Friedrichs Bildungsblog

31.03.2020

„Eltern wollen ihre Kinder unterstützen, aber sie wissen oft nicht wie.“

Die Berliner Grundschullehrerin Johanna Antony spricht im Interview darüber, wie sie nach den Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie mit den Schüler_innen kommuniziert, über digitale Infrastruktur, die Rolle der Eltern und die Gefahren für steigende Bildungsungerechtigkeit.

Bild: Johanna Antony von privat

Die Berliner Grundschullehrerin Johanna Antony spricht im Interview darüber, wie sie nach den Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie mit den Schüler_innen kommuniziert, über digitale Infrastruktur, die Rolle der Eltern und die Gefahren für steigende Bildungsungerechtigkeit.                                                

Friedrichs Bildungsblog: Die Schulschließungen gehen jetzt in die zweite Woche. Wie managen Sie diese so radikal neue Situation, für die es ja keine Blaupause gab?

Johanna Antony: Ich arbeite an der Kurt-Schumacher-Schule, eine sogenannte Brennpunktschule in Kreuzberg. Das ist die Schule, die jetzt mehrfach in den Medien war, weil sie seit Jahren geschlossen ist. Der Unterricht findet in Doppelnutzung in den Horträumen statt. Es gibt keinen Naturwissenschafts-,-Musik,-PC- oder sonstigen Fachraum, keine Turnhalle, keine Aula. Ich kann also sagen, dass ich schon länger gewohnt bin, zu improvisieren.

Wo „brennt“ es Ihrer Ansicht nach momentan denn am meisten?

Die meisten digitalen Angebote hatten in der ersten Woche massive Probleme mit der Serverauslastung. Mittlerweile funktioniert es einigermaßen. Den meisten Kindern an der Schule, an der ich arbeite, stehen aber viele Ressourcen gar nicht zur Verfügung. Viele haben zu Hause keinen Computer, sondern nur das Handy. Die Schüler_innen meiner Klasse haben überwiegend noch kein eigenes und nutzen mit den Geschwistern das Handy ihrer Eltern. Das schränkt die Auswahl an Tools und Lernangeboten ein.

 Wie kommunizieren Sie mit den Schüler_innen? Arbeiten Sie mit digitalen Lernsoftwares oder Plattformen? Und können Sie auf Tools oder Infrastruktur zurückgreifen, mit der Sie schon vor der Krise gearbeitet haben?

Mit meiner dritten Klasse arbeite ich schon lange mit anton.app und antolin.de, so dass wir diese Apps einfach weiter nutzen konnten. Ich habe aber bisher digitale Lernsoftware danach ausgewählt, wie sie den Unterricht am besten ergänzen kann. Ich war nicht darauf vorbereitet den Unterricht zu ersetzen. Die Ausstattung meiner Schule bietet auch nicht die Möglichkeit mit Lernplattformen zu arbeiten. Die Schüler_innen arbeiten in der Schule oft sehr selbstständig, was nun ein Vorteil für sie ist. Das bezog sich aber auf ihre „Lernwege“, also auf eine strukturierte Lernumgebung, eine Zusammenstellung von Aufgaben und Lernspielen im Klassenraum, bei denen sie sich gegenseitig unterstützten. Ich kann aber nicht von ihnen erwarten, allein zu Hause neue Aufgaben selbstständig abzuarbeiten.

In den ersten beiden Wochen habe ich täglich morgens einen Tagesplan verschickt und die Inhalte auf kurzen Videos erklärt. Dann haben wir die Aufgaben telefonisch besprochen, gechattet oder geskypt. Die Kinder schickten ihre Ergebnisse je nach Aufgabe per Sprachnachricht, Video oder Foto und bekamen von mir Feedback. Je nachdem, wann sie Zeit zum Lernen hatten, lief das den ganzen Tag bis spät in den Abend. Ich bin sehr froh über den engen Kontakt und ich bin den Eltern dankbar, die ihre Kinder dabei unterstützen. Ich weiß, dass es für viele auch zeitlich nicht einfach ist. Meine Klasse beginnt jetzt damit „Lernraum Berlin“ auszuprobieren, das ist die Lernplattform der Berliner Schulen. Die Anmeldung hat elf Tage gedauert. Mal sehen, ob die Zugänge für die Schüler_innen nun funktionieren. Ich hoffe, der Kommunikation nun wieder einen „Klassenraum“ zu öffnen und Austausch zu ermöglichen. In der kommenden Woche werden wir auch google hangouts verwenden. Das ist für alle Kinder neu und ich bin gespannt, wie es klappt.

Ist das Coronavirus selbst auch Thema Ihrer Kommunikation mit den Schüler_innen? Wie gehen sie damit um? Gibt es Ängste?

Wir haben schon vor der Schließung oft darüber gesprochen. Die Kinder waren sehr aufgeregt und zwei saßen schon Mitte Februar mit Mundschutz im Klassenraum. Meine Kollegin, die Erzieherin unserer Klasse, hat da großartige Arbeit geleistet. Sie hat spielerisch Wissen vermittelt und mit großer Gelassenheit Ängste thematisiert. Auch jetzt spielt das Thema eine Rolle in der Arbeit der Kinder. Man merkt, in welchen Familien viel darüber gesprochen wird und wo nicht. Ein großes Thema ist aber auch der Hausunterricht. Die Kinder möchten wieder zusammen arbeiten. Sie vermissen ihre Freunde und viele vermissen Sport.

Schulschließungen führen ja auch dazu, dass die Schüler_innen noch viel mehr als sonst auf ihre Elternhäuser und Familien angewiesen sind. Was passiert mit denen, die von zuhause weniger Unterstützung bekommen und deren Eltern selbst bildungsfern sind? Wie kann verhindert werden, dass die ohnehin vorhandene Schere der Bildungsungerechtigkeit hier weiter auseinandergeht?

Das ist für mich die zentrale Frage. Die Unterschiede waren vorher ja schon riesig. Eltern wollen ihre Kinder unterstützen, aber sie wissen oft nicht wie. Ich bin als sonderpädagogische Beratungs- und Diagnostiklehrerin für mehrere Grundschulen in Kreuzberg zuständig. Ich kenne durch Hausbesuche die Wohnbedingungen und den Alltag in vielen Familien und weiß, dass Kinder oftmals nur in der Schule die Möglichkeit haben, einigermaßen in Ruhe zu lernen.

Ich denke auch an die Beratungsrunden und Schulhilfekonferenzen, in denen ich vor drei Wochen noch saß. All die durchdachten Förderplanungen der Kollegen sind nun ausgesetzt. Die Kooperation mit dem Jugendamt ist unterbrochen. Vieles was gerade auf den Weg gebracht wurde, wird vielleicht erst im kommenden Schuljahr oder gar nicht mehr realisiert. Für die meisten Familien in der Stadt sind das jetzt, auf die Schule bezogen, drei oder vier sehr stressige Wochen, aber für manche Kinder bedeutet diese Situation für ihre Entwicklung und Schullaufbahn eine Katastrophe. Außerschulische Angebote werden jetzt nicht mehr wahrgenommen, therapeutische Maßnahmen oder soziale Gruppen finden nicht statt, Jugendfreizeiteinrichtungen, Bibliotheken und Spielplätze sind geschlossen.

In einem kleinen Rahmen könnten wir Lehrer_innen aber schon wirksam sein, in dem wir den Kontakt zu unseren Schüler_innen intensivieren. Jetzt, wo viele Aufgaben in der Schule wegfallen, sollten wir mehr Zeit für die individuelle Betreuung aufwenden. Das bedeutet z.B. auf verschiedenen Wegen und länger erreichbar sein, zu den Schüler_innen aktiv Kontakt aufnehmen, erklären, motivieren, auswerten. Wir können das nicht einfach von den Eltern erwarten, selbst von denen nicht, die es vielleicht leisten könnten. Mir fällt im Bekanntenkreis und bei meinen eigenen Kindern auf, dass viele Lehrer gerade hinsichtlich der methodischen Arbeit Kompetenzen voraussetzen, die Kinder aus sogenannten „bildungsnahen Familien“ oft nebenbei zu Hause lernen, z.B. recherchieren und Informationen strukturiert auswerten oder der Umgang mit verschiedenen Medien. Falls der Unterricht nach den Ferien so weitergehen sollte, müssen wir uns Gedanken machen, wie wir aus der Entfernung solche Kompetenzen fördern, wenn zu Hause niemand helfen kann. Oder auch kooperative Lernformen anbahnen, wenn die Medienkompetenz noch nicht sehr ausgeprägt ist.

Haben Sie momentan noch Kontakt zu Ihren Lehrerkolleg_innen? Können digitale Medien hier aushelfen oder inwiefern fehlen die direkten Begegnungen mit den Kolleg_innen?

Mit den Kolleg_innen, mit denen ich sonst eng zusammenarbeite, stehe ich auch jetzt in Kontakt. Von vielen Fachlehrer_innen höre ich aber nichts und weiß auch, dass sie keinen Kontakt zu unserer Klasse haben. Die Qualität des Fernunterrichts ist von Klasse zu Klasse und vermutlich von Schule zu Schule sehr unterschiedlich. Da wäre es hilfreich, hätten wir zuvor schon eine Art Forum aufgebaut, welches wir jetzt für den persönlichen Austausch, aber auch für Material nutzen könnten. Jetzt müssten wir eigentlich viel professioneller zusammenarbeiten.

Hoffen wir, dass der Tag X und die Wiedereröffnung der Schulen nicht mehr in allzu weiter Ferne liegt. Können Sie dann einfach zum Normalbetrieb übergehen? Und haben Sie aus Lehrerperspektive Forderungen für die Zeit nach Corona?

Ich vermute, dass die Schüler_innen einige Zeit brauchen werden, um wieder in den Schulalltag zu finden. Das ist ja auch nach den Sommerferien so.

Von den Erfahrungen der vergangenen Wochen erhoffe ich mir einen Schub bei der Digitalisierung und der Kooperation an meiner Schule. Dazu braucht es aber Ressourcen und Fortbildungen für das Kollegium. Zur Zeit gibt es nur zehn Laptops in einem Raum, der selten für den normalen Unterricht frei ist. Wir könnten die Lernformen, die wir jetzt ausprobieren also gar nicht in der Schule weiter nutzen. Ich habe eines der wenigen interaktiven Whiteboards in der Klasse und einen Laptop für 24 Schüler_innen. Das W-Lan funktioniert nur in wenigen Räumen. Wir brauchen digitale Infrastruktur in Form sicherer Netze und Hardware ebenso wie Software und Cloud-Services. Auch die Haltung einiger Kolleg_innen zur Medienbildung müsste sich ändern. Das ist aber leicht gesagt, wenn schon ein erheblicher Anteil der Arbeitszeit aufgewendet werden muss, um in einer provisorischen Schule Unterricht und Freizeitgestaltung zu organisieren. Wenn man also digitale Schulentwicklung fördern möchte, müssten erstmal die alltäglichen unzumutbaren Arbeitsbedingungen verändert werden.

 

Johanna Antony ist Lehrerin und Sonderpädagogin an der Kurt-Schumacher-Schule in Berlin-Kreuzberg

 


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