Konversion verheerende Auswirkungen auf die widerständischen Milieukerne (S. 98 u. 118).  

Die auf den Verfolgungsterror unzureichend vorbereitete Führung der illegalen KPD reagierte darauf, indem sie eine Umstrukturierung bei den »Technischen Aufgaben« vornahm. Vorzugsweise blieb dieser Bereich nun den Angehörigen aus dem sicherheitspolitischen »AM-Apparat« vorbehalten, der bereits unter den Bedingungen der Legalität mit der Spitzelabwehr betraut war. Für die Gestapo war es meist ein langwieriges Unterfangen, diese altgedienten Kader durch Foltererpressung zum Reden zu bringen und anschließend als V-Leute einzuspannen. Wenn bewährte kommunistische Funktionäre jedoch »umgedreht« und dann bis in die Leitungsebenen der Widerstandsnetzwerke vordrangen, wirkten sie wie ein Einfallstor für eine sich kaskadenartig fortsetzende Verfolgungsdynamik. Mit den Angehörigen des KPD-Nachrichtendienstes als V-Leute gelangte die Gestapo an das erforderliche Detailwissen, um der illegalen KPD mittels größerer Verhaftungsaktionen vernichtende Schläge zu versetzen (S. 120). 

Als Erklärung für den Fakt, dass gerade Angehörige des KPD-Nachrichtendienstes zu Verrätern ihrer eigenen Sache wurden, führt der Autor drei Faktoren an: Der Zugriff der Gestapo, die diese Zielgruppe wegen ihrer klandestinen Eignung besonders intensiv »bearbeitete«, der Grad der ideologischen Schulung, wobei sich die weltanschaulich gefestigten Absolventen meist resistenter gegen ihre Zwangsrekrutierung erwiesen. Für einen Seitenwechsel waren drittens dazu noch bestimmte Charaktereigenschaften förderlich. Persönlichkeiten mit »Abenteurer-Mentalität«, die dubiosen Agentenpraktiken zuneigten, ließen sich nicht nur leichter für eine Spitzeltätigkeit gewinnen, sondern legten dabei manchmal außergewöhnlichen Eifer an den Tag (S. 159 ff.).  

Bei ihrem V-Leute-Einsatz konnte die Gestapo einerseits an das bereits vorhandene Erfahrungswissen der Politischen Polizei der Weimarer Republik anknüpfen, andererseits durchlief sie im Zuge ihrer Entwicklung einen Professionalisierungsprozess. Neu daran waren die Ansätze eines zentralisierten »Vertrauensmännersystems«, das die Informationsgewinnung des Gestapa seit 1935/36 reichsweit intensivierte. Der Chef der Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, bezeichnete die V-Männer folglich als »die eigentlichen Träger des Kampfes gegen die marxistischen Organisationen« (S. 163). Mittels ihres gestaffelten V-Leute-Einsatzes gelang der Gestapo die Infiltration einiger Bezirksleitungen der illegalen KPD und sogar deren Steuerung. In Breslau, München oder Wien etwa wurde der Widerstand auf diese Weise solange ausgehöhlt, bis er zur Farce mutierte (S. 164 u. 198 f.). Andernorts, so etwa in Chemnitz, erlebte die Stapo dagegen herbe Rückschläge. Nach Kriegsbeginn war die Gestapo praktisch außerstande, ihre Spitzel in die weiter verzweigten Netzwerke von Großstädten in die Leitungspositionen zu platzieren. Selbst wenn sie auf ihrer Jagd nach »Edelwild«, so der zynische NS-Jargon, Erfolge verbuchte, stieß sie zuweilen auf »hartgesottene Kommunisten […], die alle Vorwürfe abstritten« und eine »todesmutige Standhaftigkeit« bewiesen (S. 212).  

Nach den rigiden Normen der KPD stand beinahe jedes über die kategorische Aussageverweigerung hinausgehende Verhalten unter dem Verdikt des Verrats, was zumeist die Verstoßung aus der Partei nach sich zog – ungeachtet des Umstands, dass der Kapitulation in den Verhören fast immer eine brutale physische und psychische Gewaltausübung vorausgegangen war. Um dem Schicksal eines Verräters an den Genossen zu entgehen, verübten viele Kommunisten Suizid. Andere verfielen auf Ausweichstrategien, bei denen »Schwankungen, Ausweichbewegungen, Taktik, Opportunismus und Kollaboration […] oft eine schwer zu durchschauende Melange [bilden]« (S. 237). In der Zwickmühle machten die Verhafteten zunächst oft widerwillig Konzessionen an ihre Peiniger, bekamen später jedoch Skrupel. Temporäre Handlungsspielräume nutzten sie dazu, um der Gestapo substanzlose Informationen zu liefern. In einigen Fällen gelang es den Betroffenen tatsächlich, ihre Verfolger auszumanövrieren. Nach Schätzungen des Reichssicherhauptamts waren mindestens 30 Prozent aller V-Leute nicht verlässlich. Daneben gab es aber auch Verräter/innen aus Überzeugung, bei denen es zur Herbeiführung eines Gesinnungswandels keiner Gewalt bedurfte. Wenn die Staatspolizei auf eine sukzessive »Zerstörung der subjektiven Sinnstruktur« (Klaus-Michael Mallmann) derjenigen abzielte, die ihr in die Fänge gerieten, bot sie ihren Konfidenten gleichzeitig eine neue Identität an, mit der sich entleerte Ideale kompensieren ließen. Erleichtert wurde die Ablösung des Loyalitätsverhältnisses, wenn die Bindungen an die KPD bereits durch interne Konflikte erschüttert waren.  

Im Umgang mit Verrätern setzte die illegale KPD die schon vor 1933 praktizierten Methoden der Spitzelabwehr fort. Im zeitlichen Abstand gab der sicherheitspolitische AM-Apparat Spitzelwarnlisten heraus, die nach der »Schrotflintenmethode« zwar eine beträchtliche Anzahl von Treffern aufwies, aufgrund unbewiesener Verdachtsmomente aber öfters über das Ziel hinausschoss. Insofern bekamen die »zerstörerische Wirkung des Verdachts […] zahlreiche Kommunisten im Widerstand zu spüren« (S. 381). Nach den strikten Normen des Parteireglements blieb den Verhafteten letztlich nur der Suizid als Ausweg. Der Autor hebt hervor, dass die »Unerbittlichkeit in der Handhabung des Verratsbegriffes durch die illegale KPD […] jedoch nicht mit Beliebigkeit oder Paranoia verwechselt werden [darf]« (S. 381 u. 437) oder gar einem Auswuchs des stalinistischen Terrors in der UdSSR gleichkam, wo jedwede Abweichung von der Parteilinie inflationär als Verrat stigmatisiert wurde. Die Spitzelgefahr in Deutschland war rational begründet und deren Abwehr eine Reaktion auf eine unmittelbare Existenzbedrohung. Wenn im Widerstand gelegentlich Gewaltakte gegen überführte Spitzel vorkamen, geschahen diese fast nie aus Tötungsabsicht: »Fememorde gehörten generell nicht zum Repertoire der illegalen KPD« (S. 417).  

Die Frage, ob das Überlaufen zu den NS-Organisationen in der Durchsetzungsphase des Regimes 1933/34 gar als »empirischer Test der Reichweite der Totalitarismustheorie dienen« kann, verneint der Autor. In Anbetracht des Umstands, dass Übertritte in der Regel nicht aus freier Meinungsbildung resultierten, sondern in Zwangslagen erfolgten, kann »die These einer durch innere Wesensverwandtschaft bedingten Konvertibilität von Links- und Rechtsextremismus […] für das gesamte Verratsgeschehen keine Gültigkeit beanspruchen« (S. 434). Ebenso wenig lassen sich seine Befunde als Gegenthese zur Heldenerzählung in der DDR heranziehen, um die Geschichte der KPD quasi als eine von Verrätern darzustellen. Ungeachtet mancher Beispiele von Schwäche, Tragik und Niedertracht im kommunistischen Milieu warnt der Autor vor einer »Überbetonung der Verratsproblematik«. Über deren Bedeutungsgrad für den kommunistischen Widerstand kommt der Autor daher zu einer paradox anmutenden Einschätzung: In funktionaler Hinsicht stellte Verrat für die illegale KPD zwar ein signifikantes, existenzbedrohendes Problem dar, war aber trotz seiner verheerenden Auswirkungen zugleich ein peripheres Phänomen (S. 162 u. 433 f.).  

Auf einem zweifellos kontaminierten Terrain hat der Autor alle erdenklichen Fallstricke vermieden, indem er, statt vorschnell zu (ver)urteilen, stets abwägend analysiert. Sein Werk dürfte einen bleibenden Wert für die Historiografie behalten.

Hartmut Rübner, Berlin

Sammelrezension: Das Jahr 1943 in Italien als Zäsur in Selbstzeugnissen und Erinnerungskultur

Norman Lewis, Neapel ’44. Ein Nachrichtenoffizier im italienischen Labyrinth

Folio Verlag | Wien/Bozen 2016 | 238 Seiten, gebunden | 22,90 € | ISBN 978-3-85256-687-0

Luciana Castellina, Die Entdeckung der Welt

Laika Verlag | Hamburg 2016 | 192 Seiten, kartoniert | 21,00 € | ISBN 978-3-944233-64-2

Giacomo Notari, Ihr Partisanen, nehmt mich mit Euch. Ein Bericht aus der Resistenza

PapyRossa Verlag | Köln 2018 | 159 Seiten, kartoniert | 12,00 € | ISBN 978-3-89438-583-5

Adelmo Cervi, Meine 7 Väter. Als Partisan gegen Hitler und Mussolini

Mandelbaum Verlag | Wien 2016 | 421 Seiten, Broschur | 19,90 € | ISBN 978-3-85476-652-0

Enrico Loewenthal, Hände hoch, bitte! Erinnerungen des Partisanen Ico

Hentrich & Hentrich Verlag | Berlin 2014 | 206 Seiten, gebunden | 22,00 € | ISBN 978-3-95565-060-5

Paolo Emilio Petrillo, Der Riss 1915–1943. Die ungelösten Verflechtungen zwischen Italien und Deutschland

Drava Verlag | Klagenfurt 2016 | 358 Seiten, kartoniert | 19,80 € | ISBN 978-3-85435-808-4

Wolfgang Storch/Klaudia Ruschkowski (Hrsg.), Deutschland – Italien. Aufbruch aus Diktatur und Krieg

Sandstein Verlag | Dresden 2013 | 396 Seiten, kartoniert | 48,00 € | ISBN 978-3-95498-018-5

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In der italienischen Erinnerung nimmt das Jahr 1943 als zeitgeschichtliche Zäsur vielfach einen wichtigeren Rang ein als das Kriegsende 1945. Mit der Absetzung Benito Mussolinis als Regierungschef am 25. Juli 1943 endete der ventennio, die gut 20-jährige faschistische Herrschaft, was zu verbreiteten Jubelkundgebungen in der Bevölkerung führte, und mit der Bekanntgabe des Waffenstillstandes zwischen dem Königreich Italien und den westalliierten Kriegsgegnern am 8. September 1943 und der gleichzeitigen Landung US-amerikanischer und britischer Truppen im Süden der Apenninenhalbinsel eröffnete sich die Perspektive einer freiheitlich-demokratischen Entwicklung des Landes. Währenddessen entpuppte sich mit dem Einmarsch von Wehrmachtverbänden, die sich schon Monate zuvor geschwürartig auf dem Territorium des Partners im »Achsen«-Bündnis auszubreiten begonnen hatten, seit diesem 8. September das Deutsche Reich als der neue und eigentliche Feind aller anti- und nichtfaschistischen Kräfte Italiens, während die spätfaschistische »Repubblica Sociale Italiana« gewiss noch erhebliches Unheil anzurichten vermochte, letztlich aber im Schatten der nationalsozialistischen Besatzungsorgane agierte und deren Existenz kaum zu überleben imstande sein würde. Es entwickelte sich landesweit eine multiple, unübersichtliche Konfliktlage, in der alliierte gegen deutsche Armeen um den Besitz Italiens kämpften, deutsche Besatzungstruppen und Verfolgungsorgane im Vorgehen gegen Aufständische, Partisanen und regionale Befreiungskomitees mitunter mit brutalsten Mitteln ihre Ziele verfolgten, und linke und republikanische Freiheitskämpfer in kaum weniger brutal ausgetragenen bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen mit radikalfaschistischen Milizen um die Zukunft Italiens rangen, während in dem Gebiet unter alliierter Militärherrschaft erste politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Weichenstellungen für diese Zukunft im Wettbewerb wieder erstehender pluralistischer Parteien erfolgten. Für viele Italiener brachten die Monate zwischen Sommer 1943 und Frühjahr 1945 neue Hoffnungen und erneute Enttäuschungen mit sich, für Millionen von ihnen noch einmal extremes Leid und Entbehrungen. Die Soldaten des sich auflösenden italienischen Heeres desertierten, verschwanden per Osmose in der Gesellschaft, versteckten sich oder suchten Schutz bei den alliierten Verbänden; von ihren ehemaligen deutschen Verbündeten drohte ihnen zu Tausenden kaltblütiger Mord und zu Hunderttausenden die Verschleppung als Militärinternierte ins Reich, um dort als Zwangsarbeiter unter üblen Bedingungen in Lagern untergebracht zu werden. Die Zivilbevölkerung, auch dort, wo sie nicht direkt in den verschiedenen Kampfzonen ansässig war und nicht Partei ergriff, litt unter Hunger und Desorganisation, Mangel an allem und der potentiellen Bedrohung durch Besatzungs- und Kampfverbände aller Art. Für politisch oder als Juden verfolgte Menschen erschien der 25. Juli 1943 zunächst als Lichtblick, bevor mit dem Hereinbrechen der deutschen Herrschaft die Situation für sie noch einmal nachhaltig gefährlich wurde, und zwar jetzt lebensgefährlich.

Diese kurze Phase italienischer Zeitgeschichte wird durch einige Selbstzeugnisse ganz unterschiedlicher Art beleuchtet, die im Berichtszeitraum[1] in deutscher Übersetzung von kleineren Verlagen publiziert wurden. Sie seien im Folgenden kurz annotiert und auf die Frage hin überprüft, inwiefern sie für die wissenschaftliche Forschung von Relevanz sind. Norman Lewis (1908–2003), der nach dem Krieg als Roman- und Reiseschriftsteller bekannt werden sollte, betrat mit seiner Einheit just am 8. September 1943 als Unteroffizier des »Field Security Service«, eines militärischen Nachrichtendienstes der britischen Armee, im Rahmen der alliierten Landung bei Paestum italienischen Boden und versah daraufhin gut ein Jahr lang seinen Dienst als Besatzungssoldat in der Stadt Neapel und ihrem Umland. Seine als Tagebuch deklarierten Aufzeichnungen bieten offenkundig eine nachträgliche, literarisch sorgfältig aufbereitete Darstellung seiner dortigen Erlebnisse und Beobachtungen. Sie liegen in einer deutschsprachigen Neuausgabe vor. Lewis schildert den Übergang von direkten Kriegshandlungen zu einer Situation, in der sich durch das allmähliche Vorrücken der alliierten Front nach Norden das Ende der Kämpfe vor Ort abzeichnete, wenngleich Neapel weiterhin zum Ziel schwerer deutscher Bombenangriffe wurde, deren Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung der Verfasser ebenso drastisch schildert und als völlig sinnlos verurteilt wie die ständigen verheerenden US-amerikanischen Bombardements selbst kleinerer italienischer Orte, die häufig keinerlei militärischen Nutzen erbrachten. Von Bedeutung im Hinblick auf die interalliierte Zusammenarbeit in Italien erscheinen Lewis’ Hinweise auf ein vielfach verständnisloses Nebeneinander britischer, US-amerikanischer und kanadischer Kampf- und Besatzungseinheiten und auf gegenseitige Ressentiments, auch auf Kriegsverbrechen und Vergewaltigungen im besetzten Hinterland (bemerkenswert ist auch hier der Hinweis auf das einschlägige Verhalten französischer Kolonialtruppen aus Nordafrika auf S. 165f.). Den Hauptinhalt des Buches bilden die Zustände im soeben vom Faschismus befreiten Kampanien: Der grassierende Hunger, der offenkundig bereits in den letzten zwei Jahren der faschistischen Herrschaft zum Hauptübel für die Bevölkerung geworden war und der auch in den ersten Monaten der alliierten Besetzung nicht wirksam bekämpft werden konnte, der vollständige Mangel an Arbeitsmöglichkeiten und die nicht zuletzt daraus resultierende weitverbreitete Prostitution, der Schwarzmarkt, auf dem vor allem aus den reichen Beständen der Besatzungsmächte alles zu haben war, die Korruption, in die wiederum auch Instanzen der US-amerikanischen Militärregierung bis in hohe Ränge verwickelt waren, die auch für die Re-Installation von mafiösen Strukturen im Umland von Neapel verantwortlich zeichneten – Italo-Amerikaner und Remigranten spielten dabei ebenso eine Rolle wie unter dem Faschismus aus dem Verkehr gezogene und nun entlassene ehemalige Strafgefangene –, die für Außenstehende letztlich undurchschaubar und unverständlich bleibende Gemengelage von Camorra, vagabundierenden Verbrecherbanden, korrupten Verwaltungen und Polizeiorganen, letztlich auch unfähiger und selbst nicht von Korruption unberührter Militärjustiz. Norman Lewis hält die alliierte Militärregierung in Kampanien schließlich für vollkommen korrupt und im Grunde gescheitert angesichts einer Gesellschaft, die Lewis mit einem afrikanischen Stammessystem vergleicht (der Verfasser präsentiert sich nicht frei von biologistischen und tendenziell rassistischen Ressentiments; er beschreibt gerne »wieselgesichtige« oder »hyänengesichtige« Menschen oder solche mit einem »schrumpeligen kleinen Affengesicht« (S. 111, 153, 112) und argumentiert mitunter in einer Weise, die der heutige Leser nicht für politisch korrekt halten wird). Es entsteht das Bild einer archaischen Gesellschaft, die sich durch äußere Einflüsse kaum verändern lässt, ähnlich wie in Carlo Levis autobiografisch fundiertem Roman »Cristo si è fermato a Eboli« (Christus kam nur bis Eboli). Wenn ein authentisches Tagebuch von Norman Lewis als Grundlage seiner Darstellung existiert, dann würde eine wissenschaftliche Edition nützlich sein – in der vorliegenden Form ist sein Buch als Quelle für die zeitgeschichtliche Forschung nur sehr bedingt brauchbar, indem es nachträglich reflektierte Impressionen liefert.

Das gilt erst recht für die autobiografische Darstellung von Luciana Castellina (geb. 1929) über ihre Jugend zwischen bürgerlichen und faschistischen Erziehungseinflüssen und einer anfänglich ziellosen, dann immer konsequenter verlaufenden Hinwendung zum Parteikommunismus in den Jahren von 1943 bis 1947. Die Idee zu dem Buch kam der Verfasserin, die inzwischen eine lange Karriere als kommunistische Politikerin und Journalistin hinter sich hatte, im Alter von gut 80 Jahren, als sie das Tagebuch wiederfand, das sie vom 26. Juli 1943 bis zu ihrem Eintritt in den »Partito Comunista Italiano« (PCI) im Herbst 1947 geführt hatte. Daraus werden verstreute Zitate wiedergegeben, darüber hinaus auch unsystematisch einige längere Passagen: Aus ihnen wird ersichtlich, dass eine Gesamtpublikation dieser pubertären Aufzeichnungen keinen Gewinn für die Zeitgeschichtsforschung bedeuten würde, da sie weitgehend inhaltsleer sind und im wesentlichen »nur Informationen aus zweiter Hand, von älteren Schulkameraden« wiedergeben (S. 105). Das weiß Castellina, und deshalb besteht ihr Buch ersatzweise aus weitschweifigen und geschwätzigen Reminiszenzen an ihre Familiengeschichte, ihre lebenslangen Bekanntschaften und Freundschaften – sie lernte anscheinend ausschließlich Menschen kennen, die später Berühmtheit erlangen sollten oder zumindest sehr wichtig waren – und ihre einstigen Träume und Lernprozesse: Es handelt sich um nichts als eine mäßig interessante coming-of-age-Geschichte. Immerhin bekommt der Leser Hinweise auf die durchaus erträgliche Situation einer bourgeoisen Familie mit teilweise jüdischem Stammbaum unter den faschistischen Rassengesetzen mit deren zahllosen Ausnahmen und Schlupflöchern – bis die Situation in Norditalien und in Rom sich mit der deutschen Herrschaft drastisch veränderte – und auf Triest, den Herkunftsort des jüdischen Familienzweigs, über dessen Zuordnung im Staatenkonflikt nach 1945 im Zwiespalt von nationalitalienischen und kommunistisch-internationalistischen Sichtweisen reflektiert wird. Im Übrigen enthält die Darstellung zahllose Zeugnisse des »naiven Enthusiasmus« (S. 137) einer Frau, die auch 2011 noch »eine schmerzhafte Sehnsucht« nach dem längst untergegangenen PCI verspürte (S. 192). Die in den Text verwobenen Fragmente ihres Tagebuchs stellen durchgehend ihre Einsicht »Ich weiß nichts und bin nichts« (S. 148) unter Beweis, und am Ende hielt Luciana Castellina »das Schreiben eines Tagebuchs [...] für eine allzu kindische Tätigkeit« (S. 174): In ihrem eigenen Fall hatte sie recht.

Auch der Ende 1927 geborene Giacomo Notari brachte mit gut 80 Jahren seine kurzgefassten Erinnerungen zu Papier. Um den versprochenen »Bericht aus der Resistenza« handelt es sich nur zu geringen Teilen. Das erste Drittel des Büchleins erscheint unter historischen Gesichtspunkten am interessantesten; es beschreibt anschaulich das Leben in einem emilianischen Gebirgsdorf von rund 300 Einwohnern in den 1930er-Jahren. Merkwürdigerweise scheinen dort keine Faschisten aktiv gewesen zu sein, und von Faschismus ist kaum etwas zu erfahren. Notaris Ausführungen zu seiner Tätigkeit als 17-Jähriger im Partisanenkrieg umfassen dagegen kaum 15 Seiten und gipfeln in seiner Gefangennahme eines deutschen Soldaten. Schließlich schildert er sein Berufsleben als parteikommunistischer Politiker in apenninischen Berggemeinden, in der Provinzregierung von Reggio Emilia und als Funktionär des regionalen Partisanenverbands bis über die Jahrtausendwende hinweg. Für die Zeit zwischen 1943 und 1945 gewinnt man einige Impressionen zu umherstreifenden italienischen und deutschen Soldaten sowie zu den Freiräumen, die sich in dem formal zur Republik von Salò gehörenden Gebiet zwischen Poebene und Apennin für Menschen auftaten, die sich dem Zugriff von sozialfaschistischen Behörden und deutschen Besatzungsorganen entzogen. Notari erinnert in diesem Zusammenhang überall solidarisches Verhalten seiner Landsleute. Der Verfasser berichtet darüber hinaus, er habe sich im Frühjahr 1944 im Alter von 16 Jahren nach Reggio aufgemacht, sich dort bei der Kommandantur der faschistischen Miliz gemeldet und darin Aufnahme gefunden – obwohl ihm ein Mindestalter von 20 Jahren bedeutet wurde – mit dem Ziel, im Sinne der Partisanen »all die jungen Männer, die gegen ihren Willen eingezogen worden waren, zu überzeugen, dass sie desertierten« (S. 73f.), und tatsächlich sei ihm dort das »Vertrauen [...] von vielen Dutzend anderen Soldaten entgegengebracht« worden, »die ich ganz offen aufforderte zu desertieren« (S. 81). Nach der Verlegung seiner Einheit nach Como, wo offenbar ein Kampfeinsatz bevorstand, sei Notari desertiert und habe sich mit einem Kameraden wieder in seine Heimatprovinz durchgeschlagen, um dort Anschluss an die Partisanen zu suchen. Mag auch das Gerüst stimmen: Ein kritischer Interpret solcher Zeitzeugenberichte wird bezüglich der Motivation von Notaris Eintritt in die Miliz skeptisch bleiben.

Notari will im Oktober 1943 auch Aldo Cervi begegnet sein (S. 67), der aufgrund seiner Hinrichtung infolge eines Urteils des sozialrepublikanischen Sondergerichts Reggio Emilia Ende Dezember 1943 zu einem Mythos der italienischen Resistenza-Erinnerungskultur heranwuchs. Seine sechs Brüder wurden mit ihm erschossen. Das Schicksal der Cervis generierte diverse Veröffentlichungen bis hin zu einem Spielfilm. Mit Aldo Cervis Lebens- und Familiengeschichte setzt sich sein im August 1943 geborener Sohn Adelmo in einem ungewöhnlichen Buch auseinander, das mit Hilfe eines Ko-Autors entstand und in einer Erstpublikation in deutscher Übersetzung vorliegt. Das von Giovanni Zucca zusammengestellte Buch lässt sich keiner literarischen Gattung zuordnen: Es kombiniert Erzählungen und Erinnerungen Dritter mit Dokumenten und Forschungsergebnissen und fügt reichlich fiktive Dialoge und erfundene Gegebenheiten hinzu. Von der Geschichtswissenschaft bewegt es sich weit entfernt, wenngleich die Autoren immer wieder beachtenswerte Reflexionen über das Verhältnis von Faktizität und Fiktion einfügen.

Auch die Erinnerungen eines weiteren hochbetagten ehemaligen Partisanen an seine Zeit in der Resistenza sind von einer ausführlichen Darstellung seiner Kindheit und Jugend in Turin und seiner beruflichen Tätigkeit als Unternehmer sowie seines Einsatzes für die Vergangenheitsbewältigung nach 1945 eingerahmt. Enrico Loewenthal kam als Sohn jüdischer Eltern – sein Vater war aus Deutschland eingewandert, gründete in Turin ein erfolgreiches Handelsunternehmen und heiratete eine Italienerin – 1926 zur Welt und bekam seit 1938 die Auswirkungen der antijüdischen Gesetzgebung der italienischen Regierung zu spüren. Voller Bitterkeit schildert er seinen zeitweiligen Wechsel auf eine jüdische Schule, die Abwendung vieler Freunde von der Familie, geschäftliche Einschränkungen, die Wiederaberkennung der von seinem Vater erworbenen italienischen Staatsbürgerschaft, die für jüdische Italiener gekürzten Lebensmittelrationen. Gleichwohl gibt auch seine Darstellung der Jahre 1938 bis 1943 zu erkennen, dass er und seine italienischen Verwandten als Angehörige einer ausgesprochen wohlhabenden und gut vernetzten Familie unter den faschistischen Rassengesetzen trotz zahlreicher diskriminierender Maßnahmen in insgesamt erträglichen Zuständen lebten: Selbst sein Onkel Rudolf, der als »gefährliches Element« zeitweise im Lager Ferramonti interniert war, das sich »dank der Toleranz seiner Direktoren und des Anstand[s] seiner Bewohner bald zu einer richtigen kleinen Stadt mit Bibliothek, Synagoge, Schule und Friedhof« entwickelt habe, und der dann mit seiner Familie in »ein Bergdorf in der Provinz Parma« verbannt wurde, beschwerte sich dort allenfalls über »ein ziemlich unbefriedigendes Leben« (S. 41f.). Noch 1943 verbrachten die Loewenthals ihre Ferien unbehelligt in der Sommerfrische ihres Landhauses in den Hügeln bei Turin, wo sie nach kurzfristigen Hoffnungen infolge des politischen Umsturzes vom 25. Juli rasch erkannten, dass ihnen mit der Übernahme des Landes durch deutsche Besatzungsorgane Gefahren von ganz anderer Qualität drohten. Sie erhielten von einem Mitarbeiter der Stadtverwaltung neue Papiere, die sie als »Arier« auswiesen, und zogen sich in ein abgelegenes Bergtal zurück. Enrico wollte gegen Deutsche und Faschisten kämpfen und schloss sich im Alter von 17 Jahren den Partisanen an, einer von nicht wenigen Partisanen jüdischer Religion oder Abstammung. Loewenthal legt eine lebendige Schilderung seiner Aktionen im italienisch-französischen Grenzgebiet Piemonts und im Aostatal vor, eines zumeist auf die Defensive beschränkten Abwehrkampfes gegen wiederholte faschistisch-deutsche Offensiven, einer zunehmend gedeihlichen grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mit französischen und US-amerikanischen Militärs, von Entbehrungen, Hunger und Erschöpfung während des Einsatzes im Hochgebirge. Loewenthals Erinnerungen sind insofern untypisch, als sie nicht die verbreitete und oft stereotype kommunistische Sichtweise widerspiegeln: Er brach aufgrund der in den kommunistisch geführten »Garibaldi«-Einheiten angewandten Methoden im Umgang mit »Abweichlern« mit ihnen und wechselte zu der radikal-demokratischen Gruppierung der Aktionspartei, des »Partito d’Azione«, der im Geiste der Widerstandsbewegung »Giustizia e Libertà« agierte, stieg als 18-Jähriger zum Kommandanten zweier rund 20 Mann starker Kampfgruppen auf und sollte sein Leben lang ein streitbarer Antikommunist bleiben. Die Frage der Authentizität und damit der Brauchbarkeit solcher Erinnerungsschriften als historische Quelle stellt sich naturgemäß auch hier, zumal der Verfasser behauptet, er »konnte ein ganzes Batallion [sic] deutscher Soldaten überreden, sich zu ergeben, und führte sie dann über einen Pass in die Schweiz« (S. 12). Angesichts dieser abenteuerlichen Geschichte, der zufolge diese »Vielzahl« von Wehrmachtsoldaten Anfang April 1945 auf einen Bluff hin einfach ihre Waffen mitsamt schwerem Gerät einer Handvoll Partisanen ausgeliefert hätte (S. 123–132), würde ein zeitgenössischer, authentischer Beleg oder wenigstens die Darstellung weiterer Zeugen nützlich sein.

Wer sich mit dem Nutzwert von »Erinnerungen« schwertut, die im Abstand von sechs oder sieben Jahrzehnten niedergeschrieben wurden, der wird auch mit dem Band des italienischen Journalisten Paolo Emilio Petrillo über »die ungelösten Verflechtungen zwischen Italien und Deutschland« wenig anfangen können. Petrillo geht von der These aus, »für die Italiener« bedeute »der 8. September 1943 ein schmerzhaftes und schwieriges Ereignis, das vielleicht noch nicht völlig geklärt, aber zumindest lange diskutiert worden ist«, während dagegen »sowohl in der deutschen Erinnerungsliteratur als auch in historischen Abhandlungen der 8. September 1943 kaum Beachtung findet«; »das historische Ereignis 8. September 1943« habe »aus dem Blickwinkel der Deutschen bis heute keine historiographische Beachtung gefunden« (S. 22f. und 33). Das ist schon deshalb eine kühne Aussage, weil Petrillo einschlägige Arbeiten von Rudolf Lill, Jens Petersen, Gerhard Schreiber, Josef Schröder, Michael Wedekind oder Hans Woller nicht kennt. Es offenbart darüber hinaus ein gewisses Maß an Obsession, ein anhaltendes Leiden Petrillos und anderer italienischer Intellektueller angesichts vermeintlicher, von deutscher Seite vorgebrachter Vorwürfe einer mangelnden Einsatzbereitschaft und Leistungskraft der italienischen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg, insbesondere eines italienischen »Verrats« des deutschen Bundesgenossen an jenem 8. September, auch scheinbarer deutscher Überlegenheitsgefühle und Überheblichkeitsattitüden gegenüber Italienern im allgemeinen. Petrillo fragt sich jedenfalls, was dieses Ereignis des italienischen Waffenstillstands mit den Westalliierten und des damit verbundenen Frontwechsels »für die Deutschen« darstelle: »Welchen Einfluss, auch emotional, hatte es auf die Politik der deutschen Besatzer, die bis zum April 1945 in Italien waren? Und in welchem Maß prägen die Urteile, die sich die Deutschen damals bildeten, weiterhin das deutsche Italienbild?« Es könne nützlich sein, »über den 8. September auch etwas aus der Perspektive der Deutschen zu erzählen, und zwar, weil eine Analyse bestimmter historischer Vorgänge vielleicht helfen könnte, das gegenseitige Unverständnis zu überwinden, das immer noch häufig zwischen Italien und Deutschland« bestehe (S. 22 und 122). Dieses Anliegen mag man ungeachtet der Gemeinplätze und Unschärfen, die Petrillos Ansatz kennzeichnen, für sinnvoll halten oder nicht; seine Herangehensweise erweist sich jedoch als unterkomplex und führt zu keinem Ergebnis. Auf rund 150 Seiten erstellt der Verfasser einen wenig inspirierten Abriss einiger Aspekte deutsch-italienischer Beziehungen von den 1920er-Jahren bis 1943, dessen Irrelevanz er selbst präzise auf den Punkt bringt: »Da es sich um sehr bekannte Ereignisse handelt, über die es bereits eine reiche Literatur gibt, ist die Darstellung dieser Geschichte hier bewusst knapp gehalten und soll hauptsächlich helfen, die Berichte und Kommentare der deutschen Zeitgenossen für diesen fraglichen Zeitraum einzuordnen« (S. 51). In diese »Darstellung« werden zahlreiche mitunter lange Zitate aus den einschlägig bekannten deutschen Quellenpublikationen und der Memoirenliteratur eingestreut – das Goebbels-Tagebuch, Protokolle von Hitlers Lagebesprechungen, die Lageberichte des Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS, Zeitungsartikel von Hermann Göring und Reden Adolf Hitlers, Memoiren von Erwin Rommel und Fridolin von Senger und Etterlin. So bekommt ein Journalist rasch die Seiten voll. Die andere Hälfte des Buches füllen Niederschriften von Gesprächen Petrillos mit an die 90 Jahre alten ehemaligen deutschen Soldaten, die sich zum Teil 1943 nicht einmal in Italien aufhielten. Diese wörtlich wiedergegebenen, in der Gesprächsführung ziellosen Interviews erweisen sich als vollständig sinnfrei, zumal der Verfasser sie einfach nur publiziert, ohne auch nur die geringste Anstrengung zu ihrer Einordnung oder Interpretation zu unternehmen. Einen Versuch, die von ihm aufgeworfenen Fragen zu beantworten, sucht der Leser vergeblich. Dieses völlig nichtssagende Buch wird die zeitgeschichtliche Forschung nicht voranbringen.

Dem 70. Jahrestag der Besetzung Italiens durch die deutsche Wehrmacht verdankt auch ein 2013 erschienener Band des Deutschen Historischen Museums in Berlin seine Entstehung: Er war »ursprünglich als Begleitveröffentlichung zu einer umfassenden Ausstellung zum deutsch-italienischen Verhältnis seit 1943 vorgesehen« – ein solches »gleichermaßen wichtiges wie ehrgeiziges Projektvorhaben« (S. 8) wurde jedoch aus nicht genannten Gründen nie realisiert. Es handelt sich also um einen Ausstellungskatalog ohne dazugehörige Ausstellung. Geboten werden Texte in Häppchenform im Umfang von einer bis sieben Seiten von zumeist bekannten Autoren oder einschlägig ausgewiesenen Expertinnen und Experten zu Aspekten der deutsch-italienischen Geschichte vom Beginn der faschistisch-nationalsozialistischen Kooperation bis zum Mauerfall. Darin geht es um die deutsche Besatzungspolitik in Italien und den Partisanenkrieg, Militärinternierte und Deportierte, Wirtschaftsbeziehungen, die Südtirol-Frage, Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi sowie Walter Ulbricht und Palmiro Togliatti – die DDR wird stets mitbedacht –, das Gedenken an deutsche Massaker in Italien und an die dort gefallenen Wehrmachtsoldaten. Vor allem aber werden zahllose Begegnungen, Verflechtungen und Spiegelungen der beiden Länder im kulturellen Bereich gewürdigt: Literatur und Kunst, Kino und Theater, Musik und Architektur, die gegenseitige Perzeption von Künstlern, Schriftstellern und Philosophen sowie Orte des kulturellen Austauschs werden in kaleidoskopartiger Vielfalt mittels zeitgenössischer und darstellender Texte abgehandelt. Das alles ist reichlich illustriert durch Fotografien, Zeichnungen und Abbildungen von Kunstwerken, und mit Zeittafeln und Literaturhinweisen versehen. Es handelt sich um ein Buch zum anregenden Durchblättern, von dem für die zeitgeschichtliche Forschung keine neuen Impulse ausgehen werden.

Rainer Behring, Köln

[1] Diese Sammelbesprechung ergänzt einen zweiteiligen Forschungsbericht des Autors, der im gedruckten Band des Archivs für Sozialgeschichte veröffentlicht wurde: Rainer Behring, Italien im Spiegel der deutschsprachigen Zeitgeschichtsforschung. Ein Literaturbericht (2013–2018). Erster Teil: Erster Weltkrieg, Kontroversen um den italienischen Faschismus und um Benito Mussolini, in: AfS 59, 2019, S. 369–408; Zweiter Teil: Spezialstudien zur faschistischen Herrschaft und zur Italienischen Republik seit 1946, in: AfS 61, 2021, S. 473–535.

 

Matthias Bauer, Die transnationale Zusammenarbeit sozialistischer Parteien in der Zwischenkriegszeit. Eine Analyse der außenpolitischen Kooperations- und Vernetzungsprozesse am Beispiel von SPD, SFIO und Labour Party

Droste Verlag | Düsseldorf 2018 | 457 Seiten, Broschur | 49,80 € | ISBN 978-3-7700-5339-1

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Im Mai 1923 schlossen sich in Hamburg die beiden »übriggebliebenen« Flügel der bei Kriegsausbruch im August 1914 zerbrochenen Zweiten Internationale zur Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI) zusammen. Sie verstanden sich im Unterschied zur nun in der Kommunistischen Internationale organisierten revolutionären Linken weiterhin als (rechte oder linke) Sozialdemokraten. Bei den Vereinigungsdiskussionen war es nicht zuletzt um ein grundlegendes Prinzip gegangen, dessen Aufgabe als Ursache ihres Zusammenbruchs benannt wurde: Der Primat der Internationale, der durch die national bestimmten Entscheidungen der sozialdemokratischen Parteien am Vorabend des Weltkriegs unterlaufen worden war. Dies habe das Versagen bei Kriegsausbruch ermöglicht. Nun bestand der artikulierte Konsens darin, eine Wiederholung zu verhindern, auch wenn das so nachdrücklich vor allem vom linken Flügel, von den Wortführern der ehemaligen Wiener Arbeitsgemeinschaft wie Friedrich Adler, formuliert wurde.

Doch die SAI, die sich nun (zumindest bis zum Einschnitt 1933) alle drei Jahre in breit beschickten und mit großer Öffentlichkeitswirkung zusammentretenden Kongressen und ansonsten in ihren regelmäßig tagenden Führungsgremien ausdrückte, war das eine. Zwischen diesen Strukturen der Internationale einerseits und dem Wirken der nationalen Mitgliedsparteien andererseits lag das oftmals viel entscheidendere transnationale »Zwischengeschoss« der Kontakte von Partei zu Partei, bei denen insbesondere die »Schwergewichte« – SPD, SFIO und Labour Party – ihren Einfluss außerhalb oder jenseits der formellen Entscheidungsebene der SAI geltend machten. Damit war sie doch faktisch bei der Beschlussfassung »nachgelagert«.

Matthias Brandt hat in seiner Augsburger Dissertation genau diese transnationale Zusammenarbeit der drei genannten Parteien für die Zwischenkriegszeit mit Blick auf diese »Sandwichstellung« zwischen »oben« und »unten« untersucht. Sein Ausgangspunkt sind jedoch zunächst eine Skizzierung des Zusammenbruchs der Internationale im Weltkrieg als Ergebnis der Konfrontation der verschiedenen Parteien und dann die verschiedenen Bemühungen ab 1919 um ihre Wiederbelebung bis hin zur Fusion der beiden sich zunächst durchaus scharf gegenüberstehenden internationalen sozialdemokratischen Nachkriegszusammenschlüsse im Jahre 1923.

Die Existenz der SAI, ihre Diskussionen und Entscheidungsprozesse, ihr internationales Wirken liefern dann den Hintergrund, vor dem die spezifische Entwicklung des »Parteiendreiecks« im Spannungsfeld des jeweiligen nationalen politischen Umfelds in allen Einzelheiten entfaltet wird. Dabei stehen im Zentrum die außenpolitischen Probleme durch das in Versailles geschaffene internationale Systems, genauer: die Bemühungen zu dessen Weiterentwicklung durch neue Maßnahmen zur Friedenssicherung. Dies betraf vor allem die Abrüstungsfrage, aber auch die Vereinbarung eines Kriegsächtungspakts und nicht zuletzt das Reparationsproblem.

Dies ging nicht ohne Widersprüche zwischen den einzelnen Parteien und oft auch unter Beiseitedrängen, manchmal sogar unter Ausklammerung der Entscheidungsebene der Internationale vor sich. Exemplarisch zeigte sich das beim Zustandekommen des Locarno-Paktes. Bemühte sich die Labour Party zunächst darum, ein Vertragswerk zur Friedenserhaltung in enger Ankoppelung an den Völkerbund zu schaffen, tendierten SPD und französische Sozialisten dazu, den diplomatischen Bemühungen zwischen den Regierungen Deutschlands und Frankreichs zu folgen, um ein solches aus diesen bilateralen Kontakten zu entwickeln. Das folgte aus den besonderen Bemühungen der SPD um eine vorzeitige Beendigung der Rheinlandbesetzung, wozu der Schlüssel in Frankreich lag.

All das wird minutiös anhand der zahlreichen Kontakte der Parteiführer untereinander wie der Diskussionen in der SAI, ihren Kongressen und Leitungsorganen, nachgezeichnet. Im Großen und Ganzen der Chronologie folgend, mündet die Darstellung in den Endkampf der Weimarer Republik bis hin zur Machtübernahme Hitlers als Herausforderung für die internationale Sozialdemokratie.

Ein abschließender dritter Teil zieht dann gleichsam die Summe aus diesem Hauptteil und entwickelt systematisch die Transferprozesse. Sie drückten sich in den Akteuren, deren persönlicher Austausch oftmals für die Entscheidungsfindungen vorherbestimmend waren (hier werden dazu auch einige vorgestellt), und durch institutionalisierte Beziehungen zwischen den Parteien aus (etwa wechselseitige Parteitagsbesuche oder Zusammenarbeit in der Presse). Dabei waren »Graswurzelkontakte«, wie er sie nennt, beispielsweise Besuche auf Schulungen und Ferienlager, zwar für die Atmosphäre wichtig, aber letztlich nicht für die Beschlussfindung bestimmend. Es zeigt sich, dass manchmal auch nur Fragen der Praktikabilität (Sprachenkenntnisse!) Auswirkungen hatten. Letztlich geht es darum, welche Formen der Kooperation ihre Bedeutung hatten und inwieweit sie dem verkündeten Anspruch auf (proletarischen) Internationalismus entsprachen.

Es erweist sich, dass die Ebene der von ihm so genannten nationalen »Parteieliten«, damit die Formulierung ihrer Interessen aus den jeweiligen staatlichen Zusammenhängen heraus, doch die entscheidende war und damit die Internationale eben nur eine nachgeordnete, ja nachvollziehende Instanz war. Letztlich verwundert das auch nicht. Es hatte sich ja auch durch den Ersten Weltkrieg und die Entscheidung zum jeweiligen »Burgfrieden« ein deutlicher Bruch gegenüber den vor 1914 formulierten Ansprüchen ergeben.

Die Arbeit orientiert sich ganz an den Feldern der klassischen internationalen Politik, was angesichts der zentralen Bedeutung für die Tätigkeit sowohl der Parteien wie der Internationale nun auch nicht verwundert und sicher im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Mitgliedschaft gestanden haben dürfte. Ergänzend kann man aber auch darauf hinweisen, dass sich ein solches Hin- und Herschwanken zwischen dem Wirken der nationalen Führungen und der Beschlusslage der Internationale ebenfalls in der zentralen sozialpolitischen Frage jener Jahre ergab: die gesetzliche Verankerung des Achtstundentags durch eine Ratifizierung des 1919 unter weltweitem sozialdemokratischen Beifall in Washington auf der ersten Konferenz der Internationalen Arbeitsorganisation angenommenen Übereinkommens zu seiner Einführung. Was folgte, waren zahlreiche Beschlüsse der SAI und ein Herumstolpern der Parteien zwischen zahlreichen Vorwänden, die Ratifizierung doch nicht durchzuführen.[1]

Brandt hat mit seiner materialreichen und sehr detaillierten Arbeit, was sich auch in einem beeindruckenden Quellen- und Literaturverzeichnis widerspiegelt, aufgezeigt, wie sehr die Entscheidung von 1914 zur nationalen Integration letztlich weiterhin die Politik der Parteien bestimmte. Die Beschwörung der Internationale war damit nur etwas für eine »Schön-Wetter-Politik«, die ihre propagandistische Bedeutung hatte, sobald man die Entscheidungen auf beiden Ebenen mehr oder weniger kongruent gemacht oder Divergenzen leicht überspielt werden konnten. Die Nagelprobe brachte dann das Jahr 1933. Von nun an blockierte sich die SAI zunehmend selbst und bekam angesichts der zunehmenden Konfrontationen in den Führungsgremien nicht einmal mehr eine größere Tagung zustande. Denn eine solche hätte womöglich zu ihrem Auseinanderplatzen geführt.

Abschließend sei vermerkt, dass der Band über ein Personenregister verfügt, das ja leider oftmals bei Druckfassungen von Dissertationen vergessen wird. Doch auch wenn die Arbeit klar gegliedert ist, ist es ein nützliches Hilfsmittel angesichts der Fülle des Stoffs.

Reiner Tosstorff, Frankfurt am Main

[1] Vgl. dazu Stephan Grabherr, Das Washingtoner Arbeitszeitübereinkommen von 1919. Versuch einer internationalen Regelung der Arbeitszeit in Europa, Berlin 1992; Lex Heerma van Voss, »The International Federation of Trade Unions and the Attempt to Maintain the Eight-hour Working Day (1919–1929)«, in: Frits van Holthoon/Marcel van der Linden (Hrsg.), Internationalism in the Labour Movement, 1830–1940. Leiden/New York u.a. 1988, Bd. 2. S. 518–542.

Jörn-Michael Goll, Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und das NS-Erbe

Beltz Juventa | Weinheim/Basel 2021 | 420 Seiten, gebunden | 48,00 € | ISBN 978-3-7799-6485-8

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Die erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen der Gewerkschaften und ihr Umgang mit der NS-Vergangenheit sind erst ansatzweise erforscht.[1] Der Leipziger Historiker Jörn-Michael Goll, der seine Schwerpunkte in der NS-Geschichte und der Einheits- und Transformationsgeschichte hat, richtet vor diesem Hintergrund sein Augenmerk auf die geschichtspolitischen Debatten der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Angeregt wurde diese Forschung unter anderem durch Auseinandersetzungen zur Bewertung und Rolle des früheren GEW-Vorsitzenden Max Traeger, an dessen Beispiel die Verstrickungen der Lehrerschaft in das NS-System kontrovers diskutiert wurden.[2] Die vorliegende Studie, die von der GEW finanziert wurde, zielt darauf, Grundlagen für die weitere Aufarbeitung der GEW-Geschichte zu schaffen und Forschungslücken zu schließen. Der Autor fragt, »wo und wie genau die Zeit des Nationalsozialismus das Wesen der GEW mitgeprägt und mitbestimmt hat.« (S. 10) Daneben möchte er die finanziellen, ideellen, organisatorischen, personellen und strukturellen Zusammenhänge zwischen der Gründungsgeschichte der GEW und der NS-Zeit aufzeigen. Um das NS-Erbe zu rekonstruieren, wird ein Fokus auf die Darstellung von Strukturen und Zusammenhänge sowie Handlungsmotiven und -spielräumen gelegt. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von der Weimarer Republik bis in die 1970er-Jahre.

Das Hauptkapitel beschäftigt sich mit der Lehrerschaft und den Lehrerorganisationen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Zunächst werden neben der beruflichen Perspektive die Frage der Positionierung der Lehrerschaft zur Weimarer Republik und zum »aufkommenden Nationalsozialismus« (S. 30) erörtert. Während die demokratische Anfangsphase für die Lehrerschaft sowohl Verbesserungen als auch Abstriche, etwa im Einkommensbereich, brachte, verschlechterten sich ihre allgemeinen Lebens- und Arbeitsbedingungen im Rahmen der Wirtschafts- und Staatskrise fortlaufend. Den ausdifferenzierten Lehrervereinen, die kaum politischen Einfluss besaßen, gelang es nicht, die Situation der Lehrkräfte zu verbessern. Obwohl der Großteil von ihnen dem demokratischen Staat anfänglich loyal gegenüberstand, führte die Enttäuschung über Lehrerorganisationen und Staat zur Resignation, Entpolitisierung und in manchen Fällen zu ansteigender Demokratieskepsis. Für die enttäuschten Lehrkräfte gewann die NSDAP und der 1929 gegründete Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) trotz des Fehlens eines konkreten pädagogischen Konzepts zunehmend an Attraktivität. Während die NSDAP als Sprachrohr ansprechend auf die Lehrkräfte wirkte, gewann der NSLB durch Agitation, Propaganda und Symbolpolitik sowie durch seine Kritik an anderen Lehrerorganisationen wie dem Deutschen Lehrerverein (DLV) kontinuierlich an Mitgliedern. Am Beispiel Oldenburgs, wo die NSDAP ab 1932 regierte und durch ihre Politik zur Verschlechterung der Situation der Lehrkräfte beitrug, stellt Goll jedoch keine »außerordentlich große Anfälligkeit« (S. 68) der Lehrkräfte für den Nationalsozialismus fest. Ähnliches traf auch für andere Gebiete zu. Nach einem Überblick über die »Gleichschaltung« der Lehrerorganisationen und der Lehrerschaft wird der Beitritt in den NSLB, die NSDAP oder andere NS-Organisationen bewertet. Hier argumentiert Goll, dass eine Mitgliedschaft in diesen NS-Organisationen nicht zwangsläufig ein Ausdruck der Affinität der Lehrerschaft zum Nationalsozialismus bedeuten musste. Für eine abschließende Bewertung sei vielmehr die »individuelle Motivlage« (S. 105) von Bedeutung. So sahen viele Lehrkräfte, die unter Anpassungsdruck standen, den NSLB als »notwendiges Übel« (S. 97) an. Auch opportunistische Motive konnten für eine Mitgliedschaft von Bedeutung sein. Bereits in Golls Übersicht zur NS-Schul- und NS-Bildungspolitik und die Auswirkungen auf die Lehrerschaft wird deutlich, dass ein Großteil der Lehrkräfte die Entwicklungen im Nationalsozialismus gegen Ende der NS-Zeit als enttäuschend und rückschrittlich wahrnahm. Anhand des Schulalltags analysiert Goll mithilfe von Zeitzeugenaussagen und anderen Quellen den Identifikationsgrad der Lehrerschaft mit dem NS-System sowie ihre Verweigerungs- und Anpassungsbereitschaft. Obwohl es unter den Lehrkräften, deren Schulalltag durch Angst und Ideologisierung geprägt war, viele überzeugte NS-Anhänger gab, verhielt sich die Lehrerschaft mehrheitlich dem NS-System gegenüber mit »weitgehende[r] Passivität« (S. 139). Je nach Nazifizierungsgrad konnten die Lehrkräfte den vorhandenen Handlungsspielraum im Schulalltag unterschiedlich nutzen. Im Krieg und am Ende der NS-Herrschaft, die für die Lehrkräfte die prägendsten Erfahrungen der NS-Zeit waren, machte sich neben Sorgen und Verunsicherungen selbst bei nationalsozialistisch gesinnten Lehrkräften Ernüchterung über die NS-Zeit breit. Goll schildert auch »Widerstandstätigkeit[en]« (S. 166) von Lehrkräften, wobei es sich aber um Einzelfälle handelte.

Das Kapitel zur Nachkriegszeit und zur Formierungsphase der 1948 gegründeten GEW beginnt mit der Bewertung der Entnazifizierungspraxis in den Westzonen und den daraus resultierenden Konsequenzen für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem NS-Erbe. Die westdeutsche Gesellschaft empfand die Entnazifizierungspraxis aufgrund der formalen Belastungskriterien häufig als Unrecht. Daher kam es beim Umgang der Deutschen mit der NS-Vergangenheit zu einem »Pragmatismus« (S. 195), der für die Rehabilitation zahlreicher Beschuldigter beispielsweise durch die Menge an »Persilscheinen« wichtig war. Die alliierte Entnazifizierungspraxis, die je nach Zone unterschiedlich ablief, kann aufgrund der Wiedereingliederung einerseits als gescheitert gelten, trug aber andererseits dazu bei, den Nationalsozialismus strukturell zu zerschlagen. Auch ein erheblicher Teil der Lehrerschaft war aufgrund der zwingenden Teilnahme von Lehrkräften am Entnazifizierungsverfahren im Rahmen der Reorganisation des Schulwesens von der Entnazifizierung betroffen. Somit nahm auch die Lehrerschaft die Entnazifizierungspraxis zum Beispiel aufgrund finanzieller Verschlechterungen negativ auf. Allerdings wurden auch die Lehrkräfte fast vollständig von der Rehabilitation erfasst.

Bei der Untersuchung der Entstehungsumstände der GEW erörtert Goll, was die Interessenorganisation prägte und welche Haltung sie gegenüber ihren Mitgliedern und den politisch Verantwortlichen einnahm. Für den 1947 in der britischen Zone gegründeten Allgemeinen deutschen Lehrer- und Lehrerinnenverband (ADLLV) waren persönliche Kontinuitäten prägend. An der Gründung beteiligten sich Funktionäre ehemaliger Lehrerorganisation wie der bereits erwähnte Max Traeger, die in der späteren GEW wichtige Positionen einnehmen sollten. Bedeutsam waren nicht nur die Bemühungen des ehemaligen DLV-Geschäftsführers Fritz Thiele, sondern auch die Frage der Rückerstattung des Altvermögens, das durch den damaligen NSLB eingezogen worden war. Im Schriftverkehr bis zur Gründung des ADLLV wird deutlich, dass die NS-Vergangenheit für die späteren Gründungsväter kaum eine Rolle spielte, sondern lediglich als »negative Kontrastfolie« (S. 230) benutzt wurde. Statt einer Reflexion war der Blick auf die Zukunft gerichtet. Um Einfluss auf die Schulpolitik nehmen zu können, benötigte der ADLLV den Großteil der Lehrerschaft, sodass er sich seinen Mitgliedern gegenüber pragmatisch verhielt. Selbst ehemals überzeugte NS-Anhänger bzw. die »Belasteten und Verstrickten« (S. 233) sollten in die Organisation integriert werden. Daher setzten sich der ADLLV und die spätere GEW fast vorbehaltlos für die von den Entnazifizierungsmaßnahmen betroffene Lehrerschaft ein. Auf den ersten Vertreterversammlungen wurde die Mitwirkung der Lehrkräfte am Nationalsozialismus kaum thematisiert, es kam vielmehr zur Selbststilisierung des Großteils der Lehrerschaft zu Opfern der Diktatur und der Entnazifizierung. Am Beispiel der Rechtshilfe für Lehrkräfte durch den »Verband Badischer Lehrer und Lehrerinnen«, der später der GEW beitrat, wird deutlich, dass die Gründung einer Rechtsschutzabteilung auch zur Wiedereinstellung ehemaliger NS-Anhänger beitragen konnte. Es folgt eine Übersicht über den Restitutionsvorgang in der GEW.

Das anschließende Kapitel thematisiert den Umgang der GEW mit dem NS-Erbe in der Bundesrepublik bis in die 1970er-Jahre. Bei der Analyse der Mitgliederzeitschrift »Allgemeinen Deutschen Lehrerzeitung« (ADLZ) und weiterer Quellen wird deutlich, dass Schuld- und Verantwortungsfragen anfänglich unbedeutend waren. Wichtiger war vielmehr die Wiedergutmachung. Gegen Ende der 1950er-Jahre kam es in der GEW vermehrt zu Kontroversen über die NS-Vergangenheit. Dabei fand die Bezugnahme zwischen Schuldabwehr und Selbstkritik statt. Durch Kritik am Umgang anderer Institutionen mit der NS-Vergangenheit drückte die GEW zudem ihre demokratische Haltung aus. Mit Blick auf die defizitäre politische Jugendbildung wurde beispielsweise die Behandlung der NS-Zeit im Unterricht in der ADLZ diskutiert. Eine nachhaltige Diskussion über die Lehrerrolle in der NS-Zeit blieb jedoch aus. Die Schuld an den Defiziten sah die GEW nicht primär bei den Lehrkräften, sondern allen voran in den politischen Rahmenbedingungen. Der Einfluss der GEW auf die Bildungspolitik war in den 1950er-Jahren jedoch gering. Zwar unterstützte sie die gescheiterten Reformansätze für den Geschichtsunterricht von Georg Eckert, ein schulpolitisches Programm entwickelte sie aber nicht. Erst Ende der 1950er-Jahre wurde die GEW auf diesem Feld aktiver. Auch die Beziehungen der GEW zur israelischen Lehrergewerkschaft wurden intensiviert. Der Generationenwandel in der GEW sowie die Annäherung an die Studentenproteste brachten für den Umgang mit dem NS-Erbe zunächst keine grundlegenden Veränderungen. Die gewerkschaftspolitische Ausrichtung wandelte sich mit dem Abgang von Mitgliedern und Funktionären der Gründergeneration wie Anna Mosolf, die die GEW enorm geprägt hatten, sowie aufgrund des massiven Zustroms jüngerer Lehrerinnen und Lehrer; eine selbstkritische erinnerungspolitische Auseinandersetzung innerhalb der GEW blieb jedoch aus. Erst als die neuen Mitglieder, die sogenannten »68er« (S. 368), in die Führungsebene gelangten, veränderte sich der dieser Diskurs umfassend.

Der Rekapitulation der Ergebnisse, die als Grundlage für die weitere Erforschung der GEW und ihrem NS-Erbe dienen können, folgt abschließend die Eröffnung von Forschungsperspektiven. Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass eine selbstkritische Auseinandersetzung der GEW mit dem NS-Erbe erst ab den 1980er-Jahren einsetzt. Eine Ausweitung des Untersuchungszeitraums wäre daher sinnvoll gewesen, bleibt so aber weiteren Forschungen vorbehalten. Auch fehlt eine vergleichende Gegenüberstellung mit dem DGB und weiteren Einzelgewerkschaften. Groll verweist zudem auf weitere Forschungsperspektiven, etwa die Frage, wie die deutsche Einheit den Umgang mit dem NS-Erbe innerhalb der GEW veränderte. Insgesamt ist die Monografie eine kritische und schlüssige Arbeit, die dem Anspruch einer »Pionierstudie« (S. 16) gerecht wird.

Lukas de Carvalho, Bochum

[1] Vgl. u.a. Thomas Köcher, »Aus der Vergangenheit lernen – für die Zukunft arbeiten!«? Die Auseinandersetzung des DGB mit dem Nationalsozialismus in den 50er und 60er Jahren, Münster 2004; Stefan Berger (Hrsg.), Gewerkschaftsgeschichte als Erinnerungsgeschichte. Der 2. Mai 1933 in der gewerkschaftlichen Erinnerung und Positionierung nach 1945, Essen 2015.

[2] Vgl. Marcel Bois, Volksschullehrer zwischen Anpassung und Opposition. Die »Gleichschaltung« der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens in Hamburg (1933–1937), Weinheim/Basel 2020; Hans-Peter de Lorent, Max Traeger. Biografie des ersten Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (1887–1960), Weinheim/Basel 2017; Micha Brumlik/Benjamin Ortmeyer (Hrsg.), Max Traeger – kein Vorbild. Person, Funktion und Handeln im NS-Lehrerbund und die Geschichte der GEW, Weinheim/Basel 2017; Saskia Müller/Benjamin Ortmeyer, Die ideologische Ausrichtung der Lehrkräfte 1933–1945. Herrenmenschentum, Rassismus und Judenfeindschaft des Nationalsozialistischen Lehrerbundes. Eine dokumentarische Analyse des Zentralorgans des NSLB, Weinheim/Basel 2017.

 

Hauke Goos/Alexander Smoltczyk (Hrsg.), »Ein Sommer wie seither kein anderer«. Wie in Deutschland 1945 der Frieden begann – Zeitzeugen berichten

Deutsche Verlags-Anstalt | München 2021 | 240 Seiten, gebunden | 24,00 € | ISBN 978-3-421-04881-3

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Am 9. Mai endete in Europa der verheerende, von Nazi-Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg nach fast sechs Jahren. Für die in den vielen zerbombten deutschen Städten Verbliebenen begann ein Frieden, der vom täglichen Überlebenskampf und von einem vorsichtigen Hineintasten in normalere Verhältnisse gleichzeitig gekennzeichnet war, allerdings umgeben von Kriegsschutt und Leid, aber auch beflügelt durch eine neu erwachende Lebensgier.1 Der 9. Mai, mitnichten eine »Stunde Null«, aber die wohl tiefste Zäsur der jüngeren deutschen Geschichte, markiert einen Aufbruch ins noch Unbekannte nach dem Ende eines verbrecherischen Regimes und seiner menschenverachtenden Weltanschauung. 

Hauke Goos und Alexander Smoltczyk, beide als Journalisten beim »Spiegel« tätig, befragten überwiegend prominente Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nach ihren Erlebnissen und Eindrücken dieses Sommers 1945, der nach Martin Walser »ein Sommer wie seither kein anderer« war. Neben Interviews zogen sie auch Tagebücher und andere Erinnerungsquellen zurate. So kamen 24 Zeitzeugenberichte zustande. Neben Erlebnissen und Empfindungen fragten die Herausgeber auch nach Erwartungen und Plänen, Zukunftsideen und dem Umgang mit Opfern und Tätern des NS-Regimes. Methodisch stützen sich Goos/Smoltczyk also auf die »Oral History«. Die »große Geschichte« als Rahmen des Handelns der Menschen im Sommer 1945 im zerstörten und in Besatzungszonen aufgeteilten und verwalteten Deutschland wird in einer Zeittafel am Ende des Bandes in wichtigen Daten ergänzt, sodass bereits zu Beginn die Konturen der Konkurrenz unter den Siegermächten sichtbar werden, aus denen der Kalte Krieg hervorgehen sollte. Nicht grundlos endet deshalb die dargestellte Periode mit den beiden US-amerikanischen Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945. 

Der Publizist Georg Stefan Troller (geb. 1921) gibt interessante Einblicke in die Binnenstrukturen des Denkens der Sieger wie der Besiegten, auch hinsichtlich von Antisemitismus. Gleichzeitig verweist er auf die schon im Mai 1945 erkennbare Verdrängungsbereitschaft: »Wir unter den Bombennächten und die Flüchtlinge unter dem Iwan – wir haben doch schon alles abgebüßt, was wollt ihr denn jetzt noch von uns?«, rekapituliert er. Viele Menschen haben dies als eine Art Absolution für Auschwitz wahrgenommen. (S. 12) Und sozialpsychologisch nicht unwichtig: »Ich glaube, der Faschismus [in Italien] hat nicht so tief eingegriffen wie der Nazismus […]. Für die Deutschen war Krieg Leben. Krieg war ihre Sache, das konnte man von den Italienern nicht behaupten.« (S. 15) 

Das Urgestein der SPD nach 1945, Hans-Jochen Vogel (1926–2020) wiederum, damals frisch aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, erinnert sich: »Kriegen wir etwas zu essen? Können wir unsere Wohnungen wiederherrichten oder aufbauen? Das war eigentlich das Problem, weniger die Frage von Schuld oder Verantwortung.« (S. 30) Klaus von Dohnanyi (geb. 1928) gibt einen ungemein eindrucksvollen Bericht über jene Zeit, in der er dem Reichsarbeitsdienst entfloh und sich auf die Suche nach seiner Familie und seinem als Widerstandskämpfer inhaftierten Vater machte, den die Nazis ins KZ Sachsenhausen verbracht hatten. Noch am 9. April 1945 wurde dieser hingerichtet. Auch Dietrich Bonhoeffer, Freund der Familie, war ermordet worden. Trotzdem: »So schlossen wir das Jahr 1945 ab, voller Trauer, aber frei, so wie mein Vater unser Land hatte wiedersehen wollen.« (S. 88) Nikolaj Pudow (geb. 1921) war als Soldat an der Eroberung Berlins beteiligt und blieb nach Kriegsende noch drei Jahre lang in Deutschland, seine Frau Jewgenija hatte das KZ Buchenwald überlebt. Viele deutsche Wörter hat er längst vergessen, das Wort »Untermensch« aber, das Hitler für die Russen und die anderen slawischen Völker in »Mein Kampf« übrig hatte, hat er nie vergessen. Und so berichtet er von den letzten Kampfhandlungen, seine Frau vom Durchschlagen in Richtung Berlin. Zum Abschied sagt er: »Liebe Grüße nach Deutschland.« (S. 45) 

Die Hamburger Künstlerin Esther Bejarano (1924–2021) überlebte Auschwitz und Ravensbrück. Lebenslang engagierte sie sich für die Aufklärung über die Nazi-Barbarei und besuchte deshalb unzählige Schulen, wirkte in der VVN/BdA mit etc. Sie wurde am 3. Mai 1945 nach der Flucht vom Todesmarsch von US-Truppen bei Lübz befreit. Zunächst reifte der Entschluss, Deutschland zu verlassen und nach Palästina umzusiedeln: »Wir hatten die Nase voll. Nicht mit diesen Leuten.« (S. 50) Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland 1960 blieb so mancher Vorbehalt gegen die wie verwandelt wirkende Umgebung: »Was hat der gemacht im Krieg? Vielleicht ist er der Mörder meiner Eltern oder meiner Schwester Ruth? Ich konnte mit diesen Menschen nicht reden.« (S. 51) Sie entschied sich für die Aufklärungsarbeit, die sie bis zu ihrem Tod unermüdlich leistete. 

So verschieden die bisherigen Lebensläufe und Schicksale, so verschieden auch die Erwartungen, aber auch die Deutungen. Die gebürtige Ostpreußin Annemarie Günther (geb. 1924), aus einer Familie mit christlichem Hintergrund stammend, berichtet von der Flucht aus Allenstein bis in die Umgebung Hamburgs, von Ängsten und Verlusten, von ihrer Wahrnehmung der amerikanischen Soldaten als »Abenteurervolk, sportlich und unternehmungslustig.« (S. 71) Nach der Befreiung, so erzählt sie, erfuhren sie von Auschwitz, der Judenvernichtung und den NS-Verbrechen. Bei aller möglichen Skepsis über diesen Narrativ allerdings bleibt sicher die Berechtigung ihrer Feststellung, dass das Ende Hitlers und seines Verbrecherregimes den »Zusammenbruch unserer ganzen Welt, in der wir bisher gelebt hatten«, bedeutete. (S.75) Der bekannte Fernsehjournalist Friedrich Nowottny (geb. 1929) wollte zunächst freiwillig im letzten Aufgebot des »Volkssturms« für das untergehende ›Dritte Reich‹ kämpfen. Nach dem Ende Hitlers brach diese Welt zusammen, Nowottnys erste Gehversuche im Zivilleben bestanden im Umschleifen von SS-Totenkopfringen zu »Zivilschmuck«. Seine bemerkenswerte Feststellung lautet: »Dieser Sommer 1945 bestand ausschließlich aus Gegenwart.« (S. 97) Der Autor Edgar Reitz (geb. 1932) erinnert sich an diese Zeit als eine »Kinderanarchie«, als Spielen mit Blindgängern und Schießpulver in den Wäldern, uneingedenk der Todesgefahren. »Der Frieden von 1945 war wie eine Rekonvaleszenz nah schwerer Krankheit«. (S. 171) Edzard Reuter (geb. 1928) erlebte das Kriegsende im Exil in Ankara. Sein Vater Ernst Reuter gehörte zu jenen Stimmen, die sich schnell der Zukunft annahmen: »Gott sei Dank, es ist zu Ende – aber es ist ein Aufbruch, der schwer, um nicht zu sagen: schrecklich schwer werden würde.« (S. 176) Gerhart Baum (geb. 1932), der ehemalige Bundesinnenminister, erlebte als Kind in Dresden die Bombeninferno am 13. und 14. Februar 1945. Mit einem Flüchtlingszug gelangte die Familie nach Bayern. Der spätere Jurist bezeichnete die Periode nach dem 8. Mai als eine »rechtlose Zeit«, in der auch er notgedrungen Mundraub beging, Holz stahl etc. Aber er veränderte sich vom Großstadtkind zum Landburschen. Sein Fazit gilt sicher stellvertretend für viele der hier zu Worte Gekommenen: »Es musste gehandelt werden. Und das hat mein Leben geprägt.« (S. 210) 

Neben diesen Aussagen läuft auf den Buchseiten wie ein Teleprompter ein Tagebuch mit, das eine Zeitleiste mit allgemeinen Daten und persönlichen Erlebnissen der Zeitzeuginnen und -zeugen präsentiert und einbettet. Zu ihnen gehören ferner u. a. Armin Müller-Stahl, Burkhard Hirsch, Hans Modrow, Wolf Schneider, Marianne von Weizsäcker und Christian Schwarz-Schilling. 

Dieser Band liefert ein interessantes Kaleidoskop einer historischen Periode, die sozialgeschichtlich noch am Beginn ihrer Rekonstruktion zu sein scheint.

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn

Peter Wegenschimmel, Zombiewerften oder Hungerkünstler? Staatlicher Schiffbau in Ostmitteleuropa nach 1970

De Gruyter/Oldenbourg | Berlin/Boston 2021 | 265 Seiten, Broschur | 59,95 € | ISBN 978-3-1107-3937-4

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Warum »überleben« unrentable Betriebe die postsozialistische Transformation? Dieser Frage geht Peter Wegenschimmel in seiner im Juli 2021 veröffentlichten Dissertation nach. Anhand zweier Fallbeispiele, den Schiffswerften Uljanik in Kroatien und Gdynia in Polen, betrachtet Wegenschimmel die enge, aber ambivalente Verzahnung zwischen Staat und Unternehmen im Übergang von einer sozialistischen in eine marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung. Im Zentrum des Buches steht die Frage, warum beide Unternehmen trotz jahrzehntelanger unrentabler Wirtschaftsweise vom Staat subventioniert wurden und erst auf Initiative der Europäischen Union im Jahr 2019 beziehungsweise 2009 Insolvenz anmeldeten. Mit seinem Buch schließt Wegenschimmel eine Forschungslücke: Er arbeitet heraus, wie Staatsunternehmen während des Spätsozialismus und nach »der Wende« funktionierten, welchen betriebswirtschaftlichen Logiken sie unterlagen und welchen Zweck sie erfüllten. Anhand einer Dokumenten- und Presseanalyse sowie mithilfe von Interviews nähert sich Wegenschimmel fünf Themenbereichen, die jeweils in einem Kapitel behandelt werden: der staatlichen Subventionspolitik, der Rolle des Staates als Eigentümer, der organisatorischen und technologischen Entwicklung der Schiffswerften sowie der Legitimationsarbeit der unterschiedlichen Stakeholder. Diese thematische Einteilung sowie die stringente Unterteilung in vier Unterkapitel macht es den Lesenden leicht, der Argumentation des Autors zu folgen. Sie hat jedoch auch ihre Tücken: Wichtige Meilensteine und Brüche in den Unternehmensgeschichten lassen sich aufgrund der fehlenden Verlinkung zwischen den Themen nicht einwandfrei bestimmen. Es bleibt für die Leserin zeitweise nicht ersichtlich, wie welche Brüche in den Unternehmensgeschichte wirkten und sich diese auf die jeweils andere Ebene auswirkte. 

 Trotzdem schafft es Wegenschimmel in den ersten drei Kapiteln sehr gut, die enge Verzahnung des Staates mit den Unternehmen nachzuzeichnen. Beginnend mit der Subventionspolitik wird im ersten Kapitel sichtbar, dass die polnische sowie die kroatische Werft im Untersuchungszeitraum immer wieder Subventionen, Steuererleichterungen oder Schuldenerlasse erhielten. Dies war zwar auch in den westeuropäischen Ländern besonders infolge der weltweiten Wirtschaftskrise Ende der 1970er-Jahre der Fall, trotzdem hatte dies andere Auswirkungen: Während in den westeuropäischen Länder ein kontrolliertes Schrumpfen der Branche und eine Produktivitätssteigerung vorangetrieben wurde, so deckten die Subventionen in den beiden sozialistischen Schiffswerften lediglich die Verluste ab – gravierende Veränderungen blieben jedoch aus. Auch nach der postsozialistischen Transformation änderte sich dies nicht: Staatliche Subventionen wurden weiterhin vergeben, ein nachhaltiges Wirtschaftskonzept, das die langfristige Liquidität der Werften garantieren sollte, blieb aus. Die staatliche Eigentumspolitik gegenüber den Schiffsbauunternehmen, was im zweiten Kapitel behandelt wird, stellte sich zudem als ambivalent heraus. Wegenschimmel beschreibt, dass sowohl während des Spätsozialismus als auch im Postsozialismus staatliche Akteure vornehmlich in Krisenzeiten ihre Eigentümerrolle wahrnahmen und Entscheidungen trafen habe. Allerdings beurteilt Wegenschimmel diese Einflussnahme der staatlichen Akteure als ohne klares Ziel, was sie ineffizient gemacht habe. Eine ähnliche Trägheit der Unternehmensstrukturen zeigte sich auch im dritten Kapitel, das sich den technologischen Entwicklungen und der innerbetrieblichen Organisation widmet. Obwohl die großen Werften zu unterschiedlichen Zeitpunkten in kleinere Unternehmenseinheiten geteilt wurden, so wären die inneren rigiden und hierarchischen Strukturen größtenteils bestehen geblieben. Gleichzeitig habe zwar zeitweise eine technologische Erneuerung der Werften stattgefunden, die jedoch keine Subsituierung der Arbeitskräfte vorsah, sondern lediglich das Ziel gehabt habe, den staatlichen Vorgaben zu genügen und somit die Zuwendungen zu legitimieren. 

Die dringliche Antwort auf die Frage, warum der Staat unrentable Unternehmen subventionierte, obwohl sie nicht profitabel wirtschafteten, wird in den abschließenden zwei Kapiteln gegeben. Im vierten Kapitel führt Wegenschimmel aus, dass staatliche Zuwendungen gesellschaftlich legitimiert werden müssen. Während des Spätsozialismus sei es in Polen besonders die hohe Beschäftigungszahl gewesen, die eine Legitimationsgrundlage für die Förderungen bot, während in Jugoslawien die durch den Internationalen Währungsfonds angetriebene Forcierung des Exports ein zentraler Beweggrund gewesen sei. Ab Mitte der 1990er-Jahre habe sich dies nur ansatzweise geändert: Die wirtschaftliche Regenerierung der Staaten wurde während der postsozialistischen Transformation einerseits in Einklang mit der wirtschaftlichen Stabilität der Schiffbauindustrie gesehen. Andererseits seien die hohen Beschäftigungszahlen und die damit einhergehende soziale Absicherung der Bevölkerung ein gewichtiges Argument gewesen, das die staatliche Unterstützung legitimierte. Darüber hinaus war aber auch die historische Pfadabhängigkeit, wie im letzten Kapitel sichtbar wird, ein wichtiger Grund. In den sozialistischen Volkswirtschaften ging die Funktion der Unternehmen über die rein ökonomische hinaus. Die Betriebe nahmen etwa durch die Bereitstellung von Kinderbetreuungsplätzen, Urlaubsvergünstigungen oder Wohnungen eine wichtige soziale Scharnierfunktion ein, um wirtschaftliche Engpässe abzufedern. Während der postsozialistischen Transformation fielen zwar viele dieser zusätzlichen Leistungen weg, trotzdem habe das Unternehmen weiterhin als wichtiger Akteur gegolten, um die sozialen Folgen der postsozialistischen Transformation abzufedern. Wie Wegenschimmel beschreibt, sei die »Insolvenz der Werften […] für den staatlichen Eigentümer ein finanzielles Desaster, lokal bedeutete es eine soziale Tragödie.« (S. 197). Diese Politik führte jedoch gleichzeitig dazu, dass die Werften Hungerkünstler und Zombiewerften blieben.

Wegenschimmel arbeitet in seiner Forschung sehr gut heraus, dass die Länder Polen und Kroatien trotz ihrer unterschiedlichen sozialistischen Spielarten und nicht nur während des Sozialismus Gemeinsamkeit aufwiesen, sondern auch im Postsozialismus ähnliche Strategien verfolgten. Sehr deutlich wird in der Arbeit, dass dem postsozialistischen Staat nicht die Rolle zukam, »ohne Rücksicht auf Verluste« die Rentabilität der Unternehmen voranzutreiben, wie dies in einer neoliberalen Wirtschaftsordnung vorgesehen ist. Viel eher nahmen staatliche Unternehmen die Aufgabe wahr, die sozialen Folgen der postsozialistischen Transformation abzudämpfen. Obwohl der Autor es sehr überzeugend schafft, diese Funktion der staatlichen Unternehmen herauszuarbeiten und damit den langen Weg der Werften erklären kann, so knüpft er doch zeitweise und besonders auf sprachlicher Ebene an eine neoliberale Erzählung an: Staatliche Institutionen und Unternehmen erscheinen als ungeeignet, rationale Entscheidungen zu treffen und wirtschaftliche Rentabilität herzustellen. Zeitgleich werden die westlichen Marktwirtschaften zuweilen als Norm herangezogen und die Abwicklung der Werften auf Drängen der Europäischen Union als viel zu späte, aber notwendige Maßnahme erachtet. Abseits dessen ist es Wegenschimmel jedoch hervorragend gelungen, eine Forschungslücke zu schließen. Das detailreiche Buch ist eine vielversprechende und wichtige Lektüre, die Verschränkung zwischen Staat und Wirtschaft im Übergang vom Sozialismus in eine kapitalistische Marktwirtschaft auf Unternehmens­ebene zu verstehen und ist somit ein wichtiger Beitrag für die (historische) Transformationsforschung.

Kathrin Jurkat, Berlin

Wolfgang Benz (Hrsg.), Querdenken. Protestbewegung zwischen Demokratieverachtung, Hass und Aufruhr

Metropol Verlag | Berlin 2021 | 318 Seiten, kartoniert | 22,00 € | ISBN 978-3-86331-621-1

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Die einleitenden Überlegungen des prominenten Berliner Historikers und Antisemitismusforschers Wolfgang Benz zu den sogenannten »Querdenkern« beginnen mit einer Analyse des Mordes an einem 20-jährigen Studenten in einer Tankstelle in Idar-Oberstein durch einen 49-jährigen Maskenverweigerer. Er habe ein Zeichen setzen müssen, gab der Mörder bei seiner Festnahme der Polizei zu Protokoll. Benz konstatiert, dass dieser Mord »Symptom einer vor Gewalt nicht zurückschreckenden Verwahrlosung der Szene [ist], die sich unter dem Plakat ›Querdenken‹radikalisiert hat und sich weiter radikalisiert.« (S.7) Er sieht die Kontinuität seit den Pegida-Demonstrationen und benennt weitere Einflüsse auf die »Szene«: Populisten, Verschwörungsideologen, Identitäre und »Reichsbürger«, Rechtsextremisten, AfD-Politiker im Schafspelz, Sektierer und Narren. Provokation und Usurpation sind die Methoden, Ziel ist die Destruktion von Normen und Regeln für ein friedliches Zusammenleben aus Motiven der Solidaritätsverweigerung und des kollektiven Austobens grenzenloser Egozentrik, so seine Diagnose. (S. 8) Auch prominente Ex-DDR-Oppositionelle wie Angelika Barbe oder Siegmar Faust sind mittlerweile unter den »Querdenkern« aktiv und kolportieren das Narrativ des Fortbestehens der DDR in den Anti-Coronamaßnahmen seit 2020. Und so formuliert Benz es als Anliegen des Bandes und der Beteiligten, »zum Verständnis einer politischen und sozialen Bewegung beizutragen, die sich in der Absage an die demokratisch verfasste Gesellschaft und den parlamentarisch legitimierten Staat zunehmend radikalisiert.« (S. 24)

Von der jahrzehntelang gewachsenen Distanz zwischen Bürgerinnen und Bürgern und »den Politikern« berichtet Angelika Censebrunn-Benz, ehemalige Mitarbeiterin von Wolfgang Thierse. Persönliche, auf der privaten Ebene nicht mehr lösbar scheinende Anliegen werden an Politiker*Innen herangetragen. Bei einer »unbefriedigenden« Antwort erfahren die Volksvertreter nicht selten Beleidigungen und Pauschalverurteilungen. Der Weg vom »Wutbürger« zum »Querdenker« ist oft kein langer, gerade weil der Politik häufig »Eigeninteressen« bzw. »Abgehobenheit« unterstellt werden. Peter Widmann, Referent für Migration beim Arbeiterwohlfahrt Bundesverband untersucht den gemeinsamen Boden von populistischen Verschwörungserzählungen und skizziert die Aufgaben der politischen Jugendbildung. Er thematisiert einige soziologisch relevante Befunde, etwa: »In der Auseinandersetzung um die Maßnahmen gegen die Pandemie zeigt sich die gesellschaftliche Spaltung. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen scheinen sich gegenseitig nur noch mit Fassungslosigkeit zu betrachten, als lebten sie in eigenen Universen.« (S. 37) Diesen und anderen die Gesellschaft zu zerreißen drohenden Konflikten kann eine politische Jugendbildung nur dann erfolgversprechend entgegentreten, wenn sie mehr ist als ein projektförmiger Reparaturbetrieb, nämlich eine »essenzielle Querschnittsaufgabe in den relevanten Regelinstitutionen.« (S. 46) Die erschreckend hohe Resonanz der AfD in den »neuen Ländern« kommt nicht von ungefähr, stellt Maria Fiedler (Der Tagesspiegel) fest; die AfD knüpft unter anderem an umgedeutete (usurpierte) DDR-Erfahrungen und alltägliche Vorurteile an, aber auch an die nie aufgebrochene Distanz zwischen Eliten und Teilen der DDR-Gesellschaft, die sich in der DDR-Nischengesellschaft (Günter Gaus) ausgebildet hatte.

Antisemitismus gehört zum Bindekitt der »Querdenker«, arbeitet die Historikerin Juliane Wetzel(Berlin) heraus und zählt dafür Beispiele auf, darunter solche des nicht unbekannten Epidemiologen Sucharit Bhakdi. In diese Reihe antisemitischer Multiplikatoren gehören auch Ken Jebsen, Xavier Naidoo, Die »Mahnwachen für den Frieden« von 2014, natürlich Pegida, QAnon und die sogenannten »Reichsbürger«. Wolfgang Benzwiederum nimmt die Verschwörungsmythen und ihren Anklang in den Blick. Gleich ob es gegen Jesuiten, Freimaurer, die Weisen von Zion etc. geht, ihre Attraktivität beziehen sie und ihre nächsten Verwandten, die Fake News, aus dem angeblichen exklusiven Wissen um geheime oder konspirative Machtkonstellationen, die hinter dem Rücken der Menschheit agierten. So erhöhen sich die Anhänger dieser Mythen zu elitären »Wissenden«.Sebastian Leber(Der Tagesspiegel) schreibt von etwa 20.000 geschätzten »Reichsbürgern«, eine in den vergangenen Jahren sichtbar gestiegene Anzahl, die gerade auch durch die Verschwörungsmythen seit der Corona-Pandemie zu erklären ist. Bei ihnen vermischen sich Antisemitismus, Machtergreifungsphantasien und Germanenkult zu einem kruden Gebräu, das in der Vorstellung eines »Königreichs Deutschland« kulminiert, die Bundesrepublik Deutschland als existenten Staat nicht akzeptiert und eigene Substrukturen organisiert.

Dass sie ein Tummelplatz für ehemalige und gegenwärtige Rechtsradikale bilden, denen Verbrechen kein Tabu bedeuten, macht sie zu einem gefährlichen Bestandteil der »Querdenken«-Szene. Deren Weg, von Stuttgart als »Querdenken 711« ausgehend und mit ihrem Protagonisten, dem ehemaligen IT-Unternehmer Michael Ballweg aufs Engste verbunden, rekonstruiert der Stuttgarter Journalist Josef-Otto Freudenreich. Der bestens vernetzte Ballweg firmierte lange Zeit als die Personifizierung der »Querdenken«-Bewegung und verfügt über prominente Kontakte, so etwa zum Fußball-Ex-Weltmeister Thomas Berthold, zu Ken Jebsen, Jürgen Elsässer, Attila Hildmann, Bodo Schiffmann, aber auch zu Alice Weidel (AfD). Das Marketing für die Szene läuft kommerziell ausgeprägt über Ballwegs Netzwerk.

In einem ausführlichen Gespräch zwischen Benzund den Psychologenund TherapeutenChristoph Seidlerund Gundel Seidler(Berlin) werden Fragen wie jene nach der etwaigen Demokratieverdrossenheit der Ostdeutschen erörtert. Tatsächlich gibt es eine Beziehung zwischen traumatischen Erfahrungen der Nachwendezeit, deren Ignorierung als politisch-soziale Traumata in den vergangenen Jahrzehnten und einer Offenheit für mobilisierende demokratiefeindliche Angebote bei vielen. Das dahinterliegende Problem ist vor allem die Verdrängung, denn nicht bearbeitete Traumata bewirken, »dass die Untoten und Zombies der Vergangenheit solange ihr Unwesen treiben werden, bis Geschichte gerecht erzählt wird.« (S. 145) Weitere Aufsätze beleuchten mannigfache Facetten dieser antidemokratischen Strömung. So wird der Typus des »Impfrebellen« porträtiert (Thomas Pfeiffer/Bochum). Andreas Speit(TAZ) befasst sich mit Spuren der Lebensreformbewegung seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in der Szene und erinnert dabei unter anderem daran, dass unter den »Ur-Grünen« auch explizite Rechte wie Baldur Springmann zu finden waren. Antimoderne, Corona-Leugnung und Querdenken finden hier eine Synthesemöglichkeit. Weiterhin geht es um Generalverdacht und Kritik als Selbstzweck, den »Great Reset« im Kontext der Neuen Rechten, den Einfluss fundamentalistischer Sekten, die Partei  »Die Basis« sowie um die von der AfD ausgehenden Avancen.

Ein Verzeichnis ausgewählter Literatur und ein repräsentatives Personenregister unterstützen einen Band, der als Handbuch und Handreichung für eine demokratische politische Bildungsarbeit an Schulen und Hochschulen oder für die Erwachsenenbildung von großem Nutzen sein dürfte.

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn

Clemens Rehm/Annette R. Hofmann (Hrsg.): Gustav Struve. Turner, Demokrat, Emigrant

Rezension von: Clemens Rehm/ Annette R. Hofmann (Hrsg.), Gustav Struve. Turner, Demokrat, Emigrant

Verlag Regionalkultur | Ubstadt-Weiher/Heidelberg etc. 2020| 112 Seiten, gebunden | 17,80 € | ISBN 978-3-95505-239-3

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Bereits 1970 forderte Gustav Heinemann (1899–1976) dazu auf, »in der Geschichte unseres Volkes nach jenen Kräften zu spüren..., die dafür gelebt und gekämpft haben, damit das deutsche Volk politisch mündig und moralisch verantwortlich sein Leben und seine Ordnung selbst gestalten kann« (Zit. S. 6). Zu diesen Kräften gehörte Gustav Struve (1805–1870), einer der Protagonisten der badischen Revolution 1848/49. Heute ist Struve jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten, er steht vor allem im Schatten des populäreren Friedrich Hecker (1811–1881). Um Struve in Erinnerung zu rufen, fand im Mai 2019 in der Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte in Rastatt ein Kolloquium statt, dessen Ergebnisse nunmehr in gedruckter Form vorliegen.

Der Band erscheint zum 150. Todestag von Gustav Struve. Doch nicht nur dieser Gedenktag scheint es notwendig zu machen, an ihn zu erinnern: Denn 2018 hat die AfD in Baden-Württemberg eine Gustav-von-Struve-Stiftung errichtet. Offensichtlich wird hier der Versuch unternommen, einen Vorkämpfer für Freiheit und Demokratie für eine politische Partei dienstbar zu machen, deren Ziele in eine ganz andere Richtung laufen. Schon allein deshalb wollen die Initiatoren der Tagung das Wirken Struves einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen.

Der einführende Aufsatz von Felicitas Schuder (S. 19–28) stellt die wesentlichen Stationen im Leben Struves überblicksartig vor, bevor einzelne Aspekte seines Denkens und Handels in den weiteren Beiträgen vertieft werden. Struve wurde 1805 als Sohn eines Diplomaten in russischen Diensten geboren. Der Vater war zuletzt in Karlsruhe akkreditiert und vermittelte seinem Sohn nach dessen Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen und Heidelberg eine Stelle beim oldenburgischen Bundestagsgesandten. Jedoch eckte Struve mit seinen Überzeugungen beim Großherzog von Oldenburg an und wurde zur Strafe nach Jever als Landgerichtsassessor versetzt. 1831 schied er aus dem Dienst Oldenburgs aus und war seit 1833 in Mannheim ansässig. Nochmals drei Jahre später nahm er ebenfalls in Mannheim seine Tätigkeit als Anwalt auf.

Politisch setzte sich Struve zunächst für die Ziele der Liberalen ein: für die deutsche Nationaleinheit, für Pressefreiheit, Schwurgerichte und Volksbewaffnung. Doch gingen die Forderungen Struves, der 1847 auch seinen Adelstitel ablegte, letztlich über das liberale Programm hinaus. Ihm war klargeworden, dass Freiheit und gleichberechtigte Teilhabe aller in einer Gesellschaft nur möglich sind, wenn auch materielle Güter in der Gesellschaft gleichmäßig verteilt werden. Dementsprechend forderte Struve unter anderem im Offenburger Programm von 1847 den »Ausgleich des Missverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital« beziehungsweise stellte sein Handeln unter die Devise »Freiheit, Bildung und Wohlstand für alle«.

Im Folgenden schildert Schuder, wie Struve auf zahlreichen Ebenen bereits im Vormärz für seine Ziele eintrat. So redigierte er 1845/46 das »Mannheimer Journal« und 1847/48 den »Deutschen Zuschauer«, was zu Konflikten mit der Zensur führte und für Struve lange Haftstrafen zur Folge hatte. Schuder verweist darauf, dass Struve fünf Monate seines ersten Ehejahres wegen Pressevergehen im Gefängnis saß. Doch teilte seine Gattin Amalie Struve geb. Siegrist, später Düsar (1824–1862), vollauf seine politischen Ideale (zur Ehe vgl. die Ausführungen von Sabine Liebig, S. 55–64). Bei der Beziehung zwischen Gustav und Amalie Struve handelte es sich um eine Liebesheirat, auch wenn beide Ehepartner ein Altersunterschied von knapp 20 Jahren trennte. Jedoch führten beide eine Ehe auf Augenhöhe, wie auch Struve sich selbstverständlich für eine politisch gleichberechtigte Teilhabe der Frauen einsetzte. Für ihn war es gleichgültig, dass seine Gattin aufgrund ihrer außerehelichen Abkunft selbst von Mitstreitern wie Hecker als nicht standesgemäß angesehen wurde. Bemerkenswerter Weise hatten viele seiner politischen Weggefährten im Jahr 1848 keinerlei Verständnis für die Frauenemanzipation.

Als weiteres Betätigungsfeld weist Schuder auf Struves Engagement im Mannheimer Vereinswesen hin. So war er Mitbegründer des Volkslesevereins, genauso geht die Tradition der Mannheimer Turner unter anderem auf ihn zurück (vgl. hierzu den Beitrag von Lothar Wieser, S. 29–42). Das Turnen stellte für Struve, der abstinent und vegetarisch lebte, »eine Befreiung des Körpers aus den Zwängen alter Gewohnheiten und Fehlhaltungen dar« (Zit. S. 22). Abgesehen vom lebensreformerischen Impetus Struves bildete das Engagement in Vereinen gleichsam den Gegenentwurf zum monarchischen Obrigkeitsstaat. Die Mitglieder eines Vereins waren grundsätzlich gleichberechtigt und wählten ihre Vorstände nach demokratischen Grundsätzen. Schließlich verweist Schuder auf die Tätigkeit Struves als Herausgeber der »Zeitschrift für Deutschlands Hochschulen« und seine Verbindungen ins studentische Milieu wie auch seine Mitgliedschaft bei den Deutschkatholiken, einer Kirche, »die sich durch demokratische Selbstbestimmung und Liberalismus gegen die ›Papstkirche‹ stellte« (S. 23).

Knapp schildert die Autorin die vielfältigen Aktivitäten während der badischen Revolution 1848/49: Struve gehörte Ende Februar 1848 zu den Mitautoren einer Mannheimer Petition, in der die Märzforderungen erstmals artikuliert wurden und die den Auftakt der Revolution markierte. In den folgenden Wochen bemühte er sich auf zahlreichen Volksversammlungen, aber auch in der Heidelberger Versammlung und im Vorparlament auf eine demokratische Republik hinzuwirken, ohne sich damit durchsetzen zu können. Die Verhaftung seines politischen Mitstreiters Josef Fickler (1808–1865) gab für ihn den letzten Anlass zum bewaffneten Aufstand. Der Heckerzug im April 1848 scheiterte genauso wie die von Struve im September 1848 in Lörrach ausgerufene Republik. Bei Staufen wurde Struves Freischarenzug geschlagen, auf der Flucht geriet er in Gefangenschaft. In der Folge wurde er zu über fünf Jahren Einzelhaft verurteilt, jedoch kam er 1849 während der Mairevolution erneut frei. Aufgrund seines Gegensatzes zum Chef der badischen Revolutionsregierung, Lorenz Brentano (1813–1891), konnte Struve die Entwicklung im Frühsommer 1849 jedoch nur wenig beeinflussen.

In weiteren Beiträgen wird schließlich der Weg Struves ins Exil über Genf und London in die Vereinigten Staaten nachgezeichnet (zum Exil vgl. die Aufsätze von Ansgar Reiss, S. 43–48 und Annette R. Hofmann, S. 49–54). Hier engagierte er sich im deutschen Vereinswesen sowie erneut publizistisch, unter anderem verfasste er eine Weltgeschichte vom demokratischen Standpunkt aus. 1861/62 nahm er zuletzt als Hauptmann in einem New Yorker Freiwilligenregiment am amerikanischen Bürgerkrieg teil. Im Gefolge einer allgemeinen Amnestie kehrte er 1863 nach Deutschland zurück, wo er in Coburg und zuletzt in Wien lebte.

Neben den einzelnen Beiträgen zum politischen Lebensweg Struves wird der Band ergänzt durch ein Podiumsgespräch zur Bedeutung Struves für die heutige Zeit (S. 65–86), die Ausführungen Peter Hanks über das politische Denken Struves (S. 87–108) und Überlegungen Dennis Riffels zum Thema »Wie erinnern wir Demokratie?« (S. 9–18).

Den Autorinnen und Autoren ist zu dem kleinen Band zu Gustav Struve zu gratulieren. Dieser gibt nicht nur einen kompakten Überblick über seine zentrale Lebensstationen Struves und sein politisches Denken und Handeln, sondern arbeitet auch seine Bedeutung für unsere heutige Demokratie heraus.

Michael Kitzing, Singen am Hohentwiel

Zitierempfehlung

Michael Kitzing: Rezension von: Clemens Rehm/Annette R. Hofmann (Hrsg.), Gustav Struve. Turner, Demokrat, Emigrant, Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher/Heidelberg etc. 2020, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 61, 2021, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81930> [17.6.2021].

Detlef Lehnert (Hrsg.): Parteiendemokratie. Theorie und Praxis in Deutschland und Nachbarländern

Rezension von: Detlef Lehnert(Hrsg.), Parteiendemokratie. Theorie und Praxis in Deutschland und Nachbarländern (Historische Demokratieforschung, Schriften der Hugo-Preuß-Stiftung und der Paul-Löbe-Stiftung, Bd. 17)

Metropol Verlag | Berlin 2020| 406 Seiten, gebunden | 24,00 € | ISBN 978-3-86331-543-6

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Welcher Demokratietypus kann normativ, politisch und gesellschaftlich den Erfordernissen der Repräsentation und der Partizipation, der Willensbildung und des Interessenausgleichs sowie der Regierungsfähigkeit in der sich verändernden Gegenwart am ehesten gerecht werden? Wie kann Demokratie in Zeiten wachsender sozialer Ungleichheiten und Ungleichzeitigkeiten stabil gehalten werden? Diese und anderen Fragen leiten den von Detlef Lehnert herausgegebenen Band 17 der Reihe »Historische Demokratieforschung der Hugo-Preuß-Stiftung und der Paul Löbe-Stiftung« ein. Die beiden Namensgeber repräsentieren die Hauptzugänge vieler Bände dieser Reihe. War der Linksliberale Hugo Preuß quasi der Vater der Weimarer Reichsverfassung, somit ein Verfassungsrechtler und Verfassungsdenker, so wirkte der Sozialdemokrat Paul Löbe als der Parlamentsrepräsentant der Weimarer Demokratie, deren Reichstagspräsident er von 1920 bis 1924 und von 1925 bis 1932 war.[1] Noch von 1949 bis 1953 vertrat Löbe als delegierter Abgeordneter die Bürgerinnen und Bürger West-Berlins im ersten Deutschen Bundestag und war dessen Alterspräsident.

Verfassungstheorie, Verfassungsrecht und parlamentarische wie politische Realität in ihren Kontinuitäten und Wandlungsprozessen stehen im Blickpunkt dieses Bandes ebenso wie einiger seiner Vorgängerbände.[2] In der Einleitung beschreibt Lehnert die Zielstellung der Beiträge zur Parteiendemokratie. Diese soll im Ländervergleich unter historischen, politikwissenschaftlichen und verfassungsrechtlichen Aspekten analysiert werden. Neben der Bundesrepublik Deutschland nehmen die Autoren Frankreich, Österreich, Schweden und die Schweiz in den Blick. Der erste Teil (S. 41–168) betrachtet »Deutschland und vier Nachbarländer im Überblick«. Es folgt ein umfangreicherer und stärker politikwissenschaftlich und verfassungsrechtlich ausgerichteter zweiter Teil (S. 169–405) zur »Parteienlehre und -kritik seit der Weimarer Republik«. Lehnert kennzeichnet die Parteiendemokratie als etwas grundsätzlich Positives: »Nur im Plural der »Parteien«kann Demokratie existieren, die einzelne Partei (hergeleitet von lateinisch pars) ist stets nur ein Teil des gesamten Parteiensystem.« (S. 8) Vom aktuellen Niedergang der Parteiendemokratien wie zum Beispiel in Italien hätten vor allem Populisten profitiert. Am Beginn moderner Demokratien standen in der Regel keine Parteiensysteme, sondern entstand eine Bipolarität von Parteien, wie sie noch in den USA dominiert und in Großbritannien bis zum Auftreten der UKIP, später Brexit-Party, Realität war. In Italien, Deutschland oder in der Schweiz haben sich nach und nach Parteiendemokratien herausgebildet, indem die politischen Systeme beziehungsweise Wahlrechtssysteme unter anderem durch das Verhältniswahlrecht eine größere Parteienpluralität erzeugten. Die Schweiz sei heute, so Lehnert, »auch eine Parteiendemokratie«, nachdem sie vorher einer »ausgeprägt föderalen Honoratiorendemokratie« entsprochen habe. (S. 9) Volker Stalmann untersucht »Kontinuität und Wandel des deutschen Parteiensystems nach 1945« und macht neben dem grundsätzlichen Bruch von 1949 darauf aufmerksam, dass das »neue Staatswesen […] letztlich Traditionsbestände auf[wies], die nicht nur auf die Zeit des Dritten Reiches, sondern auch auf die Weimarer Republik und das Kaiserreich verweisen.« (S. 41)

Sein Längsschnitt von 1848 bis in die Gegenwart beschreibt, wie aus einem historischen Vielparteiensystem eine Parteiendemokratie der Volksparteien werden konnte, in dem die CDU/CSU zunehmend alle kleineren konservativen, nationalen und regionalen Kleinparteien absorbierte und die SPD über die Arbeiterschaft hinaus Wähler aus anderen Gesellschaftsschichten gewann. So konnte die liberale FDP zum »Zünglein an der Waage« werden. Matthias Micus und Jens Gmeiner vergleichen die Parteiensysteme in Österreich und Schweden. In beiden Staaten seien die dominierenden Parteien, Sozialdemokraten und Konservative, in starkem Maße Weltanschauungsparteien gewesen, die sich als Blöcke gegenüberstanden, wobei es in Schweden eine jahrzehntelange Dominanz der Sozialdemokraten bis weit in die 1980er-Jahre hinein gab. In Österreich dominierte die SPÖ vor allem in der Ära Bruno Kreisky der 1970er-Jahre, eine Phase, in der in der Bundesrepublik Willy Brandt und Helmut Schmidt und in Schweden Olaf Palme regierten und den Zeitgeist prägten. Stefan Grüner schlägt den Bogen für das französische Parteiensystem von Charles de Gaulle zu Emmanuel Macron, also von einer vorwiegend präsidentiellen Massenbasis nach dem Links-Rechts-Prinzip hin zu einer erkennbaren Neujustierung seit der Wahl Macrons. Kann man für Frankreich von einer etatistischen Tradition sprechen, so für Deutschland, Österreich und Schweden von einer mehr oder minder ausgeprägten korporatistischen. Die Schweiz, so Georg Kreis, ist insofern ein Sonderfall, als die Stellung der Parteien durch die bedeutende Rolle der Plebiszite, aber auch durch den Föderalismus und durch die mangelnde Verrechtlichung der Parteienfinanzierung und damit einhergehender Intransparenz geschwächt bleibt. Interessenverbände besäßen oft eine stärkere Rolle. Ob in der Schweiz die Parteien zukünftig gestärkt werden können, hängt nicht zuletzt vom Ergebnis des politischen Ringens um mehr Transparenz ihrer Finanzierung ab, so Kreis.

Der zweite Teil des lehrreichen Bandes beschäftigt sich mit repräsentativen deutschen Vertretern unterschiedlicher Parteienlehren. Repräsentativ bedeutet in dem Fall auch deren Zuordnung zu parteienskeptischen versus mobilisierenden demokratisch-sozialistischen Parteilehren oder zu solchen, die eher zum jeweiligen Mainstream zu zählen sein dürften. Als »Parteienskeptiker« fungieren hier Erich Kaufmann, dargelegt von Hans-Christoph Kraus, Wilhelm Hennis (Peter Steinbach) und Hans Herbert von Arnim (Robert Chr. von Ooyen), dieses Spektrum reicht von staatskonservativ über alt- bis wirtschaftsliberal. Für die demokratisch-sozialistische Richtung werden Otto Kirchheimer (Marcus Llanque) und Wolfgang Abendroth (Peter Steinbach) vorgestellt, Uli Schöler gibt einen instruktiven Überblick über die (links-)sozialdemokratische Debatte in der Endphase der Weimarer Republik. Für diejenige Richtung, die das jeweilige politische System legitimierend erklärte, gehören Gerhard Leibholz (Detlef Lehnert) und Ernst-Wolfgang Böckenförde (Robert Chr. Von Ooyen). Doch wie diese Spektren politischen Denkens in sich differenziert sind, ergeben sich auch aus der Länderbetrachtung differenzierte Erkenntnisse. Doch dass Parteien für eine lebendige Demokratie unverzichtbar sind, weil sie spezifische Interessen artikulieren und Bündelungen von gesellschaftlichen Gruppen in der Willensbildung vornehmen, eint alle Beiträge und formt eine anspruchsvolle Lektüre.

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn

Zitierempfehlung

Holger Czitrich-Stahl: Rezension von: Detlef Lehnert (Hrsg.), Parteiendemokratie. Theorie und Praxis in Deutschland und Nachbarländern (Historische Demokratieforschung. Schriften der Hugo-Preuß-Stiftung und der Paul-Löbe-Stiftung, Bd. 17), Metropol Verlag, Berlin 2020, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 61, 2021, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81931> [17.6.2021].

[1] Vgl. Paul Löbe, Erinnerungen eines Reichspräsidenten, Berlin 1949; Detlef Lehnert, Paul Löbe (1975–1967): Vom Redakteur zum Reichstagspräsidenten, in: Uli Schöler/Thilo Scholle (Hrsg.), Weltkrieg – Spaltung – Revolution. Sozialdemokratie 1916–1922, Bonn 2018, S. 403–416.

[2] Vgl. Detlef Lehnert (Hrsg.), Verfassungsdenker. Deutschland und Österreich 1870-1970, Berlin 2017; ders. (Hrsg.), Wahl- und Stimmrechtskonflikte in Europa. Ursprünge – Neugestaltungen – Problemfelder, Berlin 2018; ders. (Hrsg.), SPD und Parlamentarismus. Entwicklungslinien und Problemfelder 1871–1990, Köln Weimar Wien 2016.

Frank Bischoff/Guido Hitze/Wilfried Reininghaus (Hrsg.): Aufbruch in die Demokratie. Die Revolution 1918/19 im Rheinland und in Westfalen

Rezension von: Frank Bischoff/Guido Hitze/Wilfried Reininghaus (Hrsg.), Aufbruch in die Demokratie. Die Revolution 1918/19 im Rheinland und in Westfalen (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Bd. 51)

Aschendorff Verlag | Münster 2020 | 680 Seiten, gebunden | 59,00 € | ISBN 978-3-402-15135-8

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Das Jubiläumsjahr der deutschen Revolution 1918 hat eine Reihe neuer und interessanter Monografien sowie Sammelbände hervorgebracht. Neben Publikationen mit dem Blick auf die Reichsebene wurde eine Reihe von regionalbezogenen Studien veröffentlicht. Der Forschungsbedarf insbesondere zu den konkreten Auswirkungen und Abläufen der Umwälzungen seit dem November 1918 in den einzelnen Landesteilen bis hinunter auf die lokale Ebene ist dabei nach wie vor groß, wie beispielsweise der Mitherausgeber des vorliegenden Bandes und Vorsitzende der Historischen Kommission für Westfalen, Wilfried Reininghaus, für Westfalen und Lippe bereits 2016 mit einem umfassenden Überblick über die Forschungslage zur Revolution in Westfalen deutlich gemacht hat[1].

Bei den Texten des hier zu besprechenden Bandes handelt es sich um Langfassungen von Vorträgen, die im Rahmen einer Tagung am 8. und 9. November 2018 im Düsseldorfer Landtag gehalten wurden. Herausgegeben wird der Band neben Reininghaus von Frank Bischoff, dem Vorsitzenden der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde, sowie Guido Hitze aus der Landtagsverwaltung von NRW. Enthalten sind 19 thematische Beiträge sowie eine Einleitung der Herausgeber und ein Grußwort des Präsidenten des Landtags von Nordrhein-Westfalen, André Kuper. Gegliedert sind die einzelnen Beiträge in die Sektionen »Militärische Rahmenbedingungen«, »Allgemeine Entwicklungen« sowie »Lokale Fallstudien«. Die Artikel sind teils von recht unterschiedlicher Länge, aber durchweg gut geschrieben und bieten bedenkenswerte historisch-politische Einordnungen des Geschilderten.

Übereinstimmend über die Einzelstudien hinweg ist eigentlich nur die Feststellung, dass die grundsätzliche Umwälzung hin auf eine parlamentarische Demokratie von den alten Eliten vor Ort zumindest nicht gewaltsam ver- oder behindert wurde. Symbolisch deutlich wurde die Auseinandersetzung zwischen konservativem Bürgertum und Arbeiterbewegung oft bei der Frage des Umgangs mit den alten Staatssymbolen wie etwa mit der von durchmarschierenden Truppen mitgeführten Reichsfahne oder der von örtlichen Arbeiter- und Soldatenräten an Rathäusern und öffentlichen Plätzen gehissten Roten Fahne.

Darüber hinaus zeigen die Beiträge auch die großen Unterschiede – zwischen Stadt und Land, zwischen stärker und schwächer industrialisierten Regionen sowie bezüglich der jeweiligen konfessionellen Orientierung und Zugehörigkeit der örtlichen Bevölkerung. Deutlich werden in den der Umwälzung skeptisch bis ablehnend gegenübertretenden Kreisen zudem auch Rückgriffe auf antisemitische Argumentationsmuster. Darüber hinaus zeigen sich Unterschiede in der Radikalität der örtlichen Organisationen der Arbeiterbewegung in Bezug auf den Umfang der unmittelbar erwarteten politischen und ökonomischen Veränderungen. Deutlich wird aber, dass nahezu allerorts die neu gebildeten Arbeiter- und Soldatenräte sehr schnell dazu kamen, eine Zusammenarbeit mit den bisherigen kommunalen Verwaltungen zu suchen und sich nicht unmittelbar an die Durchsetzung einer Sozialisierung von Betrieben oder anderer Forderungen aus der Programmatik der Arbeiterbewegung machten. Damit bietet der Band ein spannendes Panorama der unterschiedlichen Aspekte revolutionären Handelns in der Fläche des Landes und zeigt zugleich, an wie vielen Stellen noch durchaus interessante und erhellende örtliche Studien möglich sein könnten. Dies betrifft auch die weitere Erforschung von Biografien und Lebenswegen der jeweils handelnden Personen.

In einem einleitenden Beitrag stellt Stefan Berger »Die deutsche Revolution 1918/19 in ihren europäischen Kontexten« vor (S. 23 ff.) und hält fest, dass zwei starke Grundhaltungen neben- und gegeneinander gesehen werden müssten. Neben dem Streben nach mehr Demokratisierung sei die Furcht, die Demokratisierung könne zum Umsturz bestehender sozialer und ökonomischer Verhältnisse führen (S. 32), ebenso wichtig gewesen.

Im ersten Abschnitt widmet sich Thomas Tippach der – von der Armeeführung selbst als nicht mehr durchführbar erkannten – Vorbereitung des Militärs auf die Abwehr eines möglichen Umsturzes sowie den Vorbereitungen der Demobilmachung. Horst-Pierre Bothien schildert die Besetzung des Rheinlandes am Beispiel der Stadt Bonn (S. 63 ff.). Einen ausführlichen Artikel zur Entwicklung der Eisenbahn seit dem ausgehenden Kaiserreich steuert Philipp Koch bei (S. 79 ff.). Dabei geht er sowohl auf die organisatorische Entwicklung der zunächst in regionalen Bahngesellschaften geführten Bahn, die Entwicklungen der gewerkschaftlichen Organisation und den schwierigen Umgang mit den in der Folge des Versailler Vertrages zu leistenden Reparationen an Loks und Waggons ein.

Die zweite Sektion beginnt mit einem Überblick von Wilfried Reininghaus zu den Wahlen in Rheinland und Westfalen 1918/19, der die Aufstellung der Parteien und ihrer Kandidatenlisten und die Wahlergebnisse zur verfassungsgebenden Versammlung sowie zum preußischen Landtag (S. 143 ff.) betrachtet. Er stellt dabei heraus, dass vier Fünftel der Wahlberechtigten jenen Kräften eine Absage erteilt hätten, die der Republik »extrem kritisch bis feindlich« gegenübergestanden hätten (S. 175). Martin Schlemmer schildert die Loslösungsbestrebungen im Rheinland (S. 185 ff.) und dabei auch die Schwierigkeit, überhaupt so etwas wie eine Identität der Rheinländer zu definieren – was linksrheinisch auf Grund der Entwicklungen seit der napoleonischen Zeit zudem deutlich besser gelang als in dem rechtsrheinischen und sich (auch) als Teil des Ruhrgebiets entwickelnden Landesteil. Bärbel Sunderbrink widmet sich der politischen Rolle von Frauen in Ostwestfalen-Lippe über die verschiedenen Parteien hinweg (S. 239 ff.). Wulf Schade wendet sich den »Ruhrpolen« und ihrem Verhältnis zur Revolution 1918 zu (S. 261 ff.). Dabei beginnt er seine Darstellung bereits mit der Einwanderungsgeschichte ins Ruhrgebiet und verweist auf die oft ignorierte Tatsache, dass es sich bei den »Ruhrpolen« zumeist um deutsche Staatsangehörige aus den östlichen Gebieten des Deutschen Reiches mit starken polnischen Minderheiten handelte, die zudem ebenfalls von konfessionellen Spaltungslinien in katholische und evangelische Gläubige betroffen waren. Insbesondere die nationalpolnische Bewegung habe den sozialen Zielen der Revolution kritisch gegenübergestanden, zugleich aber mit Sympathie in ihrer Anhängerschaft für die Revolution umgehen müssen. Mit der Bildung des polnischen Nationalstaats nach dem Weltkrieg habe sich der Fokus zudem in diese Richtung verschoben. Im letzten Beitrag der zweiten Sektion nimmt Ulrich Wyrwa die »Herausbildung eines extremen Antisemitismus« in den Blick (S. 303 ff.).

Im dritten Themenblock schreibt Johannes Heck über das revolutionäre Geschehen in der Stadt Düsseldorf (S. 325 ff.), Klaus Wisotzky über den Essener Arbeiter- und Soldatenrat und die Sozialisierungsbewegung im Bergbau (S. 359 ff.), Michael Kanther und Andreas Pilger bearbeiten die Entwicklung in Duisburg und Hamborn (S. 383 ff.), während Stefan Goch sich übergreifend den – nach Fazit des Autors – letztlich enttäuschten Erwartungen linksradikaler Bergarbeiter-Organisationen im Ruhrgebiet widmet (S. 413 ff.). André Biederbeck schildert die Entwicklung des mehrheitssozialdemokratischen Milieus insbesondere in Dortmund (S. 473 ff.), während Reiner Rhefus den Gang der Revolution in Elberfeld und Barmen in den Blick nimmt (S. 507 ff.). Hans Peter Mensing beschreibt die Novemberrevolution in Köln und dabei auch die wichtige Rolle, die Konrad Adenauer auch im Zusammenspiel mit der Mehrheitssozialdemokratie einnahm (S. 541 ff.). Interessant ist der ausführliche Beitrag von Jens Hahnwald zu Arbeiterräten im kölnischen Sauerland (heute etwa der Bereich des Kreises Olpe und des Hochsauerlandkreises) (S. 559 ff.). Wilfried Reininghaus nimmt das westliche Münsterland und damit insgesamt eine Hochburg des Zentrums in den Blick (S. 609 ff.), während Rolf Westheider die Revolution im Kreis Halle betrachtet, und hier auch einige Anmerkungen zur Wahrnehmung der Umwälzung und Rolle des Bürgertums macht.

Die im Band versammelten Beiträge bieten so ein sehr lesenswertes Mosaik der unterschiedlichen regionalen Entwicklungen. Deutlich wird, dass die Revolution auf dem gesamten Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens ankam. In den ländlichen Regionen führte dies zu einer Entwicklung hin zu einer parlamentarischen Demokratie mit einer Dominanz des Zentrums oder der (national-) konservativen Parteien, während in den industrialisierten Regionen die Parteien der Arbeiterbewegung mit starken örtlichen Unterschieden politische Bedeutung gewannen und entfalteten, wobei es dort aber ebenfalls in unterschiedlichen Ausprägungen zu politischen Arrangements mit den bisherigen bürgerlichen Akteuren kam. Erkennbar wird zudem, wie schnell Akteure des gesamten politischen Spektrums damit begannen, die Möglichkeiten der neuen politischen Grundordnung auszuleuchten und auch mitzuprägen. Die regionale Geschichte der Revolution(en) 1918/19 ist immer wieder Teil der Forschung gewesen – zugleich dominiert im Gesamtbild aber meist ein Narrativ, das in Wilhelmshaven und Kiel beginnt und dann schnell nach Berlin wechselt, eventuell mit einem kurzen Abstecher zur Räterepublik nach München. Die im Band versammelten Beiträge zeigen demgegenüber ein hoch spannendes Panorama dessen, wie sich das Revolutionsgeschehen regional und konkret vor Ort zeigte und auswirkte – in diesem Fall im Rheinland und Westfalen.

Thilo Scholle, Lünen

Zitierempfehlung

Thilo Scholle: Rezension von: Frank Bischoff/Guido Hitze/Wilfried Reininghaus (Hrsg.), Aufbruch in die Demokratie. Die Revolution 1918/19 im Rheinland und in Westfalen (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Bd. 51), Aschendorff Verlag, Münster 2020, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 61, 2021, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81932> [17.6.2021].

[1]Wilfried Reininghaus, Die Revolution 1918/19 in Westfalen und Lippe als Forschungsproblem. Quellen und offene Fragen. Mit einer Dokumentation zu den Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten, Münster 2016.

Brigitte Studer: Reisende der Weltrevolution. Eine Globalgeschichte der Kommunistischen Internationale

Rezension von: Brigitte Studer, Reisende der Weltrevolution. Eine Globalgeschichte der Kommunistischen Internationale

Suhrkamp Verlag | Berlin 2020 | 618 Seiten, Broschur | 30,00 € | ISBN 978-3-518-29929-6

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Es ist fast schon erstaunlich, dass bislang niemand dieses Buch geschrieben hat. Schon seit einiger Zeit boomt die Globalgeschichte, die postkoloniale Kritik am Eurozentrismus hat neue Perspektiven hervorgebracht und biografisch arbeitende Historikerinnen und Historiker nehmen transnationale Verflechtungen in den Blick. Wenn es einen Gegenstand gibt, der geeignet erscheint, mit Hilfe dieser Ansätze untersucht zu werden, dann ist es die zwischen 1919 und 1943 existierende »Kommunistische Internationale« (Komintern). Etwa 80 Parteien gehörten dieser »Weltpartei« an. Ihre polyglotten Funktionärinnen und Funktionäre bewegten sich mit großer Selbstverständlichkeit über politische und geografische Grenzen hinweg, gesandt von der Moskauer Zentrale, um vor Ort die revolutionäre Linke zu stärken. »Das 20. Jahrhundert kannte wohl keine zweite Organisation und soziale Bewegung, die zugleich in ihrer Rhetorik derart international, in ihren Praktiken derart transnational und in ihrer Zielsetzung derart global ausgerichtet war«, schreibt auch Brigitte Studer (S. 33). Sie hat nun – man ist geneigt zu sagen: endlich – eine Globalgeschichte der Komintern vorgelegt.

Die emeritierte Berner Geschichtsprofessorin, die seit mehr als drei Jahrzehnten zur Historiografie des Kommunismus arbeitet, nimmt in ihrer Studie eine expliziert akteurszentrierte Perspektive ein. Sie erzählt also die Geschichte der Komintern anhand der sich immer wieder kreuzenden Lebenswege von rund zwei Dutzend Einzelpersonen, die alle das aufwiesen, »was man eine transnationale Biografie nennen kann« (S. 526). Diese Kommunistinnen und Kommunisten waren Teil »des wohl historisch einmaligen politischen Experiments, nach rationellen Methoden, auf der Basis einer durchdachten und differenzierten Organisation eine Revolution auf globaler Ebene zu planen, materiell vorzubereiten und durchzuführen« (S. 13). Ihre aufreibenden, von zahlreichen Ortswechseln und oftmals auch polizeilicher Verfolgung begleiteten Lebensumstände zeichnet Studer nach. In diesem Zusammenhang versteht sie das Engagement der Revolutionärinnen und Revolutionäre als berufliche Profession und fragt dementsprechend »nach den Arbeitsbedingungen und dem professionellen und privaten Alltag der von Moskau angestellten oder finanzierten Berufsrevolutionäre« (S. 14). Ihr Buch stelle daher »eine etwas andere Geschichte der Komintern« dar, »eine Geschichte der Komintern als Arbeitsort« (S. 27).

Naheliegend war es sicherlich, den Schweizer Jules Humbert-Droz in den Kreis der vorgestellten »Reisenden der Weltrevolution« aufzunehmen – nicht nur, weil Studer einst dessen Nachlass editierte, sondern auch, weil er sich als für die romanischen Länder zuständiger Kominternfunktionär länger in Frankreich, Italien, Spanien oder auch in Lateinamerika aufhielt. Ebenso plausibel ist die Auswahl Willi Münzenbergs, des gut vernetzten kommunistischen Medienunternehmers aus Berlin. Zugleich weist Studer darauf hin, dass sich zeitgenössische Geschlechterverhältnisse auf die Anstellungspolitik der Komintern übertragen hätten. Dies spiegele sich sowohl in den Quellen als auch in der Forschungsliteratur wider, wo »Männer oft unreflektiert als ›wichtige‹, Frauen als sekundäre Akteure behandelt werden.« Daher sei eine geschlechterhistorische Perspektive »absolut notwendig, wenn die Haltung und der Blick der historischen Akteure durch die Historiker und Historikerinnen nicht einfach übernommen werden soll« (S. 39). Dementsprechend finden sich in Studers Personensample überproportional viele Frauen (gemessen daran, dass sie im Apparat der Komintern nur ein Sechstel ausmachten), darunter prominente Akteurinnen wie die italienische Fotografin Tina Modotti, die russische Altbolschewistin Elena Stasova oder die Schwestern Margarete Buber-Neumann und Babette Gross aus Deutschland. Ebenso sind mehrere Akteurinnen und Akteure aus dem globalen Süden vertreten, von denen der Inder Manabendra Nath Roy sicherlich der Bekannteste ist. Insgesamt werden rund 320 Personen namentlich erwähnt und in die Darstellung einbezogen.

Studers Buch beginnt in Moskau im Sommer des Jahres 1920 und führt uns zum zweiten Weltkongress der Komintern, der vom revolutionären Enthusiasmus der anwesenden Delegierten geprägt war. Vertreterinnen und Vertreter aus verschiedenen Ländern kamen hier zu einer »historisch einmalige[n] Konvergenz der unterschiedlichen politischen Richtungen« zusammen (S. 61), geeint in ihrer Begeisterung für den jungen Sowjetstaat. Angesichts dieser multinationalen Zusammensetzung habe der Kongress für viele Delegierte eine erste praktische Erfahrung mit dem Internationalismus dargestellt. Zahlreiche der im Buch porträtierten Akteurinnen und Akteure nahmen teil, darunter die deutsche Kommunistin Hilde Kramer. Sie, die dort als Stenographin und Dolmetscherin tätig war, gehöre allerdings zu den vergessenen Teilnehmenden des Kongresses, weil sie – anders als die Delegierten – weder in Berichten noch in Memoiren erwähnt wird, betont Studer: »Auch die Gedächtnislandschaft hat eine soziale Ordnung« (S. 83).

Eine weitere Station aus der Frühzeit der Komintern, auf die Studer ihre Leserinnen und Leser mitnimmt, ist der »Kongress der Völker des Ostens«. Er fand im September 1920 in Baku statt, etwa 1.900 Delegierte aus Europa und Asien beteiligten sich. Seine Wirkung sei nicht zu unterschätzen, »legte er doch den Grundstein für die Integration neuer Gruppen in den Kampf der Arbeiterbewegung«, betont die Autorin. »Durch den Kongress öffnete sich die Komintern, bisher auf die Kategorie Klasse fokussiert, gegenüber den Kategorien Geschlecht und ›Rasse‹/Ethnie und ihren Interaktionen« (S. 124). Anschließend wendet Studer den Blick wieder gen Westen, nach Mitteleuropa. In den folgenden beiden Kapiteln steht Berlin im Fokus, wo das Westeuropäische Büro der Komintern angesiedelt war. Nicht nur deshalb charakterisiert die Autorin die Metropole neben Moskau als »zweites globales Betriebszentrum des internationalen Kommunismus« (S. 178). Die deutsche Hauptstadt habe als »europäischer Brückenkopf und transnationale Drehscheibe« gedient, über die Menschen, Gelder und Presseprodukte den Weg von Ost nach West und umgekehrt genommen hätten. Zudem sei Berlin ein »kulturelles Zentrum des internationalen Kommunismus« gewesen.

Im fünften Kapitel widmet sich Studer dem Antiimperialismus und den transkolonialen Netzwerken der Komintern – und damit einem Aspekt, den die Forschung erst in den letzten Jahren in den Blick genommen hat. Sie stellt beispielsweise den »Ersten Kongress gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus« (Brüssel 1927) oder den internationalen Kongress der »Negerarbeiter« (Hamburg 1930) vor und beschreibt die zentrale Rolle, die Willi Münzenberg beim Aufbau eines »globalen antikolonialen Solidaritätsraums« spielte (S. 262). Zugleich zeigt sie, wie stark Mitte der 1920er-Jahre im Westen die Unterstützung für die chinesische Revolution ausgeprägt war – um sich schließlich im sechsten und siebten Kapitel in die Zentren derselben zu begeben. Guangzhou, Wuhan und Shanghai hießen die Orte, an denen Komintern-Emissäre agierten und ihre Netzwerke spannen. Die beiden letzten Kapitel von Studers Studie behandeln schließlich den langsamen Niedergang der Komintern nach dem Scheitern der chinesischen Revolution, der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland und der Etablierung des Stalinismus in der Sowjetunion. Sie folgt ihren Akteurinnen und Akteuren in den Exilort Paris, »das neue Zentrum des antifaschistischen Kampfs, […] wo die Komintern nun ihre Kader konzentrierte« (S. 395), und ins berüchtigte Moskauer Hotel »Lux«, wo die ausländischen kommunistischen Funktionärinnen und Funktionäre Mitte der 1930er-Jahre in einer »Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens« lebten (S. 440). Der Spanische Bürgerkrieg wurde dann zum »letzten und insgesamt sogar bedeutendsten Großeinsatz« der Komintern (S. 455), mit dem Studer ihren Band abschließt.

Detailliert zeichnet die Autorin auf knapp 600 Seiten die Lebenswege ihrer Protagonistinnen und Protagonisten während der 1920er- und 1930er-Jahre nach. Ihre Darstellung basiert dabei auf langjährigen Recherchen in den Komintern-Beständen des Russischen Staatsarchivs für sozio-politische Geschichte in Moskau. Von dort stammen auch die zahlreich abgedruckten, zum Teil wenig bekannten Porträtfotos der Funktionärinnen und Funktionäre. Ferner wertete Studer Egodokumente der entsprechenden Personen aus und griff auf die umfangreiche Forschungsliteratur zurück. Dass dabei kleinere Fehler unterlaufen, ist ebenso normal wie verzeihbar – beispielsweise wurde am 31. Dezember 1918 nicht der Spartakusbund gegründet, sondern die KPD (S. 146). Auch war der Hamburger Parteifunktionär John Wittorf nicht – wie häufig behauptet – mit dem Parteivorsitzenden Ernst Thälmann verschwägert, sondern lediglich befreundet (S. 194).

Auffällig sind unterdessen gewissen Leerstellen in Studers Studie. Zum einen betreffen sie die ausgewertete Literatur. Obwohl die Autorin zweifellos eine große Kennerin der Forschungen zum internationalen Kommunismus ist, bezieht sie seltsamerweise manche Standardwerke nicht mit ein. Dies trifft etwa auf Mario Keßlers Ruth-Fischer-Biografie oder auf die Arbeiten von Reiner Tosstorff zur spanischen Linkspartei POUM oder zur Profintern zu, obwohl beide Organisationen und auch die ehemalige KPD-Vorsitzende Fischer immer wieder in Studers Buch auftauchen. Zum anderen ist eine geografische Einengung zu beobachten, denn Studers Globalgeschichte spielt sich weitgehend auf den eurasischen Doppelkontinent ab. Das ist natürlich zum Teil dem Gegenstand geschuldet: Die Komintern war hier am stärksten vertreten und hier befanden sich die Zentren revolutionärer Bewegungen im Untersuchungszeitraum. Gleichwohl hätte ein eigenes Kapitel etwa zu Lateinamerika, wo in den 1930er-Jahren europäische Kommunistinnen und Kommunisten wie Olga Benario und Artur Ewert agierten, den Blick noch einmal weiten können.

Doch trotz dieser Kritikpunkte weiß Studers kulturhistorischer und kollektivbiografischer Zugang zur Geschichte der Komintern insgesamt zu überzeugen. Wenn sie etwa die offenen Paarbeziehungen der jungen Funktionärinnen und Funktionäre beschreibt, liefert sie lebensweltliche Einblicke, die in den bisherigen eher politikgeschichtlich orientierten Arbeiten bestenfalls am Rande eine Rolle spielten. Dies gilt auch für ihre Leitfrage nach der Arbeitswelt der Komintern-Kader. Diese war tatsächlich »dicht und bunt bestückt, bedeutend vielfältiger, als die Forschung bislang wahrgenommen hat« (S. 29). So schildert Studer die prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen im Exil, beschreibt den Umgang der Kader mit den teilweise widersprüchlichen Direktiven aus Moskau, zitiert Margarete Buber-Neumanns Haltung zu Überstunden und zeigt auf, wie mit zunehmender Routine die »Revolutionsromantik der Berufsrevolutionäre« schwand (S. 164). Auf diese Weise wird das innovative Potenzial ihres Ansatzes deutlich.

Studers Buch ist sehr lesenswert, aber zum Teil auch recht voraussetzungsreich. Politische Entwicklungen wie die Degeneration der Komintern analysiert sie nicht. Doch sie zeigt andere, bislang eher unbeachtete Aspekte dieses Wandels auf. So weist sie etwa darauf hin, dass politische und kulturelle Heterogenität irgendwann nur noch in der Außendarstellung der Internationale nützlich war – sich aber strukturell nicht mehr widerspiegelte. Auch verdeutlicht sie, dass zum Zeitpunkt der Auflösung der Komintern kein einziger der porträtierten ausländischen Protagonistinnen und Protagonisten mehr dort Mitglied war: »Entweder waren sie ausgeschlossen worden, hatten die Partei verlassen oder gestorben respektive umgebracht worden« (S. 536). Auch das sagt viel über diesen internationalen Zusammenschluss aus, der 1920 so enthusiastisch in Moskau und Baku seine Aktivitäten aufgenommen hatte.

Marcel Bois, Hamburg

Zitierempfehlung

Marcel Bois: Rezension von: Brigitte Studer, Reisende der Weltrevolution. Eine Globalgeschichte der Kommunistischen Internationale, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 61, 2021, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81933> [17.6.2021].

John T. Ducker: Beyond Empire. The End of Britain’s Colonial Encounter

Rezension von: John T. Ducker, Beyond Empire. The End of Britain’s Colonial Encounter

Bloomsbury Academic | London 2020 | 424 Seiten, gebunden | 25,00 £ | ISBN 978-1-78831-735-1

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Den Denkmalsturz von Bristol im Juni 2020 könnte man als kontroversen Beitrag zur inneren Dekolonisierung Großbritanniens werten. Auch wenn Edward Colstons Statue im Zuge der weltweiten Proteste gegen die Ermordung George Floyds im Hafen von Bristol versenkt wurde, markiert der ikonoklastische Furor in der Stadt am Avon doch ein seit längerem virulentes Unbehagen von Teilen der britischen Gesellschaft angesichts einer auf den ersten Blick beinahe geräuschlos abgewickelten Geschichte. Das Land, das laut einem geläufigen Aperçu ein Empire besaß, ohne ein solches zu sein, hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg seines kolonialen Besitzes auf eine Art entledigt, die weder – wie in Frankreich Ende der 1950er-Jahre – zu schwersten innenpolitischen Verwerfungen führte, noch gar – wie in Deutschland oder Österreich nach 1918 – einer »Generation der Unbedingten« (Michael Wildt) Vorschub leistete, die auf Rache sann. John T. Ducker möchte trotzdem nochmals Bilanz ziehen. Als Mitglied des Overseas Civil Service und danach fast ein Vierteljahrhundert lang als Mitarbeiter der Weltbank konnte Ducker aus erster Hand die Folgen der Dekolonisation vor Ort analysieren. Sein Buch bietet vielleicht auch deshalb keine neuen Forschungsperspektiven, sondern will von der Warte des Praktikers aus erklären, weshalb »these newly independent countries never had a chance« (S. 5). Diese Formulierung enthält in nuce bereits das Fazit der über weite Strecken buchhalterisch angelegten Darstellung. Von Indien und Sri Lanka abgesehen, habe das koloniale Erbe Britanniens nicht genug Zeit erhalten, um sich wirksam auf die Selbständigkeit vorzubereiten. Dass 1952, acht Jahre vor der Unabhängigkeit Nigerias, die Universität von Ibadan die ersten 32 Graduierten hervorbrachte, spreche Bände.

Ducker rekapituliert die zunächst disparaten Ansätze zur Verwaltung des weitverzweigten Kolonialreichs. Das System der indirekten Herrschaft ermöglichte unter Einbeziehung lokaler Honoratioren ein Empire on the cheap. Die Paramountcy-Doktrin von 1923 räumte den Interessen der Afrikaner Vorrang gegenüber denen der europäischen Siedler ein. Und am Vorabend des Zweiten Weltkriegs habe Großbritannien endgültig das polit-ökonomische Laisser-faire verabschiedet, um eine kostspielige Entwicklungsstrategie zu implementieren und die Kolonien schrittweise an die Regierungspraxis des Westminster-Systems heranzuführen. Trotz dieser Maßnahmen, die nach 1939 notgedrungen auf Sparflamme köchelten, prognostizierte die ausgewiesene Afrikaexpertin Margery Perham 1951 die Unabhängigkeit der afrikanischen Territorien für die Jahrtausendwende. Diese in der Literatur zur Dekolonisation häufig zitierte Einschätzung gilt Ducker als Beleg für sein ceterum censeo: Großbritannien habe schlichtweg »precious little time« (S. 31), um die monumentale Aufgabe der Emanzipation seiner Kolonien zu vollenden. Der apologetische Unterton, der Duckers Buch durchzieht, stützt sich auf diese Denkfigur. Insbesondere die nur knapp zwei Jahre, in denen Iain Macleod ab 1959 als Kolonialminister amtierte, sieht Ducker kritisch, da Macleod, der dem liberalen Flügel der Tories entstammte, den Prozess der Dekolonisation beinahe mutwillig beschleunigt habe. Ducker übersieht beziehungsweise unterschätzt hier jedoch den Druck, den die nationalistischen Bewegungen vor Ort und die geopolitischen Konstellationen des Kalten Kriegs ausübten. Premierminister Harold Macmillans berühmte Wind-of-Change-Rede in Kapstadt 1960 lieferte zudem das geschichtspolitische Framing, das Macleods Kurs rhetorisch unterfütterte.

Ducker beschreibt in den folgenden Kapiteln zentrale Aspekte des Dekolonisationsprozesses. Auf dem Terrain der Bildung hätten lange Zeit christliche Missionare die Verantwortung für die Schulen getragen. Erst im Juni 1945 habe die Asquith-Kommission unmissverständlich die Bedeutung universitärer Bildung für den Erfolg des nation building hervorgehoben. Da jedoch im Großbritannien der Nachkriegszeit selbst ein Mangel an Lehrkräften herrschte, fehlte entsprechendes Personal in den Kolonien. Schulen, so eine Studie von 1953, müssten die anspruchsvolle Aufgabe bewältigen, »both an instrument of stability and an instrument of change« (S. 69) zu sein. An der Universität Ibadan spürten Studenten aus dem Norden Nigerias, wo 1960 nur neun Prozent der Kinder eine Grundschule besuchten, erhebliche kulturelle Differenzen und fühlten sich »virtually ostracized« (S. 74), was einen langen Schatten vorauswarf auf die bis heute grassierenden ethnisch-religiösen Konflikte im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas. Noch 1988 beklagte ein Weltbankbericht den chronischen Mangel an Fachkräften in den afrikanischen Nationen.

Auch der Blick auf das Regierungssystem offenbart eklatante Versäumnisse. Erst im Jahr 1942 wurden in der Goldküste (Ghana) und in Nigeria Afrikaner in den Exekutivrat, der Vorstufe eines Kabinetts, berufen. Zentralistische Tendenzen seien, so Ducker, von den Verantwortlichen billigend in Kauf genommen worden, um den Weg zur Unabhängigkeit zu begradigen. Doch auch so ließ sich die »the frequent and damaging intrusion of tribal and regional influence« (S. 110) nicht verhindern – mit folgenschweren Konsequenzen bis heute. Potenziert wurden die Probleme in Ostafrika durch die Anwesenheit europäischer Siedler und Grenzverläufe, die einem Bericht von 1927 zufolge historischen Zufällen geschuldet seien. 15 Jahre später sinnierte Macmillan als Staatssekretär im Kolonialamt darüber nach, die Siedler aus Kenia herauszukaufen, um zukünftig Komplikationen zu vermeiden. Weitere 15 Jahre darauf befand sich Tanganyika, so Ducker, in einem »over-rapid bandwagon« (S. 135), da die britische Regierung es sich nicht mit Julius Nyerere verderben wollte, der das Land dann in die Unabhängigkeit führte. Die Mau-Mau-Revolte in Kenia wird von Ducker kursorisch behandelt. Er spricht von der »horrific nature of the oaths« (S. 147), welche die Aufständischen ablegten und die Repression in den staatlichen Lagern erklären hülfen. Die eindringlichen Studien von Caroline Elkins und David Anderson über die kolonialen Gewaltexzesse im Kontext von Mau-Mau hätten Ducker die Augen öffnen können. Weiter beschleunigt wurde der Prozess der Dekolonisation durch Entwicklungen auf dem Gebiet der Zentralafrikanischen Föderation, die von Anbeginn unter einem unglücklichen Stern stand, da sie ohne den Konsens der afrikanischen Bevölkerung in Nord- und Südrhodesien sowie Nyasaland ins Leben gerufen wurde. Dass der Devlin-Bericht über die Vorkommnisse während des Ausnahmezustands in Nyasaland 1959 das Verhalten der Verantwortlichen dort mit denen eines Polizeistaats verglich, ließ in Whitehall die Alarmglocken schrillen. Vier Jahre später war die Föderation Geschichte.

Ducker stellt die rhetorische Frage, ob es sinnvoll gewesen sei, die Macht in den Kolonien einer »small, vociferous and ambitious minority« (S. 196) zu übergeben, die zufällig als erste in den Genuss höherer Bildung gelangt sei. Er legt damit den Finger in eine Wunde, die postkoloniale Gesellschaften noch lange zeichnen sollte. Lediglich Ghana habe eine Generation Zeit gehabt, den öffentlichen Dienst mit ausreichend qualifizierten Einheimischen zu besetzen. In Ostafrika hingegen habe ein »nightmare of different terms and conditions of service« (S. 214) geherrscht. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit hatten nur wenige Afrikaner bei den legendären King’s African Rifles den Rang des Majors erklommen, darunter mit Idi Amin ausgerechnet ein berüchtigter Despot im Uganda der 1970er-Jahre.

Die beiden Kapitel zum globalen Umfeld der Dekolonisation und zur Berichterstattung in der Presse sind wenig ergiebig. Dass die Pax Britannica spätestens nach 1945 im Mahlstrom des Kalten Kriegs unterging und die Präsidenten der Vereinigten Staaten für London nicht immer einfache Partner in Fragen der Dekolonisation waren, ist Konsens der Forschung. Die Auswahl der zitierten Presseartikel durch Ducker erfolgte offenbar nicht systematisch, dennoch finden sich dabei bedenkenswerte Kommentare. So schildert die »Times« im Januar 1957 den »sense of watching a film of history-in-the-making being run off in quick motion« (S. 299), was dem roten Faden von Duckers Narrativ entspricht. Einige Monate später befasst sich die »Times« mit der Problematik eines fehlenden »blueprint« (S. 306): die Erfahrungen in einer Kolonie konnten nicht umstandslos auf den Dekolonisationsprozess in einem anderen Territorium übertragen werden.

Duckers Fazit, an das sich ein umfangreicher Teil mit Dokumenten und Reden anschließt, stützt sich im Wesentlichen auf Einlassungen Alan Lennox-Boyds, des Vorgängers Macleods, aus den 1970er-Jahren. Demnach resultierte der beschleunigte Abschied vom Empire aus dem britischen Interesse an der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, den Problemen der heimischen Ökonomie und einer gewissen imperialen Erschöpfung. Die stärksten Passagen in Duckers Buch sind fraglos jene, die sich detailliert, beinahe enzyklopädisch mit den praktischen Herausforderungen des Dekolonisationsprozesses befassen. Dessen Einordnung in einen größeren Rahmen der britischen Nachkriegsgeschichte misslingt indes. Dass Ducker erst kurz vor Abschluss des Bandes die verdienstvolle, 1987 ins Leben gerufene Edition der »British Documents on the End of Empire« entdeckte, hilft dabei, den Stellenwert seiner Ausführungen realistisch zu gewichten.

Gerhard Altmann, Korb

Zitierempfehlung

Gerhard Altmann: Rezension von: John T. Ducker, Beyond Empire. The End of Britain’s Colonial Encounter, Bloomsbury Academic, London 2020, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 61, 2021, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81934> [17.6.2021].

Jörg Thierfelder/Hans Norbert Janowski/Günter Wagner: Kirche – Sozialismus – Demokratie. Gotthilf Schenkel: Pfarrer, religiöser Sozialist, Politiker

Rezension von: Jörg Thierfelder/Hans Norbert Janowski/Günter Wagner, Kirche – Sozialismus – Demokratie. Gotthilf Schenkel: Pfarrer, religiöser Sozialist, Politiker (Geschichte Württembergs. Impulse der Forschung, Bd. 3)

W. Kohlhammer Verlag | Stuttgart 2020 | 277 Seiten, gebunden | 28,00 € | ISBN 978-3-17-033593-6

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In den Jahren 1932/1933 wandte sich der protestantische Pfarrer Gotthilf Schenkel in seinen Schriften und Predigten wiederholt gegen den Nationalsozialismus. So warnte er vor dem Antisemitismus wie auch vor dem Symbol der neuen Bewegung, dem falschen Kreuz. In einer SPD-Veranstaltung im Wahlkampf 1933 betonte er nochmals, auch in Zukunft müssten Gerechtigkeit, Menschenliebe und Frieden regieren und wenn, so Schenkel weiter, die Welt voll Nazis wäre, so müsse doch das Recht bestehen bleiben. Dieses mutige Auftreten gegenüber dem Nationalsozialismus hatte zur Folge, dass Schenkel noch im März 1933 als erster Pfarrer in Württemberg sein Amt in Stuttgart-Zuffenhausen verlor.

Doch Schenkel war nicht nur ein profilierter Gegner der Nationalsozialisten, sondern liberaler Theologe, Pazifist, Freimaurer, überzeugter Sozialdemokrat und in den 1950er-Jahren schließlich der erste Kultusminister des Landes Baden-Württemberg. Jörg Thierfelder, Hans Norbert Janowski und Günter Wagner sehen in ihm somit eine facettenreiche Persönlichkeit, gleichwohl mit klaren Konturen, die bis dahin noch nicht die ihr angemessene Würdigung erhalten habe. Auf der Grundlage des 2012 dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart übergebenen Nachlasses, der Personalakte im Landeskirchlichen Archiv in Stuttgart sowie seiner zahlreichen Schriften zeichnen sie Schenkels Lebenslauf nunmehr kompetent nach.

Gotthilf Schenkel wurde 1889 als Sohn eines Basler Missionars in Udupi in Indien geboren. Bereits mit einem Jahr kam er nach Deutschland, 1908 bestand er im Evangelisch-Theologischen Seminar in Urach das Abitur. Unterbrochen durch den Dienst als einjährig Freiwilliger, studierte er bis 1914 Theologie in Tübingen. Nach dem ersten theologischen Staatsexamen war er Vikar in Freudenstadt und Wildbad. Zu diesem Zeitpunkt war er noch ganz im national aufgeheizten Denken der Anfangsphase des Ersten Weltkriegs befangen. So rief er in einer Abschiedspredigt den ausrückenden Soldaten zu, das Reich sei im Recht und der Krieg durch den Übermut der Feinde provoziert worden. Auch meldete er sich bald als Freiwilliger, doch wurde er bereits im September 1914 schwer verwundet. Die Autoren beschreiben anschaulich, wie Schenkel ab diesem Zeitpunkt den Weg zum Pazifismus fand. Hierbei spielte die Dankbarkeit gegenüber französischen Soldaten, die ihm geholfen hatten, eine Rolle, aber auch der Einfluss von Otto Umfrid (1857–1920), ebenfalls ein protestantischer Pfarrer aus Württemberg, der in seinen Schriften sämtliche Mythen über den Krieg entlarvte und – so die Autoren in Anlehnung an Manfred Schmid – aufzuzeigen versucht habe, »dass eine Welt ohne Krieg nicht nur ein Postulat der Moral und der Vernunft wäre, sondern dass der auf Verträge und Vertrauen gegründete Dauerfriede auch realisierbar und damit eine Forderung und Aufgabe der praktischen Politik sei« (S. 68). Zugleich befasste sich Schenkel nunmehr mit der Ethik der Bergpredigt und der Frage, wie man mit erlittenem Unrecht umgehen solle. Der richtige Weg, um Unrecht zu begegnen, so Schenkel, »ist der Weg der Liebe, Dornenpfad und zugleich Sonnenpfad (…). Wer (…) den Weg der Liebe geht und auf alle Beleidigungen mit Erbarmen antwortet, dem gilt des Heilands Wort: Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen« (S. 69). Das Musterbeispiel für den richtigen Umgang mit Unrecht bildete für Schenkel Mahatma Gandhi (1869–1948), den er 1931 persönlich kennen lernen sollte; 17 Jahre später veröffentlichte er schließlich eine Biografie Gandhis.

Neben dem Eintreten Schenkels für den Frieden zeichnen die Autoren das Engagement des Pfarrers in der sozialen Frage nach. Schenkel war seit 1918 Stadtpfarrer in Zuffenhausen. Hier engagierte er sich unter anderem in der Bodenreformbewegung, aber auch für den Bau von Heimstätten für die Arbeiterschaft. Parteipolitisch gehörte Schenkel zunächst der DDP an. Nachdem diese jedoch 1928 eine Listenverbindung bei einer Kommunalwahl mit der NSDAP eingegangen war, wechselte Schenkel zur SPD. Hier stand er in der Tradition von Pfarrer Christoph Blumhardt (1842–1919) von dem er sagte, Blumhardt habe »im Sozialismus den Ruf Gottes an die Christenheit zur Lösung der sozialen Frage« herausgehört und „durch seinen Beitritt zur Sozialdemokratie die Brücke zwischen christlicher Kirche und sozialistischer Arbeiterschaft“ geschlagen (S. 38). Diesem Ziel fühlte sich auch Schenkel verbunden. Überhaupt wünschte er einen Umbau der Kirche und forderte immer wieder ein Christentum, das sich vor allem im sozialen Engagement für den Schwächeren niederschlage. Hier fühlte er sich dem Diktum Gustav Werners (1809–1887) verpflichtet: »Was nicht Tat wird, hat keinen Wert« (S. 17). Sehr ausführlich schildern die Autoren in diesem Zusammenhang die theologischen Positionen Schenkels als religiöser Sozialist – Positionen, die in der württembergischen Landeskirche zum Teil heftig umstritten waren. Schließlich wird der Freimaurer Schenkel vorgestellt. So wie Schenkel die Brücke zur Arbeiterschaft schlagen wollte, wollte er auch Gebildete für die Kirche wiedergewinnen. In den Idealen der Freimaurer Toleranz, Humanität, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Rechte der Minderheiten, sah er zugleich urchristliche Werte.

Auf die Auseinandersetzung Schenkels mit dem Nationalsozialismus wurde bereits eingegangen. Der Leser erfährt, dass Landesbischof Theophil Wurm (1868–1953) Schenkel keineswegs fallen ließ. Von 1933 bis 1945 musste Schenkel jetzt als unständiger Pfarrer in Unterdeufstetten bei Crailsheim wirken. Dank des Rückhalts bei seiner neuen Gemeinde konnte er sich trotz vielfältiger Denunziationen seitens der örtlichen Nationalsozialisten in der Gemeinde halten. In diesem Zusammenhang stellt der Band auch den engagierten Prediger Schenkel vor, der Jugendliche nicht zuletzt durch die Gründung eines Posaunenchores von NS-Jugendverbänden fernhielt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnte Schenkel wieder im großstädtischen Raum tätig werden. So wirkte er ab 1947 Oberesslingen, zugleich hatte er einen Lehrauftrag für Allgemeine Religionswissenschaften sowie Individual- und Sozialethik an der TH Stuttgart. Natürlich zeichnet der Band auch die Tätigkeit Schenkels bei der Neugründung der religiösen Sozialisten nach wie auch seine kurze Amtszeit als Kultusminister Württemberg-Badens beziehungsweise Baden-Württembergs. In die Amtszeit fällt unter anderem die Gründung des Amtsblattes Kultus und Unterricht. Auch bemühte sich Schenkel um die Einführung der christlichen Simultanschule in ganz Baden-Württemberg. Allerdings sollte es erst 1967 zu deren Einführung im Regierungsbezirk Württemberg-Hohenzollern kommen. Die Darstellung wird abgerundet durch eine Dokumentation von Schriften und Predigten Schenkels (S. 191–261).

Es ist den Autoren gelungen, mit Schenkel eine Persönlichkeit vorzustellen, die als Pfarrer mutig dem Nationalsozialismus widerstanden ist und dabei als religiöser Sozialist eine ganz eigene Position außerhalb der Bekennenden Kirche formuliert hat.

Michael Kitzing, Singen am Hohentwiel

Zitierempfehlung

Michael Kitzing: Rezension von: Jörg Thierfelder/Hans-Norbert Janowski/Günter Wagner, Kirche – Sozialismus – Demokratie. Gotthilf Schenkel: Pfarrer, Religiöser Sozialist, Politiker (Geschichte Württembergs. Impulse der Forschung, Bd. 3), W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2020, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 61, 2021, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81935> [17.6.2021].

Ian Kershaw: Achterbahn. Europa 1950 bis heute

Rezension von: Ian Kershaw, Achterbahn. Europa 1950 bis heute

Deutsche Verlags-Anstalt | München 2019 | 832 Seiten, gebunden | 38,00 € | ISBN 978-3-421-04734-2

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Darstellungen zur Geschichte Europas häufen sich. Sieben Überblicke zur Geschichte Europas sind allein 2018 und 2019 herausgekommen, zwei Überblicke zur europäischen Geschichte als Ganzes, drei Synthesen zur Geschichte Europas im 19. Jahrhundert, zwei Synthesen zur Geschichte Europas im 20. Jahrhundert bzw. seit 1945, darunter auch die Synthese von Ian Kershaw.[1] Neu ist, dass wiederbelebende Überblicke angelsächsischer und französischer Autoren auf den deutschsprachigen Markt kommen, nachdem lange Zeit deutsche Autoren vorherrschten. Neu ist auch, dass die Synthesen, die Europa bis zur Gegenwart behandeln unter dem Eindruck der schweren Krisen der Europäischen Union seit 2009 geschrieben wurden.

Was bringt Ian Kershaw Neues oder anderes? Jedenfalls enthält sein Buch keine neue Einteilung der Epochen: nach den bitteren Notjahren, aber auch Weichenstellungen direkt nach dem Zweiten Weltkrieg behandelt er zuerst die politische Restabilisierung Europas und das Wirtschaftswunder Europas in den 1950er- und 1960er-Jahre, danach die Krisenzeit der 1970er-Jahre und den tiefen politische Umbruch 1989 mit dem Ende des Kalten Kriegs, daran anschließend die einigermaßen glücklichen europäischen 1990er-Jahre und frühen 2000er-Jahre, am Ende das Jahrzehnt der Krisen ab 2009 bis zur Gegenwart. Ian Kershaw hat diese Entwicklung zwar mit dem ungewöhnlichen Bild der Achterbahn zu fassen versucht. Im Ganzen präsentierter jedoch das Narrativ, das man erwartet, spannend und versiert geschrieben, aber kein neuer Plot.

Kershaw gibt selbst keine direkte Antwort darauf, was er Neues bieten möchte. Kershaw, Brite, Emeritus, der in Sheffield lehrte, hat seit Eric Hobsbawm die meistgekauften deutschsprachigen Bücher eines britischen Historikers zur jüngeren deutschen Geschichte geschrieben, ist vor allem durch seine Biografie Hitlers und danach durch den »Höllensturz«, durch seine Darstellung der europäischen Geschichte 1918–1949 bekannt geworden. Aber das Buch »Achterbahn« schreibt er nicht, wie man erwarten könnte, als eine Art zweiten Akt des 20. Jahrhunderts, als Wiederaufstieg nach dem »Höllensturz«. Er folgt nicht Eric Hobsbawms, der in seinem kurzen 20. Jahrhundert der verheerenden ersten Jahrhunderthälfte das »Golden Age« folgen ließ. Er hat auch eine andere Orientierung als das gleichzeitig geschriebene Buch Konrad Jarauschs zu Europa im 20. Jahrhundert mit dem vielsagenden Titel »Aus der Asche«. Kershaw fand es im Gegenteil schwierig, dieses Buch zu schreiben, weil sich in der Geschichte Europas seit 1950 kein zentrales Thema fand. Diese Epoche war »voller Wendungen und Wechselfälle, Auf und Abs und willkürlicher Wechselfälle« (S. 9). Deshalb wählte er den Titel »Achterbahn«. Ian Kershaw geht sogar so weit, für die Einleitung des Buches die Überschrift »Zwei Epochen der Unsicherheit« zu wählen, die Unsicherheit eines Atomkriegs in den 1950er-Jahren und die neue »Matrix der Unsicherheit«, die sich allmählich seit den 1980er-Jahren abzeichnete, die für Kershaw in der deregulierten Wirtschaft, in der Globalisierung, in der Digitalisierung und in der multipolaren Weltordnung besteht. Er sieht zwar durchaus Fortschritte in der Geschichte Europas seit 1950, die er eingehend behandelt: die enormen materiellen Verbesserungen des Lebensstandards und des Sozialstaats, die mentalen Fortschritte in der Toleranz gegenüber dem Anderen, im Respekt vor den Menschenrechten, in der Ablehnung der Todesstrafe, auch den politischen Fortschritt des Aufgebens kontinentaler Großmachtambitionen in Deutschland. Aber in dem Dreivierteljahrhundert seit 1950 geriet Europa in seiner Sicht von einer Unsicherheit in die andere. Deshalb »Achterbahn«.

Eine zweite Besonderheit des Buches: Mehr als die meisten anderen Synthesen ist das Buch vom dramatischen Erzählen großer Ereignisse geprägt. Große europäische Ereignisse seit der Jahrhundertmitte, die Berlin-Krise 1958, der Bau der Mauer 1961, die Studentenproteste von 1968, die Ölpreis- und Währungsschocks der 1970er-Jahre, der Zusammenbruch der südeuropäischen Diktaturen 1974/75, die Perestroika ab 1985, der Umbruch 1989 und die deutsche Einheit, der Bürgerkrieg in Jugoslawien, der Vertrag von Maastricht, die Finanzkrise 2009–2012, die Flüchtlingskrise 2015/16 und der Brexit 2016 werden spannend dargestellt und der Leser in die Dramatik hineingezogen. Darin besitzt Ian Kershaw eine Meisterschaft., die er souverän einsetzt. Man muss allerdings hinzufügen: Die historische Analyse fällt deshalb nicht weg. Das Buch enthält gleichzeitig eine ganze Reihe kluger Analysen etwa zur politischen Vereinheitlichung Westeuropas im Kalten Krieg, zur Instabilität des Ostblocks, zum west- wie osteuropäischen Wirtschaftswunder, zu den Folgen von 1968, zu der Bedeutung der Perestroika im östlichen Europa, zur Globalisierung Europas seit den 1990er-Jahren, zu den politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten der 2010er-Jahre. Solche starken Analysen drehen sich vor allem um politische Entwicklungen, nicht selten auch um ökonomische Entwicklung, seltener um kultur- oder sozialhistorische Umbrüche. Kultur- und Sozialgeschichte fällt nicht aus, aber wird nicht so bestechend analysiert wie etwa für das 19. Jahrhundert in den Synthesen von Willibald Steinmetz oder Richard Evans. Die Kombination von dramatischem Erzählen von Ereignissen und politischer Analyse ist jedoch eine der starken Besonderheiten des Buches.

Eine dritte Besonderheit ist die Darstellung der europäischen Nationalstaaten. Während Richard Evans in seiner Geschichte Europas im 19. Jahrhundert sich von vornherein von der nationalstaatlichen Darstellung absetzt, wechselt Kershaw den Zugang. Wenn es um westeuropäische politische Stabilisierung, um das Wirtschaftswunder, um die Kultur und die Aufarbeitung der Vergangenheit, um Unruhen im Ostblock, um Studentenbewegung oder um die Revolution von 1989 geht, dann ist sein Buch eine Wanderung durch die europäischen Nationalstaaten, unter denen Großbritannien und Deutschland besonders genau angesehen werden. Wenn es um die potenziell bedrohlichen Entwicklungen, also um Globalisierung, um Ölschocks, um internationales Währungssystem, um marktliberale Konjunkturpolitik und Abwendung vom Keynesianismus oder um Globalisierung geht, wird der Blick international. Auch in den Passagen über die Europäische Union werden nationalstaatliche Akteure meist im Hintergrund belassen. Seine Deutung der Europäischen Union ist stark von den europäischen Krisen seit 2009 geprägt. Er sieht die Europäische Union als notwendig und nutzbringend, eher zu wenig supranational, aber 2017, als er dieses Buch schrieb, auch als unfertig an, weil sie in seinen Augen zu wenig unter den Bürgern verankert und nicht genug entscheidungsstark angesichts der Globalisierung, des Klimawandels, der Digitalisierung und der multipolaren Weltordnung ist. Vielleicht hätte er 2020 etwas anders geschrieben.

Am Ende fragt man sich, wie weit die Deutung der »Achterbahn«, der »Auf und Abs« der europäischen Geschichte seit 1950 trägt. Sie erfasst Einiges, aber man hätte gerne dann und wann mehr Diskussion anderer Deutungen gelesen. Was spricht dagegen, die europäische Geschichte seit 1950 zuerst als Abstieg von der Weltherrschaft und dann als Wiederaufstieg zum souveränen Kontinent und Akteur in der Globalisierung schreiben? Oder sie zuerst als politische Zerklüftung und scharfe wirtschaftliche Gegen­sätze und später als politisch organisierter Kontinent mit wirtschaftlichen Konvergenzen zu schreiben? Und was spricht dagegen, die Geschichte Europas in ihren weltgeschichtlichen Zusammenhängen zu schreiben (nicht nur gelegentlich etwa in der Zeit des Koreakriegs oder bei den Kriegen in Afghanistan und Irak) und die intellektuellen Voraussetzungen der weltoffenen britischen akademischen Institutionen zu nutzen?Solche Fragen ändern nichts daran, dass dieses Buch eine erstklassige, hervorragend recherchierte, gut erzählende und gut analysierende, souverän organisierte, sehr lesenswerte Synthese der Geschichte Europas ist.

Hartmut Kaelble, Berlin

Zitierempfehlung

Hartmut Kaelble: Rezension von: Ian Kershaw, Achterbahn. Europa 1950 bis heute, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 61, 2021, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81936> [17.6.2021].

[1]Christophe Charle/Daniel Roche (Hrsg.), L’Europe. Encyclopédie historique, Arles 2018; Richard Evans, Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815-1914, München 2016; Etienne Francois/Thomas Serrier (Hrsg.), Europa.Die Gegenwart unserer Geschichte, Darmstadt 2019; Konrad H. Jarausch, Aus der Asche. Eine neue Geschichte Europas im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2018; Johannes Paulmann, Globale Vorherrschaft und Fortschrittsglaube, Europa 1850–1914, München 2019; Willibald Steinmetz, Europa im 19 Jahrhundert, Frankfurt am Main 2019.

Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955

Rezension von: Harald Jähner, Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955

Rowohlt Berlin | Berlin 2019 | 480 Seiten, gebunden | 26,00 € | ISBN 978-3-7371-0013-7

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Harald Jähner strukturiert seine Darstellung des Jahrzehnts zwischen Weltkriegsniederlage und Wirtschaftswunder mit der folgenden psychologischen Diagnose: »Während die Erinnerung die Vergangenheit für gewöhnlich in ein umso milderes Licht taucht, je mehr Jahre uns von ihr trennen, gilt für die Nachkriegszeit das Umgekehrte. Sie wurde im Rückblick immer düsterer. Ein Grund dafür liegt in dem verbreiteten Bedürfnis der Deutschen, sich als Opfer zu sehen. Je schwärzer die in der Tat schrecklichen Hungerwinter von 1946 und 1947 geschildert wurden, umso weniger wöge, so glaubten offenbar viele, am Ende ihre Schuld«. (S. 11)

Diesen Verdrängungsmechanismus stellt der Autor, früherer Kulturjournalist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie der Berliner Zeitung und Honorarprofessor an der UDK Berlin, mehrfach als psychologische Konstante im deutschen Durchschnittsbewusstsein fest. »Der Überlebenstrieb schaltet Schuldgefühle ab«, hob er hervor, um sich dann die sein Buch durchziehende Grundfrage vorzulegen, wie »auf der Basis von Verdrängung und Verdrehung dennoch zwei auf ihre Weise antifaschistische, vertrauenerweckende Gesellschaften entstehen konnten«. (S. 13) Insbesondere die »Niemandszeit« zwischen 1945 und 1949 bildet eine Art blinden Fleck in der kollektiven Erinnerung, »weil ihnen das institutionelle Subjekt« fehle, das heißt eine deutsche Staatlichkeit im Sinne von normativer Zuständigkeit. (S. 14) Es waren die vier Siegermächte, die die Geschicke zwischen 1945 und 1949 leiteten und den Kampf um die Köpfe führten. Und viele dieser Köpfe waren nur allzu dankbar, nicht zu genau zurückschauen zu müssen. Es gab keine »Stunde Null«, sondern Millionen von Menschen, die um ihr nacktes Überleben kämpften, die ihre Heimat verloren hatten, kriegsversehrt, ausgebombt, beinahe verhungert waren, und es gab die Überlebenden der Konzentrationslager, die befreiten Zwangsarbeiter, die langsam zurückkehrenden Emigrantinnen und Emigranten.

Wie Jähner beschreibt, waren in dieser Lage des Chaos Urinstinkte gefragt, um das Essen zu sichern, um an Lebensnotwendiges zu kommen, also Schwarzmarkt und »Fringsen«, Tauschhandel und »Stoppeln« auf dem Feld, auch Plündern und Stehlen. Dies ist die psychologische Gemengelage, die Jähner diese Zeit als »Wolfszeit« charakterisieren lässt: »Dass sich jeder nur um sich selbst oder sein Rudel kümmerte, prägte das Selbstbild des Landes bis tief in die Fünfziger hinein«. (S. 10) Und Jähner lässt viele Zeitzeugen über diese »Wolfszeit« zu Worte kommen. Dazu gehören der Theaterkritiker Friedrich Luft und der NS-Verfolgte Walter Eiling ebenso wie die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich, der Arzt Walter Seitz, der Schauspieler Fred Denger und der Dirigent Leo Borchard. Diesen Vier war es vergönnt, einen Ochsen unversehrt zu finden und mit Hilfe eines Sowjetsoldaten zu schlachten. Der Blutgeruch lockte weitere hungrige Menschen aus den Kellern und Trümmern, die sich über das Tier hermachten und es roh ausweideten. Szenen wie diese machen den Begriff »Wolfszeit« plastisch. (S. 20–22) Und zu alledem verfasste der Schriftsteller Wolfgang Borchert eine Blaupause der Amnesie, indem er die Heimatlosigkeit der Rückkehrer quasi zum Programm erhob, denn die verlorene Heimat stand synonym für die verlorene Erinnerung an die eigene Verantwortung und Mittäterschaft an der Katastrophe. Damit schrieben Borchert und andere Schriftsteller den Mitmenschen gewiss aus dem Herzen. Paul Celans »Todesfuge« fand, obschon 1948 erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht, noch lange keinen Eingang in die Herzen und Köpfe der Menschen. Die »Stunde Null« war die Chiffre für die Erinnerungsbereinigung der Verbliebenen und Heimkehrenden. Das Kapitel »In Trümmern« berichtet von Antifa-Ausschüssen, die in Duisburg ehemalige NS-Mitglieder zu Aufräumeinsätzen verpflichteten, damit diese einen Teil ihrer Schuld abtrügen, von Aufräumeinsätzen in Magdeburg, Berlin und anderswo, vom Bemühen der Alliierten, unbescholtene Bürgermeister zu finden und einzusetzen. In Dresden wurden die letzten »Enttrümmerungsarbeiten« erst 1977 eingestellt. (S. 42) Jähner widmet »Ruinenschönheit und Trümmertourismus« ein eigenes Unterkapitel, in dem sowohl die Dokumentation der Kriegsschäden als auch die daraus erwachsende eigentümliche Ästhetik menschlichen Lebens vor ausgebombten Innenstädten vor- und mit vielen Fotos dargestellt werden: »Gut machten sich in Trümmern spielende Kinder, Liebespaare und natürlich Mode. Während die einen noch in den Trümmern hausten, präsentierten andere darin die Abendkleider der ersten Nachkriegsgeneration«. (S. 52)

Um sich das Ausmaß von Zerstörung und Chaos vor Augen zu führen, sei folgender Satz des Autors zitiert: »Im Sommer 1945 lebten in den vier Besatzungszonen ungefähr 75 Millionen Menschen. Von ihnen waren weit mehr als die Hälfte nicht dort, wo sie hingehörten oder hinwollten«. (S. 61) Dies betraf die Soldaten, die aufs Land evakuierten Stadtbewohner, die KZ-Häftlinge, Gefängnisinsassen und Zwangsarbeiter, genauso die deutschen Flüchtlinge und die Vertriebenen aus Ost- und Ostmitteleuropa. 45 Prozent aller Wohnungen waren zerstört, vor allem in den Städten. So musste Kommunikation zu Fuß erledigt werden, dienten Haustüren an Trümmern oder andere geeignete Stellen als Nachrichtenstätten, zogen sich Menschen in Katakomben zurück und besuchten den Schwarzmarkt und andere Notwendigkeiten des Überlebens. Jähner erzeugt durch seine dichte Darstellung schnell das Bild eines ruhelosen, ameisenähnlichen Hin-und-her-Rennens, einer Rastlosigkeit aus Überlebenszwang. Auf eine weitere Ebene der »Wolfszeit«, nämlich die der Verrohung selbst der Displaced Persons als einer psychologischen Folge ihrer Versklavung durch das NS-Zwangssystem, weist Jähner ebenfalls hin. Andererseits blieb selbst befreiten KZ-Häftlingen oft nichts anderes übrig als ihre KZ-Kleidung auch weiterhin zu tragen, da sie ohne jegliche Habe waren. (S.74ff)

Zurecht relativiert Jähner die nachträgliche Beschönigung des Verhältnisses zwischen den angestammten deutschen Bewohnern und den zwölf Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen als einer Erfolgsgeschichte der Integration. Tatsächlich waren die Menschen aus dem verlorenen Osten zunächst ungern gesehene Nahrungs- und Wohnungskonkurrenten, wurden als »Zigeunerpack« oder »Polacken« beschimpft und der vor 1945 aggressiv nach Außen gerichtete Rassismus betraf nun die deutschen Binnenmigranten. Nach 1949 lebte man tatsächlich eher nebeneinander als miteinander, auch eine soziale Heterogenisierung fand lange Zeit nicht statt. Man blieb lieber im eigenen »Wolfsrudel«. Und wer immer noch menschliches Strandgut war, fand sich meistens auf den Bahnhöfen wieder. Und das war ebenso Alltag unter dem Wolfsgesetz: Mundraub war eine wichtige Strategie des Überlebens. Wer sich auf dem Schwarzmarkt bewegte, musste selbst mit allen Wassern gewaschen sein oder eben dies erlernen, um nicht unterzugehen.

Dem bereitete die Währungsreform vom 20. Juni 1948 nach und nach ein Ende. Dennoch führten wiederum deren Ungleichgewichte zu erneuten sozialen Spannungen, die sich beispielsweise in lokalen Marktunruhen und im Generalstreik in der Bizone vom 12. November 1948 entluden, was bei Jähner allerdings unerwähnt bleibt. Ein Fazit des Autors: »Mag man auch die mangelnde Wahrheitsliebe der deutschen Nachkriegsgesellschaft verurteilen, so kommt man kaum umhin, ihr eine Verdrängungsleistung zu attestieren, von der die Nachkommen aufs äußerste profitierten «. (S. 405) Schließlich erhielten sie noch in den Trümmern von den Alliierten die Chance zu einem Neuanfang, selbst wenn dieser in den Kalten Krieg und die deutsche Teilung mündete. Jähners Kaleidoskop einer Zwischenzeit zwischen Nachkriegschaos und wirtschaftswunderlicher Selbstgerechtigkeit ist lesenswert und überdies reichlich mit Fotomaterial illustriert. Dafür gab es übrigens den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 in der Kategorie Sachbuch/Essayistik.

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn

Zitierempfehlung

Holger Czitrich-Stahl: Rezension von: Harald Jähner, Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955, Rowohlt Verlag, Berlin 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 61, 2021, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81937> [17.6.2021].

Stephen Wertheim: Tomorrow, the World. The Birth of U.S. Global Supremacy

Rezension von: Stephen Wertheim, Tomorrow, the World. The Birth of U.S. Global Supremacy

Harvard University Press | Cambridge/London 2020| 272 Seiten, gebunden | 23,95 £ | ISBN 978-0-67424-866-3

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Auch nach der Abwahl von Präsident Donald Trump werden die Diskussionen um die US-amerikanische Rolle in der Welt nicht verstummen. Es ist das Verdienst Stephen Wertheims, mit seinem Buch den Blick auf die historischen Ursprünge der amerikanischen Stellung als globale Supermacht zu lenken, die uns – auf den ersten Blick – beinahe als selbstverständlich erscheint.

Wertheim zielt darauf ab, bis in die Gegenwart fortbestehende Vorstellungen zu erschüttern, es sei die natürliche Rolle der Vereinigten Staaten, als globale, militärisch dominante Führungsmacht in Erscheinung zu treten. Vielmehr habe es sich dabei um eine bewusste Entscheidung gehandelt, die in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs gefallen sei (S. 3).

Im Mittelpunkt des Buches steht die Frage, wie es zu dieser Entscheidung kam und wie sie sich ideengeschichtlich rekonstruieren lässt, wobei Wertheim als »agent that made the decision for dominance« (S. 7) die außenpolitische Elite des Landes ausmacht. Dazu zählen für ihn primär die Experten der Stiftungen, Universitäten, Denkfabriken und Medien. Da der außenpolitische Apparat der amerikanischen Regierung bei Kriegsausbruch personell schwach besetzt war, konnten diese etwa 100 Experten als »proto-national security state« (S. 8) der Nachkriegsplanung fungieren. Letztlich sei es ihnen gelungen, die Zielsetzung globaler amerikanischer Dominanz in »the obvious-seeming response to the events of the war« (S. 8) zu verwandeln.

Im ersten Kapitel umreißt Wertheim US-amerikanische Ideen des Internationalismus seit der Nationsgründung bis in die 1930er-Jahre. Er hebt darauf ab, dass Internationalismus zunächst mit friedlicher Interaktion mit anderen Nationen assoziiert und als Gegenmodell zur europäischen Machtpolitik aufgefasst worden sei. Erst Mitte der 1930er-Jahre sei Internationalismus von Befürwortern einer globalen amerikanischen Vorherrschaft besetzt und in diesem Sinne umgedeutet worden. Dafür erfanden sie die Kategorie des Isolationismus als pejorativen Kampfbegriff, um gegenteilige Positionen zu diskreditieren. Das zweite Kapitel rückt Frankreichs zeitgenössisch überraschende militärische Niederlage gegen NS-Deutschland im Mai/Juni 1940 in den Fokus. Von den Planern als Schock wahrgenommen, habe dieses Ereignis zu einer Neubewertung der amerikanischen Rolle in der Welt geführt. Dabei stand den Experten keine Gefahr für das eigene Staatsgebiet vor Augen, sondern das »specter of a Nazi-led world order« (S. 51). Wie im dritten Kapitel dargelegt wird, sei das Projekt globaler amerikanischer Machtprojektion im Verlauf des Jahres 1941 zunächst als amerikanisch-britische Zusammenarbeit ohne Beteiligung anderer Nationen angedacht gewesen. Allerdings stellte dies die Eliten gegenüber der US-Öffentlichkeit vor ein gravierendes legitimatorisches Problem. Ihre globalen Dominanzvorstellungen waren kaum von imperialistischen Herrschaftsambitionen zu unterscheiden, die doch bisher dem nationalen Selbstverständnis als negative Kontrastfolie dienten. Um dieses Problem zu lösen, so Kapitel vier, ließen sich die Experten entgegen ursprünglichen Absichten auf die Idee einer Weltorganisation ein, allerdings keineswegs aus Überzeugung, sondern als Täuschungsmanöver – als »simulacrum of Wilsonianism […], making supremacy safe for democracy.« (S. 132) Kapitel fünf argumentiert dementsprechend, dass die Debatte über die Vereinten Nationen in der US-Öffentlichkeit zwischen 1943 und 1945, die vermeintlich zwischen Isolationisten und Internationalisten ausgetragen worden sei, tatsächlich einer Legitimationskampagne gleichkam: »Advocates of postwar supremacy seamlessly blended their cause with that of world organization.« (S. 165) Seitdem, so Wertheims Fazit, habe sich in allen US-Administrationen dieser Konsens der globalen amerikanischen Dominanz fortgesetzt (S. 179–180).

Das Buch hinterlässt insgesamt einen zwiespältigen Eindruck, was nicht zuletzt mit seinem hybriden Charakter zusammenhängt: Einerseits handelt es sich um eine eloquente, durchaus anregende tagespolitische Streitschrift, die den bis heute fortbestehenden weltumspannenden Dominanzanspruch der USA kritisch hinterfragt.[1] Andererseits hat das Buch mit seinen ambitionierten Thesen zugleich den Ehrgeiz, als quellengesättigte historische Studie und gewichtige Forschungsintervention gelesen zu werden. Dabei fällt ins Auge, wie schmal sich der tatsächliche Untersuchungszeitraum – 1939 bis 1945 – und der empirische Untersuchungsgegenstand – knapp 100 Intellektuelle, die in diesem Zeitraum hunderte Ideenpapiere verfassten – gegenüber den weitreichenden historischen Schlussfolgerungen ausnehmen. Die relative Bedeutung dieses Expertenzirkels für das Regierungshandeln wird nie ganz zufriedenstellend abgewogen, sondern erscheint eher als konzeptionelle Setzung. Die zentrale Frage, wie aus Expertendiskursen und Denkschriften – zumal in dieser ungewöhnlichen Konstellation – konkret implementierte Politik hervorging, wird nicht beantwortet. Dies hängt auch damit zusammen, dass die politischen Entscheidungsträger in Wertheims Darstellung kaum in Erscheinung treten. Diese verengte (Akteurs-)Perspektive führt außerdem dazu, dass moralische Motive oder Aufladungen des außenpolitischen Handelns kategorisch ausgeblendet werden.

Darüber hinaus irritiert, wie statisch und teleologisch Wertheims Auffassung eines 1945 erreichten und bis in die Gegenwart reichenden Konsenses der globalen Vorherrschaft innerhalb der amerikanischen Politik erscheint. Die zeitgenössische Offenheit der nachfolgenden Geschichte des Kalten Krieges, die außerhalb des empirischen Blickfeldes der Untersuchung liegt, ist Wertheim kaum eine Randnotiz wert. Dabei wäre es angezeigt, seine Befunde in eine breitere Perspektive der amerikanischen Hegemonieaspirationen im 20. Jahrhundert einzuordnen. Blickt man allein auf die ersten Jahre nach Kriegsende, so wird deutlich, dass damals die amerikanische Orientierung auf globale militärische Vorherrschaft vielleicht angelegt, aber keineswegs ausgemacht war. Die Militarisierung der amerikanischen Eindämmungspolitik erfolgte beispielsweise erst 1950 und wäre ohne den überraschenden Angriff nordkoreanischer Truppen auf Südkorea – der Beginn des Koreakriegs – kaum vorstellbar gewesen.[2]

Während die Studie viele aufschlussreiche Detailbeobachtungen aufweist und als politische Intervention besticht, ruht ihr historisches Gesamtargument auf brüchigem Fundament.

Arvid Schors, Köln

Zitierempfehlung

Arvid Schors: Rezension von: Stephen Wertheim, Tomorrow, the World. The Birth of U.S. Global Supremacy, Harvard University Press, Cambridge/London 2020, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 61, 2021, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81938> [17.6.2021].

[1] Nicht zufällig ist der Autor stellvertretender Forschungsleiter des »Quincy Institute for Responsible Statecraft«, eines Think Tanks, der für eine neue amerikanische Außenpolitik wirbt. Vgl. URL: <https://quincyinst.org/author/swertheim/>; URL: <https://quincyinst.org/about/> (15.6.2021).

[2] Vgl. Hal Brands, What Good is Grand Strategy? Power and Purpose in American Statecraft from Harry S. Truman to George W. Bush, Ithaca/London 2014, S. 45–49; Arvid Schors, Historische Quellenanalyse, in: Claudius Wagemann/Achim Goerres/Markus Siewert (Hrsg.), Handbuch Methoden der Politikwissenschaft, Wiesbaden 2018, S. 13–14.

 

Wolfgang Dunkel/Heidemarie Hanekop/Nicole Mayer-Ahuja (Hrsg.): Blick zurück nach vorn. Sekundäranalysen zum Wandel von Arbeit nach dem Fordismus

Rezension von: Wolfgang Dunkel/Heidemarie Hanekop/Nicole Mayer-Ahuja (Hrsg.), Blick zurück nach vorn. Sekundäranalysen zum Wandel von Arbeit nach dem Fordismus (Internationale Arbeitsstudien, Bd. 25)

Campus Verlag | Frankfurt am Main/New York 2019 | 327 Seiten, kartoniert | 39,95 € | ISBN 978-3-593-51096-5

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Gegen Ende des 20. Jahrhunderts setzte eine Debatte um die Anwendbarkeit der in quantitativen Forschungskontexten längst verbreiteten Praxis der Sekundäranalyse auf qualitative Forschungsdaten ein. Von hier an dauerte es noch gut 20 Jahre, bis in der Bundesrepublik die Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) ins Leben gerufen wurde. Innerhalb einzelner Disziplinen mit relativ homogenen Methodenpaletten kam es schon vor dieser Initiative zu Vorstößen im Bereich der Archivierung und Kuratierung der ansonsten nicht zu bewältigenden Heterogenität qualitativer Forschungsdaten. Dazu zählt auch die Sektion Arbeits- und Industriesoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, für die die Sozialforschungsstelle Dortmund, das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München, das Soziologische Forschungsinstitut in Göttingen sowie das Institut für Soziologie an der Universität Jena umfangreiche und recht homogene Datenmengen sammelten. Der von den Autoren und Autorinnen aus diesen Instituten verfasste Band »Blick zurück nach vorn« leistet gleich drei Beiträge: Er stellt das Forschungsdatenzentrum eLabour vor, vertieft die methodologische Debatte zur Sekundäranalyse qualitativer Daten und gibt einen Einblick in Pilotprojekte, im Rahmen derer Forschende an den in eLabour archivierten Beständen experimentierten.

In der Einleitung stecken Nicole Mayer-Ahuja, Wolfgang Dunkel und Heidemarie Hanekop den zeitlichen Rahmen der folgenden Kapitel ab: nach dem Fordismus oder »nach dem Boom« (eine innerhalb des Sammelbandes häufig zitierte Formulierung von Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael aufzugreifend). Die einzelnen Primärstudien mit ihrem privilegierten Blick ins Innere der Werkstore dienen laut den Autoren und Autorinnen als »Brennspiegel, in dem sich ökonomische Entwicklungen, Veränderung von politischer Regulierung sowie gesellschaftlicher Arbeitsteilung und Reproduktion ›im Kleinen‹ niederschlagen und untersuchen lassen (S. 11). Die nachfolgenden Kapitel zeigen auch, welche Fallstricke der Wandel als Untersuchungsobjekt bereithält.

Dem Kapitel »Archivierung und Sekundäranalyse qualitativer Daten aus der Arbeitsforschung« kommt eine Leitfunktion zu. Es führt in die internationale Debatte um die Archivierung und Sekundäranalyse qualitativer Daten ein, umreißt die methodologischen Herausforderungen und stellt das Forschungsdatenzentrum eLabour vor. Hanekop und Dunkel versuchen darin, Gütekriterien für eine Trennung von Forschungsdaten und ihren Erzeugern und Erzeugerinnen zu entwickeln. Sie plädieren für eine »doppelte Kontextualisierung«, die die Forschenden mit der notwendigen Kompetenz ausrüstet, um mit dem Material der Primärstudie souverän umzugehen: die »Kontextualisierung der Daten im Entstehungskontext« und die »Kontextualisierung des Forschungsgegenstandes« (S. 48). Zudem enthält das Kapitel grundlegende Überlegungen zum Thema Datenschutz und der in qualitativen Kontexten angebrachten Forschungsethik.

Die folgenden sieben empirischen Pilotstudien experimentieren mit unterschiedlichen Längsschnittmethoden. Mayer-Ahuja und Peter Birke wählen eine Re-Analyse von vier qualitativen Fallstudien in der bundesdeutschen Automobilindustrie aus dem Zeitraum von Anfang der 1990er- bis Mitte der 2000er-Jahre, um die Wechselwirkungen zwischen veränderten Kooperationsformen im Arbeitsprozess und Labor Unrest zu untersuchen. Aus Vorsicht, das experimentelle Verfahren der Sekundäranalyse nicht gleich beim ersten Anlegen zu überspannen, bleiben die Ergebnisse dieser Studie etwas tautologisch. Zumindest gelingt es, eine Ahnung von dem Möglichkeitsraum zu vermitteln, der mit dieser Methode erreichbar ist, und den Eindruck einer Transparenz, die dafür notwendig ist.

Weniger zurückhaltend formuliert Thomas E. Goes seine Analyse der Veränderung von Arbeitsbeziehungen in der Automobilindustrie zwischen 1980 und Anfang der 2000er-Jahre. Er betreibt viel Aufwand, um die Wendepunkte zwischen »einem hegemonialen Kontrollsystem« und einem »hegemonialen Marktdepotismus« (S. 99) zu identifizieren. Die Leserinnen und Leser gewinnen den Eindruck, dass die Sekundäranalyse mit ihrer Gebundenheit an die jeweilige Ursprungsfragestellungen und entsprechend vorstrukturierte Forschungsdaten besser geeignet wäre, Epochenbeschreibungen zu dekonstruieren als zu konstruieren. Diese Beobachtung machen in ihrem bemerkenswerten Beitrag voller methodologischer Reflexionen Wolfgang Menz und Sarah Nies. Sie weisen auf den für die Open-Access-Bewegung so wesentlichen Gedanken hin, dass die Sekundäranalyse eine einmalige Gelegenheit biete, »die in jedem Projekt produzierten ›inhaltlichen Überschüsse‹« (S. 179) zu heben. Als einzige weisen sie auch auf ein Problem hin, das die Leserinnen und Leser bereits in den vorhergehenden Kapiteln zu spüren bekamen: das »Darstellungsproblem« (S. 213). Während der Betriebskontext der Primärstudien eine gewisse Kohärenz und sogar narrative Dimension bietet, bricht diese Einheit in Sekundäranalysen in mehrere Kontexte, was es schwierig macht, nicht den Überblick zu verlieren. Hier deutet sich ein Dilemma der Methode an: Je mehr aufrichtigen Kontextualisierungsaufwand die Autoren und Autorinnen betreiben, desto mehr artet die Beschreibung der Befunde in einem Rhizom aus.

In ihrem Beitrag wiesen Menz und Nies auch auf das durch einen stark eingeschränkten Materialpool bedingte iterative Verfahren hin, das sich hinter jeder Sekundäranalyse verbirgt. Die an Längsschnittperspektiven interessierten Soziologen und Soziologinnen befinden sich hier übrigens in derselben Position wie Historikerinnen und Historiker, die ihr Forschungsdesign von jeher mit der Verfügbarkeit von Forschungsdaten abstimmen mussten. Umso fruchtbarer wäre ein interdisziplinärer Dialog über Forschungsdesigns, Konzepte von Zeitlichkeit und Wandel, der in diesem Band leider vernachlässigt wird. Aus Beiträgen wie dem von Felix Bluhm – eine Sekundäranalyse einer Schiffbaustudie des SOFI aus den 1970er-Jahren – wird deutlich, welch reichen Schatz die Primärstudien für die Arbeitsgeschichte darstellen. Eine ähnliche Informationsdichte wäre mittels Oral History nie zu erreichen. Ein Daten- und Methodenmix, bestehend aus Archivforschung und Sekundäranalyse, stellt eine vielversprechende methodologische Herausforderung dar, die in diesem Band keiner Prüfung unterzogen wird.

Wenngleich der Schwerpunkt der vorgestellten Pilotprojekte auf Längsschnittmethoden liegt, so erschöpft dieser Zugang das Potenzial der Sekundäranalyse nicht. Das Ziel John Lüttens und Jakob Kösters im letzten Beitrag des Bandes ist es nicht, den Wandel der Gesellschaftsbilder des Prekariats abzubilden, sondern die Ergebnisse einer aktuellen Studie durch anreicherndes Material zu differenzieren. Ihre Identifikationen nicht-rechtspopulistischer Anteile in den Gesellschaftsbildern deutet die Möglichkeit der Methode an, die jeweiligen Primärstudien gegen den Strich zu lesen. Damit unterminieren sie die inhärente Gefahr der Sekundäranalyse einer Zementierung der Tendenzen innerhalb der Forschungslandschaft. Die Dominanz der Automobilindustrie (vier der sieben Sekundäranalysen) zeigt das Risiko auf, mittels Sekundäranalysen Anachronismen wie den einer Industriegesellschaft zu befördern. Allein der Beitrag von Heike Jacobsen und Ellen Hilf über den Wandel von Berufssachlichkeit im Einzelhandel bietet hier einen dringend benötigten Kontrapunkt. Richtig ist aber auch, dass diese Befangenheit in Zukunft allein dadurch aufgehoben werden kann, dass sich eLabour möglichst schnell etabliert und von Forschenden mit diversen Interessen zur Archivierung ihrer Forschungsdaten herangezogen wird.

Peter Wegenschimmel, Wien

Zitierempfehlung

Peter Wegenschimmel: Rezension von: Wolfgang Dunkel/Heidemarie Hanekop/Nicole Mayer-Ahuja (Hrsg.), Blick zurück nach vorn. Sekundäranalysen zum Wandel von Arbeit nach dem Fordismus (Internationale Arbeitsstudien, Bd. 25), Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 61, 2021, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81939> [17.6.2021].

Jan-Otmar Hesse/Christian Kleinschmidt/Roman Köster/Tim Schanetzky (Hrsg.), Moderner Kapitalismus. Wirtschafts- und Unternehmenshistorische Beiträge

Jan-Otmar Hesse/Christian Kleinschmidt/Roman Köster/Tim Schanetzky (Hrsg.), Moderner Kapitalismus. Wirtschafts- und Unternehmenshistorische Beiträge

Mohr Siebeck | Tübingen 2019 | IX + 518 Seiten, gebunden | 109,00 € | ISBN 978-3-16-158907-2

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Der stattliche Band mit dem anspruchsvollen Titel »Moderner Kapitalismus« versammelt neben einer Einleitung der Herausgeber 27 Beiträge, mit denen Werner Plumpe anlässlich seines 65. Geburtstags geehrt wird. Der erste von fünf Themenblöcken behandelt begriffliche und theoretische Fragen und eröffnet mit dem anregenden Versuch Jan-Otmar Hesses, ausgerechnet die als Antipoden bekannten Karl Marx und Eugen Böhm-Bawerk miteinander ins Gespräch zu bringen. Das gelingt, indem Marx’ Ausführungen zur Zirkulation als Ausweis einer Tendenz zur fortwährenden Zerlegung von Produktionsprozessen gelesen und in Beziehung zu Böhm-Bawerks Thesen zu immer längeren »Produktionsumwegen« gesetzt werden. Damit ist indessen keine dogmengeschichtliche Miszelle intendiert. Vielmehr soll so der Blick systematisch auf die komplexen globalen Wertschöpfungsketten gelenkt werden, welche die jüngere wirtschaftswissenschaftliche Forschung verstärkt analysiert hat und die Hesse zum Ausgangspunkt »einer kritischen Analyse des Kapitalismus« (S. 25) nehmen will. Im Anschluss an diesen programmatischen Beitrag widmet sich Thomas Welskopp in dem ihm eigenen streng systematischen Zugriff der Frage nach dem Stellenwert der »freien Lohnarbeit« im Kapitalismus. Ohne die grundsätzliche Kompatibilität des Kapitalismus mit verschiedenen Formen unfreier Arbeit zu bestreiten, sieht er im »Eindringen des Kapitals in die unmittelbare Organisation der Produktions- und damit der Arbeitsprozesse« (S. 45) letztlich doch eine systematische Verbindung zwischen freier Lohnarbeit und Kapitalismus. Mehr wissenschaftsgeschichtlich ausgerichtet ist der Beitrag Roman Kösters zur Kapitalismusdebatte in den USA der Zwischen- und Nachkriegszeit, den er in ein überzeugendes Plädoyer für mehr begriffsgeschichtliche Forschung ausmünden lässt. Nicht mehr ganz im Zentrum der Begriffs- und Theoriediskussion stehen die übrigen Aufsätze des ersten Teils: André Steiner zeigt, dass es dem sozialistischen Weltmarkt nie gelang, sich vom kapitalistischen gänzlich unabhängig zu machen, Michael C. Schneider umkreist das Verhältnis von Wissenschaft und kapitalistischer Wirtschaft und Raymond G. Stokes stellt jüngere Debatten um einen grünen Kapitalismus vor.

Der zweite Themenblock stellt Unternehmen in den Mittelpunkt, so zum Beispiel Andreas Fahrmeir in einer anregenden Skizze die examination boards des britischen Bildungssystems. Teils geht es hier um konkrete Einzelunternehmen, wenn etwa Joachim Scholtyseck ein spannendes Kapitel aus der Geschichte des Darmstädter Familienunternehmens Merck erzählt oder Karl Lauschke die Auseinandersetzungen um den Fortbestand der Bremer Hütte 1979–1981 nutzt, um sein Programm einer systematischen Verbindung von Arbeiter- und Unternehmensgeschichte zu entfalten. Die übrigen Beiträge fragen allgemeiner nach den Bedingungen des Erfolgs von Unternehmen oder in Unternehmen. Alfred Kieser demontiert den Mythos eines besonderen unternehmerischen Charismas und Jörg Lesczenski geht der Hauskarriere als einem vermeintlichen Spezifikum deutscher Unternehmensführung im 20. Jahrhundert sowohl hinsichtlich ihrer Verbreitung als auch bezüglich ihrer Leitbildfähigkeit nach. Nicht völlig überzeugend fallen dann Andrea H. Schneider-Braunbergers Thesen zu den Besonderheiten von Familienunternehmen aus, weil die Repräsentativität ihrer wenigen Beispielfirmen unklar bleibt. Dagegen baut Jörg Sydows Plädoyer für eine verstärkte Verbindung von Theorie und Geschichte auf dem Feld der Forschungen zu Unternehmensnetzwerken eine tragfähige Brücke zu Hesses Eingangsbeitrag.

Ganz unterschiedliche Aspekte werden dann auch im dritten Teil unter dem Stichwort »Konsum« aufgegriffen. Ben Wubs kombiniert die bekannten Ausführungen von Sombart und Simmel zur Mode mit knappen Bemerkungen zu Stoffmessen in Frankfurt am Main und Paris nach dem Zweiten Weltkrieg sowie allgemeinen Überlegungen zum Verhältnis von Luxus und Demokratie; für den Geschmack des Rezensenten ist das viel zu luftig, als das es in Mode kommen sollte. Ungleich solider sind Vera Hierholzers Rekonstruktion des Kampfes agrarischer Interessenverbände gegen die Margarine im späten Kaiserreich und die informierte Analyse von Lutz Budrass zu kontroversen ernährungsphysiologischen Einschätzungen der Kartoffel in Deutschland während des Ersten Weltkriegs. Christian Kleinschmidt lenkt schließlich den Blick auf die konsumkritischen Invektiven Wilhelm Röpkes, die sich nahtlos einordnen in eine Gesellschaftsauffassung, die als restaurativ-reaktionär weniger falsch als unzureichend beschrieben wäre, wie ein glänzender, von Kleinschmidt wohl übersehener Aufsatz Josef Moosers[1] schon vor Jahren präzise herausgearbeitet hat.

Ein weites Feld behandeln mit »Staats- und Wirtschaftsordnung« auch die Beiträge zum vierten Themenblock. Hochinteressant ist etwa Ralf Bankens Analyse der Folgen des britischen Kaperkriegs 1803–1806 für große bergische Handelshäuser, der die Integration der entwickelten rheinischen Gewerbeerzeugung in den Welthandel der Zeit um 1800 sehr plastisch werden lässt. Ganz grundsätzlich diskutiert dann Louis Pahlow das Verhältnis von Recht und Kapitalismus und demonstriert am Beispiel der Termin- und Börsengeschäfte des späten 19. Jahrhunderts wie eine rechtshistorisch informierte Analyse dieses Zusammenhangs aussehen könnte. Peer Vries’ Beitrag bleibt unkommentiert, weil sein Verfasser einen Umgang mit Kritik pflegt, der weit außerhalb des in der Wissenschaft Üblichen und Zulässigen steht. Als der Rezensent ihn 2016 in dieser Zeitschrift in einem Forschungsbericht[2] kritisch erwähnte, erhielt er nicht nur eine vielseitige E-Mail mit Anwürfen und Beschuldigungen, sondern musste wenig später von Kollegen erfahren, dass diese Mail offensichtlich über einen großen, dem Rezensenten bis heute unbekannt gebliebenen Verteiler verschickt worden war, wohl auch deshalb in englischer Sprache, damit die Diffamierungen auch jene erreichen konnten, welche die in deutscher Sprache formulierte Kritik an Vries gar nicht lesen können. Es ist bemerkenswert, dass ein solches Gebaren, das mit den Grundprinzipien einer der Offenheit und Öffentlichkeit verpflichteten Wissenschaft gänzlich unvereinbar ist, ausgerechnet im Kreise der Wirtschaftshistoriker toleriert wird, die ansonsten nicht müde werden, die Bedeutung von Institutionen, zu denen ja auch Mindeststandards gehören, für das Funktionieren von Wettbewerb herauszustreichen. Von einiger Aktualität ist der von Tim Schanetzky aufgegriffene Begriff des »garantierten Kapitalismus«, ein schon zeitgenössisch nachgewiesenes Etikett für die Wirtschaft der Weimarer Republik. Schanetzky zeigt zunächst, wie in der Diskussion der späten 1970er-Jahre der von Fritz Blaich wieder in die Debatte eingebrachte Begriff sehr rasch von der Borchardt-These verdrängt wurde, und dann, dass dies insofern bedauerlich ist, als dass er daran zu erinnern geeignet war, dass neben den Sozialausgaben auch massive Industrieinvestitionen für die Weimarer Republik typisch waren. Zeitlich knüpft Johannes Bähr mit einer quellennahen Analyse von Deutungen der Weltwirtschaftskrise innerhalb des Reichsverbands der Deutschen Industrie unmittelbar daran an. Die historische Rückbesinnung mit aktuellen politischen Reformvorschlägen verbindet schließlich Harm G. Schröters Blick auf Schiedsgerichte, die von gut funktionierenden und selbstverwalteten Institutionen der Kaufmannschaft in jüngster Zeit zu Tummelplätzen internationaler Anwaltskanzleien geworden seien, deren professionalisiertes und honorarorientiertes Handeln sie zum Medium der Interessendurchsetzung großer Kapitalgesellschaften gemacht habe, was grundlegende Reformen erforderlich mache.

Der Schlussteil des insgesamt sehr lesenswerten Bandes behandelt »Finanzmärkte«. Margrit Schulte Beerbühl zeigt hier zunächst sehr überzeugend, dass es nicht angeht, eine Spekulationskrise wie die 1799 von Hamburg ausgehende als »vormodern« zu etikettieren. Schließlich schlug der Zusammenbruch des überdehnten Hamburger Kreditmarkts, der vor allem Spekulationen auf Zuckerimporte finanzierte, nicht nur auf Handels- und Geldhäuser in Bremen, London und Stockholm, aber auch in Basel, Augsburg und an der amerikanischen Ostküste durch, sondern hatte ernste Folgen für protoindustrielle Produzenten in Europa und Plantagenbesitzer in der Karibik. Dass das englische Parlament die Unterstützung der Letzteren durch Schatzbriefe beschloss, erscheint ebenso aktuell wie die Entsendung von Schiffen mit Geld und Edelmetallen zur Liquiditätssicherung. Ähnliche Dramatik hat Dieter Zieglers präzise Sezierung der Entscheidungsstrukturen in der Commerzbank während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik nicht zu bieten. Ihren Nutzen mindert das nicht. Ausgehend von einer Artikelserie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschreibt dann Korinna Schönhärl, wie in den 1960er-Jahren Günther Schmölders umfragebasiertes Konzept der Steuermoral alternative Forschungsansätze völlig an den Rand drängte – eine interessante Vignette. Und schließlich versucht Friederike Sattler eine Präzisierung des Konzepts des »Finanzmarktkapitalismus«, das ja in der Tat oft sehr unbestimmt geblieben ist. Ob sie allerdings gut beraten ist, dazu vor allem darauf zu schauen, wie sich seit den Ölkrisen der 1970er-Jahre die Terminkontrakte auf Öl auf Ölindustrie und Finanzspekulation verteilten, scheint angesichts der langen Geschichte von Termingeschäften überhaupt fraglich. Das ist hier nicht abschließend zu klären.

Festgehalten sei deshalb abschließend nur, dass jede und jeder, die/der sich für den modernen Kapitalismus oder das wirtschaftliche Geschehen seit dem späten 18. Jahrhundert interessiert, viele der Beiträge dieser Festschrift mit großem Gewinn lesen wird. Dass die Herausgeber einleitend zu Protokoll geben, dass viele der Beiträger ihre Themen »häufig und lange unter Verwendung von anderen Großbegriffen« (S. 5) untersucht hätten, ist nur ehrlich und bewahrt sie davor, eine theoretisch-methodische Einheitlichkeit vorzutäuschen, die kaum ein Sammelband besitzt. Beurteilt nach genretypischen Maßstäben ist dies ein recht gelungenes Exemplar.

Friedrich Lenger, Gießen

Zitierempfehlung

Friedrich Lenger: Rezension von: Jan-Otmar Hesse/Christian Kleinschmidt/Roman Köster/Tim Schanetzky (Hrsg.), Moderner Kapitalismus: Wirtschafts- und unternehmenshistorische Beiträge (Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften im 21. Jahrhundert, Bd. 4), Mohr Siebeck, Tübingen 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 61, 2021, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81929> [17.6.2021].

[1]  Josef Mooser, Liberalismus und Gesellschaft nach 1945. Soziale Marktwirtschaft und Neoliberalismus am Beispiel von Wilhelm Röpke, in: Manfred Hettling/Bernd Ulrich (Hrsg.), Bürgertum nach 1945, Hamburg 2005, S. 134­–163.

[2]Friedrich Lenger, Die neue Kapitalismusgeschichte. Ein Forschungsbericht als Einleitung, in: AfS 56, 2016, S. 3–37.

Christoph Becker-Schaum/Philipp Gassert/Martin Klimke (Hrsg.): The Nuclear Crisis. The Arms Race, Cold War Anxiety, and the German Peace Movement of the 1980s

Rezension zu: Christoph Becker-Schaum/Philipp Gassert/Martin Klimke (Hrsg.): The Nuclear Crisis. The Arms Race, Cold War Anxiety, and the German Peace Movement of the 1980s (Protest, Culture and Society, Bd. 19)

Berghahn Books | New York 2016 | 394 Seiten, gebunden | 135,00 $ | ISBN 978-1-78-533267-8

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Der Protest gegen die NATO-Nachrüstung in den 1980er-Jahren war eine transformative Erfahrung für die westdeutsche politische Kultur. Das ist die These des vorliegenden Sammelbands zu »The Nuclear Crisis«, ein durchaus doppeldeutiger Titel, der auch auf das Innerste der westdeutschen Gesellschaft deuten kann. Das Buch entstammt einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Herausgeber zu »The Nuclear Crisis: Cold War Cultures and the Politics of Peace and Security, 1975–1990«. Er enthält 18 Beiträge von Historikerinnen und Historikern zur Friedensbewegung und dem Anti-Nachrüstungsprotest der 1980er-Jahre in Politik und Kultur, die jeweils mit Auswahlbibliografien abgeschlossen werden. Zudem wird der selektive Leser durch das umfangreiche Register am Ende des Bands reich belohnt. Nach der informativen Einleitung der Herausgeber leuchten vier Beiträge den internationalen Hintergrund des Kalten Kriegs und der Entspannungspolitik aus (Anja Hanisch, Tim Geiger, Oliver Bange und Hermann Wentker), gefolgt von Jan Hansen zu den politischen Parteien. Die folgenden sieben Texte beleuchten Strukturdimensionen der Friedensbewegung und Felder der zivilgesellschaftlichen Debatte: Ökopazifismus (Silke Mende und Birgit Metzger), Intellektuelle (Marianne Zepp), Institutionen (Christoph Becker-Schaum), Orte des Protests (Susanne Schregel), Akteure (Saskia Richter), die ostdeutsche Friedensbewegung (Rainer Eckert), die medial-visuellen Strategien der Friedensbewegung (Kathrin Fahlenbrach und Laura Stepane) und etwas später noch die feministische Friedensbewegung (Reinhild Kreis). Ein weiterer Block beschäftigt sich mit den Adressaten und Bündnispartnern, den Kirchen (Sebastian Kalden und Jan Ole Wiechmann) und den Gewerkschaften (Dietmar Süß), sowie der Polizei, die einerseits für Ruhe sorgte, andererseits aber in Teilen mitarbeitete (Michael Sturm). Am Schluss stehen drei Kapitel zur Zivilverteidigung (Claudia Kemper), zum atomaren Weltende in Film, Literatur und Musik (Philipp Baur) und zu den mittelfristigen Auswirkungen auf das Ende des Kalten Kriegs (Florian Pressler).

1979 hatten die westlichen Alliierten, von der westdeutschen und der britischen Regierung angestoßen, beschlossen, eigene Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik (und Italien sowie Großbritannien) zu stationieren. Die Regierungschefs wollten damit verhindern, dass die neuen sowjetischen SS20 Mittelstreckenraketen die nukleare Sicherheit der USA von derjenigen Westeuropas trennten und womöglich politisch unterschieden – mit voraussehbar katastrophalen Folgen für die Bundesrepublik (und die DDR). Der Nachrüstungsbeschluss war eine mehrfache Reaktion. Zum einen reagierte er auf die zunehmende Entfremdung zwischen Westeuropa und Washington durch den Vietnamkrieg. Das setzte sich mit Ronald Reagan fort, der sich als imperialistisches Feindbild eignete. Auch das Verhältnis zwischen der westdeutschen Regierung und der Carter Administration galt als zerrüttet. Damit aber wurde der Protest gegen die NATO-Nachrüstung zur Debatte um den Ort und die Rolle der Bundesrepublik Deutschland im westlichen Bündnis. Die nachfolgende Protestbewegung gipfelte im Herbst 1983 in der größten Demonstration der deutschen Geschichte mit über einer Million Teilnehmern im Bonner Hofgarten. Obwohl die Pershing-Raketen stationiert wurden, blieb die Protestbewegung aktiv und veränderte die politische Kultur der Westdeutschen nachhaltig. Ihre Aktionsformen folgten den emotionalen Protestmobilisierungen in den USA.

Der Band thematisiert vier Ebenen der Protestbewegung: Es ging erstens um die Stärkung und das Selbstverständnis der westdeutschen Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust, der zeitgleich immer mehr Aufmerksamkeit fand. Zweitens standen das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten und die Rolle Westdeutschlands im westlichen Bündnis zur Debatte. Für die Friedensbewegung bedeutete das die anspruchsvolle Aufgabe, gleichzeitig Kritik an Washington zu üben und damit nicht die Vereinigten Staaten als Gesellschaft, Kultur und Leitbild zu meinen. Heinrich Böll insistierte darauf, eigentlich erst von der US Literatur befreit worden zu sein. Drittens wirkte sich die Friedensbewegung massiv auf das westdeutsche politische System und die Parteien aus. Auch über die Grünen hinaus entstand so etwas wie ein friedens- und sozialpolitischer Konsens, der den älteren Wertewandel seit den 1960er-Jahren fortsetzte. Schließlich wirkte die Friedensbewegung – viertens – im letzten Jahrzehnt des Kalten Kriegs. Beschleunigte die Friedensbewegung das Ende der Blockkonfrontation oder hielt der Protest gegen die Missiles sie auf? Viele Aktivisten der westlichen Friedensbewegung standen in engem Austausch zu östlichen Bürgerrechtlern, die nicht nur gegen Raketen, sondern mehr noch gegen die innere Repression protestierten.

Obwohl der letzte Beitrag von Florian Pressler dem widerspricht, durchzieht den Band doch weitgehend die These, dass der Streit um den Frieden letztlich Arbeit am bundesrepublikanischen Konsens bedeutete (Philipp Gassert). Die Akteure trugen ihren Streit mit zivilgesellschaftlichen Mitteln, auch mit zivilgesellschaftlichem Ungehorsam aus und einigten sich damit performativ auf die Grundlagen und Formen gesellschaftlicher Debatte. Das erleichterte die Akzeptanz auch in der CDU/CSU. Die Friedensbewegung stand einerseits für die Sehnsucht nach Synthese und Gemeinschaft. Andererseits etablierte sie zivile Formen des Konfliktaustrags, den »unblutigen Dauerstreit der demokratischen Öffentlichkeit« (Helmut Dubiel), was ein Kennzeichen moderne Zivilisation bildete.

Siegfried Weichlein, Fribourg

 

Zitierempfehlung:

Siegfried Weichlein: Rezension von: Christoph Becker-Schaum/Philipp Gassert/Martin Klimke (Hrsg.): The Nuclear Crisis: The Arms Race, Cold War Anxiety, and the German Peace Movement of the 1980s (Protest, Culture and Society, Bd. 19), Berghahn Books, New York 2016, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81928> [27.4.2020].

Peter Beule: Auf dem Weg zur neoliberalen Wende? Die Marktdiskurse der deutschen Christdemokratie und der britischen Konservativen in den 1970er-Jahren

Rezension zu: Peter Beule: Auf dem Weg zur neoliberalen Wende? Die Marktdiskurse der deutschen Christdemokratie und der britischen Konservativen in den 1970er-Jahren (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 180)

Droste Verlag | Düsseldorf 2019 | 576 Seiten, gebunden | 64,00 € | ISBN 978-3-7700-5343-8

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In den vergangenen 15 Jahren ist eine Reihe wichtiger Studien erschienen, die sich um eine historische Rekonstruktion jener »langen Wende zum Neoliberalismus« (Wolfgang Streeck) bemühen, mit der der Übergang von einem durch keynesianische Konjunkturpolitik und einen wachsenden Wohlfahrtsstaat eingehegten Nachkriegskapitalismus zu einer monetaristischen Politik der Inflationskontrolle sowie zu tiefgreifenden marktliberalen Strukturreformen gemeint ist, der ab den späten 1970er/frühen 1980er-Jahren insbesondere in Großbritannien und den USA vollzogen wurde. In seiner an der Universität Bonn entstandenen Dissertation fragt der Historiker Peter Beule, inwieweit diese neoliberale Wende bereits in den Marktdiskursen der britischen Conservative Party und der deutschen Unionsparteien während der 1970er-Jahre vorbereitet wurde oder ob die wirtschaftspolitischen Diskurse innerhalb der beiden Parteien in dieser Zeit eher durch Kontinuität geprägt waren. Beule versteht seine Untersuchung dabei als Beitrag zu einer »vergleichenden, kulturgeschichtlich erweiterten Parteiengeschichtsschreibung« (S. 32), weil es ihm darum geht, die Besonderheiten der Marktdiskurse von Tories und CDU/CSU unter anderem auf die in Großbritannien und Deutschland jeweils vorherrschenden narrativen Rahmungen der Nachkriegsordnung und ihrer krisenhaften Entwicklung in den 1970er-Jahren zurückzuführen und die wirtschaftspolitischen Antworten beider Parteien als einen nicht zuletzt sprachpolitisch geführten Kampf um kulturelle Hegemonie nachzuvollziehen.

Diese Fokussierung auf Sprache und Diskurse liegt schon deshalb nahe, weil die politische und kulturelle Deutungshoheit Mitte der 1970er-Jahre eindeutig auf sozialdemokratischer Seite liegt, und Beule macht in seinem Buch sehr deutlich, dass die Parteiführungen von Tories und Union im Bewusstsein dieser Defensivposition die Notwendigkeit, Politik als einen »Kampf der Ideen« (Friedrich A. Hayek) zu begreifen und auf eine sprachliche Wende hinzuwirken, zunehmend als Voraussetzung für einen Regierungswechsel erkannt haben. Während des »sozialdemokratischen Jahrzehnts« (Bernd Faulenbach) haben sich konservative bzw. christdemokratische Parteien aus der Ernüchterung darüber, dass es den Sozialdemokraten gelungen war, die hegemoniale Sprache der Modernisierung, Demokratisierung und der sozialen Gerechtigkeit in ihrem Sinne zu prägen, intensiv darum bemüht, diesen Kampf um die Begriffe aufzunehmen. Beule kann zeigen, dass die »semantische Offensive« (S. 381) der Tories nach dem Ende der glücklosen Heath-Regierung im Jahr 1974 auf die Adaption einer radikalen Marktsprache, die Polarisierung zwischen einem nicht nur als ökonomisch ineffizienten, sondern auch als moralisch korrupt dargestellten Sozialismus einerseits und einer die Freiheit des Individuums schützenden Marktwirtschaft andererseits zielte. Aus der Sicht von Margaret Thatcher, die seit 1975 den Parteivorsitz innehatte, und anderer marktliberaler Tories waren die im internationalen Vergleich ernüchternden britischen Wachstumsdaten und Inflationsraten eine unmittelbare Konsequenz des postwar consensus, der informellen Verständigung von Labour und Tories auf eine keynesianische Nachfragesteuerung nach dem Zweiten Weltkrieg, die Thatcher und ihre Verbündeten durch ihr – auch auf der sprachlichen Ebene – kompromissloses Bekenntnis zum Kapitalismus überwinden wollten. Mit seiner besonderen Berücksichtigung der Krisendiskurse der 1970er-Jahre kann Beule zeigen, dass die Wahrnehmung eines politisch-ökonomischen Niedergangs, die im Vereinigten Königreich seinerzeit sehr viel verbreiteter war und mit der IWF-Krise von 1976 und dem Winter of Discontent 1978/79 ihren Höhepunkt erreichte, den Tories einen solchen radikalen Bruch mit der Nachkriegsordnung erleichterte. Demgegenüber blieb die deutsche Christdemokratie den Kategorien des Nachkriegskonsenses, insbesondere dem Modell der sozialen Marktwirtschaft, treu, da der ökonomische Erfolg dieses Ordnungsmodells – das, anders als die wesentlich von der Labour-Regierung Clement Attlees gestaltete britische Nachkriegsordnung, immerhin ein Produkt der unionsgeführten Regierungen der 1950er-Jahre war – schlechterdings nicht infrage gestellt werden konnte. Beule erinnert daran, dass selbst Franz-Josef Strauß, der, anders als Helmut Kohl und ähnlich wie Thatcher, für eine stärker konfliktorientierte, den Wert der Marktfreiheit betonende Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner plädierte (man denke nur an seinen berüchtigten »Freiheit statt Sozialismus«-Wahlkampf von 1976), stets – im Einklang mit der für die Union so bedeutsamen katholischen Soziallehre – die Notwendigkeit hervorgehoben hat, die soziale Marktwirtschaft als einen dritten Weg, als Alternative sowohl zum Sozialismus als auch zum Kapitalismus zu begreifen (S. 256f.). Von einer neoliberalen Wende im eigentlichen Sinne kann daher, wie Beule richtig konstatiert, im Falle der christdemokratischen Programmatik auch gar keine Rede sein.

Einen besonders gelungenen – und den für die Forschung zur »neoliberalen Wende« vielleicht interessantesten – Teil stellt das vierte und letzte Kapitel der Arbeit dar, das sich mit den Interaktionen von Tories/Union und der »neoliberalen Außenwelt« beschäftigt (371ff.). Beule zeichnet hier detailliert persönliche Kontakte zwischen neoliberalen Vordenkern und Parteieliten, insbesondere aber die Verflechtungen zwischen dem Institute of Economic Affairs (IEA) und den marktliberalen Akteuren der Konservativen Partei sowie die Gründung des Centre for Policy Studies (CPS) durch Keith Joseph und Margaret Thatcher nach und beschreibt, wie gerade das CPS, das 1974 explizit als marktliberales Gegengewicht zur Forschungsabteilung der Parteizentrale gegründet worden war, eine wichtige Rolle bei der Steigerung der Akzeptanz für eine wirtschaftsliberale Politik innerhalb der Konservativen Partei spielte. Thatchers glühende Bewunderung für Hayek ist weithin bekannt und sie wird von Beule unter anderem durch Auszüge von Thatchers Korrespondenz mit dem Ökonomen bestätigt. Umso interessanter ist aber der Hinweis, dass Thatcher in den 1970er-Jahren keineswegs zu den auffälligsten neoliberalen Ideologen in der Konservativen Partei zählte. Es waren vor allem Thatchers erster Schatzkanzler, Geoffrey Howe, und ihr »intellektueller Mentor« (S. 394) Keith Joseph, die fest in das neoliberale Netzwerk des IEA integriert waren, welches Intellektuelle, ökonomische Akteure, Journalisten und Politiker der Konservativen Partei in einen Austausch über die Vorzüge einer monetaristischen Politik als Rezept gegen die »britische Malaise« brachte. Beule kann zeigen, dass der – vor allem in seiner Rolle als CPS-Gründer – überaus umtriebige Joseph einer der intellektuellen Köpfe der neoliberalen Wende innerhalb der Konservativen Partei war. Den politischen Aktivitäten, Reden und Schriften von Joseph schenkt Beule besonders viel Aufmerksamkeit – sein Nachlass wurde für die Untersuchung systematisch ausgewertet –, was insofern sehr erfreulich ist, als Thatchers späterer Bildungsminister hierzulande als intellektueller und organisatorischer Wegbereiter der »Thatcher-Revolution« noch relativ unbekannt sein dürfte. Mag sein, dass diese Fokussierung insofern kritikwürdig ist, als ein Akteur wie James Prior (seit 1975 in Thatchers Schattenkabinett zuständig für die Arbeitsmarktpolitik), dem bei der Formulierung der offiziellen wirtschaftspolitischen Programmatik während der Oppositionsjahre ein zumindest in formaler Hinsicht wesentlich größerer Einfluss zukam, demgegenüber kaum zu Wort kommt. Angesichts der Konzentration des Autors auf die Frage nach Triebkräften für die neoliberale Wende ist diese Fokussierung aber gerechtfertigt. Zudem wird der Konflikt zwischen Prior – einem führenden Vertreter der moderaten »Wets«-Faktion innerhalb von Thatchers Schattenkabinett – und den marktliberalen Kräften in der Frage der Kooperation mit den Gewerkschaften von Beule durchaus reflektiert (S. 424ff.).

Leider wird der Lesefluss dieses überaus informativen Buches durch viele Wiederholungen und allzu weit ausholende Darstellungen von Bekanntem unnötig behindert. Es ist z.B. nicht nachvollziehbar, warum im zweiten Kapitel der Arbeit eine insgesamt knapp fünfzigseitige Reflexion programmatischer Entwicklungstendenzen innerhalb der Labour Party und der SPD seit 1945 notwendig ist, um die Krisenerzählungen von Tories und Union verständlich zu machen. Dieser geringfügige Kritikpunkt kann aber den Wert der Studie nicht mindern: Peter Beule hat mit ihr einen materialreichen und lesenswerten Beitrag zur parteigeschichtlichen Aufarbeitung der neoliberalen Wende vorgelegt.

Danny Michelsen, Jena

 

Zitierempfehlung:

Danny Michelsen: Rezension von: Peter Beule: Auf dem Weg zur neoliberalen Wende? Die Marktdiskurse der deutschen Christdemokratie und der britischen Konservativen in den 1970er-Jahren (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 180), Droste Verlag, Düsseldorf 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81927> [27.4.2020].

Bernhard Gotto: Enttäuschung in der Demokratie. Erfahrung und Deutung von politischem Engagement in der Bundesrepublik Deutschland während der 1970er und 1980er Jahre

Rezension zu: Bernhard Gotto: Enttäuschung in der Demokratie. Erfahrung und Deutung von politischem Engagement in der Bundesrepublik Deutschland während der 1970er und 1980er Jahre (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 119)

De Gruyter Oldenbourg | Berlin/Boston 2018 | IX + 402 Seiten, gebunden | 59,95 € | ISBN 978-3-11-052906-7

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Erwartung, Erfahrung und Enttäuschung sind mittlerweile zum basso continuo der historischen Analyse des 19. und 20. Jahrhunderts geworden. Bernhard Gotto will eruieren, wie Enttäuschung in der Demokratie entsteht, in welchen Erscheinungsformen sie auftritt und welche Folgen sie zeitigt. Seine an der Münchener Graduiertenschule »Enttäuschung im 20. Jahrhundert« (IfZ/LMU) entstandene Habilitationsschrift hat eine eigene analytische Definition anzubieten: Gotto entwirft Enttäuschung als eine Form der Gegenwartsperzeption, die (a) sich auf Erwartungen (vorgängige Prognosen) wie Erfahrungen (bewertete Vergangenheit) bezieht, (b) die ausbleibende Erfüllung der Erwartungen als unangenehm beschreibt und (c) auf die Wiederherstellung sozialer Beziehungen und Verhaltensnormen zielt, deren Störung sie anzeigt (S. 13).Emotionsgeschichtlichen Grundannahmen folgend, betont Gotto, Enttäuschung sei ein wandelbares Gefühlskonzept, dessen Äußerung als Subjektivierungsstrategie und relationales Verhalten gegenüber der sozialen und kulturellen Umwelt aufzufassen sei. Kollektive Enttäuschung versteht er als eine kontingente Hervorbringung politischer Kultur, ein Reflex zeitgebundener gesellschaftlicher Selbstverständigung. Diese Annahmen führen Gotto zur Analyse von Enttäuschung als einem Phänomen politischer Kommunikation und als eine Strategie der sinnstiftenden Aneignung von Wirklichkeit. Mitnichten, so sein konzeptioneller Einwand gegenüber politikwissenschaftlichen Modellen, wohne Enttäuschung quasi naturgesetzlich der Demokratie, gewissen Krisenzeiten oder bestimmten Partizipationsformen inne.

Mit dieser konzeptionellen Grundlegung vermag die Studie auch einen Beitrag zur Analyse politischer Vergemeinschaftungsprozesse zu leisten. Auf der Basis neuester sozialpsychologischer Erkenntnisse postuliert Gotto, Enttäuschung sei zwar eine emotionale Markierung von Dissens, drücke dabei jedoch Verbundenheit und die Bereitschaft zur Kooperation aus – anders als Ärger oder Empörung, die Schuld zuwiesen. Nimmt man die von Gotto referierte Hypothese der Psychologie, kommunizierte Enttäuschung sei »conducive to establishing mutually beneficial relationships« (S. 15), tatsächlich für die historische Analyse ernst, dann sprengte dies allerdings – ganz nebenbei – die gängigen Interpretationen der politischen Kulturgeschichte, die kollektiver Enttäuschung eher desintegrative Wirkungen für politische Gemeinwesen zuschreiben, und dies vor allem mit Blick auf die Zwischenkriegszeit. Mit seinem konzeptionellen Fokus kann Gotto hier neue Debatten über die politische und gesellschaftliche Erzeugung und Wirkung von Enttäuschung im 20. Jahrhundert anregen. Allerdings gehörte dazu notwendig die Reflexion darüber, inwiefern von der Sozialpsychologie individueller Enttäuschung auf die Historiografie kollektiver Enttäuschung geschlossen werden kann. Als problematisch erweist sich, dass Gotto in seinen Quellen häufig Enttäuschung und Empörung sowie Wut oder Ärger in Kombination vorfindet (z.B. S. 66, 70, 306). So erscheint es schwierig zu beurteilen, in welchen Fällen die Enttäuschungsartikulation auf die Fortsetzung der gestörten sozialen Beziehung (oder die gefühlte Zugehörigkeit zum politischen Gemeinwesen) zielte und in welchen Fällen Empörung, Wut oder Ärger überwogen – und damit die Auflösung dieser sozialen Beziehung (zum Beispiel der Parteiaustritt) im Raum stand.

Gotto widmet sich einer historischen Periode, die gemeinhin als besonders enttäuschungsanfällig gilt und schließlich in der Bundesrepublik die zeitdiagnostische Signatur der »Politikverdrossenheit« hervorbrachte: die 1970er- und 1980er-Jahre. Doch nicht am Etikett der »großen Ernüchterung« mit dem Ölpreisschock, das jüngst ja mehrfach korrigiert worden ist, arbeitet Gotto sich ab. Vielmehr verweist er zu Recht auf die Steigerung der Partizipationserwartungen in der sozial-liberalen Reformära und auf die Hoffnungen im Zeichen der postulierten christlich-liberalen »Wende«, das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Staat und Bürger neu zu justieren. Diese spezifischen Erwartungskontexte umklammern seinen Untersuchungszeitraum und machen ihn für eine Analyse politischer Enttäuschungserfahrungen hochgradig interessant.

Trotz des theoretischen Aufwands wird nicht klar, warum eigentlich die Bundesrepublik zum Untersuchungsfall wird und was ihre enttäuschungshistorischen Charakteristika ausmacht, vor deren Hintergrund dann erst fundierte Aussagen über den Wandel der politischen Kultur, die Akzeptanz und Stabilität der westdeutschen Demokratie und die Deutung von politischer Partizipation möglich wären, wie Gotto sie anstrebt (S. 16). Zumindest eine europäisch vergleichende Einordnung anhand der Forschungsliteratur hätte sich die Rezensentin an dieser Stelle gewünscht. Denn durch die ausbleibende Reflexion über die Spezifik der Bundesrepublik gerät aus dem Blick, dass Enttäuschungserfahrungen ein wichtiges Fundament bundesrepublikanischen Sprechens über Politik bildeten: Enttäuschung über die erste Weimarer Demokratie, Enttäuschung über den Nationalsozialismus und seine Folgen, Enttäuschung über den verlorenen Krieg und die Defizite der politischen Führung, Enttäuschung auf der politischen Linken über die vermeintliche »Restauration« einer bürgerlich-kapitalistischen Ordnung, aber auch Enttäuschung über die Wiedergutmachungspolitik, die Grenzen des Sozialstaats oder über den Bonner Parlamentarismus waren seit den 1940er-Jahren in die demokratische Kultur der Bundesrepublik eingelassen. Man hätte daher mit Blick auf Deutschland im Grunde auch die Normalität von Enttäuschung voraussetzen können und stärker nach Enttäuschungstoleranz oder nach den Faktoren ausbleibender Enttäuschung fragen können. Der Autor indes sucht nach Enttäuschung und findet sie auch.

Drei disparat erscheinende, aber in der Gesamtbilanz gewinnbringend kombinierte Fallstudien führen durch das Buch. Zum einen betrachtet Gotto zwei wichtige politische Reformvorhaben, die das Verhältnis zwischen Bürger und Staat tangierten und die jeweils symbolisch für die Einlösung der großen Versprechen standen, mit denen die Regierungslager antraten: die Reform der Mitbestimmung von 1976 als Vehikel ökonomischer Demokratisierung und partizipatorischer Emanzipation unter der sozial-liberalen Koalition; und die Steuerreform der 1980er-Jahre als Fanal von ›Leistungsgerechtigkeit‹ und größerer Autonomie des Einzelnen gegenüber dem Staat. Zum anderen analysiert Gotto Enttäuschung als Produkt politischen Engagements. Eine Fallstudie zur autonomen Frauenbewegung widmet sich dem mit utopischen Hoffnungen auf Emanzipation, Autonomie und direkte Demokratie verbundenen Engagement in diesem Alternativmilieu. Ergänzt wird sie durch ein abschließendes, eher flächiges Kapitel über (enttäuschtes) politisches Engagement an der Basis politischer Parteien, unter Bürgerinnen und Bürgern und in alternativen Bewegungen.

Alle drei Fallstudien sind durchweg bravourös recherchiert und avancieren zu eigenen Geschichten der Enttäuschungsproduktion, -artikulation und des Enttäuschungsmanagements (auch der Überwindung von Enttäuschung) durch politische Kommunikation respektive durch Arbeit am Selbst im Alltag der Engagierten. Die Temporalitäten, ja Dramaturgien von Erwartung und Enttäuschung werden dabei aus der Perspektive unterschiedlicher Akteure minutiös rekonstruiert: politische Verantwortungsträger in ihren Flügelkämpfen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, führende und lokale Funktionäre, Aktivisten der Alternativbewegungen sowie Bürgerinnen und Bürger, moderiert, repräsentiert und ›angeheizt‹ durch die Massenmedien und Meinungsforschungsinstitute. Besonders instruktiv sind die Passagen zu Antizipation, Entstehung und Überwindungsversuchen von Enttäuschung im Umkreis der genannten Reformvorhaben, die vor allem auf Entemotionalisierung und nachträgliche Dämpfung der Erwartungen zielten. Die tragende Rolle der Massenmedien und namentlich die enttäuschungsproduzierenden Rahmungen, die von den Fernsehmagazinen ausgingen, kommen sehr gut zur Geltung und motivieren zu weiterführenden Fragen bezüglich der massenmedialen ›Verantwortung‹ für die seit den 1970er-Jahren um sich greifenden Diagnosen gebrochener Versprechen und begrenzter Leistungsfähigkeit von Regierungspolitik. Wie sich ein mit großen Erwartungen aufgeladenes Reformprojekt binnen weniger Jahre zu einem Symbol der Niederlage und des Regierungsstreits oder zu einer Gefahr für die Marktwirtschaft umdeuten ließ, davon erzählt der Großteil der Studie – und kann so auch als ein Handbuch zur »gescheiterten Reform« als Ergebnis politischer Kompromissbildung und (misslingender) politischer Kommunikation in der pluralistischen Demokratie gelten.

Unterm Strich steht bei Gotto vor allem die Negation zentraler Thesen der jüngeren Zeitgeschichte, die ohne die tiefschürfenden Archivrecherchen formuliert wurden, die Gotto sich zugemutet hat: Von einer Enttäuschungsdekade in den 1970er-Jahren und einem Zuversichtsjahrzehnt in den 1980er-Jahren könne keine Rede sein. Ein »komplexes Nebeneinander von Hoffnungen und Enttäuschungen« sei durchweg anzutreffen; nichts spreche für einen mentalen »Strukturbruch« Mitte der 1970er-Jahre (S. 349). Zudem war Enttäuschung häufig auf einzelne (Interessen-)Gruppen beschränkt und schien manchmal gar ein Konstrukt massenmedialer und demoskopischer Politikbeobachtung zu sein (etwa durch Suggestivfragen). Viele Westdeutsche, die sich ›lediglich‹ in der Rolle der Wahlbürgerinnen und Wahlbürger oder Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sahen, zeigten sich häufig gar nicht so enttäuscht wie mancher Gewerkschafts- oder Parteifunktionär oder die Avantgarden alternativer Demokratiekonzepte.

Für Letztere konstatiert Gotto mehrfach einen eklatanten »Utopieverlust«, der sich aus der Praxis alternativer demokratischer Politik vor Ort ergab; Enttäuschung im Rahmen von politischem Engagement wurde so – das vielleicht wenig überraschend – zu einem Proprium jener, die besonders hohe Erwartungen hegten. Das taten Vertreterinnen der Frauenbewegung vor allem hinsichtlich der Resonanz und Anerkennung, die sie sich in ihrer peer group erhofften, so Gotto. Blieb diese aus, folgte auf die Enttäuschung häufig ein neuerliches Engagement und neu aufkeimende Hoffnung in einem anderen Projekt, sodass Enttäuschung wesentlich an gewisse Etappen der individuellen »Bewegungsbiographie« gekoppelt war. Für das Gros der Wahlbürgerinnen und Wahlbürger gelte indes, dass die Erwartungen häufig einfach gar nicht so hoch waren: im Umfeld der Mitbestimmungsreform wegen der viel dringlicher erscheinenden Probleme der Geldwertstabilität, im Umfeld der christlich-liberalen Steuerreform vor allem wegen des traditionellen Bilds vom schröpfenden Fiskus und einer damit verbundenen Abgeklärtheit gegenüber hochfliegenden Versprechungen der CDU und des Bundesfinanzministers.

Das eher schlaglichtartig gehaltene letzte Kapitel kann systematisch Gründe anführen, die aus (gesteigerten) Partizipationswünschen enttäuschende Erfahrungen machten: Das Gefühl der Parteibasis oder der Wählenden, nicht ernst genommen zu werden, der als störend empfundene Streit politischer Verantwortungsträger, der Schamgefühle auslösen konnte, die Verortung an den Rändern des politischen Spektrums, die innerhalb einer politischen Organisation zu Marginalisierungsgefühlen führen konnten, gehörten dazu. Gotto hebt hervor, dass die Neuorganisation in einer kleineren Partei hier vor Resignation bewahren konnte (ein Plädoyer für die Funktionalität belächelter Kleinstparteien), und betont zudem auch das Vermögen der größeren Parteien wie auch der sozialen Bewegungen, die soziale Beziehung zu den Enttäuschten nach einer gewissen Zeit zu kitten (als Paradebeispiel dient die Parteikarriere  Klaus Uwe Benneters in der SPD) und aus Enttäuschungen über ausbleibende Realisierungserfolge alternativer Demokratiekonzepte zu lernen.

All das sind wichtige Detailbeobachtungen einer gereiften bundesrepublikanischen Demokratie, doch ob sie ein solches Proprium des Untersuchungszeitraums darstellen, wie Gotto aufgrund der gesteigerten Partizipationserwartungen und gewandelten Demokratiekonzepte annimmt, bleibt zu klären. So wie er der These einer durchschlagenden »Emotionalisierung« des Politischen in den 1970er- und 1980er-Jahren widerspricht und zu Recht die grundsätzliche Bedeutsamkeit von Emotionen in der politischen Kommunikation der Bundesrepublik postuliert, sind viele seiner Beobachtungen zu den Enttäuschungsaffinitäten und Konflikten auf dem Feld demokratischer Partizipation auch für die 1940er-, 1950er- und 1960er-Jahre zutreffend. Vielleicht veränderten sich Erwartung und Erfahrung im Umgang mit der repräsentativen Demokratie und ihren Partizipationschancen um 1970 doch nicht so sehr qualitativ, sondern erhielten lediglich eine Massenbasis, die politische Kommunikation wie politische Partizipationspraxis vor ungekannte Herausforderungen stellte. Bernhard Gottos Buch wird für demokratiehistorische Fragen dieser Art künftig eine unverzichtbare Referenz bleiben.

Claudia Gatzka, Freiburg

 

Zitierempfehlung:

Claudia Gatzka: Rezension von: Bernhard Gotto: Enttäuschung in der Demokratie. Erfahrung und Deutung von politischem Engagement in der Bundesrepublik Deutschland während der 1970er und 1980er Jahre (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 119), De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2018, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81926> [27.4.2020].

 

Marietta Meier/Mario König/Magaly Tornay: Testfall Münsterlingen. Klinische Versuche in der Psychiatrie, 1940–1980

Rezension zu: Marietta Meier/Mario König/Magaly Tornay: Testfall Münsterlingen. Klinische Versuche in der Psychiatrie, 1940–1980

Chronos Verlag | Zürich 2019 | 336 Seiten, gebunden | 38,00 € | ISBN 978-3-0340-1545-5

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Fast wie Smarties sehen die kleinen rosa Pillen aus, die auf dem Buchdeckel abgebildet sind. Bei den 25.000 Dragées mit der Nummer G 35259, gelagert in einem Metallbehälter, handelt es sich um den Wirkstoff Ketimipramin (auch Ketotofranil genannt), ein trizyklisches Antidepressivum. Mit diesem Stoff führte der Schweizer Psychiater Roland Kuhn in der Klinik Münsterlingen im Auftrag der Pharmafirma Geigy in den 1960er-Jahren an über 1.000 Patientinnen und Patienten seine größte und am längsten dauernde klinische Versuchsreihe durch. Die Prüfsubstanz sollte nie auf den Markt kommen.

Seit langem ist bekannt, dass in psychiatrischen Kliniken der Schweiz nicht zugelassene Medikamente an Patientinnen und Patienten getestet wurden.[1] Als sich 2012 in den Medien die Vorwürfe häuften, dass Roland Kuhn in der vom Kanton Thurgau gegründeten Klinik Münsterlingen solche Studien mit »Heimkindern« gemacht habe, zog die Politik nach: 2016 gab der in der Nordostschweiz gelegene, ländliche Landesteil als einer der ersten ein Forschungsprojekt in Auftrag, um die Vorwürfe wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Neben dem Umfang und dem Ausmaß der klinischen Versuche sollte insbesondere die Frage nach der Einwilligung der betroffenen Personen geklärt werden.

Die nun vorliegende historische Studie von Marietta Meier, Magaly Tornay, Mario König (der kürzlich verstorben ist) unter Mitarbeit von Ursina Klauser zeichnet ein ernüchterndes Bild: Unter der Leitung des Oberarztes und späteren Direktors – Kuhn – testete die Klinik von 1946 bis 1980 im Auftrag verschiedener Pharmaunternehmen mindestens 67 Stoffe (S. 271) an mindestens 1.112 Personen (S. 272), darunter auch an Kindern. Insgesamt starben 36 Personen während oder kurz nach der Verabreichung der Prüfsubstanzen (S. 226), bei insgesamt zehn vermutet das Autorenteam einen möglichen Zusammenhang zwischen der Todesursache und dem verabreichten Stoff (S. 228).

Neben Einleitung und Schluss umfasst das Buch acht Kapitel. Die Hauptkapitel zeichnen chronologisch die Entwicklung der Medikamentenversuche bis Ende der 1970er-Jahre nach (Kapitel 1, 2, 4 und 6) und verorten sie im jeweiligen zeithistorischen Kontext. Kapitel 8 widmet sich den 1980er-Jahren: Kuhn war zwar nun pensioniert, forschte und testete aber in seiner Privatpraxis unermüdlich weiter. Die übrigen Kapitel nehmen thematische Längsschnitte vor: Etwas spät erfährt man in Kapitel 3 Genaueres über die Prüfpatientinnen und -patienten, Kapitel 5 handelt von den (immensen) Material-, Informations- und Geldflüssen, und Kapitel 7 untersucht, inwiefern die Prüfsubstanzen zu »fatale[n] Zwischenfälle[n]« (S. 223) mit schwerwiegenden Komplikationen führten.

Die akribisch recherchierte, quellenorientierte Studie profitiert von einer außergewöhnlich guten Quellenlage: Neben dem umfangreichen Privatnachlass Kuhns und seiner späteren Ehefrau Verena Gebhart, die sich zunehmend auf die ambulante Behandlung von Kindern und Jugendlichen spezialisierte und ebenfalls in klinische Versuche involviert war, umfasst das Archiv der Klinik Akten von 1840 bis 1980. Darunter befinden sich etwa 30.000 Krankenakten, davon je zur Hälfte stationäre und ambulante Dossiers. Zusätzlich konsultierte die Forschungsgruppe Bestände von Pharmaunternehmen, mit denen Kuhn kooperierte. Dies waren hauptsächlich Vorgängerfirmen des heutigen Novartis-Konzerns: Geigy, Ciba, Ciba-Geigy, Sandoz und Wander. Daneben konsultierte die Gruppe auch das Archiv von Swissmedic, der früheren Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel (IKS). Durch diese mussten die Kantone seit 1942 neue Heilmittel vor der Zulassung begutachtet und registrieren lassen. Schließlich führte die Gruppe Gespräche mit Zeitzeuginnen und -zeugen, vor allem mit ehemaligen Patientinnen und Patienten, und machte sogenannte Experteninterviews mit der Ärzteschaft, Pflegenden, aber auch mit Politikern und Angestellten der Pharmaindustrie.

Die vorliegende Studie ist nicht die erste, aber wohl die umfassendste zu Medikamentenversuchen in der Psychiatrie, die in den letzten Jahren erschienen sind.[2] Ein großes Verdienst des Buchs ist die gezielte Aufdeckung der Verbindungen und der Zusammenarbeit der Klinik mit der Pharmaindustrie: Die Trias »Klinik, Forschung und Industrie« (S. 21) ist nicht voneinander zu trennen. Auch die Unterscheidung zwischen Therapie und klinischem Versuch war fließend (vgl. S. 145). Kuhn, der Mitte der 1950er Jahre auf die antidepressive Wirkung von G 22355 (das 1958 als Tofranil durch die Firma Geigy auf den Markt kam) hingewiesen und mit dieser »Entdeckung« seinen größten Erfolg gefeiert hatte, etablierte sich in der Folge als kompetenter Prüfer für die pharmazeutische Industrie.

Verschiedene Unternehmen fragten ihn oft und gerne für die Durchführung klinischer Versuchsreihen an. 1956 führte er in Münsterlingen beispielsweise gleichzeitig sieben Versuche für Geigy durch (vgl. S. 77). Angetrieben durch seine wissenschaftliche Neugier, profitierten er und die Klinik finanziell enorm. Die Forschungsgruppe schätzt, dass Kuhn an den Versuchen mindestens 3,5 Millionen Franken (Nominalwert) (vgl. S. 179) verdiente. Die Klinik wiederum kam dadurch nicht nur zu kostenlosen Medikamenten, sondern erhielt Vergütungen für Laborleistungen und Apparaturen (vgl. S. 182). Erst das Heilmittelgesetz vom Jahr 2002 regelte die Durchführung klinischer Versuche auf Bundesebene und auf Gesetzesstufe (vgl. S. 196).

Die Studie verortet sodann die Medikamentenversuche in einem zeitgenössischen Kontext. Aus heutiger Sicht ist insbesondere die fehlende Einwilligung der Betroffenen erschreckend. Der Weltärzteverbund erließ zwar 1964 die Deklaration von Helsinki, welche diese Einwilligung vorsah, und die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) gab 1970 Richtlinien für die Forschung am Menschen heraus. Diese waren allerdings nicht rechtsverbindlich, sondern hatten bloß empfehlenden Charakter. Wenig überraschend scherte sich Kuhn nicht um diese Vorgaben. Einwilligungserklärungen finden sich in den Akten erst für die 1980er Jahre. Retrospektiv gab der Psychiater freimütig bekannt, dass er nie um Zustimmung fragte, um ein Versuchspräparat zu prüfen, sondern seine Patienten schlicht informiert habe, dass sie da ein neues Mittel schluckten, das vielleicht helfe (vgl. S. 280).

Der Titel des Buchs lautet zwar »Testfall Münsterlingen«. Doch die Studie handelt weniger von der Institution als der Person Kuhns, die alle Fäden in der Hand zu halten schien. Dieser akteursorientierte Ansatz führt dazu, dass die Handlungsabläufe und Verantwortlichkeiten in der Klinik sowie ihre strukturellen Bedingungen unklar bleiben. Statistische Auswertungen zum Ausmaß und Umfang der Versuche finden sich kaum. Diese werden anhand der Biografie Kuhns qualitativ nachgezeichnet, was das Risiko birgt, dass die Darstellung Kuhns akribisch geführtem und mit Annotationen versehenem Nachlass folgt, also seine Sichtweise übernimmt.

Nicht nur in der Schweiz, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum fanden Medikamentenversuche statt: Münsterlingen war »kein Einzelfall« (S. 273). Die im Klappentext versprochene »Verortung in der zeitgenössischen Prüfungslandschaft« wird jedoch nicht eingelöst. Die Einleitung nimmt zwar vorweg, dass die Studie »in erster Linie auf Quellenarbeit beruht« und sich deswegen »ein langer Bericht zum Forschungsstand« (S. 19) erübrige. Dennoch wäre es wünschenswert gewesen, die Münsterlinger Praxis in den größeren psychiatriegeschichtlichen Kontext einzuordnen. Wenig erfährt man zudem über die Betroffenen, über ihre Erfahrungen, Einschätzungen und Bewertungen der an ihnen vorgenommenen Versuche. Die Interviews wurden hauptsächlich dazu verwendet, um die Lücken der schriftlichen Quellen zu schließen.

Gewinnbringend bleibt die Nachzeichnung der Umbrüche in der Psychiatrie, die in den 1950er-Jahren von einem ungebremsten therapeutischen Optimismus angetrieben wurde. Die »pharmakologische Wende« versprach neue Therapiemöglichkeiten, auch für Menschen, die bislang nicht als therapierbar galten. Die Studie entwirft das Bild eines Wissenschaftlers, der einem paternalistischen Selbstverständnis folgend sich mehr für seine Prüfsubstanzen als für die Menschen interessierte, die er behandelte. Überzeugt von den Chancen, die die Pharmakotherapie versprach, nahm er für den wissenschaftlichen Fortschritt große Risiken in Kauf, die andere trugen, nicht er. Weder seitens der Klinikleitung noch der Aufsichtsbehörde stieß er auf Widerstände. Es war am ehesten noch die Industrie, die ihn bremste und ihn vor dem »freihändigen Kombinieren« (S. 80) warnte.

Als sich Mitte der 1970er-Jahre statistische Verfahren und kontrollierte Studien durchzusetzen begannen, mit denen die Wirksamkeit neuer Stoffe geprüft wurden, vertrat Kuhn plötzlich ein überholtes Paradigma. Zeit seines Lebens blieb er von seinen qualitativen und am Einzelfall orientierenden Forschungsmethoden überzeugt. Auch die zunehmende staatliche Regulierung lehnte er ab. Der einst so gefragte Tester versank zunehmend in der Bedeutungslosigkeit.   

Mirjam Janett, Zürich

[1] Seit 2002 sind zum Beispiel die Medikamentenversuche der zürcherischen Psychiatrischen Klinik Burghölzli (heute Kantonale Psychiatrische Universitätsklinik) bekannt. Vgl. Tanja Rietmann/Urs Germann/Flurin Condrau, »Wenn ihr Medikament eine Nummer statt eines Markennamens trägt.« Medikamentenversuche in der Zürcher Psychiatrie 1950–1980, in: Beat Gnädinger/Verena Rothenbühler (Hrsg.), Menschen korrigieren. Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen im Kanton Zürich bis 1981, Zürich 2018, S. 201–254, hier S. 201.

[2] Für die Schweiz siehe die Dissertationen von: Katharina Brandenberger, Psychiatrie und Psychopharmaka. Therapien und klinische Forschung mit Psychopharmaka in zwei psychiatrischen Kliniken der Schweiz, 1950–1980, Universität Zürich, 2012; Julia Manser-Egli, Klinische Prüfung nicht zugelassener Präparate an der Psychiatrischen Universitätsklinik Waldau zwischen 1950 und 1970, Universität Bern, 2019. Zudem die Studien von: Urs Germann, Medikamentenprüfungen an der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel, 1953–1980. Pilotstudie mit Vorschlägen für das weitere Vorgehen, Bern 9.3.2017; Rietmann/Germann/Condrau, »Wenn ihr Medikament eine Nummer statt eines Markennamens trägt.«; Paul Richli, Bericht über den Umgang mit Arzneimittelversuchen in der Luzerner Psychiatrie in den Jahren 1950–1980 aus rechtlicher Sicht. Im Auftrag des Gesundheits- und Sozialdepartements des Kantons Luzern, Luzern 2018; Marina Lienhard/Flurin Condrau, Psychopharmakologische Versuche in der Psychiatrie Baselland zwischen 1950 und 1980. Bericht zuhanden der Psychiatrie Liestal, Zürich 2019. Für Deutschland siehe exemplarisch: Volker Hess/Laura Hottenrott/Peter Steinkamp, Testen im Osten. DDR-Arzneimittelstudien im Auftrag westlicher Pharmaindustrie, Berlin 2016; Sylvia Wagner, Ein unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte. Arzneimittelstudien an Heimkindern, in: Sozial.Geschichte Online 19, 2016, S. 61–113; Sylvelyn Hähner-Rombach/Christine Hartig, Medikamentenversuche an Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Heimerziehung in Niedersachsen zwischen 1945 und 1978. Forschungsprojekt im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, 2019.

 

Zitierempfehlung:

Mirjam Janett: Rezension von: Marietta Meier/Mario König/Magaly Tornay: Testfall Münsterlingen. Klinische Versuche in der Psychiatrie, 1940–1980, Chronos Verlag, Zürich 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81925> [27.4.2020].

 

Hans-Rainer Sandvoß: Mehr als eine Provinz! Widerstand aus der Arbeiterbewegung 1933–1945 in der preußischen Provinz Brandenburg

Rezension zu: Hans-Rainer Sandvoß: Mehr als eine Provinz! Widerstand aus der Arbeiterbewegung 1933–1945 in der preußischen Provinz Brandenburg (Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Reihe A: Analysen und Darstellungen, Bd. 15)

Lukas Verlag | Berlin 2019 | 623 Seiten, gebunden | 29,80 € | ISBN 978-3-86732-328-4

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Hans-Rainer Sandvoß gehört zu den Koryphäen der deutschen Forschung und Publizistik über den Arbeiterwiderstand gegen das NS-Regime von 1933-1945. Sein Augenmerk richtete er dabei zunächst auf die Berliner Bezirke, später auf den Widerstand von Berliner Religionsgemeinschaften und nun auf den Arbeiterwiderstand in der preußischen Provinz Brandenburg, die das Gebiet des heutigen Bundeslandes Brandenburg einschloss und bis an die »Grenzmark« Posen-Westpreußen reichte. Seit 1977 Referent an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, wurde er Herausgeber (und Hauptautor) einer 14-bändigen Schriftenreihe über den Widerstand in den Bezirken Berlins zwischen 1933 bis 1945.[1] 2006 wurde er aufgrund der Studie »Die ›andere‹ Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945« promoviert, deren Vorarbeiten bis in die 1980er-Jahre zurückreichen.

Seine Motivation erschließt sich aus den Anmerkungen im Klappentext: »Der Widerstand gegen das NS-Regime sei, so ist es mitunter zu hören, ausgeforscht. Eine Gesamtdarstellung des facettenreichen Widerstandes aus der Arbeiterbewegung in der preußischen Provinz Brandenburg hat indes lange gefehlt«. Diese Lücke versucht der Autor zu schließen, was ihm eindrucksvoll gelingt. Überhaupt führte seine Blickrichtung auf die lokalen und regionalen Ausprägungen des Widerstands zu einer weit über die über lange Zeit vorherrschenden parteigeschichtlichen Narrative hinaus. Der kleinräumige Blick bot wertvolle Erkenntnisse über die viel differenzierteren Strukturen des Widerstands, denn jeder Berliner Kiez entwickelte seine eigenen Besonderheiten und spiegelte daher die Vielfalt des Soziallebens wider. Übertragen auf politische »Großstrukturen« wie Parteien oder Gewerkschaften ergab sich folglich eine klarere Optik auch im Großen. Damit wirkte Sandvoß methodisch sicherlich stilbildend.

In seiner Einleitung nimmt er auf den bisherigen Forschungsstand zum Widerstand in der Provinz Brandenburg Bezug. Dieser habe seine Hauptquellen in den Forschungen seitens der DDR, die er differenziert würdigt, ohne über die politisch an die SED gebundenen Betrachtungs- und Beurteilungswinkel zu schweigen. Aber die nun nach 1990 neu zu erschließenden Archive und Sammlungen aus der ehemaligen DDR waren für Sandvoß vielsprechende Quellen zur weiteren systematischen Aufarbeitung des Arbeiterwiderstands. Seine Aufgabenstellung lautete: »Die Gesamtdarstellung zum Widerstand aus der Arbeiterbewegung in der früheren Provinz Brandenburg bleibt trotzdem als große Herausforderung weiter bestehen und muss mehr sein als die Addition lokaler Studien« (S. 16). Auf ein weiteres Erfordernis weist er hin. Bislang wurden die seit 1945 zu Polen gehörenden, östlich der Oder gelegenen Teile der Provinz von der Würdigung ihres Widerstandskampfs ausgespart. Dabei gab es intensive Vernetzungen zwischen Berlin und der Provinz, auch jenseits der Oder.

Dies alles erschloss der Verfasser aus den Quellen der NS-Ermittlungs- und Verfolgungsbehörden, den Prozessakten und den Unterlagen der lokalen und Sondergerichte beim Landgericht Berlin im Bundesarchiv und den Landesarchiven Berlin und Brandenburg. Dass ihm die entsprechenden nazistischen Einlassungen schwer im Magen lagen, unterlässt Sandvoß nicht zu erwähnen (S. 19). Als Korrektiv zog er – soweit verfügbar – die Selbstzeugnisse der Opfer zu Rate. Viele dieser Widerständler und Widerständlerinnen aber sind längst tot, ihre Zeitzeugenschaft also für immer erloschen. Weiterhin stützte er sich auf die Quellen der Organisationen der Arbeiterbewegung in ihrer vollständig zu erschließenden Bandbreite. Durch die Abgrenzungen aus der Zeit des Kalten Kriegs indes entstanden auch hier in den Quellensammlungen und historischen Bewertungen entsprechend verengte Deutungen, die es zu überwinden galt: So fehlten in den DDR-Archiven eher Quellen aus der alten Sozialdemokratie, den Zwischengruppen wie der SAP oder den freien Gewerkschaften. Doch allein das Inhaltsverzeichnis zeugt von der Akribie des Autors bei der Rekonstruktion. So folgt auf die Einleitung das Kapitel über den Widerstand aus dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das noch tendenziell einen eher allgemeinen Zugriff auf dessen Organisation und die Widerstandstätigkeit bis zur Auflösung 1933 zeigt (S. 27–103). Doch hier werden Einzelschicksale präsentiert, die vom vergeblichen Versuch der Abwehr des drohenden Faschismus und den erlittenen Peinigungen nach dessen Machtusurpation Zeugnis ablegen. Diese verarbeitete Sandvoß in einem Unterkapitel dieses Abschnitts (S. 90–103).

Als nächstes Kapitel folgt die Aufarbeitung des Widerstands aus den Reihen von SPD und freien Gewerkschaften (S. 104-268). Hier beginnt sein Blick auf die lokalen Strukturen des Widerstands seine Wirkung zu entfalten, wird aber in eine Gesamtbetrachtung eingebettet. Dabei behält der Autor die Übergangsphase zwischen der Auflösung der Weimarer Republik nach 1930 und der Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 im Blickfeld, wie er eindrucksvoll am vergeblichen Kampf der SPD-Bezirksorganisation des »roten Nowawes«, des heutigen Babelsberg in Potsdam, zeigt (S. 116–124). In aller Kürze, aber für das Verständnis der politischen Umstände unerlässlich, skizziert er überdies die innersozialdemokratischen Konflikte zwischen Anpassung und Widerstand nach dem 30. Januar und dem Parteiverbot am 22. Juni 1933. Er kann dabei auch auf Vorarbeiten zurückgreifen wie jene von Ingrid Fricke über Franz Künstler, den linken Neuköllner Sozialdemokraten (USPD/SPD)[2] oder von Siegfried Heimann über den Brandenburger Oberbürgermeister Paul Szillat[3]. Sandvoß griff zudem die in einer verdienstvollen mehrbändigen Schriftenreihe erscheinenden Dokumentationen über gewerkschaftlichen Widerstand und Verfolgung von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern auf.[4]

Es folgt ein Kapitel über den Widerstand der »Zwischengruppen« zwischen SPD und KPD, wozu zum Beispiel die Sozialistische Arbeiterpartei, der »Leninbund,« der »Rote Stoßtrupp«, Rätekommunisten, aber auch Einzelpersonen wie Gustav Mauritz (ehemals KPD, Nowawes) und Wolfgang Abendroth (Kommunistische Partei (Opposition)), der später bedeutende Politikwissenschaftler und Staatsrechtler, gezählt werden (S. 269–340). Die archivalische Überlieferung in den Archiven der DDR erlaubte eine flächendeckende Erschließung der Aktivitäten der KPD in der Provinz (S. 341–570). Die KPD registrierte im gesamten Bezirksverband über 37.800 Mitglieder, davon knapp 31000 in Berlin. Dort überholte sie nach dem Staatsstreich Franz von Papens vom 20. Juli 1932 sogar die SPD an Wähleranhang. Mit der stalinistischen »Sozialfaschismus«-These isolierte sich die KPD jedoch von der sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Auf dem platten Land blieb sie daher eine marginale Kraft, nur in den Klein- und Mittelstädten der Region besaß sie eine nennenswerte Mitgliedschaft. Die Kommunisten wurden vom NS-Terror nach dem 30. Januar 1933 genauso überrollt wie die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften. Doch ihre lokalen Aktivitäten und ihre bedeutenden Widerstandsgruppen und Widerstandszentren, hier besonders die Lausitz, werden von Sandvoß sichtbar gemacht. Dabei weist er noch auf wissenschaftlich unerschlossene Gruppen des Widerstands (Anarchosyndikalisten, Rätekommunisten) hin (S. 578). Sein Abschlussfazit deshalb: »Brandenburg braucht auch den Widerstandsvergleich mit Berlin nicht zu scheuen – ganz im Gegenteil: Es war weit mehr als eine Provinz« (S. 580).

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn

[1] Die Bände sind mittlerweile (bis auf eine Ausnahme) kostenlos online verfügbar, vgl. URL: https://www.gdw-berlin.de/angebote/publikationen/widerstand-berlin-1933-1945/#c82, [22.4.2020].

[2]Ingrid Fricke, Franz Künstler (1888–1942). Eine politische Biographie, Berlin 2016.

[3]Siegfried Heimann, Paul Szillat 1888-1958, Berlin 2016

[4] Vgl. zur Schriftenreihe »Gewerkschafter im Nationalsozialismus. Verfolgung – Widerstand – Emigration« auf der Webseite des Verlags: URL: http://metropol-verlag.de/book_series/gewerkschafter-im-nationalsozialismus-verfolgung-widerstand-emigration/  [22.4.2020].

 

Zitierempfehlung:

Holger Czitrich-Stahl: Rezension von: Hans-Rainer Sandvoß: Mehr als eine Provinz! Widerstand aus der Arbeiterbewegung 1933–1945 in der preußischen Provinz Brandenburg (Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Reihe A: Analysen und Darstellungen, Bd. 15), Lukas Verlag, Berlin 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81924> [27.4.2020].

 

Kristoffer Klammer: ›Wirtschaftskrisen‹. Effekt und Faktor politischer Kommunikation. Deutschland 1929–1976

Rezension zu: Kristoffer Klammer: ›Wirtschaftskrisen‹. Effekt und Faktor politischer Kommunikation. Deutschland 1929–1976 (Historische Semantik, Bd. 28)

Vandenhoeck & Ruprecht | Göttingen 2019 | 495 Seiten, gebunden | 80,00 € | ISBN 978-3-525-31059-5

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In den Jahren 2010 bis 2012 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft an der Universität Trier ein Projekt zur »Sprachlichen Konstruktion wirtschafts- und sozialpolitischer Krisen in der Bundesrepublik Deutschland von 1973 bis heute« gefördert, in dem fünf solcher »Krisen« von der Ölkrise 1973/74 bis hin zur Finanzkrise 2008/09 untersucht worden sind. Auf die Konzeption und einige erste Ergebnisse dieses diskurslinguistischen Forschungsprojekts[1] bezieht sich die hier zu besprechende geschichtswissenschaftliche Dissertation Kristoffer Klammers des Öfteren, insbesondere in ihrer sehr instruktiven Verortung der Studie unter dem Titel »Anknüpfungen« (S. 35–48): »Einige der grundlegenden Erkenntnisinteressen dieser Studien decken sich mit denen der vorliegenden Arbeit; theoretische Annahmen, methodisches Vorgehen und einzelne empirische Befunde bieten interessante Anregungen. Ein direkter Ergebnisvergleich ist indes schwierig« (S. 46) – und das letztlich aufgrund »disziplinär begründete[r] Unterschiede« (S. 47). Für den Rezensenten aus dieser anderen Disziplin ist es interessant zu sehen, wie ein Historiker mit sehr ähnlichen Erkenntnisinteressen an den gleichen Gegenstand herangeht und diesen mit ähnlichen analytischen Kategorien, aber gerade in der Darstellungsform doch ganz anders bearbeitet. Dabei kommt er einerseits zu methodisch weniger gut abgesicherten, andererseits zu inhaltlich zum Teil differenzierteren Ergebnissen.

Bedauerlich ist, dass Klammer die wichtigsten Ergebnisse des diskurslinguistischen Forschungsprojekts in Form der Dissertationen von David Römer und Kristin Kuck bei Abschluss seines Manuskripts noch nicht zur Verfügung standen.[2] In diesen werden mit den Methoden der Topos-Analyse (= Analyse von Argumentationsmustern) bzw. der Metaphernanalyse die sprachliche Konstruktion einerseits der »Wirtschaftskrisen« von 1973/74, von 1982 und 2003 und andererseits der »Krisen« von 1973/74, von 1997 und 2003 verglichen. Erst die Ergebnisse dieser umfassenden Studien hätten es Klammer ermöglicht, »auf Basis der eigenen Ergebnisse nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden« (S. 47) in der sprachlichen Konstruktion der Wirtschaftskrisen, die zum großen Teil nach seinem Untersuchungszeitraum liegen, zu fragen und dabei die Vor- und Nachteile der größeren »sprachwissenschaftliche[n] Differenziertheit« (ebd.) der linguistischen Studien und seiner besseren »Einbindung semantischer Befunde in die […] Politik- und Wirtschaftsgeschichte« (ebd.) abzuwägen.

Das kann in diesen wenigen Zeilen einer Rezension auch nicht nachgeholt werden, wäre aber reizvoll. Klammers Ausblick darauf, dass nach der von ihm für die Jahre 1973 bis 1976 angesetzten »kleinen Weltwirtschaftskrise« über Wirtschaft und Wirtschaftspolitik beständig in einem Krisen-Modus geredet wird (S. 455f.), somit also beständig »Krisen« sprachlich konstruiert werden, kann mit den diskurslinguistischen Untersuchungen einerseits bestätigt, andererseits aber auch differenziert werden, insofern eben doch Zeiträume bestimmt werden können, in denen »Krisen« mit mehr oder weniger Anbindung an volkswirtschaftliche Daten herbeigeredet und auch politisch instrumentalisiert worden sind. Als inhaltlich interessanter Bezug zwischen den historiografischen und den diskurslinguistischen Ergebnissen sei nur erwähnt, dass Klammer schon für die 1970er-Jahre eine Zunahme angebotsorientierter Lösungsvorschläge gegenüber keynesianischen »Rezepten« konstatiert, was bei Römer dann als Durchsetzen neoliberaler Positionen im Diskurs seit dem Lambsdorff-Papier von 1982 bis hin zu den Agenda-2010-Beschlüssen akribisch herausgearbeitet wird. Kritisch kann hier angefügt werden, dass auch Klammer, obwohl er den Fokus auf die sprachliche Konstruktion von Krisen und damit u.a. auch auf die diskursiv errungenen Deutungshoheiten über politische Vorschläge zur »Überwindung« von Krisen legt, dazu neigt, wie andere Historikerinnen und Historiker, die solche »Krisen« in Überblicksdarstellungen und »sach«geschichtlich behandeln, bestimmte Diskurspositionen als der Sache angemessen erscheinen zu lassen, zum Beispiel dass der Sozialstaat überfordert worden sei oder dass die Steuerbelastung für Unternehmen habe verringert werden müssen. Römer zeigt demgegenüber eindrücklich, dass und wie Zeithistorikerinnen und Zeithistoriker der seit 1982 hegemonialen Diskursposition sozusagen hinterherschreiben.

Innerhalb seiner Zunft verortet sich die Studie Klammers in der Tradition historisch-semantischer Analysen, wie sie seit den 1970er-Jahren im Gefolge der »Geschichtlichen Grundbegriffe« insbesondere auch von Klammers Doktorvater Willibald Steinmetz erarbeitet worden sind. Sie nimmt dabei das Diktum Reinhart Kosellecks ernst, dass Sprache nicht nur Indikator, sondern auch Faktor der Geschichte ist: »Überspitzt: Die Semantik erzeugte die Krise« (S. 452) – was allerdings sogleich eingeschränkt wird: »Vielmehr standen Prozesse semantischen Wandels in einem Wechselverhältnis mit nicht-sprachlichen Veränderungen.« (Ebd.) Bei der Interpretation seiner Sprach-Geschichten rekurriert Klammer immer wieder auf die in dieser Tradition etablierten Begriffe des Erfahrungsraums und des Erwartungshorizonts sowie auf die Zeitachse Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft, was es ihm ermöglicht, Einzelergebnisse in größere Zusammenhänge einzuordnen (vgl. z.B. einleitend schon S. 16f.), was aber auch manches Mal zu vagen allgemeinen Einordnungen führt, wie dass in der Deutung einer Situation als »Krise« die Gegenwartsorientierung des Sprechers zentral sei oder dass die Ursachen einer Krise in der Vergangenheit verortet worden seien.

Ein historiografisches Erkenntnisinteresses ist bei allen drei Krisen auch der »Abgleich« zwischen dem Reden über eine Krise mit den volkswirtschaftlichen Indikatoren und politischen Ereignissen, die ex post zur (geschichtswissenschaftlichen) Interpretation des Geschehens als Krise oder Wirtschaftskrise, als Weltwirtschaftskrise, als (nur) Wachstumsdelle oder als Ölpreiskrise geführt haben. Dabei sei eben bisher die Wahrnehmung, das »Wissen« der Zeitgenossen, ob und dass es eine »Krise« gibt und der Einfluss dieses Wissens auf das Geschehen nicht angemessen berücksichtigt worden. Der zeitgenössischen Interpretation des Geschehens als »Krise« oder »Wirtschaftskrise« kann die Geschichtswissenschaft mit der Untersuchung des öffentlich-politischen Sprachgebrauchs gerecht werden. Der Autor begründet überzeugend, dass für die untersuchten Zeiten, für seine drei »Fallstudien« Parlamentsprotokolle sowie jeweils ausgewählte Zeitungen der Qualitäts- und der Boulevardpresse geeignete Quellen sind.

Die drei sprachlichen Kategorien, die er im Einzelnen untersucht, entsprechen dem in diskurslinguistischen Untersuchungen etablierten Methodenset der Analyse von Argumentationsmustern (Topoi), Metaphern und Schlüsselwörtern. Im Vergleich zu linguistischen Studien geht der Autor mit den Analyse-Begriffen locker um und verzichtet auf die in der Sprachwissenschaft üblichen Herleitungen und akribischen Differenzierungen bei der Anwendung dieser Begrifflichkeiten. Der sprachwissenschaftliche Rezensent gesteht aber gerne zu, dass der Historiker mit diesem lockeren, eher unterminologischen Gebrauch von »Topoi«, »Redemustern«, »Sprachmustern«, »Metaphern«, »Einzelbegriffen« und auch »Semantik(en)« seinen Erkenntnisinteressen durchaus nicht schadet und dass dies dem Verständnis nicht abträglich ist. Dazu trägt auch die gewählte, für historiografische Studien wohl übliche narrative Darstellung der Sprach- und Krisen-Geschichten bei, auch wenn diese in ihrer Vielzahl von zitierten Einzelstimmen gerade in den chronologisch vorgehenden Kapiteln, in denen die Krisenphasen dargestellt werden, manchmal etwas ermüdend ist.

Das Darstellungsproblem seiner Analyseergebnisse hat der Autor mit seiner narrativen Form in gänzlich anderer Weise gelöst als es in den erwähnten linguistischen Studien geschieht. In einem ersten Kapitel werden jeweils »einschlägige Forschungsergebnisse respektive gängige Krisennarrative referiert« (S. 48). In einem ersten Analyseschritt werden sodann die Krisenphasen anhand der für sie jeweils »dominierenden« »Sprachmuster (Topoi)« (ebd.) aufgezeigt und auch bestimmt. Während dies auf die genannte chronologische Erzählung hinausläuft, die eben auch festlegt, wann jeweils für die zeitgenössischen Sprecher eine Vorlaufphase, der Höhepunkt sowie das Ende einer »Krise« gewesen sind und als welche Art von »Krise« diese verstanden wurden, sind die beiden jeweils folgenden Kapitel systematischer angelegt.

Im ersten wird der Fokus jeweils auf einzelne sprachliche Mittel gelegt, mit denen die Akteure ihr Verständnis der politischen und wirtschaftlichen Situation ausgedrückt haben. In allen drei Krisen wird dabei auf den Ausdruck Krise selbst und mit ihm gebildete Komposita geachtet sowie auf metaphorische Konzepte, mit denen die abstrakten »Ereignisse« verständlich gemacht wurden. Während in den Krisen 1929–1933 und 1966/67 nur Organismus- und Maschinen-Metaphern wichtig waren, beobachtet der Verfasser in den Jahren 1973 bis 1976 eine größere Vielfalt von Metaphern. Als »Einzelbegriffe« werden für die Weimarer Zeit Vertrauen und Psychologie, Not, Elend und Opfer sowie Kampf und Krieg analysiert, für die »Wachstumsdelle« von 1966/67 die Funktion der »Begriffe« Stabilität, Wachstum und Vertrauen behandelt und für die 1970er-Jahre wiederum Opfer-Semantiken, wie der Historiker das nennt, aber auch der Appell an die Vernunft ins Zentrum der Analyse gerückt.

In einem jeweiligen letzten Schritt folgen »grundlegendere Betrachtungen zu einzelnen Akteursgruppen und ihrer Verwendung bestimmter Begriffe und Argumentationsmuster, Veränderungen (der Breite) des Spektrums möglicher Aussagen, sprachlich hergestellten Raumbezügen sowie dem Verhältnis des Krisendiskurses zu angrenzenden Diskursen« (S. 49), wie der Autor das recht heterogene Konglomerat von Ergebnisdarstellungen in diesen Kapiteln recht prägnant zusammenfasst. Für Weimar wird hier zum Beispiel die »begrenzte Diskussionsbereitschaft« über konkrete wirtschafts- und sozialpolitische Lösungsvorschläge seitens Nationalsozialisten und Kommunisten, für die es immer um die »Systemfrage« ging, herausgestellt, für die 1960er-Jahre wird der fehlende Bezug auf Vergangenheit in Form von Ursachendiskussionen vermerkt sowie dass die Krisen-»Semantik« den realen Krisen-Indikatoren vorausging. In den 1970er-Jahren bestand die Strategie der Regierungsparteien, um die eigene Verantwortung für die »Krise« klein zu halten, in synchronen Vergleichen mit stärker betroffenen vergleichbaren Volkswirtschaften, während die Unionsparteien mit diachronen Vergleichen zu den wirtschaftlichen Erfolgen ihrer Regierungszeit die Verantwortung der Regierung betonten. Ein weiterer wichtiger Diskussionsgegenstand in den Krisendebatten der 1970er-Jahre war die Diagnose einer »Epochenwende«, wie sie historiografisch mit der Festlegung der seitherigen Entwicklung als der »nach dem Boom« auch ex post verankert ist.

Neben der somit angedeuteten Vielzahl von interessanten Einzelergebnissen zum Sprachgebrauch und somit zur sprachlichen Konstruktion oder Organisation der drei Krisen zielen die Untersuchungen natürlich auch darauf, Gemeinsamkeiten der Konstruktion von Wirtschaftskrisen in der Mitte des 20. Jahrhunderts herauszuarbeiten. Beides – Spezifika und Gemeinsamkeiten – trägt Klammer in einem kurzen und konzisen Schlusskapitel zusammen und wagt dabei auch den erwähnten Ausblick auf die mögliche »Dauerkrise der Gegenwart« (S. 455). Jeweils wiederkehrende und somit für Krisendiskurse wohl konstitutive Topoi, Metaphern und um Krise, aber auch um Vertrauen und Opfer kreisende Grundbegrifflichkeiten sind ebenso wie der wiederkehrende und zentrale Referenzpunkt der Arbeitsmarktlage übergreifende sprachliche Mittel, Krisen zu konstruieren. Auch der Umschlag des Krisenbegriffs vom Ereignis- zum Strukturbegriff kehrt wieder, und dass von Krise hochfrequent die Rede ist in Zeitabschnitten, in denen die ökonomischen Daten die Krise noch nicht ausweisen, sind Anzeichen für die Relevanz der Sprache für »Wirtschaftskrisen«. Diese Befunde zeigen, dass Klammer mit seiner historisch-semantischen Analyse auch für die Geschichtswissenschaft wesentliche neue Erkenntnisse zum Verständnis der drei ausgewählten Wirtschaftskrisen geleistet hat, die auch für den Nicht-Fachmann aus der Nachbarwissenschaft sehr lesenswert sind.  

Martin Wengeler, Trier

[1] Vgl. insb. Martin Wengeler/Alexander Ziem (Hrsg.), Sprachliche Konstruktionen von Krisen. Interdisziplinäre Perspektiven auf ein fortwährend aktuelles Phänomen, Bremen 2013.

[2]David Römer, Wirtschaftskrisen. Eine linguistische Diskursgeschichte, Berlin/Boston 2017; Kristin Kuck, Krisenszenarien. Metaphern in wirtschafts- und sozialpolitischen Diskursen, Berlin/Boston 2018.

 

Zitierempfehlung:

Martin Wengeler: Rezension von: Kristoffer Klammer: ›Wirtschaftskrisen‹. Effekt und Faktor politischer Kommunikation. Deutschland 1929–1976 (Historische Semantik, Bd. 28), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81923> [27.4.2020].

 

Hubertus Buchstein/Henning Hochstein (Hrsg.): Otto Kirchheimer – Gesammelte Schriften, Bd. 2: Faschismus, Demokratie und Kapitalismus

Rezension zu: Hubertus Buchstein/ Henning Hochstein (Hrsg.): Otto Kirchheimer – Gesammelte Schriften, Bd. 2: Faschismus, Demokratie und Kapitalismus

Nomos Verlag | Baden-Baden 2018 | 575 Seiten, gebunden | 59,00 € | ISBN 978-3-8487-4732-0

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Otto Kirchheimer (1905–1965) zählt zu den bedeutenden Protagonisten der politischen Wissenschaft in Deutschland. Politisch und wissenschaftlich in der Weimarer Republik sozialisiert, wurde er als Sozialdemokrat und Jude von den Nazis verfolgt und ins Exil getrieben. In der Weimarer Republik war er zunächst als Jurist und Anwalt tätig, zu seiner Biografie gehört aber auch die Zusammenarbeit mit Carl Schmitt, der sein Doktorvater wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er im amerikanischen Exil, erlangte dennoch ebenfalls in Deutschland als Politikwissenschaftler größere Bekanntheit. Es liegt nun Band 2 der auf sechs Bände angelegten Ausgabe von Kirchheimers »Gesammelte(n) Schriften« vor.

Die Arbeiten Kirchheimers, insbesondere die zur Verfassungstheorie und Faschismustheorie, erfreuten sich zu Zeiten der Studentenbewegung der 1960er-Jahre einiger Popularität, sind meist aber nur noch antiquarisch zu erwerben. Umso verdienstvoller ist jetzt die von einem Team um den in Greifswald lehrenden Professor Hubertus Buchstein begonnene Herausgabe seiner Schriften. Die Reihenfolge der Bände folgt nicht chronologisch den Lebensjahren Kirchheimers, sondern ist thematisch geordnet. So enthielt der »Recht und Politik in der Weimarer Republik« gewidmete Band 1 auch Texte, die erst nach dem Ende der Republik geschrieben wurden. Ähnlich verhält es sich mit dem hier vorliegenden Band 2 zu »Faschismus, Demokratie und Kapitalismus«. Im Mittelpunkt stehen dabei Texte, die im Exil in Frankeich und den USA während der NS-Herrschaft verfasst wurden, enthalten sind aber auch Texte aus der Nachkriegszeit. Inhalt, Form, Umfang und Anlass der Texte sind dabei sehr unterschiedlich; sie reichen von kurzen Rezensionen über Broschüren bis hin zu längeren wissenschaftlichen Abhandlungen. Erkennbar wird dennoch implizit eine gewisse biografische Ordnung der Texte anhand der Lebensphasen Kirchheimers. So befasst sich die Einleitung in dem Band mit Texten zur Weimarer Republik vor allem mit Kirchheimers Lebensstationen bis zur Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Jahr 1933.

Eine ähnliche Orientierung auf die Lebensdaten beinhaltet auch die der vorliegenden Textsammlung vorangestellte und überaus informative Einleitung durch Hubertus Buchstein, in der dieser souverän die Lebensstationen Kirchheimers während des Exils der 1930er- und 1940er-Jahre mit einer Einordnung der im Band versammelten Texte verbindet. Inhaltlich hebt Buchstein hervor, dass aus den Texten im Zeitverlauf eine bemerkenswerte Kontinuität, zum Teil aber auch eine deutliche Revision hervorgehe (S. 8). Breiteren Raum widmet die Einleitung auch der Auseinandersetzung Kirchheimers mit Carl Schmitt (S. 24ff.), die so weit ging, dass es Kirchheimer gelang, 1935 anlässlich des »11. Internationalen Kongresses für Strafrechts- und Gefängniswesen« in Deutschland aus dem Exil heraus eine in der Aufmachung der von Carl Schmitt herausgegebenen Reihe »Der deutsche Staat der Gegenwart« entsprechende kritische Auseinandersetzung mit dem Recht des ›Dritten Reichs‹ unter dem Titel »Staatsgefüge und Recht des dritten Reichs« ins Land zu schmuggeln (im Band abgedruckt S. 152ff.). Deutlich wird in der Einleitung auch die schwierige persönliche und berufliche Situation des von seiner Ehefrau und Tochter zeitweilig getrenntlebenden Kirchheimer. Beruflich suchte er nach wissenschaftlichen Arbeitsmöglichkeiten, was ihm letztlich erst mit der nach viel Mühe erreichten Übersiedlung in die USA und der Arbeit für das Institut für Sozialforschung einigermaßen gelang – auch wenn das Verhältnis Kirchheimers insbesondere zu Max Horkheimer nicht spannungsfrei blieb.

Die im Band versammelten Artikel bieten eine Reihe interessanter Einsichten. So setzt Kirchheimer sich im Text »Anmerkungen zur Theorie der nationalen Souveränität« aus dem Jahr 1934 pointiert mit der Weimarer Rechts- und Staatslehre auseinander (S. 132ff.). Während Hermann Heller positiv gewürdigt wird, lehnt Kirchheimer Hans Kelsen, der »die Rechtswissenschaft zu einer Art Mathematik der Kulturwissenschaften« machen wolle, ab (S. 147). Sie stelle die »letzte Phase der Rechtsstaatsidee dar«, die dazu verurteilt sei, im Zustand reiner Theorie zu verbleiben. Diese Textpassage illustriert einmal mehr das Dilemma, dass die Mehrzahl der sich als links verstehenden Verfassungsrechtler der Weimarer Republik mit dem Ansatz Kelsens nichts anfangen konnten, obwohl dieser durchaus für gesellschaftsverändernde Politikansätze anschlussfähig gewesen wäre.

In dem bereits angesprochenen Text zum Rechtsverständnis des ›Dritten Reichs‹ spielt die Transformation des Rechtsstaatsbegriffs eine wichtige Rolle. Während Rechtsstaat ehemals den Versuch der Objektivierung durch Garantien und Schematisierung bedeutet habe, so habe sich dies jetzt verkehrt: »Die Garantien, dass Recht gefunden wird, liegen nicht mehr im Gesetz, sondern in dem Ausrichten der einzelnen Entscheidung nach der nationalsozialistischen Weltanschauung.« (S. 155) Letztlich werde die politische Justiz durch die geheime Staatspolizei ausgeübt, die nur »im Fall der Opportunität« nach Beendigung des eigenen Verfahrens den Fall an das Volksgericht oder Sondergerichte »zur nochmaligen Verhandlung auf Grund der von ihr und mit ihren spezifischen Mitteln gesammelten Beweise« abgaben (S. 166). Für den Bereich des Arbeitsrechts sieht Kirchheimer eine Absicherung von Kapitalinteressen, indem es industriellen Kreisen neben der freien Verfügung über die Produktionsmittel auch das Recht garantiere, »die Bedingungen des Arbeitsverhältnisses nach ihrem Gutdünken festzusetzen« (S. 173f.). Über eine eigene Sozialverfassung verfüge das ›Dritte Reich‹ nicht, sondern folge den Interessen der wirtschaftlich Starken. Nur in Zeiten der Gefahr würden halbe und niemals erfüllte Versprechen an die Arbeiterschaft als der schwächeren Sozialpartei gemacht (S. 178).

Innerhalb des Instituts für Sozialforschung war Kirchheimer in die Vorbereitung verschiedener Ausarbeitungen der Institutsmitglieder eingebunden. Zu Max Horkheimers Manuskript »Autoritärer Staat« stellte er heraus, dass das Argument, eine Revolution könne »ökonomisch-politische in rein technische Probleme« verwandeln, unpassend sei (S. 213f.): Zwischen »Herrschafts- und Servicebürokratie« bestünden unter jeder Gesellschaftsform wesentliche Unterschiede. Lenins Verweis auf die Organisation der deutschen Post als Vorbild für die Verwaltungsorganisation einer sozialistischen Gesellschaft ist für Kirchheimer nicht zutreffend: Die Leitung der gesamten Produktion werfe »Wertvorrangfragen« auf, die je nach den gewählten Lösungen zu ganz unterschiedlichen Resultaten führe. Diese Unterschiede seien für die Verwaltungsobjekte allerdings von höchster Bedeutung – und eben nicht einfach durch eine rein technisch verstandene Organisation lösbar (S. 214).

In »Strukturwandel des politischen Kompromisses« (S. 271ff.) aus dem Jahr 1941 zieht Kirchheimer mit Blick auf das Herrschaftssystem des Nationalsozialismus den Schluss, da Geld nicht länger als Vermittler zwischen ökonomischem und politischem Leben diene, müsse nun eine andere Koordinationsinstanz für das gesellschaftliche Leben gefunden werden. Übrig geblieben sei die Institution der Führerschaft, die zwischen den rivalisierenden Gruppen schlichten müsse. »Ihre Macht beruht auf der Fähigkeit, jedes Gruppenopfer durch Vorteile auszugleichen, die letztlich aber nur im internationalen Bereich erlangt werden können, das heißt: Durch eine imperialistische Politik«.

In einer Rezension zu Ernst Fraenkels »Doppelstaat« stellt er die These von einem Fortbestehen eines Rechts- neben dem nationalsozialistischen »Maßnahmestaat« in Frage (S. 301ff.). Seine eigene Sicht auf die tatsächliche Rechtsordnung der NS-Diktatur lässt sich ausführlicher dem ebenfalls 1941 erschienenen Text »Die Rechtsordnung des Nationalsozialismus« (S. 309ff.) entnehmen. Kirchheimers eigenes Fazit lautet hier, Recht und Rechtspraxis seien zum Instrument erbarmungsloser Herrschaft und Unterdrückung im Interesse derer geworden, die an den Hebeln wirtschaftlicher und politischer Macht säßen (S. 330).

Der mit 165 Seiten umfangreichste Einzeltext des Bandes ist die 1943 erschienene und hier wie im Original auf Englisch abgedruckte Abhandlung »The Fate of Small Business in Nazi Germany« (S. 333ff.), in der Kirchheimer sich mit den Interessen des Kleinunternehmertums als früher Stütze der NS-Bewegung auseinandersetzt. Anhand der Auswertung und Diskussion einer Fülle von statistischem Material arbeitet Kirchheimer dabei heraus, dass die konkreten ökonomischen Interessen und Erwartungen dieser Gruppe letztlich keine Erfüllung gefunden hätten.

Zu den auch in der Einleitung angedeuteten bemerkbaren Kontinuitäten in Kirchheimers Texten gehört hier sicherlich der Blick auf die Rolle von Kapitalinteressen für die Politik des Dritten Reichs und letztlich auch die Verbindung von ökonomischen Interessen und diktatorischer Herrschaft. Dabei wird sehr deutlich, dass Kirchheimer dies gerade nicht als abstrakte politische These verstand, sondern diese Perspektive auch empirisch sorgfältig begründen wollte.

Insgesamt bietet der hier besprochene Band einen interessanten und informativen Einblick in die Themen und Ansichten Kirchheimers insbesondere während der Jahre des Exils zur Zeit der NS-Herrschaft und lädt zugleich dazu ein, aus Kirchheimers Ansätzen auch aktuelle Themen der Verknüpfung ökonomischer Interessen und politischer Herrschaft zu betrachten.

Thilo Scholle,Lünen

 

Zitierempfehlung:

Thilo Scholle: Rezension von: Hubertus Buchstein/Henning Hochstein (Hrsg.): Otto Kirchheimer – Gesammelte Schriften. Bd. 2: Faschismus, Demokratie und Kapitalismus, Nomos Verlag, Baden-Baden 2018, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81922> [27.4.2020].

Siegfried Mielke/Stefan Heinz: Alwin Brandes (1866–1949). Oppositioneller – Reformer – Widerstandskämpfer

Rezension zu: Siegfried Mielke/Stefan Heinz: Alwin Brandes (1866–1949). Oppositioneller – Reformer – Widerstandskämpfer (Reihe Gewerkschafter im Nationalsozialismus. Verfolgung – Widerstand – Emigration, Bd. 9)

Metropol-Verlag | Berlin 2019 | 566 Seiten, gebunden | 29,00 € | ISBN 978-3-86331-486-6

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In der von Siegfried Mielke und Stefan Heinz herausgegebenen Schriftenreihe »Gewerkschafter im Nationalsozialismus. Verfolgung – Widerstand – Emigration« sind seit 2012 mittlerweile neun sehr verdienstvolle und materialreiche Studien über die deutsche Gewerkschaftsbewegung und einige bedeutende Repräsentanten unter der NS–Diktatur erschienen. Der Schwerpunkt lag dabei vor allem auf dem Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV), der mitgliederstärksten und wichtigsten freien Gewerkschaft, die von 1891 bis zu ihrer Auflösung 1933 existierte, und dem Wirken antifaschistischer Mitglieder nach der Zwangsauflösung durch das NS–Regime am 2. Mai 1933. Auch dieser 9. Band, zum zweiten Mal eine Biografie eines wichtigen Funktionärs, sticht in jeder Hinsicht hervor. Zum 150. Jubiläum der Gründung eines einheitlichen Metallarbeiterverbands (28.–30.11.1869 in Braunschweig) erschien die Biografie von Alwin Brandes (1866–1949), der dem DMV von 1919 bis 1933 vorstand.[1] Das Vorwort stammt daher vom Ersten Vorsitzenden der IG Metall, Jörg Hofmann.

Für Gewerkschafter des Kaiserreichs und der Weimarer Republik wie Alwin Brandes, geboren am 12. Juni 1866 im sächsischen Groß-Schönau, gilt allzu häufig, dass sie von der Geschichtswissenschaft stiefmütterlich behandelt wurden. Dies liegt vor allem an der schwierigen Quellenlage, aber auch an einer leicht hochnäsigen Bewertung dieser oft aus sehr einfachen Verhältnissen stammenden Akteure der Sozialgeschichte. Umso mehr sind Siegfried Mielke und Stefan Heinz bestrebt, das Leben und Wirken dieser in ihrer Zeit prägenden und dennoch heute vergessenen Arbeitervertreter der Nachwelt wieder zugänglich zu machen. Sicher gehört Brandes in eine Reihe historisch bedeutender Vorsitzender der deutschen Metallarbeitergewerkschaften wie Robert Dißmann, Otto Brenner, Willy Bleicher, Eugen Loderer und Franz Steinkühler.

Zu den Problemen der Quellenlage zählte das Fehlen eines Nachlasses. Die Verfasser mussten somit auf die detektivische Recherche in diversen Bibliotheken und Archiven zurückgreifen. Erst seit seiner Zeit als Magdeburger Stadtverordneter, besoldeter Gewerkschaftsfunktionär und Reichstagsabgeordneter eröffnete sich eine umfassendere Quellenbetrachtung aus solidem Fundus. Und so kann Brandes im Geist seiner Generation von Sozialdemokraten und Gewerkschaften als Verkörperung des Typus eines »Arbeiterbeamten« charakterisiert werden, der nach seiner Ausbildung und nach erfolgreichem Start in der Arbeiterbewegung schnell in ihr aufging und von ihr besoldet wurde.

Seine Geburt stand unter keinem guten Stern. Zwei Tage nach seiner Geburt brach der deutsch-österreichische Krieg von 1866 aus, in dem Sachsen auf Seiten Wiens stand und somit kurz darauf auf der Seite der Verlierer. Mittellos floh die Familie zunächst nach Halle/Saale, zog mehrfach in der Region zwischen Saale, Elbe und Harz um und blieb seit 1892 in Magdeburg. Der junge Alwin wäre 1866 beinahe an der Cholera verstorben, die sich an den Frontlinien des Kriegs verbreitete. In Magdeburg erlernte Alwin das Schlosserhandwerk, ging auf Wanderschaft, nahm nebenbei Musikunterricht und lernte in Halle seine spätere Frau Minna kennen. Politisiert wurde der junge Schlosser und Maschinenbauer vor allem durch den Sozialdemokraten Wilhelm Hasenclever. Der inzwischen verheiratete Familienvater Alwin trat am Ende des Jahres 1890, dem Jahr des Reichstagswahltriumphs und des Auslaufens des »Sozilistengesetzes«, der Sozialdemokratie bei, die sich seit dem Hallenser Parteitag von 1890 SPD nannte. In dem zur Krupp AG gehörigen Grusonwerk wirkte er seit 1891 fortan als Vertrauensmann des DMV. Im Jahr 1900 wurde er zum Geschäftsführer der DMV-Verwaltungsstelle Magdeburg gewählt. In Magdeburg dürfte er auch den radikalen Aktivisten Otto Feige kennen gelernt haben, der mit ziemlicher Sicherheit als B. Traven in die Literaturgeschichte einging.[2]

Kennzeichnend für Brandes’ politisches Agieren war, bei einer gewissen Affinität zu radikaleren Positionen innerhalb der SPD und der Gewerkschaften, ein vermittelndes Auftreten. Dies galt auch für den »Burgfrieden«, den die Führungen beider Arbeiterorganisationen bei Beginn des Ersten Weltkriegs mit der Reichsleitung geschlossen hatten. 1916 wurden die innerfraktionellen offenen Gegner der Kriegskredite aus der SPD-Fraktion ausgeschlossen und bildeten die »Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft« (SAG). Brandes warb um Verständnis für die Gemaßregelten und verstärkte im Krieg sein offensives Auftreten für eine drastische Änderung der Gewerbeordnung und forderte die Einführung des Achtstunden-Arbeitstags und das Verbot der Sonntagsarbeit für Frauen. Die Spaltung der Sozialdemokratie konnte Brandes indes nicht verhindern und trat im Dezember 1917 der USPD bei.

Die umfassendste Rekonstruktion des Lebens und Wirkens von Brandes finden sich in den beiden Kapiteln zur Weimarer Republik und seiner Tätigkeit als DMV-Vorsitzender (Kap. 5) und zu seiner Widerstandstätigkeit während der NS-Diktatur (Kap. 7) Während der Novemberrevolution 1918/19, die er als Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrats in Magdeburg[3] erlebte und mitgestaltete, versuchte Brandes, die beiden konkurrierenden Perspektiven der Nationalversammlung und der Rätedemokratie miteinander zu verbinden. Hier zeigte sich einmal mehr der von den Biografen herausgestellte Charakterzug eines Vermittlers zwischen den Strömungen. Den Rätegedanken übertrug er konsequent auf die Fragen der Sozialisierung und der »Betriebsdemokratie« und blieb diesem letzteren Konzept auch während der Weimarer Republik treu. Betriebsdemokratie und Wirtschaftsdemokratie, wie sie die SPD als programmatisches Konzept formulierte, bedingten einander. Doch auch hier baute die Realgeschichte kaum tragfähige Brücken, und so vollzog sich auch im DMV die Spaltung der Gewerkschaftsbewegung infolge der RGO-Politik der KPD. Eine »Einheitsfront von unten« war 1932/33 mit Brandes nicht zu machen.

Schon in der Weimarer Republik engagierte sich Brandes antifaschistisch, einmal als Unterstützer des »Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold«, aber auch als Mitglied des »Staatsgerichtshofs zum Schutze der Republik«, der nach dem Mord an Walther Rathenau durch das »Republikschutzgesetz« begründet wurde. Auch als Reichstagsabgeordneter (1920–1924, 1928–1933) war er mit dem Aufstieg der NS-Bewegung konfrontiert. Da er die Tolerierungspolitik gegenüber der Präsidialregierung Brüning nach außen mittrug, um die SPD nicht weiteren Zerreißproben auszusetzen, geriet auch er zwischen die Stühle. Als Hitler an die Macht gebracht wurde, war die Arbeiterbewegung zu geschwächt und gespalten, um ihn wirkungsvoll abzuwehren. Es blieb für Brandes der Weg in den Widerstand, den er von 1933–1945 konsequent einschlug, der ihm auch die Qualen der KZ-Haft und einen Prozess vor dem »Blutgericht«, dem Volksgerichtshof eintrug. Dieses Kapitel ist ohne Zweifel das spannendste dieser Biografie. In den ihm verbleibenden Jahren bis zu seinem Tod am 6. November 1949 wandte sich Brandes dem Aufbau der Gewerkschaftsbewegung als Einheitsgewerkschaft zu. Zum FDGB stand er schnell in Opposition.

Diese Biografie, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung und der IG Metall, ist in jeder Hinsicht gelungen und empfehlenswert.

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn


[1]Eine weitere Biografie aus dieser Reihe: Gunter Lange, Siegfried Aufhäuser (1884–1969). Ein Leben für die Angestelltenbewegung, Berlin 2013.

[2] Vgl. Jan-Christoph Hauschild, Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven, Berlin 2018.

[3]Am 6. April 1919 wurde Brandes auf Anordnung von Reichswehrminister Gustav Noske wegen angeblicher Vorbereitung einer Verschwörung verhaftet, musste aber nach sechs Tagen wieder entlassen werden.

 

Zitierempfehlung

Holger Czitrich-Stahl: Rezension von: Siegfried Mielke/Stefan Heinz: Alwin Brandes (1866–1949). Oppositioneller – Reformer – Widerstandskämpfer (Reihe Gewerkschafter im Nationalsozialismus. Verfolgung – Widerstand – Emigration, Bd. 9), Metropol-Verlag, Berlin 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81921> [27.4.2020].

Mario Keßler: Westemigranten. Deutsche Kommunisten zwischen USA-Exil und DDR

Rezension zu: Mario Keßler: Westemigranten. Deutsche Kommunisten zwischen USA-Exil und DDR (Zeithistorische Studien, Bd. 60)

Böhlau Verlag | Köln/Weimar etc. 2019 | 576 Seiten, gebunden | 65,00 € | ISBN 978-3-412-50044-3

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Das Thema hat es in sich: das Mit-dem-Leben-davongekommen-Sein; die sich türmenden Hürden der Einreise in die sich abschottenden USA; die beruflichen Schwierigkeiten und wirtschaftlichen Engpässe des Exilantenlebens; zumal bei den jüdischen Genossinnen und Genossen das quälende Wissen, zumindest die Ahnung, um das Schicksal der im deutschen Machtbereich zurückgelassenen Verwandten; die nicht minder quälenden Gewissensfragen rund um den deutsch-sowjetischen Pakt und die Moskauer Prozesse; schließlich der Sieg der Alliierten und die Hoffnung auf einen fundamentalen Neubeginn in Deutschland, wohin man der Kommunistenhatz der Trumanzeit entkommen wollte; die wirtschaftliche Sicherheit in der jungen DDR, wo Opferrenten und wohldotierte Lehrstühle der Remigranten harrten; dann die Verdächte, was an kultureller Konterbande im Gepäck der »Westemigranten« mitgeführt worden sein könnte; die Parteiüberprüfungen; die Prozesse in den Bruderstaaten, die Mario Keßler zu Recht als antisemitisch klassifiziert; und die Frage nach dem richtigen Handeln: ob man sich pragmatisch einrichten, mahnend die Stimme erheben oder das Weite suchen sollte… Keßler, Autor der angezeigten Kollektivbiografie, hat über zahlreiche seiner Protagonisten bereits Einzelstudien vorgelegt und darf somit als ausgewiesener Fachmann gelten. Sein Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite fesselt, besticht durch Sachkenntnis, kritische Empathie und, immer mal wieder, einen äußerst feinen Humor.

Etwa vier Dutzend sehr unterschiedliche Personen stehen im Fokus des Interesses. Gemeinsam war ihnen, dass sie (was bei der Einreise in die USA tunlichst verschwiegen werden sollte) Mitglied der Kommunistischen Partei waren oder dieser zumindest nahestanden. Das FBI, das die deutsche Emigrantenszene ohnedies beobachtete, gab sich bei den Kommunistinnen und Kommunisten besondere Mühe. Nach ihrer Rückkehr in die DDR tat es der Staatssicherheitsdienst den amerikanischen Kollegen gleich. Die sorgsame Auswertung sowohl der FBI- als auch der Stasi-Unterlagen sorgt für eine spannungsreiche Lektüre. Manch einer der Exilanten, insonderheit Bertold Brecht, begann sein Gastland regelrecht zu hassen – was ihn nicht daran hinderte, 1941 die amerikanische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Andere, wie der Biochemiker Samuel Mitja Rapaport, dem Präsident Harry S. Truman das Certificate of Merit, die höchste Zivilauszeichnung, verliehen hatte, hätten sich wohl durchaus vorstellen können, in den USA zu bleiben, was ihnen durch die politische Großwetterlage indes verunmöglicht wurde. Auch Stefan Heym, der sich selbst übersetzte und ein deutsch-amerikanischer Autor im Wortsinn wurde, und Franz Carl Weiskopf verließen die USA nur auf äußeren Druck. Wesentlich prominenter war der Fall Gerhart Eislers, der beileibe nicht jener Superagent war, als den ihn seine Schwester den amerikanischen Sicherheitsbehörden schmackhaft machen wollte, wohl aber ein in konspirativer Arbeit erfahrener KP-Spitzenfunktionär. Die Familienfehde der Eislers, der Charlie Chaplin die Qualität eines Shakespearedramas zuerkannte, bleibt uns der Ruth-Fischer-Biograf Keßler selbstredend nicht schuldig.[1]

Ausführlich schildert er die Organisationsgeschichte des 1944 gegründeten Council for a Democratic Germany, in dem Exilkommunisten wie Albert Schreiner und Jacob Walcher (beide mit abweichlerischer Vergangenheit) mit anderen politischen Kräften zusammenarbeiteten und wo eine insgesamt »offene, pluralistische Diskussionskultur« herrschte (S. 162). Genau diese Kultur aber machte die Remigranten dem Staatssicherheitsdienst der DDR verdächtig. »Amerikanische Krankheit«, dieser Begriff ging in den 1950er-Jahren als Synonym für allzu liberalistische und kosmopolitische Neigungen um. Der Krankheitsverlauf konnte tödlich sein, und es grenzt an ein Wunder, dass keiner der hier untersuchten USA-Remigranten den DDR-Strafvollzug persönlich kennenlernen musste. Während der Rabbinersohn Albert Norden, auch er ein German-Council-Mitglied, in ZK und Politbüro aufsteigen sollte, war es der aus Mexiko heimgekehrte Paul Merker, der sich, als Nichtjude, Anschuldigungen zionistischer Betätigung stellen musste und in Haft genommen wurde. Dass es in der DDR, anders als in der Tschechoslowakei und in Ungarn, zu keinem großen Schauprozess mehr kam, war sein und vieler anderer Remigranten Glück. Wer glaubhaft Selbstkritik übte, wer Selbstverleugnung nicht scheute, konnte im neuen Staat Karriere machen; wer dies verweigerte, eher nicht. Schreiner und Walcher, einstmals Mitglieder von KPO und SAPD, mögen für diese beiden Möglichkeiten stehen.

Die aus Amerika Heimgekehrten wurden beargwöhnt, überwacht, mit ihnen wurden Gespräche geführt, Akten wurden über sie angelegt – aber sie wurden auch benötigt. Im ideologischen Kampf brauchte man Leute, die den Gegner kannten. Hermann Budzilawski, langjähriger Herausgeber der Exil-Weltbühne, musste als früheres SPD- und jetziges SED-Mitglied seine Verlässlichkeit erst noch beweisen und holte zu Rundumschlägen aus, die von konservativer Kulturkritik mitunter kaum zu unterscheiden waren. Andere, Alfred Kantorowicz, Ernst Bloch und Stefan Heym, ließen sich nicht (dauerhaft) verbiegen und mussten, da, wie Keßler schreibt, der linke Kritiker den Parteioberen stets gefährlicher schien als der rechte Gegner, die Konsequenzen tragen: indem sie das Land verließen, das Leben eines Dissidenten führten oder, wie der besonders tragische Fall der Familie Duncker, schwiegen. Das Panorama, das Keßler entfaltet, die Porträts, die er zeichnet, die Gedankenwelten, in die er uns führt, können hier nur angerissen werden. Immer wieder werden Seitenstränge seiner Erzählung verfolgt, verweilen wir bei dieser oder jener Person und lernen auf diese Weise viel über die kleine, bei Wohlverhalten privilegierte, aber doch stets als Außenseiter behandelte Gruppe der USA-Remigranten in der DDR. Auch sie gehörten, um Maxim Leos Bestseller zu zitieren, zu jener »Minderheit, die in der DDR die Macht übernommen hat[te] und sich trotzdem fremd fühlt[e] in diesem Deutschland, aus dem sie einst vertrieben« worden war.[2] Eine Minderheit, der mit politischen Etikettierungen (»antifaschistischer Widerstand« vs. »Unrechtsstaat«) nicht beizukommen ist und die unser Interesse verdient. Auch wenn es bereits geweckt worden ist – Keßler hält es wach.

Max Bloch, Köln

[1] Vgl. Mario Keßler, Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten (1895–1961), Köln/Weimar etc. 2013.

[2]Maxim Leo, Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte, München 2011, S. 26.

 

Zitierempfehlung:

Max Bloch: Rezension von: Mario Keßler: Westemigranten. Deutsche Kommunisten zwischen USA-Exil und DDR (Zeithistorische Studien, Bd. 60), Böhlau Verlag, Köln/Weimar etc. 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81920> [27.4.2020].

 

Martin Kohlrausch: Brokers of Modernity. East Central Europe and the Rise of Modernist Architects, 1910–1950

Rezension zu: Martin Kohlrausch: Brokers of Modernity. East Central Europe and the Rise of Modernist Architects, 1910–1950

Leuven University Press | Leuven 2019 | 399 Seiten, broschiert | 55,00 € | ISBN 978-94-6270-172-4

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Es ist Common Sense, dass man die Moderne als ein westliches Konzept versteht, wie es sich in den Bereichen der Kunst, der Architektur und des Städtebaus manifestierte, wie es auf Leitideen und sozialen Bewegungen fußte, die sich in (West-)Europa und den USA entwickelten. Zugleich existiert ein wahrer Kult um die stark vermarktete, aber nur halb verstandene Moderne mit ihren Pilgerorten wie Weimar, Dessau, Marseille oder Berlin.

Inzwischen geriet die Vorstellung einer westlichen bzw. europäischen Moderne von verschiedenen Seiten unter Druck. Das Konzept wurde dynamisiert, behielt aber seine historiografische Kontur. Es ist, zum Ersten, längst klar, dass »Moderne« nicht per se etwas Positives ist, sondern dass zu ihr sehr destruktive Phänomene und Gewalten gehören. »Moderne« Technologien dienten auch der Menschenvernichtung, nicht allein dem Aufbau neuer gerechter und ›rational‹ gestalteter Welten. Zum Zweiten wurde die Vorstellung einer allein ›europäisch‹ oder ›westlich‹ geprägten Moderne auf globalgeschichtlicher Ebene kritisiert, es wurde auf ›alternative‹ Modernen, Konzepte und Bewegungen verwiesen. Zum Dritten betonten einige Stimmen, dass die Moderne, speziell die modernistische Architektur, keineswegs nur in Westeuropa beheimatet ist. Sie stand auf sehr komplexe Weise mit den Umbrüchen in ganz Europa nach dem Ersten Weltkrieg in Zusammenhang.

Hier setzt das Buch von Martin Kohlrausch an, der sich dem östlichen Zentraleuropa zuwendet, das heißt den nach 1918 entstehenden neuen Nationalstaaten Ungarn, Tschechoslowakei und – insbesondere – Polen. Der Autor insistiert darauf, dass Moderne, verstanden als Reformbewegung, als äußerst intensiver kommunikativer und diskursiver Zusammenhang und als praktischer Impuls für die Modernisierung und Verbesserung von Gesellschaft, Bauen und Wohnen, in hohem Grad im östlichen Zentraleuropa zu verorten ist. Obwohl zu dieser Geschichte die Sowjetunion als extrem modernisierendes Regime, wo deutsche Ingenieure und Architekten wie Ernst May tätig wurden, dazugehört, geht Kohlrausch auf diesen Komplex allerdings nicht weiter ein, und konzentriert sich auf Polen, ohne transnationale Zusammenhänge der Architekturmoderne und die besonderen Beziehungen zu einschlägigen Akteuren in den Nachbarländern wie Deutschland zu unterschlagen.

Der Verfasser entwickelt starke Thesen und diese auf ungewöhnlich reichhaltiger Quellenbasis: Die für die Formierung der Moderne in Architektur und Städtebau maßgebliche Congrès Internationaux d`Architecture Moderne (CIAM) sei, erstens, deutlich stärker als bislang wahrgenommen wurde, von östlichen Akteuren geprägt gewesen, und die sich wiederum in einem eigenen Zusammenhang organisierten, der CIAM-Ost. Dieser Zusammenhang kam durch sehr enge persönliche Beziehungen, brieflichen Austausch, auf Konferenzen und kleineren Treffen sowie projektbezogenes Zusammenarbeiten zustande. Kohlrausch nennt ferner realisierte modellhafte Bauvorhaben, Siedlungen und Schlüsselbauten der Architekturmoderne. Zweitens arbeitet er die Rolle heraus, die in Polen modernistische Architekten wie Szymon und Helena Syrkus als technische und politisierte Experten für den Wandel von Städten und Gesellschaften übernahmen. Hierzu führt der Autor die Figur des »Ingenieur-Architekten« ein. Er schreibt der CIAM-Ost einen radikaleren Charakter als ihren westlichen Kollegen zu, was teils durch den Reformdruck, der in Zentraleuropa bestand (extreme Wohnungsnot, ungeheure demografische Dynamik besonders in Warschau, besondere Defizite bei der Infrastrukturentwicklung), zu erklären ist, teils dadurch, dass die polnische Staatsadministration sich selbst von ihrer modernisierenden Funktion her begriffen habe.

Die CIAM-Ost stand so im internationalen Zusammenhang, verstand sich als internationalistische Gruppe, diente aber auch nationalen Aufbauzielen. Sie ging explizit vom Begriff der Moderne aus, agierte im Zuge eines nachholenden Modernisierungsprogramms und entwickelte wachsend eigene Varianten und Designs. Drittens verdeutlicht der Verfasser die einengenden Rahmenbedingungen, unter denen die Ingenieurarchitekten handelten: Der Krieg hatte zwei Millionen Gebäude vernichtet, die neuen Territorien waren durch beträchtliche ethnische und politische Spannungen geprägt. Die Berufsgruppe der Architekten war erst dabei, sich (allerdings sehr rasch) zu formieren, dem Reformwohnungsbau standen nur geringe Fonds zur Verfügung. Das Programm der Effizienzsteigerung stieß außerhalb der Metropole (wie man ergänzen sollte, in der kleinbäuerlichen und kleinstädtischen Gesellschaft) auf nicht überwindbare Schwierigkeiten. Planungstechniken mussten erst erprobt, deren visuelle Veranschaulichung fortentwickelt werden. Schließlich erzielte der polnische Staat große Fortschritte bei der Infrastrukturentwicklung (Hafen von Gdingen), litt indes aber unter allgemeiner wirtschaftlicher Knappheit. Dennoch: der Raum des östlichen Europas erscheint bei Kohlrausch entschieden als »space of opportunities« und staatliche (offensichtlich weniger städtische) Akteure zogen verschiedene große Wohnungsbauprogramme auf, von denen modernistische Architekten profitieren konnten.

Martin Kohlrausch setzt in seinen empirischen Kapiteln sein Exposé sehr gekonnt um: Er charakterisiert zunächst den neuen Typ des Architekten als sich selbst so verstehenden, teilweise als solchen anerkannten sozialpolitischen Experten. Die Leitbegriffe Technologie, Planung und Technokratie werden quellenreich erläutert, die Selbstorganisation der Berufsgruppe (hauptsächlich deren Spitze) aufgearbeitet. Es werden Modellprojekte vorgestellt und auf deren Design eingegangen. Kohlrausch rekonstruiert die Medialität der Bewegung (»communicating social change through architecture«) und unterstreicht die Gründung eigener Journale sowie die Rolle von Ausstellungen. Der Autor vollzieht die internen Diskussionsprozesse der Szene nach, bis diese durch rechtsradikale und radikalnationalistische Tendenzen in den Gesellschaften selbst immer mehr unter Druck geriet. Schließlich behandelt der Autor die traurige Geschichte von erzwungener (und manchmal scheiternder) Emigration, schließlich der Internierung und Verfolgung im ausgreifenden Nationalsozialismus. Das Buch schließt mit Ausblicken auf den Neubeginn der Stadtplanungen in Warschau nach dessen Untergang schon Ende 1944, bis die Reformgruppen 1949 weitgehend durch die stalinistische Machtübernahme gestoppt wurden.

Manche Komplexe hätte man sich näher ausgeführt gewünscht (insbesondere Belege für die Kooperation von Architekten und modernisierender Bürokratie sowie zur praktischen Umsetzung von Stadtbauplänen über 1945 hinaus), indes kann kein Zweifel darüber bestehen, dass der Verfasser das Äußerste geleistet hat, was überhaupt möglich war, betrachtet man vor allem die Zugänglichkeit von Quellen, die er erstmalig erschlossen hat. Die Arbeit rückt demnach nicht nur die Gewichte in der Wahrnehmung dessen, was Architekturmoderne überhaupt ist, zurecht, sondern weist die beträchtliche diskursive Kraft von Modernisierungsbewegungen in Zentraleuropa nach. Dass die polnischen Architekten durch den nationalsozialistischen Krieg zu einem Drittel den Tod erlitten, gehört ebenso zum Gesamtbild wie der von Kohlrausch souverän erbrachte Nachweis, wie viele konstruktive Impulse aus dem untersuchten Raum auf die Entstehung der Disziplin Städtebau ausgingen.

Clemens Zimmermann, Saarbrücken

 

Zitierempfehlung:

Clemens Zimmermann: Rezension von: Martin Kohlrausch: Brokers of Modernity. East Central Europe and the Rise of Modernist Architects, 1910–1950, Leuven University Press, Leuven 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81919> [27.4.2020].

 

Manuel Limbach: Bürger gegen Hitler. Vorgeschichte, Aufbau und Wirken des bayerischen »Sperr-Kreises«

Rezension zu: Manuel Limbach: Bürger gegen Hitler. Vorgeschichte, Aufbau und Wirken des bayerischen »Sperr-Kreises« (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 102)

Vandenhoeck & Ruprecht | Göttingen 2019 | 569 Seiten, gebunden | 83,00 € | ISBN 978-3-525-31071-7

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Im August 1944, als die alliierten Truppen in Florenz einrückten, verließ der ehemalige bayerische Kronprinz Rupprecht nach Monaten deutscher Besatzung sein Versteck. Ein Brigadier, Kommandant der amerikanischen Garnison, wurde des huldvollen Danks des Hauses Wittelsbach teilhaftig und ließ, so wird berichtet, bei der Abschiedsparade stolz »das bayerische Kreuz zwischen den amerikanischen, englischen, französischen Auszeichnungen auf seiner Heldenbrust glitzern, ehe er seine Soldaten zum Sturm auf die Gotenlinie führte«.[1] Seit vier Jahren lebte Rupprecht schon im selbstgewählten Exil, und die Zeit nach dem Sturz des Nationalsozialismus imaginierte er als die Zeit eines neu zu begründenden bayerischen Königtums. Das hatte er in den letzten Jahren in zahlreichen Denkschriften vor allem der amerikanischen und britischen Administration – ohne allzu große Resonanz – unermüdlich zu verdeutlichen gesucht und so hatte er sich 1933/34 bereits gegenüber dem bayerischen Gesandten beim Reich, Franz Sperr, und dem ehemaligen Reichswehrminister Otto Geßler geäußert. Diese Gespräche waren, erfahren wir aus Manuel Limbachs Bonner Dissertation, die Initialzündung des »Sperr-Kreises«, einer bayerischen Widerstandsgruppe, die sich vornehmlich aus Teilen der bürgerlichen Elite zusammensetzte und Vorkehrungen treffen wollte für ein postnationalsozialistisches Bayern: die Zeit »Danach«.

Neben Geßler und Sperr, der im Juni 1934 sein politisches Amt niederlegte, gehörte der vormalige Reichswirtschaftsminister Eduard Hamm zum Führungszirkel der Gruppe. Da, wie Limbach betont, die Entscheidung zum Widerstand immer eine persönliche Entscheidung ist, werden die Lebensläufe Sperrs, Geßlers und Hamms bis 1933 (»Bayerische Karrieren in der Weimarer Republik«) ausführlich behandelt. Sperr fand sich nach seinem Rücktritt ebenso wie die beiden ehemaligen DDP-Mitglieder Geßler und Hamm auf dem politischen Abstellgleis wieder – ohne sich hiermit jedoch zufriedengeben zu wollen. Als ehemaliger bayerischer Offizier und Spitzenbeamter trat er, gemeinsam mit Geßler, in Gespräche mit dem Kronprinzen ein, zu denen etwa ab 1936 auch Hamm hinzugezogen wurde. Aus diesen Gesprächen resultierte Sperrs unermüdliche Netzwerkarbeit. Es ging ihm darum, möglichst überall im Land nicht nationalsozialistische Vertrauensleute in Wehrmacht, Polizei, Wirtschaft und Justiz zu gewinnen, die im Fall eines Umsturzes Ordnung und Sicherheit garantieren könnten. Der Kronprinz fungierte hierbei als eine Art »Integrationsfigur«, da man ihm zutraute, »den Übergang von der Diktatur zu einer neuen Ordnung« zu gewährleisten. Wie diese »neue Ordnung« aussehen sollte, ließ man geflissentlich offen. Die Wiederherstellung des Rechtsstaats war Common Sense; ob die Rückkehr zur Monarchie hingegen als realpolitisch praktikabel anzusehen war oder nicht, blieb Gegenstand der Diskussionen. Limbach mahnt daher, den »Sperr-Kreis« nicht als primär monarchistisch einzuordnen. Das alle Mitglieder des Kreises einende Band war aber Bayern, dessen föderale Rechte es nach dem Sturz des Nationalsozialismus zu wahren und durchzusetzen galt.

Zivile Einrichtungen wie die »Deutsche Gesellschaft für Wehrpolitik und Wehrwissenschaft« dienten als Tarnung für Sperrs konspirative Tätigkeit; dasselbe galt für die »Münchener Rückversicherungsgesellschaft« unter dem schillernden Kurt Schmitt, vormals ein Finanzier der NSDAP und Hitlers Reichswirtschaftsminister, die Sperr und Hamm ein Unterkommen bot und von Limbach sogar als ein »Hort des Widerstands« bezeichnet wird. Der Kontakt ins Ausland lief über Geßler. Die Verbindung zu seinem früheren Marineadjutanten (und nunmehrigen Abwehrchef) Wilhelm Canaris ermöglichte ihm seine Reisen in die Schweiz (zu Joseph Wirth), nach Florenz (zu Rupprecht) und zum Vatikan. Das Zwielichtige, das diese Reisen umgab, übergeht Limbach in seiner spannenden Darstellung nicht: Indem Geßler gegenüber den Westalliierten den Preis eines erhofften Friedensschlusses in die Höhe zu treiben suchte, agierte er teilweise im Sinne des Regimes, und manch anderem Widerständler schien er sich während der Phase deutscher Siege zu einem regelrechten Nazi zu mausern. Über Alfred Delp bestanden Beziehungen Sperrs zum »Kreisauer Kreis«, und am 21. September 1943 kam es sogar zu einem Treffen mit Helmuth James Graf von Moltke. Auf dessen Umsturzpläne – die »Kreisauer« wollten in Bayern den Erstschlag führen – reagierte Sperr hingegen verhalten. Dies wiederholte sich bei einem Treffen mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 6. Juni 1944, als dieser ihn, ausgerechnet am »D-Day«, in die Attentatspläne einweihte. Diese Zögerlichkeit wird von Limbach kritisch gewertet: Der »Sperr-Kreis« habe ausschließlich »zweckorientiert« – mit Blick auf Bayern – gehandelt; indem er sich einer aktiven Mitwirkung an den Umsturzplänen verweigerte, habe er die Fortdauer des Regimes, die Fortdauer des Mordens und die Fortdauer des Sterbens an den Fronten in Kauf genommen.

Diese Haltung begründet der Autor überzeugend: Der »Sperr-Kreis« setzte sich in erster Linie aus bürgerlichen Honoratioren älteren Semesters zusammen, die allesamt das Trauma von 1918/19 erfahren hatten, als Chaos und Anarchie über das von ihnen glorifizierte Bayernland fegten. Eine solche Situation wollten sie – nach dem ersehnten Ende des ungeliebten Hitlerreichs – verhindern helfen. Umstürzler, gar Revolutionäre waren sie nicht, und vor diesem Hintergrund durften die jungen Offiziere, die den »entscheidenden Wurf« (Henning v. Treskow) wagen wollten, auf ihre Unterstützung nicht rechnen. Abgesehen davon waren die Möglichkeiten des »Sperr-Kreises« begrenzt: Limbach zählt 49 gesicherte Mitglieder der Gruppe zuzüglich eines weiteren Unterstützerkreises. Ihr Fokus lag auf einem bayerischen Weg aus der Misere, gegebenenfalls einem bayerischen Sonderfrieden mit den Westalliierten, und hierfür suchten sie die Unterstützung des ehemaligen Generalstabschefs Franz Halder und des sich nicht minder windenden NS-Reichsstatthalters Franz Ritter von Epp. Vom Attentatsversuch des 20. Juli 1944 erfuhren Sperr und seine Freunde aus dem Radio. In Bayern war von einem Umsturzversuch ansonsten kaum etwas zu spüren, wodurch der bayerische Widerstand beim Praxistest eigentlich versagte. Aufgrund einer älteren Kabinettsliste Carl Friedrich Goerdelers, die durch die Gestapo sichergestellt worden war, wurde Geßler am 22. Juli verhaftet. Unter der Folter gab er die Namen Sperrs und Hamms preis, die am 28. Juli beziehungsweise 2. September ebenfalls in Haft genommen wurden. Sperr wurde am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet; Hamm hatte sich der Hinrichtung durch einen tödlichen Sprung aus dem Fenster des Gestapogefängnisses entzogen. Einzig Geßler, was bemerkenswert ist, kam ohne Anklage davon.

Das Ausmaß der konspirativen Tätigkeit des »Sperr-Kreises« blieb der Gestapo verborgen, wodurch es kaum zu weiteren Verhaftungen kam. (Franz Reisert und Joseph-Ernst Fugger von Glött kamen mit Haftstrafen davon.) Einige jüngere Mitglieder des Kreises hatten im Frühjahr 1945 Verbindungen zur »Freiheitsaktion Bayern«, die aber nicht, wie mitunter geschehen, als eine Fortsetzung des enthaupteten »Sperr-Kreises« anzusehen ist. Nach Kriegsende hatten die meisten Mitglieder des Kreises einflussreiche Posten in Bayern und im Bund inne und hielten das Andenken an Franz Sperr und Eduard Hamm wach, wobei sie lange auf wenig Resonanz stießen. Kronprinz Rupprecht musste nach seiner Rückkehr nach Bayern den Traum einer Restauration des Königtums zerplatzen sehen. Aber die bayerische Integrität und der bayerische Einfluss – Hauptanliegen des »Sperr-Kreises« – blieben nach Kriegsende immerhin gewahrt. Anteil hieran hatten auch viele seiner Mitglieder, denen die CSU vielfach zur politischen Heimat wurde.

Die Bedeutung des »Sperr-Kreises« für die deutsche Widerstandsbewegung sollte man nicht überschätzen. Das tut Limbach in seiner ausgewogenen und durchdachten Studie aber auch an keiner Stelle. Unterschätzen sollte man sie jedoch genauso wenig. Der »Sperr-Kreis« war sowohl für die »Kreisauer« als auch für Goerdeler und Stauffenberg ein entscheidender Posten in ihrer Rechnung. Von der Widerstandsforschung bislang kaum beachtet, hat Limbach mit seiner Studie zum »Sperr-Kreis« Pionierarbeit geleistet.

Max Bloch, Köln

[1]Max Krell, Das alles gab es einmal, Frankfurt am Main 1961, S. 291.

 

Zitierempfehlung:

Max Bloch: Rezension von: Manuel Limbach: Bürger gegen Hitler. Vorgeschichte, Aufbau und Wirken des bayerischen »Sperr-Kreises« (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 102), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81914> [27.4.2020].

 

Frederico Trocini (Hrsg.): Robert Michels e la Prima Guerra Mondiale. Lettere e documenti (1913–1921)

Rezension zu: Frederico Trocini (Hrsg.): Robert Michels e la Prima Guerra Mondiale. Lettere e documenti (1913–1921) (Fondazione Luigi Einaudi onlus, Studi, Bd. 60)

Leo S. Olschki Editore | Florenz 2019 | xii + 737 Seiten, gebunden | 65,00 € | ISBN 978-88-222-6611-8

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Der Soziologe Robert Michels (1876–1936) zählte zu den Pionieren seiner Disziplin und spielte von der Jahrhundertwende bis in die 1930er-Jahre eine Schlüsselrolle in den deutsch-italienischen Kulturbeziehungen. Die Edition der Korrespondenzen Michels’ in der Epoche des Ersten Weltkriegs, die Federico Trocini herausgegeben und mit einer vorzüglichen Einleitung versehen hat, stellt einen bedeutsamen Quellenbestand zur Biografie und zum Werk des Soziologen bereit und eröffnet neue Forschungsperspektiven. Einem größeren Publikum bekannt geworden war Michels durch seine 1911 publizierte »Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie«, die sich vor allem mit den sozialistischen Parteien in Deutschland, Frankreich und Italien befasste. Bei der Erstellung seiner Studie stützte sich der junge Intellektuelle auf Beobachtungen, die er während seines Engagements in der deutschen und italienischen Sozialdemokratie im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gemacht hatte. Allerdings löste sich Michels aus Enttäuschung über das Scheitern des reformistischen Kurses der Parteien wieder vom Sozialismus. Danach strebte er eine Universitätskarriere an und knüpfte rasch Beziehungen zu den führenden Soziologen seiner Zeit in Deutschland und Italien.

Dass Michels heute dennoch – anders als Georg Simmel oder Max Weber – nicht zum engeren Kreis der Gründerväter der Soziologie gezählt wird, hängt eng mit seiner eigentümlichen transnationalen Biografie zusammen. Aufgrund seines sozialistischen Engagements blieb Michels im Deutschen Kaiserreich eine Universitätslaufbahn verwehrt, sodass er in Turin eine Privatdozentur übernahm und nach Italien übersiedelte, was für seine gesamte wissenschaftliche und politische Entwicklung eine fundamentale Rolle spielte. Für die spätere Rezeption des Werks von Michels ist der Umstand grundlegend, dass er sich in den 1920er-Jahren der faschistischen Bewegung annäherte und schließlich als eine Art intellektueller Vermittler des Regimes von Mussolini in Deutschland wirkte. Einen in biografischer Hinsicht möglicherweise noch tieferen Einschnitt bildete freilich der Erste Weltkrieg, wie der vorliegende Briefband eindrücklich zeigt. Trotz einer 1913 erfolgten Berufung auf ein Ordinariat für Politische Ökonomie in Basel erklärte Michels nämlich im Ersten Weltkrieg seine Loyalität gegenüber der italienischen Nation und trat ab 1915 offen für die irredentistischen Ziele des Königreichs Italien ein. Die Entscheidung für Italien hatte weitreichende Folgen für den Soziologen, der während des Kriegs bei seinen italienischen Freunden und Kollegen mühsam um Anerkennung ringen musste, während er in Deutschland massive Kritik auf sich zog und selbst Max Weber oder Werner Sombart mit ihm brachen.

Die Komplexität der Entscheidungsprozesse, die Michels durchlief, lässt sich mit Trocinis überzeugender Zusammenstellung von Briefwechseln hervorragend nachvollziehen. Dies hängt auch damit zusammen, dass sich die Edition nicht auf die Zeit des Ersten Weltkriegs im engeren Sinne beschränkt, denn Trocini hat in seinem Band die Briefe aus der Zeitspanne von 1913 bis 1921 einbezogen, also jene Jahre als Eckdaten gewählt, in denen Michels die italienische Staatsbürgerschaft beantragte bzw. diese schließlich erhielt. Einige der Briefe sind zwar bereits in anderen Editionen publiziert worden, doch darf es als große Leistung der vorliegenden Edition gelten, dass die Korrespondenzen Michels’ erstmals für eine geschlossene Epoche zusammengeführt worden sind und damit ein Gesamtbild entsteht. Dazu trägt auch die gelungene Kommentierung der Briefe und einer ganzen Reihe von beigefügten Dokumenten bei, die konzise Informationen bietet und es dem Leser ermöglicht, die Korrespondenzen in politisch-biografische Zusammenhänge einzuordnen. Eine besondere Transferleistung erbringt der Band für italienische Leserinnen und Leser, da die Korrespondenzen des Kosmopoliten Michels, der seine Briefe in deutscher, italienischer oder französischer Sprache verfasste, in italienischer Übersetzung veröffentlicht werden.

Zur Erschließung des Briefwechsels trägt auch die durchdachte Struktur der Edition bei. Zunächst bietet Trocini mit einem einleitenden Essay einen Abriss der Biografie Michels’ im Ersten Weltkrieg (S. 1–49), der das Dilemma des deutsch-italienischen Intellektuellen in der Epoche des Ersten Weltkriegs herausarbeitet und namentlich die ebenso politisch wie biografisch relevante Problematik der Nation in den Vordergrund rückt. Als überaus nützlich erweist sich auch der »thematische Index« (S. 51–89), mit dem die Briefe unter zehn Oberthemen eingruppiert werden, was das Briefkonvolut für den Nutzer strukturiert und ein gezieltes Nachschlagen erleichtert, aber dennoch die einzelnen Brieftexte als solche zur Geltung kommen lässt. Manche neue Perspektive ergibt sich erst durch die von Trocini geleistete thematische Erschließung. Dies gilt etwa auch für bereits zuvor publizierte Briefe von Max Weber, die in der vorliegenden Edition in einem neuen Licht erscheinen. Von großem Nutzen sind in diesem Zusammenhang auch die beigefügten Dokumente, namentlich entlegen publizierte Zeitungsartikel von Michels. In fünf thematischen Kapiteln, denen jeweils eine kurze Einleitung vorangestellt ist, erfolgt schließlich die eigentliche Edition der Briefe und Dokumente. Detaillierte Verzeichnisse und Indices runden das Werk Trocinis ab.

Eine erste Gruppe von Dokumenten befasst sich mit der Berufung von Michels nach Basel. Die Entscheidung, den Ruf anzunehmen, fiel Michels nicht leicht, da er auf eine Professur in Italien gehofft hatte. Umso schwerer wog die in den Briefen des zweiten Kapitels behandelte Problematik des Ersten Weltkriegs, den Michels 1914 zunächst vehement ablehnte, wie er am 2. September 1914 seinem Turiner Mentor Achille Loria schrieb (S. 263f.): »Ich bin nach wie vor jene Seele in Not, die ich mit Beginn dieses abscheulichen Krieges geworden bin. Ich bin begeistert von meinen Freunden in Italien, die mich mit wahrer Freundschaft behandeln. Alles andere bringt mich zum Verzweifeln. Mein Herz blutet angesichts des Schicksals von Frankreich, das mir sehr am Herzen liegt. Ich sehe voraus, dass dem Krieg eine dauerhafte Epoche des Grolls und des unendlich grausamen Hasses folgen wird. Auch wenn ich weit davon entfernt bin, Deutschland allein die Schuld zuzuschreiben, sehe ich in W[ilhelm] II. einen der Hauptschuldigen und wünsche ihm alles Übel.«

Wie die Briefe von 1914 und 1915 zeigen, ergab sich für Michels nach dem Eintritt Italiens in den Krieg auf Seiten der Alliierten die Notwendigkeit, sich für eine Seite zu entscheiden. Dabei wird deutlich, wie vielschichtig dieser Prozess war, der keineswegs als einfacher Abschied von seinen Vorkriegsidealen betrachtet werden kann. Schmerzhaft war der Bruch mit deutschen Freunden wie Max Weber, der Michels’ deutsch-italienischer Situation und dessen existenziellen Nöte zwar Respekt zollte, aber den Basler Soziologen unmissverständlich dazu aufrief, sich nicht zu politischen Streitfragen zu äußern, sondern zu schweigen (S. 374–376). Diesem Rat folgte Michels freilich nicht und verteidigte seit Mai 1915 offen und energisch die Kriegsziele Italiens und propagierte eine »Italianität«, mit der er sich voll und ganz identifizierte. Abgeschlossen wird der Band mit Briefen, welche die von Michels ersehnte italienische Staatsbürgerschaft betreffen, die er 1921 tatsächlich erhielt. Die nach 1918 verfassten Briefe machen allerdings zugleich deutlich, wie sehr Michels nach dem Ende des Ersten Weltkriegs daran gelegen war, seine alten Kontakte in Deutschland und Frankreich wiederzubeleben und sein transnationales Netzwerk von Korrespondenten aus der Vorkriegszeit erneut aufzubauen. Die von Federico Trocini vorgelegte Briefedition liefert insofern viele neue Einsichten und dürfte sich rasch als Standardwerk nicht nur der Forschung zu Robert Michels, sondern der deutsch-italienischen Ideen- und Wissenschaftsgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts insgesamt erweisen. 

Thomas Kroll, Jena

 

Zitierempfehlung:

Thomas Kroll: Rezension von: Frederico Trocini (Hrsg.): Robert Michels e la Prima Guerra Mondiale. Lettere e documenti (1913–1921) (Fondazione Luigi Einaudi onlus, Studi, Bd. 60), Leo S. Olschki Editore, Florenz 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81917> [27.4.2020].

 

Max Bloch (Hrsg.): Albert Südekum. Genosse, Bürger, Patriarch. Briefe an seine Familie 1909–1932

Rezension zu: Max Bloch (Hrsg.): Albert Südekum. Genosse, Bürger, Patriarch. Briefe an seine Familie 1909–1932

Böhlau Verlag | Köln/Weimar etc. 2017 | 288 Seiten, gebunden | 40,00 € | ISBN 978-3-412-50627-8

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Schon der Titel der Briefedition macht deutlich, dass hier kein gewöhnlicher »Genosse« im Fokus steht. Albert Südekum (1871–1944) war das, was man gemeinhin einen »rechten« Sozialdemokraten nennt. Doch erscheint auch diese Kennzeichnung nicht völlig ausreichend, um den besonderen Typus zu beleuchten: Südekum kam aus bildungsbürgerlichem Hause und schloss sich unmittelbar nach Auslaufen des Sozialistengesetzes der wiedergegründeten deutschen Sozialdemokratie an. Damit war er zwar kein Solitär, wie vergleichbare Fälle (Georg Gradnauer, Wolfgang Heine) belegen, aber in der SPD blieb er bis zum politischen Karriereende 1920 die Personifizierung des Typus eines »rechten«, durch und durch patriotisch gesinnten Sozialdemokraten, der die »Burgfriedenspolitik« ab 1914 an führender Stelle mittrug und legitimierte. Der langjährige Reichstagsabgeordnete von Nürnberg und finanzpolitische Experte der SPD-Fraktion avancierte bei Kriegsende 1918 zum preußischen Finanzminister. Lenin hatte bereits 1915 über den bekannten »Burgfriedens«-Politiker geurteilt: »Das Wort ›Südekum‹ hat die Bedeutung eines Gattungsnamens erhalten: Es bezeichnet den Typus des selbstzufriedenen, gewissenlosen Opportunisten und Sozialchauvinisten. Es ist ein gutes Zeichen, dass alle Welt mit Verachtung von den Südekums spricht.« (S. 9).

Diese Beurteilung ist gewiss eine Kennzeichnung von linksradikaler Seite, die der Persönlichkeit im Ganzen nicht gerecht wird. Doch zeigt sie auch, in welcher Weise der heute fast vergessene Politiker zur Dämonisierung unter (weiter linksstehenden) Zeitgenossen regelrecht einlud. Anders als Gradnauer, Heine oder Eduard David galt Südekum schon früh und insbesondere in der eigenen Partei wegen seines betont bürgerlichen Habitus, wegen seiner Einheirat in eine vermögende Unternehmerfamilie und nicht zuletzt wegen seiner Villa in Berlin-Zehlendorf zumindest als Exot. Für die innerparteiliche Linke war er, der »rechte Genosse«, als Reizfigur die Zielscheibe von Häme, Spott und Verachtung. In der parteieigenen Presse, in der er bis 1903 Karriere gemacht hatte, und erst recht als Finanzexperte der Reichstagsfraktion galt er hingegen als versierter und belastbarer Arbeiter, der weit über die Grenzen der eigenen Partei hinaus Respekt und Anerkennung erfuhr. Seine Villa in Zehlendorf entwickelte sich mit der Zeit zur Drehscheibe des linksbürgerlichen Diskurses.

Die vorliegende Edition vertieft manchen Aspekt der Persönlichkeit, der in Max Blochs großer biografischer Studie zu Südekum nicht so stark zum Zuge kam, weil in dieser 2009 veröffentlichten Monografie das Politische (und kaum das Familiäre) im Vordergrund stand. Dass der Herausgeber und Urenkel von Südekum überhaupt einen solchen Band veröffentlichen konnte, hat mit einem Fund auf dem Dachboden des Zehlendorfer Hauses zu tun. Bloch hat die Briefe des Familienpatriarchen Südekum vor allem an seine Ehefrau und an eine seiner Töchter chronologisch geordnet, für jedes Jahr mit einer kurzen Einführung versehen und Michael Wolffsohn für ein Geleitwort gewinnen können. Überdies wurden vom Herausgeber ein biografischer Prolog und ein ebensolcher Epilog als Rahmensetzung eingerichtet, um die Briefe zu kontextualisieren. Besonderes Augenmerk verdienen die zuletzt abgedruckten »Kondolenzschreiben an die Witwe«, die Südekums Bedeutung als widerständiger Netzwerker in der letzten Phase der NS-Diktatur verdeutlichen: Die Briefe, die u.a. Theodor Heuss, Carl Friedrich Goerdeler, Jakob Kaiser, Ernst von Harnack, Graf Westarp, Theodor Leipart oder Paul Löbe schrieben, geben immer wieder auch einen Eindruck von der Persönlichkeit des Verstorbenen: Anders als Lenin schätzte Heuss etwa diese Eigenschaften an Südekum: »Er war klug, tapfer, ritterlich und gütig […] ein Kavalier.« (S. 249).

Freilich ist die Briefsammlung als disparat zu bezeichnen, was zeitliche Lücken ebenso meint wie die unterschiedliche Bedeutung der einzelnen Briefe. Einen »Mehrwert« in p