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Otto Wels

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Internationale Gewerkschaftsarbeit - Der Coca-Cola Boykott 1979

Der Kampf der Mitglieder des Sindicato de Trabajadores de Embotelladora Guatemalteca Coca-Cola (STEGAC) für ihre gewerkschaftlichen Rechte ist in zweifacher Hinsicht ein bedeutendes Ereignis: zum einen, weil die Beschäftigten trotz jahrelanger brutaler Unterdrückung bis hin zu Folter und Mord nicht aufgaben, zum anderen, weil es nach zähen Verhandlungen und einer weltweiten Solidaritätskampagne zum ersten Mal zu einem Vertrag zwischen einem internationalen Gewerkschaftsverband und einem multinationalen Konzern kam.

Der Coca-Cola-Abfüllbetrieb Embotelladora Guatemalteca S. A. (EGSA) in Guatemala-City wurde seit 1956 durch den gewerkschaftsfeindlichen Lizenznehmer John Clinton Trotter, einem texanischen Rechtsanwalt, geführt. Trotter pflegte enge Verbindungen zur Militärregierung, der Betrieb wurde durch Militär- und Polizeikräfte sowie durch paramilitärische Sicherheitsdienste kontrolliert.

1968 gab es erste Versuche in der EGSA eine Gewerkschaft zu gründen. Nachdem jedoch César Barillas, ein EGSA-Arbeiter und Mit-Initiator dieser Bewegung, verschleppt, gefoltert und getötet wurde, kamen die Versuche zum Erliegen.

Erst im Oktober 1975 gründeten die EGSA-Beschäftigten wieder eine gewerkschaftliche Organisation. Daraufhin ließ Trotter im März 1976 Arbeiter aus einer anderen Region herbeibringen und bewaffnen, um die Gewerkschaft zu zerschlagen. Aus Protest veranstalteten die Beschäftigten einen Sitzstreik, der durch die Polizei aufgelöst wurde. Am nächsten Tag wurden 154 Arbeiter entlassen, der Konflikt verschärfte sich. Nach zwei Wochen veranlasste das Arbeitsministerium die Wiedereinstellung der Entlassenen. Die Gewerkschaft wurde von der Regierung anerkannt, nicht aber von Trotter, der Verhandlungen über einen Tarifvertrag verweigerte.

Erst im Februar 1978 kam es - nach Intervention kirchlicher Gruppen, die Coca-Cola-Aktien erworben hatten, bei der Coca-Cola-Konzernleitung - zum Abschluss eines Tarifvertrags zwischen der EGSA-Geschäftsleitung und der Gewerkschaft.

Nach dem Regierungsantritt von General Romeo Lucas Garcia im Juli 1978 verschärfte sich die gewaltsame Unterdrückung der demokratischen Opposition, es kam zu Ermordungen durch rechtsradikale Todeskommandos. Auch EGSA-Gewerkschaftsmitglieder wurden mit dem Tode bedroht und ermordet.

Die Liste der Gewalttaten und Morde ist erschreckend lang: Am 12. Dezember 1978 wurde der Finanzsekretär der Gewerkschaft, Pedro Quevedo y Quevedo, nach vorangegangenen Drohungen erschossen. Der Generalsekretär der Gewerkschaft, Israel Márquez, floh nach ähnlichen Drohungen und Mordversuchen im März 1979 ins Ausland. Am 5. April 1979 wurde der neue Generalsekretär, Manuel López Balan, niedergeschlagen und erstochen.

Die EGSA-Beschäftigten reagierten mit örtlichen Boykottaktionen und Protestdemonstrationen gegen den Betrieb. Mitgliedsverbände der Internationalen Union der Lebensmittel-, Landwirtschafts-, Hotel-, Restaurant-, Catering-, Tabak- und anverwandter Arbeitnehmerverbände (IUL) wurden um Unterstützung der EGSA-Beschäftigten gebeten. Der Generalsekretär der IUL nahm an einer Mission von Amnesty International nach Guatemala teil, die die Situation der Menschen- und Gewerkschaftsrechte untersuchen sollte. Auch wurde die Coca-Cola-Unternehmensleitung über die Gewalttaten und Morde bei der EGSA informiert und zum Handeln aufgefordert. Diese lehnte jedoch ein Eingreifen ab, da sie sich nicht für die Arbeitsbedingungen bei ihren Lizenznehmern verantwortlich sah. Währenddessen kam es zu weiteren Drohungen und Gewalttaten.

Daraufhin veröffentlichte die IUL im Dezember 1979 einen Aufruf zum Tourismusboykott gegen Guatemala und startete am 1. Februar 1980 eine internationale Solidaritätskampagne mit Verbraucherboykott, Produktionsstopps und internationaler Berichterstattung.

Es folgten u.a. Verbraucher- und Verkaufsboykotte in Dänemark und Norwegen, Arbeitsniederlegungen in Australien, ein dreitägiger Produktions- und Vertriebsstopp in Finnland, Konsumentenboykott in Neuseeland und zahlreiche Protestbriefe an die Coca-Cola-Geschäftsführung.

Der wirtschaftliche Schaden für das Unternehmen war zwar eher klein, der Imageschaden jedoch beträchtlich und führte dazu, dass Coca-Cola zunehmend unter Druck geriet und verhandlungsbereit wurde. Es wurde nach einem neuen Lizenznehmer für die EGSA gesucht, Trotter trat als Geschäftsführer zurück, die Zustände bei der EGSA änderten sich jedoch nicht. Daraufhin rief die IUL zu einer Verschärfung der Boykott-Aktionen auf.

Gleichzeitig zu den Verhandlungen zwischen Coca-Cola und der IUL gingen die Verbrechen weiter:

Am 15. Februar 1980 wurde der EGSA-Arbeiter Armando Osorio Sánchez in der Fabrik gekidnappt und getötet.

Am 1.Mai 1980 wurden fünf EGSA-Beschäftigte verschleppt, zwei von ihnen später tot aufgefunden.

Am 16. Mai 1980 wurde Efraín Zamora Aroche getötet.

Am 27. Mai 1980 wurde der neue Generalsekretär der Gewerkschaft, Marlon Mendizábal, erschossen, als er nach Arbeitsschluss nahe der Firma auf einen Autobus wartete. Dem war bereits ein Entführungsversuch am 5. Juli 1979 vorausgegangen.

Am 20. Juni 1980 wurde Edgar René Aldana Pellecer vor den Augen der Arbeiter und der als Sicherheitsdienst eingesetzten Militärpolizei auf dem Fabrikgelände erschossen.

Am 21. Juni 1980 wurden 27 guatemaltekische Gewerkschaftsfunktionäre, zwei davon von der EGSA, verschleppt - sie sind seitdem verschollen und gelten als tot.

Am 23. Juni 1980 streikten die EGSA-Arbeiter aus Protest gegen die Entführung.

Am 28. Juni 1980 schoss die Polizei auf das Betriebsgelände und verletzte zwei Arbeiter.

Am 1. Juli 1980 schlugen schwerbewaffnete, von der Unternehmensleitung beauftragte Polizisten den Streik nieder, zwei Gewerkschaftsmitglieder wurden entführt und gelten als tot.

Kurz darauf trafen sich Vertreter von Coca-Cola und der IUL an ihrem Sitz in Genf zu Verhandlungen. Der Konzern legte mehrere Vorschläge zur Lösung des Konflikts vor, es kam zu einer Einigung. Die IUL rief daraufhin ihre Mitgliedsverbände dazu auf, keine zusätzlichen Aktionen mehr zu beginnen. Im September 1980 wechselte Coca-Cola den Lizenznehmer für die EGSA, es blieb jedoch die Forderung nach gewerkschaftlicher Anerkennung und dem Abschluss eines Tarifvertrages. Weitere Verhandlungen folgten.

Nachdem Vertreter der neuen Unternehmensleitung und der EGSA-Gewerkschaft am 20. Dezember 1980 den neuen Tarifvertrag unterzeichnet und am 20. Januar 1981 das IUL-Sekretariat eine Kopie davon erhalten hatte, wurde die Kampagne gegen den Coca-Cola-Konzern offiziell für erfolgreich beendet erklärt.

Inhalte des Tarifvertrages:

- Die Betriebsgewerkschaft STEGAC wird als legitime Gewerkschaftsvertretung im EGSA-Abfüllbetrieb anerkannt.

- Eine von der EGSA-Geschäftsführung erzwungene Gegengewerkschaft wird aufgelöst.

- Alle wegen gewerkschaftlicher Aktivitäten entlassenen Arbeitnehmer werden wieder eingestellt.

- Polizei und paramilitärische Einheiten werden vom Betriebsgelände abgezogen.

- Die Familien der ermordeten EGSA-Arbeiter werden finanziell unterstützt.

- Lohnerhöhungen.

- Kündigungsschutz für Gewerkschaftsvertreter.

- Freie bezahlte Zeit für Gewerkschaftsarbeit.

- Anschlagtafeln und Gewerkschaftsbüros auf dem Betriebsgelände.

- Dem Geschäftsführer Trotters wird die Lizenz entzogen.

- Das unter Trotter arbeitende Direktionspersonal wird entlassen.

- Die neue Geschäftsleitung der EGSA wird dem Coca-Cola-Hauptsitz in Atlanta unterstellt.

Die STEGAC wurde zum Symbol für gewerkschaftliche Stärke und Überlebenswillen. Doch die Freude über den Erfolg hielt nicht lange an. Drei Jahre später, im Februar 1984, wurde mit fragwürdiger Begründung überraschend die EGSA geschlossen, die komplette Belegschaft mit sofortiger Wirkung entlassen. Diese besetzte daraufhin das Fabrikgelände, es begannen erneut Repressionen und Bedrohungen gegen die Arbeiter und ihre Familien, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie 1980. Dank der massiven internationalen Unterstützung durch die IUL und der ihr angeschlossenen Verbände, weiterer guatemaltekischer Gewerkschaften sowie kirchlicher Organisationen konnte nach annähernd einem Jahr dieser Konflikt gelöst werden. Die Gewerkschaften wehren sich jedoch bis in die Gegenwart weltweit gegen Angriffe u.a. von Coca-Cola auf die Rechte von Arbeitnehmer_innen.

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