Archiv der sozialen Demokratie


Rezensionen

Das Archiv für Sozialgeschichte publiziert Einzelrezensionen wie auch Forschungsberichte und Sammelrezensionen.

In unserer Datenbank finden sich sämtliche Online-Rezensionen, die seit dem Band 40 (2000) erschienen sind. Hinzu kommen alle Einzel- und Sammelrezensionen aus den retrodigitalisierten gedruckten Ausgaben des Archivs für Sozialgeschichte.

Hier geht es zu unserer Datenbank.

Die aktuellen Rezensionen finden Sie auf dieser Seite.

Aktuelle Rezensionen – April 2020

Christoph Becker-Schaum/Philipp Gassert/Martin Klimke (Hrsg.): The Nuclear Crisis. The Arms Race, Cold War Anxiety, and the German Peace Movement of the 1980s

Rezension zu: Christoph Becker-Schaum/Philipp Gassert/Martin Klimke (Hrsg.): The Nuclear Crisis. The Arms Race, Cold War Anxiety, and the German Peace Movement of the 1980s (Protest, Culture and Society, Bd. 19)

Berghahn Books | New York 2016 | 394 Seiten, gebunden | 135,00 $ | ISBN 978-1-78-533267-8

Rezension als pdf

Der Protest gegen die NATO-Nachrüstung in den 1980er-Jahren war eine transformative Erfahrung für die westdeutsche politische Kultur. Das ist die These des vorliegenden Sammelbands zu »The Nuclear Crisis«, ein durchaus doppeldeutiger Titel, der auch auf das Innerste der westdeutschen Gesellschaft deuten kann. Das Buch entstammt einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Herausgeber zu »The Nuclear Crisis: Cold War Cultures and the Politics of Peace and Security, 1975–1990«. Er enthält 18 Beiträge von Historikerinnen und Historikern zur Friedensbewegung und dem Anti-Nachrüstungsprotest der 1980er-Jahre in Politik und Kultur, die jeweils mit Auswahlbibliografien abgeschlossen werden. Zudem wird der selektive Leser durch das umfangreiche Register am Ende des Bands reich belohnt. Nach der informativen Einleitung der Herausgeber leuchten vier Beiträge den internationalen Hintergrund des Kalten Kriegs und der Entspannungspolitik aus (Anja Hanisch, Tim Geiger, Oliver Bange und Hermann Wentker), gefolgt von Jan Hansen zu den politischen Parteien. Die folgenden sieben Texte beleuchten Strukturdimensionen der Friedensbewegung und Felder der zivilgesellschaftlichen Debatte: Ökopazifismus (Silke Mende und Birgit Metzger), Intellektuelle (Marianne Zepp), Institutionen (Christoph Becker-Schaum), Orte des Protests (Susanne Schregel), Akteure (Saskia Richter), die ostdeutsche Friedensbewegung (Rainer Eckert), die medial-visuellen Strategien der Friedensbewegung (Kathrin Fahlenbrach und Laura Stepane) und etwas später noch die feministische Friedensbewegung (Reinhild Kreis). Ein weiterer Block beschäftigt sich mit den Adressaten und Bündnispartnern, den Kirchen (Sebastian Kalden und Jan Ole Wiechmann) und den Gewerkschaften (Dietmar Süß), sowie der Polizei, die einerseits für Ruhe sorgte, andererseits aber in Teilen mitarbeitete (Michael Sturm). Am Schluss stehen drei Kapitel zur Zivilverteidigung (Claudia Kemper), zum atomaren Weltende in Film, Literatur und Musik (Philipp Baur) und zu den mittelfristigen Auswirkungen auf das Ende des Kalten Kriegs (Florian Pressler).

1979 hatten die westlichen Alliierten, von der westdeutschen und der britischen Regierung angestoßen, beschlossen, eigene Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik (und Italien sowie Großbritannien) zu stationieren. Die Regierungschefs wollten damit verhindern, dass die neuen sowjetischen SS20 Mittelstreckenraketen die nukleare Sicherheit der USA von derjenigen Westeuropas trennten und womöglich politisch unterschieden – mit voraussehbar katastrophalen Folgen für die Bundesrepublik (und die DDR). Der Nachrüstungsbeschluss war eine mehrfache Reaktion. Zum einen reagierte er auf die zunehmende Entfremdung zwischen Westeuropa und Washington durch den Vietnamkrieg. Das setzte sich mit Ronald Reagan fort, der sich als imperialistisches Feindbild eignete. Auch das Verhältnis zwischen der westdeutschen Regierung und der Carter Administration galt als zerrüttet. Damit aber wurde der Protest gegen die NATO-Nachrüstung zur Debatte um den Ort und die Rolle der Bundesrepublik Deutschland im westlichen Bündnis. Die nachfolgende Protestbewegung gipfelte im Herbst 1983 in der größten Demonstration der deutschen Geschichte mit über einer Million Teilnehmern im Bonner Hofgarten. Obwohl die Pershing-Raketen stationiert wurden, blieb die Protestbewegung aktiv und veränderte die politische Kultur der Westdeutschen nachhaltig. Ihre Aktionsformen folgten den emotionalen Protestmobilisierungen in den USA.

Der Band thematisiert vier Ebenen der Protestbewegung: Es ging erstens um die Stärkung und das Selbstverständnis der westdeutschen Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust, der zeitgleich immer mehr Aufmerksamkeit fand. Zweitens standen das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten und die Rolle Westdeutschlands im westlichen Bündnis zur Debatte. Für die Friedensbewegung bedeutete das die anspruchsvolle Aufgabe, gleichzeitig Kritik an Washington zu üben und damit nicht die Vereinigten Staaten als Gesellschaft, Kultur und Leitbild zu meinen. Heinrich Böll insistierte darauf, eigentlich erst von der US Literatur befreit worden zu sein. Drittens wirkte sich die Friedensbewegung massiv auf das westdeutsche politische System und die Parteien aus. Auch über die Grünen hinaus entstand so etwas wie ein friedens- und sozialpolitischer Konsens, der den älteren Wertewandel seit den 1960er-Jahren fortsetzte. Schließlich wirkte die Friedensbewegung – viertens – im letzten Jahrzehnt des Kalten Kriegs. Beschleunigte die Friedensbewegung das Ende der Blockkonfrontation oder hielt der Protest gegen die Missiles sie auf? Viele Aktivisten der westlichen Friedensbewegung standen in engem Austausch zu östlichen Bürgerrechtlern, die nicht nur gegen Raketen, sondern mehr noch gegen die innere Repression protestierten.

Obwohl der letzte Beitrag von Florian Pressler dem widerspricht, durchzieht den Band doch weitgehend die These, dass der Streit um den Frieden letztlich Arbeit am bundesrepublikanischen Konsens bedeutete (Philipp Gassert). Die Akteure trugen ihren Streit mit zivilgesellschaftlichen Mitteln, auch mit zivilgesellschaftlichem Ungehorsam aus und einigten sich damit performativ auf die Grundlagen und Formen gesellschaftlicher Debatte. Das erleichterte die Akzeptanz auch in der CDU/CSU. Die Friedensbewegung stand einerseits für die Sehnsucht nach Synthese und Gemeinschaft. Andererseits etablierte sie zivile Formen des Konfliktaustrags, den »unblutigen Dauerstreit der demokratischen Öffentlichkeit« (Helmut Dubiel), was ein Kennzeichen moderne Zivilisation bildete.

Siegfried Weichlein, Fribourg

 

Zitierempfehlung:

Siegfried Weichlein: Rezension von: Christoph Becker-Schaum/Philipp Gassert/Martin Klimke (Hrsg.): The Nuclear Crisis: The Arms Race, Cold War Anxiety, and the German Peace Movement of the 1980s (Protest, Culture and Society, Bd. 19), Berghahn Books, New York 2016, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81928> [27.4.2020].

Peter Beule: Auf dem Weg zur neoliberalen Wende? Die Marktdiskurse der deutschen Christdemokratie und der britischen Konservativen in den 1970er-Jahren

Rezension zu: Peter Beule: Auf dem Weg zur neoliberalen Wende? Die Marktdiskurse der deutschen Christdemokratie und der britischen Konservativen in den 1970er-Jahren (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 180)

Droste Verlag | Düsseldorf 2019 | 576 Seiten, gebunden | 64,00 € | ISBN 978-3-7700-5343-8

Rezension als pdf

In den vergangenen 15 Jahren ist eine Reihe wichtiger Studien erschienen, die sich um eine historische Rekonstruktion jener »langen Wende zum Neoliberalismus« (Wolfgang Streeck) bemühen, mit der der Übergang von einem durch keynesianische Konjunkturpolitik und einen wachsenden Wohlfahrtsstaat eingehegten Nachkriegskapitalismus zu einer monetaristischen Politik der Inflationskontrolle sowie zu tiefgreifenden marktliberalen Strukturreformen gemeint ist, der ab den späten 1970er/frühen 1980er-Jahren insbesondere in Großbritannien und den USA vollzogen wurde. In seiner an der Universität Bonn entstandenen Dissertation fragt der Historiker Peter Beule, inwieweit diese neoliberale Wende bereits in den Marktdiskursen der britischen Conservative Party und der deutschen Unionsparteien während der 1970er-Jahre vorbereitet wurde oder ob die wirtschaftspolitischen Diskurse innerhalb der beiden Parteien in dieser Zeit eher durch Kontinuität geprägt waren. Beule versteht seine Untersuchung dabei als Beitrag zu einer »vergleichenden, kulturgeschichtlich erweiterten Parteiengeschichtsschreibung« (S. 32), weil es ihm darum geht, die Besonderheiten der Marktdiskurse von Tories und CDU/CSU unter anderem auf die in Großbritannien und Deutschland jeweils vorherrschenden narrativen Rahmungen der Nachkriegsordnung und ihrer krisenhaften Entwicklung in den 1970er-Jahren zurückzuführen und die wirtschaftspolitischen Antworten beider Parteien als einen nicht zuletzt sprachpolitisch geführten Kampf um kulturelle Hegemonie nachzuvollziehen.

Diese Fokussierung auf Sprache und Diskurse liegt schon deshalb nahe, weil die politische und kulturelle Deutungshoheit Mitte der 1970er-Jahre eindeutig auf sozialdemokratischer Seite liegt, und Beule macht in seinem Buch sehr deutlich, dass die Parteiführungen von Tories und Union im Bewusstsein dieser Defensivposition die Notwendigkeit, Politik als einen »Kampf der Ideen« (Friedrich A. Hayek) zu begreifen und auf eine sprachliche Wende hinzuwirken, zunehmend als Voraussetzung für einen Regierungswechsel erkannt haben. Während des »sozialdemokratischen Jahrzehnts« (Bernd Faulenbach) haben sich konservative bzw. christdemokratische Parteien aus der Ernüchterung darüber, dass es den Sozialdemokraten gelungen war, die hegemoniale Sprache der Modernisierung, Demokratisierung und der sozialen Gerechtigkeit in ihrem Sinne zu prägen, intensiv darum bemüht, diesen Kampf um die Begriffe aufzunehmen. Beule kann zeigen, dass die »semantische Offensive« (S. 381) der Tories nach dem Ende der glücklosen Heath-Regierung im Jahr 1974 auf die Adaption einer radikalen Marktsprache, die Polarisierung zwischen einem nicht nur als ökonomisch ineffizienten, sondern auch als moralisch korrupt dargestellten Sozialismus einerseits und einer die Freiheit des Individuums schützenden Marktwirtschaft andererseits zielte. Aus der Sicht von Margaret Thatcher, die seit 1975 den Parteivorsitz innehatte, und anderer marktliberaler Tories waren die im internationalen Vergleich ernüchternden britischen Wachstumsdaten und Inflationsraten eine unmittelbare Konsequenz des postwar consensus, der informellen Verständigung von Labour und Tories auf eine keynesianische Nachfragesteuerung nach dem Zweiten Weltkrieg, die Thatcher und ihre Verbündeten durch ihr – auch auf der sprachlichen Ebene – kompromissloses Bekenntnis zum Kapitalismus überwinden wollten. Mit seiner besonderen Berücksichtigung der Krisendiskurse der 1970er-Jahre kann Beule zeigen, dass die Wahrnehmung eines politisch-ökonomischen Niedergangs, die im Vereinigten Königreich seinerzeit sehr viel verbreiteter war und mit der IWF-Krise von 1976 und dem Winter of Discontent 1978/79 ihren Höhepunkt erreichte, den Tories einen solchen radikalen Bruch mit der Nachkriegsordnung erleichterte. Demgegenüber blieb die deutsche Christdemokratie den Kategorien des Nachkriegskonsenses, insbesondere dem Modell der sozialen Marktwirtschaft, treu, da der ökonomische Erfolg dieses Ordnungsmodells – das, anders als die wesentlich von der Labour-Regierung Clement Attlees gestaltete britische Nachkriegsordnung, immerhin ein Produkt der unionsgeführten Regierungen der 1950er-Jahre war – schlechterdings nicht infrage gestellt werden konnte. Beule erinnert daran, dass selbst Franz-Josef Strauß, der, anders als Helmut Kohl und ähnlich wie Thatcher, für eine stärker konfliktorientierte, den Wert der Marktfreiheit betonende Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner plädierte (man denke nur an seinen berüchtigten »Freiheit statt Sozialismus«-Wahlkampf von 1976), stets – im Einklang mit der für die Union so bedeutsamen katholischen Soziallehre – die Notwendigkeit hervorgehoben hat, die soziale Marktwirtschaft als einen dritten Weg, als Alternative sowohl zum Sozialismus als auch zum Kapitalismus zu begreifen (S. 256f.). Von einer neoliberalen Wende im eigentlichen Sinne kann daher, wie Beule richtig konstatiert, im Falle der christdemokratischen Programmatik auch gar keine Rede sein.

Einen besonders gelungenen – und den für die Forschung zur »neoliberalen Wende« vielleicht interessantesten – Teil stellt das vierte und letzte Kapitel der Arbeit dar, das sich mit den Interaktionen von Tories/Union und der »neoliberalen Außenwelt« beschäftigt (371ff.). Beule zeichnet hier detailliert persönliche Kontakte zwischen neoliberalen Vordenkern und Parteieliten, insbesondere aber die Verflechtungen zwischen dem Institute of Economic Affairs (IEA) und den marktliberalen Akteuren der Konservativen Partei sowie die Gründung des Centre for Policy Studies (CPS) durch Keith Joseph und Margaret Thatcher nach und beschreibt, wie gerade das CPS, das 1974 explizit als marktliberales Gegengewicht zur Forschungsabteilung der Parteizentrale gegründet worden war, eine wichtige Rolle bei der Steigerung der Akzeptanz für eine wirtschaftsliberale Politik innerhalb der Konservativen Partei spielte. Thatchers glühende Bewunderung für Hayek ist weithin bekannt und sie wird von Beule unter anderem durch Auszüge von Thatchers Korrespondenz mit dem Ökonomen bestätigt. Umso interessanter ist aber der Hinweis, dass Thatcher in den 1970er-Jahren keineswegs zu den auffälligsten neoliberalen Ideologen in der Konservativen Partei zählte. Es waren vor allem Thatchers erster Schatzkanzler, Geoffrey Howe, und ihr »intellektueller Mentor« (S. 394) Keith Joseph, die fest in das neoliberale Netzwerk des IEA integriert waren, welches Intellektuelle, ökonomische Akteure, Journalisten und Politiker der Konservativen Partei in einen Austausch über die Vorzüge einer monetaristischen Politik als Rezept gegen die »britische Malaise« brachte. Beule kann zeigen, dass der – vor allem in seiner Rolle als CPS-Gründer – überaus umtriebige Joseph einer der intellektuellen Köpfe der neoliberalen Wende innerhalb der Konservativen Partei war. Den politischen Aktivitäten, Reden und Schriften von Joseph schenkt Beule besonders viel Aufmerksamkeit – sein Nachlass wurde für die Untersuchung systematisch ausgewertet –, was insofern sehr erfreulich ist, als Thatchers späterer Bildungsminister hierzulande als intellektueller und organisatorischer Wegbereiter der »Thatcher-Revolution« noch relativ unbekannt sein dürfte. Mag sein, dass diese Fokussierung insofern kritikwürdig ist, als ein Akteur wie James Prior (seit 1975 in Thatchers Schattenkabinett zuständig für die Arbeitsmarktpolitik), dem bei der Formulierung der offiziellen wirtschaftspolitischen Programmatik während der Oppositionsjahre ein zumindest in formaler Hinsicht wesentlich größerer Einfluss zukam, demgegenüber kaum zu Wort kommt. Angesichts der Konzentration des Autors auf die Frage nach Triebkräften für die neoliberale Wende ist diese Fokussierung aber gerechtfertigt. Zudem wird der Konflikt zwischen Prior – einem führenden Vertreter der moderaten »Wets«-Faktion innerhalb von Thatchers Schattenkabinett – und den marktliberalen Kräften in der Frage der Kooperation mit den Gewerkschaften von Beule durchaus reflektiert (S. 424ff.).

Leider wird der Lesefluss dieses überaus informativen Buches durch viele Wiederholungen und allzu weit ausholende Darstellungen von Bekanntem unnötig behindert. Es ist z.B. nicht nachvollziehbar, warum im zweiten Kapitel der Arbeit eine insgesamt knapp fünfzigseitige Reflexion programmatischer Entwicklungstendenzen innerhalb der Labour Party und der SPD seit 1945 notwendig ist, um die Krisenerzählungen von Tories und Union verständlich zu machen. Dieser geringfügige Kritikpunkt kann aber den Wert der Studie nicht mindern: Peter Beule hat mit ihr einen materialreichen und lesenswerten Beitrag zur parteigeschichtlichen Aufarbeitung der neoliberalen Wende vorgelegt.

Danny Michelsen, Jena

 

Zitierempfehlung:

Danny Michelsen: Rezension von: Peter Beule: Auf dem Weg zur neoliberalen Wende? Die Marktdiskurse der deutschen Christdemokratie und der britischen Konservativen in den 1970er-Jahren (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 180), Droste Verlag, Düsseldorf 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81927> [27.4.2020].

Bernhard Gotto: Enttäuschung in der Demokratie. Erfahrung und Deutung von politischem Engagement in der Bundesrepublik Deutschland während der 1970er und 1980er Jahre

Rezension zu: Bernhard Gotto: Enttäuschung in der Demokratie. Erfahrung und Deutung von politischem Engagement in der Bundesrepublik Deutschland während der 1970er und 1980er Jahre (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 119)

De Gruyter Oldenbourg | Berlin/Boston 2018 | IX + 402 Seiten, gebunden | 59,95 € | ISBN 978-3-11-052906-7

Rezension als pdf

Erwartung, Erfahrung und Enttäuschung sind mittlerweile zum basso continuo der historischen Analyse des 19. und 20. Jahrhunderts geworden. Bernhard Gotto will eruieren, wie Enttäuschung in der Demokratie entsteht, in welchen Erscheinungsformen sie auftritt und welche Folgen sie zeitigt. Seine an der Münchener Graduiertenschule »Enttäuschung im 20. Jahrhundert« (IfZ/LMU) entstandene Habilitationsschrift hat eine eigene analytische Definition anzubieten: Gotto entwirft Enttäuschung als eine Form der Gegenwartsperzeption, die (a) sich auf Erwartungen (vorgängige Prognosen) wie Erfahrungen (bewertete Vergangenheit) bezieht, (b) die ausbleibende Erfüllung der Erwartungen als unangenehm beschreibt und (c) auf die Wiederherstellung sozialer Beziehungen und Verhaltensnormen zielt, deren Störung sie anzeigt (S. 13).Emotionsgeschichtlichen Grundannahmen folgend, betont Gotto, Enttäuschung sei ein wandelbares Gefühlskonzept, dessen Äußerung als Subjektivierungsstrategie und relationales Verhalten gegenüber der sozialen und kulturellen Umwelt aufzufassen sei. Kollektive Enttäuschung versteht er als eine kontingente Hervorbringung politischer Kultur, ein Reflex zeitgebundener gesellschaftlicher Selbstverständigung. Diese Annahmen führen Gotto zur Analyse von Enttäuschung als einem Phänomen politischer Kommunikation und als eine Strategie der sinnstiftenden Aneignung von Wirklichkeit. Mitnichten, so sein konzeptioneller Einwand gegenüber politikwissenschaftlichen Modellen, wohne Enttäuschung quasi naturgesetzlich der Demokratie, gewissen Krisenzeiten oder bestimmten Partizipationsformen inne.

Mit dieser konzeptionellen Grundlegung vermag die Studie auch einen Beitrag zur Analyse politischer Vergemeinschaftungsprozesse zu leisten. Auf der Basis neuester sozialpsychologischer Erkenntnisse postuliert Gotto, Enttäuschung sei zwar eine emotionale Markierung von Dissens, drücke dabei jedoch Verbundenheit und die Bereitschaft zur Kooperation aus – anders als Ärger oder Empörung, die Schuld zuwiesen. Nimmt man die von Gotto referierte Hypothese der Psychologie, kommunizierte Enttäuschung sei »conducive to establishing mutually beneficial relationships« (S. 15), tatsächlich für die historische Analyse ernst, dann sprengte dies allerdings – ganz nebenbei – die gängigen Interpretationen der politischen Kulturgeschichte, die kollektiver Enttäuschung eher desintegrative Wirkungen für politische Gemeinwesen zuschreiben, und dies vor allem mit Blick auf die Zwischenkriegszeit. Mit seinem konzeptionellen Fokus kann Gotto hier neue Debatten über die politische und gesellschaftliche Erzeugung und Wirkung von Enttäuschung im 20. Jahrhundert anregen. Allerdings gehörte dazu notwendig die Reflexion darüber, inwiefern von der Sozialpsychologie individueller Enttäuschung auf die Historiografie kollektiver Enttäuschung geschlossen werden kann. Als problematisch erweist sich, dass Gotto in seinen Quellen häufig Enttäuschung und Empörung sowie Wut oder Ärger in Kombination vorfindet (z.B. S. 66, 70, 306). So erscheint es schwierig zu beurteilen, in welchen Fällen die Enttäuschungsartikulation auf die Fortsetzung der gestörten sozialen Beziehung (oder die gefühlte Zugehörigkeit zum politischen Gemeinwesen) zielte und in welchen Fällen Empörung, Wut oder Ärger überwogen – und damit die Auflösung dieser sozialen Beziehung (zum Beispiel der Parteiaustritt) im Raum stand.

Gotto widmet sich einer historischen Periode, die gemeinhin als besonders enttäuschungsanfällig gilt und schließlich in der Bundesrepublik die zeitdiagnostische Signatur der »Politikverdrossenheit« hervorbrachte: die 1970er- und 1980er-Jahre. Doch nicht am Etikett der »großen Ernüchterung« mit dem Ölpreisschock, das jüngst ja mehrfach korrigiert worden ist, arbeitet Gotto sich ab. Vielmehr verweist er zu Recht auf die Steigerung der Partizipationserwartungen in der sozial-liberalen Reformära und auf die Hoffnungen im Zeichen der postulierten christlich-liberalen »Wende«, das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Staat und Bürger neu zu justieren. Diese spezifischen Erwartungskontexte umklammern seinen Untersuchungszeitraum und machen ihn für eine Analyse politischer Enttäuschungserfahrungen hochgradig interessant.

Trotz des theoretischen Aufwands wird nicht klar, warum eigentlich die Bundesrepublik zum Untersuchungsfall wird und was ihre enttäuschungshistorischen Charakteristika ausmacht, vor deren Hintergrund dann erst fundierte Aussagen über den Wandel der politischen Kultur, die Akzeptanz und Stabilität der westdeutschen Demokratie und die Deutung von politischer Partizipation möglich wären, wie Gotto sie anstrebt (S. 16). Zumindest eine europäisch vergleichende Einordnung anhand der Forschungsliteratur hätte sich die Rezensentin an dieser Stelle gewünscht. Denn durch die ausbleibende Reflexion über die Spezifik der Bundesrepublik gerät aus dem Blick, dass Enttäuschungserfahrungen ein wichtiges Fundament bundesrepublikanischen Sprechens über Politik bildeten: Enttäuschung über die erste Weimarer Demokratie, Enttäuschung über den Nationalsozialismus und seine Folgen, Enttäuschung über den verlorenen Krieg und die Defizite der politischen Führung, Enttäuschung auf der politischen Linken über die vermeintliche »Restauration« einer bürgerlich-kapitalistischen Ordnung, aber auch Enttäuschung über die Wiedergutmachungspolitik, die Grenzen des Sozialstaats oder über den Bonner Parlamentarismus waren seit den 1940er-Jahren in die demokratische Kultur der Bundesrepublik eingelassen. Man hätte daher mit Blick auf Deutschland im Grunde auch die Normalität von Enttäuschung voraussetzen können und stärker nach Enttäuschungstoleranz oder nach den Faktoren ausbleibender Enttäuschung fragen können. Der Autor indes sucht nach Enttäuschung und findet sie auch.

Drei disparat erscheinende, aber in der Gesamtbilanz gewinnbringend kombinierte Fallstudien führen durch das Buch. Zum einen betrachtet Gotto zwei wichtige politische Reformvorhaben, die das Verhältnis zwischen Bürger und Staat tangierten und die jeweils symbolisch für die Einlösung der großen Versprechen standen, mit denen die Regierungslager antraten: die Reform der Mitbestimmung von 1976 als Vehikel ökonomischer Demokratisierung und partizipatorischer Emanzipation unter der sozial-liberalen Koalition; und die Steuerreform der 1980er-Jahre als Fanal von ›Leistungsgerechtigkeit‹ und größerer Autonomie des Einzelnen gegenüber dem Staat. Zum anderen analysiert Gotto Enttäuschung als Produkt politischen Engagements. Eine Fallstudie zur autonomen Frauenbewegung widmet sich dem mit utopischen Hoffnungen auf Emanzipation, Autonomie und direkte Demokratie verbundenen Engagement in diesem Alternativmilieu. Ergänzt wird sie durch ein abschließendes, eher flächiges Kapitel über (enttäuschtes) politisches Engagement an der Basis politischer Parteien, unter Bürgerinnen und Bürgern und in alternativen Bewegungen.

Alle drei Fallstudien sind durchweg bravourös recherchiert und avancieren zu eigenen Geschichten der Enttäuschungsproduktion, -artikulation und des Enttäuschungsmanagements (auch der Überwindung von Enttäuschung) durch politische Kommunikation respektive durch Arbeit am Selbst im Alltag der Engagierten. Die Temporalitäten, ja Dramaturgien von Erwartung und Enttäuschung werden dabei aus der Perspektive unterschiedlicher Akteure minutiös rekonstruiert: politische Verantwortungsträger in ihren Flügelkämpfen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, führende und lokale Funktionäre, Aktivisten der Alternativbewegungen sowie Bürgerinnen und Bürger, moderiert, repräsentiert und ›angeheizt‹ durch die Massenmedien und Meinungsforschungsinstitute. Besonders instruktiv sind die Passagen zu Antizipation, Entstehung und Überwindungsversuchen von Enttäuschung im Umkreis der genannten Reformvorhaben, die vor allem auf Entemotionalisierung und nachträgliche Dämpfung der Erwartungen zielten. Die tragende Rolle der Massenmedien und namentlich die enttäuschungsproduzierenden Rahmungen, die von den Fernsehmagazinen ausgingen, kommen sehr gut zur Geltung und motivieren zu weiterführenden Fragen bezüglich der massenmedialen ›Verantwortung‹ für die seit den 1970er-Jahren um sich greifenden Diagnosen gebrochener Versprechen und begrenzter Leistungsfähigkeit von Regierungspolitik. Wie sich ein mit großen Erwartungen aufgeladenes Reformprojekt binnen weniger Jahre zu einem Symbol der Niederlage und des Regierungsstreits oder zu einer Gefahr für die Marktwirtschaft umdeuten ließ, davon erzählt der Großteil der Studie – und kann so auch als ein Handbuch zur »gescheiterten Reform« als Ergebnis politischer Kompromissbildung und (misslingender) politischer Kommunikation in der pluralistischen Demokratie gelten.

Unterm Strich steht bei Gotto vor allem die Negation zentraler Thesen der jüngeren Zeitgeschichte, die ohne die tiefschürfenden Archivrecherchen formuliert wurden, die Gotto sich zugemutet hat: Von einer Enttäuschungsdekade in den 1970er-Jahren und einem Zuversichtsjahrzehnt in den 1980er-Jahren könne keine Rede sein. Ein »komplexes Nebeneinander von Hoffnungen und Enttäuschungen« sei durchweg anzutreffen; nichts spreche für einen mentalen »Strukturbruch« Mitte der 1970er-Jahre (S. 349). Zudem war Enttäuschung häufig auf einzelne (Interessen-)Gruppen beschränkt und schien manchmal gar ein Konstrukt massenmedialer und demoskopischer Politikbeobachtung zu sein (etwa durch Suggestivfragen). Viele Westdeutsche, die sich ›lediglich‹ in der Rolle der Wahlbürgerinnen und Wahlbürger oder Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sahen, zeigten sich häufig gar nicht so enttäuscht wie mancher Gewerkschafts- oder Parteifunktionär oder die Avantgarden alternativer Demokratiekonzepte.

Für Letztere konstatiert Gotto mehrfach einen eklatanten »Utopieverlust«, der sich aus der Praxis alternativer demokratischer Politik vor Ort ergab; Enttäuschung im Rahmen von politischem Engagement wurde so – das vielleicht wenig überraschend – zu einem Proprium jener, die besonders hohe Erwartungen hegten. Das taten Vertreterinnen der Frauenbewegung vor allem hinsichtlich der Resonanz und Anerkennung, die sie sich in ihrer peer group erhofften, so Gotto. Blieb diese aus, folgte auf die Enttäuschung häufig ein neuerliches Engagement und neu aufkeimende Hoffnung in einem anderen Projekt, sodass Enttäuschung wesentlich an gewisse Etappen der individuellen »Bewegungsbiographie« gekoppelt war. Für das Gros der Wahlbürgerinnen und Wahlbürger gelte indes, dass die Erwartungen häufig einfach gar nicht so hoch waren: im Umfeld der Mitbestimmungsreform wegen der viel dringlicher erscheinenden Probleme der Geldwertstabilität, im Umfeld der christlich-liberalen Steuerreform vor allem wegen des traditionellen Bilds vom schröpfenden Fiskus und einer damit verbundenen Abgeklärtheit gegenüber hochfliegenden Versprechungen der CDU und des Bundesfinanzministers.

Das eher schlaglichtartig gehaltene letzte Kapitel kann systematisch Gründe anführen, die aus (gesteigerten) Partizipationswünschen enttäuschende Erfahrungen machten: Das Gefühl der Parteibasis oder der Wählenden, nicht ernst genommen zu werden, der als störend empfundene Streit politischer Verantwortungsträger, der Schamgefühle auslösen konnte, die Verortung an den Rändern des politischen Spektrums, die innerhalb einer politischen Organisation zu Marginalisierungsgefühlen führen konnten, gehörten dazu. Gotto hebt hervor, dass die Neuorganisation in einer kleineren Partei hier vor Resignation bewahren konnte (ein Plädoyer für die Funktionalität belächelter Kleinstparteien), und betont zudem auch das Vermögen der größeren Parteien wie auch der sozialen Bewegungen, die soziale Beziehung zu den Enttäuschten nach einer gewissen Zeit zu kitten (als Paradebeispiel dient die Parteikarriere  Klaus Uwe Benneters in der SPD) und aus Enttäuschungen über ausbleibende Realisierungserfolge alternativer Demokratiekonzepte zu lernen.

All das sind wichtige Detailbeobachtungen einer gereiften bundesrepublikanischen Demokratie, doch ob sie ein solches Proprium des Untersuchungszeitraums darstellen, wie Gotto aufgrund der gesteigerten Partizipationserwartungen und gewandelten Demokratiekonzepte annimmt, bleibt zu klären. So wie er der These einer durchschlagenden »Emotionalisierung« des Politischen in den 1970er- und 1980er-Jahren widerspricht und zu Recht die grundsätzliche Bedeutsamkeit von Emotionen in der politischen Kommunikation der Bundesrepublik postuliert, sind viele seiner Beobachtungen zu den Enttäuschungsaffinitäten und Konflikten auf dem Feld demokratischer Partizipation auch für die 1940er-, 1950er- und 1960er-Jahre zutreffend. Vielleicht veränderten sich Erwartung und Erfahrung im Umgang mit der repräsentativen Demokratie und ihren Partizipationschancen um 1970 doch nicht so sehr qualitativ, sondern erhielten lediglich eine Massenbasis, die politische Kommunikation wie politische Partizipationspraxis vor ungekannte Herausforderungen stellte. Bernhard Gottos Buch wird für demokratiehistorische Fragen dieser Art künftig eine unverzichtbare Referenz bleiben.

Claudia Gatzka, Freiburg

 

Zitierempfehlung:

Claudia Gatzka: Rezension von: Bernhard Gotto: Enttäuschung in der Demokratie. Erfahrung und Deutung von politischem Engagement in der Bundesrepublik Deutschland während der 1970er und 1980er Jahre (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 119), De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2018, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81926> [27.4.2020].

 

Marietta Meier/Mario König/Magaly Tornay: Testfall Münsterlingen. Klinische Versuche in der Psychiatrie, 1940–1980

Rezension zu: Marietta Meier/Mario König/Magaly Tornay: Testfall Münsterlingen. Klinische Versuche in der Psychiatrie, 1940–1980

Chronos Verlag | Zürich 2019 | 336 Seiten, gebunden | 38,00 € | ISBN 978-3-0340-1545-5

Rezension als pdf

Fast wie Smarties sehen die kleinen rosa Pillen aus, die auf dem Buchdeckel abgebildet sind. Bei den 25.000 Dragées mit der Nummer G 35259, gelagert in einem Metallbehälter, handelt es sich um den Wirkstoff Ketimipramin (auch Ketotofranil genannt), ein trizyklisches Antidepressivum. Mit diesem Stoff führte der Schweizer Psychiater Roland Kuhn in der Klinik Münsterlingen im Auftrag der Pharmafirma Geigy in den 1960er-Jahren an über 1.000 Patientinnen und Patienten seine größte und am längsten dauernde klinische Versuchsreihe durch. Die Prüfsubstanz sollte nie auf den Markt kommen.

Seit langem ist bekannt, dass in psychiatrischen Kliniken der Schweiz nicht zugelassene Medikamente an Patientinnen und Patienten getestet wurden.[1] Als sich 2012 in den Medien die Vorwürfe häuften, dass Roland Kuhn in der vom Kanton Thurgau gegründeten Klinik Münsterlingen solche Studien mit »Heimkindern« gemacht habe, zog die Politik nach: 2016 gab der in der Nordostschweiz gelegene, ländliche Landesteil als einer der ersten ein Forschungsprojekt in Auftrag, um die Vorwürfe wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Neben dem Umfang und dem Ausmaß der klinischen Versuche sollte insbesondere die Frage nach der Einwilligung der betroffenen Personen geklärt werden.

Die nun vorliegende historische Studie von Marietta Meier, Magaly Tornay, Mario König (der kürzlich verstorben ist) unter Mitarbeit von Ursina Klauser zeichnet ein ernüchterndes Bild: Unter der Leitung des Oberarztes und späteren Direktors – Kuhn – testete die Klinik von 1946 bis 1980 im Auftrag verschiedener Pharmaunternehmen mindestens 67 Stoffe (S. 271) an mindestens 1.112 Personen (S. 272), darunter auch an Kindern. Insgesamt starben 36 Personen während oder kurz nach der Verabreichung der Prüfsubstanzen (S. 226), bei insgesamt zehn vermutet das Autorenteam einen möglichen Zusammenhang zwischen der Todesursache und dem verabreichten Stoff (S. 228).

Neben Einleitung und Schluss umfasst das Buch acht Kapitel. Die Hauptkapitel zeichnen chronologisch die Entwicklung der Medikamentenversuche bis Ende der 1970er-Jahre nach (Kapitel 1, 2, 4 und 6) und verorten sie im jeweiligen zeithistorischen Kontext. Kapitel 8 widmet sich den 1980er-Jahren: Kuhn war zwar nun pensioniert, forschte und testete aber in seiner Privatpraxis unermüdlich weiter. Die übrigen Kapitel nehmen thematische Längsschnitte vor: Etwas spät erfährt man in Kapitel 3 Genaueres über die Prüfpatientinnen und -patienten, Kapitel 5 handelt von den (immensen) Material-, Informations- und Geldflüssen, und Kapitel 7 untersucht, inwiefern die Prüfsubstanzen zu »fatale[n] Zwischenfälle[n]« (S. 223) mit schwerwiegenden Komplikationen führten.

Die akribisch recherchierte, quellenorientierte Studie profitiert von einer außergewöhnlich guten Quellenlage: Neben dem umfangreichen Privatnachlass Kuhns und seiner späteren Ehefrau Verena Gebhart, die sich zunehmend auf die ambulante Behandlung von Kindern und Jugendlichen spezialisierte und ebenfalls in klinische Versuche involviert war, umfasst das Archiv der Klinik Akten von 1840 bis 1980. Darunter befinden sich etwa 30.000 Krankenakten, davon je zur Hälfte stationäre und ambulante Dossiers. Zusätzlich konsultierte die Forschungsgruppe Bestände von Pharmaunternehmen, mit denen Kuhn kooperierte. Dies waren hauptsächlich Vorgängerfirmen des heutigen Novartis-Konzerns: Geigy, Ciba, Ciba-Geigy, Sandoz und Wander. Daneben konsultierte die Gruppe auch das Archiv von Swissmedic, der früheren Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel (IKS). Durch diese mussten die Kantone seit 1942 neue Heilmittel vor der Zulassung begutachtet und registrieren lassen. Schließlich führte die Gruppe Gespräche mit Zeitzeuginnen und -zeugen, vor allem mit ehemaligen Patientinnen und Patienten, und machte sogenannte Experteninterviews mit der Ärzteschaft, Pflegenden, aber auch mit Politikern und Angestellten der Pharmaindustrie.

Die vorliegende Studie ist nicht die erste, aber wohl die umfassendste zu Medikamentenversuchen in der Psychiatrie, die in den letzten Jahren erschienen sind.[2] Ein großes Verdienst des Buchs ist die gezielte Aufdeckung der Verbindungen und der Zusammenarbeit der Klinik mit der Pharmaindustrie: Die Trias »Klinik, Forschung und Industrie« (S. 21) ist nicht voneinander zu trennen. Auch die Unterscheidung zwischen Therapie und klinischem Versuch war fließend (vgl. S. 145). Kuhn, der Mitte der 1950er Jahre auf die antidepressive Wirkung von G 22355 (das 1958 als Tofranil durch die Firma Geigy auf den Markt kam) hingewiesen und mit dieser »Entdeckung« seinen größten Erfolg gefeiert hatte, etablierte sich in der Folge als kompetenter Prüfer für die pharmazeutische Industrie.

Verschiedene Unternehmen fragten ihn oft und gerne für die Durchführung klinischer Versuchsreihen an. 1956 führte er in Münsterlingen beispielsweise gleichzeitig sieben Versuche für Geigy durch (vgl. S. 77). Angetrieben durch seine wissenschaftliche Neugier, profitierten er und die Klinik finanziell enorm. Die Forschungsgruppe schätzt, dass Kuhn an den Versuchen mindestens 3,5 Millionen Franken (Nominalwert) (vgl. S. 179) verdiente. Die Klinik wiederum kam dadurch nicht nur zu kostenlosen Medikamenten, sondern erhielt Vergütungen für Laborleistungen und Apparaturen (vgl. S. 182). Erst das Heilmittelgesetz vom Jahr 2002 regelte die Durchführung klinischer Versuche auf Bundesebene und auf Gesetzesstufe (vgl. S. 196).

Die Studie verortet sodann die Medikamentenversuche in einem zeitgenössischen Kontext. Aus heutiger Sicht ist insbesondere die fehlende Einwilligung der Betroffenen erschreckend. Der Weltärzteverbund erließ zwar 1964 die Deklaration von Helsinki, welche diese Einwilligung vorsah, und die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) gab 1970 Richtlinien für die Forschung am Menschen heraus. Diese waren allerdings nicht rechtsverbindlich, sondern hatten bloß empfehlenden Charakter. Wenig überraschend scherte sich Kuhn nicht um diese Vorgaben. Einwilligungserklärungen finden sich in den Akten erst für die 1980er Jahre. Retrospektiv gab der Psychiater freimütig bekannt, dass er nie um Zustimmung fragte, um ein Versuchspräparat zu prüfen, sondern seine Patienten schlicht informiert habe, dass sie da ein neues Mittel schluckten, das vielleicht helfe (vgl. S. 280).

Der Titel des Buchs lautet zwar »Testfall Münsterlingen«. Doch die Studie handelt weniger von der Institution als der Person Kuhns, die alle Fäden in der Hand zu halten schien. Dieser akteursorientierte Ansatz führt dazu, dass die Handlungsabläufe und Verantwortlichkeiten in der Klinik sowie ihre strukturellen Bedingungen unklar bleiben. Statistische Auswertungen zum Ausmaß und Umfang der Versuche finden sich kaum. Diese werden anhand der Biografie Kuhns qualitativ nachgezeichnet, was das Risiko birgt, dass die Darstellung Kuhns akribisch geführtem und mit Annotationen versehenem Nachlass folgt, also seine Sichtweise übernimmt.

Nicht nur in der Schweiz, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum fanden Medikamentenversuche statt: Münsterlingen war »kein Einzelfall« (S. 273). Die im Klappentext versprochene »Verortung in der zeitgenössischen Prüfungslandschaft« wird jedoch nicht eingelöst. Die Einleitung nimmt zwar vorweg, dass die Studie »in erster Linie auf Quellenarbeit beruht« und sich deswegen »ein langer Bericht zum Forschungsstand« (S. 19) erübrige. Dennoch wäre es wünschenswert gewesen, die Münsterlinger Praxis in den größeren psychiatriegeschichtlichen Kontext einzuordnen. Wenig erfährt man zudem über die Betroffenen, über ihre Erfahrungen, Einschätzungen und Bewertungen der an ihnen vorgenommenen Versuche. Die Interviews wurden hauptsächlich dazu verwendet, um die Lücken der schriftlichen Quellen zu schließen.

Gewinnbringend bleibt die Nachzeichnung der Umbrüche in der Psychiatrie, die in den 1950er-Jahren von einem ungebremsten therapeutischen Optimismus angetrieben wurde. Die »pharmakologische Wende« versprach neue Therapiemöglichkeiten, auch für Menschen, die bislang nicht als therapierbar galten. Die Studie entwirft das Bild eines Wissenschaftlers, der einem paternalistischen Selbstverständnis folgend sich mehr für seine Prüfsubstanzen als für die Menschen interessierte, die er behandelte. Überzeugt von den Chancen, die die Pharmakotherapie versprach, nahm er für den wissenschaftlichen Fortschritt große Risiken in Kauf, die andere trugen, nicht er. Weder seitens der Klinikleitung noch der Aufsichtsbehörde stieß er auf Widerstände. Es war am ehesten noch die Industrie, die ihn bremste und ihn vor dem »freihändigen Kombinieren« (S. 80) warnte.

Als sich Mitte der 1970er-Jahre statistische Verfahren und kontrollierte Studien durchzusetzen begannen, mit denen die Wirksamkeit neuer Stoffe geprüft wurden, vertrat Kuhn plötzlich ein überholtes Paradigma. Zeit seines Lebens blieb er von seinen qualitativen und am Einzelfall orientierenden Forschungsmethoden überzeugt. Auch die zunehmende staatliche Regulierung lehnte er ab. Der einst so gefragte Tester versank zunehmend in der Bedeutungslosigkeit.   

Mirjam Janett, Zürich

[1] Seit 2002 sind zum Beispiel die Medikamentenversuche der zürcherischen Psychiatrischen Klinik Burghölzli (heute Kantonale Psychiatrische Universitätsklinik) bekannt. Vgl. Tanja Rietmann/Urs Germann/Flurin Condrau, »Wenn ihr Medikament eine Nummer statt eines Markennamens trägt.« Medikamentenversuche in der Zürcher Psychiatrie 1950–1980, in: Beat Gnädinger/Verena Rothenbühler (Hrsg.), Menschen korrigieren. Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen im Kanton Zürich bis 1981, Zürich 2018, S. 201–254, hier S. 201.

[2] Für die Schweiz siehe die Dissertationen von: Katharina Brandenberger, Psychiatrie und Psychopharmaka. Therapien und klinische Forschung mit Psychopharmaka in zwei psychiatrischen Kliniken der Schweiz, 1950–1980, Universität Zürich, 2012; Julia Manser-Egli, Klinische Prüfung nicht zugelassener Präparate an der Psychiatrischen Universitätsklinik Waldau zwischen 1950 und 1970, Universität Bern, 2019. Zudem die Studien von: Urs Germann, Medikamentenprüfungen an der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel, 1953–1980. Pilotstudie mit Vorschlägen für das weitere Vorgehen, Bern 9.3.2017; Rietmann/Germann/Condrau, »Wenn ihr Medikament eine Nummer statt eines Markennamens trägt.«; Paul Richli, Bericht über den Umgang mit Arzneimittelversuchen in der Luzerner Psychiatrie in den Jahren 1950–1980 aus rechtlicher Sicht. Im Auftrag des Gesundheits- und Sozialdepartements des Kantons Luzern, Luzern 2018; Marina Lienhard/Flurin Condrau, Psychopharmakologische Versuche in der Psychiatrie Baselland zwischen 1950 und 1980. Bericht zuhanden der Psychiatrie Liestal, Zürich 2019. Für Deutschland siehe exemplarisch: Volker Hess/Laura Hottenrott/Peter Steinkamp, Testen im Osten. DDR-Arzneimittelstudien im Auftrag westlicher Pharmaindustrie, Berlin 2016; Sylvia Wagner, Ein unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte. Arzneimittelstudien an Heimkindern, in: Sozial.Geschichte Online 19, 2016, S. 61–113; Sylvelyn Hähner-Rombach/Christine Hartig, Medikamentenversuche an Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Heimerziehung in Niedersachsen zwischen 1945 und 1978. Forschungsprojekt im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, 2019.

 

Zitierempfehlung:

Mirjam Janett: Rezension von: Marietta Meier/Mario König/Magaly Tornay: Testfall Münsterlingen. Klinische Versuche in der Psychiatrie, 1940–1980, Chronos Verlag, Zürich 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81925> [27.4.2020].

 

Hans-Rainer Sandvoß: Mehr als eine Provinz! Widerstand aus der Arbeiterbewegung 1933–1945 in der preußischen Provinz Brandenburg

Rezension zu: Hans-Rainer Sandvoß: Mehr als eine Provinz! Widerstand aus der Arbeiterbewegung 1933–1945 in der preußischen Provinz Brandenburg (Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Reihe A: Analysen und Darstellungen, Bd. 15)

Lukas Verlag | Berlin 2019 | 623 Seiten, gebunden | 29,80 € | ISBN 978-3-86732-328-4

Rezension als pdf

Hans-Rainer Sandvoß gehört zu den Koryphäen der deutschen Forschung und Publizistik über den Arbeiterwiderstand gegen das NS-Regime von 1933-1945. Sein Augenmerk richtete er dabei zunächst auf die Berliner Bezirke, später auf den Widerstand von Berliner Religionsgemeinschaften und nun auf den Arbeiterwiderstand in der preußischen Provinz Brandenburg, die das Gebiet des heutigen Bundeslandes Brandenburg einschloss und bis an die »Grenzmark« Posen-Westpreußen reichte. Seit 1977 Referent an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, wurde er Herausgeber (und Hauptautor) einer 14-bändigen Schriftenreihe über den Widerstand in den Bezirken Berlins zwischen 1933 bis 1945.[1] 2006 wurde er aufgrund der Studie »Die ›andere‹ Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945« promoviert, deren Vorarbeiten bis in die 1980er-Jahre zurückreichen.

Seine Motivation erschließt sich aus den Anmerkungen im Klappentext: »Der Widerstand gegen das NS-Regime sei, so ist es mitunter zu hören, ausgeforscht. Eine Gesamtdarstellung des facettenreichen Widerstandes aus der Arbeiterbewegung in der preußischen Provinz Brandenburg hat indes lange gefehlt«. Diese Lücke versucht der Autor zu schließen, was ihm eindrucksvoll gelingt. Überhaupt führte seine Blickrichtung auf die lokalen und regionalen Ausprägungen des Widerstands zu einer weit über die über lange Zeit vorherrschenden parteigeschichtlichen Narrative hinaus. Der kleinräumige Blick bot wertvolle Erkenntnisse über die viel differenzierteren Strukturen des Widerstands, denn jeder Berliner Kiez entwickelte seine eigenen Besonderheiten und spiegelte daher die Vielfalt des Soziallebens wider. Übertragen auf politische »Großstrukturen« wie Parteien oder Gewerkschaften ergab sich folglich eine klarere Optik auch im Großen. Damit wirkte Sandvoß methodisch sicherlich stilbildend.

In seiner Einleitung nimmt er auf den bisherigen Forschungsstand zum Widerstand in der Provinz Brandenburg Bezug. Dieser habe seine Hauptquellen in den Forschungen seitens der DDR, die er differenziert würdigt, ohne über die politisch an die SED gebundenen Betrachtungs- und Beurteilungswinkel zu schweigen. Aber die nun nach 1990 neu zu erschließenden Archive und Sammlungen aus der ehemaligen DDR waren für Sandvoß vielsprechende Quellen zur weiteren systematischen Aufarbeitung des Arbeiterwiderstands. Seine Aufgabenstellung lautete: »Die Gesamtdarstellung zum Widerstand aus der Arbeiterbewegung in der früheren Provinz Brandenburg bleibt trotzdem als große Herausforderung weiter bestehen und muss mehr sein als die Addition lokaler Studien« (S. 16). Auf ein weiteres Erfordernis weist er hin. Bislang wurden die seit 1945 zu Polen gehörenden, östlich der Oder gelegenen Teile der Provinz von der Würdigung ihres Widerstandskampfs ausgespart. Dabei gab es intensive Vernetzungen zwischen Berlin und der Provinz, auch jenseits der Oder.

Dies alles erschloss der Verfasser aus den Quellen der NS-Ermittlungs- und Verfolgungsbehörden, den Prozessakten und den Unterlagen der lokalen und Sondergerichte beim Landgericht Berlin im Bundesarchiv und den Landesarchiven Berlin und Brandenburg. Dass ihm die entsprechenden nazistischen Einlassungen schwer im Magen lagen, unterlässt Sandvoß nicht zu erwähnen (S. 19). Als Korrektiv zog er – soweit verfügbar – die Selbstzeugnisse der Opfer zu Rate. Viele dieser Widerständler und Widerständlerinnen aber sind längst tot, ihre Zeitzeugenschaft also für immer erloschen. Weiterhin stützte er sich auf die Quellen der Organisationen der Arbeiterbewegung in ihrer vollständig zu erschließenden Bandbreite. Durch die Abgrenzungen aus der Zeit des Kalten Kriegs indes entstanden auch hier in den Quellensammlungen und historischen Bewertungen entsprechend verengte Deutungen, die es zu überwinden galt: So fehlten in den DDR-Archiven eher Quellen aus der alten Sozialdemokratie, den Zwischengruppen wie der SAP oder den freien Gewerkschaften. Doch allein das Inhaltsverzeichnis zeugt von der Akribie des Autors bei der Rekonstruktion. So folgt auf die Einleitung das Kapitel über den Widerstand aus dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das noch tendenziell einen eher allgemeinen Zugriff auf dessen Organisation und die Widerstandstätigkeit bis zur Auflösung 1933 zeigt (S. 27–103). Doch hier werden Einzelschicksale präsentiert, die vom vergeblichen Versuch der Abwehr des drohenden Faschismus und den erlittenen Peinigungen nach dessen Machtusurpation Zeugnis ablegen. Diese verarbeitete Sandvoß in einem Unterkapitel dieses Abschnitts (S. 90–103).

Als nächstes Kapitel folgt die Aufarbeitung des Widerstands aus den Reihen von SPD und freien Gewerkschaften (S. 104-268). Hier beginnt sein Blick auf die lokalen Strukturen des Widerstands seine Wirkung zu entfalten, wird aber in eine Gesamtbetrachtung eingebettet. Dabei behält der Autor die Übergangsphase zwischen der Auflösung der Weimarer Republik nach 1930 und der Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 im Blickfeld, wie er eindrucksvoll am vergeblichen Kampf der SPD-Bezirksorganisation des »roten Nowawes«, des heutigen Babelsberg in Potsdam, zeigt (S. 116–124). In aller Kürze, aber für das Verständnis der politischen Umstände unerlässlich, skizziert er überdies die innersozialdemokratischen Konflikte zwischen Anpassung und Widerstand nach dem 30. Januar und dem Parteiverbot am 22. Juni 1933. Er kann dabei auch auf Vorarbeiten zurückgreifen wie jene von Ingrid Fricke über Franz Künstler, den linken Neuköllner Sozialdemokraten (USPD/SPD)[2] oder von Siegfried Heimann über den Brandenburger Oberbürgermeister Paul Szillat[3]. Sandvoß griff zudem die in einer verdienstvollen mehrbändigen Schriftenreihe erscheinenden Dokumentationen über gewerkschaftlichen Widerstand und Verfolgung von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern auf.[4]

Es folgt ein Kapitel über den Widerstand der »Zwischengruppen« zwischen SPD und KPD, wozu zum Beispiel die Sozialistische Arbeiterpartei, der »Leninbund,« der »Rote Stoßtrupp«, Rätekommunisten, aber auch Einzelpersonen wie Gustav Mauritz (ehemals KPD, Nowawes) und Wolfgang Abendroth (Kommunistische Partei (Opposition)), der später bedeutende Politikwissenschaftler und Staatsrechtler, gezählt werden (S. 269–340). Die archivalische Überlieferung in den Archiven der DDR erlaubte eine flächendeckende Erschließung der Aktivitäten der KPD in der Provinz (S. 341–570). Die KPD registrierte im gesamten Bezirksverband über 37.800 Mitglieder, davon knapp 31000 in Berlin. Dort überholte sie nach dem Staatsstreich Franz von Papens vom 20. Juli 1932 sogar die SPD an Wähleranhang. Mit der stalinistischen »Sozialfaschismus«-These isolierte sich die KPD jedoch von der sozialdemokratischen Arbeiterschaft. Auf dem platten Land blieb sie daher eine marginale Kraft, nur in den Klein- und Mittelstädten der Region besaß sie eine nennenswerte Mitgliedschaft. Die Kommunisten wurden vom NS-Terror nach dem 30. Januar 1933 genauso überrollt wie die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften. Doch ihre lokalen Aktivitäten und ihre bedeutenden Widerstandsgruppen und Widerstandszentren, hier besonders die Lausitz, werden von Sandvoß sichtbar gemacht. Dabei weist er noch auf wissenschaftlich unerschlossene Gruppen des Widerstands (Anarchosyndikalisten, Rätekommunisten) hin (S. 578). Sein Abschlussfazit deshalb: »Brandenburg braucht auch den Widerstandsvergleich mit Berlin nicht zu scheuen – ganz im Gegenteil: Es war weit mehr als eine Provinz« (S. 580).

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn

[1] Die Bände sind mittlerweile (bis auf eine Ausnahme) kostenlos online verfügbar, vgl. URL: https://www.gdw-berlin.de/angebote/publikationen/widerstand-berlin-1933-1945/#c82, [22.4.2020].

[2]Ingrid Fricke, Franz Künstler (1888–1942). Eine politische Biographie, Berlin 2016.

[3]Siegfried Heimann, Paul Szillat 1888-1958, Berlin 2016

[4] Vgl. zur Schriftenreihe »Gewerkschafter im Nationalsozialismus. Verfolgung – Widerstand – Emigration« auf der Webseite des Verlags: URL: http://metropol-verlag.de/book_series/gewerkschafter-im-nationalsozialismus-verfolgung-widerstand-emigration/  [22.4.2020].

 

Zitierempfehlung:

Holger Czitrich-Stahl: Rezension von: Hans-Rainer Sandvoß: Mehr als eine Provinz! Widerstand aus der Arbeiterbewegung 1933–1945 in der preußischen Provinz Brandenburg (Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Reihe A: Analysen und Darstellungen, Bd. 15), Lukas Verlag, Berlin 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81924> [27.4.2020].

 

Kristoffer Klammer: ›Wirtschaftskrisen‹. Effekt und Faktor politischer Kommunikation. Deutschland 1929–1976

Rezension zu: Kristoffer Klammer: ›Wirtschaftskrisen‹. Effekt und Faktor politischer Kommunikation. Deutschland 1929–1976 (Historische Semantik, Bd. 28)

Vandenhoeck & Ruprecht | Göttingen 2019 | 495 Seiten, gebunden | 80,00 € | ISBN 978-3-525-31059-5

Rezension als pdf

In den Jahren 2010 bis 2012 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft an der Universität Trier ein Projekt zur »Sprachlichen Konstruktion wirtschafts- und sozialpolitischer Krisen in der Bundesrepublik Deutschland von 1973 bis heute« gefördert, in dem fünf solcher »Krisen« von der Ölkrise 1973/74 bis hin zur Finanzkrise 2008/09 untersucht worden sind. Auf die Konzeption und einige erste Ergebnisse dieses diskurslinguistischen Forschungsprojekts[1] bezieht sich die hier zu besprechende geschichtswissenschaftliche Dissertation Kristoffer Klammers des Öfteren, insbesondere in ihrer sehr instruktiven Verortung der Studie unter dem Titel »Anknüpfungen« (S. 35–48): »Einige der grundlegenden Erkenntnisinteressen dieser Studien decken sich mit denen der vorliegenden Arbeit; theoretische Annahmen, methodisches Vorgehen und einzelne empirische Befunde bieten interessante Anregungen. Ein direkter Ergebnisvergleich ist indes schwierig« (S. 46) – und das letztlich aufgrund »disziplinär begründete[r] Unterschiede« (S. 47). Für den Rezensenten aus dieser anderen Disziplin ist es interessant zu sehen, wie ein Historiker mit sehr ähnlichen Erkenntnisinteressen an den gleichen Gegenstand herangeht und diesen mit ähnlichen analytischen Kategorien, aber gerade in der Darstellungsform doch ganz anders bearbeitet. Dabei kommt er einerseits zu methodisch weniger gut abgesicherten, andererseits zu inhaltlich zum Teil differenzierteren Ergebnissen.

Bedauerlich ist, dass Klammer die wichtigsten Ergebnisse des diskurslinguistischen Forschungsprojekts in Form der Dissertationen von David Römer und Kristin Kuck bei Abschluss seines Manuskripts noch nicht zur Verfügung standen.[2] In diesen werden mit den Methoden der Topos-Analyse (= Analyse von Argumentationsmustern) bzw. der Metaphernanalyse die sprachliche Konstruktion einerseits der »Wirtschaftskrisen« von 1973/74, von 1982 und 2003 und andererseits der »Krisen« von 1973/74, von 1997 und 2003 verglichen. Erst die Ergebnisse dieser umfassenden Studien hätten es Klammer ermöglicht, »auf Basis der eigenen Ergebnisse nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden« (S. 47) in der sprachlichen Konstruktion der Wirtschaftskrisen, die zum großen Teil nach seinem Untersuchungszeitraum liegen, zu fragen und dabei die Vor- und Nachteile der größeren »sprachwissenschaftliche[n] Differenziertheit« (ebd.) der linguistischen Studien und seiner besseren »Einbindung semantischer Befunde in die […] Politik- und Wirtschaftsgeschichte« (ebd.) abzuwägen.

Das kann in diesen wenigen Zeilen einer Rezension auch nicht nachgeholt werden, wäre aber reizvoll. Klammers Ausblick darauf, dass nach der von ihm für die Jahre 1973 bis 1976 angesetzten »kleinen Weltwirtschaftskrise« über Wirtschaft und Wirtschaftspolitik beständig in einem Krisen-Modus geredet wird (S. 455f.), somit also beständig »Krisen« sprachlich konstruiert werden, kann mit den diskurslinguistischen Untersuchungen einerseits bestätigt, andererseits aber auch differenziert werden, insofern eben doch Zeiträume bestimmt werden können, in denen »Krisen« mit mehr oder weniger Anbindung an volkswirtschaftliche Daten herbeigeredet und auch politisch instrumentalisiert worden sind. Als inhaltlich interessanter Bezug zwischen den historiografischen und den diskurslinguistischen Ergebnissen sei nur erwähnt, dass Klammer schon für die 1970er-Jahre eine Zunahme angebotsorientierter Lösungsvorschläge gegenüber keynesianischen »Rezepten« konstatiert, was bei Römer dann als Durchsetzen neoliberaler Positionen im Diskurs seit dem Lambsdorff-Papier von 1982 bis hin zu den Agenda-2010-Beschlüssen akribisch herausgearbeitet wird. Kritisch kann hier angefügt werden, dass auch Klammer, obwohl er den Fokus auf die sprachliche Konstruktion von Krisen und damit u.a. auch auf die diskursiv errungenen Deutungshoheiten über politische Vorschläge zur »Überwindung« von Krisen legt, dazu neigt, wie andere Historikerinnen und Historiker, die solche »Krisen« in Überblicksdarstellungen und »sach«geschichtlich behandeln, bestimmte Diskurspositionen als der Sache angemessen erscheinen zu lassen, zum Beispiel dass der Sozialstaat überfordert worden sei oder dass die Steuerbelastung für Unternehmen habe verringert werden müssen. Römer zeigt demgegenüber eindrücklich, dass und wie Zeithistorikerinnen und Zeithistoriker der seit 1982 hegemonialen Diskursposition sozusagen hinterherschreiben.

Innerhalb seiner Zunft verortet sich die Studie Klammers in der Tradition historisch-semantischer Analysen, wie sie seit den 1970er-Jahren im Gefolge der »Geschichtlichen Grundbegriffe« insbesondere auch von Klammers Doktorvater Willibald Steinmetz erarbeitet worden sind. Sie nimmt dabei das Diktum Reinhart Kosellecks ernst, dass Sprache nicht nur Indikator, sondern auch Faktor der Geschichte ist: »Überspitzt: Die Semantik erzeugte die Krise« (S. 452) – was allerdings sogleich eingeschränkt wird: »Vielmehr standen Prozesse semantischen Wandels in einem Wechselverhältnis mit nicht-sprachlichen Veränderungen.« (Ebd.) Bei der Interpretation seiner Sprach-Geschichten rekurriert Klammer immer wieder auf die in dieser Tradition etablierten Begriffe des Erfahrungsraums und des Erwartungshorizonts sowie auf die Zeitachse Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft, was es ihm ermöglicht, Einzelergebnisse in größere Zusammenhänge einzuordnen (vgl. z.B. einleitend schon S. 16f.), was aber auch manches Mal zu vagen allgemeinen Einordnungen führt, wie dass in der Deutung einer Situation als »Krise« die Gegenwartsorientierung des Sprechers zentral sei oder dass die Ursachen einer Krise in der Vergangenheit verortet worden seien.

Ein historiografisches Erkenntnisinteresses ist bei allen drei Krisen auch der »Abgleich« zwischen dem Reden über eine Krise mit den volkswirtschaftlichen Indikatoren und politischen Ereignissen, die ex post zur (geschichtswissenschaftlichen) Interpretation des Geschehens als Krise oder Wirtschaftskrise, als Weltwirtschaftskrise, als (nur) Wachstumsdelle oder als Ölpreiskrise geführt haben. Dabei sei eben bisher die Wahrnehmung, das »Wissen« der Zeitgenossen, ob und dass es eine »Krise« gibt und der Einfluss dieses Wissens auf das Geschehen nicht angemessen berücksichtigt worden. Der zeitgenössischen Interpretation des Geschehens als »Krise« oder »Wirtschaftskrise« kann die Geschichtswissenschaft mit der Untersuchung des öffentlich-politischen Sprachgebrauchs gerecht werden. Der Autor begründet überzeugend, dass für die untersuchten Zeiten, für seine drei »Fallstudien« Parlamentsprotokolle sowie jeweils ausgewählte Zeitungen der Qualitäts- und der Boulevardpresse geeignete Quellen sind.

Die drei sprachlichen Kategorien, die er im Einzelnen untersucht, entsprechen dem in diskurslinguistischen Untersuchungen etablierten Methodenset der Analyse von Argumentationsmustern (Topoi), Metaphern und Schlüsselwörtern. Im Vergleich zu linguistischen Studien geht der Autor mit den Analyse-Begriffen locker um und verzichtet auf die in der Sprachwissenschaft üblichen Herleitungen und akribischen Differenzierungen bei der Anwendung dieser Begrifflichkeiten. Der sprachwissenschaftliche Rezensent gesteht aber gerne zu, dass der Historiker mit diesem lockeren, eher unterminologischen Gebrauch von »Topoi«, »Redemustern«, »Sprachmustern«, »Metaphern«, »Einzelbegriffen« und auch »Semantik(en)« seinen Erkenntnisinteressen durchaus nicht schadet und dass dies dem Verständnis nicht abträglich ist. Dazu trägt auch die gewählte, für historiografische Studien wohl übliche narrative Darstellung der Sprach- und Krisen-Geschichten bei, auch wenn diese in ihrer Vielzahl von zitierten Einzelstimmen gerade in den chronologisch vorgehenden Kapiteln, in denen die Krisenphasen dargestellt werden, manchmal etwas ermüdend ist.

Das Darstellungsproblem seiner Analyseergebnisse hat der Autor mit seiner narrativen Form in gänzlich anderer Weise gelöst als es in den erwähnten linguistischen Studien geschieht. In einem ersten Kapitel werden jeweils »einschlägige Forschungsergebnisse respektive gängige Krisennarrative referiert« (S. 48). In einem ersten Analyseschritt werden sodann die Krisenphasen anhand der für sie jeweils »dominierenden« »Sprachmuster (Topoi)« (ebd.) aufgezeigt und auch bestimmt. Während dies auf die genannte chronologische Erzählung hinausläuft, die eben auch festlegt, wann jeweils für die zeitgenössischen Sprecher eine Vorlaufphase, der Höhepunkt sowie das Ende einer »Krise« gewesen sind und als welche Art von »Krise« diese verstanden wurden, sind die beiden jeweils folgenden Kapitel systematischer angelegt.

Im ersten wird der Fokus jeweils auf einzelne sprachliche Mittel gelegt, mit denen die Akteure ihr Verständnis der politischen und wirtschaftlichen Situation ausgedrückt haben. In allen drei Krisen wird dabei auf den Ausdruck Krise selbst und mit ihm gebildete Komposita geachtet sowie auf metaphorische Konzepte, mit denen die abstrakten »Ereignisse« verständlich gemacht wurden. Während in den Krisen 1929–1933 und 1966/67 nur Organismus- und Maschinen-Metaphern wichtig waren, beobachtet der Verfasser in den Jahren 1973 bis 1976 eine größere Vielfalt von Metaphern. Als »Einzelbegriffe« werden für die Weimarer Zeit Vertrauen und Psychologie, Not, Elend und Opfer sowie Kampf und Krieg analysiert, für die »Wachstumsdelle« von 1966/67 die Funktion der »Begriffe« Stabilität, Wachstum und Vertrauen behandelt und für die 1970er-Jahre wiederum Opfer-Semantiken, wie der Historiker das nennt, aber auch der Appell an die Vernunft ins Zentrum der Analyse gerückt.

In einem jeweiligen letzten Schritt folgen »grundlegendere Betrachtungen zu einzelnen Akteursgruppen und ihrer Verwendung bestimmter Begriffe und Argumentationsmuster, Veränderungen (der Breite) des Spektrums möglicher Aussagen, sprachlich hergestellten Raumbezügen sowie dem Verhältnis des Krisendiskurses zu angrenzenden Diskursen« (S. 49), wie der Autor das recht heterogene Konglomerat von Ergebnisdarstellungen in diesen Kapiteln recht prägnant zusammenfasst. Für Weimar wird hier zum Beispiel die »begrenzte Diskussionsbereitschaft« über konkrete wirtschafts- und sozialpolitische Lösungsvorschläge seitens Nationalsozialisten und Kommunisten, für die es immer um die »Systemfrage« ging, herausgestellt, für die 1960er-Jahre wird der fehlende Bezug auf Vergangenheit in Form von Ursachendiskussionen vermerkt sowie dass die Krisen-»Semantik« den realen Krisen-Indikatoren vorausging. In den 1970er-Jahren bestand die Strategie der Regierungsparteien, um die eigene Verantwortung für die »Krise« klein zu halten, in synchronen Vergleichen mit stärker betroffenen vergleichbaren Volkswirtschaften, während die Unionsparteien mit diachronen Vergleichen zu den wirtschaftlichen Erfolgen ihrer Regierungszeit die Verantwortung der Regierung betonten. Ein weiterer wichtiger Diskussionsgegenstand in den Krisendebatten der 1970er-Jahre war die Diagnose einer »Epochenwende«, wie sie historiografisch mit der Festlegung der seitherigen Entwicklung als der »nach dem Boom« auch ex post verankert ist.

Neben der somit angedeuteten Vielzahl von interessanten Einzelergebnissen zum Sprachgebrauch und somit zur sprachlichen Konstruktion oder Organisation der drei Krisen zielen die Untersuchungen natürlich auch darauf, Gemeinsamkeiten der Konstruktion von Wirtschaftskrisen in der Mitte des 20. Jahrhunderts herauszuarbeiten. Beides – Spezifika und Gemeinsamkeiten – trägt Klammer in einem kurzen und konzisen Schlusskapitel zusammen und wagt dabei auch den erwähnten Ausblick auf die mögliche »Dauerkrise der Gegenwart« (S. 455). Jeweils wiederkehrende und somit für Krisendiskurse wohl konstitutive Topoi, Metaphern und um Krise, aber auch um Vertrauen und Opfer kreisende Grundbegrifflichkeiten sind ebenso wie der wiederkehrende und zentrale Referenzpunkt der Arbeitsmarktlage übergreifende sprachliche Mittel, Krisen zu konstruieren. Auch der Umschlag des Krisenbegriffs vom Ereignis- zum Strukturbegriff kehrt wieder, und dass von Krise hochfrequent die Rede ist in Zeitabschnitten, in denen die ökonomischen Daten die Krise noch nicht ausweisen, sind Anzeichen für die Relevanz der Sprache für »Wirtschaftskrisen«. Diese Befunde zeigen, dass Klammer mit seiner historisch-semantischen Analyse auch für die Geschichtswissenschaft wesentliche neue Erkenntnisse zum Verständnis der drei ausgewählten Wirtschaftskrisen geleistet hat, die auch für den Nicht-Fachmann aus der Nachbarwissenschaft sehr lesenswert sind.  

Martin Wengeler, Trier

[1] Vgl. insb. Martin Wengeler/Alexander Ziem (Hrsg.), Sprachliche Konstruktionen von Krisen. Interdisziplinäre Perspektiven auf ein fortwährend aktuelles Phänomen, Bremen 2013.

[2]David Römer, Wirtschaftskrisen. Eine linguistische Diskursgeschichte, Berlin/Boston 2017; Kristin Kuck, Krisenszenarien. Metaphern in wirtschafts- und sozialpolitischen Diskursen, Berlin/Boston 2018.

 

Zitierempfehlung:

Martin Wengeler: Rezension von: Kristoffer Klammer: ›Wirtschaftskrisen‹. Effekt und Faktor politischer Kommunikation. Deutschland 1929–1976 (Historische Semantik, Bd. 28), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81923> [27.4.2020].

 

Hubertus Buchstein/Henning Hochstein (Hrsg.): Otto Kirchheimer – Gesammelte Schriften, Bd. 2: Faschismus, Demokratie und Kapitalismus

Rezension zu: Hubertus Buchstein/ Henning Hochstein (Hrsg.): Otto Kirchheimer – Gesammelte Schriften, Bd. 2: Faschismus, Demokratie und Kapitalismus

Nomos Verlag | Baden-Baden 2018 | 575 Seiten, gebunden | 59,00 € | ISBN 978-3-8487-4732-0

Rezension als pdf

Otto Kirchheimer (1905–1965) zählt zu den bedeutenden Protagonisten der politischen Wissenschaft in Deutschland. Politisch und wissenschaftlich in der Weimarer Republik sozialisiert, wurde er als Sozialdemokrat und Jude von den Nazis verfolgt und ins Exil getrieben. In der Weimarer Republik war er zunächst als Jurist und Anwalt tätig, zu seiner Biografie gehört aber auch die Zusammenarbeit mit Carl Schmitt, der sein Doktorvater wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb er im amerikanischen Exil, erlangte dennoch ebenfalls in Deutschland als Politikwissenschaftler größere Bekanntheit. Es liegt nun Band 2 der auf sechs Bände angelegten Ausgabe von Kirchheimers »Gesammelte(n) Schriften« vor.

Die Arbeiten Kirchheimers, insbesondere die zur Verfassungstheorie und Faschismustheorie, erfreuten sich zu Zeiten der Studentenbewegung der 1960er-Jahre einiger Popularität, sind meist aber nur noch antiquarisch zu erwerben. Umso verdienstvoller ist jetzt die von einem Team um den in Greifswald lehrenden Professor Hubertus Buchstein begonnene Herausgabe seiner Schriften. Die Reihenfolge der Bände folgt nicht chronologisch den Lebensjahren Kirchheimers, sondern ist thematisch geordnet. So enthielt der »Recht und Politik in der Weimarer Republik« gewidmete Band 1 auch Texte, die erst nach dem Ende der Republik geschrieben wurden. Ähnlich verhält es sich mit dem hier vorliegenden Band 2 zu »Faschismus, Demokratie und Kapitalismus«. Im Mittelpunkt stehen dabei Texte, die im Exil in Frankeich und den USA während der NS-Herrschaft verfasst wurden, enthalten sind aber auch Texte aus der Nachkriegszeit. Inhalt, Form, Umfang und Anlass der Texte sind dabei sehr unterschiedlich; sie reichen von kurzen Rezensionen über Broschüren bis hin zu längeren wissenschaftlichen Abhandlungen. Erkennbar wird dennoch implizit eine gewisse biografische Ordnung der Texte anhand der Lebensphasen Kirchheimers. So befasst sich die Einleitung in dem Band mit Texten zur Weimarer Republik vor allem mit Kirchheimers Lebensstationen bis zur Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Jahr 1933.

Eine ähnliche Orientierung auf die Lebensdaten beinhaltet auch die der vorliegenden Textsammlung vorangestellte und überaus informative Einleitung durch Hubertus Buchstein, in der dieser souverän die Lebensstationen Kirchheimers während des Exils der 1930er- und 1940er-Jahre mit einer Einordnung der im Band versammelten Texte verbindet. Inhaltlich hebt Buchstein hervor, dass aus den Texten im Zeitverlauf eine bemerkenswerte Kontinuität, zum Teil aber auch eine deutliche Revision hervorgehe (S. 8). Breiteren Raum widmet die Einleitung auch der Auseinandersetzung Kirchheimers mit Carl Schmitt (S. 24ff.), die so weit ging, dass es Kirchheimer gelang, 1935 anlässlich des »11. Internationalen Kongresses für Strafrechts- und Gefängniswesen« in Deutschland aus dem Exil heraus eine in der Aufmachung der von Carl Schmitt herausgegebenen Reihe »Der deutsche Staat der Gegenwart« entsprechende kritische Auseinandersetzung mit dem Recht des ›Dritten Reichs‹ unter dem Titel »Staatsgefüge und Recht des dritten Reichs« ins Land zu schmuggeln (im Band abgedruckt S. 152ff.). Deutlich wird in der Einleitung auch die schwierige persönliche und berufliche Situation des von seiner Ehefrau und Tochter zeitweilig getrenntlebenden Kirchheimer. Beruflich suchte er nach wissenschaftlichen Arbeitsmöglichkeiten, was ihm letztlich erst mit der nach viel Mühe erreichten Übersiedlung in die USA und der Arbeit für das Institut für Sozialforschung einigermaßen gelang – auch wenn das Verhältnis Kirchheimers insbesondere zu Max Horkheimer nicht spannungsfrei blieb.

Die im Band versammelten Artikel bieten eine Reihe interessanter Einsichten. So setzt Kirchheimer sich im Text »Anmerkungen zur Theorie der nationalen Souveränität« aus dem Jahr 1934 pointiert mit der Weimarer Rechts- und Staatslehre auseinander (S. 132ff.). Während Hermann Heller positiv gewürdigt wird, lehnt Kirchheimer Hans Kelsen, der »die Rechtswissenschaft zu einer Art Mathematik der Kulturwissenschaften« machen wolle, ab (S. 147). Sie stelle die »letzte Phase der Rechtsstaatsidee dar«, die dazu verurteilt sei, im Zustand reiner Theorie zu verbleiben. Diese Textpassage illustriert einmal mehr das Dilemma, dass die Mehrzahl der sich als links verstehenden Verfassungsrechtler der Weimarer Republik mit dem Ansatz Kelsens nichts anfangen konnten, obwohl dieser durchaus für gesellschaftsverändernde Politikansätze anschlussfähig gewesen wäre.

In dem bereits angesprochenen Text zum Rechtsverständnis des ›Dritten Reichs‹ spielt die Transformation des Rechtsstaatsbegriffs eine wichtige Rolle. Während Rechtsstaat ehemals den Versuch der Objektivierung durch Garantien und Schematisierung bedeutet habe, so habe sich dies jetzt verkehrt: »Die Garantien, dass Recht gefunden wird, liegen nicht mehr im Gesetz, sondern in dem Ausrichten der einzelnen Entscheidung nach der nationalsozialistischen Weltanschauung.« (S. 155) Letztlich werde die politische Justiz durch die geheime Staatspolizei ausgeübt, die nur »im Fall der Opportunität« nach Beendigung des eigenen Verfahrens den Fall an das Volksgericht oder Sondergerichte »zur nochmaligen Verhandlung auf Grund der von ihr und mit ihren spezifischen Mitteln gesammelten Beweise« abgaben (S. 166). Für den Bereich des Arbeitsrechts sieht Kirchheimer eine Absicherung von Kapitalinteressen, indem es industriellen Kreisen neben der freien Verfügung über die Produktionsmittel auch das Recht garantiere, »die Bedingungen des Arbeitsverhältnisses nach ihrem Gutdünken festzusetzen« (S. 173f.). Über eine eigene Sozialverfassung verfüge das ›Dritte Reich‹ nicht, sondern folge den Interessen der wirtschaftlich Starken. Nur in Zeiten der Gefahr würden halbe und niemals erfüllte Versprechen an die Arbeiterschaft als der schwächeren Sozialpartei gemacht (S. 178).

Innerhalb des Instituts für Sozialforschung war Kirchheimer in die Vorbereitung verschiedener Ausarbeitungen der Institutsmitglieder eingebunden. Zu Max Horkheimers Manuskript »Autoritärer Staat« stellte er heraus, dass das Argument, eine Revolution könne »ökonomisch-politische in rein technische Probleme« verwandeln, unpassend sei (S. 213f.): Zwischen »Herrschafts- und Servicebürokratie« bestünden unter jeder Gesellschaftsform wesentliche Unterschiede. Lenins Verweis auf die Organisation der deutschen Post als Vorbild für die Verwaltungsorganisation einer sozialistischen Gesellschaft ist für Kirchheimer nicht zutreffend: Die Leitung der gesamten Produktion werfe »Wertvorrangfragen« auf, die je nach den gewählten Lösungen zu ganz unterschiedlichen Resultaten führe. Diese Unterschiede seien für die Verwaltungsobjekte allerdings von höchster Bedeutung – und eben nicht einfach durch eine rein technisch verstandene Organisation lösbar (S. 214).

In »Strukturwandel des politischen Kompromisses« (S. 271ff.) aus dem Jahr 1941 zieht Kirchheimer mit Blick auf das Herrschaftssystem des Nationalsozialismus den Schluss, da Geld nicht länger als Vermittler zwischen ökonomischem und politischem Leben diene, müsse nun eine andere Koordinationsinstanz für das gesellschaftliche Leben gefunden werden. Übrig geblieben sei die Institution der Führerschaft, die zwischen den rivalisierenden Gruppen schlichten müsse. »Ihre Macht beruht auf der Fähigkeit, jedes Gruppenopfer durch Vorteile auszugleichen, die letztlich aber nur im internationalen Bereich erlangt werden können, das heißt: Durch eine imperialistische Politik«.

In einer Rezension zu Ernst Fraenkels »Doppelstaat« stellt er die These von einem Fortbestehen eines Rechts- neben dem nationalsozialistischen »Maßnahmestaat« in Frage (S. 301ff.). Seine eigene Sicht auf die tatsächliche Rechtsordnung der NS-Diktatur lässt sich ausführlicher dem ebenfalls 1941 erschienenen Text »Die Rechtsordnung des Nationalsozialismus« (S. 309ff.) entnehmen. Kirchheimers eigenes Fazit lautet hier, Recht und Rechtspraxis seien zum Instrument erbarmungsloser Herrschaft und Unterdrückung im Interesse derer geworden, die an den Hebeln wirtschaftlicher und politischer Macht säßen (S. 330).

Der mit 165 Seiten umfangreichste Einzeltext des Bandes ist die 1943 erschienene und hier wie im Original auf Englisch abgedruckte Abhandlung »The Fate of Small Business in Nazi Germany« (S. 333ff.), in der Kirchheimer sich mit den Interessen des Kleinunternehmertums als früher Stütze der NS-Bewegung auseinandersetzt. Anhand der Auswertung und Diskussion einer Fülle von statistischem Material arbeitet Kirchheimer dabei heraus, dass die konkreten ökonomischen Interessen und Erwartungen dieser Gruppe letztlich keine Erfüllung gefunden hätten.

Zu den auch in der Einleitung angedeuteten bemerkbaren Kontinuitäten in Kirchheimers Texten gehört hier sicherlich der Blick auf die Rolle von Kapitalinteressen für die Politik des Dritten Reichs und letztlich auch die Verbindung von ökonomischen Interessen und diktatorischer Herrschaft. Dabei wird sehr deutlich, dass Kirchheimer dies gerade nicht als abstrakte politische These verstand, sondern diese Perspektive auch empirisch sorgfältig begründen wollte.

Insgesamt bietet der hier besprochene Band einen interessanten und informativen Einblick in die Themen und Ansichten Kirchheimers insbesondere während der Jahre des Exils zur Zeit der NS-Herrschaft und lädt zugleich dazu ein, aus Kirchheimers Ansätzen auch aktuelle Themen der Verknüpfung ökonomischer Interessen und politischer Herrschaft zu betrachten.

Thilo Scholle,Lünen

 

Zitierempfehlung:

Thilo Scholle: Rezension von: Hubertus Buchstein/Henning Hochstein (Hrsg.): Otto Kirchheimer – Gesammelte Schriften. Bd. 2: Faschismus, Demokratie und Kapitalismus, Nomos Verlag, Baden-Baden 2018, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81922> [27.4.2020].

Siegfried Mielke/Stefan Heinz: Alwin Brandes (1866–1949). Oppositioneller – Reformer – Widerstandskämpfer

Rezension zu: Siegfried Mielke/Stefan Heinz: Alwin Brandes (1866–1949). Oppositioneller – Reformer – Widerstandskämpfer (Reihe Gewerkschafter im Nationalsozialismus. Verfolgung – Widerstand – Emigration, Bd. 9)

Metropol-Verlag | Berlin 2019 | 566 Seiten, gebunden | 29,00 € | ISBN 978-3-86331-486-6

Rezension als pdf

In der von Siegfried Mielke und Stefan Heinz herausgegebenen Schriftenreihe »Gewerkschafter im Nationalsozialismus. Verfolgung – Widerstand – Emigration« sind seit 2012 mittlerweile neun sehr verdienstvolle und materialreiche Studien über die deutsche Gewerkschaftsbewegung und einige bedeutende Repräsentanten unter der NS–Diktatur erschienen. Der Schwerpunkt lag dabei vor allem auf dem Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV), der mitgliederstärksten und wichtigsten freien Gewerkschaft, die von 1891 bis zu ihrer Auflösung 1933 existierte, und dem Wirken antifaschistischer Mitglieder nach der Zwangsauflösung durch das NS–Regime am 2. Mai 1933. Auch dieser 9. Band, zum zweiten Mal eine Biografie eines wichtigen Funktionärs, sticht in jeder Hinsicht hervor. Zum 150. Jubiläum der Gründung eines einheitlichen Metallarbeiterverbands (28.–30.11.1869 in Braunschweig) erschien die Biografie von Alwin Brandes (1866–1949), der dem DMV von 1919 bis 1933 vorstand.[1] Das Vorwort stammt daher vom Ersten Vorsitzenden der IG Metall, Jörg Hofmann.

Für Gewerkschafter des Kaiserreichs und der Weimarer Republik wie Alwin Brandes, geboren am 12. Juni 1866 im sächsischen Groß-Schönau, gilt allzu häufig, dass sie von der Geschichtswissenschaft stiefmütterlich behandelt wurden. Dies liegt vor allem an der schwierigen Quellenlage, aber auch an einer leicht hochnäsigen Bewertung dieser oft aus sehr einfachen Verhältnissen stammenden Akteure der Sozialgeschichte. Umso mehr sind Siegfried Mielke und Stefan Heinz bestrebt, das Leben und Wirken dieser in ihrer Zeit prägenden und dennoch heute vergessenen Arbeitervertreter der Nachwelt wieder zugänglich zu machen. Sicher gehört Brandes in eine Reihe historisch bedeutender Vorsitzender der deutschen Metallarbeitergewerkschaften wie Robert Dißmann, Otto Brenner, Willy Bleicher, Eugen Loderer und Franz Steinkühler.

Zu den Problemen der Quellenlage zählte das Fehlen eines Nachlasses. Die Verfasser mussten somit auf die detektivische Recherche in diversen Bibliotheken und Archiven zurückgreifen. Erst seit seiner Zeit als Magdeburger Stadtverordneter, besoldeter Gewerkschaftsfunktionär und Reichstagsabgeordneter eröffnete sich eine umfassendere Quellenbetrachtung aus solidem Fundus. Und so kann Brandes im Geist seiner Generation von Sozialdemokraten und Gewerkschaften als Verkörperung des Typus eines »Arbeiterbeamten« charakterisiert werden, der nach seiner Ausbildung und nach erfolgreichem Start in der Arbeiterbewegung schnell in ihr aufging und von ihr besoldet wurde.

Seine Geburt stand unter keinem guten Stern. Zwei Tage nach seiner Geburt brach der deutsch-österreichische Krieg von 1866 aus, in dem Sachsen auf Seiten Wiens stand und somit kurz darauf auf der Seite der Verlierer. Mittellos floh die Familie zunächst nach Halle/Saale, zog mehrfach in der Region zwischen Saale, Elbe und Harz um und blieb seit 1892 in Magdeburg. Der junge Alwin wäre 1866 beinahe an der Cholera verstorben, die sich an den Frontlinien des Kriegs verbreitete. In Magdeburg erlernte Alwin das Schlosserhandwerk, ging auf Wanderschaft, nahm nebenbei Musikunterricht und lernte in Halle seine spätere Frau Minna kennen. Politisiert wurde der junge Schlosser und Maschinenbauer vor allem durch den Sozialdemokraten Wilhelm Hasenclever. Der inzwischen verheiratete Familienvater Alwin trat am Ende des Jahres 1890, dem Jahr des Reichstagswahltriumphs und des Auslaufens des »Sozilistengesetzes«, der Sozialdemokratie bei, die sich seit dem Hallenser Parteitag von 1890 SPD nannte. In dem zur Krupp AG gehörigen Grusonwerk wirkte er seit 1891 fortan als Vertrauensmann des DMV. Im Jahr 1900 wurde er zum Geschäftsführer der DMV-Verwaltungsstelle Magdeburg gewählt. In Magdeburg dürfte er auch den radikalen Aktivisten Otto Feige kennen gelernt haben, der mit ziemlicher Sicherheit als B. Traven in die Literaturgeschichte einging.[2]

Kennzeichnend für Brandes’ politisches Agieren war, bei einer gewissen Affinität zu radikaleren Positionen innerhalb der SPD und der Gewerkschaften, ein vermittelndes Auftreten. Dies galt auch für den »Burgfrieden«, den die Führungen beider Arbeiterorganisationen bei Beginn des Ersten Weltkriegs mit der Reichsleitung geschlossen hatten. 1916 wurden die innerfraktionellen offenen Gegner der Kriegskredite aus der SPD-Fraktion ausgeschlossen und bildeten die »Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft« (SAG). Brandes warb um Verständnis für die Gemaßregelten und verstärkte im Krieg sein offensives Auftreten für eine drastische Änderung der Gewerbeordnung und forderte die Einführung des Achtstunden-Arbeitstags und das Verbot der Sonntagsarbeit für Frauen. Die Spaltung der Sozialdemokratie konnte Brandes indes nicht verhindern und trat im Dezember 1917 der USPD bei.

Die umfassendste Rekonstruktion des Lebens und Wirkens von Brandes finden sich in den beiden Kapiteln zur Weimarer Republik und seiner Tätigkeit als DMV-Vorsitzender (Kap. 5) und zu seiner Widerstandstätigkeit während der NS-Diktatur (Kap. 7) Während der Novemberrevolution 1918/19, die er als Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrats in Magdeburg[3] erlebte und mitgestaltete, versuchte Brandes, die beiden konkurrierenden Perspektiven der Nationalversammlung und der Rätedemokratie miteinander zu verbinden. Hier zeigte sich einmal mehr der von den Biografen herausgestellte Charakterzug eines Vermittlers zwischen den Strömungen. Den Rätegedanken übertrug er konsequent auf die Fragen der Sozialisierung und der »Betriebsdemokratie« und blieb diesem letzteren Konzept auch während der Weimarer Republik treu. Betriebsdemokratie und Wirtschaftsdemokratie, wie sie die SPD als programmatisches Konzept formulierte, bedingten einander. Doch auch hier baute die Realgeschichte kaum tragfähige Brücken, und so vollzog sich auch im DMV die Spaltung der Gewerkschaftsbewegung infolge der RGO-Politik der KPD. Eine »Einheitsfront von unten« war 1932/33 mit Brandes nicht zu machen.

Schon in der Weimarer Republik engagierte sich Brandes antifaschistisch, einmal als Unterstützer des »Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold«, aber auch als Mitglied des »Staatsgerichtshofs zum Schutze der Republik«, der nach dem Mord an Walther Rathenau durch das »Republikschutzgesetz« begründet wurde. Auch als Reichstagsabgeordneter (1920–1924, 1928–1933) war er mit dem Aufstieg der NS-Bewegung konfrontiert. Da er die Tolerierungspolitik gegenüber der Präsidialregierung Brüning nach außen mittrug, um die SPD nicht weiteren Zerreißproben auszusetzen, geriet auch er zwischen die Stühle. Als Hitler an die Macht gebracht wurde, war die Arbeiterbewegung zu geschwächt und gespalten, um ihn wirkungsvoll abzuwehren. Es blieb für Brandes der Weg in den Widerstand, den er von 1933–1945 konsequent einschlug, der ihm auch die Qualen der KZ-Haft und einen Prozess vor dem »Blutgericht«, dem Volksgerichtshof eintrug. Dieses Kapitel ist ohne Zweifel das spannendste dieser Biografie. In den ihm verbleibenden Jahren bis zu seinem Tod am 6. November 1949 wandte sich Brandes dem Aufbau der Gewerkschaftsbewegung als Einheitsgewerkschaft zu. Zum FDGB stand er schnell in Opposition.

Diese Biografie, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung und der IG Metall, ist in jeder Hinsicht gelungen und empfehlenswert.

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn


[1]Eine weitere Biografie aus dieser Reihe: Gunter Lange, Siegfried Aufhäuser (1884–1969). Ein Leben für die Angestelltenbewegung, Berlin 2013.

[2] Vgl. Jan-Christoph Hauschild, Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven, Berlin 2018.

[3]Am 6. April 1919 wurde Brandes auf Anordnung von Reichswehrminister Gustav Noske wegen angeblicher Vorbereitung einer Verschwörung verhaftet, musste aber nach sechs Tagen wieder entlassen werden.

 

Zitierempfehlung

Holger Czitrich-Stahl: Rezension von: Siegfried Mielke/Stefan Heinz: Alwin Brandes (1866–1949). Oppositioneller – Reformer – Widerstandskämpfer (Reihe Gewerkschafter im Nationalsozialismus. Verfolgung – Widerstand – Emigration, Bd. 9), Metropol-Verlag, Berlin 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81921> [27.4.2020].

Mario Keßler: Westemigranten. Deutsche Kommunisten zwischen USA-Exil und DDR

Rezension zu: Mario Keßler: Westemigranten. Deutsche Kommunisten zwischen USA-Exil und DDR (Zeithistorische Studien, Bd. 60)

Böhlau Verlag | Köln/Weimar etc. 2019 | 576 Seiten, gebunden | 65,00 € | ISBN 978-3-412-50044-3

Rezension als pdf

Das Thema hat es in sich: das Mit-dem-Leben-davongekommen-Sein; die sich türmenden Hürden der Einreise in die sich abschottenden USA; die beruflichen Schwierigkeiten und wirtschaftlichen Engpässe des Exilantenlebens; zumal bei den jüdischen Genossinnen und Genossen das quälende Wissen, zumindest die Ahnung, um das Schicksal der im deutschen Machtbereich zurückgelassenen Verwandten; die nicht minder quälenden Gewissensfragen rund um den deutsch-sowjetischen Pakt und die Moskauer Prozesse; schließlich der Sieg der Alliierten und die Hoffnung auf einen fundamentalen Neubeginn in Deutschland, wohin man der Kommunistenhatz der Trumanzeit entkommen wollte; die wirtschaftliche Sicherheit in der jungen DDR, wo Opferrenten und wohldotierte Lehrstühle der Remigranten harrten; dann die Verdächte, was an kultureller Konterbande im Gepäck der »Westemigranten« mitgeführt worden sein könnte; die Parteiüberprüfungen; die Prozesse in den Bruderstaaten, die Mario Keßler zu Recht als antisemitisch klassifiziert; und die Frage nach dem richtigen Handeln: ob man sich pragmatisch einrichten, mahnend die Stimme erheben oder das Weite suchen sollte… Keßler, Autor der angezeigten Kollektivbiografie, hat über zahlreiche seiner Protagonisten bereits Einzelstudien vorgelegt und darf somit als ausgewiesener Fachmann gelten. Sein Buch, das von der ersten bis zur letzten Seite fesselt, besticht durch Sachkenntnis, kritische Empathie und, immer mal wieder, einen äußerst feinen Humor.

Etwa vier Dutzend sehr unterschiedliche Personen stehen im Fokus des Interesses. Gemeinsam war ihnen, dass sie (was bei der Einreise in die USA tunlichst verschwiegen werden sollte) Mitglied der Kommunistischen Partei waren oder dieser zumindest nahestanden. Das FBI, das die deutsche Emigrantenszene ohnedies beobachtete, gab sich bei den Kommunistinnen und Kommunisten besondere Mühe. Nach ihrer Rückkehr in die DDR tat es der Staatssicherheitsdienst den amerikanischen Kollegen gleich. Die sorgsame Auswertung sowohl der FBI- als auch der Stasi-Unterlagen sorgt für eine spannungsreiche Lektüre. Manch einer der Exilanten, insonderheit Bertold Brecht, begann sein Gastland regelrecht zu hassen – was ihn nicht daran hinderte, 1941 die amerikanische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Andere, wie der Biochemiker Samuel Mitja Rapaport, dem Präsident Harry S. Truman das Certificate of Merit, die höchste Zivilauszeichnung, verliehen hatte, hätten sich wohl durchaus vorstellen können, in den USA zu bleiben, was ihnen durch die politische Großwetterlage indes verunmöglicht wurde. Auch Stefan Heym, der sich selbst übersetzte und ein deutsch-amerikanischer Autor im Wortsinn wurde, und Franz Carl Weiskopf verließen die USA nur auf äußeren Druck. Wesentlich prominenter war der Fall Gerhart Eislers, der beileibe nicht jener Superagent war, als den ihn seine Schwester den amerikanischen Sicherheitsbehörden schmackhaft machen wollte, wohl aber ein in konspirativer Arbeit erfahrener KP-Spitzenfunktionär. Die Familienfehde der Eislers, der Charlie Chaplin die Qualität eines Shakespearedramas zuerkannte, bleibt uns der Ruth-Fischer-Biograf Keßler selbstredend nicht schuldig.[1]

Ausführlich schildert er die Organisationsgeschichte des 1944 gegründeten Council for a Democratic Germany, in dem Exilkommunisten wie Albert Schreiner und Jacob Walcher (beide mit abweichlerischer Vergangenheit) mit anderen politischen Kräften zusammenarbeiteten und wo eine insgesamt »offene, pluralistische Diskussionskultur« herrschte (S. 162). Genau diese Kultur aber machte die Remigranten dem Staatssicherheitsdienst der DDR verdächtig. »Amerikanische Krankheit«, dieser Begriff ging in den 1950er-Jahren als Synonym für allzu liberalistische und kosmopolitische Neigungen um. Der Krankheitsverlauf konnte tödlich sein, und es grenzt an ein Wunder, dass keiner der hier untersuchten USA-Remigranten den DDR-Strafvollzug persönlich kennenlernen musste. Während der Rabbinersohn Albert Norden, auch er ein German-Council-Mitglied, in ZK und Politbüro aufsteigen sollte, war es der aus Mexiko heimgekehrte Paul Merker, der sich, als Nichtjude, Anschuldigungen zionistischer Betätigung stellen musste und in Haft genommen wurde. Dass es in der DDR, anders als in der Tschechoslowakei und in Ungarn, zu keinem großen Schauprozess mehr kam, war sein und vieler anderer Remigranten Glück. Wer glaubhaft Selbstkritik übte, wer Selbstverleugnung nicht scheute, konnte im neuen Staat Karriere machen; wer dies verweigerte, eher nicht. Schreiner und Walcher, einstmals Mitglieder von KPO und SAPD, mögen für diese beiden Möglichkeiten stehen.

Die aus Amerika Heimgekehrten wurden beargwöhnt, überwacht, mit ihnen wurden Gespräche geführt, Akten wurden über sie angelegt – aber sie wurden auch benötigt. Im ideologischen Kampf brauchte man Leute, die den Gegner kannten. Hermann Budzilawski, langjähriger Herausgeber der Exil-Weltbühne, musste als früheres SPD- und jetziges SED-Mitglied seine Verlässlichkeit erst noch beweisen und holte zu Rundumschlägen aus, die von konservativer Kulturkritik mitunter kaum zu unterscheiden waren. Andere, Alfred Kantorowicz, Ernst Bloch und Stefan Heym, ließen sich nicht (dauerhaft) verbiegen und mussten, da, wie Keßler schreibt, der linke Kritiker den Parteioberen stets gefährlicher schien als der rechte Gegner, die Konsequenzen tragen: indem sie das Land verließen, das Leben eines Dissidenten führten oder, wie der besonders tragische Fall der Familie Duncker, schwiegen. Das Panorama, das Keßler entfaltet, die Porträts, die er zeichnet, die Gedankenwelten, in die er uns führt, können hier nur angerissen werden. Immer wieder werden Seitenstränge seiner Erzählung verfolgt, verweilen wir bei dieser oder jener Person und lernen auf diese Weise viel über die kleine, bei Wohlverhalten privilegierte, aber doch stets als Außenseiter behandelte Gruppe der USA-Remigranten in der DDR. Auch sie gehörten, um Maxim Leos Bestseller zu zitieren, zu jener »Minderheit, die in der DDR die Macht übernommen hat[te] und sich trotzdem fremd fühlt[e] in diesem Deutschland, aus dem sie einst vertrieben« worden war.[2] Eine Minderheit, der mit politischen Etikettierungen (»antifaschistischer Widerstand« vs. »Unrechtsstaat«) nicht beizukommen ist und die unser Interesse verdient. Auch wenn es bereits geweckt worden ist – Keßler hält es wach.

Max Bloch, Köln

[1] Vgl. Mario Keßler, Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten (1895–1961), Köln/Weimar etc. 2013.

[2]Maxim Leo, Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte, München 2011, S. 26.

 

Zitierempfehlung:

Max Bloch: Rezension von: Mario Keßler: Westemigranten. Deutsche Kommunisten zwischen USA-Exil und DDR (Zeithistorische Studien, Bd. 60), Böhlau Verlag, Köln/Weimar etc. 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81920> [27.4.2020].

 

Martin Kohlrausch: Brokers of Modernity. East Central Europe and the Rise of Modernist Architects, 1910–1950

Rezension zu: Martin Kohlrausch: Brokers of Modernity. East Central Europe and the Rise of Modernist Architects, 1910–1950

Leuven University Press | Leuven 2019 | 399 Seiten, broschiert | 55,00 € | ISBN 978-94-6270-172-4

Rezension als pdf

Es ist Common Sense, dass man die Moderne als ein westliches Konzept versteht, wie es sich in den Bereichen der Kunst, der Architektur und des Städtebaus manifestierte, wie es auf Leitideen und sozialen Bewegungen fußte, die sich in (West-)Europa und den USA entwickelten. Zugleich existiert ein wahrer Kult um die stark vermarktete, aber nur halb verstandene Moderne mit ihren Pilgerorten wie Weimar, Dessau, Marseille oder Berlin.

Inzwischen geriet die Vorstellung einer westlichen bzw. europäischen Moderne von verschiedenen Seiten unter Druck. Das Konzept wurde dynamisiert, behielt aber seine historiografische Kontur. Es ist, zum Ersten, längst klar, dass »Moderne« nicht per se etwas Positives ist, sondern dass zu ihr sehr destruktive Phänomene und Gewalten gehören. »Moderne« Technologien dienten auch der Menschenvernichtung, nicht allein dem Aufbau neuer gerechter und ›rational‹ gestalteter Welten. Zum Zweiten wurde die Vorstellung einer allein ›europäisch‹ oder ›westlich‹ geprägten Moderne auf globalgeschichtlicher Ebene kritisiert, es wurde auf ›alternative‹ Modernen, Konzepte und Bewegungen verwiesen. Zum Dritten betonten einige Stimmen, dass die Moderne, speziell die modernistische Architektur, keineswegs nur in Westeuropa beheimatet ist. Sie stand auf sehr komplexe Weise mit den Umbrüchen in ganz Europa nach dem Ersten Weltkrieg in Zusammenhang.

Hier setzt das Buch von Martin Kohlrausch an, der sich dem östlichen Zentraleuropa zuwendet, das heißt den nach 1918 entstehenden neuen Nationalstaaten Ungarn, Tschechoslowakei und – insbesondere – Polen. Der Autor insistiert darauf, dass Moderne, verstanden als Reformbewegung, als äußerst intensiver kommunikativer und diskursiver Zusammenhang und als praktischer Impuls für die Modernisierung und Verbesserung von Gesellschaft, Bauen und Wohnen, in hohem Grad im östlichen Zentraleuropa zu verorten ist. Obwohl zu dieser Geschichte die Sowjetunion als extrem modernisierendes Regime, wo deutsche Ingenieure und Architekten wie Ernst May tätig wurden, dazugehört, geht Kohlrausch auf diesen Komplex allerdings nicht weiter ein, und konzentriert sich auf Polen, ohne transnationale Zusammenhänge der Architekturmoderne und die besonderen Beziehungen zu einschlägigen Akteuren in den Nachbarländern wie Deutschland zu unterschlagen.

Der Verfasser entwickelt starke Thesen und diese auf ungewöhnlich reichhaltiger Quellenbasis: Die für die Formierung der Moderne in Architektur und Städtebau maßgebliche Congrès Internationaux d`Architecture Moderne (CIAM) sei, erstens, deutlich stärker als bislang wahrgenommen wurde, von östlichen Akteuren geprägt gewesen, und die sich wiederum in einem eigenen Zusammenhang organisierten, der CIAM-Ost. Dieser Zusammenhang kam durch sehr enge persönliche Beziehungen, brieflichen Austausch, auf Konferenzen und kleineren Treffen sowie projektbezogenes Zusammenarbeiten zustande. Kohlrausch nennt ferner realisierte modellhafte Bauvorhaben, Siedlungen und Schlüsselbauten der Architekturmoderne. Zweitens arbeitet er die Rolle heraus, die in Polen modernistische Architekten wie Szymon und Helena Syrkus als technische und politisierte Experten für den Wandel von Städten und Gesellschaften übernahmen. Hierzu führt der Autor die Figur des »Ingenieur-Architekten« ein. Er schreibt der CIAM-Ost einen radikaleren Charakter als ihren westlichen Kollegen zu, was teils durch den Reformdruck, der in Zentraleuropa bestand (extreme Wohnungsnot, ungeheure demografische Dynamik besonders in Warschau, besondere Defizite bei der Infrastrukturentwicklung), zu erklären ist, teils dadurch, dass die polnische Staatsadministration sich selbst von ihrer modernisierenden Funktion her begriffen habe.

Die CIAM-Ost stand so im internationalen Zusammenhang, verstand sich als internationalistische Gruppe, diente aber auch nationalen Aufbauzielen. Sie ging explizit vom Begriff der Moderne aus, agierte im Zuge eines nachholenden Modernisierungsprogramms und entwickelte wachsend eigene Varianten und Designs. Drittens verdeutlicht der Verfasser die einengenden Rahmenbedingungen, unter denen die Ingenieurarchitekten handelten: Der Krieg hatte zwei Millionen Gebäude vernichtet, die neuen Territorien waren durch beträchtliche ethnische und politische Spannungen geprägt. Die Berufsgruppe der Architekten war erst dabei, sich (allerdings sehr rasch) zu formieren, dem Reformwohnungsbau standen nur geringe Fonds zur Verfügung. Das Programm der Effizienzsteigerung stieß außerhalb der Metropole (wie man ergänzen sollte, in der kleinbäuerlichen und kleinstädtischen Gesellschaft) auf nicht überwindbare Schwierigkeiten. Planungstechniken mussten erst erprobt, deren visuelle Veranschaulichung fortentwickelt werden. Schließlich erzielte der polnische Staat große Fortschritte bei der Infrastrukturentwicklung (Hafen von Gdingen), litt indes aber unter allgemeiner wirtschaftlicher Knappheit. Dennoch: der Raum des östlichen Europas erscheint bei Kohlrausch entschieden als »space of opportunities« und staatliche (offensichtlich weniger städtische) Akteure zogen verschiedene große Wohnungsbauprogramme auf, von denen modernistische Architekten profitieren konnten.

Martin Kohlrausch setzt in seinen empirischen Kapiteln sein Exposé sehr gekonnt um: Er charakterisiert zunächst den neuen Typ des Architekten als sich selbst so verstehenden, teilweise als solchen anerkannten sozialpolitischen Experten. Die Leitbegriffe Technologie, Planung und Technokratie werden quellenreich erläutert, die Selbstorganisation der Berufsgruppe (hauptsächlich deren Spitze) aufgearbeitet. Es werden Modellprojekte vorgestellt und auf deren Design eingegangen. Kohlrausch rekonstruiert die Medialität der Bewegung (»communicating social change through architecture«) und unterstreicht die Gründung eigener Journale sowie die Rolle von Ausstellungen. Der Autor vollzieht die internen Diskussionsprozesse der Szene nach, bis diese durch rechtsradikale und radikalnationalistische Tendenzen in den Gesellschaften selbst immer mehr unter Druck geriet. Schließlich behandelt der Autor die traurige Geschichte von erzwungener (und manchmal scheiternder) Emigration, schließlich der Internierung und Verfolgung im ausgreifenden Nationalsozialismus. Das Buch schließt mit Ausblicken auf den Neubeginn der Stadtplanungen in Warschau nach dessen Untergang schon Ende 1944, bis die Reformgruppen 1949 weitgehend durch die stalinistische Machtübernahme gestoppt wurden.

Manche Komplexe hätte man sich näher ausgeführt gewünscht (insbesondere Belege für die Kooperation von Architekten und modernisierender Bürokratie sowie zur praktischen Umsetzung von Stadtbauplänen über 1945 hinaus), indes kann kein Zweifel darüber bestehen, dass der Verfasser das Äußerste geleistet hat, was überhaupt möglich war, betrachtet man vor allem die Zugänglichkeit von Quellen, die er erstmalig erschlossen hat. Die Arbeit rückt demnach nicht nur die Gewichte in der Wahrnehmung dessen, was Architekturmoderne überhaupt ist, zurecht, sondern weist die beträchtliche diskursive Kraft von Modernisierungsbewegungen in Zentraleuropa nach. Dass die polnischen Architekten durch den nationalsozialistischen Krieg zu einem Drittel den Tod erlitten, gehört ebenso zum Gesamtbild wie der von Kohlrausch souverän erbrachte Nachweis, wie viele konstruktive Impulse aus dem untersuchten Raum auf die Entstehung der Disziplin Städtebau ausgingen.

Clemens Zimmermann, Saarbrücken

 

Zitierempfehlung:

Clemens Zimmermann: Rezension von: Martin Kohlrausch: Brokers of Modernity. East Central Europe and the Rise of Modernist Architects, 1910–1950, Leuven University Press, Leuven 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81919> [27.4.2020].

 

Manuel Limbach: Bürger gegen Hitler. Vorgeschichte, Aufbau und Wirken des bayerischen »Sperr-Kreises«

Rezension zu: Manuel Limbach: Bürger gegen Hitler. Vorgeschichte, Aufbau und Wirken des bayerischen »Sperr-Kreises« (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 102)

Vandenhoeck & Ruprecht | Göttingen 2019 | 569 Seiten, gebunden | 83,00 € | ISBN 978-3-525-31071-7

Rezension als pdf

Im August 1944, als die alliierten Truppen in Florenz einrückten, verließ der ehemalige bayerische Kronprinz Rupprecht nach Monaten deutscher Besatzung sein Versteck. Ein Brigadier, Kommandant der amerikanischen Garnison, wurde des huldvollen Danks des Hauses Wittelsbach teilhaftig und ließ, so wird berichtet, bei der Abschiedsparade stolz »das bayerische Kreuz zwischen den amerikanischen, englischen, französischen Auszeichnungen auf seiner Heldenbrust glitzern, ehe er seine Soldaten zum Sturm auf die Gotenlinie führte«.[1] Seit vier Jahren lebte Rupprecht schon im selbstgewählten Exil, und die Zeit nach dem Sturz des Nationalsozialismus imaginierte er als die Zeit eines neu zu begründenden bayerischen Königtums. Das hatte er in den letzten Jahren in zahlreichen Denkschriften vor allem der amerikanischen und britischen Administration – ohne allzu große Resonanz – unermüdlich zu verdeutlichen gesucht und so hatte er sich 1933/34 bereits gegenüber dem bayerischen Gesandten beim Reich, Franz Sperr, und dem ehemaligen Reichswehrminister Otto Geßler geäußert. Diese Gespräche waren, erfahren wir aus Manuel Limbachs Bonner Dissertation, die Initialzündung des »Sperr-Kreises«, einer bayerischen Widerstandsgruppe, die sich vornehmlich aus Teilen der bürgerlichen Elite zusammensetzte und Vorkehrungen treffen wollte für ein postnationalsozialistisches Bayern: die Zeit »Danach«.

Neben Geßler und Sperr, der im Juni 1934 sein politisches Amt niederlegte, gehörte der vormalige Reichswirtschaftsminister Eduard Hamm zum Führungszirkel der Gruppe. Da, wie Limbach betont, die Entscheidung zum Widerstand immer eine persönliche Entscheidung ist, werden die Lebensläufe Sperrs, Geßlers und Hamms bis 1933 (»Bayerische Karrieren in der Weimarer Republik«) ausführlich behandelt. Sperr fand sich nach seinem Rücktritt ebenso wie die beiden ehemaligen DDP-Mitglieder Geßler und Hamm auf dem politischen Abstellgleis wieder – ohne sich hiermit jedoch zufriedengeben zu wollen. Als ehemaliger bayerischer Offizier und Spitzenbeamter trat er, gemeinsam mit Geßler, in Gespräche mit dem Kronprinzen ein, zu denen etwa ab 1936 auch Hamm hinzugezogen wurde. Aus diesen Gesprächen resultierte Sperrs unermüdliche Netzwerkarbeit. Es ging ihm darum, möglichst überall im Land nicht nationalsozialistische Vertrauensleute in Wehrmacht, Polizei, Wirtschaft und Justiz zu gewinnen, die im Fall eines Umsturzes Ordnung und Sicherheit garantieren könnten. Der Kronprinz fungierte hierbei als eine Art »Integrationsfigur«, da man ihm zutraute, »den Übergang von der Diktatur zu einer neuen Ordnung« zu gewährleisten. Wie diese »neue Ordnung« aussehen sollte, ließ man geflissentlich offen. Die Wiederherstellung des Rechtsstaats war Common Sense; ob die Rückkehr zur Monarchie hingegen als realpolitisch praktikabel anzusehen war oder nicht, blieb Gegenstand der Diskussionen. Limbach mahnt daher, den »Sperr-Kreis« nicht als primär monarchistisch einzuordnen. Das alle Mitglieder des Kreises einende Band war aber Bayern, dessen föderale Rechte es nach dem Sturz des Nationalsozialismus zu wahren und durchzusetzen galt.

Zivile Einrichtungen wie die »Deutsche Gesellschaft für Wehrpolitik und Wehrwissenschaft« dienten als Tarnung für Sperrs konspirative Tätigkeit; dasselbe galt für die »Münchener Rückversicherungsgesellschaft« unter dem schillernden Kurt Schmitt, vormals ein Finanzier der NSDAP und Hitlers Reichswirtschaftsminister, die Sperr und Hamm ein Unterkommen bot und von Limbach sogar als ein »Hort des Widerstands« bezeichnet wird. Der Kontakt ins Ausland lief über Geßler. Die Verbindung zu seinem früheren Marineadjutanten (und nunmehrigen Abwehrchef) Wilhelm Canaris ermöglichte ihm seine Reisen in die Schweiz (zu Joseph Wirth), nach Florenz (zu Rupprecht) und zum Vatikan. Das Zwielichtige, das diese Reisen umgab, übergeht Limbach in seiner spannenden Darstellung nicht: Indem Geßler gegenüber den Westalliierten den Preis eines erhofften Friedensschlusses in die Höhe zu treiben suchte, agierte er teilweise im Sinne des Regimes, und manch anderem Widerständler schien er sich während der Phase deutscher Siege zu einem regelrechten Nazi zu mausern. Über Alfred Delp bestanden Beziehungen Sperrs zum »Kreisauer Kreis«, und am 21. September 1943 kam es sogar zu einem Treffen mit Helmuth James Graf von Moltke. Auf dessen Umsturzpläne – die »Kreisauer« wollten in Bayern den Erstschlag führen – reagierte Sperr hingegen verhalten. Dies wiederholte sich bei einem Treffen mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 6. Juni 1944, als dieser ihn, ausgerechnet am »D-Day«, in die Attentatspläne einweihte. Diese Zögerlichkeit wird von Limbach kritisch gewertet: Der »Sperr-Kreis« habe ausschließlich »zweckorientiert« – mit Blick auf Bayern – gehandelt; indem er sich einer aktiven Mitwirkung an den Umsturzplänen verweigerte, habe er die Fortdauer des Regimes, die Fortdauer des Mordens und die Fortdauer des Sterbens an den Fronten in Kauf genommen.

Diese Haltung begründet der Autor überzeugend: Der »Sperr-Kreis« setzte sich in erster Linie aus bürgerlichen Honoratioren älteren Semesters zusammen, die allesamt das Trauma von 1918/19 erfahren hatten, als Chaos und Anarchie über das von ihnen glorifizierte Bayernland fegten. Eine solche Situation wollten sie – nach dem ersehnten Ende des ungeliebten Hitlerreichs – verhindern helfen. Umstürzler, gar Revolutionäre waren sie nicht, und vor diesem Hintergrund durften die jungen Offiziere, die den »entscheidenden Wurf« (Henning v. Treskow) wagen wollten, auf ihre Unterstützung nicht rechnen. Abgesehen davon waren die Möglichkeiten des »Sperr-Kreises« begrenzt: Limbach zählt 49 gesicherte Mitglieder der Gruppe zuzüglich eines weiteren Unterstützerkreises. Ihr Fokus lag auf einem bayerischen Weg aus der Misere, gegebenenfalls einem bayerischen Sonderfrieden mit den Westalliierten, und hierfür suchten sie die Unterstützung des ehemaligen Generalstabschefs Franz Halder und des sich nicht minder windenden NS-Reichsstatthalters Franz Ritter von Epp. Vom Attentatsversuch des 20. Juli 1944 erfuhren Sperr und seine Freunde aus dem Radio. In Bayern war von einem Umsturzversuch ansonsten kaum etwas zu spüren, wodurch der bayerische Widerstand beim Praxistest eigentlich versagte. Aufgrund einer älteren Kabinettsliste Carl Friedrich Goerdelers, die durch die Gestapo sichergestellt worden war, wurde Geßler am 22. Juli verhaftet. Unter der Folter gab er die Namen Sperrs und Hamms preis, die am 28. Juli beziehungsweise 2. September ebenfalls in Haft genommen wurden. Sperr wurde am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet; Hamm hatte sich der Hinrichtung durch einen tödlichen Sprung aus dem Fenster des Gestapogefängnisses entzogen. Einzig Geßler, was bemerkenswert ist, kam ohne Anklage davon.

Das Ausmaß der konspirativen Tätigkeit des »Sperr-Kreises« blieb der Gestapo verborgen, wodurch es kaum zu weiteren Verhaftungen kam. (Franz Reisert und Joseph-Ernst Fugger von Glött kamen mit Haftstrafen davon.) Einige jüngere Mitglieder des Kreises hatten im Frühjahr 1945 Verbindungen zur »Freiheitsaktion Bayern«, die aber nicht, wie mitunter geschehen, als eine Fortsetzung des enthaupteten »Sperr-Kreises« anzusehen ist. Nach Kriegsende hatten die meisten Mitglieder des Kreises einflussreiche Posten in Bayern und im Bund inne und hielten das Andenken an Franz Sperr und Eduard Hamm wach, wobei sie lange auf wenig Resonanz stießen. Kronprinz Rupprecht musste nach seiner Rückkehr nach Bayern den Traum einer Restauration des Königtums zerplatzen sehen. Aber die bayerische Integrität und der bayerische Einfluss – Hauptanliegen des »Sperr-Kreises« – blieben nach Kriegsende immerhin gewahrt. Anteil hieran hatten auch viele seiner Mitglieder, denen die CSU vielfach zur politischen Heimat wurde.

Die Bedeutung des »Sperr-Kreises« für die deutsche Widerstandsbewegung sollte man nicht überschätzen. Das tut Limbach in seiner ausgewogenen und durchdachten Studie aber auch an keiner Stelle. Unterschätzen sollte man sie jedoch genauso wenig. Der »Sperr-Kreis« war sowohl für die »Kreisauer« als auch für Goerdeler und Stauffenberg ein entscheidender Posten in ihrer Rechnung. Von der Widerstandsforschung bislang kaum beachtet, hat Limbach mit seiner Studie zum »Sperr-Kreis« Pionierarbeit geleistet.

Max Bloch, Köln

[1]Max Krell, Das alles gab es einmal, Frankfurt am Main 1961, S. 291.

 

Zitierempfehlung:

Max Bloch: Rezension von: Manuel Limbach: Bürger gegen Hitler. Vorgeschichte, Aufbau und Wirken des bayerischen »Sperr-Kreises« (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 102), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81914> [27.4.2020].

 

Frederico Trocini (Hrsg.): Robert Michels e la Prima Guerra Mondiale. Lettere e documenti (1913–1921)

Rezension zu: Frederico Trocini (Hrsg.): Robert Michels e la Prima Guerra Mondiale. Lettere e documenti (1913–1921) (Fondazione Luigi Einaudi onlus, Studi, Bd. 60)

Leo S. Olschki Editore | Florenz 2019 | xii + 737 Seiten, gebunden | 65,00 € | ISBN 978-88-222-6611-8

Rezension als pdf

Der Soziologe Robert Michels (1876–1936) zählte zu den Pionieren seiner Disziplin und spielte von der Jahrhundertwende bis in die 1930er-Jahre eine Schlüsselrolle in den deutsch-italienischen Kulturbeziehungen. Die Edition der Korrespondenzen Michels’ in der Epoche des Ersten Weltkriegs, die Federico Trocini herausgegeben und mit einer vorzüglichen Einleitung versehen hat, stellt einen bedeutsamen Quellenbestand zur Biografie und zum Werk des Soziologen bereit und eröffnet neue Forschungsperspektiven. Einem größeren Publikum bekannt geworden war Michels durch seine 1911 publizierte »Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie«, die sich vor allem mit den sozialistischen Parteien in Deutschland, Frankreich und Italien befasste. Bei der Erstellung seiner Studie stützte sich der junge Intellektuelle auf Beobachtungen, die er während seines Engagements in der deutschen und italienischen Sozialdemokratie im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gemacht hatte. Allerdings löste sich Michels aus Enttäuschung über das Scheitern des reformistischen Kurses der Parteien wieder vom Sozialismus. Danach strebte er eine Universitätskarriere an und knüpfte rasch Beziehungen zu den führenden Soziologen seiner Zeit in Deutschland und Italien.

Dass Michels heute dennoch – anders als Georg Simmel oder Max Weber – nicht zum engeren Kreis der Gründerväter der Soziologie gezählt wird, hängt eng mit seiner eigentümlichen transnationalen Biografie zusammen. Aufgrund seines sozialistischen Engagements blieb Michels im Deutschen Kaiserreich eine Universitätslaufbahn verwehrt, sodass er in Turin eine Privatdozentur übernahm und nach Italien übersiedelte, was für seine gesamte wissenschaftliche und politische Entwicklung eine fundamentale Rolle spielte. Für die spätere Rezeption des Werks von Michels ist der Umstand grundlegend, dass er sich in den 1920er-Jahren der faschistischen Bewegung annäherte und schließlich als eine Art intellektueller Vermittler des Regimes von Mussolini in Deutschland wirkte. Einen in biografischer Hinsicht möglicherweise noch tieferen Einschnitt bildete freilich der Erste Weltkrieg, wie der vorliegende Briefband eindrücklich zeigt. Trotz einer 1913 erfolgten Berufung auf ein Ordinariat für Politische Ökonomie in Basel erklärte Michels nämlich im Ersten Weltkrieg seine Loyalität gegenüber der italienischen Nation und trat ab 1915 offen für die irredentistischen Ziele des Königreichs Italien ein. Die Entscheidung für Italien hatte weitreichende Folgen für den Soziologen, der während des Kriegs bei seinen italienischen Freunden und Kollegen mühsam um Anerkennung ringen musste, während er in Deutschland massive Kritik auf sich zog und selbst Max Weber oder Werner Sombart mit ihm brachen.

Die Komplexität der Entscheidungsprozesse, die Michels durchlief, lässt sich mit Trocinis überzeugender Zusammenstellung von Briefwechseln hervorragend nachvollziehen. Dies hängt auch damit zusammen, dass sich die Edition nicht auf die Zeit des Ersten Weltkriegs im engeren Sinne beschränkt, denn Trocini hat in seinem Band die Briefe aus der Zeitspanne von 1913 bis 1921 einbezogen, also jene Jahre als Eckdaten gewählt, in denen Michels die italienische Staatsbürgerschaft beantragte bzw. diese schließlich erhielt. Einige der Briefe sind zwar bereits in anderen Editionen publiziert worden, doch darf es als große Leistung der vorliegenden Edition gelten, dass die Korrespondenzen Michels’ erstmals für eine geschlossene Epoche zusammengeführt worden sind und damit ein Gesamtbild entsteht. Dazu trägt auch die gelungene Kommentierung der Briefe und einer ganzen Reihe von beigefügten Dokumenten bei, die konzise Informationen bietet und es dem Leser ermöglicht, die Korrespondenzen in politisch-biografische Zusammenhänge einzuordnen. Eine besondere Transferleistung erbringt der Band für italienische Leserinnen und Leser, da die Korrespondenzen des Kosmopoliten Michels, der seine Briefe in deutscher, italienischer oder französischer Sprache verfasste, in italienischer Übersetzung veröffentlicht werden.

Zur Erschließung des Briefwechsels trägt auch die durchdachte Struktur der Edition bei. Zunächst bietet Trocini mit einem einleitenden Essay einen Abriss der Biografie Michels’ im Ersten Weltkrieg (S. 1–49), der das Dilemma des deutsch-italienischen Intellektuellen in der Epoche des Ersten Weltkriegs herausarbeitet und namentlich die ebenso politisch wie biografisch relevante Problematik der Nation in den Vordergrund rückt. Als überaus nützlich erweist sich auch der »thematische Index« (S. 51–89), mit dem die Briefe unter zehn Oberthemen eingruppiert werden, was das Briefkonvolut für den Nutzer strukturiert und ein gezieltes Nachschlagen erleichtert, aber dennoch die einzelnen Brieftexte als solche zur Geltung kommen lässt. Manche neue Perspektive ergibt sich erst durch die von Trocini geleistete thematische Erschließung. Dies gilt etwa auch für bereits zuvor publizierte Briefe von Max Weber, die in der vorliegenden Edition in einem neuen Licht erscheinen. Von großem Nutzen sind in diesem Zusammenhang auch die beigefügten Dokumente, namentlich entlegen publizierte Zeitungsartikel von Michels. In fünf thematischen Kapiteln, denen jeweils eine kurze Einleitung vorangestellt ist, erfolgt schließlich die eigentliche Edition der Briefe und Dokumente. Detaillierte Verzeichnisse und Indices runden das Werk Trocinis ab.

Eine erste Gruppe von Dokumenten befasst sich mit der Berufung von Michels nach Basel. Die Entscheidung, den Ruf anzunehmen, fiel Michels nicht leicht, da er auf eine Professur in Italien gehofft hatte. Umso schwerer wog die in den Briefen des zweiten Kapitels behandelte Problematik des Ersten Weltkriegs, den Michels 1914 zunächst vehement ablehnte, wie er am 2. September 1914 seinem Turiner Mentor Achille Loria schrieb (S. 263f.): »Ich bin nach wie vor jene Seele in Not, die ich mit Beginn dieses abscheulichen Krieges geworden bin. Ich bin begeistert von meinen Freunden in Italien, die mich mit wahrer Freundschaft behandeln. Alles andere bringt mich zum Verzweifeln. Mein Herz blutet angesichts des Schicksals von Frankreich, das mir sehr am Herzen liegt. Ich sehe voraus, dass dem Krieg eine dauerhafte Epoche des Grolls und des unendlich grausamen Hasses folgen wird. Auch wenn ich weit davon entfernt bin, Deutschland allein die Schuld zuzuschreiben, sehe ich in W[ilhelm] II. einen der Hauptschuldigen und wünsche ihm alles Übel.«

Wie die Briefe von 1914 und 1915 zeigen, ergab sich für Michels nach dem Eintritt Italiens in den Krieg auf Seiten der Alliierten die Notwendigkeit, sich für eine Seite zu entscheiden. Dabei wird deutlich, wie vielschichtig dieser Prozess war, der keineswegs als einfacher Abschied von seinen Vorkriegsidealen betrachtet werden kann. Schmerzhaft war der Bruch mit deutschen Freunden wie Max Weber, der Michels’ deutsch-italienischer Situation und dessen existenziellen Nöte zwar Respekt zollte, aber den Basler Soziologen unmissverständlich dazu aufrief, sich nicht zu politischen Streitfragen zu äußern, sondern zu schweigen (S. 374–376). Diesem Rat folgte Michels freilich nicht und verteidigte seit Mai 1915 offen und energisch die Kriegsziele Italiens und propagierte eine »Italianität«, mit der er sich voll und ganz identifizierte. Abgeschlossen wird der Band mit Briefen, welche die von Michels ersehnte italienische Staatsbürgerschaft betreffen, die er 1921 tatsächlich erhielt. Die nach 1918 verfassten Briefe machen allerdings zugleich deutlich, wie sehr Michels nach dem Ende des Ersten Weltkriegs daran gelegen war, seine alten Kontakte in Deutschland und Frankreich wiederzubeleben und sein transnationales Netzwerk von Korrespondenten aus der Vorkriegszeit erneut aufzubauen. Die von Federico Trocini vorgelegte Briefedition liefert insofern viele neue Einsichten und dürfte sich rasch als Standardwerk nicht nur der Forschung zu Robert Michels, sondern der deutsch-italienischen Ideen- und Wissenschaftsgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts insgesamt erweisen. 

Thomas Kroll, Jena

 

Zitierempfehlung:

Thomas Kroll: Rezension von: Frederico Trocini (Hrsg.): Robert Michels e la Prima Guerra Mondiale. Lettere e documenti (1913–1921) (Fondazione Luigi Einaudi onlus, Studi, Bd. 60), Leo S. Olschki Editore, Florenz 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81917> [27.4.2020].

 

Max Bloch (Hrsg.): Albert Südekum. Genosse, Bürger, Patriarch. Briefe an seine Familie 1909–1932

Rezension zu: Max Bloch (Hrsg.): Albert Südekum. Genosse, Bürger, Patriarch. Briefe an seine Familie 1909–1932

Böhlau Verlag | Köln/Weimar etc. 2017 | 288 Seiten, gebunden | 40,00 € | ISBN 978-3-412-50627-8

Rezension als pdf

Schon der Titel der Briefedition macht deutlich, dass hier kein gewöhnlicher »Genosse« im Fokus steht. Albert Südekum (1871–1944) war das, was man gemeinhin einen »rechten« Sozialdemokraten nennt. Doch erscheint auch diese Kennzeichnung nicht völlig ausreichend, um den besonderen Typus zu beleuchten: Südekum kam aus bildungsbürgerlichem Hause und schloss sich unmittelbar nach Auslaufen des Sozialistengesetzes der wiedergegründeten deutschen Sozialdemokratie an. Damit war er zwar kein Solitär, wie vergleichbare Fälle (Georg Gradnauer, Wolfgang Heine) belegen, aber in der SPD blieb er bis zum politischen Karriereende 1920 die Personifizierung des Typus eines »rechten«, durch und durch patriotisch gesinnten Sozialdemokraten, der die »Burgfriedenspolitik« ab 1914 an führender Stelle mittrug und legitimierte. Der langjährige Reichstagsabgeordnete von Nürnberg und finanzpolitische Experte der SPD-Fraktion avancierte bei Kriegsende 1918 zum preußischen Finanzminister. Lenin hatte bereits 1915 über den bekannten »Burgfriedens«-Politiker geurteilt: »Das Wort ›Südekum‹ hat die Bedeutung eines Gattungsnamens erhalten: Es bezeichnet den Typus des selbstzufriedenen, gewissenlosen Opportunisten und Sozialchauvinisten. Es ist ein gutes Zeichen, dass alle Welt mit Verachtung von den Südekums spricht.« (S. 9).

Diese Beurteilung ist gewiss eine Kennzeichnung von linksradikaler Seite, die der Persönlichkeit im Ganzen nicht gerecht wird. Doch zeigt sie auch, in welcher Weise der heute fast vergessene Politiker zur Dämonisierung unter (weiter linksstehenden) Zeitgenossen regelrecht einlud. Anders als Gradnauer, Heine oder Eduard David galt Südekum schon früh und insbesondere in der eigenen Partei wegen seines betont bürgerlichen Habitus, wegen seiner Einheirat in eine vermögende Unternehmerfamilie und nicht zuletzt wegen seiner Villa in Berlin-Zehlendorf zumindest als Exot. Für die innerparteiliche Linke war er, der »rechte Genosse«, als Reizfigur die Zielscheibe von Häme, Spott und Verachtung. In der parteieigenen Presse, in der er bis 1903 Karriere gemacht hatte, und erst recht als Finanzexperte der Reichstagsfraktion galt er hingegen als versierter und belastbarer Arbeiter, der weit über die Grenzen der eigenen Partei hinaus Respekt und Anerkennung erfuhr. Seine Villa in Zehlendorf entwickelte sich mit der Zeit zur Drehscheibe des linksbürgerlichen Diskurses.

Die vorliegende Edition vertieft manchen Aspekt der Persönlichkeit, der in Max Blochs großer biografischer Studie zu Südekum nicht so stark zum Zuge kam, weil in dieser 2009 veröffentlichten Monografie das Politische (und kaum das Familiäre) im Vordergrund stand. Dass der Herausgeber und Urenkel von Südekum überhaupt einen solchen Band veröffentlichen konnte, hat mit einem Fund auf dem Dachboden des Zehlendorfer Hauses zu tun. Bloch hat die Briefe des Familienpatriarchen Südekum vor allem an seine Ehefrau und an eine seiner Töchter chronologisch geordnet, für jedes Jahr mit einer kurzen Einführung versehen und Michael Wolffsohn für ein Geleitwort gewinnen können. Überdies wurden vom Herausgeber ein biografischer Prolog und ein ebensolcher Epilog als Rahmensetzung eingerichtet, um die Briefe zu kontextualisieren. Besonderes Augenmerk verdienen die zuletzt abgedruckten »Kondolenzschreiben an die Witwe«, die Südekums Bedeutung als widerständiger Netzwerker in der letzten Phase der NS-Diktatur verdeutlichen: Die Briefe, die u.a. Theodor Heuss, Carl Friedrich Goerdeler, Jakob Kaiser, Ernst von Harnack, Graf Westarp, Theodor Leipart oder Paul Löbe schrieben, geben immer wieder auch einen Eindruck von der Persönlichkeit des Verstorbenen: Anders als Lenin schätzte Heuss etwa diese Eigenschaften an Südekum: »Er war klug, tapfer, ritterlich und gütig […] ein Kavalier.« (S. 249).

Freilich ist die Briefsammlung als disparat zu bezeichnen, was zeitliche Lücken ebenso meint wie die unterschiedliche Bedeutung der einzelnen Briefe. Einen »Mehrwert« in politischer Hinsicht und mit Blick auf die Persönlichkeit vermitteln vor allem die wenigen Schreiben von 1909 bis 1914, besonders aber diejenigen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, in der Südekum häufig von der Frau und der Familie getrennt war. Merkwürdig unterbelichtet bleibt dagegen die Zeit der Revolution und seiner Ministertätigkeit; hier sind kaum (relevante) Briefe überkommen. Für die Jahre 1920 und 1921 ist sogar nur ein einziger Brief überliefert. Für die spätere Zeit sind es eher Briefe an seine Tochter Rosemarie und an seine Ehefrau Annemarie, die Südekum als treu sorgenden Familienvater und Ehemann zeigen, der u.a. Reiseeindrücke formuliert. Letztere stammten zumeist von Reisen, die er als frisch gebackener Zündholz-Unternehmer machte.

Die politisch relevanten Briefe zeugen von Südekums reformsozialistischer Einstellung, die etwa harsche Abwehrreflexe gegen die »Rosa-Luxemburg-Gruppe« beinhalten, und sie zeugen von einem Patriotismus, der hin und wieder verhärtete Züge annimmt. Als etwa die Nürnberger Parteileitung 1911 Luxemburg und einen englischen Genossen zu einer Demonstrationskundgebung einladen wollte, opponierte Südekum gegen die Anführerin des linken Flügels wie auch gegen den »nichtswürdigen Deutschenfresser« aus England recht erfolgreich – und zwar sehr zum Leidwesen (»Wutgeheul«) eines Nürnberger Funktionärs (S. 50). Einem weiteren Nürnberger Funktionär habe er seine Meinung »in einer Weise gesagt, dass ihm Hören und Sehen verging« (S. 51). Während einer Kur im schweizerischen Lenzerheide Ende 1913 notierte Südekum über einige seiner Landsleute: »Aber zum Ertragen der hiesigen Deutschen gehört schon ein wenig Humor und Sarkasmus. Namentlich ist da die Sorte ›veränglendeter‹ Deutscher, deren Bestreben, die Muttersprache zu malträtieren, einfach Brechreiz hervorruft.« (S. 59). Im Weltkrieg, den er als Verteidigungskrieg betrachtete, machte er vor allem als (gescheiterter) politischer Reisender ins neutrale Ausland von sich reden, später dann als Militär und eindrücklicher Verfechter eines interfraktionellen Bündnisses aus SPD, Liberalen und katholischer Zentrumspartei. Im Juli 1917 schrieb er seiner Frau: »Also: jetzt Friedensprogramm u. Parlament[arische] Regierung – das ist das Ziel.« (S. 148).

Seinem »Herzenswunsch«, die »Erhebung in den Offiziersstand« (S. 67), kam er im Krieg bald näher: 1915 meldete er sich als Reserve-Unteroffizier bei einem Infanterie-Regiment und wurde u.a. in Brüssel und in Rumänien im rückwärtigen Dienst eingesetzt. Nur wenige Tage nach seiner freiwilligen Meldung schrieb er erheitert seiner Frau: »Heute tüchtig gewirkt, Liebstes. Die Freiübungen mit Bajonettierübungen tun sehr gut.« (S. 68). Auch von der »Abendtafel« beim deutschen Generalgouverneur in Brüssel war Südekum angetan – »dort war es sehr gut« (S. 99). Weniger erbaulich fand er dagegen die Unterkunft in Bukarest, was er mit dem Stoßseufzer »Herrgott, sind diese Rumänen Schweine!« (S. 135) quittierte. Solche nationalistischen Rülpser finden sich freilich selten, seine tiefe Abscheu gegen die Art und Weise des Kanzlerwechsels 1917 und die alldeutschen Expansionisten wirken keineswegs gekünstelt. Doch ist es auffallend, wie stark Südekum in das monarchische System integriert war: Nach einem Kaiserempfang im Juli 1917 berichtete er begeistert seiner Frau, der Kaiser habe ihn »besonders ausgezeichnet« (S. 154), was wohl auch daran lag, dass er als Reichstagsabgeordneter in Leutnantsuniform und mit dem Eisernen Kreuz geschmückt erschienen war.

Nach seinem Ausscheiden als preußischer Finanzminister fühlte sich Südekum von der eigenen Partei, der (M)SPD, im Stich gelassen und abserviert. Im April 1920 hatte er als Protagonist einer sozialdemokratisch-bürgerlichen Koalitionslinie und wegen seiner Verhandlungen mit den Kapp-Putschisten sein Amt verloren. Dass er bei diesem Revirement nicht der einzige war – auch Gustav Noske oder Wolfgang Heine mussten gehen –, konnte ihn nicht milder stimmen. Quasi als Kommentar zum neuen Görlitzer Programm der (M)SPD notierte er im Sommer 1921 aufgebracht: »Ein Blick auf die sogen[annte] ›Politik‹ der SPD zeigt jetzt, dass man eigentlich gar nicht mehr mittun kann. Die Hanswurstiade einer doppelten Ausfertigung des Programmentwurfs – einer mit, einer ohne ›Klassenkampf‹ – ist doll; die widerwärtige Demagogenpolitik als ›opponierende Regierungspartei‹ ist einfach würdelos.« (S. 173). Die narzisstische Kränkung saß zu tief, als dass Südekum ein einigermaßen objektives Urteil über ein Programmdokument hätte abgeben können, das der (M)SPD tatsächlich den Weg zu einer Volkspartei eröffnete; Südekum konnte und wollte es nicht sehen.

Im Ganzen betrachtet verdient dieser Band größere Beachtung dadurch, dass hier ein fast vergessener Sozialdemokrat, Parlamentarier und Minister als Politiker und Mensch klarere Konturen erhält, dass äußerst interessante Facetten einer deutsch-jüdischen Familie (Südekums Frau war getaufte Jüdin) sichtbar werden und dass zudem die Kondolenzbriefe an die Witwe 1944 das erstaunlich breite Netzwerk dieses Politikers offenbaren. Zu guter Letzt darf an dieser Stelle auch auf die gelungene bibliophile Gestaltung des Bandes hingewiesen werden.

Mike Schmeitzner, Dresden

 

Zitierempfehlung:

Mike Schmeitzner: Rezension von: Max Bloch (Hrsg.): Albert Südekum. Genosse, Bürger, Patriarch. Briefe an seine Familie 1909–1932, Böhlau Verlag, Köln/Weimar etc. 2017, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81916> [27.4.2020].

 

Felix Axster/Nikolas Lelle (Hrsg.): »Deutsche Arbeit«. Kritische Perspektiven auf ein ideologisches Selbstbild

Rezension zu: Felix Axster/Nikolas Lelle (Hrsg.): »Deutsche Arbeit«. Kritische Perspektiven auf ein ideologisches Selbstbild (Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart, Bd. 2)

Wallstein Verlag | Göttingen 2018 | 287 Seiten, broschiert | 29,90 € | ISBN 978-3-8353-3207-2

Rezension als pdf

Das Buchcover zeigt zwei Fotos: das Eingangstor des ehemaligen KZ Sachsenhausen mit dem Schriftzug »Arbeit macht frei« neben dem traditionellen Siegel der deutschen Qualitätsarbeit »Made in Germany« auf einem Elektrogerät. Selten führt ein Titelblatt so zuspitzend auf den Kern des Buches hin. Beide abgebildeten Fotos verbindet der Topos der »Deutschen Arbeit«. Dem rückt der von Felix Axster und Nikolas Lelle herausgegebene Sammelband multiperspektivisch und kritisch auf den Leib. Dafür versuchen die Beiträge dessen lange ideologischen Kontinuitätslinien offenzulegen: »In Deutschland gibt es […] eine lange Tradition, die Einzigartigkeit ›Deutsche Arbeit‹ zu betonen und ›Arbeitsscheue‹ von Anderen, von Jüdinnen und Juden, von Sinti und Roma usw. zu behaupten.« (S. 9) Wie ideologisch wirkmächtig das Konstrukt der »Deutschen Arbeit« war und auch noch ist, belegt der Band überzeugend.

Vor allem ein Werk des 19. Jahrhunderts wird durchgehend als prägend hervorgehoben, nämlich Wilhelm Heinrich Riehls Buch »Die deutsche Arbeit« aus dem Jahr 1861.[1] Es benennt eine Figur, die es schon zuvor gab – wie Christine Achinger in ihrem Beitrag darlegt. Dies zeigt sie am Beispiel des Romans »Soll und Haben«, verfasst von Gustav Freytag. Er beschreibt in diesem Buch von 1855 einen vorgeblichen Antagonismus des deutschen Bürgertums gegenüber Juden, Polen und dem Adel. Die Arbeitseinstellung diente ihm dabei als Differenzmerkmal. Ihr kommt eine besondere Rolle zu: »Als vorgeblich konkrete Form gesellschaftlicher Vermittlung wird diese Arbeit zum Gegenmittel gegen die bedrohlichen, abstrakten Züge der Moderne.« (S. 281). Auf diese langen Traditionslinien hatte bereits Joan Campell in seinem Werk »Joy in Work, German Work« von 1989 hingewiesen.[2] Auf den Schultern seiner Untersuchungen steht auch der vorliegende Band. Er erweitert aber den Anspruch und auch die zeitliche Dimension über 1945 hinaus. Die weitgefasste Aufgabe des Bandes formulieren die Herausgeber so: »Die Beschäftigung mit der Entstehung, der Charakteristik und den Effekten des Topos ›Deutsche Arbeit‹ ist also mehr als wissenschaftlicher Natur. Sie ist zugleich ein (erinnerungs-) politisches Unterfangen, das Aufarbeitung betreiben will.« (S. 15) Die teilweise recht lose geordneten Aufsätze konzentrieren sich folglich auf den Nationalsozialismus, die Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik und die Kolonialgeschichte.

Durch die Aufsätze zum Nationalsozialismus ziehen sich einige Kernelemente: Beispielsweise beschäftigen sich die Autorinnen und Autoren an diversen Stellen mit der frühen Rede Adolf Hitlers »Warum sind wir Antisemiten?« vom 13. August 1920. Besonders intensiv setzen sich Klaus Holz und Jan Weyand mit ihr auseinander und kommen dabei zu dem Schluss: »Mit den Begriffen der Arbeit und der Nation wird im Antisemitismus ein Selbstbild einer Wir-Gruppe entwickelt, das den Antisemitismus an andere kollektive Selbstbilder anschlussfähig macht.« (S. 89) Ebenso zieht sie Werner Kowitzer in seiner semantischen Analyse heran: Er vergleicht die »dichten Begriffe« Arbeit und »Rasse«, in denen normative und deskriptive Anteile verschmolzen sind. Sie wurden im Ergebnis in eine antisemitische Erzählung eingebunden.

Die Beiträge zum Nationalsozialismus schließen an den Sammelband »Arbeit im Nationalsozialismus« an – herausgegeben von Marc Buggeln und Michael Wildt[3], wovon letzterer auch im vorliegenden Band mit einem Aufsatz vertreten ist. Er schlägt den Bogen von der symbolischen Anerkennung – zum Beispiel über den 1. Mai als »Tag der nationalen Arbeit« – bis »Vernichtung durch Arbeit«. Abschließend spürt er der Frage nach, was das nationalsozialistische Arbeitsverständnis als Dienst an der ›Volksgemeinschaft‹ ausmachte: »Was die Arbeit im Nationalsozialismus unterscheidet, ist erstens der massive Versuch, jedes individuelle Moment, jede Form der Selbstverwirklichung, zugunsten der Kollektivität zurückzudrängen.« (S. 130) Dabei wurde klar, wer nicht zur »Volksgemeinschaft« gehören durfte. »Das zweite Differenzmerkmal bestand in der Destruktivität. Nur im Nationalsozialismus kam das Schlagwort von der ›Vernichtung durch Arbeit‹ auf beziehungsweise die Vorstellung, dass Menschen durch Arbeit ›verschrottet‹ werden sollten.« (S. 131) Daran anschließend widmet sich Sandra Rokahr der »missglückten Befreiung«, wie sie es nennt, also die negative Aufhebung entfremdeter Arbeit im Nationalsozialismus. Sie erfolge aber nur in der »antisemitischen Arbeit« für die »Volksgemeinschaft« mit »sinnfreier Arbeit als Folter« (S. 153) für Jüdinnen und Juden. Außerdem beschreibt Lisa Eiling wie der Kieler Nationalökonom Bernhard Harms ein »Ideal geistiger ›deutscher Arbeit‹ als intellektueller Dienst an der Volksgemeinschaft« (S. 169) vertrat.

Für die frühe Nachkriegszeit fragt Nikolas Lelle nach dem »Fortleben der Vergangenheit« im Sinne Theodor W. Adornos. Es gelte zu klären, ob das nationalsozialistische Verständnis fortlebte oder eine ältere Tradition aufgegriffen wurde. Die bisherige Forschung – wie die wichtige von Alf Lüdtke[4] – sei dahingehend noch zu unbestimmt geblieben. Für ein »transformiertes Fortleben« verweist Lelle exemplarisch auf die »Trümmerfrau«, den Ordoliberalismus und die Managementschule des Harzburger Modells. Damit reißt er das Feld vielversprechend an. Weitere anknüpfende Beiträge, die sich dezidiert mit der Nachkriegszeit befassen, enthält der Band aber nicht.

Den Blick weiten die Beiträge zur Kolonialgeschichte, die an Sebastian Conrads Thesen zur Nation[5] anknüpfen: Felix Axster untersucht an vier Werken aus dem Zeitraum von den 1880er- bis zu den 1920er-Jahren von vier unterschiedlichen deutschen Autoren »die Figur des guten deutschen Kolonisten«. Diesem bescheinigten die Verfasser eine »außergewöhnliche Befähigung zum Kolonisieren« (S. 248). Sie begründeten dieses Urteil mit seiner Kompetenz in der »Erziehung zur Arbeit«. Die Rolle der Arbeit stellen auch zwei Beiträge zur ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika heraus: Laut Minu Haschemi Yekani hingen Arbeit, Klima und der »Rasse«-Diskurs eng zusammen. Den Konnex belegt er über die Diskussion um den Arbeitseinsatz von Arbeitern aus dem asiatischen Raum im tropischen Klima. Im nachkolonialen Tansania wiederum traten laut Andreas Eckert koloniale Diskurse in transformierter Form in der Kampagne für einen afrikanischen Sozialismus (»Ujamaa«) auf. So stellte dieser das dezentral-ländliche Arbeiten gegen das städtisch-fremde »Schmarotzertum«. Schlussendlich unterstreicht Eckert damit beispielhaft, dass zwar die Geschichte der Arbeit als Global Labour History nicht in Grenzen des Nationalstaats zu schreiben sei, aber dennoch mit ihm stark interagierte.

Im Ergebnis gelingt es diesem wertvollen Band, die Kontinuität des Topos der »Deutschen Arbeit« überzeugend und mannigfaltig herauszuarbeiten. Dies ist gerade in einer Zeit bedeutend, in der das Arbeiten am Selbst und Nützlichkeitsideologien propagiert werden. Der Eindruck eines recht statischen Charakters des Topos lädt aber dazu ein, noch näher zu untersuchen, wie er transformiert wird. Dafür ist auch ein präziser Blick auf die Rezipientinnen und Rezipienten nötig. Zwar geht zum Beispiel Torben Möbius am Beispiel der Gutehoffnungshütte in der Weimarer Republik auf die interne Unternehmenskommunikation ein. Dabei erschließt er über die Werkszeitung jedoch nur die einseitige Werbung für die Betriebsgemeinschaft – während die Sichtweisen der Belegschaften noch im Dunkeln bleiben. Wie wurde das ideologische Selbstbild angenommen? Ähnlich aufschlussreich könnte es sein, das Gegenbild der Nicht-Arbeit und damit der »Arbeitsscheuen« präziser zu erfassen. An diesen Beispielen wird deutlich, dass der Sammelband ein lohnendes Forschungsfeld ideenreich deutlich erweitert hat.

Oliver Gaida, Berlin

[1]Wilhelm Heinrich Riehl, Die deutsche Arbeit, Stuttgart 1861.

[2]Joan Campbell, Joy in Work, German Work. The National Debate, 1800­–1945, Princeton 1989.

[3]Marc Buggeln/Michael Wildt (Hrsg.), Arbeit im Nationalsozialismus, München 2014.

[4] Vgl. Alf Lüdtke, Männerarbeit Ost und West, in: Dirk Baecker (Hrsg.), Archäologie der Arbeit, Berlin 2002, S. 35­–47.

[5]Sebastian Conrad, Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich, München 2006.

 

 

Zitierempfehlung:

Oliver Gaida: Rezension von: Felix Axster/Nikolas Lelle (Hrsg.): »Deutsche Arbeit«. Kritische Perspektiven auf ein ideologisches Selbstbild (Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart, Bd. 2), Wallstein Verlag, Göttingen 2018, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81891> [27.4.2020].

André Biederbeck: Das Dortmunder Arbeitermilieu 1890–1914. Zur Bedeutung von Räumen und Orten für die Konstituierung einer sozialistischen Identität

Rezension zu: André Biederbeck: Das Dortmunder Arbeitermilieu 1890–1914. Zur Bedeutung von Räumen und Orten für die Konstituierung einer sozialistischen Identität

Böhlau Verlag | Köln/Weimar etc. 2018 | 426 Seiten, gebunden | 60,00 € | ISBN 978-3-412-51110-4

Rezension als pdf

Eine lokalgeschichtliche Tiefenbohrung besonderer Art legt André Biederbeck mit seiner Arbeit über das »Dortmunder Arbeitermilieu 1890–1914« vor. Das aus einer Dissertation an der Landesgeschichtlichen Abteilung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster hervorgegangene Buch kombiniert den Milieuansatz von Rainer M. Lepsius mit erinnerungsgeschichtlich geleiteten Herangehensweisen eines Maurice Halbwachs und Jan Assmann sowie raumsoziologischen Überlegungen. Ziel der Arbeit ist es dabei, die oft postulierte – aber nach Meinung des Autors bisher zu wenig systematisch erforschte – Bedeutung von Arbeiterlokalen als Orte und Räume der Identitätsbildung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung im Wilhelminischen Kaiserreich detailliert zu untersuchen. Dieser klare und überzeugende theoretische Ansatz wird in einer ausführlichen Einleitung entfaltet. Biederbeck sieht durchaus die Schwächen und Probleme der Milieutheorie – etwa, dass Milieugrenzen fließender waren als das Modell aussagte. Andererseits gesteht Biederbeck dem Milieuansatz eine höhere Erklärungskraft für die Erforschung der Arbeiterbewegung zu als beispielsweise klassenanalytischen Theorien.

Ein Sozialmilieu ist für Biederbeck in direkter Anlehnung an Lepsius gegeben, wenn »›mehrere Strukturdimensionen wie Religion, regionale Tradition, wirtschaftliche Lage, kulturelle Orientierung, schichtenspezifische Zusammensetzung der intermediären Gruppen‹ in jeweils besonderer Weise zusammenfallen« (S. 18). Orte und Räume zur Entfaltung einer kollektiven Identität sind »›nicht nur Schauplätze‹« von »›Interaktionsformen‹« der Gruppen, »›sondern Symbole ihrer Identität und Anhaltspunkte ihrer Erinnerung‹«. Diese von Jan Assmann entliehene (einmal fälschlicherweise Maurice Halbwachs zugeschriebene) Formulierung ist Biederbeck so wichtig, dass er sich an drei zentralen Stellen seiner Arbeit (S. 12, 109, 317f.) auf sie bezieht. Generell sieht Biederbeck in Anlehnung an den Spatial Turn Orte und Räume nicht als etwas an sich Gegebenes, die »das Verhalten der Menschen einseitig« bestimmen, sondern als »Ergebnis sozialer Konstruktionen und menschlichen Handelns« (S. 25f.).

Untersuchungsgegenstand ist die sozialdemokratische Dortmunder Arbeiterbewegung mit ihren Lokalen und Treffpunkten. Mittels einer akribischen Auswertung der in der Arbeiterpresse veröffentlichten Veranstaltungshinweisen rekonstruiert Biederbeck eine umfassende Liste mit 176 Vereinsstätten. Aus dieser Liste destilliert der Autor »Knotenpunkte« des sozialmdemokratischen Milieus heraus, in denen unterschiedliche sozialdemokratische Organisationen mit unterschiedlichen Veranstaltungsformen und -typen zusammenfanden und so »durch wiederkehrende Handlungsroutinen und symbolische Markierungen zu zentralen Orten der Erinnerung und der sozialistischen Identität wurden« (S. 28).

Nach einem ausführlichen Forschungsüberblick zur Dortmunder Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung wird im nächsten Kapitel die Stadt Dortmund mit ihren wirtschaftlichen, demografischen und siedlungsstrukturellen Entwicklungen vorgestellt. Zusammenfassend werden die »Angleichung der betrieblichen Erfahrungswelten«, Dequalifizierungsprozesse sowie die Annäherung der sozialen Lagen der Arbeiterschaft herausgestrichen. Doch bevor diese Einordnung zu holzschnittartig wird, macht der Autor auf Differenzierungsmerkmale wie unterschiedliche Wohnverhältnisse, Herkunft und Formen der Lebensführung aufmerksam (S. 83f.). An diesen strukturgeschichtlichen Überblick schließt sich ein Kapitel über die Dortmunder Sozialdemokratie und Gewerkschaften mit ihren Mitgliedern, Wahlergebnissen, Vereinen, Presseorganen, Konsumgenossenschaften und kulturellen Aktivitäten an. Biederbeck sieht angesichts des dabei entstandenen dichten Gefüges ein sozialistisches Milieu in Dortmund als gegeben an.

Mit dem Kapitel »Topographie des sozialistischen Arbeitermilieus« ist Biederbeck nach über 100 Seiten bei seinem eigentlichen Thema angekommen. Hier bietet er auf Grundlage seiner Zeitungsanalyse einen quantitativen Überblick der von ihm in die Untersuchung einbezogenen 176 Vereinstreffpunkte: ihre Verteilung über das Stadtgebiet, ihre Frequentierung, die Art, Dauer und Häufigkeit ihrer Nutzung. So wurden im Untersuchungszeitraum beispielsweise fast die Hälfte der Lokale weniger als ein Jahr, in 20 Prozent der Fälle allerdings zehn Jahre und länger genutzt. Da diese quantitative Analyse noch wenig über die Eindringtiefe des sozialdemokratischen Milieus aussagt, geht Biederbeck im anschließenden Kapitel einen Schritt weiter und untersucht 22 Orte, die sich als Knotenpunkte des Milieus ausmachen lassen: Sie wurden lange und häufig genutzt und waren für verschiedene Veranstaltungsformen geeignet. Biederbeck untergliedert diese Orte noch einmal nach »Allgemein- und Partikularorte«: Erstere wurden häufig von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften genutzt, aber nicht exklusiv durch das Milieu, während Partikularorte – insbesondere das Gewerkschafts-, Vereins- und Redaktionshaus – exklusiv den sozialdemokratischen Organisationen vorbehalten waren (S. 139f.). Für insgesamt zwölf Orte aus beiden Kategorien sowie einigen Verkaufsstellen der Konsumgenossenschaft geht der Autor anschließend an eine detaillierte Analyse. Dazu nutzt er nicht nur die Arbeiterpresse, um die dortigen Veranstaltungen zu typisieren, sondern nutzt Bauakten, Stadtpläne und Reiseführer, um die jeweiligen Knotenpunkte in der Stadtlandschaft zu situieren. Leitende Fragestellung ist dabei der »Grad der gesellschaftlichen Abschottung« sowie die durch die Knotenpunkte vermittelte Identität. Die Allgemeinorte mussten erst in einem Prozess des »spacing« (Martina Löw) durch eine eigene Ausschmückung mit Bannern, Schildern oder Büsten für den jeweiligen Zweck angeeignet werden. Da aber gerade an solchen Orten mit ihren meist großen Sälen Festveranstaltungen stattfanden, kam ihnen ein wichtiges Erinnerungsmoment zu. Bei den Partikularorten wiederum war es so, dass das Redaktionsgebäude der Arbeiterzeitung zwar einen zentralen Identitätskern der Arbeiterbewegung bildete, aber durch seine Raumstruktur für die alltägliche oder außeralltägliche Veranstaltungskultur kaum eine Rolle spielte; es bildete daher gewissermaßen einen sekundären Knotenpunkt. Das Gewerkschaftshaus wiederum beherbergte zahlreiche Auskunftsstellen, etwa das Arbeitersekretariat, und war daher eng mit der Arbeiterschaft verbunden. Darüber hinaus fungierte das Gebäude als zentraler Veranstaltungsort, so dass mit diesem Treffpunkt Aktivitäten aus anderen Lokalen und Stadtvierteln abgezogen wurden und an diesem Knotenpunkt eine deutliche Milieuverdichtung und Abschottungstendenz zu erkennen war. Schließlich kam den Verkaufsstellen des Konsum- und Sparvereins eine besondere Rolle zu. Ein Netz an Verkaufsstellen wurde geschaffen, das den Alltag prägte, Identifikationsmöglichkeiten schuf und die Leistungsmöglichkeiten der Bewegung repräsentierte.

Daraufhin widmet Biederbeck den Feierlichkeiten zum 1. Mai ein eigenes Kapitel, um nicht mehr nur aus der Perspektive der Orte, sondern aus dem Blickwinkel einer besonderen Veranstaltungsform zu weiteren Erkenntnissen zu kommen. Hauptergebnis ist dabei, dass bei dieser Veranstaltung, allein durch ihre Größe bedingt, immer wieder »Allgemeinorte« genutzt wurden. Bei den öffentlichen Versammlungen kam der Wunsch zum Ausdruck, »von der übrigen Bevölkerung als gleichwertiger Teil der Stadtgesellschaft wahrgenommen zu werden« (S. 339). Repressionen der Behörden machten andererseits die politisch-gesellschaftliche Ausgrenzung deutlich.

Auf den knappen Ausblick auf die Weimarer Jahre am Schluss des Buches hätte der Autor vielleicht verzichten sollen. Auf nur sieben Seiten kann dieses Kapitel der komplexen Situation, die durch die Spaltung des früheren gemeinsamen Milieus in zwei politische Lager geprägt war, nicht gerecht werden.

Kritisch anmerken lässt sich schließlich auch, dass die Knotenpunkte zwar detailliert und mit einer Vielzahl an Quellen vorgestellt werden, aber ihre Bedeutung als individuelle Orte für Männlichkeit, Geselligkeit, Diskussion, Rausch und gegenseitiger Bestätigung (beziehungsweise Abgrenzung) etwas zu kurz kommt. Biederbeck sah angesichts fehlender autobiografischer Quellen keine Möglichkeit für einen kulturgeschichtlichen Zugang gegeben. Das hätte ohne Frage auch den Rahmen des soliden, überzeugend aufgebauten und umgesetzten Buches gesprengt. Aber in seinem umfangreich ausgewerteten Quellenkorpus hätten sich bestimmt einige kulturgeschichtliche Facetten gefunden. Sie hätten in diesem Buch, das der Arbeiterbewegungsgeschichte mit seiner Mischung aus Milieuansatz, Erinnerungskultur und Raumsoziologie eine hilfreiche Perspektive hinzufügt, die Bedeutung der Knotenpunkte für Milieu- und Identitätsbildung der Sozialdemokratie noch näherbringen können.

Jürgen Schmidt, Berlin

 

Zitierempfehlung:

Jürgen Schmidt: Rezension von: André Biederbeck, Das Dortmunder Arbeitermilieu 1890–1914. Zur Bedeutung von Räumen und Orten für die Konstituierung einer sozialistischen Identität, Böhlau Verlag, Köln/Weimar etc. 2018, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81914> [27.4.2020].

 

Willy Buschak (Hrsg.): Solidarität im Wandel der Zeiten. 150 Jahre Gewerkschaften

Rezension zu: Willy Buschak (Hrsg.): Solidarität im Wandel der Zeiten. 150 Jahre Gewerkschaften

Klartext Verlag | Essen 2016 | 482 Seiten, broschiert | 29,95 € | ISBN 978-3-8375-1572-5

Rezension als pdf

Angesichts einfacher Recherchemöglichkeiten im Internet sowie in digitalen Bibliothekskatalogen ist es kein Problem mehr, sich Inhalte von Büchern schnell und bequem zu erschließen. Dennoch würde man unter dem sehr breiten und allgemeinen Buchtitel »Solidarität im Wandel der Zeiten – 150 Jahre Gewerkschaften« zunächst nicht erwarten, dass fast ein Drittel dieses 454 Seiten umfassenden Buches (ohne Anhang) aus einer ausführlichen Biografie über den Tabakarbeiter und Gewerkschaftsgründer Friedrich Wilhelm Fritzsche besteht. Ein klein wenig wurde damit die Chance vertan, Fritzsche über den Kreis eingeweihter Gewerkschaftshistoriker bekannter zu machen.

Die instruktive Biografie stammt aus der Feder von Willy Buschak, der sich schon mehrmals mit dem 1825 in Leipzig unehelich geborenen Fritzsche beschäftigte. Doch dies ist die bisher umfangreichste Würdigung, in die Buschak auch neue Aspekte und ergänzende Materialien einfließen lässt: Quellen zur Familiengeschichte, neue Perspektiven, zum Beispiel auf das Leipziger Stadtviertel, in dem Fritzsche groß wurde, und neue Gesichtspunkte zu Fritzsches sozialen, politischen und wirtschaftlichen Vorstellungen der Gewerkschaftsarbeit und der Gesellschaft allgemein. Geradezu klassisch durchlief Fritzsche sämtliche zentralen Phasen der deutschen Arbeiterbewegung. Er gehörte 1848/49 der »Arbeiterverbrüderung« an, kämpfte in Leipzig auf den Barrikaden und erlebte in den frühen 1860er-Jahren die gesamte Leipziger Vereinsgründungsphase, die schließlich 1863 zur Gründung des »Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins« (ADAV) führte. Fritzsche und seine Mitstreiter Julius Vahlteich und Otto Dammer waren es auch, die Ferdinand Lassalle »an der Spitze einer so bedeutenden Bewegung« wie der Arbeiterbewegung sehen wollten und ihn aufforderten, das Präsidentenamt des ADAV zu übernehmen. Als Zigarrenarbeiter war Fritsche ebenfalls an der Gründung des Allgemeinen Deutschen Cigarren-Arbeiter-Vereins (ADCAV) 1865 als erste Gewerkschaft (neben den Buchdruckern und nach ersten Vorläufern in der 1848er-Revolution) beteiligt. Schon seit 1869 gehörte Fritzsche – mit Unterbrechungen – dem Reichstag an und vermittelte 1875 im schwierigen Vereinigungsprozess zwischen dem ADAV und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP). Schließlich litt er als Ausgewiesener unter den Verfolgungsbedingungen des Sozialistengesetztes. Dieser Weg eines sozialdemokratischen Urgesteins nahm ab den 1880er-Jahren eine andere Richtung. 1881 reiste Fritzsche in die USA, um Spendengelder für die deutschen Sozialdemokraten zu sammeln. Als Gerüchte die Runde machten, er wolle in den USA bleiben, wies er dies zurück. »Mit dem staatlichen Betrag von 13.000 Mark« kam Fritzsche im Mai 1881 nach Deutschland zurück (S. 176), um dann doch bereits im Juni 1881 samt seiner Familie endgültig auszuwandern. Vorwürfe, Fritzsche habe möglicherweise Gelder aus der Gewerkschaftskasse der Zigarrenarbeiter nicht ordnungsgemäß verwaltet, begleiteten ihn in der Folgezeit. Wie berechtigt die Anschuldigungen waren, lässt sich nach Willy Buschaks Meinung heute nicht mehr feststellen. In den USA jedenfalls arbeitete Fritzsche weiter für die sozialistische Bewegung. 1905 starb er in Baltimore. Buschak lässt in dieses Leben immer wieder übergreifende Aspekte und Themen einfließen, so die zwiespältige Haltung der Zigarrenarbeiter zur Frauenarbeit, die Frage nach klassengesellschaftlichen Strukturen im 19. Jahrhundert, der Arbeiterbewegung als sozialer Bewegung mit ihren Streiks. Etwas spärlich fällt mit einer Seite das Kapitel zu dem »Arbeiterdichter« Friedrich W. Fritzsche aus. Hier wäre die eine oder andere Analyse von Fritzsches Werken hilfreich gewesen. Ansonsten verknüpft Buschak seine Biografie immer wieder mit Forschungsergebnissen und stellt die autobiografische Darstellung Fritzsches in Beziehung zu anderen Quellen.

Dieser biografischen Würdigung einer Gründungsfigur der deutschen Arbeiterbewegung lassen sich thematisch zwei weitere Beiträge zur Seite stellen. Zum einen analysiert Susanne Schötz Fritzsches Heimatstadt Leipzig zwischen Revolution und Reichsgründung mit ihren politischen Vereinen und bürgergesellschaftlichen Organisationen. Die im Aufsatztitel erwähnten Aspekte der Ungleichheit und des Protests scheinen dagegen nur am Rande auf. Zum anderen erhellt ein zweiter Beitrag von Willy Buschak eine weitere Facette von Friedrich Wilhelm Fritzsches Wirken: Er wendet sich in einem erinnerungsgeschichtlichen Ansatz dem Gebäude in der Dresdner Straße in Leipzig zu, in dem 1863 der ADAV und 1865 die Zigarrenarbeiter-Gewerkschaft gegründet wurde. 1977 ließ die SED-Bezirksleitung Leipzig das heruntergekommene Gebäude abreißen. Zwar wurde der frühere Versammlungsort fotografisch dokumentiert, doch von den gesicherten und eingelagerten Bauteilen »fehlt heute leider jegliche Spur« (S. 432). Im weitesten Sinne kann man auch noch Reiner Tosstorffs Beitrag in Beziehung zu Fritzsches Wirken stellen: Tosstorff geht es in seinem Beitrag um deutsch-amerikanische gewerkschaftliche Austauschprozesse, wofür Fritzsches Leben nach 1881 auch stand. Tosstorff beschreibt die USA-Reisen von deutschen Gewerkschaftsfunktionären. Standen vor dem ersten Weltkrieg diese Besuche noch ganz im Zeichen der gegenseitigen organisatorischen Hilfe und des Lernens, erschienen nach dem Ersten Weltkrieg (ähnlich wie Fritzsche 1881) die deutschen Gewerkschafter vor allem als Bittsteller.

Diese vier Beiträge machen deutlich über die Hälfte des Sammelbands aus. Alle anderen Beiträge bieten gewissermaßen eine erweiterte Gewerkschaftsgeschichte, die sich zeitlich auf das 20. Jahrhundert beziehen. Das Spektrum ist dabei äußerst breit, doch der Bezug auf den titelgebenden Aspekt der »Solidarität im Wandel« sowie gewerkschaftliche Kernthemen scheint bei allen Beiträgen durch. Axel Weipert wendet sich einer Rivalin der Freien Gewerkschaften in der Frühphase der Weimarer Republik zu: der Berliner Betriebsrätezentrale, die die revolutionäre Rätebewegung aufrecht erhalten wollte, aber es – abgesehen von ihrem Kampf gegen den konterrevolutionären Kapp-Putsch und einer beeindruckenden Großdemonstration gegen das Betriebsrätegesetz im Jahr  1920 – nie zu »einer nachhaltigen politischen Wirkung« brachte (S. 215). Manfred H. Bobke-von Camen bietet einen Längsschnitt über die Entwicklung der gewerkschaftlichen Basisgrößen der Mitbestimmung und des Tarifvertrags. Stefan Müller blickt auf die »humanisierungspolitische Offensive der 1970er-Jahre«, auf die sich auch die neuesten Bemühungen der Gewerkschaften um »gute Arbeit« noch gelegentlich beziehen (S. 254). Karsten Uhl stellt den durch die Computerisierung ausgelösten Strukturwandel in der Druckindustrie sowie die damit einhergehenden Streiks in den 1970er- und 1980er-Jahre in eine neue Perspektive. Er analysiert die Berichterstattung in der DDR über diesen Wandlungsprozess, der langfristig dazu führte, dass die Zeitungsherstellung »ohne die Facharbeit von Druckern und Setzern« auskam (S. 301). Die DDR-Medien ließen diesen technologischen Aspekt, der auch ihre eigenen Druckerzeugnisse erfasste, weitgehend unkommentiert und ordneten die Arbeitskämpfe vor allem in eine »internationale Krise des Kapitalismus« ein (S. 291).

Ebenfalls der DDR-Geschichte wendet sich Renate Hürtgen zu. Die Autorin verdeutlicht, wie der von ihr als Staatsgewerkschaft definierte Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) als Interessenvertretung für die Arbeiterschaft nicht zur Verfügung stand. Stattdessen kämpften Arbeiter und Arbeiterinnen mit eigensinnigen Mitteln und Eingaben um ihre »Würde als Arbeiter«. Keineswegs beherrschten Bummelei und Innovationsunlust das Arbeitsleben, sondern die Arbeiterschaft wollte »die Selbstachtung wiedererlangen«, »ordentlich arbeiten und ihrem Wert entsprechend entlohnt werden« (S. 325).

Rainer Fattmann stützt in seinem Beitrag die neueren Forschungsergebnisse, die – gegenüber älteren Thesen – die »antreibende und aktive Rolle« der »europäischen Gewerkschaften am Beginn des europäischen Integrationsprozesses« herausgearbeitet haben (S. 375). »Friedenssicherung und Wohlstandsmehrung« bildeten dabei die »Leitsterne gewerkschaftlicher Europapolitik« (S. 386).

Die Beiträge von Iris Kloppich und Stefan Berger – beide Texte werden nicht im Vorwort erwähnt – ordnen die Gewerkschaftsgeschichte der letzten 150 Jahre zusammenfassend ein. Sie streichen dabei die Rolle der Gewerkschaften bei der Durchsetzung der Sozialversicherungen, der Humanisierung der Arbeitswelt, der Demokratisierung und bei der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Besserstellung der Arbeiterschaft heraus. Berger macht aber auch auf Grenzen der Solidarität aufmerksam, wenn er auf globale Ungleichheiten hinweist: »Ist nicht die Ausbeutung von vielen Arbeitern in vielen anderen Teilen der Welt, etwa Asien, Afrika und Lateinamerika ursächlich mit relativ hohen Löhnen in der westlichen Welt verbunden?« (S. 448).

Trotz der Spannweite der Themen bleibt noch einmal hervorzuheben, dass sich der rote Faden gewerkschaftlicher Solidarität durch alle Beiträge zieht und Wandlungsprozesse anschaulich werden. Für einen gewerkschaftsgeschichtlichen Band wäre sicherlich auch eine betriebsgeschichtliche Perspektive von unten, wie sie 2017 etwa Marco Swiniartzki vorlegte, bereichernd, gewesen. Dennoch bleibt als Gesamteindruck, über 150 Jahre Gewerkschaftsgeschichte in breiter Perspektive informiert worden zu sein.

Jürgen Schmidt, Berlin

 

Zitierempfehlung:

Jürgen Schmidt: Rezension von: Willy Buschak (Hrsg.), Solidarität im Wandel der Zeiten – 150 Jahre Gewerkschaften, Klartext Verlag, Essen 2016, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81913> [27.4.2020].

 

Detlef Lehnert (Hrsg.): Verfassungsdenker. Deutschland und Österreich 1870–1970

Rezension zu: Detlef Lehnert (Hrsg.): Verfassungsdenker. Deutschland und Österreich 1870–1970 (Historische Demokratieforschung, Bd. 11)

Metropol Verlag | Berlin 2017 | 360 Seiten, gebunden | 24,00 € | ISBN 978-3-86331-350-0

Rezension als pdf

Der vorliegende Band erschien in der Reihe Historische Demokratieforschung, die von der Paul-Löbe-Stiftung Weimarer Demokratie und der Hugo-Preuß-Stiftung organisiert und betreut wird. Herausgeber Detlef Lehnert leitet die Bände jeweils umfassend und instruktiv ein, wobei er sowohl den aktuellen Forschungsstand, die historisch-politische Relevanz des Themas als auch die Diskursfacetten in interdisziplinärer Hinsicht präsentiert und erläutert. Dem Wissenschaftlichen Beirat dieser Reihe gehören Peter Brandt (Berlin/Hagen), Dian Schefold (Bremen) und Peter Steinbach (Berlin) an. Der Band geht auf eine Tagung zurück, die im November 2014 in Hagen stattfand. In seiner Einleitung führt Lehnert den besonderen Begriffsakzent für den deutschsprachigen Raum in Europa an. Bei »Google« finden sich zum Begriff »Staatsdenker« ca. 11.000 Treffer. Im Vergleich dazu konnten zum Begriff »Verfassungsdenker« nur 184 Fundstellen ausgewiesen werden. Die weibliche Form fällt fast völlig unter den Tisch. Daraus schließt Lehnert wohl nicht zu Unrecht auf einen begrifflichen Etatismus in der deutschen Verfassungslehre, die die Verfassung dem Staat nachordnet und nicht, wie in der angloamerikanischen Verfassungslehre, konstitutiv für die Staatsbildung ist. Dabei repräsentieren die hier vorgestellten Verfassungsdenker natürlich nicht allein entweder die eine oder andere dieser beiden Grundperspektiven der Verfassungslehre, sondern zeigten sich oft wechselseitig beeinflusst von den Rezeptionen britischer, französischer oder amerikanischer Positionen, teils auch durch Erfahrungen des Exils.

Die zwölf Autorinnen und Autoren dieses Bandes sind Repräsentanten der Rechts-, Geschichts- und Politikwissenschaften. Dies findet seinen Niederschlag auch in der Akzentuierung der vorgestellten Verfassungsdenker. Allgemein jedoch eint alle Beiträge der biografische Bezug und der zeitlich eingegrenzte Kontext eines Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht die Zwischenkriegszeit. Denn entweder wirkten diese Rechtslehrer in der Weimarer Republik bzw. in der Ersten Republik Österreichs, waren also an den Debatten und Positionen der Kaiserreiche geschult, oder sie wuchsen in der Zwischenkriegszeit auf und nahmen, auch während des Exils während der NS-Diktatur, die Erfahrungen der Niederlage der Demokratien in ihr eigenes Verfassungsrechtsdenken auf. Zu den hier berücksichtigten Verfassungsdenkern gehören Otto Hintze (1861–1940), Otto von Gierke (1841–1921), Hugo Preuß (1860–1925), Hans Kelsen (1881–1973), Carl Schmitt (1888–1985), Karl Löwenstein (1891–1973) und Wolfgang Abendroth (1906–1985). Sie verkörpern drei Generationen von Rechtswissenschaftlern, die auch die Periodisierung des Bandes strukturieren: Gehörten Hintze, von Gierke, Preuß, aber auch Robert Redslob und Leo Wittmayer in die Phase »Vom Kaiserreich zur Republik«, so bilden Kelsen, Adolf Julius Merkl, Willibald Apelt, Hans Nawiasky und Schmitt »Von der Weimarer und Ersten Republik zur Nachkriegsperiode« ab. »Verfassungslehren der Nachkriegsdekaden mit ideen- und realhistorischen Rückblenden« findet man bei Abendroth und Löwenstein. Dass es nicht allein um akademische Prozesse geht, verdeutlichen bereits die Bemerkungen auf dem Klappentext. So entwarf Kelsen die Verfassung Österreichs von 1919. Schmitts Wirken verknüpft sich vor allem mit der Phase der »Präsidialkabinette« in der Zeit der Reichspräsidentschaft von Hindenburgs mit der autoritären Anwendung des Artikels 48 und des präsidialen Auflösungs- und Ernennungsrechts der Artikel 25 und 53 der Weimarer Reichsverfassung. Abendroth wiederum repräsentierte einen antifaschistisch-sozialistischen »Kampf um Verfassungspositionen« für die Ausgestaltung des Sozialstaatspostulats im Grundgesetz und vertrat betont gewerkschaftsnahes und emanzipatorisches Rechtsdenken, mit dem er die »Marburger Schule« der Politikwissenschaften aus der Taufe hob. Dass Verfassungsfragen immer auch Machtfragen sind und waren (Lassalle), erkennt man trefflich auch an Hugo Preuß, dem Vater der Verfassung von Weimar, und an Hans Nawiasky, der nach dem »Preußenschlag« vom 20. Juli 1932 seine »Bundesstaatstheorie« als Prozessvertreter Bayerns gegen die Zerstörung des Föderalismus zur Geltung zu bringen suchte.

Das Politische am Verfassungsdenken erschließt sich dem Leser und der Leserin nicht lediglich im theoretischen, sondern im praktischen Wirken der genannten Verfassungsdenker und ihrer jeweiligen Biografie. So erinnert Peter Steinbach an Abendroths gutachterliches bzw. kommentierendes Agieren an der Seite oder für die Gewerkschaften und die Arbeiterbewegung. Er bezieht sich u.a. auf Abendroths Engagement gegen das Verbot politischer Streiks, das auf Drängen der Arbeitgeberverbände und der Adenauer-Regierung seit 1951 betrieben und 1952 durchgesetzt wurde. Mit Vehemenz stritt Abendroth für den Erhalt des umfassenden gewerkschaftlichen Streikrechts auch im politischen Raum als Mittel der Verwirklichung des Gleichheitsgrundsatzes nach Art. 3 GG als kollektives Recht. Abendroth ging es wie keinem der anderen Rechtsdenker, sieht man vielleicht vom Österreicher Kelsen ab, um die prozessuale Fortentwicklung der politischen Demokratie zur sozialen Demokratie in einer prinzipiell antagonistischen Gesellschaft. Das Sozialstaatspostulat als Verfassungsauftrag nach dem Willen des Souveräns lasse sogar eine demokratisch-sozialistische Transformation der Gesellschaft nach Art. 14, 15 und 20 GG zu, so Abendroth in der »Forsthoff-Kontroverse« über den normativen Gehalt des Grundgesetzes.

Die Deutschen haben nicht erst seit Hitler ein Problem mit dem Patriotismus. Dass ein »Verfassungspatriotismus« (Dolf Sternberger) in durchaus britischem Sinne eine Richtschnur sein kann, der die Deutschen folgen könnten, wird von Lehnert ausdrücklich betont. Mag die Lektüre über die »Verfassungsdenker« mitunter schwere Kost enthalten, so zeigen die vorgestellten Repräsentanten durch ihr Leben und Wirken, wie wichtig eine gezügelte und zivilisierte Form des Nachdenkens über die eigene Geschichte und ihre Erfolge und Fehlleistungen sein kann.

Holger Czitrich-Stahl, Glienicke/Nordbahn

 

Zitierempfehlung:

Holger Czitrich-Stahl: Rezension von: Detlef Lehnert (Hrsg.), Verfassungsdenker. Deutschland und Österreich 1870–1970 (Historische Demokratieforschung, Bd. 11), Metropol Verlag, Berlin 2017, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81912> [27.4.2020].

 

Ewald Grothe/Arthur Schlegelmilch (Hrsg.): Constitutional Moments

Rezension zu: Ewald Grothe/Arthur Schlegelmilch (Hrsg.): Constitutional Moments. Erträge des Symposions des Dimitris-Tsatsos-Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften, des Instituts für Geschichte und Biographie und des Archivs des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit am 13. und 14. April 2018 an der FernUniversität in Hagen (Veröffentlichungen des Dimitris-Tsatsos-Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften, Bd. 20)

Berliner Wissenschafts-Verlag | Berlin 2020 | 226 Seiten, kartoniert | 44,00 € | ISBN 978-3-8305-3982-7

Rezension als pdf

Der Band enthält eine Reihe hochinteressanter Beiträge zu einer breiten Palette unterschiedlicher Themen, Orte und Zeiten. Was sie vereinen soll, ist das von Bruce A. Ackerman übernommene Konzept des »constitutional moment«, »um die Unterscheidung zwischen dem normalen politischen Alltag und hervorstechenden Ereignissen oder Phasen des Umbruchs« zu bestimmen (S. 7). Dieser Ansatz beruht auf zwei Prämissen. Die erste liegt im ackermanschen Konzept selbst und die zweite in der Voraussetzung, dass sich diese als globale Theorie zur Untersuchung konstitutioneller Vorgänge in anderen Teilen der Welt eignet. Ackerman selbst hat diesen Anspruch nicht erhoben. Sein einschlägiger Artikel bezieht sich vielmehr ausschließlich auf die amerikanische Verfassungsgeschichte, wobei es ihm darum geht, »those rare moments when political movements succeed in hammering out new principles of constitutional identity« herauszuarbeiten, wobei er wiederholt die Eigenständigkeit und Singularität der amerikanischen Verfassungsentwicklung betont, die für ihn von Anbeginn nicht europäisch, sondern eben amerikanisch ist.[1] Selbst wenn man bereit ist, dem ackermanschen Konzept und seiner Interpretation der amerikanischen Verfassungsgeschichte mit den drei von ihm so benannten constitutional moments zuzustimmen, erhebt sich die Frage, wie weit es sich auf andere Länder und Zeiten übertragen lässt und welcher spezifische Erkenntnisgewinn sich dabei dank dieses Konzepts ergibt. Der Band, das Ergebnis einer Hagener Konferenz, geht dieser Frage in zwölf Beiträgen nach, und die Antworten der einzelnen Autoren fallen höchst unterschiedlich aus.

Dass die Wahlkapitulationen des Alten Reichs oder dessen Ende (Wolfgang Burgdorf) konstitutionelle Momente darstellen könnten, lässt sich schwerlich behaupten, zumal es sich im ersteren Fall um eine vormoderne Verfassung handelt, die sich nicht einfach mit modernen geschriebenen Verfassungen vergleichen lässt, während das Ende des Reiches eher durch einen »Napoleonischen Moment« als durch einen konstitutionellen Moment gekennzeichnet war. Die Entstehung der Weimarer Verfassung in die Verfassungsdiskussion während des Ersten Weltkriegs zurückzuverfolgen (Steffen Bruendel) ist ebenso legitim wie spannend. Doch das in einem konstitutionellen Moment münden zu lassen, ist schwerlich mit dem Konzept von Ackerman vereinbar. Auch »Ulbrichts ›Constitutional Moment‹« im Schatten des Prager Frühlings (Arthur Schlegelmilch) erscheint primär der Konferenzthematik geschuldet. Die mag für den »›Machtwechsel‹ von 1969« mit dem Regierungsantritt der sozial-liberalen Koalition (Ewald Grothe) schon passender sein, wohingegen sie mit dem Umbruch in der DDR 1989/90 (Hans-Jürgen Misselwitz) wiederum eher schwer vereinbar scheint und bei den Betrachtungen von Dian Schefold über »Tag der deutschen Einheit, Reichsgründungstag, Verfassungstag« völlig herausfällt.

Bei den außerdeutschen Analysen (Frankreich 1814–1830, Fabian Rausch; Italien 1861–1915, Werner Daum; den Ostblockstaaten, Guntolf Herzberg) wirkt die Konferenzthematik schon sehr aufgesetzt, während Peter Schiffbauer in seiner umfangreichen Untersuchung des europäischen Verfassungsprozesses von 2004 den »Constitutional Moment« schlicht als »heuristische Krücke« bezeichnet (S. 181). So ähnlich haben das wohl auch die beiden Völkerrechtler Christian Tomuschat und Markus Kotzur in ihren jeweiligen Beiträgen gesehen.

So bleibt als ein Fazit, dass es zwar durchaus außeramerikanische Beispiele geben mag, auf die sich Ackermans Konzept des »Constitutional Moment« sinnvoll anwenden lässt. Darüber hinaus scheint mir jedoch ein weiteres Fazit angebracht, nämlich dass der vorliegende Band eine Fülle anregender und aufschlussreicher Beiträge enthält, die ihn, selbst wenn der eine oder andere davon unter dem Prokrustesbett gelitten hat, in das er gezwängt wurde, ohne dass dies in der Sache zu einem Erkenntnisgewinn geführt hätte, höchst lesenswert machen.

Horst Dippel, Kassel

[1]Bruce Ackerman, »Constitutional Politics/Constitutional Law”, in: Yale Law Journal, 99, 1989, S. 453–547, hier: S. 545.

 

Zitierempfehlung:

Horst Dippel: Rezension von: Ewald Grothe/Arthur Schlegelmilch (Hrsg.): Constitutional Moments. (Veröffentlichungen des Dimitris-Tsatsos-Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften, Bd. 20), Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2020, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81911> [27.4.2020].

 

Michael Lysander Fremuth: Menschenrechte. Grundlagen und Dokumente

Rezension zu: Michael Lysander Fremuth: Menschenrechte. Grundlagen und Dokumente

Berliner Wissenschafts-Verlag | Berlin 2020 | XIII + 713 Seiten, kartoniert | 29,80 € | ISBN 978-3-8305-3995-7

Rezension als pdf

Das Buch des Wiener Menschenrechtlers ist ein Grundlagenwerk, das sich laut Klappentext an eine breite Nutzerschicht von Oberstufenschüler*innen und Student*innen über Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen, Journalist*innen bis schließlich an alle interessierten Bürger*innen wendet. Dieser Absicht dient eine gut 170 Seiten umfassende Einleitung, auf die ein über 500 Seiten langer Dokumententeil folgt mit fast 80 ausnahmslos auf Deutsch wiedergegebenen Dokumenten. Diese teilen sich auf in historische Rechtsdokumente (8 Dokumente – von der Magna Carta von 1215 bis zur französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789), internationale Rechtsdokumente (41 Dokumente – von der Charta der Vereinten Nationen von 1945 bis zur Erklärung der Yogyakarta-Prinzipien über die Anwendung von Menschenrechten in Bezug auf die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität von 2007), regionale Rechtsdokumente, darunter europäische (19 Dokumente – von der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten von 1950 bis zur Charta der Grundrechte der Europäischen Union von 2000), amerikanische (2 Dokumente: die Amerikanische Konvention der Menschenrechte von 1969 und das Zusatzprotokoll von San Salvador von 1988), afrikanische (2 Dokumente: die Banjul-Charta der Menschenrechte und Rechte der Völker von 1981 und das zugehörige Maputo-Protokoll von 2003) und arabisch-islamische und asiatische (3 Dokumente: die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam von 1990, die Arabische Charta der Menschenrechte von 2004 und die ASEAN-Erklärung der Menschenrechte von 2012). Abschließend folgen drei nationale Rechtsdokumente (das Grundgesetz von 1949, die 2019 aktualisierte Fassung der politischen Grundsätze der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und das österreichische Staatsgrundgesetz vom 21. Dezember 1867 über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger für die im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder in der konsolidierten Fassung vom 12. September 2019). Es versteht sich von selbst, dass manche dieser Dokumente lediglich mit den einschlägigen Auszügen abgedruckt sind.

Die Einführung in diese Auswahl ist konzise und in strikter juristischer Argumentation gehalten, die immer wieder durch illustrierende Beispiele aufgelockert wird, die zumal dem Nichtjuristen Argumentationsgang und Verständnis erleichtern. Zunächst werden Begriff und Wesen der Menschenrechte behandelt, sodann ihre Klassifizierungen, gefolgt von einem kurzen historischen Abriss und Begründung, Rechtsquellen und Anwendbarkeit der Menschenrechte. Die zweite Hälfte der Einleitung ist dem Schutz und der Durchsetzung der Menschenrechte gewidmet – mit über 70 Seiten der Schwerpunkt der Ausführungen –, worauf ein abschließendes Kapitel mit einer eine juristische Examensprüfung suggerierende Entwicklung eines Falls einer Menschenrechtsverletzung und der sich daraus ergebenden Arbeit mit den Rechtsquellen, dem schließlich ein Ausblick auf aktuelle Entwicklungen folgen. Ebenso wie bei der Dokumentenauswahl legt die Einführung das Schwergewicht auf die Vereinten Nationen und ihre Rolle im internationalen Menschenrechtsschutz mit der Folge, dass die rechtstheoretische Ebene eindeutig im Vordergrund steht, gegenüber der die Praxis der Menschenrechte in der Welt weitgehend ausgeblendet bleibt.

Für den Sozialwissenschaftler ist dies alles sehr lehrreich und trägt nachhaltig zur Klärung einer Materie bei, die jenseits ihrer juristischen Fundierung politische Entwicklungslinien auf regionaler wie globaler Ebene begleitet und vielfach prägt. Umso bedauerlicher ist, dass ausgerechnet Fremuths kurze Geschichte der Menschenrechte als der mit Abstand schwächste Teil des Werks gelten muss. Hier vermisst man nicht allein bereits für die Antike Namen wie Hammurabi und Justinian, sondern generell die Entwicklung des Rechts zu dem alles durchdringenden Regelwerk menschlicher Gesellschaft. Zumal in seiner anglo-amerikanischen Ausprägung, die er mit sechs seiner acht historischen Rechtsdokumente heraushebt, wäre die Bedeutung des Rechts zur Sicherung der Freiheit der Bürger darzulegen gewesen, aus der sich bereits im Mittelalter das Konzept der Begrenzung der Regierungsgewalt zum Schutz von Recht und Freiheit entwickelte, das mit der Unterstützung des jüngeren Naturrechts erst die Entstehung erster Menschenrechtserklärungen am Ende des 18. Jahrhunderts ermöglichte. Eine Aufdeckung der nicht nur Deutschland das 19. Jahrhundert über prägenden Diskussion um angeborene oder erworbene Rechte hätte schließlich gerade in Kulturräumen, in denen Recht nicht wie in England mit Freiheit, sondern bereits semantisch mit Ordnung verbunden ist – das Spannungsfeld von Freiheit und Ordnung wird von Fremuth wiederholt thematisiert –, nachdrücklich zum Verständnis seiner stets betonten, vom traditionellen deutschen Staatsrecht vehement zurückgewiesenen Auffassung vom vorstaatlichen Charakter der Menschenrechte beigetragen.

Horst Dippel, Kassel

 

Zitierempfehlung:

Horst Dippel: Rezension von: Michael Lysander Fremuth: Menschenrechte. Grundlagen und Dokumente, Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2020, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81910> [27.4.2020].

 

Sandra Trawny und Ina Lohse: Die »Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft«

Doppelrezension zu: Sandra Trawny: Die »Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft« und ihre Vorgängerinnen zwischen Staatenbund und Nationalstaat 1853–1870 (Gesellschaft versus Recht)

Berliner Wissenschafts-Verlag | Berlin 2020 | 311 Seiten, gebunden | 60,00 € | ISBN 978-3-8305-3981-0

Ina Lohse: Die »Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft« im Deutschen Reich 1871–1918. 3.340 Rezensionsbeiträge der deutschen Jurisprudenz zwischen Konstitutionalismus und Parlamentarismus (Gesellschaft versus Recht)

Berliner Wissenschafts-Verlag | Berlin 2019 | 601 Seiten, gebunden | 88,00 € | ISBN 978-3-8305-3952-0

Rezension als pdf

Die beiden anzuzeigenden Werke gehören zu einer fünfteiligen Untersuchung der »Kritischen Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft«, die durch ihren aktuellen Herausgeber Peter-Alexis Albrecht angeregt wurde. Davon sind bislang die Bände für die Weimarer Republik (1919–1932) (Markus Lubawinski, 2015) und der für die Jahre nach der Neugründung 1986 (bis 2011) (Annabelle Voßberg, 2017) erschienen. Der Band über die Zeit des Nationalsozialismus (1933–1944) steht derzeit noch aus.

Die »Kritische Vierteljahresschrift« ist ein spezifisches Produkt des 19. Jahrhunderts, ein Jahrhundert, das zu den Glanzzeiten der deutschen Jurisprudenz gehört. Die Französische Revolution hatte das Thema der Kodifikation nachdrücklich auf die Tagesordnung gesetzt. Der Code civil von 1804 – bis 1814 auch in Teilen Deutschlands geltendes Recht, auf dem linken Rheinufer als »Rheinisches Recht« bis 1900 – und das ABGB (Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch) von 1811 für die deutschen Erbländer des Kaisertums Österreich sind nur zwei markante Beispiele. Doch der Kodifikationsstreit in der Historischen Rechtsschule vertagte die Frage im nachnapoleonischen Deutschland. Stattdessen wurden in einer zunehmenden Zahl deutscher Staaten Verfassungen eingeführt, und, um das Blickfeld zu erweitern, gab Carl Mittermaier gemeinsam mit Carl Salomo Zachariä bzw. Robert von Mohl (ab 1842) von 1829–1856 die »Kritische Zeitschrift für Rechtswissenschaft und Gesetzgebung des Auslandes«heraus. Ebenfalls bei Mohr in Heidelberg erschien ab 1853 die »Kritische Zeitschrift für die gesammte Rechtswissenschaft«, herausgegeben von fünf jungen Heidelberger Dozenten, während zeitgleich die Münchener Professoren Carl Ludwig Arndts, Johann Caspar Bluntschli und Josef Pözl die »Kritische Ueberschau der deutschen Gesetzgebung und Rechtswissenschaft«bei Cotta in München herausbrachten. Diese beiden letzteren Zeitschriften wurden ab 1859 unter dem Titel »Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft«, weitergeführt zunächst unter der alleinigen Herausgeberschaft von Pözl bei Cotta. Nach dessen Tod Anfang 1881 trat dann Max von Seydel an diese Stelle. Bis 1918 kam es naturgemäß zu weiteren Wechseln in der Herausgeberschaft, und auch der Verlag, seit 1870 Oldenbourg, änderte sich mehrfach.

Der von der Zeitschrift samt ihren beiden Vorgängerinnen abgedeckte Zeitraum setzt mithin nach der fehlgeschlagenen nationalen Einigung von 1848/49 mit der Zeit der Reaktion ein, als zugleich der Deutsche Zollverein weiter wuchs und schließlich von Bismarck die nationale Einigung mit den Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich betrieben wurde. Es ist die Epoche der rasant fortschreitenden Industrialisierung Deutschlands mit den dramatisch anwachsenden Städten, dem stürmischen Bau von Straßen, Kanälen und Eisenbahnen und der Massenauswanderung. Es entstanden politische Parteien und Gewerkschaften, und die politisch-soziale Konfrontation führte zu den Sozialistengesetzen, aber auch zur Begründung des modernen Wohlfahrtsstaats. Das Verhältnis von Staat und Kirche wurde neu definiert, und die Militarisierung der Gesellschaft nahm immer neue Formen an und mündete am Ende in den Ersten Weltkrieg. Aber es ist auch die Zeit, in der die Rechtseinheit Deutschlands immer weitere Fortschritte machte und vom einheitlichen Wechsel- und Handelsrecht über das Strafgesetzbuch, die Strafprozess- wie die Zivilprozessordnung schließlich zur großen Kodifikation des Bürgerlichen Gesetzbuches führte, die das System des Pandektenrechts, aber auf dem linken Rheinufer auch das »Rheinische Recht« ablöste. Alles zusammen ergibt eine unendliche Themenfülle für eine Zeitschrift, die explizit »Gesetzgebung und Rechtswissenschaft« gewidmet ist.

Nicht allein Historikerinnen und Historiker wünschen zu erfahren, wie sich die führende deutsche juristische Rezensionszeitschrift zu diesen Themen positionierte, zumal ihre Herausgeber zu den eifrigsten Rezensenten gehörten. Doch diese Erwartungen werden weitgehend enttäuscht. Die immense Zahl der Rezensionen, aus der Trawny in ihren Ausführungen zur näheren Bestimmung eine Auswahl herausgreift, während Lohse sie für ihren Zeitraum insgesamt einzubeziehen sucht, wird in den wenigsten Fällen über formal-quantitative Gesichtspunkte hinausgehend behandelt. Dieser Grundcharakter wird noch gefördert durch das Eigenverständnis, mit beiden Bänden einen Beitrag zur Zeitschriftenforschung zu leisten, der die inhaltlichen juristischen und rechtstheoretischen Fragen hintenanstellt. Das ist zweifellos ein legitimer Ansatz, schränkt aber notgedrungen die Aussagekraft beider Publikationen ein. So fehlt merkwürdigerweise ein Register zur Erschließung der Tausende von Rezensionen in beiden Bänden. Es bleibt dem Leser nur, die hunderte Seiten umfassenden akribischen Auflistungen der Rezensionen durchzusehen, um herauszufinden, wer welches Werk in welchem Band rezensiert hat. Da helfen einem die dank des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte und der DFG vorliegenden Digitalisate aller Zeitschriftenbände ungleich leichter weiter – nicht nur, weil sie über Register verfügen.

Doch selbst innerhalb ihrer begrenzten Zielsetzung stört nicht nur der häufig pedantisch-didaktische Duktus. Übergeordnete Zusammenhänge werden mitunter nicht beachtet, so wenn etwa Trawny die Verlagsorte der rezensierten Werke gewichten will, ohne dabei in Rechnung zu stellen, dass Leipzig nicht erst in dieser Epoche das Zentrum des deutschen Buchhandels war (S. 60f.). In beiden Bänden basieren Biografien der Herausgeber und Mitarbeiter oftmals ausschließlich auf Nekrologen, ohne in Rechnung zu stellen, dass diese nach dem Grundsatz de mortuis nihil nisi bene geschrieben wurden, gegenüber denen kritische Evaluierungen unbeachtet gelassen wurden. Die verwandten Termini und Begriffe sind mitunter unpassend, so etwa wenn Trawny von dem »Staatsverständnis […] breite[r] Kreise der Bevölkerung« der 1850er/1860er-Jahre spricht, demgemäß »der Monarch im Auftrag und als Diener des Volkssouveräns agieren sollte« (S. 39), eine für das Deutschland dieser Epoche eher ahistorische Vorstellung. Lohse bezeichnet wiederholt das Deutsche Reich als »Staatenbund« (S. 15, 231) – so weit wollte noch nicht einmal Max von Seydel gehen – oder als »Demokratie« (S. 102, 229). Aber es gibt auch jene Fälle, bei denen größere Sorgfalt hilfreich gewesen wäre, etwa bei falschen oder verschriebenen Jahreszahlen – so muss es bei Lohse, S. 30, 1888 statt 1861 heißen – oder Autorennamen (so etwa Buelow statt richtig Buelon, in Trawny, S. 81, 215, oder etwa Volker Ullrich, der bei Lohse wiederholt auch als Ulrich auftaucht) und nicht zuletzt, wie Stichproben ergaben, bei mitunter fehlerhaft transkribierten Zitaten (Trawny, S. 93f.; Lohse, S. 219, 224). Schade, dass Einsatz und Fleiß nicht zu Ergebnissen geführt haben, die beide Bände für Historikerinnen und Historiker ebenso wertvoll gemacht hätten wie die von ihnen behandelten Zeitschriften.

Horst Dippel, Kassel

 

Zitierempfehlung:

Horst Dippel: Rezension von: Sandra Trawny: Die »Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft« und ihre Vorgängerinnen zwischen Staatenbund und Nationalstaat 1853–1870 (Gesellschaft versus Recht), Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2020 und Ina Lohse: Die »Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft« im Deutschen Reich 1871–1918. 3.340 Rezensionsbeiträge der deutschen Jurisprudenz zwischen Konstitutionalismus und Parlamentarismus (Gesellschaft versus Recht), Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 60, 2020, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81909> [27.4.2020].

 

Rezensionsarchiv

Hans-Peter Ullmann, Das Abgleiten in den Schuldenstaat. Öffentliche Finanzen in der Bundesrepublik von den sechziger bis zu den achtziger Jahren

Rezension zu Hans-Peter Ullmann, Das Abgleiten in den Schuldenstaat. Öffentliche Finanzen in der Bundesrepublik von den sechziger bis zu den achtziger Jahren, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, 424 S., geb., 60,00 €, ISBN 978-3-525-30111-1

Rezension als pdf

Es ist bekannt, dass die sozial-liberale Koalition unter den Kanzlern Brandt und Schmidt nicht nur die Bundesrepublik unter dem Motto »Mehr Demokratie wagen« reformierte und mit ihrer »Neuen Ostpolitik« das Verhältnis zur DDR und östlichen Nachbarstaaten neu fundierte, sondern auch die öffentliche Verschuldung drastisch erhöhte. Wie, warum und durch wen das geschah, mit welchen Argumenten, Konflikten und Bündnissen, das erfährt man im Einzelnen aber erst in Hans-Peter Ullmanns magnum opus, das hier zu besprechen ist. Es fußt auf umfangreichem Archivmaterial aus den einschlägigen Ämtern, Ministerien, Verbänden und Ausschüssen, auf Parteiquellen, Nachlässen wichtiger Akteure und einer Reihe von Interviews. Es wertet Kabinettsprotokolle parlamentarische Debatten, aber auch Expertengremien, wirtschafts- und finanzwissenschaftliche Zeitschriften sowie Tages- und Wochenzeitungen aus – neben zeitgenössischen Meinungsumfragen und der Forschungsliteratur, die allerdings, was die Finanzgeschichte der Bundesrepublik angeht, bis zum Erscheinen dieses bahnbrechenden Werkes äußerst spärlich gewesen ist. Das Buch ist eine neue, insgesamt ernüchternde Deutung der sozial-liberalen Koalitionen von 1969 bis 1982, ein Standardwerk zur Geschichte der öffentlichen Finanzen der von der Frühzeit der Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung und letztlich eine eindringliche Fallstudie zur Funktionsweise der parlamentarischen Parteiendemokratie im Spannungsfeld von Wirtschaftskonjunkturen, Öffentlichkeit, Institutionen und maßgeblich Handelnden in der »alten« Bundesrepublik. Es handelt sich um eine Herkulesarbeit mit wichtigen Erträgen für viele Bereiche der Zeitgeschichte.

Anfangs skizziert Ullmann Grundzüge der bundesdeutschen Finanzpolitik unter den Kanzlern Adenauer und Erhard: den lange erfolgreichen Kampf um einen einigermaßen ausgeglichenen Haushalt ohne Steuererhöhungen und größere Kreditaufnahme, der allerdings seit den späten fünfziger Jahren angesichts rasch wachsender gesellschaftlich-politischer Ansprüche unter Druck geriet und allmählich ungeplant expandierte. Die Finanzkrise von 1965/66 trug erheblich zum Zerbrechen der Regierung Erhard bei.

Ausführlich und umfassend analysiert Ullmann die Entstehung der von ihm als »Expansionskoalition« bezeichneten diskursiv-politisch-sozialen Bewegung seit den späten 1950er-Jahren, die den »Gegensatz zwischen privatem Reichtum und öffentlicher Armut« publizistisch immer häufiger skandalisierte, auf Ausweitung der Staatstätigkeit drängte, keynesianisch inspirierte »Fiscal policy« befürwortete und von einem heterogenen, aber von Mitte der 1960er- bis Mitte der 1970er-Jahre einflussreichen Bündnis getragen wurde, zu dem Politiker der verschiedenen Parteien (vor allem aber Sozialdemokraten), hohe Beamte, Vertreter von Verbänden (insbesondere der Gewerkschaften), wirtschafts- und finanzwissenschaftliche Experten, Meinungsmacher in den Medien und, wie Umfragen zeigten, wachsende Teile der Bevölkerung mit steigenden Ansprüchen gehörten. Der Systemwettbewerb mit der DDR spielte eine Rolle, die Rezession von 1966/67 auch. Den siegreichen Durchbruch dieser Mentalitäts-, Denk- und Handlungsrichtung brachte die Große Koalition (Kiesinger-Brandt) 1966–1969. Durch sie – ihr Stabilitäts- und Wachstumsgesetz, die Umgestaltung des Haushaltsrechts und die Reform der Finanzverfassung – wurden entscheidende Weichen gestellt, die jetzt einsetzende »mittelfristige Finanzplanung« projektierte erstmals Zuwachsraten des Haushalts über das erwartete Wachstum des Sozialprodukts hinaus und eine deutlich steigende öffentliche Verschuldung. Diese Expansion habe noch »kontrolliert« stattgefunden, jedenfalls im Vergleich zur zweiten »dynamischen« Expansionsphase in den ersten Jahren der sozial-liberalen Regierung Brandt-Scheel (1969–1972), in denen es unter dem Einfluss verbreiteter Reformeuphorie, in der Erwartung fortdauernden Wachstums und im Vertrauen auf eine schier unbegrenzte Belastbarkeit der Wirtschaft zu einer immensen Steigerung der öffentlichen Ausgaben – insbesondere im Sozialbereich, für Bildung und Wissenschaft und im öffentlichen Dienst – kam und zur Inkaufnahme stark expandierender Kreditaufnahme (auch in Jahren raschen ökonomischen Wachstums, also keineswegs antizyklisch), gegen zunehmende Warnungen und Proteste der zuständigen Fachminister Axel Möller und Karl Schiller, die 1971 und 1972 zurücktraten. »Es gelang nicht, Ausgaben und Einnahmen aufeinander abzustimmen und mit den konjunkturellen Erfordernissen in Einklang zu bringen.« Für die Jahre 1972–1975 diagnostiziert Ullmann eine dritte (»pragmatische«) Expansionsphase, zunehmend unter dem Einfluss des Doppelministers Helmut Schmidt, der aber mit seiner Politik moderater Steuererhöhungen und überschaubar bleibender Kreditfinanzierung angesichts der vorher getroffenen Entscheidungen, steigender Preise und hoher Tarifabschlüsse an seine Grenzen stieß, erst recht als mit der Rezension von 1974/75 im Land und international der Boom der Nachkriegsprosperität zu Ende ging.

Ullmann zeigt dann im Einzelnen wie im Zusammenspiel von sich drehender öffentlicher Meinung, Wissenschaft, organisierten Interessen und wachsenden Teilen der Politik die »Expansionskoalition« mit ihrer Planungseuphorie und ihrem Vertrauen in keynesianische »Fiscal policy« seit Mitte der 1970er-Jahre erodierte und in harten Konflikten allmählich einer »Konsolidierungskoalition« Platz machte. Die Regierung, jetzt unter Kanzler Schmidt, versuchte umzusteuern, doch ohne durchgreifenden Erfolg. Als Folge vorher getroffener Entscheidungen, angesichts rückläufiger Einnahmen aufgrund nachlassenden Wirtschaftswachstums und bedingt durch die fehlende Bereitschaft für radikalere Sparmaßnahmen vor allem in der regierenden SPD beschleunigte sich die Nettokreditaufnahme sogar, und mit ihr die Zinslast. Endgültig scheiterte Finanzminister Matthöfer mit seiner vorsichtigen Konsolidierungspolitik an der zweiten Ölkrise 1979/80 und der ihr folgenden Rezession. »Zu niedrig angesetzte Ausgaben für wichtige Einzelpläne und eine Reihe teils voraussehbarer, teils unerwarteter Mehrausgaben ließen den Haushalt aus den Fugen geraten.« Der Parteienstreit um die notwendige Konsolidierung trug wesentlich zum Bruch der sozial-liberalen Koalition 1982 bei.

Zwar betont Ullmann, dass die Mitte-Rechts-Regierung unter Kanzler Helmut Kohl in den folgenden Jahren nicht die von ihr versprochene Wende, sondern nur eine »unfertige Konsolidierung« ins Werk gesetzt habe. In der Tat kam es in der Bundesrepublik nie zu der »neoliberalen« Wende, die Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA vorexerzierten. Doch die tatsächlich durchgesetzten Einsparungen, Umschichtungen und Privatisierungen ließen – in Umkehrung des Trends der vorangehenden anderthalb Jahrzehnte – sowohl die Sozialleistungsquote wie die Staatsquote insgesamt zwischen 1982 und 1989 deutlich sinken (von 33 % auf 30 % bzw. von 50 % auf 45 %). Und die Nettoverschuldung des öffentlichen Gesamthaushalts ging in diesen Jahren von 4,3 % auf 1,5% des Bruttosozialprodukts zurück, bevor mit der deutschen Vereinigung die Karten neu gemischt wurden.

Der Autor beurteilt die Finanzpolitik der sozial-liberalen Koalition unter Brandt und Schmidt – anders als die der vorausgehenden Großen Koalition – sehr kritisch. Die öffentlichen Haushalte seien stärker gewachsen, »als es konjunkturpolitisch sinnvoll und finanzpolitisch akzeptabel gewesen wäre« (S. 189). In sorgfältig erarbeiteten, wenn bisweilen auch unzureichend erläuterten Grafiken (S. 244–248) zeigt er die exorbitante Steigerung der Schuldenquote von unter 20 % 1969 auf fast 40 % 1982 (für Bund, Länder und Gemeinden zusammen), schneller als in den anderen großen OECD-Ländern. Damit stieg – und das erscheint mir als die gewichtigste Zahl – der Anteil der Zinsausgaben an den Gesamtausgaben des Staats von 3 % 1969 auf ca. 8 % 1982. Zu Recht folgert Ullmann, dass der Gestaltungsspielraum der Politik schrumpfte und weiter zu schrumpfen drohte. Ullmanns Analyse überzeugt. Man begreift, dass ein Umsteuern politökonomisch nötig und – ebenso wichtig – parlamentarisch-demokratisch möglich war, wenn auch nicht ohne Regierungswechsel. Man sieht an diesem Beispiel auch, dass Entwicklungen, die häufig als »neoliberale« Wende beklagt werden, jedenfalls partiell aus Widersprüchen der vorangehenden Entwicklungsphase hervorgingen.

Ullmanns Darstellung endet allerdings empirisch wie perspektivisch mit der Wiedervereinigung. Sie stellt sich nicht dem Befund, dass die sozial-liberale Verschuldungspolitik die Bundesrepublik langfristig weder ökonomisch noch politisch geschwächt zu haben scheint. Sie bezieht nicht ein, dass die öffentliche Verschuldung vieler Länder vor allem seit 2008 Ausmaße erreicht hat, die die sozial-liberalen Schulden der 1970er- und 1980er-Jahre als relativ bescheiden erscheinen lassen. Sie stellt nicht in Rechnung, dass unter den international stark veränderten finanzpolitischen Bedingungen der Gegenwart und (vermutlich) auch der überschaubaren Zukunft, angesichts eines weltweit radikal reduzierten Zinsniveaus und bei zunehmender Bereitschaft, Schuldentilgungen zumindest sehr weit in die Zukunft zu verschieben, hohe Verschuldung aufhören kann, der politische Sprengsatz zu sein, zu dem sie in den 1980er-Jahren zu werden begann. Vielmehr mag deutlich erhöhte öffentliche Verschuldung zu investiven Zwecken aus ökonomischen, sozialen und außenpolitischen Gründen in Ländern wie der Bundesrepublik dringend geboten sein. Das entkräftet Ullmanns eindringliche Analyse für seinen Untersuchungszeitraum zwar überhaupt nicht. Aber die Frage stellt sich, ob sich nicht im Licht der jüngsten Verhältnisse und Erfahrungen die Deutung der sozial-liberalen Phase der Bundesrepublik samt ihrer Finanzpolitik erneut ändern könnte.

Jürgen Kocka,Berlin

Zitierempfehlung:

Jürgen Kocka: Rezension von: Hans-Peter Ullmann, Das Abgleiten in den Schuldenstaat. Öffentliche Finanzen in der Bundesrepublik von den sechziger bis zu den achtziger Jahren, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 59, 2019, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81906> [9.10.2019].

Gerd Dietrich, Kulturgeschichte der DDR, Band I: Kultur in der Übergangsgesellschaft 1945–1957; Band II: Kultur in der Bildungsgesellschaft 1957–1976; Band III: Kultur in der Konsumgesellschaft 1977–1990

Rezension zu Gerd Dietrich, Kulturgeschichte der DDR, Band I: Kultur in der Übergangsgesellschaft 1945–1957; Band II: Kultur in der Bildungsgesellschaft 1957–1976; Band III: Kultur in der Konsumgesellschaft 1977–1990, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, S. 2429, geb., 286,00 €, ISBN 978-3-647-30192-1

Rezension als pdf

Angesichts von Gerd Dietrichs monumentaler »Kulturgeschichte der DDR« kommt man nicht umhin, über das Konzept einer Kulturgeschichte etwas genereller nachzudenken, zumal einer deutschen. Die 2009 im Hanser-Verlag erschienene Kulturgeschichte der Bundesrepublik, die ich gemeinsam mit Axel Schildt verfasst habe, ist viel gelobt, aber auch kritisiert worden, unter anderem dafür, nicht die Kulturgeschichte beider deutscher Staaten erzählt zu haben.[1] »Viel Hüben und wenig Drüben« war etwa eine Besprechung im »Parlament« überschrieben, in der uns »Westbindung« vorgeworfen wurde.[2] Hier wurde die Absicht deutlich, im Rückblick zusammenzubinden, was nicht zusammengehörte – oder doch auf jeden Fall nicht gemeinsam existierte, sondern in Form getrennter Staaten und Gesellschaften, die, das wusste schon Leopold von Ranke, grundsätzlich als Individuen zu betrachten sind. Mir scheint, dass dieses geschichtspolitische Motiv mittlerweile etwas weniger stark vorgetragen wird, nicht zuletzt, weil die historische Forschung die Eigenlogik beider Gesellschaften in den vergangenen Jahren immer genauer herausgearbeitet hat, wie sie jenseits des von Christoph Kleßmann postulierten produktiven Ansatzes einer »asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte« bestanden hat. Derartige Verflechtungen gab es natürlich, wie auch Dietrichs Kulturgeschichte der DDR immer wieder deutlich macht, aber darin gehen eben die Geschichten der beiden deutschen Staaten nicht auf.

Offener gegenüber dieser Konstellation hatte sich schon 2009 Hermann Glaser gezeigt, der hoffte, der »Platz« für eine Kulturgeschichte des »ostdeutschen Weg[es]« würde bald besetzt werden »mit der gleichen Umsicht, Gründlichkeit und unter Ausbreitung eines ähnlichen Materialreichtums, der im vorliegenden Werk an die 700 Seiten füllt«.[3] Leider hat er nicht mehr erleben können, dass Dietrichs Werk mit fast 2.500 Seiten nicht nur unser bescheidenes Buch weit übersteigt, sondern auch Glasers eigene Kulturgeschichte der Bundesrepublik, die 1989 in ebenfalls drei Bänden mit knapp 1.200 Seiten erschienen war.[4] Insofern ist, was beim Erscheinen unseres Buches noch schmerzliche Lücke war, nun auf überwältigende Weise ausgefüllt worden. Was wohl Hans-Ulrich Wehler zu dieser Proportion gesagt hätte, der der DDR, Stefan Heym zitierend, lediglich die Rolle einer »Fußnote« der Geschichte zugestehen wollte?[5]

Trotz ihres jeweils eigenen Gegenstands sind unsere beiden Kulturgeschichten methodisch »verflochten«, um mit Kleßmann zu sprechen, denn – und hier sind wir bei konzeptionellen Fragen – ihr Ansatz und ihre Struktur ähneln sich. Erstens geht Gerd Dietrich von einem weiten Kulturbegriff aus, wie es nach dem cultural turn eigentlich kaum mehr anders sein könnte. Weil in seinem Werk Kulturgeschichte weniger Gegenstand als Forschungsperspektive ist, gibt es im Prinzip keinen Aspekt der DDR-Geschichte, der nicht in die Darstellung einbezogen und »kulturalistisch« betrachtet werden kann. Darunter zum Beispiel immer wieder die Grundzüge der DDR-Wirtschaftsgeschichte, die nicht nur die Grundlage für Kultur in der DDR abgab, sondern auch Diskurse und Legitimitäten beeinflusste und umgekehrt von ihnen geprägt wurde. Wie beispielsweise zu Zeiten des »Neuen Ökonomischen Systems« (NÖS) an der Begeisterung für Kybernetik und Systemtheorie oder unter Honecker an der Maßgabe von der »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik« zu studieren ist. Insofern handelt es sich de facto um eine veritable Geschichte der DDR, die allerdings durch ihren neuen Blick besticht: Er ist zwangsläufig weniger politisch als üblich, sondern bezieht breit etwa den Alltag ein, also eine in gewisser Weise »unpolitische« Sphäre, wobei derartige Begriffe – dazu später mehr – immer problematisch sind. Konzeptionell wirft dies allerdings die Frage auf, wie »alles« dargestellt werden kann, um nicht als beliebige Aneinanderreihung historischer Fakten zu langweilen.

 

Dass dies hier nicht der Fall ist, liegt daran, dass Dietrich zweitens die Kulturgeschichte der DDR in den übergeordneten Kapiteln durch jeweils drei Zugriffe durchmustert – a) wird die Geschichte der Alltags- und Populärkultur betrachtet, b) die politische Kultur und c) die »Hochkultur« bzw., weniger wertgeladen gesprochen, die Künste. Natürlich sind die zeitlichen Zäsuren DDR-spezifisch und daher nicht ganz parallel zu unserer Kulturgeschichte der Bundesrepublik, aber wer wollte, könnte durch diese Anlage die jeweiligen Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland vergleichend lesen – und auf diese Weise auch Eigenlogiken und Verflechtungen in ihrer jeweils zeitspezifischen Form nachvollziehen.

In diesen Zusammenhang gehört aber auch drittens eine unsichtbare Struktur, die darin besteht, dass die Auswahl der Themen und ihre Anordnung nicht zufällig sind, sondern in ihrer jeweiligen Bedeutung im zeitlichen Verlauf gründen. So wird zum Beispiel die Geschichte des Films, die theoretisch in jeder der neun Perioden, die der Autor identifiziert hat, eine Rolle spielen müsste, nicht sklavisch abgearbeitet, sondern mal intensiver – nämlich in seiner Relevanz für den spezifischen Zeitabschnitt –, mal weniger intensiv oder gar nicht beleuchtet: In der »Trümmerzeit« steht seine Bedeutung als »Traumfabrik« im Mittelpunkt, in den frühen 1950er Jahren seine Verstaatlichung, ab Mitte des Jahrzehnts rückt er in den Hintergrund zugunsten des Aufstiegs des Fernsehens, dann wieder taucht er nicht unter Populärkultur auf, sondern es werden signifikante Werke der DEFA unter inhaltlichen und ästhetischen Aspekten in den Kapiteln zu den Künsten behandelt. Ähnlich geht es mit Mode, Architektur, den Akademien, der Religiosität, der Sexualität, den Geschlechterverhältnissen usw., durchsetzt von schönen Miniaturen etwa zu Alfred Kurella oder Brigitte Reimann, zum Montagemöbelprogramm MDW, zur »Indianistik« oder zur Geburt der Kulturwissenschaft, die in der DDR lange vor der Bundesrepublik als akademisches Fach etabliert wurde. Alles in allem entsteht so eine ebenso vielfältige wie durchdachte und pointierte Darstellung, die die zeitspezifische Kontur des jeweils Behandelten herausarbeitet und gleichzeitig den Nachvollzug der langen Linie über die Zäsuren hinweg ermöglicht. Glücklicherweise räumt Dietrich dem Geschilderten den nötigen Platz ein, so dass es nicht nur kurz angerissen, sondern ausführlich dargelegt und kontextualisiert wird. Das ist einer der großen Vorteile dieser drei dicken Bände: Mag sein, dass sie weniger prägnant sind als ein kurzer Lehrgang, aber dafür kommt man immer in den Genuss, sich in die Komplexität der Dinge versenken zu können.

Der Autor nimmt sich auch die Zeit, über die Voraussetzungen eines solchen Projekts gründlich nachzudenken, zum Beispiel über die Tragfähigkeit von in der Forschung kursierenden Konzepten in Verbindung mit dem Diktaturbegriff (»Fürsorgediktatur«, »partizipative Diktatur« etc.), die er allesamt für allzu pauschalisierend hält, ohne sie grundsätzlich abzulehnen. Stattdessen untersucht er die Verhältnisse historisch konkret und diskutiert die Brauchbarkeit derartiger Interpretamente, um dann jeweils ihre Berechtigung bzw. Mängel zu benennen. Insbesondere den nach der »Wende« modischen Diktaturenvergleich hält Dietrich mit Lutz Niethammer für fatal, weil durch eine derartige »Großideologisierung« die Lebenserfahrung der DDR-Bürgerinnen und Bürger überhaupt nicht in den Blick geraten sei. Die Stasi-Fixierung »bleibt normativ und teleologisch und zeichnet die DDR als negatives Kontrastbild von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit« (XIII). Grundsätzlich geht Dietrich hingegen von einer Spannung zwischen »dem egalitären sozial-kulturellen System und der autoritären politischen Diktatur« (798) aus, wodurch der Lebenserfahrung der Bürger ein großer Spielraum eingeräumt wird.

30 Jahre post festum ist ein guter Zeitpunkt für einen abständigeren Blick auf die Kulturgeschichte der DDR, eben weil sich Geschichtspolitik und Geschichtswissenschaft gerade auf diesem Terrain so intensiv ausgetobt haben, dass man übergeordnete Zugriffe souveräner abwägen kann und es an empirischen Detailstudien, auf denen eine Synthese fußen könnte, nicht mangelt. Der Verfasser bewegt sich ganz auf der Höhe der zeitgeschichtlichen Forschung – er argumentiert mit Spezialisten wie Martin Sabrow, Thomas Lindenberger, Mary Fulbrook, aber auch Günter Benser, wobei seine wichtigsten Gewährsleute Dietrich Mühlberg für die kulturwissenschaftliche und Wolfgang Engler für die sozialwissenschaftliche Perspektive sind.

Natürlich wirft ein solches Werk auch Fragen auf. Meine erste rührt aus der Perspektive einer bundesdeutschen Kulturgeschichte, denn von dort aus gesehen verwundert der hohe Stellenwert, der der Kulturpolitik zugemessen wird. Vielleicht gerade weil sich die Grundstruktur unserer Bücher stark ähnelt, fällt auf, dass die Spannung zwischen Staat und Gesellschaft bei Dietrich deutlich stärker hervortritt und die Gesamtinterpretation dadurch durchgängig politischer ist. Untersucht wird die DDR als »Kulturstaat« (S. XXff.) in der Tradition des Liberalismus und der Arbeiterbewegung, der seinen ökonomischen Rückstand gegenüber dem Westen durch kulturelle Überlegenheit zu kompensieren versuchte. Entsprechend schließen die drei Bände auch jeweils mit einer »kulturpolitischen Bilanz«. Aus westdeutscher Perspektive würde man diesen Aspekt weniger stark gewichten. Nicht, dass es dort keine Kulturpolitik gegeben hätte, nur war sie sehr viel uneinheitlicher, stärker durch checks and balances geprägt, allein schon dadurch, dass sie Ländersache war, aber auch durch die Parteienvielfalt und die verschiedenen Akteure, die hier jeweils eigene Interessen verfolgten, darunter nicht zuletzt die kommerzielle Kulturindustrie. Dietrich hatte sich vorgenommen, »sich von der dominierenden politischen Geschichtsschreibung zu lösen und die DDR stärker mit kulturwissenschaftlichen und praxeologischen Ansätzen zu untersuchen, um sie ›ambivalenzfähig‹ zu machen« (S. XXVI). Das ist sicherlich weithin gelungen, es stellt sich jedoch die Frage, ob durch die starke Akzentuierung der Kulturpolitik nicht doch unter der Hand das Politische zur determinierenden Kraft geraten ist. Auch wenn natürlich eine unpolitische Kulturgeschichte der DDR ein Ding der Unmöglichkeit ist, so wäre doch immerhin denkbar, zum Beispiel eine Geschichte des Alltags zu schreiben, die stärker von unten, von den Akteuren her gedacht ist und durch Abschwächung der politischen Überdetermination durch Partei und Staat den zivilgesellschaftlichen Stimmen mehr Kraft verliehe und sich damit auch teilweise von diesen Bestimmungskräften emanzipieren könnte.

Zweitens und direkt damit im Zusammenhang stellt sich die methodische Frage, inwieweit die Quellenlage eine derartige Sicht begründen könnte. Mir scheint, dass »im Dietrich« die Kulturpolitik der SED jenen kulturgeschichtlich bestimmenden Platz einnimmt, den Axel Schildt und ich für die Bundesrepublik als gesellschaftliche Basisprozesse eher der Sozialgeschichte zugemessen haben. Wenn die politische Determination eine stärkere Rolle spielte als gesellschaftliche Wandlungsprozesse, dann muss ihr natürlich auch entsprechende Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die Frage ist, ob man nicht diese von der SED gewollte Bestimmung forschungspraktisch konterkarieren könnte, wobei sich natürlich die Frage nach den Quellen stellt. Dietrichs Kulturgeschichte bezieht die empirische Sozialforschung der DDR umfassend ein, aber es fällt doch auf, dass sie deutlich weniger üppig sprudelte als im Westen, wo zum Beispiel Daten der Demoskopie und der Konsumforschung in großen Mengen vorliegen. Daher erscheint es für die DDR erheblich schwieriger, kulturgeschichtliche Fragen einigermaßen repräsentativ zu beantworten, zum Beispiel solche nach subjektiven Wertzuschreibungen. Ich stelle mir diese Frage auch vor dem Hintergrund der sehr theoretischen Vorstellung, Dietrich fasste (wie Glaser) eines Tages seine dreibändige Kulturgeschichte in einem Band zusammen, und ein Verlag würde unser beider Bücher gemeinsam im Schuber verkaufen.[6] Würde dann nicht allein schon aufgrund der disparaten Quellensituation der Eindruck einer offenen Gesellschaft West und einer dirigistischen Gesellschaft Ost präformiert?

Und drittens drängt sich eine Frage zur Bewertung des historischen Verlaufs der DDR-Geschichte und hier besonders des Anfangs auf. So einleuchtend es ist, die Geschichte nicht ausschließlich von ihrem Ende her zu betrachten, sondern ihre Offenheit in Rechnung zu stellen und damit den Eigenwert historischer Phasen herauszuarbeiten, so unerlässlich ist es doch auch, Anlagen für die spätere Entwicklung in früheren Phasen zu identifizieren. Und da hebt Dietrich für die frühen Jahre vor der Stalinisierung den Aspekt der »Offenheit und Pluralität« hervor, der auch auf manchen Feldern beschrieben wird – etwa anhand des Kabarettbooms, der Existenz einer unabhängigen Zeitschrift wie »Ost und West« oder der Entstehung einer »Ostmoderne« in Architektur und Städtebau. Andererseits wird Dietrich Staritz zugestimmt, der konstatierte, die Politik der Sowjetischen Militäradministration, die KPD zu bevorzugen und die Sozialdemokraten durch die Einheitspartei zu schwächen, habe »der politischen Pluralität in Ostdeutschland sehr früh sehr enge Grenzen« gesetzt (S. 73). Gerade angesichts der großen Bedeutung, die der von der SED bestimmten Kulturpolitik beigemessen wird, leuchtet daher der übergeordneten Befund nicht unbedingt ein.

Wenn Schildt und mir »Westbindung« vorgeworfen wurde, dann war das nicht auf unsere Herkunft bezogen. Bei Gerd Dietrich spielt die Herkunft in der Regel eine zentrale Rolle bei der Bewertung seines Buches. Dass der Autor in der DDR sozialisiert wurde und gearbeitet hat, scheint mir in erster Linie ein Vorteil zu sein, denn die Verbindung der professionellen Distanz des Historikers zu seinem Gegenstand mit einem sozialisationsbedingten Sensorium für die Problemlagen ist hier auf das Fruchtbarste gelungen. Doch oftmals wird in den bislang erschienenen Besprechungen die Sozialisation des Verfassers als potenziell problematisch betrachtet, ein Rezensent bezeichnete das Werk gar als »Verteidigungsschrift«.[7] Und Ilko-Sascha Kowalczuk muss sich doch sehr wundern, dass hier »die Produkte der Zeitgeschichtsschreibung aus der DDR […] kommentarlos als wissenschaftliche Referenzwerke verwendet werden«.[8] Was doch eigentlich nur dafür spricht, dass die Forschung in der DDR nicht über einen Kamm geschoren werden kann – ebenso wenig wie der Staat oder seine Kultur an sich. Entscheidend für die Qualität sind immer noch die Komplexität der Darstellung und Deutungskraft der Analyse. Wenn Gerd Dietrich ein wenig dazu beigetragen hat, auch auf diesem Gebiet die üblichen Etikettierungen zu überwinden, wäre das nur zu begrüßen. Und in Wirklichkeit zerschellt ja doch alle Kritik im Detail an dem Massiv überlegener historiografischer Synthese, an dem großen Buch, das Gerd Dietrich vorgelegt hat und das noch für viele Jahre Bestand haben wird. Es ist wichtig, dass der Verfasser dabei den Anspruch des Historikers auf Objektivität aufrechterhält, auch wenn natürlich jeder und jede weiß, dass es sie niemals ganz geben kann. Erfrischenderweise wird er in gewisser Weise auch gleich wieder geschichtsphilosophisch relativiert dadurch, dass der Autor auf dem emanzipatorischen Potenzial von Kultur insistiert. Denn sie, so sieht er es mit Walter Benjamin, generiere Mut, Zuversicht und List, die »immer von neuem jeden Sieg, der den Herrschenden jemals zugefallen ist, in Frage« stellte. »Das galt und gilt selbstredend für die Herrschenden in der DDR«, so der Verfasser, »aber auch für die in der alten wie der neuen Bundesrepublik.«. (S. XLII)

 

[1]Axel Schildt/Detlef Siegfried, Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik von 1945 bis zur Gegenwart, München 2009.

[2]Ralf Hanselle, Viel Hüben und wenig Drüben, in: Das Parlament, 12./19.10.2009, S. 14.

[3]Hermann Glaser, »Coole« Kulturgeschichte, in: Deutschland-Archiv, 2/2010, S. 358–359.

[4]Hermann Glaser, Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 1: Zwischen Kapitulation und Währungsreform 1945–1948, München 1985; Bd. 2: Zwischen Grundgesetz und Großer Koalition 1949–1967, München 1986; Bd. 3: Zwischen Protest und Anpassung 1968–1989, München 1989.

[5]Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1949–1990, München 2008, S. 361.

[6] So hatte es einer der Rezensenten 2009 imaginiert: Hanselle, Viel Hüben und wenig Drüben.

[7]Frank Hoffmann, Rezension zu: Gerd Dietrich: Kulturgeschichte der DDR, Göttingen 2018, in: sehepunkte 19, 2019, Nr. 4, URL: <http://www.sehepunkte.de/2019/04/32287.html> [14.8.2019].

[8]Ilko-Sascha Kowalczuk, Rezension zu: Gerd Dietrich: Kulturgeschichte der DDR, Göttingen 2018 , in: H-Soz-Kult, 19.12.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29923> [15.7.2019].

Zitierempfehlung:

Detlef Siegfried: Rezension von: Gerd Dietrich, Kulturgeschichte der DDR, Band I: Kultur in der Übergangsgesellschaft 1945–1957; Band II: Kultur in der Bildungsgesellschaft 1957–1976; Band III: Kultur in der Konsumgesellschaft 1977–1990, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 59, 2019, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81905> [9.10.2019].

Scott H. Krause, Bringing Cold War Democracy to West Berlin. A Shared German-American Project, 1940–1972

Rezension zu Scott H. Krause, Bringing Cold War Democracy to West Berlin. A Shared German-American Project, 1940–1972, Routledge, London/New York 2019, X + 284 pp., hardcover, 105.00 £, ISBN 978-1-138-29985-6

Rezension als pdf

Over the past four decades, if not before, network theory has been an influential approach in sociological research with a predominant focus on quantification. Business sociology provides a good example. Looking at management and supervisory boards of companies, the task was to identify which key people of major corporations also had seats on the boards of other companies and thus to establish the connections between them. What was to be reconstructed were the ties between them and to plot them graphically as often highly complex structures of two- or even three-dimensional networks. It did not take long for network theory to attract historians, but from the start they were more interested in the qualitative aspects of ties between individual actors, and instead of studying business networks, they also turned to political and cultural ones. The aim was to examine the interactions of individuals involved in a particular network and to tease out the quality of relationships as well as mutual perceptions. This was perhaps less rigorous, but it certainly opened a window to a world of ties that were different from the older research on the history of »circles«, such as the George-Kreis, that tended to be exclusive and inward-looking.

Scott Krause has made network theory his starting-point, but as a historian decided to work with Peter M. Haas’s notion of epistemic communities, marked by a »shared set of normative and principled beliefs which provide a value-based rationale for social action«. (p. 8) His epistemic community gathered in West Berlin, and he traces, as a first step, its »experiences of the fight against National Socialism, exile, and disillusionment with Soviet-style Communism«. This, he argues, constituted the set of convictions that the German members of the Berlin network shared despite their different backgrounds. No less important, Krause introduces a second group, i.e., the remigrés who, together with the first group, created the »common policy enterprise of portraying Berlin’s western sectors as the showcase of Cold War Democracy« against »totalitarianism«.

Krause believes that »discovering and examining this network of propagandists of ›freedom‹« will allow him first of all to add »nuance to the conception of democratization as a distinct transfer of cultural attitudes from a newly minted superpower to a shattered society through the translation of cultural concepts by remigrés. Secondly, he highlights »the challenges the political left encountered in postwar Germany and the extent to which American officials contributed to the restructuring of an anti-Communist Left in Germany.«

If this is the conceptual framework that Krause puts forward, what is the empirical backup that he provides for his examination of such major political figures as Ernst Reuter, the governing mayor of Berlin, and Willy Brandt, his successor on the German side, and, on the American side, Shepard Stone, the Public Affairs director under US High Commissioner John McCloy, the American journalists around the RIAS radio station, or Hans Hirschfeld, who returned from New York to West Berlin as Reuter’s public relations manager. The author shows how they became members of a network with a political agenda of fostering West Berlin’s international position as an »outpost of freedom«.

The book starts with a depressing account of Berlin at the end of the war, devastated by bombing and fierce street fighting. Early visitors to the city had conflicted reactions to the city, once the hub of Weimar culture, but after 1933 the nerve center of a brutal dictatorship that had planned and unleashed a world war and the murder of millions of Jews and other minorities in the Holocaust. The contrast is perhaps best summed up by a quote from John J. Maginnis, a US general, who remarked in November 1945: »I could sit in my office and say with conviction that these Germans, who had caused so much harm and destruction in the world, had some suffering coming to them, but out here in the Grunewald, talking with people individually, I was saddened by their plight. It was the difference between generalizing on a faceless crowd and looking into one human face.«

Krause then moves swiftly from the city’s history in 1945/46 to the escalating crisis of 1947/48 when East-West tensions mounted and the Cold War began in the middle of Berlin. However, before dealing with the Berlin Blockade and the role of Ernst Reuter, he takes the reader across the Atlantic to discuss the »origins of the Outpost network« in New York between 1933 and 1949. Here, he introduces two refugees from Nazi Germany as the linchpins of this particular network, Paul Hertz and Hans Hirschfeld. Before 1933, the latter had been charged with coordinating the media relations of the Social Democratic Prussian government, but his career ended abruptly in the summer of 1932 in the wake of Reich chancellor Franz von Papen’s Preussenschlag. Having escaped to the United States, Hirschfeld became quite frustrated with the passivity of the American population toward the Nazi threat. But the New York intellectual milieu also enabled the formation of strong ties, guiding the refugees towards a »new esteem for liberal democracy and the renunciation of Soviet Communism«, transforming »an initially anti-fascist consensus into an anti-totalitarian« one.

In the meantime and after several bureaucratic delays, Ernst Reuter had returned to Berlin with his family from his Turkish exile in November 1946. Trying to establish himself politically in Berlin, he promoted his notion of freiheitlicher Sozialismus. This was »the conviction of sharing fundamental political ideals of liberal democracy [that now] facilitated the formation of the Outpost network that linked returned Social Democrats and American officials«, posted in West Berlin. Enter Shepard Stone and his wife Charlotte who had become close friends of the Hirschfelds in New York. After the war, this particular »network reconstituted itself in Berlin, where it incorporated new German and American members and successfully couched its political aspirations within the narrative of the Outpost of Freedom in the opening Cold War.«

It was Paul Hertz and Stone who persuaded an initially reluctant Hirschfeld to return to Germany. But it was Reuter’s return that paved the road to Berlin for a number of other members of the network, among them Willy Brandt who with is Norwegian passport became the press attaché with the Norwegian Military Mission before he decided to reacquire German citizenship. Another important network figure was the US Army Major Karl F. Mautner. Hailing from Vienna, his family had moved to Hungary in 1938 whence he emigrated to the United States, while his parents stayed behind and in 1944 perished in the Nazi Holocaust. What was remarkable about him and others who had lost family in camps is that they were prepared to set aside their bitter memories about the past and to commit themselves to the rebuilding of Berlin under Reuter’s leadership.

What greatly reinforced the ties among them was the imposition by Stalin of the Berlin Blockade in June 1948 whose success was thwarted by Washington and London when they ordered their air forces to fly close to 278,000 missions to Tempelhof with a total freight of 2.3 million tons of food and other vital supplies for Berlin’s embattled inhabitants. When Stalin abandoned the Blockade in September 1949, he had helped not only to forge a strong sense of Berlin’s position as an »outpost of freedom« inside the Soviet Bloc, but also to create solidarities with the American public that made it possible for the city to weather the next three crises in 1953. First there was McCarthy’s anti-Communist witch hunt which put individuals like Stone and institutions, such as the Berlin Amerikahaus, under a cloud. In June followed the uprising of workers against the Ulbricht regime in East Germany that was brutally suppressed by Soviet tanks. Finally, there was the death of Reuter on 29 September 1953 which slowly opened the way for the rise of Brandt to the position of Governing Mayor. In 1962, he and his American network were confronted with the next dangerous crisis when Ulbricht decided to stop the free movement of Berliners between the four Allied sectors and to build the Wall right through the middle of the city.

Krause subsequently provides many valuable details and insights into Brandt’s policies and the hostility he faced from Konrad Adenauer’s Christian Democratic Party and into the origins of his Ostpolitik and reconciliation with West Germany’s eastern neighbors. The other illuminating chapter is the story of the RIAS radio station and the networks of American and German journalists who broadcast Berlin’s position as the Outpost of Freedom around Europe.

Overall Krause’s book may not offer anything that was not known before in broad outline. But his network approach makes it possible for him focus not only on the top decision-makers but also on the second layer of experts and network specialist without whom the policies at the top cannot be understood. It is a deeply researched book that makes it a worthwhile and illuminating read.

Volker Berghahn,New York

Zitierempfehlung:

Volker Berghahn: Review of: Scott H. Krause, Bringing Cold War Democracy to West Berlin. A Shared-German American Project, 1940–1972, Routledge, London/New York 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 59, 2019, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81902> [9.10.2019].

 

Axel Schildt/Wolfgang Schmidt (Hrsg.), »Wir wollen mehr Demokratie wagen«. Antriebskräfte, Realität und Mythos eines Versprechens (Willy-Brandt-Studien, Bd. 6)

 

Rezension zu Axel Schildt/Wolfgang Schmidt (Hrsg.), »Wir wollen mehr Demokratie wagen«. Antriebskräfte, Realität und Mythos eines Versprechens (Willy-Brandt-Studien, Bd. 6), Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2019, 296 S., brosch., 32,00 €, ISBN 978-3-8012-0549-2

Rezension als pdf

Willy Brandts Satz zu mehr Demokratie in seiner ersten Regierungserklärung als Kanzler 1969 hat sich längst von der konkreten Situation emanzipiert und ist zum scheinbar alles erklärenden Stichwort für den ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler der Bundesrepublik geworden, parallel zu seinem bildlich festgehaltenen Kniefall ein Jahr später in Warschau. »Zeitworte« nennt Martin Sabrow das einleitend, wenn er generell für die Zeitgeschichte eine solche Loslösung von der zitierfähigen Erstnutzung herausarbeitet, so wie es in anderen Medien mit »Schlagbildern« geschildert und erörtert worden ist. Dieses Überstrapazieren des Begriffs »mehr Demokratie wagen« gibt auch einigen Autorinnen und Autoren des Bandes selbst zu denken, die dann doch gerade diesen Differenzierungsprozess angehen und leisten.

Hier jedoch werden in 14 Fallbeispielen Kontexte erarbeitet, welche gerade den Demokratieanspruch mit der politischen, sozialen und nicht zuletzt intellektuellen Realität konfrontieren. Hierbei hat Brandt, die SPD, die diversen linken sozialen Bewegungen zwar einen angemessenen Schwerpunkt, jedoch sucht der Band tendenziell mehrere Jahrzehnte bundesrepublikanischer Geschichte in den Blick zu nehmen. Vier Beiträge widmen sich der Entwicklung bis 1969. So spürt Kristina Meyer dem sozialdemokratischen Demokratiepostulat gerade im Hinblick auf den Umgang mit der NS-Zeit nach, findet viele Defizite, plädiert dennoch für Nachsicht. Links- oder auch rechtsintellektuellen, nicht konformen Sehnsuchtsorten spürt Alexander Gallus nach, und sieht bei einigen Linken eine Projektion auf Willy Brandts Formel, der Liberal-Konservative eher skeptisch gegenüberstanden. Ideengeschichtlich sucht Jens Hacke den Demokratisierungsappell Brandts als »dynamischen und offenen, tendenziell unabschließbaren Prozess« zu umreißen. Was hier als Möglichkeit der Planung schon anklang, führt Elke Seefried konkret am Regierungshandeln der Jahre ab 1969 aus, indem sie schlüssig den latenten Widerspruch von (autoritativer) Planung von oben und Demokratisierung hervorhebt. Bei Detlef Siegfried sind es die schon seit den 1950er-Jahren entwickelten und in der APO wirksamen Thesen von partizipatorischer Demokratie (Johannes Agnoli u.a.), die dann immerhin zum Teil von Brandts werbendem Appell integriert werden konnten.

Fünf Beiträge (Seefrieds Beitrag zur Planung wurde schon erwähnt) widmen sich der Umsetzung in der Zeit bis 1974. Innerparteilich wurde zwar viel an neuem Engagement mobilisiert – so Dietmar Süß –, jedoch führte dies vielfach in der konkreten Debattenkultur und politischen Umsetzung zu Enttäuschungen. Er spricht von »überzogenen Erwartungen, ideologischer Abschottung, jugendlich-männlicher Überheblichkeit«, der er Beharrungskräfte des Parteiestablishments gegenüberstellt. Knud Andresen geht es um die Mobilisierung der Jugend, zumal der Gewerkschaften (Jugendzentren); Alexandra Jaeger widmet sich der Umsetzung des von ihr »Radikalenbeschluss« genannten Erlasses in der Hamburger SPD (Brandt hatte diesen von Anfang an voll mitgetragen) und schließlich ermittelt Daniela Münkel die von der DDR-Führung zunächst wahrgenommenen Chancen, die dann bei Brandts auch dort populär erscheinendem Aufbruch destabilisierend wirken konnten. Alle diese Beiträge zeichnet ein verständnisvoller, aber kritischer Umgang mit einem so einfach scheinenden Demokratieaufbruch dar.

Von konservativer Seite gab es in der BRD bei der CDU große ideologische Vorbehalte gegenüber einer Demokratisierung nicht nur des Staates, sondern der Gesellschaft, wie Martina Steber in einem überblicksartigen Essay zum Vergleich mit den britischen Entwicklungen hin zum Thatcherismus zeigt. Doch da sind wir schon in den 1980er-Jahren. Neben diesem BRD-britischen Vergleich finden sich zwei analoge zu Frankreich und den USA. Während Hélène Miard-Delacroix behutsam Ähnlichkeiten aufzeigt, jedoch den großen Unterschied zur französischen planification hervorhebt, die erst unter Valéry Giscard d’Estaing ab 1974 vergleichsweise Reformen auslösen konnten, provoziert Philipp Gassert mit einer positiven Parallele Nixon-Brandt: Während ersterer mit radikal anti-linker Rhetorik glänzte und sich somit ganz anders positionierte, wiesen die US-Sozialreformen jener Jahre für Gassert doch manche Parallelen zur konkreten Brandtschen Reformpolitik auf.

Noch weiter von Brandt entfernen sich die aufschlussreichen Beiträge zur internationalen Dimension von Demokratisierung. Es ist schon früher gezeigt worden, dass Entwicklungspolitik unter Kanzler Brandt noch nicht im Vordergrund stand; Bernd Rother weist aber für die späteren Jahre in der Sozialistischen Internationale nach, dass Demokratie im westlichen Sinne angesichts der Konkurrenz zu kommunistischen Bemühungen kein allein entscheidendes Kriterium war. Diesen Befund unterstreicht Frank Bösch nochmals, allerdings vornehmlich für die Zeit nach der Regierung Brandt: Demokratie und Menschenrechte spielten in unterschiedlichen Weltgegenden – Lateinamerika, Ostasien u.a. – für alle bundesdeutschen Regierungen eine untergeordnete Rolle gegenüber anderen Interessen. Hier zeigt sich – und das sollte man wohl weiter befragen –, dass innergesellschaftliche Ordnungsvorstellungen und entsprechende Politik per se im internationalen Staatensystem ganz andere Austarierungen erforderten als politische Werte wie Demokratie und Menschenrechte.

Doch insgesamt gilt für den ganzen Band, dass hier eine mittlere Forschergeneration, die zum Teil jahrelang einschlägig geforscht hat, das Leitwort des »Demokratie-Wagens« in Theorie und Praxis kontextualisiert und dabei zwar viel Luft aus dem Begriff herauslässt, dafür aber beachtenswerte neue Sichtachsen und Erkenntnisse gewinnt. Der Verlag kündigt den Band als Beitrag zum 50-jährigen Jubiläum von Brandts Regierungsantritt an – genau eine solche Jubelschrift ist er jedoch glücklicherweise nicht geworden. Er ging vielmehr aus einer Tagung von 2017 hervor, die von Axel Schildt maßgeblich geprägt worden war. Leider starb Schildt kürzlich, so dass er zwar die von ihm mit Wolfgang Schmidt verfasste Einleitung noch mitgestalten konnte, das Erscheinen des Bandes aber nicht mehr erlebte. So ist unter der Hand »Wir wollen mehr Demokratie wagen« zu einem Kabinettstück vielfältiger kritischer Zeitgeschichtsschreibung in Deutschland geworden, für die gerade Axel Schildt über Jahrzehnte maßgeblich als Autor und Anreger tätig gewesen ist: fast schon eine – unbeabsichtigte – erste Gedenkschrift.

Jost Dülffer,Köln

Zitierempfehlung:

Jost Dülffer: Rezension von: Axel Schildt/Wolfgang Schmidt (Hrsg.): »Wir wollen mehr Demokratie wagen«. Antriebskräfte, Realität und Mythos eines Versprechens (Willy-Brandt-Studien, Bd. 6), Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2019, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 59, 2019, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81907> [9.10.2019].

 

Cédric Hugrée/Etienne Penissat/Alexis Spire (Hrsg.), Les classes sociales en Europe. Tableau des nouvelles inégalités sur le vieux continent

Rezension zu Cédric Hugrée/Etienne Penissat/Alexis Spire (Hrsg.), Les classes sociales en Europe. Tableau des nouvelles inégalités sur le vieux continent, Éditions Agone, Marseille 2017, 272 S., brosch., 19,00 €, ISBN 978-2-74-890333-1

Rezension als pdf

Dieses Buch möchte soziale Klassen wieder zum Thema wissenschaftlicher Forschung machen, nachdem es in den vergangenen Jahrzehnten in den Hintergrund getreten ist. Dabei geht es den Autoren nicht primär um eine Weiterentwicklung von theoretischen Konzepten der sozialen Klassen, sondern um eine Nutzung des Konzepts für die empirische Forschung. Sie haben dabei zwei Ambitionen: Sie möchten erstens erreichen, dass in der Forschung zur sozialen Ungleichheit nicht mehr nur Ungleichheit zwischen Individuen, sondern auch Ungleichheit zwischen den heutigen sozialen Klassen untersucht wird. Sie arbeiten mit einem Konzept von drei sozialen Klassen, Unterschicht (classes populaires), Mittelschicht (classes intermédiaires) und Oberschicht (classes supérieures). Dabei legen die Autoren ein breites Verständnis von sozialer Ungleichheit zugrunde. Sie untersuchen nicht nur, wie die meisten der jüngsten ökonomischen Untersuchungen hierzu, Einkommens- und Vermögensunterschiede, sondern auch Arbeitsbedingungen, Bildung, Wohnen und Lebensweisen sowie Ungleichheiten zwischen Geschlechtern und Generationen, unter anderem um die Möglichkeiten einer neuen sozialen Bewegung zu eruieren. Die zweite, besonders originelle Ambition: Das Buch möchte zudem die Unterschiede zwischen den sozialen Klassen nicht im nationalen Rahmen, sondern in der ganzen Europäischen Union untersuchen. Dieser Versuch ist in der gegenwärtigen Soziologie selten. Die Autoren stützen sich dafür vor allem auf Daten des Statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat), über Arbeitskräfte (Labour Force System), über Arbeits- und Lebensbedingungen (EU-SILC), über Weiterbildung (Adult Education Survey) und auf Daten der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound). Diese Daten werden teils schon seit den 1980er-Jahren, teils aber erst seit wenigen Jahren erhoben. Das Buch beschränkt sich deshalb auf die Gegenwart und verfolgt den längeren historischen Wandel nicht. Wenn Eurostat seine Kategorien beibehält, dürfte die Auswertung dieser europäischen Daten zukünftig auch für Historikerinnen und Historiker von großem Interesse sein.

Das Buch der Soziologen des »Centre national de la recherche scientifique« enthält eine ganze Reihe beachtenswerter Resultate. Davon seien drei erwähnt: Es ist nicht gänzlich überraschend, aber aus Sicht eines Historikers des 19. und 20. Jahrhunderts doch bemerkenswert, dass die Unterschicht in der Europäischen Union weniger als die Hälfte der Bevölkerung (in den Großstädten noch weniger), die Mittelschicht ungefähr ein Drittel, und die Oberschicht ungefähr ein Fünftel der aktiven Bevölkerung (in den Großstädten noch mehr) umfasst, also die Unterschicht deutlich schmaler und die Oberschicht deutlich breiter ist als im Europa des 19. und auch noch der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Autoren zeigen darüber hinaus in origineller Weise, dass die Oberschicht nicht überall in Europa gleich breit ist, im westlichen Europa, darunter Großbritannien, Frankreich, Deutschland, aber auch im heutigen Polen deutlich breiter ist als anderswo in Europa. Dagegen ist die Unterschicht im südlichen Europa und auch meist im östlichen Europa umfangreicher als im europäischen Durchschnitt. Die Autoren betonen auch, dass diese drei Klassen keineswegs homogen sind. Die wichtigste Trennlinie in der Unterschicht sehen sie in wachsender Lohnabhängigkeit im Westen, dagegen im Anwachsen von kleinen Selbständigen im Süden und Osten Europas. Zentrale Spaltungslinien in der Mittelschicht liegen für sie zwischen stabiler Staatsbeschäftigung und instabilerer privater Beschäftigung. Die wichtigste und zunehmende Abgrenzung innerhalb der Oberschicht entsteht für sie durch die Gegensätze zwischen reichen Managern und den von prekärer Situation bedrohten kulturellen und intellektuellen Berufen der Oberschicht. Schließlich stellen die Autoren auch spürbare Unterschiede der sozialen Lage heraus zwischen den relativ abgesicherten Unterschichten des Nordens und den stärker von Prekarität und internationaler Konkurrenz bedrohter Unterschichten des Südens, auch Frankreichs. Sie sehen in den Sparzwängen der Europäischen Zentralbank und dem Abbau staatlicher sozialer Sicherung einen wesentlichen Grund für diese Divergenz innerhalb der Europäischen Union. Die Stärke des Buches liegt vor allem in solchen europäischen Vergleichen.

Die Grundintention, soziale Klassen in der Europäischen Union zu untersuchen, wird in dem Buch allerdings nicht vollständig eingelöst. Die Wahl der drei Klassen und die Zuordnung von Berufsgruppen wird nicht genügend erläutert. Jedenfalls geht es nicht nur um soziale Hierarchien. Die Unterschichten nehmen zwar in dieser Darstellung durchweg die unteren sozialen Ränge ein, aber die Mittelschichten und die Oberschichten stehen, so entnimmt man dem Buch (S. 223), zu einem erheblichen Teil in der sozialen Hierarchie nebeneinander. Zudem werden zwar die Divergenzen innerhalb der drei sozialen Klassen gut ausgeleuchtet, aber was diese sozialen Klassen zusammenhält, welche Verflechtungen, welche gemeinsamen Erfahrungen, welche gemeinsamen sozialen Konflikte und politische Repräsentationen bestehen, bleibt zu wenig untersucht. Trotz neuartiger Ergebnisse überzeugt das Buch nicht darin, dass man die soziale Ungleichheit in der Europäischen Union nur als Ungleichheit zwischen diesen drei sozialen Klassen untersuchen kann.

Hartmut Kaelble,Berlin

Zitierempfehlung:

Hartmut Kaelble: Rezension von: Cédric Hugrée/Etienne Penissat/Alexis Spire (Hrsg.), Les classes sociales en Europe. Tableau des nouvelles inégalités sur le vieux continent, Éditions Agone, Marseille 2017, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 59, 2019, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81908> [9.10.2019].

 

Andrew L. Johns/Mitchell B. Lerner (Hrsg.), The Cold War at Home and Abroad. Domestic Politics and US Foreign Policy since 1945, University Press of Kentucky

Rezension zu Andrew L. Johns/Mitchell B. Lerner (Hrsg.), The Cold War at Home and Abroad. Domestic Politics and US Foreign Policy since 1945, University Press of Kentucky, Lexington 2018, vi + 332 S., geb., 60,00 $, ISBN 978-0-813-17573-7

Rezension als pdf

Charlie Wilson hatte es leicht als Abgeordneter. Fast zweieinhalb Jahrzehnte lang vertrat der Demokrat den zweiten Kongressdistrikt von Texas in Washington. Schenkt man der filmischen Stilisierung von Wilsons bewegtem Leben Glauben, so konnte sich der schillernde Politiker deshalb ungestört dem Afghanistankrieg widmen, weil seine Wählerinnen und Wähler vergleichsweise anspruchslos waren: Der von Tom Hanks kongenial verkörperte Wilson musste seinem Elektorat nur dessen Waffenbesitz garantieren und es ansonsten in Ruhe lassen. Das Bedingungsgeflecht, das Innen- und Außenpolitik während des Kalten Kriegs bildete, war freilich nicht immer so geschmeidig zu entwirren. Die Autorinnen und Autoren des von Andrew Johns und Mitchell Lerner herausgegebenen Sammelbands haben sich vorgenommen, mithilfe eines methodisch modernisierten Ansatzes der Politikgeschichte die Wechselbeziehung zwischen der nationalen und der internationalen Arena in der Ära der Blockkonfrontation zu beleuchten.

Wie schmal der Grat zwischen Information und Propaganda in einer Demokratie ist, exemplifiziert Autumn Lass anhand des im US-Außenministerium angesiedelten »Office of Public Affairs«. Diese Einrichtung sollte Fakten eigentlich wirklichkeitsgetreu verbreiten, konnte jedoch der Versuchung nicht widerstehen, selbst Fakten in die Welt zu setzen, um einer in den späten 1940er-Jahren zunächst skeptischen Öffentlichkeit die Notwendigkeit einer offensiven Strategie im Kalten Krieg näherzubringen. Information und Indoktrination waren demnach zwei Seiten derselben Medaille. Dies gilt nicht zuletzt für den Vietnamkrieg. David L. Prentice zeichnet die politische Karriere des Abgeordneten Melvin Laird nach, der als »political attack dog« (S. 37) Präsident Lyndon B. Johnson zusetzte, gleichzeitig aber als Repräsentant eines pragmatischen Republikanismus des Mittleren Westens etwa die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung nicht kategorisch abwies. Laird sprach sich gegen einen Einsatz von Bodentruppen in Indochina aus, forderte stattdessen ein massives Bombardement, um amerikanischen Soldaten einen blutigen Opfergang zu ersparen. Einen Verhandlungsfrieden lehnte er strikt ab. Später gab er einer revisionistischen Lesart des Vietnamkonflikts Nahrung, indem der die zögerliche Haltung des Kongresses für die ausbleibenden Erfolge auf dem Schlachtfeld verantwortlich machte. So aufschlussreich Prentice’ Studie in Bezug auf Lairds Metamorphose vom Falken zum Pessimisten ist, so wenig erhellt aus ihr die dem Sammelband leitmotivisch vorangestellte »Tocqueville Oscillation« (Walt Rostow) zwischen Innen- und Außenpolitik. Ganz anders indes bei Chrisopher Foss: Sein Aufsatz analysiert am Beispiel Henry »Scoop« Jacksons überzeugend die Wechselwirkung beider Politikfelder. Jackson vertrat über Jahrzehnte hinweg hartnäckig die Interessen des Staates Washington auf Bundesebene. So gelang es ihm, Bundesgelder für Militäreinrichtungen und Nuklearanlagen in den pazifischen Nordwesten zu lenken, selbst wenn der Kongress eigentlich zu Sparrunden ansetzte. Neben einem »brash display of nuclear cheerleading« (S. 70) blieb auch sein Lobbying zugunsten des Flugzeugkonzerns Boeing im Gedächtnis und trug ihm 1970 den ersten Platz im parlamentarischen Subventionsranking ein. Bittere Ironie: Selbst die Beseitigung der nuklearen Hinterlassenschaften in Hanford sicherte Jobs. Liberale schätzten Jackson als Kümmerer, Konservative hoben seine sicherheitspolitische Kompromisslosigkeit hervor. Allerdings hegte Jackson früh Sympathien für China, und als sich das Land unter Deng Xiaoping zu öffnen begann, verstand es der gewiefte Senator, zuvörderst seinen Heimatstaat Washington vom sich belebenden transpazifischen Handel profitieren zu lassen. Industrie-, Forschungs- und Sicherheitspolitik gingen Hand in Hand.

Daniel G. Hummel bringt in seinem ebenfalls überzeugend recherchierten Aufsatz die Religion ins Spiel. Er veranschaulicht die Bemühungen Marc Tanenbaums, mit Billy Graham einen der einflussreichsten Evangelikalen für eine proisraelische Allianz zu gewinnen und damit gleichzeitig den interreligiösen Dialog zu fördern. Als Anhänger der prämillenarisch-dispensationalistischen Eschatologie wahrte Graham theologisch Distanz zu antijüdischen Strömungen des Evangelikalismus und eignete sich so im Besonderen als Brückenbauer. Der Sechstagekrieg 1967 sowie Grahams Unterstützung für den später in Ungnade gefallenen Präsidenten Richard Nixon stellten die neue Allianz auf eine schwere Belastungsprobe. Hummel zeigt, wie sich Graham seit Mitte der 1970er-Jahre vom Nahostkonflikt abwandte, zumal er den Aufstieg der religiösen Rechten mit ihrer genuin politisch-kulturkämpferischen Agenda kritisch beäugte.

Henry R. Maar und Tizoc Chavez befassen sich intensiver mit Nixon, wobei Chavez das eindringlichere Porträt gelingt, indem er Nixons medial brillant inszenierte Reisen in das ›Reich der Mitte‹ und nach Moskau als Ausfluss einer »storybook presidency« (S. 148) charakterisiert. Die ebenso knappen wie traumatischen Niederlagen bei den Präsidentschafts- und Gouverneurswahlen 1960 bzw. 1962 hatten Nixon in der Auffassung bestärkt, dass der medialen Begleitmusik mindestens derselbe Stellenwert beizumessen sei wie der politischen Substanz. Dass ausgerechnet der linkische und introvertierte Republikaner auf die Macht des Fernsehens und die Dynamik der Gesprächsdiplomatie setzte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Und so öffnete der ehedem »coldest of cold warriors« (S. 154) 1972 die Türen zur Volksrepublik China, was einer sicherheitspolitischen Revolution gleichkam und obendrein von den ökonomischen Turbulenzen zuhause ablenkte, welche die Gewissheiten von Bretton Woods zum Einsturz brachten. Es nimmt daher nicht wunder, dass Nixons Chinareise John Adams zu einer raffinierten Oper inspirierte, die einen angestammten Platz im Repertoire der Moderne reklamieren kann.

Hideaki Kami und Amanda C. Demmer führen am Beispiel der Exilkubaner bzw. -vietnamesen vor Augen, wie der elitäre Zirkel des außenpolitischen Establishments von Graswurzellobbyisten auf Trab gehalten werden kann. Demmer erläutert differenziert die Aktivitäten der »Families of Vietnamese Political Prisoners Association« (FVPPA), die sich beharrlich für die Freilassung der nach 1975 in Umerziehungslagern internierten Regimegegner engagierte. Dabei stieß die Organisation in den USA anfangs auf ein gerüttelt Maß an Desinteresse, das erst überwunden zu werden vermochte, als das Schicksal der Kriegsgefangenen, Vermissten und der »Amerasians« zu einem Trumpf im Verhandlungspoker auf dem Weg zu einer Normalisierung der vietnamesisch-amerikanischen Beziehungen avancierte. In die Karten spielte der FVPPA außerdem die Renaissance der Familienwerte in der Rhetorik Ronald Reagans. Der auf einem dichten Netzwerk basierende Informationsvorsprung verschaffte der FVPPA einen Einfluss, der in keinem Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl und finanziellen Potenz stand und dem auch von der Populärkultur aufgeholfen wurde, als mit dem Film »Rambo II« 1985 die Auseinandersetzung mit dem Vietnamdesaster in eine neue Phase trat. Da eine forsche Menschenrechtspolitik darüber hinaus sowohl bei der Rechten als auch der Linken auf Anklang stieß, floss die Agenda der FVPPA reibungslos in die Verhandlungen zwischen Washington und Hanoi ein, die schließlich 1995 zur Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen führten.

Michael Brenes legt den Finger in die Wunde der politischen Ökonomie im Kalten Krieg. Die Aufrüstung unter Präsident Reagan habe die Kluft zwischen den Schichten vertieft, da vorwiegend Hochqualifizierte von elaborierten Rüstungsprogrammen profitierten, während die sogenannte Friedensdividende nach 1989 viele Arbeiter in Form von Jobverlust und Statusängsten erreichte. Brenes hebt präzise den Widerspruch zwischen den »mantras of self-reliance« (S. 250) und der Expansion des fiskalisch-militärischen Komplexes hervor: Gerade jene zu den Republikaner neigenden Profiteure der Aufrüstung machten vehement Front gegen eine als zu hoch empfundene Steuerlast, während die Protagonisten der Kampagne für nukleare Abrüstung liberale Argumente effizienten Haushaltens bemühten, um ihren Wirkungskreis über eine linke Kernklientel hinaus zu erweitern.

Die Aufsätze bieten insgesamt – bei Abstrichen im Einzelnen – einen facettenreichen Einblick in die Wechselwirkung innen- und außenpolitischer Systeme. Begrifflich geschärft worden wären die Beiträge durch eine Berücksichtigung der Theorien der internationalen Beziehungen. Auch wenn die Weltgesellschaft noch immer Utopie ist, bieten konstruktivistische Ansätze überzeugende Plädoyers für die Annahme, dass wachsende Interdependenzen Fragmente einer Gesellschaftswelt freilegen. Lerner lenkt am Ende selbst das Augenmerk auf die zwiespältigen Ausprägungen der »social media explosion« (S. 294), deren Folgen wiederum Bernard Harcourt unlängst in einer zwischen Brot und Spielen angesiedelten Strategie der total information awareness kulminieren sah, die auch in der Außenpolitik tagtäglich tiefe Spuren hinterlässt.

Gerhard Altmann,Korb

 

Zitierempfehlung:

Gerhard Altmann: Rezension von: Andrew L. Johns/Mitchell B. Lerner (Hrsg.), The Cold War at Home and Abroad. Domestic Politics and US Foreign Policy since 1945, University Press of Kentucky, Lexington 2018, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 59, 2019, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81903> [9.10.2019].

 

Heinz Weiss, Otto Felix Kanitz. Vom jüdischen Klosterschüler zum Top-Roten der Zwischenkriegszeit

Rezension zu  Heinz Weiss, Otto Felix Kanitz. Vom jüdischen Klosterschüler zum Top-Roten der Zwischenkriegszeit, Echomedia Buchverlag, Wien 2016, 239 S., geb., 24,90 €, ISBN 978-3-903113-14-5

Rezension als pdf

Otto Felix Kanitz (1894–1940) gehörte zu den bekanntesten Pädagogen der Arbeiterbewegung der Zwischenkriegszeit zwischen Erstem und Zweiten Weltkrieg. Zugleich sind biografische oder sich mit seinem Werk befassende Arbeiten bislang rar. Mit dem vorliegenden Band bietet Heinz Weiss einige Elemente einer eher journalistisch-publizistischen Biografie, mit vielen Zitaten, Textauszügen und Bildern. Ohne Not etwas reißerisch wirkt dabei der Untertitel des Bandes »Vom jüdischen Klosterschüler zum Top-Roten der Zwischenkriegszeit«.

Kanitz wurde 1894 als jüngster Sohn eines jüdischen Unternehmers geboren. Die Eltern ließen sich bereits 1899 scheiden. Der Vater trat mit seinen Söhnen zum katholischen Glauben über, die drei Söhne wurden in einem katholischen Waisenhaus in Wien untergebracht. Im Jahr 1907 begann Otto Felix Kanitz zunächst eine Lehre zum Installateur, später zum Kaufmannsgehilfen. Seit 1910 bei den sozialdemokratischen Kinderfreunden, seit 1911 in der Wiener Arbeiterjugend aktiv, überstand er den Krieg in Wien. Ab 1918 studierte er Pädagogik und Philosophie und begann im selben Jahr als pädagogischer Sekretär bei den Kinderfreunden zu arbeiten. Seit 1919 leitete er die neue Schule für Erzieher, die der Verband im alten Kaiserschloss in Schönbrunn hatte einrichten können. Ab 1921 gab er die Zeitschrift »Sozialistische Erziehung« heraus und mischte sich mit einer Reihe von Publikationen im deutschsprachigen Raum in die Debatten um die Art und Weise sozialistischer Erziehung junger Menschen ein. 1922 promovierte er zudem zum Doktor der Philosophie. Von 1925 bis 1930 agierte er als Vorsitzender des Reichsbildungsausschusses der Sozialistischen Arbeiterjugend, von 1930 bis 1933 war er Vorsitzender der Sozialistischen Arbeiterjugend. Im Jahr 1932 wurde er ins österreichische Parlament (Bundesrat) gewählt, das Mandat wurde aber nach der Niederschlagung des Aufstands des sozialdemokratischen »Schutzbundes« im Rahmen der Februarkämpfe 1934 aberkannt. Er floh vorübergehend in die Tschechoslowakei und kehrte 1936 nach Wien zurück. Nach dem gewaltsamen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde er von der Gestapo verhaftet und 1939 in das KZ Buchenwald verschleppt, wo er am 27. März 1940 verstarb.

Das Buch von Heinz Weiss beginnt mit einer kurzen Darstellung des Wegs von Hermine Weinreb zu den Kinderfreunden. Weinreb, aus bürgerlichem Hause kommend und gegen den Willen ihrer Familie Mitglied der Sozialdemokratie geworden, habe als Vorsitzende der Kinderfreunde in Wien-Alsengrund 1915 junge Pädagogen für ihre Arbeit angeworben, darunter auch Kanitz. Ein wichtiges Projekt für Weinreb sei die Einrichtung einer eigenen Ausbildungsstätte von Erziehern gewesen – mit der Auswahl ihres »geistigen Sohnes« Otto Felix Kanitz als Leiter der Schule in Schönbrunn sei ihre pädagogische Saat aufgegangen (13).

Für die weitere Darstellung wählt der Autor einen interessanten Einstieg, indem er die von Kanitz verfasste »Geschichte des Franz Lechner« über den Leidensweg eines jungen Lehrlings und seine Kontaktaufnahme mit der Arbeiterjugendbewegung mit Elementen der Biografie von Kanitz verbindet – und nahelegt, dass Kanitz hier auch eigene Erlebnisse verarbeitet hat. Die Geschichte beschreibt sehr anschaulich die Willkür und Ausnutzung der Lehrlinge durch die Lehrherren und thematisiert zugleich den schwierigen Weg für die jungen Menschen zu einem Engagement in der Arbeiterjugend und zum Kampf für die eigenen Rechte. Damit ist zugleich auch ein sehr eindrückliches Panorama der Lebenslagen gezeichnet, mit denen die Kinderfreunde und die Arbeiterjugend bei der eigenen Arbeit umgehen mussten.

Die Arbeit der Kinderfreunde sollte nicht nur Fürsorge, sondern Erziehung sein, in Kanitz‘ Worten lautete die Aufgabe: »das geistige Leben des Kindes nach einer bestimmten Richtung hin entwickeln, das Denken, Fühlen und Wollen in einer ganz bestimmten Weise beeinflussen.« (S. 64). Eine objektive Erziehung sei undenkbar, eine unparteiische Beeinflussung ein Unding (S. 65). Und später zitiert Weiss einige Grundsätze der sozialistischen Erziehung nach Kanitz: »Die erste Forderung sozialistischer Erziehung ist die Erziehung der Kinder zur Solidarität. Die Weltanschauung unserer Kinder muss vom Gefühl der Solidarität bestimmt sein.« (S. 84). In der Folge zeichnet der Autor einige der pädagogischen Debatten nach, an denen Kanitz beteiligt war. Mit den weiteren Entwicklungen der Republik, insbesondere seit den tödlichen Auseinandersetzungen zwischen reaktionärer Heimwehr und sozialdemokratischem Schutzbund in Schattendorf und dem Brand des Wiener Justizpalasts im Jahr 1927, wurde die Sprache Kanitz’ zunehmend militanter. So heißt es in einem Artikel aus diesem Jahr: »Unsere erste Aufgabe: Wir müssen wehrhaft werden! Wir müssen die Reihen unserer Jungordner stärken, müssen unsere Körper stählen, unsere Muskeln dehnen, unsere Herzen mit Mut erfüllen. Je stärker der Schutzbund, je stärker die Jugendordnerformationen, umso eher werden sich’s Frontkämpfer und Hakenkreuzler überlegen, jemals wieder auf Arbeiter zu schießen. Unsere zweite Aufgabe: Wir müssen lernen! […] Unsere dritte Aufgabe: Wir müssen werben!« (S. 122).

Das Exil in der Tschechoslowakei hielt Kanitz nicht lange aus. Geplagt vom Heimweh nach Wien und nach seiner Familie, bemühte er sich bei den österreichischen Behörden um die Genehmigung der Rückkehr und versprach, sich politischer Aktivitäten zu enthalten. Zurück in Wien wurde er von vielen alten Genossen misstrauisch beäugt. Diese Zeit beschreibt der Autor als nicht mehr sehr glücklich. Ob Kanitz bewusst ignoriert oder schlicht vergessen wurde, will der Autor nicht bewerten. Die Beziehung zu seiner Familie scheint kompliziert gewesen zu sein, die meiste Zeit war er jedenfalls getrennt von seiner Familie gemeldet.

Heinz Weiss ist eher ein Erinnerungsband als eine vollständige Biografie gelungen – eine interessante Collage aus Texten von Kanitz, aus Bildern und Dokumenten. So bieten sich einige schöne Einblicke in seine pädagogischen und politisch-organisatorischen Vorstellungen. Die politischen Kontroversen über die den Ansprüchen der Bewegung angemessene Pädagogik, in die auch Kanitz beispielsweise bei der Aufstellung der SAJ oder im Rahmen der internationalen Debatten der Arbeiterjugend verwickelt war, kommen hingegen nur am Rande vor.

Der Lebensweg von Otto Felix Kanitz steht beinahe exemplarisch für die gesamte Tragik der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung der Zwischenkriegszeit: Aus eigenem Antrieb und teilweise autodidaktisch wurde ein enormes Wissen erarbeitet, mit viel Ausdauer wurden auch erste organisatorische Rahmenbedingungen zu ihrer Umsetzung geschaffen um dann letztlich an der Gewalt und Brutalität der faschistischen Bewegungen buchstäblich zugrunde zu gehen. So ist das Buch ein Beitrag zur Würdigung einer politischen und pädagogischen Aufbruchszeit, die es wert ist erinnert zu werden und bei der es durchaus interessant bleibt, auch nach aktuellen Anschlüssen zu suchen.

Thilo Scholle,Lünen

Zitierempfehlung:

Thilo Scholle: Rezension von: Heinz Weiss, Otto Felix Kanitz. Vom jüdischen Klosterschüler zum Top-Roten der Zwischenkriegszeit, Echomedia Buchverlag, Wien 2016, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 59, 2019, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81900> [10.10.2019].

Christoph Gusy/Robert Christian van Ooyen/Hendrik Wassermann (Hrsg.), 100 Jahre Weimarer und Wiener Republik – Avantgarde der Pluralismustheorie, (Recht und Politik, Beiheft 3)

Rezension zu Christoph Gusy/Robert Christian van Ooyen/Hendrik Wassermann (Hrsg.), 100 Jahre Weimarer und Wiener Republik – Avantgarde der Pluralismustheorie, (Recht und Politik, Beiheft 3), Duncker & Humblot, Berlin 2018, 143 S., brosch., 49,90 €, ISBN 978-3-428-15613-9

Rezension als pdf
 

Die Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik werden nach wie vor kontrovers diskutiert. Dabei wird auch die Struktur der Weimarer Verfassung immer wieder in die Ursachenbetrachtung einbezogen. Zugleich üben insbesondere die sich im Laufe der 1920er-Jahre entwickelnden staatsrechtstheoretischen Diskussionen beispielsweise zwischen Hermann Heller, Rudolf Smend, Carl Schmidt und Hans Kelsen eine bis heute andauernde Faszination aus. Oft vergessen wird dabei, dass es auch in Österreich eine vergleichbare Situation der Republik- und Verfassungsneugründung gab. Hier waren die Protagonisten der Verfassungsdebatten neben Hans Kelsen insbesondere die Sozialdemokraten Otto Bauer, Karl Renner und Max Adler. Dass es bei den Verfassungsdebatten sowohl in Deutschland als auch in Österreich nicht (nur) darum ging, wie eine bürgerliche Demokratie staatsorganisationsrechtlich aufgestellt sein müsse und welche Rolle eventuell auch Grundrechte der Individuen spielen könnten, sondern dass Hintergrund vieler Beiträge auch die Frage der Rolle und Gestaltung einer Verfassung vor dem Hintergrund der realen gesellschaftlichen Verhältnisse war, wird oft nicht beachtet. Dies gilt umso mehr in Bezug auf die fehlende Berücksichtigung der »Austromarxisten« um Otto Bauer, die sehr anregende, aber bis heute nur wenig rezipierte Beiträge zu einer marxistisch informierten Verfassungstheorie geliefert haben.

Vor diesem Hintergrund ist die Zusammenstellung der Beiträge im hier zu besprechenden Heft beachtenswert. Die inhaltliche Interpretationslinie des vorliegenden Beihefts der sozialdemokratisch-orientierten rechtspolitischen Zeitschrift »Recht und Politik« wird bereits im Untertitel deutlich »Avantgarde der Pluralismustheorie«. Das Heft vereinigt acht Beiträge, von denen der überwiegende Teil bereits andernorts publiziert wurde.

In seinem Vorwort hält der Bielefelder Verfassungsrechtler Christoph Gusy fest: »Im Jahr 1918 verging in Deutschland und in Österreich nicht bloß eine Verfassung, sondern auch ein altes Verfassungs- und Verfassungsrechtsdenken.« Dieses war, wie der Autor weiter ausführt, alles andere als unumstritten (S. 6). Gusy eröffnet den Band auch mit dem ersten Beitrag (»Die verdrängte Revolution«, S. 9–32), und unterstreicht eingangs noch einmal, dass das Ende der Weimarer Republik und die NS-Verbrechen keine Folge der Weimarer Reichsverfassung (WRV) gewesen seien, »sondern die Folge von deren planmäßiger Zerstörung und tiefstem Niedergang« (S. 9). Im Folgenden skizziert der Autor den »Weg nach Weimar«. Gusy stellt fest, dass Freiheitsschutz in aktuellen Debatten eher als Handlung mitunter auch gegen die Volksvertretung beispielsweise durch (Verfassungs-) Gerichte gesehen werde (S. 25). Dem hält er entgegen, im Anschluss an Hans Kelsen könne man auch an Lösungen denken, die auf beiden Mechanismen der Freiheitssicherung aufbauten. Dies setze jedoch voraus, dass der Grundgedanke der Freiheitssicherung durch politische Mitwirkung der Grundrechtsträger als sinnvolle und notwendige Idee mitgedacht werde. »Das Nebeneinander von sozialen und politischen Garantien und der gleichen und gerechten Wahl verweisen die Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit im Staat auf diejenigen, die dazu am meisten berufen sind. Das sind die Träger der Grundrechte selbst und ihre gewählten Vertreter.« (S. 26).

Die frühere Bundesjustizministerium Sabine Leutheusser-Schnarrenberger würdigt in ihrem kurzen Beitrag Hugo Preuß (S. 33–38). Demselben Verfassungsdenker widmet sich auch der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, in einem längeren Beitrag (S. 39–56). Preuß habe für einen »dritten Weg zwischen Status quo und Radikalumsturz« plädiert. »Die Weimarer Reichsverfassung sollte nach seiner Vorstellung einer pluralistischen Ordnung jenseits des Bürgerkrieges oder der Konfliktunterdrückung den Boden bereiten«. (S. 43). Wichtig seien für Preuß vor diesem Hintergrund die politischen Parteien gewesen: »Die Gesellschaft ist durch Heterogenität und Interessenvielfalt gekennzeichnet, die sich in politischen Parteien und anderen Verbänden ausdrückt. Mit Hilfe des demokratischen Verfassungsstaates formt sich diese Gesellschaft zu einer politischen Gemeinschaft, die genossenschaftlich strukturiert ist und deren Entscheidungsprozesse mehrstufig-föderal und durchlässig angelegt sind. Politische Einheit soll also gerade durch die umfassende Einbindung bürgerlicher Vielfalt hergestellt werden«. (S. 50f.) Letztlich bleibe die pluralistische Verfassungskultur mit ihrem Vertrauen in die Selbstorganisation der Gesellschaft trotz aller damit verbundenen Probleme auf Dauer wohl die einzige Alternative zu einem totalitären Staat – eine Perspektive, die sich auch in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts wiederfinde (S. 56).

In einem weiteren Beitrag widmet sich Christoph Gusy dem Thema »Die Weimarer Verfassung zwischen Überforderung und Herausforderung« (S. 57–83). Das Ende der demokratische Weimarer Verfassungsinterpretation sei nicht gekommen, »weil ihre Lehren falsch oder widerlegt waren; es kam, als die Gegenauffassung in den Vorhof der Macht gelangte und die dort maßgeblichen Positionen und Begriffe prägte« (S. 63). Die Frühzeit der Bundesrepublik habe die Weimarer Verfassung denn auch überwiegend aus der Perspektive ihrer (in Funktionen in Wissenschaft und Verwaltung zurückgekehrten) Gegner kennen gelernt (S. 64). Demgegenüber sei vieles, was in aktuellen EU-Verfassungsdiskussionen und deutschen Verfassungsreformdiskussionen thematisiert werde, etwa der Ausbau direktdemokratischer Elemente, die Stärkung von Kontrollrechten, politische Partizipations- und soziale Grundrechte bereits in der Nationalversammlung diskutiert und in der WRV »teils mehr, teils weniger explizit angelegt« (S. 67). Die meisten Verfassungsnormen seien im Jahr 1919 nicht einfach »fertig« gewesen: »Was also aus einer Verfassungsnorm ›gemacht‹ werden, wie sie auf Stabilisierung oder Destabilisierung der Republik wirken konnte oder würde, ließ sich aus der Perspektive der Verfassungsgeber ebenso wenig absehen wie aus dem Text der meisten Regelungen der WRV.« (S. 76) Verfassung gerate in Abhängigkeit nicht nur von rechtlichen, sondern auch von rechts- und verfassungskulturellen Erwartungen und Einflüssen, geistigen Zeitströmungen und politischen Voreinstellungen.« (S. 80). Diese an sich richtige Aufzählung müsste nach Meinung des Rezensenten unbedingt noch um ökonomische gesellschaftliche Grundbedingungen ergänzt werden.

In weiteren Beiträgen mustert Robert Christian van Ooyen die »Verfassungspolitologie pluralistischer Demokratie« u.a. bei Hugo Preuß, Gerhard Anschütz, Richard Thoma, Hans Kelsen und Hermann Heller durch (S. 84–94), und widmet sich später der normativen »Staatstheorie von Hans Kelsen als Verfassungstheorie pluralistischer Demokratie« (S. 115–130). Christoph Schmetterer steuert einen instruktiven Beitrag zur Entstehung der Ersten Republik in Österreich bei (S. 95–114), während Detlef Lehnert den Wiener Rechtswissenschaftler Leo Wittmayer vorstellt (S. 131–143).

Insgesamt bieten die Beiträge so eine interessante Zusammenstellung von Einordnungen der damaligen verfassungsrechtlichen und verfassungspolitischen Entwicklungen. Sehr zu begrüßen ist, dass auch österreichische Entwicklungen in die Betrachtung einbezogen werden.

Thilo Scholle,Lünen

Zitierempfehlung:

Thilo Scholle: Rezension von: Christoph Gusy/Robert Christian van Ooyen/Hendrik Wassermann (Hrsg.), 100 Jahre Weimarer und Wiener Republik – Avantgarde der Pluralismustheorie, (Recht und Politik, Beiheft 3), Duncker & Humblot, Berlin 2018, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 59, 2019, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81901> [10.10.2019].

Wolfgang Jäger, Soziale Sicherheit statt Chaos. Beiträge zur Geschichte der Bergarbeiterbewegung an der Ruhr

Rezension zu Wolfgang Jäger, Soziale Sicherheit statt Chaos. Beiträge zur Geschichte der Bergarbeiterbewegung an der Ruhr, Klartext Verlag, Essen 2018, 211 S., brosch., 22,95 €, ISBN: 978-3-83-75-1988-4

Rezension als pdf

Nachdem sich insbesondere die Sozialgeschichte der 1970er- und 1980er-Jahre intensiv mit der Entwicklung der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften auseinandergesetzt hat, sind diese Themen etwas aus dem Blick geraten. Wolfgang Jäger hat nun das Ende des Steinkohlebergbaus in Deutschland 2018 zum Anlass genommen, an die Errungenschaften der (deutschen) Bergarbeiterbewegung zu erinnern, auch um neues Interesse für ihre Geschichte zu wecken. Das Buch beruht auf einer Vielzahl größtenteils bereits erschienener wissenschaftlicher Texte, journalistischer Beiträge und ausformulierter Vorträge des Autors. Inhaltlich deckt Jägers Schriftensammlung den Zeitraum vom Deutschen Kaiserreich bis in die jüngste Zeitgeschichte ab.

Der erste Themenblock des Buches »Gewerkschaftsgeschichte« konzentriert sich auf die IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und deren Vorläuferorganisationen. Das Buch beginnt mit einem historischen Überblick über die Bergarbeiterbewegung, ihre Gewerkschaften und deren Führer. Anschließend geht Jäger auf die Wiedergründung der Gewerkschaften nach 1945 ein. Anschließend beschäftigt er sich mit der 1948 intensiv diskutierten und schließlich nicht umgesetzten Sozialisierung des Kohlenbergbaus, das heißt dessen Umwandlung in öffentliches Eigentum. Es folgt ein Text zu den Ortsgruppen als maßgebliche Organisationsform der verschiedenen, nicht nur dem Bergbau zuzuordnenden Gewerkschaften zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren, die sich schließlich 1997 in der IG BCE vereinigten. Der erste Themenblock schließt mit einem Abschnitt zu den »dramatischen Märztagen von 1997«, in denen eine sozial verträgliche Form des Rückbaus der staatlichen Subventionen für den Steinkohlebergbau erreicht wurde. Dieser »Aufstand zur Erhaltung der Arbeitsplätze« (Zit. nach S. 78) zeichnete sich durch das ungewöhnliche Bündnis zwischen Gewerkschaftern und Unternehmern gegenüber der schwarz-gelben Bundesregierung aus und spielte, nach Jäger, eine nicht unwesentliche Rolle für den rot-grünen Wahlsieg 1998.

In einem politik- und sozialhistorischen Themenblock analysiert Jäger anschließend das Wahlverhalten und die politischen Bindungen der Ruhrbergarbeiter zwischen Kaiserreich und Nachkriegszeit. Das Bergarbeitermilieu war politisch keineswegs einheitlich und in verschiedene politische, konfessionelle und ethnische Untermilieus gegliedert. Jäger betont, dass für die Parteizugehörigkeit, »[…] Kultur wichtiger als Klasse war« (S. 89). Auch weist er auf die überdurchschnittliche NS-Resistenz des katholischen Milieus hin und identifiziert gleichzeitig Wahlbezirke, in denen sich im Kaiserreich kein festes Milieu gebildete, als Hochburgen der KPD. Der nächste Abschnitt des Buches basiert auf einer Rede und thematisiert die Bedeutung der polnischen Zuwanderer für das Bergbaurevier. Jäger revidiert in diesem Kontext die Idee des Ruhrgebiets als Schmelztiegel und zeigt das konfliktbehaftete Fortbestehen eines eigenen polnischen Bergarbeitermilieus auf, das erst von den Nationalsozialisten zwangsweise assimiliert worden sei. Dabei geht der Autor auch auf die deutlichen antipolnischen Ressentiments ein: »Das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen war, vorsichtig formuliert, schlecht […].« (S. 116) Der Themenblock schließt mit einem (erneuten) Beitrag zum Wahlverhalten der Bergarbeiter, welches überblicksartig die Geschichte des Ruhrbergbaus darstellt.

Das letzte Drittel des Buches besteht aus mehreren kürzeren Texteinheiten, die sich zunächst unter dem Oberbegriff »Mitbestimmung« dem Stinnes-Legien-Abkommen 1918, der Abschaffung der Betriebsratswahlen 1933 und der Entstehung der 1951 verabschiedeten Montanmitbestimmung widmen. Es folgen zwei kurze Texte zum Schicksal der Gewerkschaften im Nationalsozialismus. Zunächst werden eindringlich die Einzelschicksale der Gewerkschaftsführer Fritz Husemann und Heinrich Imbusch und der für den Bergarbeiterverband tätigen Volkswirtin Luise Breuer dargestellt. Durch den Rückgriff auf Interviews mit Verwandten bzw. der Zeitzeugin selbst gewinnt der Abschnitt besondere Intensität. Anschließend wird die Zerschlagung des »Alten Verbands« 1933 skizziert, mit einem Verweis auf die mitunter kritisch als »kampflose Kapitulation« interpretierte Auflösung der nichtsozialdemokratischen Gewerkschaften. Der letzte ausformulierte Abschnitt umfasst biografische Porträts dreier Gewerkschaftsführer (Otto Hue, Fritz Husemann und Heinrich Imbusch). Das Buch schließt mit einem chronologischen Überblick über Stationen der deutschen Bergarbeitergeschichte von 1865 bis 2018.

Jägers Textsammlung bietet einen breiten, gut lesbaren Überblick über die Bergarbeiterbewegung. Die an vielen Stellen sinnvoll eingefügten Bilder und Illustrationen lassen den Band lebendig wirken und unterstützen den Inhalt sehr anschaulich. Eine große Stärke des Buches ist Jägers Gespür für die internen Differenzen der Bergarbeiterbewegung, welche bis in die Nachkriegszeit anhielten und schließlich erfolgreich in der Nachkriegszeit in einer Einheitsgewerkschaft zusammengeführt werden konnten.

Zugleich finden sich aber auch Leerstellen. Während Jäger ausgiebig das Schicksal der sogenannten Ruhrpolen im Kaiserreich und der Weimarer Republik schildert, fehlt eine Auseinandersetzung mit den sogenannten Gastarbeitern in der BRD fast völlig. Auch Frauen kommen im Buch fast ausschließlich als Ehegattinnen, Wählerinnen oder Sympathisantinnen vor. Den beiden genauer vorgestellten Akteurinnen Tisa von der Schulenburg und Luise Breuer werden zusammengenommen gerade einmal fünf Seiten gewidmet. Gewerkschafterinnen werden nur implizit erwähnt. Wenn auch Frauen die Arbeit unter Tage verboten war, waren sie doch in zahlreichen anderen Betriebsfeldern, die Jäger in seiner Vorgeschichte der IG BCE erwähnt, tätig. Die IG BCE selbst hatte im Jahr 2018 einen Frauenanteil von immerhin rund 20%. Das Ignorieren gewerkschaftlichen Engagements von Frauen ist auch deswegen problematisch, weil dies, wie u.a. Brigitte Kassel aufgezeigt hat, durchaus zum geschlechtspolitischen Konzept der Gewerkschaften gehörte, und von Jäger somit (unbewusst) fortgeschrieben wird.

Die schwierige Aufgabe eine Textsammlung inhaltlich kohärent zu gestalten, gelingt Jäger grundsätzlich sehr gut, wenn auch gewisse Brüche, insbesondere zwischen den inhaltlichen Blöcken, nicht ausbleiben. Auch weist das Buch gewisse wohl kaum zu vermeidende Redundanzen auf, etwa in den Textabschnitten zum Wahlverhalten oder den biografischen Passagen. Zudem unterscheiden sich die einzelnen Beiträge auch sprachlich. So ist das aus der Dissertation Jägers hervorgegangene Kapitel zum Wahlverhalten deutlich anspruchsvoller zu lesen als etwa der leicht zugängliche Überblick über die Gewerkschaftsgeschichte, welches nur teilweise mit Belegen versehen ist. Ein genauer Hinweis auf die Provenienz der jeweiligen Unterkapitel, der eine Orientierung erleichtert hätte, fehlt dabei jedoch größtenteils.

Die inhaltliche Klammer, die das Buch zusammenhält, ist das Andenken an die Errungenschaften der Bergarbeiterbewegung. Aus diesem Aspekt ergibt sich ein letzter Einwand: Jägers Blick ist zwar nicht einseitig positiv, mitunter, gerade im ersten Drittel des Buches, erzählt er jedoch eine regelrechte Heldengeschichte. So wird etwa wortwörtlich »die Schuld« für die rassistischen Vorurteile der deutschen Kumpel gegenüber ihren polnischen Kollegen bei den Unternehmern, der Regierung und der katholischen Kirche verortet, ohne aber die Akteure rassistischer Praktiken selbst in die Verantwortung zu nehmen. Dass xenophobe Vorurteile (nicht nur, aber auch gegen Polen) unter Arbeitern und Arbeiterinnen weit verbreitet waren, zeigen beispielsweise die von Richard Evans in Auszügen herausgegebenen polizeilichen Aufzeichnungen Hamburger Kneipengespräche für das Kaiserreich auf. Auch Jägers ungetrübt positive Beurteilung des zur Vermeidung sozialer Härten verzögerten (Stein-) Kohleausstiegs ließe sich angesichts der aktuell vermehrt zu Tage tretenden ökologischen Folgen einer Energiepolitik, die auf Kohlestrom angewiesen ist, in Frage stellen und in Relation zu den sozialen Folgen setzen.

Zusammengefasst hat Wolfgang Jäger einen gut geschriebenen, detailreichen und weitestgehend kohärenten Überblick über die Geschichte der Bergarbeiterbewegung vorgelegt, der sich jedoch nicht völlig von den methodischen und theoretischen Fallstricken der »neueren« Sozialgeschichte lösen kann. Das Ziel des Autors, an die Leistungen der Ruhrbergarbeiter würdigend zu erinnern, erfüllt er dessen ungeachtet mit Bravour.

Tobias Bruns,Marburg

Zitierempfehlung:

Tobias Bruns: Rezension von: Wolfgang Jäger, Soziale Sicherheit statt Chaos. Beiträge zur Geschichte der Bergarbeiterbewegung an der Ruhr, Klartext Verlag, Essen 2018, in: Archiv für Sozialgeschichte (online) 59, 2019, URL: <http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81904> [10.10.2019].

 

Aktuelles

Aktuelles

»Hoch die internationale…«? Praktiken und Ideen der Solidarität. Workshop am 17./18. Oktober 2019 weiter

Bände seit 2006

Bände seit 2006

Die neueren Jahrgänge der Zeitschrift sind ein Jahr nach Erscheinen online frei verfügbar weiter

Archiv (1961-2005)

Archiv (1961-2005)

Alle seit 1961 erschienenen Bände des AfS stehen in retrodigitalisierter Form zur Verfügung weiter

Beihefte

In der ReiheBeihefte zum Archiv für Sozialgeschichte erscheinen vorwiegend Quelleneditionen mit Dokumenten zur Geschichte der Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung sowie zur Zeitgeschichte.

Einzelveröffentlichungen

In der Reihe Einzelveröffentlichungen aus dem Archiv für Sozialgeschichte werden Aufsätze aus den Rahmenthemen publiziert.


nach oben