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Die Welt gerecht gestalten

08.12.2021

Wohnen auf weniger als sechs Quadratmetern

Hanois Arbeitsmigrant_innen halten die Stadt am Laufen, aber ihre ohnehin prekären Arbeits- und Lebensbedingungen haben sich während der Pandemie noch verschlimmert. Eine Fotoessay zeigt uns ihre Lebenswelt.

 

Kurz vor der vierten und schlimmsten COVID-19-Welle in Vietnam verließ die 25-jährige Nguyen Thi Hong ihre Heimatstadt im Zentrum der Provinz Nghe An, um in einer Textilfabrik in der Provinz Hung Yen zu arbeiten. Ihre Vorgesetzte Dinh Thi Hanh, eine 39-jährige Frau aus der Provinz Hoa Binh, arbeitet seit 15 Jahren hier. Das Unternehmen liegt im Industriegebiet Pho Noi, 30 Kilometer nördlich von Hanoi, und ist Teil der rasch wachsenden Textil- und Bekleidungsindustrie Vietnams. Nachdem in den Fabrikanlagen COVID-Infektionen festgestellt wurden, mussten die Arbeiter_innen zwei Wochen lang zu Hause bleiben. Die Bezahlung wurde für diese Zeit ausgesetzt. Glücklicherweise musste die Fabrik aber nicht schließen oder das strenge „three-on-site”-Modell einführen, nach dem die Beschäftigten zum Essen, Schlafen und Arbeiten auf dem Fabrikgelände bleiben müssen.


Obwohl sich ihr Einkommen nicht erheblich reduziert hat, spüren beide Arbeitsmigrantinnen, dass die Isolierung, in der sie schon vor der Pandemie lebten, sich verstärkt hat. Von Montag bis Samstag leben Hong und Hanh nach der gleichen Routine: Nach Ende ihrer Schicht, die von 7:30 bis 17:30 dauert, kehren sie in die ans Fabrikgelände angrenzenden Miniwohnungen zurück, wo jede für sich alleine lebt. Ihre 10m2-Wohnung ist seit mehreren Jahren Hanhs Zuhause. Sie kocht ihr Abendessen auf einem tragbaren Gaskocher genau vor dem Zugang zum offenen Badezimmer. Obwohl es in ihrem 8m2-Zimmer weder Toilette noch Küche gibt und die ungestrichenen Wände bereits Anzeichen von Schimmel zeigen, hat sich Hong dazu entschlossen, hier einzuziehen, um in der Nähe ihrer Freundin zu wohnen. Nach ihren langen Schichten sind sie so erschöpft, dass sie ihre Lebensbedingungen weder verbessern wollen noch können. Die Miete beläuft sich auf 500.000 VND im Monat, Lebensmittel, Strom und Wasser kosten weitere 3 Millionen, das entspricht der Hälfte ihres Lohns. Ersparnisse werden zu den Eltern geschickt, die zu Hause ihre Kinder aufziehen. Da die anhaltenden Social Distancing-Maßnahmen das Reisen fast unmöglich gemacht haben, nutzen beide alleinerziehenden Mütter Videoanrufe als Möglichkeit, mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben.
 


Hong und Hanh stellen in Vietnam gemeinsam mit weiteren 6 Millionen Binnenmigrant_innen, die in den Großstädten Arbeit suchen, den größten Teil der Beschäftigten in den Industriegebieten. Nach einer Erhebung des Allgemeinen Statistikamtes bringt ihnen die Arbeit in den Städten zwar ein höheres Einkommen, aber die unzulänglichen Wohnverhältnisse sind der Hauptgrund für Unzufriedenheit unter Migrant_innen in den Städten. Über 50% mieten Zimmer oder leben am Arbeitsplatz unter überfüllten, unhygienischen Bedingungen, und 18,4% wohnen auf einer Fläche von weniger als sechs Quadratmetern. Migrant_innen beteiligen sich außerdem weniger häufig an gemeinschaftlichen Aktivitäten, und für viele gestaltet sich der Zugang zu staatlichen Dienstleistungen wie öffentlichen Verkehrsmitteln und Sozialversicherung als schwierig.



Für den 58-jährigen Doan Van Dang bedeutet die Arbeit gleich eine mehrfache Belastung. Er verlor ein Bein bei einem Arbeitsunfall und konnte als Landwirt kaum überleben. Deshalb nahm er vor drei Jahren eine Stelle bei einem Müllentsorgungsunternehmen an. Trotz der quälenden Schmerzen im amputierten Bein beseitigt er jeden Tag vom frühen Abend bis in die Morgenstunden Müll aus den Kellern von Wohngebäuden. Dang lebte 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und pendelte mit dem Bus zur Arbeit, bis aufgrund des Ausbruchs der COVID-19-Pandemie der gesamte öffentliche Verkehr eingestellt wurde. Da er nicht selbst fahren kann, musste er vorübergehend in einen 8 m2-Dachboden in der Nähe seines Arbeitsplatzes umziehen und die hohe Miete in Kauf nehmen, um weiter arbeiten zu können.



Die schlechten Berufsaussichten bringen junge, niedrig qualifizierte Arbeiter_innen dazu, potenziell gefährliche Jobs, beispielweise in der Abfallbeseitigung oder dem Recycling von Schrott, anzunehmen. Da es in Hanoi kein angemessenes Abfallmanagementsystem gibt, ist die Stadt auf Arbeiter_innen wie Dang angewiesen, die sich um die immer größer werdenden Mengen an Müll kümmern. In den letzten Jahren ist das Dorf Xa Cau im Bezirk Ung Hoa im Umland von Hanoi zu einem informellen Zentrum des Plastikrecyclings geworden. Nachdem die Bewohner_innen kaum mehr vom traditionellen Handwerk der Herstellung von Räucherwerk leben konnten, haben sie nun eine neue Möglichkeit gefunden, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Plastikflaschen in allen Größen säumen die Hauptstraße: Sie werden sortiert, gereinigt, zerkleinert und dann an Großhändler weiter verkauft.



Gemäß einer Studie aus dem Jahr 2021 findet in Vietnam über 90% des Plastikmüllrecyclings im informellen Sektor statt. Auch wenn es rentabel für die Beteiligten scheint, sich mit Abfall ihr tägliches Brot zu verdienen, sind doch die Kosten für Gesundheit und Umwelt hoch. Veraltete Verarbeitungstechnologien führen zu hohen Emissionen, und trotz mehrerer Versuche, die geltenden Vorschriften durchzusetzen, wird Müll noch immer verbrannt oder direkt in Gewässern oder auf Brachland entsorgt. Die langfristigen Auswirkungen sind noch nicht vollständig untersucht. Inzwischen leiden die Bewohner von Xa Cau unter der Verschmutzung ihres Haushaltswassers und unter Atemproblemen.



Im ersten Jahr der COVID-Pandemie gehörte Vietnam zu den Ländern mit der höchsten Wirtschaftsleistung in einer von COVID gebeutelten Welt. Auf seinem Weg zum Wohlstand helfen dem Land die vielen Arbeitsmigrant_innen, die für harte Arbeit persönliche Opfer bringen: Sie liefern auf dem Gepäckträger ihrer Fahrräder aufgestapelte Waren aus, ertragen beim Müllsammeln die stundenlange Arbeit im Freien bei jedem Wetter oder sind in arbeitsintensiven Branchen tätig, die dazu beitragen, das Wirtschaftswunder anzukurbeln. Dennoch war eine weltweite Krise nötig, damit ihre schon lange bestehende Misere sichtbar wurde. Es ist offensichtlich, dass diese marginalisierte Bevölkerung, die ohnehin viele Schwierigkeiten zu meistern hat, am stärksten unter der Pandemie leidet. Wenn die „neue Normalität“ nicht einen gesetzlichen Rahmen für ihre Inklusion schafft, werden Arbeitsmigrant_innen auch weiterhin am Rand der Gesellschaft leben und die Hauptlast der immer stärker werdenden Ungleichheit in den Städten zu tragen haben.

 

Binh Dang ist professioneller Fotograf und lebt in Hanoi, Vietnam. Er arbeitet unter anderem in den Bereichen Dokumentar-, Industrie- und Werbefotografie sowie redaktionelle Fotografie.

Ha Dao ist Autorin und Produzentin aus Hanoi, Vietnam. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in der Berichterstattung über vietnamesische Kunst und Kultur für internationale Medien und hat zahlreiche  Filmprojekte zum Thema Entwicklung, unter anderem in den Bereichen Gesundheitswesen, Technologie und Infrastruktur betreut.

Der Beitrag erschien im Original auf Englisch unter asia.fes.de.


Ansprechpartnerin

Tina Blohm
Tina Blohm
+49 30 26935-7413
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