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Klimakrise & Zivilgesellschaft - "Be the change you want to see in the world!"

Interview mit Stephen Wehner vom Verein Bergwaldprojekt

Stephen Wehner (55) studierte Wirtschaftsmathematik an der Universität Karlsruhe. Nach dem Diplom war er bis 1998 am Institut für International Vergleichende Wirtschaft- und Sozialstatistik der Universität Heidelberg tätig. Bis 2004 arbeitet er als Berater für Risikomanagement im Assetmanagment für ein US Unternehmen. Nach einem Sabbatjahr in Westafrika übernahm er 2005 die Geschäftsführung des deutschen Vereins Bergwaldprojekt e.V. mit Sitz in Würzburg.

MuP: Zu Beginn freuen wir uns, wenn Bergwaldprojekt e.V. kurz vorgestellt wird: Was macht das Bergwaldprojekt? Was sind die Ziele des Bergwaldprojekts?

Wehner: Der gemeinnützige Verein Bergwaldprojekt setzt sich für den Schutz und Erhalt unserer Ökosysteme in Wäldern, Mooren und Offenlandbiotopen ein.Seit über 30 Jahren führen wir bundesweit Naturschutzprojekte mit Freiwilligen unter fachkundiger Anleitung durch. Ökologischer Waldumbau in den Mittelgebirgen, Schutzwaldsanierungsmaßnahmen in den Alpen, Wiedervernässungen trockengelegter Moore und die Pflege von bedrohten Lebensräumen bilden die Schwerpunkte unserer Projekte. Mehr als 40.000 Menschen haben sich bis heute daran beteiligt. Neben der praktischen Arbeit erfahren die Freiwilligen, die sich bei den Einsatzwochen tatkräftig für die Natur engagieren, vieles über die Zusammenhänge in der Natur, über unsere Abhängigkeiten von den natürlichen Lebensgrundlagen und über deren Gefährdungen durch unseren nicht nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Dieses Zusammenspiel vertieft die Einsicht, dass wir selbst Teil der Natur sind und das Bewusstsein für ein gutes Leben.

MuP: Für ein Engagement in den Projekten des Bergwaldprojekts finden sich oft tausende Freiwillige, die sich vor Ort für Klimaschutz einsetzen. Was ist das Erfolgskonzept, um Menschen für die gemeinnützige Arbeit zu gewinnen?

Wehner: Die Motive der Freiwilligen sich für den zum Teil harten körperlichen Einsatz in einer Projektwochen zu entschieden sind so vielfältig wie deren individuelle Lebenssituationen.

Im Verlauf der Woche werden durch die gemeinsame Arbeit, die intensive Auseinandersetzung mit der Natur und das einfache Leben in den Gruppenunterkünften mit einer saisonalen, ökologischen und vegetarischen Küche psychologische Ressourcen wie Genussfähigkeit, Selbstwirksamkeit, Solidarität oder Sinnkonstruktion aktiviert, die bei vielen ein starkes Gefühl der Zufriedenheit auslösen. Das notwendige Vertrauen kann man nur durch Transparenz gewinnen.

MuP: Sie haben die Selbstverpflichtungs-Initiative „Einfach. Jetzt. Machen.“ ins Leben gerufen: Was war die Motivation und worum geht es bei der Selbstverpflichtungserklärung?   

Wehner: Die Initiative haben wir nach einem Vortrag von Prof. Stefan Rahmstorf 2017 in unserem Waldsalon über die Kippelemente in der Klimaforschung gestartet. Das war vor Corona, Waldsterben 2.0 oder der katastrophalen Überschwemmung im Ahrtal. Uns wurde klar wie wenig Zeit noch bleibt, um die unvermeidbare soziale und ökologische Transformation demokratisch gestalten zu können.“Einfach.Jetzt.Machen“ ist eine Selbstverpflichtung für jede Form von Organisation, ob Unternehmen, Verwaltungen, Kirchen, Parteien oder NGOs um klimagerechte, konkrete und sofort wirksame Anpassungen im eigenen Haus öffentlich zu erklären und umzusetzen.

Die Elemente sind einfach: Keine Fleischprodukte aus konventioneller Massentierhaltung, keine Inlandsflüge und keine Flugdienstreisen unter 1.000 km und den Strombedarf suffizient mit 100% Ökostrom decken. Das ist deshalb so einfach, weil es für alles längst ökologisch- und sozialverträglichere Alternativen gibt. Dazu brauchen wir unsere Gewohnheiten nur wenig zu ändern. In den vergangenen 4 Jahren haben bislang nur etwa 200 Organisationen diese Erklärung auf der Website einfach-jetzt-machen.de gezeichnet. Das verdeutlich die Ursache der großen Krise. Offensichtlich setzen wir nicht nur die Resilienz, also die Anpassungsfähigkeit der Ökosysteme empfindlich herab, sondern haben unsere eigene bereits stark beschädigt. Darum sollten wir uns dringend kümmern, nicht nur in den Schulen.

MuP: Welche Rolle spielen Allianzen mit anderen Akteur_innen der Zivilgesellschaft für Ihr Engagement und für den Klimaschutz allgemein? Wie kann die Zivilgesellschaft gemeinsam eine starke Stimme entwickeln?

Wehner: Die vielen und vielfältigen Akteurinnen und Akteure der Zivilgesellschaft und deren funktionierende Vernetzung sind ein enormer Treibstoff für eine nachhaltige Entwicklung. Sie haben die Krise auf die Straßen und in die großen Medien gebracht, Wissenschaftler_innen aktiviert und damit der Politik kraftvoll den Rücken gegen konservierende Widerstände gestärkt, endlich die notwendigen und gerechten Rahmenbedingungen zu schaffen. Die anhaltende Dissonanz und Mutlosigkeit vieler Politikerinnen und Politiker zeugt aber ebenfalls von der stark geschwächten individuellen und gesellschaftlichen Resilienz. Der Wahlkampf zur aktuellen Bundtagswahl hat das gerade dokumentiert.

Die Stimmen sind nach meinem Empfinden laut genug, aber die große Angst vor Veränderungen lähmt uns alle das zu tun, was getan werden muss.  

MuP: Was empfehlen Sie zivilgesellschaftlich Engagierten, Organisationen oder Initiativen, die sich zum Thema Klima einbringen wollen?

Wehner:Be the change you want to see in the world!  Um eine gesellschaftliche Akzeptanz für die notwendigen Anpassungen zu erreichen, ist es letztendlich notwendig, dass wir, also jede und jeder sich selbst ändert. Die Änderung betrifft nicht nur unser Verhalten, sondern dessen Ursachen, die in unserer Selbstwahrnehmung und unserem Selbstverständnis gründen.

Jedes zivilgesellschaftliche Engagement stärkt auf diesem Weg bereits die persönliche Resilienz. Transparenz bedeutet, das tun und zu beabsichtigen, was man sagt. 


Wir bedanken uns für das Interview!       
Hinweis: Die Äußerungen unserer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder.

Dieses Interview wurde aus dem Englischen übersetzt und redaktionell überarbeitet.

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