Gender-Blog

  • Bild: ­von ­Andrea Schmidt ­

15.03.2019

2019 - and still fighting for equal pay...

Flora Antoniazzi und Laura Rauschnick schreiben über das DGB-Projekt "Was verdient die Frau? Wirtschaftliche Unabhängigkeit!" und den langen Kampf für gleiche Bezahlung.

Bild: DGB - Was verdient die Frau? von DGB - Was verdient die Frau?

Bild: Laura Rauschnick / DGB

Für 96 Prozent der jungen Frauen ist gleiche Bezahlung und wirtschaftliche Unabhängigkeit ein wichtiger Faktor im eigenen Leben - das zeigt eine FES-Studie aus dem Jahr 2016. Auf den ersten Blick sind das positive und optimistisch stimmende Aussichten. Die Realität zeigt jedoch ein anderes Bild: Ein Drittel der erwerbstätigen Frauen kann aus ihrem eigenen Einkommen nicht einmal den unmittelbaren Bedarf für Miete, Lebensmittel, Versicherungen und Freizeitbeschäftigungen decken. Zwei Drittel verdienen nicht genug, um mit ihrem Einkommen Phasen der Nichterwerbstätigkeit abzudecken. Kurz gesagt: Sie haben keine langfristige Existenzsicherung. Wie passt das zusammen?

Auch am 18. März 2019 "feiern" wir wieder den Equal Pay Day. Denn - Überraschung - auch 2019 verdienen Frauen in Deutschland immer noch 21 Prozent weniger als Männer. Deutschland ist damit eines der Schlusslichter im europäischen Vergleich. Auch dieses Jahr markiert der Equal Pay Day wieder symbolisch den Tag, bis zu dem Frauen umsonst arbeiten – während Männer schon ab dem 1. Januar bezahlt werden. Die Entgeltlücke wird berechnet, indem die Einkommen aller erwerbstätigen Frauen mit denen aller erwerbstätigen Männer verglichen werden.

The struggle is real

Der Unterschied von 21 Prozent ist auf viele verschiedene, sich gegenseitig bedingende Ursachen zurückzuführen: Frauen unterbrechen oder reduzieren ihre Erwerbstätigkeit häufiger und länger familienbedingt als Männer – so nimmt nur ein Drittel der Väter überhaupt Elternzeit. Hinzu kommt, dass zwar immer mehr Frauen in einem Beschäftigungsverhältnis sind, die Hälfte der erwerbstätigen Frauen arbeitet jedoch in Teilzeit – größtenteils unfreiwillig (bei den Männern arbeiten dagegen nur rund 10 Prozent in Teilzeit). Ähnlich langsam wie der Gender Pay Gap verringert sich nämlich auch der Gender Time Gap. So arbeiteten 2016 Männer durchschnittlich 8,7 Stunden mehr pro Woche. Neben der vertikalen Segregation – Stichwort gläserne Decke und weniger Frauen in Führungspositionen – verteilen sich Frauen und Männer auch „horizontal“ auf unterschiedliche Berufe: Als frauendominierte Berufe werden Berufsfelder bezeichnet, bei denen der Frauenanteil bei mehr als 70 Prozent liegt. Männerdominierte Berufe weisen dagegen einen Frauenanteil von unter 30 Prozent auf. Auffällig ist, dass die frauendominierten Berufsfelder prinzipiell schlechter bezahlt und anerkannt sind – und das, obwohl sie gesellschaftlich von großer Bedeutung sind.

Aufwertung für die Gleichstellung

Rund um den Equal Pay Day 2019 steht daher das Thema Aufwertung von sozialen Berufen ganz oben auf der Agenda. Eine aktuelle Sonderauswertung des DGB zeigt: In Pflege- und Gesundheitsberufen ist der Frauenanteil mit knapp 80 Prozent besonders hoch. Gerade in diesen Bereichen gibt es eine hohe Arbeitsbelastung, u.a. durch die geringe Personalbemessung, emotionale Belastungen, direkte Interaktion mit Menschen und schwere körperliche Arbeit. Außerdem machen die sozialen Dienstleistungsberufe wie Kinderbetreuung oder Kranken- und Altenpflege überhaupt erst möglich, dass andere Menschen einer Erwerbsarbeit nachgehen können. Entgegen der Logik fällt die gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung der personenbezogenen Berufsfelder jedoch gering aus: Professionelle Sorgearbeit erfährt nicht die gleiche Wertschätzung wie z.B. Berufe in der Produktion (hier liegt der  Frauenanteil übrigens bei 14 Prozent). Damit ist Frauenarbeit also noch immer weniger wert. Hinzu kommt, dass die vergleichsweise wenigen Männer in frauendominierten Berufen trotzdem eher in Führungspositionen kommen.

CW-Index: Pflegekräfte sollten so viel verdienen wie Ingenieur_innen

Spannend wird es, wenn man auf den „Comparable Worth Index“ (CW-Index) blickt. Ein wissenschaftliches Instrument, mit dem Arbeitsanforderungen und -belastungen in unterschiedlichen Berufen verglichen und die jeweilige Arbeitsschwierigkeit der Tätigkeiten in Form von Punkten gemessen wird. Die Ungleichbewertung von frauen- und männerdominierten Berufsfeldern wird dadurch umso deutlicher: Der Index zeigt beispielsweise, dass Pflegekräfte (Frauenanteil 89 Prozent) ein gleiches Anforderungsniveau wie z.B. Ingenieur_innen der Elektrotechnik (Frauenanteil 8 Prozent) aufweisen – aber nur 40 Prozent des Stundenlohns erhalten. Die finanzielle und gesellschaftliche Aufwertung personenbezogener Erwerbsarbeit würde die wirtschaftliche Situation der überwiegend weiblichen Beschäftigten verbessern. Die Forderung des DGB lautet daher: Wir brauchen in diesen Bereichen bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. Maßnahmen wären: bessere Bezahlung nach Tarif, verbindliche Personalschlüssel, Ausbildungsreformen in Gesundheit und Pflege, vollzeit(-nahe) Arbeitsplätze, die ein existenzsicherndes Einkommen ermöglichen aber auch die Überwindung von Rollenstereotypen.

Noch eine Lücke: Gender Care Gap

Frauen sind nicht nur in den Berufen der professionellen Sorgearbeit überrepräsentiert, sondern übernehmen auch privat einen Großteil der unbezahlten Sorgearbeit. Sie leisten täglich 52 Prozent mehr unbezahlte Sorge- und Hausarbeit als Männer. Neueste Untersuchungen des DIW zeigen: Auch an erwerbsfreien Tagen erledigen Frauen einen Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung. Die Konsequenz: Der Mangel an Betreuungsmöglichkeiten für Kinder oder Pflege für kranke und alte Angehörige zwingt auch heute noch viele Frauen – und wenige Männer – in eine Teilzeitstelle oder ganz aus der Erwerbstätigkeit. So kann nur jede vierte Frau in Deutschland den Unterhalt für sich und ihre Familie selbst erwirtschaften – bei den Männern ist es immerhin jeder Zweite. Mit einer Aufwertung der sozialen Dienstleistungen kann außerdem eine bedarfsgerechte und qualitativ hochwertige Betreuungs- und Pflegeinfrastruktur geschaffen werden, die wiederrum gerade Frauen eine eigenständige Existenzsicherung ermöglicht.

Was verdient die Frau?

Die Frage lautet also: Was verdient die Frau? Unsere Antwort: wirtschaftliche Unabhängigkeit! Die eigenständige Existenzsicherung und wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen ist, womit wir uns im DGB-Projekt „Was verdient die Frau? Wirtschaftliche Unabhängigkeit!“ beschäftigen. Frauen wollen auf eigenen Beinen und auf Augenhöhe mit dem_der  Partner_in stehen. Und wir unterstützen sie dabei.

Wir wollen junge Frauen auf mögliche Stolpersteine und die Auswirkungen ihrer Entscheidungen in ihrem Erwerbs- und Lebensverlauf aufmerksam machen. Auf unserer Online-Beratungsplattform www.was-verdient-die-frau.de bieten wir Hilfestellung rund um das Thema wirtschaftliche Unabhängigkeit. In unserer kostenlosen Mediathek geben Expertinnen Tipps und Tricks rund um die Themen eigenständige Existenzsicherung, Altersvorsorge oder Gehaltsverhandlungen wie auch Fragen nach partnerschaftlicher Arbeitsteilung, zum Elterngeld oder zu (feministischen) Netzwerken.

Wir fordern, dass das Verständnis von frauen- und männerdominierten Berufen neu diskutiert und definiert wird und dass gleiche und gleichwertige Arbeit gleich bezahlt wird. Dafür kämpfen wir (nicht nur) am Equal Pay Day!


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