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Paul Singer – „Nicht, wer ist der Mann, sondern: wie ist der Mann?“

Paul Singer, 1844 als jüngstes Kind einer jüdischen Familie in Berlin geboren, war mehr als zwei Jahrzehnte zusammen mit August Bebel Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei und eine der prägenden Figuren der deutschen Sozialdemokratie im Kaiserreich. Heute weitgehend vergessen, wirft seine ungewöhnliche Lebensgeschichte Schlaglichter nicht nur auf die Geschichte der Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg, sondern allgemein auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und Verwerfungen im Kaiserreich.

Bild: 6/FOTA009118 DatPorträt SPD-MdR Paul Singer, ca. 1905; Rechte: AdsD [6/FOTA009118].

Bild: Paul Singer den "Vorwärts" lesend, ca. 1905; Rechte: Gemeinfrei/AdsD [6/FOTA009119].

Bild: Gruppenaufnahme mit Mitgliedern des SPD-Parteivorstands von 1909; Luise Zietz, Friedrich Ebert, Hermann Müller, Robert Wengels, Karl Alwin Gerisch, Paul Singer, August Bebel, Wilhelm Pfannkuch, Hermann Molkenbuhr; Rechte: AdsD [6/FOTA002095].

Am 31. Januar 1911 – vor 111 Jahren – starb Paul Singer nach langer Krankheit im Alter von 67 Jahren in seiner Heimatstadt Berlin. Am darauffolgenden Sonntag begleiteten hunderttausende Männer und Frauen seinen Sarg zum städtischen Friedhof in Friedrichsfelde. Der Trauerzug vom Vorwärts-Haus in der Lindenstraße zum acht Kilometer entfernten Friedhof war die „größte sozialdemokratische Demonstration in Berlin, wenn nicht in Deutschland, vor dem Ersten Weltkrieg“ (Thomas Lindenberger). Doch nicht nur durch die organisierten proletarischen Massen, die Rosa Luxemburg ebenso beeindruckten wie sie die preußische Polizei in Alarmstimmung versetzten, auch durch die Teilnahme prominenter bürgerlicher Trauergäste, wie dem Berliner Oberbürgermeister, zeichnete sich Singers Beerdigung aus.

Unternehmer und Sozialdemokrat

Geboren wurde Paul Singer am 16. Januar 1844 in Berlin in eine kinderreiche jüdische Familie aus dem unteren Bürgertum. Sein Vater Jacob Singer, zuletzt als Gold- und Silberhändler tätig, starb im Revolutionsjahr 1848 und ließ seine Familie in ärmlichen Verhältnissen zurück. Seit Anfang der 1850er-Jahre betrieb seine Mutter Caroline Singer eine Posament- und Strumpfwarenhandlung, während die älteren Schwestern „ins Geschäft“ gingen, um das Familieneinkommen aufzubessern.

Paul besuchte die Königliche Realschule, die er aber schon mit 14 Jahren aus finanzieller Not verlassen musste. Nach einer Lehre in einer Textilhandlung und Tätigkeiten als Handlungsgehilfe gründete er 1869 gemeinsam mit seinem älteren Bruder Heinrich eine eigene Firma, die Damenmäntelfabrik Gebrüder Singer. Aus eigener Kraft und ohne großes Gründungskapital gelang den Brüdern der Aufstieg zu erfolgreichen mittelständischen Unternehmern – eine beachtliche, aber in der Epoche der Reichsgründung nicht außergewöhnliche Karriere.

Der berufliche Erfolg, der sich in den 1870er-Jahren einstellte, war Paul Singer, der zeitlebens unverheiratet blieb, mit seinem Bruder und einer Schwester zusammenlebte und einen bürgerlichen Lebensstil pflegte, nicht genug: Schon mit Anfang 20 erwachte sein Interesse an der Politik. Er schloss sich der demokratischen Bewegung am linken Rand des Liberalismus an. Ihre Leitfigur war der jüdische Arzt und Revolutionsveteran von 1848, Johann Jacoby (1805–1877). Singer gefiel es besonders, dass Jacoby auch die immer aktueller werdende „soziale Frage“ in den Blick nahm und die „wirtschaftliche Besserung des Arbeiterstands“ als Voraussetzung für die gewünschte politische Umgestaltung ansah.

Bald gingen dem jungen Singer (wie dem alten Jacoby) die Bestrebungen der Liberalen und der Demokraten bei sozialen und ökonomischen Fragen nicht mehr weit genug. Dies machte ihn für neue Ideen empfänglich: Nachdem er im Mai 1868 Wilhelm Liebknecht (1826–1900) und August Bebel (1840–1913) in Berlin kennengelernt hatte, schloss er sich der Sozialdemokratie „Eisenacher Richtung“ an, die mit Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 1869 eine entscheidende Vorläuferin der SPD war. Damit stand er nicht allein: Wie Thomas Welskopp dargelegt hat, hatte die frühe Sozialdemokratie nicht wenige Unternehmer, Ärzte und Kaufleute in ihren Reihen.

Allerdings bekannte sich Singer aus geschäftlichen Rücksichten nicht öffentlich zu seiner Parteimitgliedschaft. Der junge Firmengründer engagierte sich stattdessen in kaufmännischen Interessensvertretungen und im Berliner Asylverein für Obdachlose, einem Verein der bürgerlichen Wohlfahrtspflege. Trotz aller Diskretion war er der preußischen politischen Polizei 1878 „schon seit Jahren als verdeckter Socialist und Wohltäter bekannt“.

Das Sozialistengesetz als Katalysator einer politischen Karriere

Es war das repressive „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, kurz Sozialistengesetz, das 1878 in Kraft trat und Singer dazu veranlasste, eine aktivere Rolle zu übernehmen. Da er neben seinen politischen Talenten und dem Vertrauen, das ihm Bebel und Liebknecht entgegenbrachten, auch noch über finanzielle und zeitliche Ressourcen verfügte – im Gegensatz zu seinen proletarischen Genossen –, wurde er schnell einer der wichtigsten Sozialdemokraten in der Reichshauptstadt. Er unterstützte verfolgte Genossen und ihre Familien, nutzte seine Geschäftsreisen zu politischen Gesprächen im In- und Ausland und stellte 1884 Geld für die Gründung des Berliner Volksblatts (dem Vorgänger des Vorwärts) zur Verfügung. Im selben Jahr wurde er erstmals in den Reichstag gewählt.

Seinen ersten Wahlerfolg hatte er schon ein Jahr früher bei den Wahlen zur Berliner Stadtverordneten-Versammlung errungen. Der Wahlkampf war von heftigen Auseinandersetzungen zwischen der liberalen Mehrheit und der konservativ-antisemitischen „Berliner Bewegung“ des berüchtigten Hofpredigers Adolf Stöcker geprägt, deren aggressive antisemitische Stimmungsmache schon seit Ende der 1870er-Jahre das politische Klima in Berlin vergiftete. Singers Kandidatur stellte für letztere eine Provokation in zweierlei Hinsicht dar: Er war kein Proletarier, sondern ein etablierter Wirtschaftsbürger, und er war Jude. Von den Berliner Genossinnen und Genossen wurde dies offensiv aufgegriffen – so formulierte ein Wahlkämpfer: „Ich verhehle nicht, daß es gewissermaßen eine Demonstration ist, wenn wir als unseren ersten und vorzüglichsten Kandidaten einen Juden aufstellen. Wir wollen damit gleichzeitig konstatieren, daß wir keinen Rassen- und Religionsunterschied kennen und daß wir mit den Antisemiten nichts zu schaffen haben. Außerdem aber hat Herr Paul Singer bewiesen, daß er für die Arbeiter-Interessen einzutreten versteht.“

Der politische Erfolg hatte einen Preis: Zum Jahresende 1887 schied Singer aus seiner Firma aus. Der konkrete Grund war eine antisemitische Hetzkampagne gegen Singer als „jüdische[n] Unternehmer“ und angeblichen Ausbeuter der „armen Berliner Näherinnen und Arbeiterinnen“. Von nun an war er einer der ganz wenigen sozialdemokratischen „Berufspolitiker“, die sich der Politik widmen konnten, ohne von ihr leben zu müssen – Diäten gab es noch nicht. Seit 1886 Mitglied, seit 1890 Vorsitzender des Fraktionsvorstands, wurde er einer der einflussreichen sozialdemokratischen Parlamentarier vor und hinter den Kulissen des Reichstags. Seit 1887 amtierte er bei fast allen Parteitagen, und war schließlich ab 1890 Ko-Vorsitzender der wieder legalen Partei (seit 1892 mit Bebel) sowie – last but not least – ein Pionier der sozialdemokratischen Kommunalpolitik.

Sozialdemokratie, Judentum und Antisemitismus

Singer war kein theoretischer Kopf, sondern ein Mann der praktischen Politik in Partei und Parlament sowie ein vor allem in Berlin sehr populärer Parteiführer von volkstümlicher Ausstrahlung. Zusammen mit Bebel kann er als der Exponent des sozialdemokratischen Parteimarxismus gelten, der seine klassische Formulierung im Erfurter Parteiprogramm von 1891 fand. An der „bewährten und sieggekrönten Taktik“ der SPD hielt Singer zeitlebens fest, Revisionsbedarf wie sein alter Berliner Bekannter Eduard Bernstein sah er nicht. Für ihn war der Kampf um die politische Emanzipation der Arbeiterklasse entscheidend – für die jüdische Minderheit wünschte er eine vollständige Assimilation in einer sozialistischen Gesellschaft. Allerdings war dies noch Zukunftsmusik, und so trat er, im Gegensatz zu vielen jüdischen Genossinnen und Genossen seiner Generation, nie aus der jüdischen Gemeinde aus und begründete dies mit seinem Gefühl der Solidarität mit einer angefeindeten Gruppe.

Antisemitische Anfeindungen begleiteten Singer während seines ganzen öffentlichen Lebens. Für konkrete Abwehrmaßnahmen trat er jedoch nicht ein und vertrat mit dem Parteitheoretiker Karl Kautsky die Meinung: „Neben der Auflösung des Judentums ist das revolutionäre Denken der Volksmasse das beste Gegengift gegen den Antisemitismus.“ Letzterer wurde von ihm als ein hässlicher Überrest aus alten Zeiten abqualifiziert. Seine spezifische Modernität blieb ihm – wie vielen zeitgenössischen Sozialdemokraten – verborgen. Konkreten Angriffen begegnete Singer ausweichend, Hetzkampagnen in der Presse versuchte er möglichst zu ignorieren – anders als die Berliner Genossen, die 1883 seine Kandidatur als Jude so offensiv propagiert hatten. Auch in der sozialdemokratischen Subkultur wurde Singers Judentum wahrgenommen und kommentiert. Doch war dies kein Hinderungsgrund für seine außergewöhnliche Karriere in einer Partei, die sich als egalitärer Gegenentwurf zur repressiven bürgerlichen Gesellschaft des Kaiserreichs verstand. In diesem Sinne war ihm die eigene Herkunft letztlich nicht wichtig, wie er 1883 bei der Wahl zur Berliner Stadtverordneten-Versammlung postulierte: „Meine Kandidatur (...) gibt die Gewissheit, dass die Arbeiter auch in Zukunft die Gleichheit für alle hochhalten werden, dass sie nicht fragen, wer ist der Mann, sondern: wie ist der Mann.“

Paul Singer starb, bevor die klassische deutsche Sozialdemokratie, deren Geschichte er drei Jahrzehnte lang an entscheidender Position mitgestaltet hatte, im Ersten Weltkrieg auseinanderbrach und das Kaiserreich durch eine Revolution beseitigt wurde. Einerseits in seiner Epoche und seinen generationellen Erfahrungen verhaftet, ist andererseits sein Beharren auf sozialdemokratische Werte heute noch erstaunlich aktuell.

Ursula Reuter

 

Literaturhinweise

  • Ursula Reuter: Paul Singer (1844–1911). Eine politische Biographie, Düsseldorf 2004.
  • Eduard Bernstein: Die Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung, 3 Teile, Berlin 1907–1910.
  • Thomas Lindenberger: Straßenpolitik. Zur Sozialgeschichte der öffentlichen Ordnung in Berlin 1900 bis 1914, Bonn 1995.
  • Thomas Welskopp: Das Banner der Brüderlichkeit. Die deutsche Sozialdemokratie zwischen Vormärz und Sozialistengesetz, Bonn 2000.
  • Berliner Volksblatt/Vorwärts digitalisiert.

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