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Archiv der sozialen Demokratie

 

29.10.2022

Gründung der Sozialistischen Arbeiterjugend

Vor 100 Jahren am 29. Oktober 1922 wurde die Sozialistische Arbeiterjugend vor dem Hintergrund des Zusammenschlusses von SPD und USPD gegründet – und zwar aus deren Jugendverbänden: dem SPD-nahen Verband der Arbeiterjugendverbände Deutschlands (VAJV) und der USPD-nahen Sozialistischen Proletarierjugend (SPJ). Während der VAJV mit 90.000 den größten Teil der Mitglieder zur SAJ einbrachte, waren es bei der SPJ lediglich 20.000 Mitglieder. Erster Vorsitzender der SAJ wurde Max Westphal, Erich Ollenhauer folgte 1928.

Vorläufer der SAJ gab es, in Form von verschiedenen Jugendorganisationen der deutschen Arbeiterbewegung, bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dabei handelte es sich in der Anfangszeit hauptsächlich um Zusammenschlüsse von Handwerkslehrlingen. So wurden 1904 Arbeiterjugendorganisationen sowohl in Hamburg-Altona als auch Berlin gegründet. Das Gros der Arbeiterjugendorganisationen entstand zunächst in urbanen Milieus.

Die SAJ richtete sich an Mädchen und Jungen im Alter zwischen 14 und 20 Jahren. Organisatorisch wurde unterschieden zwischen einer „Jüngeren- und Älterenarbeit“. Diese Unterscheidung  wurde von der SAJ aufgrund der „starken körperlichen und seelischen Reifeunterschiede dieser Jahrgänge“ als notwendig erachtet . Eine Altersgrenze für die „Jüngerenarbeit“ wurde in der Regel bei 17 Jahren gezogen. Die jüngeren Mitglieder in der SAJ wurden in Roten-Falken-Gruppen organisiert, die im Rahmen der Ortsgruppen der Sozialistischen Arbeiterjugend arbeiteten, zu erkennen waren sie an einem blauen Kittel und roten Halstuch. Dass Jungen und Mädchen so ungezwungen aufeinander trafen, wurde durch einige Zeitgenoss:innen durchaus als moralisch unangemessen wahrgenommen und kritisiert. Die SAJ argumentierte, dass es in der Organisation in erster Linie um den gemeinsamen politischen Hintergrund ginge, gab aber auch zu, dass so manche Ehe aus dieser Gemeinschaft hervorgegangen sei und betonte „solche Ehen sind nicht gegründet auf einer blinden Leidenschaft, sie beruhen auf einer gemeinsamen Weltanschauung, auf der Erinnerung an gemeinsam verlebte Jugendjahre in unserer Bewegung. Ein solcher Lebensbund wird nicht nur die beiden Menschen glücklicher machen, er ist auch ein Gewinn für den Sozialismus.“ Die SAJ betonte in diesem Zusammenhang die Gleichberechtigung der Geschlechter: „In der Sozialistischen Arbeiterjugend sind die Mädchen nicht die Püppchen, die nur zur Unterhaltung der Jungen da sind, sondern sie sind unsere Kameraden, die genauso in der Bewegung stehen und mitarbeiten wie die Jungen.“

Die SAJ engagierte sich im Bereich Jugendschutz, Jugendrecht, Bildungsarbeit und Freizeitgestaltung. Ihre Ziele und Aufgaben verschriftlichte die SAJ in einer Publikation aus dem Jahr 1929. Dort heißt es „für die schulentlassene Jugend bis zum vollendeten 18. Lebensjahr“ sei „ein ausreichender gesetzlicher Jugendschutz“ zu schaffen. Zum Jugendschutz und Jugendrecht gehörten das Engagement, auf gesetzliche Grundlagen in Bereichen wie Arbeitsschutz und Arbeitslosenversicherung Einfluss zu nehmen, die Etablierung einer Erholungsfürsorge und generell das Hinwirken auf eine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der arbeitenden Jugend. Zu den Forderungen des Jugendschutzes und -rechtes gehörten u.a. der Anspruch auf bezahlten Urlaub, einen 6-Stunden-Tag, arbeitsfreie Wochenenden und Verbote von Akkord- und Nachtarbeit bis zum 20. Lebensjahr. Aspekte, die in jener Zeit alles andere als eine Selbstverständlichkeit darstellten.

Viel Aufmerksamkeit widmete die SAJ auch dem Thema der Berufsausbildung. So wurde der Wunsch formuliert die sogenannte „Fortbildungsschule“ in eine „Fach- und Arbeitsschule“ umzugestalten –das Äquivalent zur heutigen Berufsschule. Der Besuch einer solchen „Fach- und Arbeitsschule“ sollte bis zum 18. Lebensjahr obligatorisch sein und die dafür benötigte Zeit habe der Meister einzuräumen. Als demokratische Interessenvertretung der Schüler:innen sollten Schülerräte gegründet werden, welche sich aus Vertreter:innen einzelner Klassen und verschiedener Berufe zusammensetzen sollten. Darüber hinaus sollte Sportunterricht die Gesundheit der Schüler:innen fördern.

Das Lehrlingswesen sollte der SAJ zufolge außerdem eine grundlegende Reform erfahren. Zu den Reformwünschen gehörten u.a. Aspekte wie die Festsetzung einer zwei- bzw. dreijährigen Lehrzeit, die „Aufhebung des Züchtigungsrechts des Lehrherrn und seiner Beauftragten“ oder die Festsetzung eines Lehrlingsentgelts, dabei war lange nicht selbstverständlich war, dass ein solches überhaupt gezahlt wurde.

Die Bildungsarbeit der SAJ nutzte Formate, wie Vorträge, Ausspracheabende, Arbeitsgemeinschaften und Kurse, um über Themen aus  Geschichte, Politik, Wirtschaft und Kultur zu sprechen oder Aufgaben und Ziele der Sozialdemokratie zu diskutieren. Als wichtigste Aufgabe der SAJ-Bildungsarbeit wurde die der politischen Bildung priorisiert mit dem Zweck „die Jugend  über wichtige politische Ereignisse zu informieren und sie politisch so zu schulen, dass sie später im öffentlichen Leben im Interesse der sozialistischen Bewegung mitwirken kann.“

Auch die bewusste Gestaltung der Freizeit der Arbeiterjugend nahm einen großen Teil des Wirkens der SAJ ein. Im Rahmen von Zeltlagern oder auch Freizeiten in Ferienheimen sollten Gemeinschaft, Sozialkompetenz und „körperliche Kräftigung“, letzteres insbesondere durch Sport, Spiel und Wandern, gefördert werden. Unter Spiel verstand man damals bei der SAJ weniger Mannschaftssportarten wie Fußball, sondern vielmehr Geländespiele wie die sogenannte „Rote Feldpost“ oder die Eroberung einer Rundfunkstation. Was das äußere Erscheinungsbild betraf sah es die SAJ als wichtig an „durch Straffheit und Ordnung im Auftreten, in der Ausrüstung und in der Kleidung […] für die sozialistische Idee“ zu werben. Auch das gemeinschaftliche Musizieren und Singen wurde zelebriert.

Die Organisation und Leitung übernahmen eigens in Wochenendkursen und Schulungswochen ausgebildete „Führer“ der Roten-Falken-Gruppen. Die inhaltliche Facharbeit zu den Bereichen wie Jugendschutz, Bildungsarbeit etc. fand in Fachausschüssen der SAJ statt.

Die SAJ verfügte nicht zuletzt über eine eigene Infrastruktur (in Form von einer Einkaufszentrale) als auch über einen eigenen Arbeiterjugend-Verlag. Über die Einkaufszentrale konnten die Mitglieder der SAJ Produkte für die Jugendvereinsarbeit erwerben, z.B. Spiel- und Sportartikel, wie Schneeschuhe, Ski-Anzüge und Stoffe zum Nähen. Auch sogenannte „Bruderunternehmungen“ bspw. aus Schweden, Dänemark oder der Tschechoslowakei kauften dort ein. Der Arbeiterjugend-Verlag vertrieb neben einschlägiger politischer Literatur auch leichte Unterhaltung, hierzu zählten Arbeiterliederbücher oder  der Titel „Lachendes Volk, Humor in Vers und Prosa“.

Nachdem im Frühjahr 1933 zunächst alle Zeitungen der SAJ verboten worden waren, folgte Mitte desselben Jahres schließlich das Verbot der SPD und ihr nahestehenden Organisationen, damit musste sich auch die SAJ auflösen. Einige Mitglieder gingen ins Exil und bildeten dort neue Gruppen oder schlossen sich anderen Vereinigungen an, andere blieben und wurden Teil des Widerstands gegen die nationalsozialistische Diktatur. Nach dem Zweiten Weltkrieg schlossen sich in der Bundesrepublik SAJ-Mitglieder mit denen der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde zur Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken zusammen. In der DDR vereinnahmte die FDJ die SAJ-Mitglieder.

Historische Unterlagen und Sammlungsgut zur Sozialistischen Arbeiterjugend werden u.a. im Archiv der Arbeiterjugendbewegung und im Archiv der sozialen Demokratie aufbewahrt.

Stephanie Kröger


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