Die Macht der Algorithmen: Das Zeitalter der zerstörten Grenzen

Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Algorithmen Menschen kontrollieren und ihre Leistungen beurteilen. Ihre Rechte zu schützen und zu stärken ist notwendiger denn je. In Zukunft wird es unerlässlich sein, die Verantwortung und Pflichten von Unternehmen zu erweitern.

 „Das Zeitalter der zerstörten Grenzen“ scheint eine treffende Beschreibung des Plattform-Kapitalismus zu sein. Das bestehende Wirtschaftssystem oder die derzeitigen Geschäftsmodelle verschieben sich schrittweise hin zu einer Plattform-Ökonomie. In den zwei Jahrzehnten seit seiner Gründung stieg Amazon zu einem der führenden Global Player auf, während Coupang [Anm.d.Red.: südkoreanischer Onlinehandel] in den letzten zehn Jahren ein rasantes Wachstum verzeichnete, mittlerweile 65.000 Personen direkt beschäftigt und damit in Bezug auf Direktbeschäftigung gleich hinter Samsung Electronics und Hyundai Motor liegt. Lieferplattformen wie Uber, Lyft und Deliveroo haben sich als bedeutender Wirtschaftszweig etabliert.

In den Medien wird häufig über die Innovationskraft von Amazon Mechanical Turk diskutiert. Es entstanden Crowdsourcing-Dienstleister im Internet wie Appen, Clickwalker und Scale, allesamt Ableger von Amazon. Ein herausragendes Beispiel für ein Crowdsourcing-Unternehmen in Korea ist Crowdworks. Bemerkenswerterweise greifen auch Branchenriesen wie Google und Facebook auf Onlinedienstleister zurück.

Der Aspekt der destruktiven Kontrolle der Plattform-Algorithmen zeigt das wahre Wesen des Plattform-Kapitalismus. Plattform-Unternehmen setzen gezielt und kontrolliert Algorithmen ein, um Profit zu machen. Durch den Fortschritt der Technologie wird die Nutzung von Algorithmen immer verbreiteter, denn Algorithmen ermöglichen das Sammeln und die Verarbeitung großer Datenmengen, darunter visuelle, audio- und biometrische Daten sowie Zeichen und Quellen wie Kameras, Sensoren und anderen Geräten. Insbesondere Plattform-Unternehmen wissen um den Wert der Steuerung von Plattform-Algorithmen zur Erwirtschaftung von Gewinnen.

Plattformen zerlegen komplizierte Aufträge in ihre kleinsten Einheiten und messen und bewerten jede einzelne Aufgabe, wobei sie sie mit Leistung und Belohnung verknüpfen. Plattform-Unternehmen nutzen Algorithmus-Technologien, um unterschiedliche Datenflüsse wie z.B. über Arbeitskräfte, Ressourcen und Dienstleistungen genau zu messen, effizient einzusetzen und zu automatisieren. Dies legt die Steuerungskompetenzen im Hinblick auf die Datenverarbeitung in die Hände von Unternehmen und Ländern. Nick Srnicek, Autor des Buchs Plattform-Kapitalismus, nannte Plattform-Apps „das wichtigste Werkzeug zum Sammeln von Daten aus Arbeitstätigkeiten“.  

 

Arbeitskräfte fühlen sich wie Maschinen

 

Zur Plattformisierung gehört der Prozess der Datifizierung: die Erfassung menschlichen Verhaltens und seine Umwandlung in Daten zur Generierung neuer Werte. Menschliches Verhalten und zwischenmenschliche Interaktion – die qualitativ vielfältig und unterschiedlich sind – werden in quantitative Indikatoren wie Aktivität, Viralitätsindex und Verweildauer auf einer Plattform übertragen. Auf dem Arbeitsmarkt wird die Arbeitserfahrung mitsamt den Eigenschaften und Kompetenzen von Individuen durch quantifizierbare Werte wie Eignung und Leistung ersetzt. Folglich werden Belohnung und Arbeitskontrolle von Plattform-Beschäftigten auch für standardisierte Indikatoren angewandt. Baemin [Anm. d. Red. Lebensmittellieferunternehmen] und Kakao T, [Anm. d. Red. Transportdienst-App], die in ihren jeweiligen Märkten in Südkorea quasi eine Monopolstellung innehaben, gehören ebenfalls zu den Nutzern dieser Algorithmen.

Die Erzielung von Gewinnen durch algorithmische Kontrolle, auch dargestellt als Innovation der Plattformtechnologie, steigert jedoch die Intensität der Arbeit und gefährdet die psychische Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Plattform-Unternehmen legen den Arbeitskräften gegenüber die über sie gesammelten Daten nicht offen, obwohl 28,4 % der Arbeitnehmer_innen die Plattform-Unternehmen wegen unfairer Arbeitsaufteilung kritisieren und nur 25,6 % diese als fair betrachten.

Andererseits überwachen die Plattformen die Arbeitskräfte sehr genau und bewerten sie bei der Auswahl oder Ausführung von Aufgaben. Befolgen Arbeitnehmer_innen die Anweisungen der App nicht oder erhalten sie schlechte Bewertungen von Kunden, können sie abgestraft werden. Beispielweise können einer Arbeitskraft dann weniger Aufgaben zugewiesen werden oder sie erhält Aufgaben mit reduzierter Bezahlung. In ernsten Fällen wird der App-Account für eine bestimmte Zeit gesperrt. Nur 21,3 % der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer halten die Bewertungen der Beschäftigten durch die Plattformen für objektiv, während 23 % diesbezüglich anderer Meinung sind.

Je komplexer die Plattform-Algorithmen werden, desto mehr werden die Beschäftigten zur Arbeit gezwungen und desto weniger Ruhezeit steht ihnen zur Verfügung. Insbesondere Langzeitbeschäftigte auf Plattformen beklagen sich über negative Gefühle wie Hilflosigkeit (61,8 %), Isolation (58,0 %), das Gefühl eine Maschine zu sein (61,1 %) und das Gefühl der Leistungsschwäche (61,0 %) und der Sinnlosigkeit ihrer Tätigkeit (60,4 %). 21 % der Plattform-Beschäftigten gaben an, sich im letzten Jahr bei der Arbeit alleine gefühlt zu haben. Außerdem wurde deutlich, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Autonomie und Professionalität verloren haben, die sie vor ihrem Einstieg in die Plattform-Arbeit auszeichneten. Mit anderen Worten ausgedrückt, glauben sie, dass „lebendige Arbeit“ durch „tote Arbeit“ ersetzt wird.

Das algorithmische Management umfasst alle Prozesse und Aktivitäten der Organisationskontrolle durch die Automatisierung von Anweisungen, Bewertungen und Disziplinarmaßnahmen, die früher von Menschen oder Maschinen durchgeführt wurden. Da die Plattform-Algorithmen jedoch inzwischen auf alle Aspekte des Alltagslebens angewandt werden, wird ihr Wirkungsbereich auf alle Facetten der Aktivitäten von Menschen und Arbeitskräften ausgedehnt. Durch die Standardisierung von Plattform-Arbeitsprozessen organisiert das Plattform-Kapital diese Algorithmen neu, um sie auch außerhalb der Fabrik oder des Büros anzuwenden.

 

Kapital und Unternehmen müssen stärker in die Pflicht genommen werden

 

Plattform-Arbeit, der sogenannte digitale Taylorismus, ist eine neue Arbeitsform im 21. Jahrhundert und tritt überall in Erscheinung. Diese neue Art der Arbeit, bei der die Grenzen zwischen formeller und informeller Arbeit verwischt werden, bedeutet nicht das Ende der Beschäftigung selbst, sondern die Einführung eines neuen Aspekts minderwertiger Beschäftigung. Hinter wohlklingenden Begriffen wir „Nutzer“, „Performer“ und „Player“ anstatt „Arbeiter_in“ verbirgt sich ein Trend in der Post-Arbeitsgesellschaft, die die Identifizierung des eigentlichen Ausbeuters erschwert.

Die von Einzelkapitalen und Unternehmen im Wirtschaftssystem des Plattform-Kapitalismus geschaffene „App-Arbeit” kann als neue Phase der Ausbeutung von Arbeitskräften auf der Grundlage von Plattform-Algorithmen betrachtet werden. In Zukunft wird es unerlässlich sein, die Verantwortung und Pflichten von Unternehmen in Bezug auf Plattform-Algorithmen zu erweitern. Ein besonderes Augenmerk sollte dabei auf den Missbrauch von Steuerung und Kontrolle, die Verletzung der Privatsphäre, Datenrechte, grundlegende Arbeitsrechte und Gesundheitsrisiken gelegt werden.

Entgegen dieser Notwendigkeit betont Korea die Bedeutung des freien Marktes und verlässt sich, gegenläufig zu den Diskussionen in der Europäischen Union, auf die Selbstregulierung der Unternehmen. Die Geschichte zeigt jedoch, dass der Markt seit der industriellen Revolution noch nie die Menschenwürde geachtet hat. Von Natur aus versuchen nach Profit strebende Unternehmen Regeln und Regulierungen zu umgehen. Angesichts der unersättlichen Gier des Plattform-Kapitals ist es dringend notwendig, die Beschäftigten durch soziale Bestimmungen zu schützen und ihre Rechte zu schützen.

 

Dieser Artikel erschien im Original in englischer Sprache auf asia.fes.de

Über den Autor

 

Jongjin Kim ist einer der Vorsitzenden des Korea Worker Institute Union Center. Seine Arbeit umfasst unterschiedliche Themen und Agenden aus der Arbeitswelt, darunter Dienstleistungsarbeit, Plattform-Arbeit, Freelancer, Arbeitszeiten, emotionale Arbeit und Jugend. Er ist außerdem Experte für soziale Rechte beim Nationalen Menschenrechtsrat von Korea und Mitglied des Steuerungsausschusses des Korean Journal of Labor Studies.


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