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Archiv der sozialen Demokratie

 

09.11.2022

Der „Sozialdemokrat“ – Zur Geschichte des Zentralorgans der sudetendeutschen Sozialdemokratie in der tschechoslowakischen Republik

Heute vor 84 Jahren, am 9. November 1938, erschien in Prag die letzte Ausgabe des „Sozialdemokrat“, der in der Folge der militärischen Besetzung der sudetendeutschen Gebiete in der Tschechoslowakischen Republik durch das nationalsozialistische Deutschland nach dem Münchener Abkommen eingestellt werden musste.

„Es ist das Recht des Besiegten, den Kopf hoch zu tragen, wenn er für eine gute Sache gestritten hat und durch fremde Schuld gefällt worden ist. Ein gewaltiges Schicksal hat uns auf verlorenen Posten gestellt.“

Wenzel Jaksch im „Sozialdemokrat“, 9.11.1938

Das Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP) war 1921 gegründet worden, alle 5444 Ausgaben sind seit Anfang 2022 digital und im Volltext durchsuchbar in der „Historischen Presse der deutschen Sozialdemokratie online“ der Bibliothek der FES im AdsD und im Deutschen Zeitungsportal verfügbar. Anlass genug, um einmal ausführlich mit unserem Kollegen Thomas Oellermann vom FES-Büro Prag über die Zeitung und über die sudentendeutsche Sozialdemokratie in der tschechoslowakischen Republik zu sprechen.

 

Lieber Thomas, der „Sozialdemokrat“ erschien ab 1921 als Zentralorgan der DSAP in Prag. Kannst du uns kurz den historischen Kontext dieser Neugründung in der Hauptstadt der jungen Republik erläutern?

 

Als Folge des Ersten Weltkriegs gründete sich 1918 die Tschechoslowakische Republik, ein Staat mit 15 Millionen Einwohnern, von denen 3,5 Millionen Deutsche waren. In dieser Minderheit, die später als sudetendeutsch bezeichnet wurde, gab es ein breites Spektrum von politischen Parteien. Die stärkste Partei der Anfangsjahre war die Sozialdemokratie. Diese hatte sich wie in anderen Regionen Europas ab Mitte des 19. Jahrhunderts aus Arbeitervereinen und Gewerkschaftsverbänden gebildet. Ihre Hochburgen hatte sie in den industrialisierten Städten des deutschsprachigen Randgebiets der Tschechoslowakei. Die Parteizentrale bestand für Jahrzehnte im nordböhmischen Teplitz (Teplice). Die Gründung des „Sozialdemokrat“ in Prag ist somit ein Merkmal des Umzugs der sudetendeutschen Sozialdemokratie in die Hauptstadt der Tschechoslowakei. Noch 1918 hatte man die Unabhängigkeit der deutschen Gebiete Böhmens und Mährens gefordert. Nun aber hatte man sich abgefunden mit dem neuen Staat und zog in die Hauptstadt, in das politische Machtzentrum. Der „Sozialdemokrat“ wurde dann auch zum Kopfblatt für alle deutschen sozialdemokratischen Tageszeitungen im Land.

 

 

Wie würdest du das sozialdemokratische Milieu innerhalb der sudetendeutschen Volksgruppe beschreiben? Wie groß war die Bedeutung der DSAP innerhalb des politischen Spektrums der Sudetendeutschen?

 

Mit Kriegsende 1918 gab es zunächst unter den Sudetendeutschen ein breites politisches Bündnis, das sich für das Selbstbestimmungsrecht einsetzte. Die sudetendeutschen Sozialdemokraten unter Josef Seliger wollten den Anschluss an die sozialdemokratische Republik Österreich. Mit den Pariser Vorortverträgen vom Sommer 1919 wurde all diesen Bestrebungen eine Absage erteilt. Nun war klar, dass die deutschsprachigen Gebiete Böhmens und Mährens definitiv zur Tschechoslowakei gehörten. Dies führte zur Spaltung unter den Parteien der Sudetendeutschen. Aktivistische Parteien, unter ihnen die Sozialdemokraten, waren bereit, am Staat mitzuwirken, um Verbesserungen für die Minderheit durchzusetzen. Negativistische Parteien, vor allem Nationaldemokraten und Nationalsozialisten, lehnten den Staat auch weiterhin ab. Die aktivistischen oder demokratischen Parteien traten später auch in unterschiedliche Koalitionsregierungen ein. In der Not der Weltwirtschaftskrise und nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland hielten sie der Tschechoslowakischen Republik die Treue. 1933 gründete sich mit der „Sudetendeutschen Heimatfront“ (später Sudetendeutsche Partei) eine Stellvertreterin der Nazis. Diese konnte letztlich fast das ganze bürgerliche Lager der Sudetendeutschen in sich aufsaugen. Zuletzt stellten sich nur noch Sozialdemokraten und Kommunisten gegen die Nazis. Nach dem Anschluss des Sudetenlands an das ‚Dritte Reich‘ im Oktober 1938 wurden viele von ihnen verhaftet. Andere wiederum flüchteten nach Prag und von hier in sichere Emigrationsländer (zum Beispiel Schweden, Großbritannien, Kanada). Die große Tragik der sudetendeutschen Sozialdemokratie ist, dass ihre Mitglieder trotz ihrer Treue zur Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesiedelt wurden. In ihrer großen Mehrheit kamen sie nach Bayern, wo sie sich der SPD anschlossen, zahlreiche Ortsvereine gründeten und vor allem in den Parlamenten Politik machten. Für die heutigen deutsch-tschechischen Beziehungen ist es sehr wichtig, dass es unter den Sudetendeutschen auch aufrechte und mutige Demokraten gegeben hat.

 

Nach 1933 etablierte sich der geflohene SPD-Vorstand unter der Bezeichnung „SOPADE“ zunächst in Prag. Wie wichtig war die Unterstützung der sudetendeutschen Sozialdemokraten für die SPD im Exil? Welche Rolle spielte hier der „Sozialdemokrat“?

 

Ohne die Unterstützung der sudetendeutschen Sozialdemokraten hätte die SOPADE ihre Arbeit in Prag gar nicht machen können. Hierfür sind vor allem zwei Gründe zu nennen. Die sudetendeutsche und die tschechische Sozialdemokratie gaben der Aufnahme von Flüchtlingen aus dem ‚Dritten Reich‘ politische Rückendeckung und schritten immer mal wieder ein, wenn tschechoslowakische Behörden gegen die Exilorganisationen vorgehen wollten. Als zweiter Grund ist die konkrete Hilfe zu nennen, die sudetendeutsche Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten leisteten. Sie nahmen die Geflüchteten beim illegalen Grenzübertritt in Empfang, versorgten sie mit Lebensmitteln und viele von ihnen zahlten einen freiwilligen monatlichen Beitrag zur Unterstützung der Neuankömmlinge. Diese solidarische Politik brauchte ein Sprachrohr, um die eigenen Mitglieder zu informieren und um sie in die Pflicht zu nehmen. Dieses Sprachrohr war der Prager „Sozialdemokrat“ bzw. seine regionalen Ausgaben.

 

Wie hat sich die DSAP zu den wachsenden Spannungen zwischen deutschen, tschechischen und slowakischen Bürger*innen der Republik verhalten, die ja auch durch den Einfluss der NSDAP bewusst geschürt wurden? Gab es hier eine Zusammenarbeit etwa mit tschechischen oder slowakischen Sozialdemokrat*innen?

 

1938 fanden in der Tschechoslowakei die letzten freien Wahlen statt, Kommunalwahlen, bei denen die Sudetendeutsche Partei, die eine klare Nähe zu den Nationalsozialisten hatte, in den deutschsprachigen Gebieten 90 Prozent der Stimmen holte. Die verbliebenen Prozentpunkte gingen an die verbliebenen demokratischen Kräfte, vor allem an die Sozialdemokraten. Diese hatten nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik 1918 immer für eine friedliche und demokratische Minderheitenpolitik geworben, um allen Völkern der Tschechoslowakei gleiche Chancen und Rechte zu gewähren. In den Anfangsjahren gab es scharfe Auseinandersetzungen mit der tschechischen Sozialdemokratie, die diesen Staat mitgegründet hatte und ihn primär als Staat von Tschechen und Slowaken verstand.

Ende der 1920er-Jahre fanden die sozialdemokratischen Parteien aber wieder zueinander. Ein gemeinsamer Parteitag aller sozialdemokratischer Parteien 1928 in Prag läutete die Zusammenarbeit in einer breiten Regierungskoalition ab 1929 ein. Gemeinsam bemühte man sich, die Not der Weltwirtschaftskrise zu bekämpfen. Gemeinsam stellte man sich gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Beide Parteien halfen bei der Aufnahme von Flüchtlingen aus dem ‚Dritten Reich‘. Der Krieg und seine Folgen wie etwa die Vertreibung der Sudetendeutschen ließen die Beziehungen wieder abkühlen. Jahre später kam man aber in der Bundesrepublik wieder ins Gespräch. Auf der einen Seite die Seliger-Gemeinde als Nachfolgeorganisation der sudetendeutschen Sozialdemokratie, auf der anderen die Exilorganisation der tschechischen Sozialdemokratie.

 

Im Zuge der Umsetzung der Beschlüsse des Münchener Abkommens zwischen Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien wurden ab Oktober 1938 die sudetendeutschen Gebiete der Republik durch Truppen des nationalsozialistischen Deutschlands besetzt. Was bedeutete das konkret für Redakteure des „Sozialdemokrat“ und für einfache Mitglieder der DSAP?

 

Die Beschlüsse von München folgten auf große Unruhen, die von der Sudetendeutschen Partei in den Sudetengebieten im September 1938 ausgelöst worden waren. Bei diesen Unruhen wurden tschechoslowakische Behörden und sudetendeutsche Antifaschisten angegriffen. Mitte September marschierte eine aufgehetzte Menschenmenge zum Beispiel auf das Volkshaus der Sozialdemokratie in Cheb/Eger. Unter dem Einsatz von Waffen konnten Angehörige der sozialdemokratischen Republikanischen Wehr die Attacke abwehren. Solche Szenen spielten sich vielerorts ab, sodass vielen sozialdemokratischen Familien nur die Flucht ins Landesinnere oder nach Prag blieb. Der „Sozialdemokrat“ berichtete intensiv über diese Flüchtlinge, über die zahlreichen Notunterkünfte. Mit dem Münchener Abkommen und dem Anschluss der Sudetengebiete an das ‚Dritte Reich‘ war klar, dass die Nazis irgendwann auch nach Prag kommen würden. Die DSAP versuchte nun, vor allem ihre führenden Funktionäre in sichere Zielländer zu bringen. Größere Gruppen gelangten so nach Großbritannien und von hier später nach Kanada. Ein weiteres wichtiges Emigrationsland war Schweden. Hierhin gelangte zum Beispiel Josef Hofbauer, bekannter Redakteur des „Sozialdemokrat“. Hofbauer hatte zahlreiche Bücher veröffentlicht, zum Beispiel 1929 den wichtigen Antikriegsroman „Marsch ins Chaos“, der von den Nazis später in Deutschland verbrannt wurde. Nicht ausreisen wollte seine Redaktionskollege Emil Strauß, da er sich um seinen kranken Vater kümmern wollte. Strauß stammte aus einer jüdischen Familie, wodurch er zusätzlich bedroht war. Mit einem Teil seiner Familie wurde er von den Nazis in Auschwitz ermordet. Hofbauer überlebte den Krieg im Exil und starb 1948 in Frankfurt am Main an einer Krankheit.

 

Wenzel Jaksch beschreibt die historische Situation am 9. November 1938 im Leitartikel der letzten Ausgabe des „Sozialdemokrat“ als „gewaltiges Schicksal“, das „uns auf verlorenen Posten gestellt“ hat. Wie ist das Leben von Jaksch verlaufen, nachdem er diesen ergreifenden Text geschrieben hatte? [Eine Transkription des Artikels finden Sie hier.]

 

Wenzel Jaksch wurde nach dem Ersten Weltkrieg zur großen Nachwuchshoffnung der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Mit den beginnenden 1930er-Jahren stellte er sich zusehends gegen die Politik des damaligen Parteivorsitzenden und Ministers Ludwig Czech, dem er vorwarf, zu wenig die Nationalitätenfrage zu behandeln. Jaksch wollte eine Sozialdemokratie, die den Nazis mit einer demokratischen und profilierten Minderheitenpolitik den Wind aus den Segeln nimmt und die sich anderen Bevölkerungsgruppen öffnet. Man könnte Jaksch von daher als einen frühen Vertreter der Idee einer sozialdemokratischen Volkspartei betrachten. Noch 1938 wurde er zum Vorsitzenden der DSAP gewählt. Politisch konnte er aber nun nicht mehr allzu viel ausrichten. Nach dem Münchener Abkommen nutzte er seine internationalen Kontakte, um die Emigration der sudetendeutschen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten zu ermöglichen. Beim Einmarsch der Wehrmacht in Prag flüchtete Jaksch in die britische Botschaft, verbrachte hier einige Nächte und floh dann als Handwerker verkleidet aus dem streng überwachten Gebäude. Getarnt als Skitourist, fuhr er mit dem Zug nach Osten und gelangte auf Skiern nach Polen. Von hier ging er über Schweden nach Großbritannien, wo er zum Kopf des sudetendeutschen sozialdemokratischen Exils wurde. In der Kriegszeit lieferte er sich große Auseinandersetzungen mit dem Präsidenten der tschechoslowakischen Exilregierung Edvard Beneš, der mit internationaler Billigung letztlich den übergroßen Teil der Sudetendeutschen nach Kriegsende aussiedeln wollte. In der Nachkriegszeit wurde Jaksch zu einem der bedeutendsten Vertriebenenpolitiker in der Bundesrepublik. Für die SPD saß er von 1953 bis zu seinem Tod 1966 im Bundestag und er gilt als einer der Vordenker der Neuen Ostpolitik Willy Brandts.   

 

Der „Sozialdemokrat“ ist die erste Zeitung der sudetendeutschen Sozialdemokratie, die digital im Volltext vorliegt. Gibt es aus deiner Sicht ein Forschungsgebiet, dessen Bearbeitung mit Hilfe unseres digitalen Angebots besonders vielversprechend und wünschenswert wäre?

 

Die Digitalisierung des „Sozialdemokrat“ ist ein großer Sprung in der Forschung zur Geschichte der sudetendeutschen Antifaschistinnen und Antifaschisten. Diese Geschichte ist von großer Bedeutung für die heutigen deutsch-tschechischen Beziehungen, weil sie vom gemeinsamen Kampf für Freiheit und Demokratie und gegen den Nationalsozialismus erzählt. Aber auch fernab von dieser tschechoslowakischen Erzählung ist der „Sozialdemokratie“ eine extrem wichtige Quelle. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland und der Errichtung des Ständestaats in Österreich war die sudetendeutsche Sozialdemokratie die letzte sozialdemokratische Partei, die noch unter demokratischen Verhältnissen arbeiten konnte. Im „Sozialdemokrat“ findet man von daher auch Diskussionen zum Aufstieg der Diktaturen. Man findet aber auch ganz viele Abhandlungen und Texte von geflohenen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Die Geschichte der deutschen Demokratinnen und Demokraten spielte sich nach 1933 gerade auch in Prag ab und sie fand Abdruck im „Sozialdemokrat“, dem Kopfblatt der sudetendeutschen Sozialdemokratie.

 

 

Thomas Oellermann ist Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter im FES-Büro Prag und Vorstandsmitglied der Seliger-Gemeinde, der Nachfolgeorganisation der sudetendeutschen Sozialdemokraten. Zuletzt war er als Redakteur an der Publikation„Odvaha. Odpovědnost. Budoucnost – Mut, Verantwortung, Zukunft“ zum 70. Jubiläum der Seliger-Gemeinde beteiligt, die unter folgendem Link heruntergeladen werden kann: https://library.fes.de/opac/id/7903651

Das Interview wurde geführt von Olaf Guercke.

 

Der Prager „Sozialdemokrat“ wurde im Jahr 2021 im Rahmen eines aus Mitteln der Initiative „Neustart Kultur“ geförderten Projekts im AdsD digitalisiert und auf unserem Portal „Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie online“ sowie auf dem Deutschen Zeitungsportal der DDB mit einer Volltextsuche zur Verfügung gestellt. Die letzte Ausgabe der Zeitung vom 9.11.1938 finden Sie hier, die erste Ausgabe vom 1.9.1921 hier.


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