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Landesbüro Nordrhein-Westfalen

Donnerstag, 03.02.22 16:00 bis Donnerstag, 03.02.22 18:00 - +++Online+++

Nachbericht: Chancen und Herausforderungen der Ausbildung und der beruflichen Fortbildung in Zeiten digitaler Transformation


Terminexport im ICS-Format

Bild: Webheader Online

 

 

„Jeder muss aus Hoffnungen Wirklichkeit machen können“

Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahren schon grundlegend verändert und bleibt weiterhin einem fortwährenden Wandel ausgesetzt. Eine elementare Voraussetzung zur Bewältigung der immer größeren Herausforderungen für die Kompetenzen der Mitarbeitenden auch in Zukunft ist eine entsprechende Anpassung der beruflichen Aus- und Fortbildung.

Dieses Themenfeld ist hochkomplex. Die Anschlussfähigkeit des einzelnen Beschäftigten einerseits und die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens andererseits sind gleichermaßen das Ziel von Fort- und Weiterbildung in Betrieben – und bei aller vermeintlichen Gegensätzlichkeit doch eng miteinander verwoben.

Die Frage nach den Auswirkungen von Veränderungsprozesse wie der digitalen Transformation jedenfalls stellt sich wiederum sowohl Unternehmen als auch Beschäftigten – wobei die Mitarbeitenden aufgrund ihrer Bedeutung für die Unternehmenserfolge eine zentrale Rolle einnehmen. Angebote für allgemeine und spezielle Qualifikationen gehören deswegen genauso auf den Prüfstand wie die generellen Möglichkeiten der Firmen zur betrieblichen Weiterbildung und der Einfluss von Mitbestimmung und Zukunftstarifverträgen auf die Entwicklung von Unternehmen und ihrer Beschäftigten.

Die Erörterung fundamentaler Fragen rund um dieses Zukunftsthema stand im Mittelpunkt der Online-Diskussion „Chancen und Herausforderungen der Ausbildung und beruflichen Fortbildung in Zeiten digitaler Transformation“. Über die Folgen der Umwälzungen in der Arbeitswelt sowie entsprechend notwendige Verbesserungen für Berufsanfänger sowie entwicklungswillige Beschäftigte debattierte der SPD-Landes- und Landtagsfraktionsvorsitzende Thomas Kutschaty dabei mit Expert_innen wie Geschäftsführerin Sandra Pawlas von der Agentur für Arbeit Iserlohn, Bezirksjugendsekretärin Carissa Wagner von der IG Metall NRW, Personalleiter Karsten Adenauer vom Ausbildungsbetrieb Busch-Jaeger Elektro in Lüdenscheid und SPD-Arbeitsmarktpolitiker Gordon Dudas MdL.

„Die vielen mittelständischen Betriebe in unserer Region“, sagte Sohel Ahmed vom gastgebenden Landesbüro NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung bei der Begrüßung der virtuell zugeschalteten Teilnehmer_innen, „sind Teil des Rückgrats von Wirtschaft und Industrie in Nordrhein-Westfalen. Umso wichtiger ist darüber zu sprechen, wie die Aus- und Fortbildungsstrukturen erfolgreich ausgestaltet werden können, wofür auch von dieser Veranstaltung ein wichtiges Signal ausgehen kann.“

Die Gelegenheit dazu nutzte Kutschaty vor Eröffnung der Diskussion über „ein Schlüsselthema für morgen“ mit einem Impulsvortrag. In seiner Einleitung arbeitete der Jurist zunächst die Widersprüche zwischen dem unstrittigen Fachkräftemangel einerseits sowie den nicht nur wegen der Corona-Pandemie spürbar gesunkenen Zahlen sowohl an Ausbildungsplätzen als auch an Bewerbern heraus.

„Es ist erschreckend“, meinte Kutschaty in diesem Zusammenhang, „dass sich viele junge Menschen gegen eine Ausbildung entscheiden. Viele Betriebe haben zu wenig Personal für zu viele Aufträge, haben aber andererseits auch kaum eigene Auszubildende. Das ist schlecht für die Wirtschaft, ja, aber auch für die Menschen.“ Seine Erklärung für das Missverhältnis: „Für viele jungen Menschen ist nach einem Schulabschluss ein weiterer Bildungsgang attraktiver als eine Ausbildung.“

Mit Nachdruck will der SPD-Spitzenkandidat für die bevorstehenden NRW-Landtagswahlen gegensteuern. Ansatzpunkte seien in unterschiedlichen Bereichen zur Genüge vorhanden, befand Kutschaty und legte einen programmatischen Forderungskatalog vor.

Seine Vorstellungen reichen vom Ausbau der bereits von der SPD-geführten Landesregierung 2012 aufgelegten Initiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ über intensivierte Beratungs- und Vermittlungsangebote, strukturiertere Weiterbildungsmöglichkeiten, Inklusion auf dem Arbeitsmarkt bis hin zu Angleichungen der dualen Ausbildung an das Studium durch Verbesserungen der Wohnungs- und Mobilitätssituation für Auszubildende (erschwingliche Wohnheimplätze und Monatstickets). Vor allem jedoch setzt Kutschaty auf ein Programm „Gute Berufsschule 2030“, das viele „offiziell nicht zur Schulpolitik“ gehörende Mängel hinsichtlich baulicher Schwächen sowie technischer und vor allem personeller Ausstattung beseitigen soll.

„Wir wollen Geld in die Hand nehmen, um zu sanieren, modernisieren und digitalisieren, denn moderne Technik in intakten Gebäuden und Räumen macht Ausbildung attraktiv. Wir müssen Anreize schaffen, durch die Wertschätzung für Ausbildung zum Ausdruck kommt“, erklärte der ehemalige NRW-Justizminister.

Dabei verzahnt sich Kutschatys übergeordnete Zielsetzung in der Frage der beruflichen Aus- und Weiterbildung mit anderen Zukunftsthemen. „Wir brauchen eine deutlich bessere Darstellung der Ausbildung als Tätigkeit in einem hochmodernen Umfeld, damit die Zahl von Auszubildenden mit Abitur nicht mehr so hoch und über dem Bundesdurchschnitt liegt, aber vor allem weil wie für die Gestaltung des Klimawandels und der Energiewende Menschen brauchen, die anders als Ingenieure und Politiker die wahren Klimaschützer_innen sind, denn erst sie montieren die Solaranlagen auf Dächer, dämmen die Gebäude und bauen neue Heizkessel ein.“

Im nachfolgenden Meinungsaustusch des Panels bedauerte auch Pawlas den Trend zur Verlängerung der Schullaufbahn anstelle der Aufnahme einer idealerweise dualen Ausbildung. „Die Tendenz von Eltern geht zu höherer Bildung, aber nicht jeder ist für noch mehr Theorie geboren“, stellte die erfahrene Arbeitsvermittlerin klar. Weil aus ihrer Sicht „nicht der eine Grund“ für die scheinbare Abneigung junger Menschen gegen eine duale Ausbildung zu benennen ist, müsse die Diskussion über die Attraktivität von Ausbildung früher ansetzen, meinte Pawlas: „Die Frage ist: Bereitet Schule wirklich schon richtig vor? Es müssten bereits in der Schule mehr praktische Einblicke ermöglicht werden.“ Ohne entsprechende Veränderung würde für alle die Aufgabe schwierig bleiben, „Lust auf Zukunft und Beruf zu machen“.

Die niedrige Quote von Schulabgänger_innen mit Haupt- und Realschulabschlüssen unter den Auszubildenden führte Adenauer allerdings auch auf ein fehlgeleitetes Auswahlverfahren der Ausbildungsfirmen zurück. „Wir geben uns Mühe“, berichtete der HR-Experte aus seinem Betrieb, „in jedem Ausbildungsjahrgang einen Mix aus allen Schulformen zusammenzubekommen. Der Mix macht’s wirklich, denn ein Unternehmen zeichnet sich nicht durch die Auszubildenden mit den besten Noten aus, sondern durch die unterschiedlichen Charaktere und Lernerfolge im betrieblichen Umfeld.“

Die betrieblichen Rahmenbedingungen bezeichnete auch Wagner als wichtige Faktoren für die Entscheidung zu einer Ausbildung. Wo junge Menschen als Fachkräfte zur Gestaltung der digitalen Transformation unverzichtbar seien, müssten Unternehmen auch attraktive Angebote nicht zuletzt auch durch Tarifverträge und starke Interessenvertretungen und Mitbestimmungsstrukturen vorhalten, meinte die Gewerkschafterin. Darüber hinaus seien Unternehmen auch bei der Entwicklung von gemeinsamen Perspektiven von Betrieb und Auszubildenden gefragt, damit das erworbene Knowhow nach der Lehrzeit dem Unternehmen zugute kommt. Angesichts der Unsicherheit vieler junger Menschen bei der Entscheidung über ihre berufliche Zukunft und dem damit steigenden Alter beim Eintritt ins Erwerbsleben forderte die IG-Metall-Funktionärin zudem eine durch einen umlagefondsfinanzierte Ausbildungsgarantie „für alle unter 27 Jahren“.

Über seine Unterstützung für Wagners Vorschlag hinaus plädierte auch Dudas für eine höhere Wertschätzung für Spätzünder oder Seiteneinsteiger. „Bei der Auswahl muss noch viel stärker die persönliche Situation eines jungen Menschen berücksichtigt werden“, sagte der Lüdenscheider Landtagsabgeordnete: „Es wird immer nur auf die Noten in bestimmten Bereichen geschaut, aber alle haben Potenziale, deswegen sollte man lieber auf individuelle Fähigkeiten schauen. Es gibt Rohdiamanten, auch wenn es schon ihre zweite Chance ist“, betonte Dudas seinen Wunsch nach einem Wechsel des Blickwinkels von Ausbildungsbetrieben: „Man müsste vielleicht auch mehr auf die Bedürfnisse von Auszubildenden eingehen als auf die des Unternehmens.“

Kutschaty wertete die Erkenntnisse der vielfältigen Debatte auch als Verpflichtung für die Politik. „Junge Menschen können in hochmodernen Berufen auch in der Industrie die Zukunft mitgestalten. Diesen Ehrgeiz dafür muss man wecken und das Feuer dafür entfachen“, resümierte der Eisenbahner-Sohn und versprach: „Ich möchte aus dem Reden auch ins Machen kommen – schließlich muss jeder aus Hoffnungen Wirklichkeit machen können.“

Text: Dietmar Kramer, Journalist

 

 

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