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Otto Wels

Kurzinfo

Das Archiv der sozialen Demokratie wird 50. Wir feiern das, indem wir Ihnen ein Jahr lang jede Woche ein neues unserer Lieblingsstücke und die Geschichten dahinter vorstellen. Nichts verpassen? Einfach #AdsD50 auf twitter und instagram folgen!


„Weitauf, Weitauf, die Herzen, die rote Nelke siegt!“

Die Arbeiter marschierten mit ihren Frauen und Kindern in geschlossenen Viererreihen und mit vorbildlicher Disziplin in den Prater, jeder die rote Nelke, das Parteizeichen, im Knopfloch. Sie sangen im Marschieren die Internationale …

So beschrieb Stefan Zweig in seiner Autobiographie, welchen Eindruck er vom Maiaufmarsch 1890 in Wien als Neunjährigen gewann.

Rote Nelken finden sich an vielen Orten in unserem Archiv. Für diesen Beitrag haben wir uns auf Anstecker und Plakate beschränkt - einiges mehr findet sich aber u.a. in unserem iServer.

Publikationen zur "roten Nelke", dem DGB und der Geschichte des 1. Mais generell finden Sie im Katalog unserer Bibliothek.

Auch Paul Löbe, mit kurzer Unterbrechung von 1920 bis 1932 Reichstagspräsident, machte ebenso am 1. Mai 1890 als fünfzehnjähriger Lehrling in Liegnitz (heute Legnica) eine ähnliche Erfahrung:

Da Versammlungen verboten waren, blieb nur der gemeinsame Ausflug in benachbarte Gartenlokale übrig. Das Mitführen von Fahnen war selbstverständlich auch nicht gestattet, darum wählte man die rote Nelke im Knopfloch als Abzeichen der Gleichgesinnten.

 Die rote Nelke, die auch für die aufgehende Sonne stand,  war somit auf das Engste mit dem 1. Mai verbunden, an dem die Arbeiterbewegung den Achtstundentag forderte.

Das Sozialistengesetz im Deutschen Reich verlor erst am 30. September 1890 seine Gesetzeskraft, so dass weiterhin politische Versammlungen und z.B. auch das Tragen von Fahnen verboten blieben. Die rote Nelke im Knopfloch oder an der Kleidung wurde so zum Symbol des Protestes und des proletarischen Zusammenhalts. Diese Protest- und Identitätssymbolik behielt die rote Nelke bis in die Weimarer Republik bei.

Weitere Symbolkraft gewann die Nelke für die proletarische Frauenbewegung. Am 19. März 1911 fand im Deutschen Reich, Österreich, Schweden, den USA und weiteren Ländern der 1. Internationale Frauentag statt. Zentrale Forderung war die Einführung des Frauenwahlrechts. Im württembergischen Göppingen riefen SPD und Gewerkschaften zum „Allgemeinen Frauentag“ auf:

Um den Frauentag imposant zu gestalten, haben die Unterschreibenden beschlossen, der Arbeiterschaft des Bezirks zum Zeichen der Solidarität mit der Forderung des Frauenwahlrechts das sichtbare Tragen der Blume der Gleichheit (rote Nelken) am 19. März zu empfehlen.

Die Sozialdemokratin Käthe Duncker referierte an diesem Tag zum Thema „Heraus mit dem Frauenwahlrecht“. Ab 1921 wurde der 8. März zum Internationalen Frauentag.

Der 1. Weltkrieg brachte eine Trübung des bisher bestehenden internationalistischen Gedankens, in dessen Folge die weitgefächerte Symbolkultur in den folgenden vierzig Jahren immer mehr an Bedeutung verlor. Insbesondere die Nationalsozialisten nutzten diesen Umstand: der sozialistische Schmied mutierte zum germanischen Übermenschen, an die Stelle der roten Nelke trat die Kornblume.

Nach 1945 lebte die vormals reiche Symbolsprache nur eingeschränkt wieder auf. Die deutsche Sozialdemokratie, wie auch die Sozialistische Internationale stellten immer öfter die Rose an die Stelle der Nelke. In Ostdeutschland wurde bei Aufmärschen oder beispielsweise beim Gedenken an die 1919 ermordeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die rote Nelke zum Begleitgegenstand der Massen. In der westdeutschen Arbeiterbewegung verkümmerte die Nutzung der roten Nelke mehr und mehr zu einem symbolhaften Ritual. Immer noch tauchte die Blume auf Plakaten sozialdemokratischer und kommunistischer Parteien, wie auch der Gewerkschaften auf. Zu nennen sind hier als Beispiele die Plakate des DGB zum 1. Mai, wie auch das DGB-Plakat zum Antikriegstag, auf dem eine rote Nelke aus einer zerbrochenen Bombe wächst.

Auf dem 9. Bundeskongress des DGB 1972 wurde dann dem Antrag „Auf den Verkauf der Maiabzeichen wird künftig verzichtet“ entsprochen. In dessen Begründung hieß es:

Der Verkauf von Maiabzeichen ist nicht mehr zeitgemäß. Es ist sehr schwer, Käufer zu finden. Wenn Abzeichen dennoch gekauft werden, dann zumeist nur aus Gefälligkeit dem Verkaufenden gegenüber. Die nicht verkauften Abzeichen belasten die Kassen der Einzelgewerkschaften. Getragen werden die Abzeichen ohnehin kaum noch.

Bereits auf dem Folgekongress 1975 wurde der Beschluss wieder zurückgenommen, weil die Finanzierung für Durchführung regionaler Veranstaltungen zum 1. Mai stark auf diesem Verkauf basiere. Somit bleibt weiterhin gesichert, dass im März/ April eines jeden Jahres Gewerkschafter zum Verkauf der roten Nelken die Arbeitnehmer_innen an ihren Arbeitsplätzen besuchen.

International bekam die rote Nelke 1974 neue Bedeutung, als in einem Aufstand junge Soldaten in Portugal die älteste Diktatur Europas stürzten. Ihre Gewehre wurden von der Zivilbevölkerung mit roten Nelken geschmückt und der Aufstand wurde in Folge die Nelkenrevolution, „Revolução dos Cravos“ genannt. Mit ihren freiheitlich-sozialistischen Idealen stellten sie sich in die Traditionslinie der kämpferischen Tradition von 1890.

Archiv der sozialen Demokratie

Kontakt
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Erinnerungsort "Rote Nelke"

„Es glühen rote Nelken, Freiheitssonnen entstammt, Es lodern rote Gluten, Die Freiheitssehnsucht flammt… Er naht der Tag der Tage, Der Freiheit Banner fliegt – Weitauf, Weitauf, die Herzen, die rote Nelke siegt!" weiter

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    24.09.2020 - 10:38

    RT @wende_die : Am 27.9 spürt eine digitale Matinée der Vereinigung der beiden sozialdemokratischen Schwesterparteien in Ost und West nach -…
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    24.09.2020 - 08:50

    Atom vs. Kohle? Schon 1988 erkennt die Kommission für Energie- und Umweltpolitik der @SPDde: „Der Verzicht auf Kern… https://t.co/CaH074l5Fz
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Erinnerungsort "1. Mai"

Der Doppelcharakter des Maifeiertags als Kampf- und Festtag, als Abbildung der Situation der Proletarier und als Manifestation der Erwartung an eine sozialistische Zukunft – war zweifellos der Grund für den beispiellosen Siegeszug des internationalen Festtags, auch wenn die zentrale Forderung des Achtstundentags nur zögerlich und national sehr unterschiedlich verwirklicht wurde. weiter

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