Der Do No Harm-Ansatz im Projektkontext in Deutschland

Ein Interview mit Sina Emde

Sina Emde ist Ethnologin mit den Schwerpunkten Gender, Erinnerung und Frieden und Konflikt. Sie positioniert sich mit ihrer Arbeit an der Schnittstelle von Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Zur Zeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethnologie Leipzig.

MuP: Sina Emde, Sie hatten bis Oktober 2021 bei der Stiftung Berliner Mauer die Projektleitung von „Mauergeschichten revisited“ inne. Worum ging es in dem Projekt?  Was war das Ziel?

Emde: In dem Projekt ging es zum einen darum, marginalisierte Narrative auf die Wiedervereinigung und Wendezeit sichtbar zu machen und zum anderen sollte die Outreach- und Vermittlungsarbeit der Stiftung erweitert werden. Im Prinzip war die Idee, junge Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen dazu zu gewinnen, ihre eigenen Perspektiven sichtbar zu machen oder eigene Formate umzusetzen. Die Zielgruppe war zunächst weit gefasst – wobei die migrantischen oder postmigrantischen Perspektiven im Vordergrund standen, denn diese Perspektiven sind im Wiedervereinigungsnarrativ bisher nicht wiederzufinden. Die Teilnehmenden konnten sich frei überlegen, welche Themen und Formate sie umsetzen wollten. Das konnten Führungen an Gedenkstätten sein aber auch Bildungsarbeit und Workshops für Schulklassen.

MuP: Welche Rolle hat der Do No Harm-Ansatz in der Projektplanung gespielt? 

Emde: Ich habe das Projekt sechs Monate vor Ablauf der Projektlaufzeit übernommen, war also in die Konzeption nicht involviert. Den Do No Harm-Ansatz habe ich dann im Projektmanagement mitlaufen lassen. Das Projekt befand sich zu der Zeit aber bereits an einem schwierigen Punkt. Die Beziehung zwischen der Weißen Stiftung und den unterschiedlichen Kooperationspartner*innen, zum großen Teil migrantische Vereine oder Vereine Schwarzer Deutscher, war teils konfliktreich. Dazu kamen dann auch noch die Herausforderungen durch die Covid-Pandemie.

Es war schnell klar, dass wir einen Safe Space für die Teilnehmenden einrichten mussten. Wir – also die Stiftung – wollten ja einen Raum für marginalisierte Narrative schaffen, es sollte ein Empowermentprojekt sein. Wir wollten natürlich vermeiden, Machtstrukturen zu verstärken, denen wir eigentlich entgegenwirken wollten. Es kamen auch sehr viele Fragen auf, die ich in sechs Monaten nicht mehr lösen konnte. Wir konnten ja beispielsweise keine Person, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Positionierung sowieso schon Diskriminierung erfährt, in ein Weißes Feld schicken, wo sie unter Umständen angegriffen wird, weil die Gruppe sich vielleicht auf das jeweilige Narrativ gar nicht einlassen möchte. Also, für wen sollte das Projekt überhaupt sein? Welche Räume machen wir auf und in welchen Räumen können die Teilnehmenden dann auch sicher arbeiten? Das waren für mich die Aspekte, die ich aus dem Do No Harm-Ansatz gezogen hatte.

Grundsätzlich geht es in dem Ansatz ja darum zu überlegen, wie wir mit unseren Plänen und Handlungen niemandem schaden. Dazu müssen wir im Vorfeld überlegen, welche unvorhergesehenen Konsequenzen unser Handeln haben könnte. Vor allem in den Bereichen von Mittelverteilung, Machtstrukturen in unserer Gesellschaft und Konfliktpotentialen. Das kann natürlich niemand alles genau vorhersehen aber wir können darüber nachdenken. Das ist für mich der Do No Harm-Ansatz.

MuP: Welche Rahmenbedingungen müssen denn gegeben sein, um Projekte möglichst machtsensibel zu planen und umzusetzen? 

Emde: Die verschiedenen Aspekte von Do No Harm sollten im Vorfeld mitgedacht werden, nicht erst, wenn das Projekt schon gestartet ist. Die Anfangs- und Rahmenbedingungen müssen stimmen. Zeit ist dabei ein ganz wichtiger Faktor. Am Anfang gab es all diese Ideen, wie Menschen zusammengebracht werden können, zu Workshops und partizipativen Methoden. Aber auch die Partnerorganisationen hatten gar nicht genug Kapazitäten dafür. Da muss am Anfang gemeinsam über den zeitlichen Umfang gesprochen werden, ob eine Begleitung oder Mitarbeit am Projekt überhaupt möglich ist. Letztlich war zwar der Wille da, das Projekt machtsensibel aufzuziehen aber es hat, auch aufgrund personeller Wechsel, an Kontinuität und auch an Erfahrung gefehlt.

MuP: Was sind die häufigsten Herausforderungen bei der Umsetzung von Do No Harm in der Projektarbeit und wie kann mit ihnen umgegangen werden? 

Emde: Ich glaube, dass eins der Hauptprobleme sehr oft institutionelle Machtstrukturen sind. Wenn ich aus einer stärkeren Institution komme und finanzielle Mittel mitbringe, ist es sehr schwierig eine Machtposition aufzulösen. Wenn ich dann mit Partnerorganisationen zusammenarbeite, muss ich genügend Vorlaufzeit einrechnen, damit wir über grundsätzliche Fragen sprechen können: Was ist für euch wichtig? Was wollt ihr? Wie seht ihr das? Ein guter Austausch entwickelt sich da nicht immer im ersten Gespräch. Es braucht Zeit, um eine gemeinsame Vertrauensebene aufzubauen und dann auch wirklich in Verhandlungen gehen zu können.

Auch die eigenen internen Machtstrukturen können zu Problemen führen. Stehen wir als Organisation auf allen Hierarchieebenen hinter dem Projekt? Gibt es die Bereitschaft, gemeinsam zu reflektieren und vielleicht auch mit einem gemeinsamen Grundlagenworkshop zu starten? Auch hier: Zeit ist ein wichtiger Faktor. Wir bräuchten viel mehr Zeit, als es in unseren schnelllebigen Projekten veranschlagt wird. Wir bräuchten langfristige Konstellationen und Projekte. Eigentlich müssten wir am Ende eines Projekts nicht wieder mit etwas Neuem starten, sondern gemeinsam weitermachenn.

MuP: Haben Sie Tipps für Non Profit Organisationen, die den Do No Harm-Ansatz in ihre Arbeit integrieren wollen?

Emde: Der Do No Harm-Ansatz sollte vom Moment der ersten Idee an mitlaufen. Am besten wäre natürlich, wenn alle Beteiligten dazu einen Workshop besuchen würden, um sich auf den gleichen Stand zu bringen und sich darüber zu verständigen, wie sie mit diesem Ansatz gemeinsam arbeiten möchten.  

Und es braucht Zeit und finanzielle Mittel, um auch erfahrene Menschen für das Projekt gewinnen zu können. Es ist kaum zu glauben, mit wie wenig Zeit und Geld viele Projekte gestemmt werden sollen. Bei Projekten, die sich in sehr ungleichen Machtverhältnissen bewegen, braucht es aber Menschen mit Erfahrung und die arbeiten oft nicht 40 Stunden für ein halbes Gehalt.

Wenn Konflikte auftauchen, hilft es auch manchmal, wieder einen Schritt zurückzugehen. Den nächsten Workshop oder die Veranstaltung vielleicht zu verschieben und gemeinsam in Ruhe zu schauen, wie weiter verfahren werden soll. Eine externe Begleitung kann hier auch helfen.

MuP: Der Do No Harm-Ansatz stammt ja ursprünglich aus der internationalen Arbeit oder Entwicklungszusammenarbeit. Welche Chancen bietet der Ansatz für Projekte in Deutschland, insbesondere im Kontext Flucht?

Emde: Projekte im Kontext Flucht bewegen sich oft in ungleichen Machtverhältnissen. Eine deutsche Organisation stemmt ein Fluchtprojekt, entwickelt etwas, bietet etwas an, mal mit mal ohne Partnerorganisationen. Auch hier sollte der Do No Harm-Ansatz unbedingt mitgedacht werden. Oft läuft ja eine Wohlfahrtsidee mit, Betroffene werden dann schnell zu Opfern statt Partnern. Auch hier braucht es erfahrene Menschen in den Projekten. Es gibt viele tolle Projekte in diesem Bereich. Ich glaube aber, dass ein kurzfristiges Projekt nach dem Motto „Wir machen jetzt auch was mit Flucht“ nicht gut funktionieren kann.

Es sind aber auch nicht alle Aspekte aus dem Do No Harm-Ansatz in diesen Kontext in Deutschland übertragbar. Für mich steht bei der Umsetzung des Do No Harm-Ansatzes in Deutschland das Schützen von vulnerablen Gruppen im Sinne von Safer Spaces im Vordergrund. Dazu gehört es, sich darüber auszutauschen, wer Macht in diesem Projekt besitzt. Wer ist hier vulnerabel und was bedeutet das für die Planung und Ausgestaltung? Ich greife mir dabei einzelne Aspekte aus dem Do No Harm-Ansatz heraus, ohne den Anspruch, diesen in seinem Gesamtkonzept umfassend anzuwenden.

Wir bedanken uns für das Interview!       
Hinweis: Die Äußerungen unserer Gesprächspartner*innen geben deren eigene Auffassungen wieder.

Dieses Interview wurde verschriftlicht und redaktionell überarbeitet. Bonn, 2022

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