Friedrichs Bildungsblog

02.06.2020

„Ich stimme Frau Blokland zu…“

In ihrem Beitrag "Warum wir aufhören sollten, uns zuhause wie Lehrer_innen zu verhalten" fordert Prof. Dr. Talja Blokland von der Humboldt-Universität Berlin: Eltern sollten ihre Kinder nicht bei den Hausaufgaben unterstützen, da damit die soziale Schere zwischen privilegierten und nicht-privilegierten Schüler_innen weiter auseinandergeht.

Wir haben drei Schülerinnen Mitte Mai nach ihrer Meinung zu dem Beitrag gefragt. Dies sind ihre Antworten:


Rozhina Hadi:

Es ist Mitte Mai 2020 und die Corona-Situation hat uns alle sehr stark betroffen.

Meine Schwester bekommt viele Hausaufgaben und soll so den neuen Stoff in allen Fächern lernen und durcharbeiten. Sie ist zwar eine der besten in der Schule und trotzdem ist es für sie nahezu unmöglich, ohne eine ausgebildete Lehrkraft die neuen Themen zu lernen. Meine Mutter kann ihr nämlich nicht viel helfen, zum einen, weil sie keine Zeit mehr hat, da sie selbst nicht nur auch neuen Stoff für ihre Ausbildung lernen soll, sondern auch die Aufgaben einer alleinerziehenden Mutter erledigt, wie das Einkaufen, Hausarbeiten usw. Außerdem bereitet ihr die Sprache ein Problem. Ich selbst versuche ihr so oft wie möglich zu helfen, habe aber auch nicht so viel Zeit, da ich für mein Abitur lernen soll.

Für meine Schwester ist es außerdem zuhause sehr langweilig. Sie kann weder zu ihrem Sportverein, noch mit ihren Freunden spielen oder anderen sozialen Aktivitäten nachgehen. Für sie bleibt nur, mit dem Tablet zu spielen oder Fernsehen zu gucken, was nicht nur schlecht für ihre Augen ist, sondern auch psychische Auswirkungen haben kann. Die einzige Abwechslung sind für meine Schwester die neuen Schulaufgaben.

Meine größte Sorge persönlich ist zurzeit aber nicht Corona, sondern das Abitur. Zu Beginn der Corona-Ferien war nicht klar, ob und wie die Prüfungen geschrieben werden, sodass viele von uns davon ausgingen, dass wegen der hohen Infektionszahlen und zum Schutz der Risikoschüler_innen, -lehrer_innen und –eltern die Abiturprüfungen ausfallen würden. Somit habe ich zum Beispiel aufgrund unklarer Aussagen viel Zeit vergeudet. Aber das war das kleinste Problem. Ein anderes Problem ist, dass wir ausschließlich zuhause sind. Unsere Wohnung kann uns nicht viel Platz bieten und wir haben auch keinen Balkon, um kurz ein bisschen frische Luft zu kriegen. Da nicht jeder um die gleiche Zeit aufwacht oder lernt, führt es dazu, dass wir einander stören.

In den normalen Zeiten wäre ich zum Lernen zum Beispiel zur Bibliothek gegangen. So kann ich mich zuhause kaum konzentrieren und sogar das Lernen bereitet mir Stress. Doch der Stress bei der Entscheidung, ob ich an den Abiturvorbereitungen teilnehmen sollte, und meine Gesundheit, die meiner Familie und denen, die ich unterstütze, durch Erhöhung der Kontaktpersonen gefährden sollte, oder ob ich einen Nachteil im Hinblick auf die Abiturprüfungen in Kauf nehmen sollte, war viel größer. Normalerweise hätten wir, meine Mitschüler_innen und ich, in Gruppen gelernt und einander nach Lösungen oder Erklärungen gefragt. Das fehlt jetzt. Online kann man einiges machen, aber man bekommt nie das Gruppengefühl. Außerdem sind die Prüfungen eine andere große psychische Last zu unseren anderen Sorgen, wie: ob unsere Pläne für die Zukunft in Erfüllung gehen oder ob es unseren Geliebten, unseren Großeltern, gut geht.

Zu der ganzen Sache möchte ich noch hinzufügen, dass meine Familie in dieser Zeit im Vergleich Vieles ertragen und durchmachen musste. Wir leben in einer kleinen Wohnung in Quarantäne, meine Schwester und ich können nicht die Unterstützung beim Lernen von unserer Mutter bekommen, wir können nicht einmal genug Desinfektionsmittel kaufen, weil es so teuer ist. Es mag sein, dass viele Kinder in dieser Situation in ihren ruhigen Zimmern mehr und sogar besser lernen können, aber so geht es uns nicht!

So stimme ich Prof. Dr. Talja Blokland zu. Wenn ich die Situation meiner Familie beobachte, würde ich sagen, dass wir trotz unserer beschränkten Mittel und Materialien Glück haben, dass wir einander bei der schulischen Herausforderung zurzeit helfen können. Aber es gibt viele Familien, wo dies massive Abdrücke auch Jahre nach der Krise hinterlassen kann. Kinder verlieren ihre Lust am Lernen, wenn es keine Erklärungen oder Hilfe gibt, wenn die Umgebung stressig ist, wenn sie psychisch unter Druck stehen oder wenn es keine Abwechslungen in ihrem Alter gibt. Nicht alle Eltern können Mathe-Aufgaben der sechsten Klasse lösen und erklären!

Nicht jede Familie hat ein großes Haus und einen Garten. Die gelangweilten Kinder haben dann keine andere Optionen als fernzusehen, auf YouTube oder TikTok Videos zu gucken oder Playstation zu spielen. So sehen sie auch Sachen, die sie in ihrem Alter nicht sehen sollten, spielen Spiele, die nicht für sie angemessen sind, und im schlimmsten Fall können sie sogar danach süchtig werden. Währenddessen können die privilegierten Kinder in ihrem Garten Sport treiben, mit ihren Eltern ihre Aufgaben lösen und können sogar mehr als nötig lernen oder ein neues Lied mit ihren Instrumenten zuhause üben. So gehen die Teile der Gesellschaft so wie eine Schere auseinander, obwohl sie zusammenhalten sollten. Wenn wir einander mehr helfen und zum Beispiel den anderen Kindern aus der Klasse eine telefonische Erklärungszeit anbieten, helfen wir der Zukunft unserer Kleinen!

Rozhina Hadi ist Abiturientin und ist vor ca. 4,5 Jahren mit ihrer Schwester und ihrer Mutter nach Deutschland geflüchtet. Rozhinas Schwester besucht die 3. Klasse und ihre Mutter macht zurzeit eine Ausbildung. Die Familie lebt in Hagen (Nordrhein-Westfalen).

 


Lisa-Marie Fritsche:

Prof. Dr. Talja Blokland fordert die Mittelschicht auf, damit aufzuhören, mit ihren Kindern die umfangreichen Hausaufgaben zu machen, die Lehrer_innen momentan (Stand: Mitte Mai 2020) stellen, um der – in den Zeiten von Corona verschärften – sozialen Ungleichheit des deutschen Schulsystems entgegenzuwirken. Ich verstehe den solidarischen Gedanken der Forderung, aber sind Mittelschicht-Eltern wirklich unsolidarisch, wenn sie Hausaufgaben mit ihren Kindern machen?

Ich denke, es entspricht eher dem Normalfall, dass Eltern das Beste für ihre Kinder wollen und sie demzufolge bestmöglich unterstützen. Besonders Grundschüler_innen bekommen viel Hilfestellung, weil sie noch nicht so selbstständig an Schulaufgaben arbeiten können wie ältere Kinder. Ansonsten erfolgt diese Hilfe für Kinder, deren Eltern vielleicht keine Zeit oder Mittel dazu haben, unter anderem durch ihre Schulen selbst. Auch in meiner Grundschule gab es damals schon eine Hausaufgabenbetreuung. Das findet während der Corona‑Pandemie natürlich nicht statt und stattdessen kommen die Eltern ins Spiel.

Diese sind keine ausgebildeten Lehrer_innen, logisch, nutzen aber nun einmal die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Auch Prof. Dr. Talja Blokland erklärt, dass auch Eltern außerhalb der Mittelschicht ihren Kindern selbstverständlich helfen wollen, es aber aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht können. Ist es dann wirklich zielführend der Mittelschicht das zu unterstellen, was vermutlich alle Familien gerne leisten würden, wenn sie die Mittel dazu hätten?

Ich stimme zu, dass Lernen sich nicht nur auf Schulaufgaben beschränken muss, sondern auch Backen oder Basteln sein kann, aber so lange Lehrer_innen so viele Hausaufgaben aufgeben, ist es nachvollziehbar, dass Eltern bemüht sind, dass ihre Kinder diese auch schaffen. Gäbe es nicht so umfangreiche Hausaufgaben, würde man schließlich auch keine machen. Die „Schuld“ an der verschärften sozialen Ungleichheit kann man also nicht wirklich den Mittelschicht-Eltern geben.

Auch Prof. Dr. Talja Blokland spricht von der – meiner Meinung nach – größeren Problematik: Im europäischen Vergleich schneidet Deutschland in Bezug auf soziale Ungleichheit im Schulwesen nicht nur während der Pandemie schlechter ab. Das liegt nicht an Eltern der Schüler_innen, sondern am System. Das muss sich dauerhaft ändern, damit alle Kinder gleiche Chancen haben – unabhängig vom sozialen Status ihrer Familien. Eine Lebenshilfe für Kinder aus ärmeren Verhältnissen, die auch Prof. Dr. Talja Blokland anspricht, wäre ein Lösungsvorschlag, um das Problem nicht oberflächlich, sondern nachhaltig zu lösen.

Was abgesehen davon hilfreich wäre, ist wenn alle Beteiligten Verständnis und Empathie füreinander aufbringen könnten -  die Corona-Situation ist schließlich für alle neu. Lehrer_innen sind teilweise sicher ebenso überfordert und befürchten, den Stoff nicht durchzubekommen. Wenn die Schule oder das Land das aber erwarten, wundern mich die umfangreichen Hausaufgaben kaum. Deshalb wäre es sicher hilfreich, auf Landes- oder sogar Bundesebene darauf aufmerksam zu machen, dass es offensichtlich nicht so einfach ist, dass normale Curriculum während einer Pandemie durchzubekommen.

Außerdem liegt es - im Sinne der bereits angesprochenen Wichtigkeit von Empathie - auch auf der Hand, dass verschiedene Familienformen akzeptiert werden sollten, denn so etwas wie „die perfekten Eltern“ gibt es nicht, wenn man mich fragt. Solange Eltern ihre Kinder bedingungslos lieben und ihnen nach Möglichkeit helfen, gibt es erstmal absolut keinen Grund, sie als „Rabeneltern“ zu bezeichnen. Solidarität zeigen können Mittelschicht‑Familien deshalb auch durch „mal über den Tellerrand schauen“ und verstehen, dass beispielsweise umfangreiche Hausaufgaben nicht für alle gleich gut umzusetzen sind. Und das vor allem auch nicht daran liegen muss, dass weniger privilegierte Familien es einfach nicht gebacken bekommen, sondern ihnen wirklich die Möglichkeiten fehlen.

Also: Das Problem der sozialen Ungleichheit im deutschen Schulsystem muss auf jeden Fall angegangen werden. Die Mittelschicht-Eltern für ihre Hilfestellung zu kritisieren ist aber meiner Meinung nach weniger sinnvoll als nach Lösungen zu suchen, um auch Kindern mit einem niedrigeren sozialen Status dauerhaft mehr Unterstützung zu ermöglichen.

Lisa-Marie Fritscheist 17 Jahre alt und kommt aus Minden (Nordrhein-Westfalen). Sie absolviert momentan ihr Abitur und schließt hieran ein FSJ Politik bei der Jungen Presse Niedersachsen in Hannover an.

 


Anna Moors:

Covid-19 hat in Sachen schulischer Bildung zwar so manches verändert, allerdings weniger neue Probleme hervorgebracht als alte intensiviert. Die Situation, die Prof. Dr. Talja Blokland in ihrem Blogbeitrag “Warum wir aufhören sollten, uns Zuhause wir Lehrer_innen zu verhalten” skizziert, ist Mitte Mai 2020 keineswegs realitätsfern. Ganz im Gegenteil: ich kann sie als Abiturientin nur bestätigen. Die soziale Reproduktion von Ungleichheiten in und durch schulische Einrichtungen ist kein neues Thema, wenngleich sie durch Covid-19 meines Erachtens umso relevanter geworden ist.

Schon vor den Schulschließungen wurden Methoden kritisiert, welche zunehmend die Eltern in die Verantwortung der Unterrichtung ihrer Kinder nahmen. So gab es eine Debatte rund um die Sinnhaftigkeit von Hausaufgaben, welche zeitweise ein recht großes mediales Interesse auslöste. Schon damals wurde gemutmaßt - wenn die Bildung von den schulischen Institutionen auf das private Umfeld verlagert wird und somit die Erarbeitung von Unterrichtsstoff zunehmend Zuhause geschieht, sind die Leistungen der Schüler_innen maßgeblich von dem sozialen Umfeld und seinen Ressourcen abhängig. Die Ressourcen sind hier nicht allein auf den finanziellen Aspekt begrenzt. Zeitliche Kapazitäten sowie der Bildungsgrad der Eltern spielen eine enorme Rolle. Kurz gefasst: Diese Ressourcen zu besitzen und somit auch einsetzen zu können ist ein Luxus.

Aber wenn die Ressourcen des eigenen Haushaltes es zulassen, kann man es den Eltern dann verübeln, wenn sie diese zur Förderung des Kindes nutzen? Auf diese Frage wird häufig das Argument hervorgebracht, dass die Eltern ja nur mit den besten Absichten für ihr Kind handelten. Doch genau dort sehe ich das Kernproblem: Sie handeln in bester Absicht für ihr Kind. Blokland fasst die Schwere der Problematik mit Blick auf die Zeit nach Corona so zusammen: ”Die Privilegierten werden daraus noch privilegierter hervorgehen.” Somit ergibt sich, dass wir vor einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung im Bereich der Bildung und Chancengleichheit stehen. Das vergisst man leicht, wenn einem das eigene Kind die nächsten zig Hausaufgaben präsentiert und um Hilfe bittet. Doch gerade die privilegierten Haushalte sollten über eine solche Weitsicht verfügen.

Blokland fordert, dass eben jene Haushalte sich weigern sollen, diese “umfangreichen Hausaufgaben” zu machen. Das ist sicherlich eine Option von vielen. Klar ist aber: Es muss eine kritische Haltung gegenüber der Handhabung seitens der Regierung mit den Schulschließungen angenommen werden, welche alle sozialen Gruppen gleich gewichtet. Während Weigerung sicherlich ein Weg für die privilegierten Haushalte ist, eine stärkere Berücksichtigung aller sozialen Milieus einzufordern, bezweifle ich, dass dieser von einem breiten Anteil der Betroffenen mitgetragen werden würde. Blokland argumentiert, dass es hierbei auf Disziplin und Zurückhaltung ankomme, um Solidarität zu zeigen. Allerdings ist Solidarität selbst eine Tugend, welche in diesem Fall die Verweigerung von Leistung - im Zweifel auf Kosten der Noten des eigenen Kindes - mit sich bringen würde. Das sind viele Elternteile nicht bereit zu leisten.

Dennoch sollten die privilegierten Haushalte nicht aus der Verantwortung genommen werden - ganz im Gegenteil! Die Privilegierten müssen gegenüber der Landes- und Bundesregierung einen anderen Umgang mit den Schulschließungen einfordern. Sie müssen dabei auf die Familien aufmerksam machen, die nicht die Ressourcen besitzen wie sie selbst. Und zwar laut und nachdrücklich als wären die eigenen Kinder betroffen. Denn das ist auch Solidarität - und die brauchen wir gerade.

Anna Moors, 18, aus Herzogenrath (Nordrhein-Westfalen), legt in diesem Jahr ihr Abitur ab. Sie engagiert sich in ihrer Freizeit als Mitglied des Unterbezirksvorstandes der Jusos in der Städteregion Aachen.

 


In ihrem Beitrag „Warum wir aufhören sollten, uns zuhause wie Lehrer_innen zu verhalten“ fordert Prof. Dr. Talja Blokland von der Humboldt-Universität Berlin: Eltern sollten ihre Kinder nicht bei den Hausaufgaben unterstützen, da damit die soziale Schere zwischen privilegierten und nicht-privilegierten Schüler_innen weiter auseinandergeht.


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