Landesbüro Nordrhein-Westfalen

Mittwoch, 18.09.19 18:00 - Köln

Integration in Deutschland: Tatsache oder Wunsch? - Lesung und Diskussion


Terminexport im ICS-Format

„Tokio Hotel haben mir im Studierendensekretariat sehr weitergeholfen“

Das Thema Migration ist nicht neu. Ganz im Gegenteil - Migration hat es immer gegeben und auch Deutschland hat eine lange Geschichte als Einwanderungsland. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es Millionen von Vertriebenen und Heimatlosen, die in der Bundesrepublik ein neues Leben begannen. Später in den 50er Jahren wurden dann im großen Stil ausländische Arbeitskräfte angeworben. Viele Menschen, die diesem Ruf folgten - die sogenannten „Gastarbeiter“ - blieben schließlich für immer. Zudem hat die Einführung europäischer  Personenfreizügigkeit  innereuropäische Migration begünstigt. Diese Beispiele zeigen wie vielfältig die Umstände von Migration sein können.

Als im Herbst 2015 mehrere hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, war der Krieg in Syrien der Grund. Die Flüchtlingsbewegung hat zahlreiche gesellschaftliche Debatten ausgelöst, die bis heute nachhallen. Debatten über Obergrenzen und „Leitkultur“, über Fremdenhass und Rassismus und die Preisfrage: wie gelingt Integration erfolgreich?

 

„Wir wollten uns auch an der Diskussion über uns beteiligen“

In all jenen Diskussionen ging es direkt und indirekt um Menschen wie Abdul Abbasi. Abdul Abbasi, geboren 1994, kommt aus Aleppo und ist vor einigen Jahren nach Deutschland geflüchtet. Schnell überkam ihn damals das Gefühl, die Einwanderungsdebatten würden oft nur über, aber nicht wirklich mit den zu integrierenden Menschen geführt. Aus diesem Grund startete er 2015 gemeinsam mit einem Freund den Youtube-Kanal: „German Lifestyle“. Auf dem Kanal zeigen die beiden selbst produzierte Videos, in denen sie Stereotype und Vorurteile beider Nationen karikieren und durch den Kakao ziehen. Die Idee: auf humorvolle Art und Weise für gegenseitiges Verständnis zu werben und dabei auch ein bisschen auszuloten, wie weit kann man gehen, gibt es Grenzen und wenn ja wo? „Letztlich war das auch ein Weg mit Leuten ins Gespräch zu kommen“, erzählt Abdul. Ein Vorhaben das Dank der Kommentarspalte aufging, wenngleich die Gesprächsangebote auch nicht immer konstruktiv waren.

 

Verwechseln ungünstig: Wenn aus „Tschüss“, „Scheiße“ wird

Abdul Abbasi und Allah Faham haben ihre Erfahrungen der ersten Jahre in Deutschland in dem Buch: „Eingedeutscht - die schräge Geschichte unserer Integration“, festgehalten. Das Buch beginnt mit dem engagierten ersten Satz: „Lasst uns eine Brücke zwischen den Kulturen bauen“. Die Ausschnitte die Abdul vorliest zeigen, die Lektüre ist kein nüchterner Bestandsbericht, vielmehr schlagen die Autoren einen selbstironischen und kurzweiligen Ton an, wobei die Inhalte durchaus auch in die Tiefe gehen. Eine Anekdote, die Abdul Abbasi mit dem Publikum teilt illustriert dieses Spannungsfeld sehr gut: ein Freund von ihm hatte zu Beginn seiner Zeit in Deutschland immer wieder die Wörter „Scheiße“ und „Tschüss“ verwechselt; eine Geschichte die amüsant ist und das Publikum zum Lachen bringt, gleichzeitig aber auch nachdenklich stimmt, weil sie zeigt, wie sprachliche Missverständnisse zu der Verhärtung von Fronten beitragen können.

Trotz augenzwinkerndem Tonfall beziehen die Autoren immer wieder klare Positionen, Positionen die durchaus auch streitbar sind und über die bei der Veranstaltung am 18. September diskutiert wurde. Zur Diskussion war neben Abdul Abbasi, Dr. Lale Agkün eingeladen, Diplom-Psychologin und ehemalige Bundestagsabgeordnete, die zudem mehrere Jahre Leiterin des Landeszentrums für Zuwanderung des Landes Nordrhein-Westfalen war.

 

„Es gibt nicht die Deutschen“

Lale Akgün ist in der Türkei geboren und lebt seit 57 Jahren in Deutschland. Gleich zu Beginn des Abends stellt sie klar, dass sie den Witzeleien mit Stereotypen nicht viel abgewinnen kann. Klar, solche Späße generierten immer Lacher, würden aber die Diskussion in keiner Weise fruchtbar voranbringen, so Lale Akgün. Kulturelle Stereotypen, das sei ein Mythos - für jeden vermeintlichen kulturellen Unterschied könne sie ein Gegenbeispiel nennen. Das sei es ja eben, was unsere Gesellschaft ausmache: plurale Lebensstile und divergierende politische Ansichten - die „deutsche Kultur“ ließe sich daher unmöglich auf einen Begriff bringen. So wie es keinen Prototyp eines syrischen Flüchtlings gibt, gibt es auch nicht die Deutschen, so die Meinung von Lale Akgün. In ihrem Leben sei sie häufig danach gefragt worden, ob sie sich als Deutsche oder als Türkin fühlt, erzählt sie, eine Frage die für sie nie wirklich Sinn ergeben hat. Ihre Identität würde sich, so erklärt Akgün, erstens nicht aus irgendeiner ethnischen Zugehörigkeit speisen und zweitens auch wandelbar sein: “Der Begriff ist doch fließend und verändert sich über das eigene Leben”, „deutsch sein“ sei daher ihrer Ansicht nach nicht zwingend an die ethnische Zugehörigkeit geknüpft.

 

Auch Abdul Abbasi hat sich seit seiner Flucht nach Deutschland mit Identitätsfragen beschäftigt. Nach seiner Ankunft merkte er schnell, was für ihn besonders wichtig und identitätsstiftend war, erzählt er, nämlich das Gefühl zu haben irgendwo „dazuzugehören“. Ein Zustand, der vor allem auch mit dem Erlernen der Sprache zusammenhing. Seine ersten erfolgreichen sprachlichen Gehversuche, so erinnert sich Abdul, haben im Studierendensekretariat an der Uni Göttingen, wo er heute Zahnmedizin studiert, mit Fragmenten aus den Songtexten von Tokio Hotel stattgefunden. Zu dem Dazuhörigkeitsgefühl gehört für Abdul allerdings auch, nicht ständig als „der syrische Geflüchtete“ gesehen zu werden. Es gab ein Zeit, so Abdul, da habe er einen gewissen Druck verspürt: „Ich dachte ich müsste immer nett und aufgeschlossen und mit jedem befreundet sein“, quasi stellvertretend für alle Geflüchteten. Natürlich, so Abdul, beantworte er gerne Fragen zu seiner Herkunft und freue sich über das Interesse, aber irgendwie gäben ihm diese Fragen manchmal das Gefühl wieder bei null anzufangen. Lale Akgün, die an dieser Stelle einspringt, betont, „Migranten sind nicht die Botschafter ihrer Länder und sollen das auch gar nicht sein!“. Ziel von guter Integration sei es, das Individuum in den Vordergrund zu stellen.

 

Die Rente als Integrationshelfer?

Die gesellschaftliche Ebene betrachtend, plädiert Abdul dafür, anstatt von Integration von Inklusion zu sprechen. Die Implikation des Begriffs Integration - nämlich, dass sich ein kleiner Teil an einen großen Teil anpassen muss - findet er unpassend. Lale Akgün kommentiert diesen Vorschlag mit den Worten, sie glaube nicht, dass ein neuer Begriff irgendwas an den politischen Tatsachen ändern würde. Der Ansatzpunkt müsste ein anderer sein.

Grundsätzlich hält sie die deutsche Integrationsgeschichte aber für eine Erfolgsgeschichte - tausende Menschen hätten sich hervorragend integriert. Zwar hätte es einige Generationen in Anspruch genommen, aber insgesamt bilde sie eine vorwärts gerichtete Entwicklung ab. Das „Problem“ sei heutzutage oft ein framing Problem. So würde in vielen Köpfen noch die Vorstellung bestehen, dass die Mehrheit der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ungebildeten Schichten angehört. Ein Bild das sich aus vergangenen Tatsachen speist, aber heute nicht mehr der Realität entspricht.

Mit Blick in die Zukunft, so Lale Akgün, sei es wichtig, dass die Gesellschaft wieder zusammenwächst - konkreter politischer Ansatzpunkt sei hier die soziale Frage. Zudem gäbe es auch ganz praktische Gründe sich für Einwanderung einzusetzen, da mit Hinblick auf den demografischen Wandel, die Frage danach, wer die Rentenkassen füllt, virulent wird.

 

Nach der lebhaften Podiumsdiskussion mit zwei Diskutanten, die ihre Standpunkte offen und direkt vermittelt haben, gab es noch Raum für Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum - eine Gelegenheit die von mehreren ZuhörerInnen genutzt wurde. Eine Besucherin bewegte die Frage, wie das Gefühl der Fremdheit abgebaut werden kann. Lale Akgün riet in diesem Zusammenhang die eigenen Gefühle, die eigenen Unsicherheiten zu thematisieren, um so wirklich als Individuum in Erscheinung zu treten. Auf diese Weise würden sich die unsichtbaren Trennlinien hoffentlich auflösen. Und auch Abdul betonte, wie wichtig der ungezwungene Kontakt zu Einheimischen für ihn war. Aus diesem Grund würde er sich wünschen, dass es mehr Begegnungsorte gäbe, sodass Geflüchtete nach ihrer Ankunft nicht so lange abgekapselt nur „unter sich“ sind, sondern schnell Teil der Gesellschaft werden können.

Bei Butterbrezeln und Kaltgetränken ging ein Abend zu Ende, der getragen durch zwei spannende Persönlichkeiten auf dem Podium und einem interessierten Publikum erfrischende Denkanstöße, ebenso wie konkrete Handlungsangebote gegeben hat.

 

Text: Marlene Drexler

Redaktion: Henriette Kiefer

 

 

 

Bild: FES von FES

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