Archiv der sozialen Demokratie

05.11.2020

Veranstaltungsbericht: Eliten und Elitenkritik als Gegenstand der sozialhistorischen Forschung

Bei der jüngsten AfS-Fachtagung, die Ende Oktober erstmals in digitaler Form stattfand, wurde das Rahmenthema für 2021 diskutiert: Eliten und Elitenkritik vom 19. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert. Philipp Kufferath, geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift, skizziert für im FEShistory-Blog, warum diese Fragestellung für zahlreiche Forschungsperspektiven spannend sein kann.

Das Archiv für Sozialgeschichte erscheint seit 1961. Es widmet sich jährlich wechselnden Schwerpunktthemen. Aktuell entsteht zum 60-jährigen Jubiläum ein Band zu den Ideen und Praktiken der Solidarität, im Jahr davor stand die Rolle von Revolutionen in der Geschichte im Fokus (alle Aufsätze des Bands sind seit kurzem auch online frei verfügbar). Bei der jüngsten Fachtagung, die Ende Oktober erstmals in digitaler Form stattfand, wurde bereits das Rahmenthema für 2021 diskutiert: Eliten und Elitenkritik vom 19. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert. Philipp Kufferath, geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift, skizziert für unseren Blog, warum diese Fragestellung für zahlreiche Forschungsperspektiven spannend sein kann.

Aktuell wird die Rolle von Eliten in Geschichte und Gegenwart wieder einmal kontrovers diskutiert. Die Hohenzollern stehen im Mittelpunkt einer größeren geschichtspolitischen Debatte, die sich um die Verantwortung der politischen Eliten für den Aufstieg des Nationalsozialismus dreht. Und im Hinblick auf die Demokratiegeschichte wurde in den letzten Jahren die These stark gemacht, dass es nicht so sehr die revolutionären Bewegungen, sondern vor allem die bürgerlichen Eliten waren, die der parlamentarischen Demokratie den Weg bereiteten. Mit dieser Perspektive stehen auch die differenzierten Forschungsergebnisse zum Kaiserreich neu auf dem Prüfstand – ein Umstand, bei dem normative und wissenschaftliche Argumente eng verwoben sind.

Diese Deutungskämpfe verweisen unmittelbar auf zentrale Dimensionen der historischen Elitenforschung. Allen Definitionen und Eingrenzungen des Themenfelds ist gemeinsam, dass sie erörtern müssen, wer zur Elite gezählt wird und welche Kriterien dafür angelegt werden. Sind es die „Superreichen“ einer jeweiligen Gesellschaft, das wohlhabendste Ein-Prozent, oder sind es Personen in Schlüsselpositionen einzelner Handlungsfelder? Welche Selbst- und Fremdbilder, welche Praktiken können mit dieser Gruppe identifiziert werden, welche Netzwerke und Vergemeinschaftungen lassen sich rekonstruieren? Ein Grundproblem der Elitenforschung ist der Zugang zu Quellen. Machtzirkel signalisieren wenig Interesse an Transparenz und Durchlässigkeit, ein Problem, das gerade bei fiskalischen Zugriffen offenkundig ist.

So wird die allgegenwärtige Elitenkritik aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln artikuliert. Insbesondere unter sozial ungleichen Rahmenbedingungen gibt es ein weit verbreitetes Unbehagen gegen „die da oben“. Die Verantwortung für wirtschaftliche Fehlentwicklungen, politische Verwerfungen oder mediale Skandale wird den häufig global agierenden Eliten angelastet, die eigene Position wird im Namen des „einfachen Volkes“, der „kleinen Leute“ formuliert und normativ legitimiert. Die Zuschaustellung von Geld, Macht oder Privilegien wird skandalisiert und an gesellschaftlichen Normen oder eigenen Idealen gemessen.

Die Forschung interessiert sich darüber hinaus für die Dynamiken, die zur Transformation oder zum Austausch von Eliten führten, etwa bei der Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft im 18. und 19. Jahrhundert, aber auch bei den Systemwechseln während des 20. Jahrhunderts. Hierbei stellt sich auch die Frage, welche Kontinuitäten innerhalb von Elitekonstellationen zu beobachten sind und wie konkurrierende Ansprüche von Eliten aus unterschiedlichen Teilbereichen ausgehandelt werden. Es lassen sich Funktionseliten und Facheliten unterscheiden, Leistungseliten und Geldeliten, aber auch lokale, transnationale und globale Eliten. Die Abgrenzung von alternativen Konzepten und Begrifflichkeiten erscheint ebenfalls sinnvoll, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu „Oberschichten“, „Führungskräften“, „Kadern“ oder „Avantgarden“ herauszuarbeiten oder die Soziologie sozialer Klassen und Schichten einzubeziehen.

Die Beitragsvorschläge für den Band deckten folglich ein weites Spektrum an methodologischen Zugängen und empirischen Einzelstudien ab. Die Zusammensetzung der ungarischen Aristokratie im Habsburgerreich, die italienische Führungsschicht während der napoleonischen Herrschaft oder die großstädtischen Eliten in der Schweiz wurden ebenso thematisiert wie die transkulturellen Netzwerke um den Verleger Giovan Pietro Vieusseux in Florenz, die überregionalen Verbindungen der Gesandten der Deutschen Bundesversammlung sowie die ungarische Wissenselite in der Zwischenkriegszeit. Weitere Beiträge thematisierten die exponierte Stellung der britischen Verwaltungselite im Civil Service welche sowohl durch linke Bürokratiekritik als auch durch neoliberale Vorstöße in Legitimationsnöte geriet bzw. die faschistische Parti populaire français, welche sich als aufstrebende technische Intelligenz begriff und sich gegenüber der Arbeiterschaft und den alten Eliten abgrenzte, während sich der Gesprächsstil der Intellektuellen in Deutschland nach 1945 durch Offenheit und Sachlichkeit abzuheben versuchte. Besondere Aufmerksamkeit erfuhren auch die Elitenwechsel und die Formierung einer sozialistischen Führungsschicht in der DDR und die Transformation staatssozialistischer Systeme 1989 in Ostmitteleuropa. Der wachsende Einfluss der Wirtschaftsberater sowie die Besteuerung des Reichtums wurden ebenfalls in Vorträgen aufgegriffen. Schließlich wurde die Aussagekraft eines ästhetischen, popkulturellen Elitebegriffs am Beispiel der norwegischen Black-Metal-Szene ausgelotet. Die lebendige Diskussion um Begrifflichkeiten und Differenzierungen, die die gesamte Tagung auszeichnete, lässt ein anhaltendes wissenschaftliches Interesse erwarten.

Das gesamte Programm der Tagung ist hier abrufbar. Der Deutschlandfunk berichtet darüber am 5.11. in der Sendung Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, ein Konferenzbericht wird zudem zeitnah bei HSozKult veröffentlicht.


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