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Landesbüro Nordrhein-Westfalen

Montag, 04.10.21 14:00 bis Montag, 04.10.21 16:00 - Düsseldorf / Online

Ungleiches NRW - Vorstellung Disparitätenstudie


Terminexport im ICS-Format

Veranstaltungsbericht

04.10.2021 | 14:00 Uhr | +++ ONLINE +++

1                                                                                                                                                                                                                                           Wie ist es eigentlich um die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Nordrhein-Westfalen bestellt? Diese Frage ist nicht neu, wird aber oft nur mit Blick auf Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern gestellt. Doch auch innerhalb von Nordrhein-Westfalen gibt es große Ungleichheiten zwischen den einzelnen Regionen. Vom wirtschaftlichen Aufschwung der 2010er Jahre haben nicht alle gleich profitiert und es gibt große Unterschiede im Hinblick auf Wohlstand, Beschäftigung, Bevölkerungswanderungen oder Armut. Diese regionalen Disparitäten wurden in einer neuen Studie des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung Dortmund, die vom Landesbüro NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben wurde, in den Blick genommen.

Die Ergebnisse wurden in einer Onlineveranstaltung, in der folgende Fragen thematisiert wurden, vorgestellt: Lässt sich NRW in Regionstypen gliedern und worin bestehen deren Unterschiede? Wie groß dürfen regionale Disparitäten ausfallen, um trotzdem gleichwertige Lebensverhältnisse zu ermöglichen? Wie können mehr Chancengerechtigkeit und starke Zukunftsperspektiven erreicht werden?
Petra Wilke, Leiterin des Landesbüros NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung, eröffnete die Veranstaltung mit einer Begrüßung, in der sie die Relevanz gesellschaftlicher Ungleichheiten für die Demokratie unterstrich: „Politisch stabil kann eine Demokratie nur sein, wenn sie den Anspruch hat, gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen“.

Anschließend leitete Moderator Tom Hegermann zur Präsentation der Studie über. Im Zuge seiner Überleitung verwies er darauf, dass er in Duisburg-Marxloh zur Schule gegangen sei und unterstrich anhand seiner persönlichen Geschichte, dass regionale Unterschiede zwangsweise Auswirkungen auf die Möglichkeiten und die Zukunft von Regionen, Städten und nicht zuletzt Menschen hätten.

Prof. Dr. Stefan Fina vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund erläuterte daraufhin, dass Chancengerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit die Grundlage der Indikatorenauswahl für die Studie gewesen seien. Die Indikatoren wiederum seien den Bereichen Arbeitsmarkt und Beschäftigung, Lebens- und Bildungschancen, Wohlstand und Gesundheit, staatliches Handeln und Partizipation sowie Bevölkerungswanderungen zuzuordnen. In der Studie ließen sich, so Fina, „Gemeinden mit ähnlichen Werteausprägungen zusammenführen zu fünf Typen“. Die Raumtypen, deren Charakteristika Stefan Fina erklärte, sind dynamische Großstadtregionen mit Exklusionsgefahr, (Groß-)Städte im andauernden Strukturwandel, Klein- und Mittelstädte mit funktionalen Herausforderungen, die solide Mitte in geringer verdichteten Räumen sowie Gemeinden mit Risiken der Peripherisierung. Prof. Dr. Martina Fromhold-Eisebith, Professorin für Wirtschaftsgeographie an der RWTH Aachen, schloss daran an und präsentierte allgemeine sowie auf die jeweiligen Raumtypen zugeschnittene Handlungsempfehlungen. Man solle in NRW, so eine Leitidee zur Gestaltung der Zukunft, den „Strukturwandel mit Zielen der Nachhaltigkeit verknüpfen“. Auch müsse man einen „Fokus auf Gemeinwohlüberlegungen und Gerechtigkeit“ legen. Das Fazit ihrer detaillierten Empfehlungen lautete trotz sogenannter Cluster-Gemeinsamkeiten schließlich jedoch: „Jede Region ist anders und braucht eine eigene maßgeschneiderte Strategie“. Als wichtige Zukunftsthemen identifizierte sie darüber hinaus die Anpassung an den Klimawandel und die Gestaltung der digitalen Transformation.

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Im Anschluss an die Vorstellung der Disparitätenstudie gab Thomas Kutschaty, Vorsitzender der SPD in NRW und Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag NRW, einen politischen Kommentar ab. Er konstatierte, dass Chancen in NRW ungleich verteilt seien und verwies insbesondere auf die Folgen der Chancenungleichheit für Kinder: „Die können es sich nicht aussuchen, wo sie geboren werden“. Gleichzeitig könne man aber lediglich anhand des Bildungsabschlusses und Einkommens der Eltern sowie anhand des Wohnorts bereits teils sehr unterschiedliche Zukunftsperspektiven der Kinder ableiten.

Ein weiteres Thema wurden die unterschiedlichen aber generell gestiegenen Wohnkosten. Kutschaty unterstrich, dass niemand mehr als 30 Prozent seines Einkommens für Miete aufbringen müssen dürfe. In NRW seien es teilweise über 50 Prozent. Darüber hinaus sprach er das Thema kommunale Entschuldung an und forderte: „Wir müssen diese betroffenen Städte entschulden.“ In Bezug auf ländliche Regionen in NRW betonte er zudem die Wichtigkeit des Ausbaus der (digitalen) Infrastruktur und hob hervor: „Wir brauchen 5G an jeder Milchkanne.“ Abschließend kam er zu dem Fazit: „Gleichwertige Lebensverhältnisse sind kein Selbstzweck. Sie sind das Fundament für eine Gesellschaft, in der wir Chancen gleich verteilen“.

In der darauffolgenden Diskussion kristallisierte sich, unter anderem durch Nachfragen aus den Reihen der Teilnehmer_innen, zunächst die Frage nach der Rolle der Kommunen heraus. Martina Fromhold- Eisebith betonte diesbezüglich, dass die kommunale Ebene zwar wichtig sei, um Prozesse vor Ort anzustoßen, es gleichzeitig aber auch von der Landes- und Bundesebene gesetzte Rahmenbedingungen geben müsse. Thomas Kutschaty ergänzte: „Ich glaube schon, dass wir den Kommunen grundsätzlich mehr finanzielle Möglichkeiten geben müssen, damit sie für gleichwertige Lebensverhältnisse sorgen können“. Damit verbunden verwies er auf das Problem, dass insbesondere bei ärmeren Kommunen oftmals die nötigen Fachkräfte nicht zur Verfügung stünden, um Anträge auf Fördermittel aus Bund, Land oder der EU stellen.

Auf die Frage von Tom Hegerman, welche Themen Querschnittsthemen seien, antwortete Stefan Fina, dass Themen, die mit Transformationsherausforderungen zusammenhängen, zentral seien. Er verdeutlichte, dass es wichtig sei, über gemeinwohlorientierte Investitionen oder die sozial gerechte Gestaltung von digitalen Transformationen und Klimaanpassungen nachzudenken. Neben Zielkonflikten sah er jedoch vor allem „viel mehr Potential, Win-Win-Situationen zu nutzen und herauszuarbeiten“ und nannte beispielhaft, dass sich Wohnungsbau und klimagerechte Anpassungen nicht ausschließen müssen. Martina Fromhold-Eisebith ergänzte, dass Bottom-Up-Initiativen von Bürger_innen gefördert und damit verbundene bürokratische Hürden abgebaut werden sollten. Ihrer Meinung nach müsse man häufiger „anerkennen, was schon von selber passiert“. Thomas Kutschaty lobte daraufhin ehrenamtliche Tätigkeiten in NRW, gab aber gleichzeitig zu bedenken: „Vieles würde ohne das Ehrenamt nicht funktionieren, aber das Ehrenamt darf kein Ersatz für einen funktionierenden, handlungsfähigen Staat sein“.

Im weiteren Verlauf der Diskussion kam die Frage nach der Bedeutung von Personal und Persönlichkeiten für die Entwicklung von Regionen auf. Martina Fromhold-Eisebith unterstrich in dem Zusammenhang, dass es essenziell sei, in jeder Region Schlüsselpersonen zu finden, die als „Treiber für weitere Entwicklungen“ agieren. Sie forderte indes mehr Toleranz gegenüber unkonventionellen Ideen. Als Reaktion auf die anschließende Nachfrage von Thomas Kutschaty, wie man mehr solcher Schlüsselpersonen in strukturschwache Regionen bekomme, schlug sie vor, eine „systematische Rückkehrförderung verbunden mit Anreizen für Wohnmöglichkeiten“ zu entwickeln.
Abschließend zeigte Martina Fromhold-Eisebith auf, dass es enorm wichtig ist, anhand der Ergebnisse der Studie jetzt schon Maßnahmen und Strategien für die Entwicklungen von morgen zu entwickeln.

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Tom Hegermann schloss daraufhin die Veranstaltung mit einem deutlichen Fazit ab: „Eines ist klar: Wir müssen mit diesen Ergebnissen was machen“.
Text: David Schlingmann
Redaktion: Landesbüro NRW

Bild: FES LB NRW von FES

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