Geschichte

Von der Heimarbeit ins Homeoffice – eine Foto-Labour-Story

Homeoffice ist derzeit der politische Lösungsansatz, um die Ausbreitung von Covid-19 durch social-distance am Arbeitsplatz zu minimieren. Berufliche Biotope werden aufgelöst, um unkompliziert Distanz zu den Mitmenschen einzuhalten und um Eltern Sorgearbeit und Home-Schooling zu ermöglichen. Homeoffice ist für viele Arbeitnehmer_innen längst eingeübte Praxis, eine Studie aus 2019 ergab, dass bereits jeder achte Beschäftigte zumindest gelegentlich am heimischen Schreibtisch arbeitet, Experten schätzen, dass dies sogar bei vier von zehn Jobs möglich wäre.  
Die „kleine Geschichte der Heimarbeit“, von denen unsere Archivexponate erzählen, kennt aber auch den Januskopf der ökonomische Vereinnahmung des Privaten. Sie erzählt uns vor allem von erwerbstätigen Frauen, die auf der Grundlage von ökonomischen Zwängen und tradierten Rollenbildern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ins Zentrum ihres Alltags stellen. Einerseits handelt sie von Armut und Mehrfachbelastung durch gleichzeitige Sorge-, Haus- und Erwerbsarbeit. Andererseits handelt sie aber auch von emanzipatorischer Freiheit, individueller Lebensplanung und von Karrieren mit Kindern. 

An dieser Stelle wird ab 8. Juli 2020 wöchentlich in fünf Kapiteln die Geschichte der Heimarbeit durch eine Foto-Labour-Story erzählt. Ein Download der Ausstellung ist nach Veröffentlichung des letzten Kapitels möglich.

 

Käte Strobel in der Küche ihres Hauses in Nürnberg, 31.05.1961
Alles zum Wohle des Volkes - das schaffen wir! Plakat zum X. Parteitag der SED, 11.04.1981
Plakat „Humanisierung des Arbeitslebens: Der Mensch steht im Mittelpunkt“ von 1976
35 Stunden sind genug! Kampf um die Arbeitszeitverkürzung der Gewerkschaft HBV, ca. 1984
Postkarte zur Bundestagswahl 2013 - Zum Thema Flexibilisierung der Arbeitszeit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Heimarbeit Anfang 20. Jahrhundert
Computer-Heimarbeit
Heimarbeit als Hausarbeit

1. Begriffsgeschichte

In den 1980er-Jahren wurde eine Erwerbsform erfunden, die für die Einen das Heilmittel gegen den Verkehrsinfarkt der Großstädte und für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf darstellte und für die Anderen den Weg in die Vereinsamung und Deregulierung ebnete. Die Idee war dabei so einfach wie revolutionär: Wie wäre es, wenn Arbeitsplatz und Eigenheim eine Einheit bilden? Wenn man von Zuhause aus arbeitet? Wenn die Wertschöpfung von Unternehmen nicht mehr zentral an einem Ort, sondern dezentral in den Haushalten der Arbeitnehmer_innen erfolgt? 

Diese Überlegungen für breite Bereiche bezahlter Arbeit schienen damals so innovativ, dass man dafür einen Begriff prägte: „Telearbeit“. Mittlerweile wird seit 40 Jahren darüber gestritten. Heute ist die Kontroverse unter dem Namen „Homeoffice“ so aktuell wie selten zuvor. Die Corona-Pandemie zwingt viele Arbeitnehmer_innen den angestammten Arbeitsplatz mit dem heimischen Büro, oder was dem am nächsten kommt, zu tauschen. Die seitdem gemachten Erfahrungen erscheinen neu, sind aber eigentlich nur ungewohnt. Denn das Prinzip der Heimarbeit – ob Telearbeit, Homeoffice, Hausindustrie oder Heimgewerbe genannt – ist älter als die konventionelle Trennung zwischen Wohnung und Arbeitsstätte. Viele positive und negative Erfahrungen von Homeoffice sind seit 200 Jahren bekannt, wurden aber im Laufe der Zeit vergessen. Ein Grund ist der relativ häufige Wechsel der Bezeichnungen für Heimarbeit, der die Traditionslinie des Begriffs verwischt. „Jeder Epoche und Technologie ein neuer Begriff“ scheint eine Art Gesetzmäßigkeit dieser Erwerbsform zu sein. Deshalb fangen wir mit unserer Ausstellung hier an: bei den Begriffen. 


Am Anfang unserer kleinen Begriffsgeschichte steht: nichts.

Denn die Einheit von Haus und Gewerbe war der Normalfall. Spezielle Bezeichnungen für diese Bereiche einzuführen, war nicht notwendig, da es im Alltag der Menschen eine Unterscheidung zwischen Heim- und Arbeitsstätte nicht gab. 
Das ist ein typisches Beispiel für Kategorien, die für uns heute selbstverständlich erscheinen, aber erst durch die industrielle Produktionsweise eingeführt wurden. Weitere Beispiele werden in den kommenden Kapiteln vorgestellt. Eine Wiederkehr der Verbindung zwischen Heim und Gewerbe heißt daher auch die Infragestellung zentraler moderner Gewissheiten in der Arbeitswelt.

Seit 1800 verwendete man im Deutschen vermehrt den Begriff „Industrie“. Damit wurde jedoch nicht das Aufkommen eines neuen zentralisierten Produktionsstandorts bezeichnet, sondern eine besondere Form der Heimarbeit. Das entscheidende neue Kriterium für diese Produktionsform war die Massenproduktion für einen überregionalen Markt. Dabei war es irrelevant, ob zentral in einer Fabrik oder dezentral zuhause gearbeitet wurde. Damit unterschied sich diese Produktionsform in erster Linie vom traditionellen Handwerk und Kleingewerbe. Der Begriff „Hausindustrie“ ist das Resultat dieses Verständnisses: Als dezentralisierte Form der Industrie in Abgrenzung zu weiteren „klassischen“ Formen der Heimarbeit.

Zu Beginn des deutschen Fabrik- und Manufakturwesens der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschäftigte ein Unternehmer in der Regel Arbeiter_innen nicht ausschließlich in der Heimarbeit oder in Fertigungshallen. Oft bestand die Produktion aus einer Mischform von Hausindustrie und zentralisierter Produktion. Beispielsweise konnten bei der Weberei Teilarbeitsschritte wie das Färben oder die Appretur schneller mechanisiert werden als andere, die daher weiterhin in Heimarbeit erledigt wurden. Dies ist auch der Grund, weshalb Karl Marx in seinen frühen Schriften die Heimarbeit noch als dezentralisierte Variante der Manufaktur begriff und in dem Aufstand der schlesischen Weberinnen und Weber 1844 ein Indiz für die Existenz eines deutschen Proletariats sah. Diese Heimarbeiter_innen galten als Fabrikarbeiter_innen.

Enge Mischformen aus zentralisierter und dezentralisierter Fabrikarbeit waren vor allem in stadtnahen Gebieten üblich. Folglich bildete sich dort das frühe Proletariat. Allerdings handelte es sich bei der Heimarbeit zum großen Teil um ein ländliches Phänomen, welches sich dort bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts hielt. Bei der Massenproduktion für den überlokalen Markt ergaben sich hier jedoch logistische Probleme: Wie sollte eine Weberin in Schlesien an einen Rohstoff wie Baumwolle gelangen, der in Übersee hergestellt worden war? Und wie sollten ihre Endprodukte zum Kunden in einer anderen Provinz transportiert werden? Die Lösung lag im sogenannten Verlagssystem.

Heimarbeiter_innen produzierten nicht für den freien Markt, sondern für einen speziellen Auftraggeber: den Verleger. Dafür sorgte dieser für den Transport zum Endabnehmer und stellte auch die Rohstoffe zur Verfügung, indem er sie den Heimarbeiter_innen „vorlegte“ (daher der Name). Im Gegensatz zu einem selbstständigen Handwerker war eine Weberin damit auf einen Auftraggeber beschränkt. Allerdings waren viele Heimarbeiter_innen im Besitz von Produktionsmitteln wie etwa Webstuhl oder Hammer. In der zeitgenössischen Analyse fiel beispielsweise Marxist_innen eine klare Einordnung der Heimarbeiter_innen als „Arbeiter“ schwer, obwohl die Heimarbeit massiv von kapitalistischen Dynamiken betroffen war. Denn die Doppelfunktion des Verlegers als Zulieferer und Abnehmer führte dazu, dass sich die Lohnarbeit zunehmend durchsetzte. Heimarbeiter_innen verkauften so de facto keine Waren mehr, sondern ihre Arbeitskraft. Sie waren vom Verleger ähnlich abhängig wie Arbeiter_innen in der Fabrik vom Fabrikanten.

Häufig wird in der Heimarbeit eine Art Vorläufer der Industriearbeit gesehen. Dabei bildeten sich mit der Heim- und Industriearbeit teilweise ergänzende, aber größtenteils parallel verlaufende Arbeitswelten heraus. Die mangelnde Unterscheidung zwischen den beiden Erwerbsformen hatte bis in die 1860er-Jahre ganz konkrete Folgen: Die Heimarbeit wurde von der allmählichen Regulierung der Fabrikarbeit nicht erfasst. Auch deshalb wurde ab dieser Zeit die Heimarbeit in deutlicher Abgrenzung zum Handwerk und zur Fabrikarbeit zunehmend in unserem heutigen Sinne verstanden.

 

Worin unterscheidet sich Heimarbeit von der Fabrikarbeit? „Der Sozialdemokrat“ gibt folgende Antwort: 

„In Wirklichkeit hat der in [Heimarbeit] beschäftigte Arbeiter nebst seinen Angehörigen sämmtliche Uebel der Fabrikindustrie zu ertragen, ohne deren Vorzüge und günstige Seiten.“

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann schrittweise der Niedergang der Heimarbeit. Waren 1850 noch zehn Prozent aller Beschäftigten in der Heimarbeit tätig, viel ihr Anteil 1900 auf 2,7 Prozent. Die Entwicklung führte zu einer Umdeutung des Begriffs: Nicht mehr bezahlte, sondern unbezahlte Arbeit wurde unter Heimarbeit bzw. Hausarbeit verstanden. Dieses Arbeitsverständnis wurde durch die Hausfrau personifiziert.

In den 1980er-Jahren wurde das Heim als Stätte bezahlter Arbeit wiederentdeckt. In der Heimarbeit sah man die Lösung der Energieproblematik im Zuge der vorangegangenen Ölkrisen, die die Debatten um Einsparungen im Rohstoffverbrauch verschärften. Dabei wurden vor allem Mütter als potentielle Zielgruppe dieser Erwerbsform bestimmt, um Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren zu können. Die Wiederentdeckung der Heimarbeit wurde maßgeblich durch die Verbreitung des Computers ermöglicht. Daher musste auch ein neuer Name gefunden werden: Telearbeit. Die wortwörtliche Übersetzung des ersten Begriffsteils von „Telearbeit“ weist auch auf den spezifischen Umstand hin: tēle ist Altgriechisch und bedeutet „fern“. Die Heimarbeit als Fernarbeit: Treffender lässt sich der Wandel der Arbeitswelt seit der Industrialisierung wohl kaum ausdrücken.

Im Zuge der Corona-Pandemie ist vor allem von Homeoffice die Rede. Hierbei handelt es sich in erster Linie erneut um eine räumliche Beschreibung: das häusliche Arbeitszimmer. Im Unterschied dazu wird bei Heimarbeit der Fokus auf die zuhause ausgeführte Tätigkeit gelegt. Diese unterschiedliche Akzentsetzung beschreibt eine zentrale Veränderung: Wurde früher eine physische Tätigkeit zuhause ausgeübt, sind heute höherqualifizierte Tätigkeiten gemeint, die in den Wohnungen der Arbeitnehmer_innen stattfinden sollen. Aber statt von der „Telearbeit zu Hause“ hat sich der Begriff Homeoffice etabliert. 

2. Heimarbeit ist weiblich

Ende des 19. Jahrhunderts waren lediglich 20 % der Erwerbstätigen weiblich. Sie machten aber 45 % der in Heimarbeit Beschäftigten aus. Zur Jahrhundertwende sollte die Zahl der Frauen in Heimarbeit nochmals ansteigen. Dennoch brachte die fortschreitende Industrieproduktion eine Verdrängung der Manufakturen und damit heimischer Produktionen mit sich. Mit der zunehmenden Ausweitung des globalen Handels und mit der Professionalisierung der Industrieverwaltungen im 20. Jahrhundert entstanden neue Berufe, die nun vermehrt auch Frauen offenstanden. Klassiker, wie Telefonistin, Stenotypistin oder Sekretärin boten Frauen aus dem Arbeitermilieu Chancen, sich aus prekärer Heimarbeit zu befreien. Der Großteil erwerbstätiger Frauen gab allerdings nach einer Eheschließung den Beruf wieder auf und widmete sich allein der Haus- und Sorgearbeit. Einem geringen Prozentsatz der Frauen wurde sogar ein Universitätsstudium möglich.
In Deutschland blieb das Familienmodell des männlichen Alleinernährers und der Hausfrau bis weit in die 1970er-Jahre maßgeblich und wirkt bis heute in den deutschen Sozialversicherungen nach.
Heute sind Heimwerkstätten und Heimarbeit in westlichen Industriegesellschaften kaum noch zu finden, sehr wohl aber in Ländern der ärmsten Gesellschaften des globalen Südens. Der Großteil der Beschäftigten hier sind Frauen.

 


Der Aufstand der Weber von 1844 schockierte die preußische Obrigkeit und warf für die breite Öffentlichkeit das erste Mal ein Licht auf die miserablen Lebensverhältnisse der Heimarbeitenden. Ein Großteil der im Textilbereich Arbeitenden waren Frauen. Sie bildeten die soziale Trägerschicht des Protests, sodass eigentlich von einem Weberinnenaufstand gesprochen werden muss. Der Weberaufstand war in Wahrheit ein Weberinnenaufstand. So wendete sich August Bebel in seinem Buch Die Frau und der Sozialismus auch im Besonderen den Textilarbeiterinnen zu, analysierte ihre Situation und entwickelte daraus seine politischen Ideen weiter:

„Die volle und ganze Lösung der Frauenfrage – worunter zu verstehen ist, daß die Frau dem Mann gegenüber nicht nur von Gesetzes wegen gleich steht, sondern auch ökonomisch frei und unabhängig von ihm und in geistiger Ausbildung ihm möglichst ebenbürtig sei – ist aber unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen ebenso unmöglich wie die Lösung der Arbeiterfrage, und so wird der Weg für die Lösung der Frauenfrage auch der Weg für die Lösung der Arbeiterfrage sein.“ (August Bebel: Die Frau und der Sozialismus, 10. Auflage, Stuttgart 1891, S. 5)

Der Erste Weltkrieg und die Inflation von 1923 erbrachten erneut erhebliche Armut. Ein zusätzliches Arbeitseinkommen von Frauen war notwendig, um das Überleben der Familie zu sichern. Da die Frauen mit der Erziehung der Kinder betraut waren, gingen viele der Heimarbeit nach. Heimarbeit, Hausarbeit und Sorgearbeit waren untrennbar miteinander verbunden.

Die weibliche Erwerbsarbeit war gesellschaftlich höchst umstritten. Da Frauen für die gleiche Arbeit schlechter als Männer entlohnt wurden, warf man insbesondere Heimarbeiterinnen Lohndrückerei vor. Das allgemein diskutierte Verbot von Frauenarbeit wurde mit der Befreiung von der Doppelbelastung Familie und Arbeit begründet. Sozialistischen Aktivistinnen, die das emanzipatorische Potential der Erwerbsarbeit von Frauen erkannten, wurde sogar seitens der eigenen Genossen Spaltungstendenzen in der Arbeiterbewegung unterstellt. Clara Zetkin formulierte bereits 1889:

„Die Thätigkeit der Frau ward von einer ersparenden zu einer erwerbenden, die Frau selbst erhielt damit aber die Fähigkeit, auch ohne den Mann zu leben, sie gab der Frau zum ersten Male die Fähigkeit eines vollständig selbstständigen Lebens“. (Clara Zetkin: Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart, Berlin 1889, S. 9)

 

 

Kranken- und Säuglingspflege zählten ebenfalls zu den klassischen Frauenberufen. Weil oft Geld für längere Aufenthalte in Hospitälern fehlte, war der Hausbesuch der Hebamme oder der Krankenschwester stetiger Teil der häuslichen Umgebung. Im Nationalsozialismus wurde die Krankenpflege ideologisch aufgeladen. Die aufopferungsvolle Schwester und Mutter entsprach dem nationalsozialistischen Frauenbild. Ihnen wurden die bürgerlichen Eigenschaften des Dienens, der Emotionalität und des Gehorsams zugeschrieben. Gleichzeitig dominierten Biologismus und Rassismus die medizinischen Lehren.

 

 

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg leisteten Frauen erhebliche Aufbauarbeit, auch in klassischen Männerdomänen. Ab 1950 sank dann sukzessive die Erwerbstätigkeit von Frauen wieder. Der Staat förderte ein konservatives Ehe- und Familienmodell. Durch Ehegattensplitting, Kindergeld, Mutterschutz und erweitertes Scheidungsrecht wurde die sogenannte Hausfrauenehe gesellschaftlich und rechtlich gestärkt. Frauen durften zwar ab 1958 auch ohne die Zustimmung des Mannes erwerbstätig sein, allerdings nur, wenn dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war.

Das Bild zeigt die SPD-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitsministerin der großen Koalition (1966-1969) Käte Strobel in ihrer privaten Küche. Zum Zwecke der Eigenwerbung begab sich selbst eine Bundesministerin in die Rolle der Hausfrau.

 

 

 

In der DDR knüpfte man zumindest formal an die feministische Tradition des Sozialismus an und propagierte die Gleichstellung der Frauen in der Arbeitswelt. Das Frauenbild der tüchtigen und vor allem arbeitenden Genossin wurde hochgehalten. Der Anteil berufstätiger Frauen in der DDR war einer der höchsten der Welt. 1986 waren 91,3 % der Frauen berufstätig. Dennoch arbeiteten sie in der Regel in frauentypischen Berufen und nur selten in Männerdomänen. Haushalt und Erziehung lagen weitgehend in den Händen der Frau. So blieb die Gleichberechtigung auf bestimmte Bereiche beschränkt. Um Müttern die Berufstätigkeit im Sozialismus der DDR zu ermöglichen, gab es eine gut ausgebaute Kinderbetreuung.

Die progressiven Sozial- und Rechtsreformen der 1960er- und 1970er-Jahre erbrachten in Westdeutschland für Frauen wichtige Wegmarken der Gleichberechtigung. Der Bildungsboom und der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft eröffneten den Frauen ein weites Feld neuer beruflicher Perspektiven. Zwischen 1970 und 1989 stieg der Anteil der Frauen im Dienstleistungsbereich, in Handel, Banken, Versicherungen und im öffentlichen Dienst um ca. 30 %. Auch wurden Teilzeitmodelle entwickelt und erste Telearbeitsplätze eingerichtet, um insbesondere Müttern die Berufstätigkeit zu erleichtern. In der Sozialwissenschaft werden Teilzeitmodelle mittlerweile kritisch hinterfragt. Mit diesen Angeboten würde lediglich eine „Modernisierung des männlichen Versorgermodells vorgenommen“. Die Hauptlast der Haus- und Sorgearbeit liegt weiterhin bei den Frauen. In Bezug auf die Karriere- und Verdienstchancen und die soziale Absicherung im Alter bleiben Arbeitnehmerinnen in Teilzeit weiterhin stark benachteiligt.

Während in westlichen Ländern die Produktion seit dem Ende des 20. Jahrhunderts in der Regel kaum noch in Heimarbeit stattfindet, wird sie noch immer in vielen Ländern des Globalen Südens praktiziert. Allein auf den Philippinen gab es in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre zwei Millionen Heimarbeitende, darunter auch Kinder. Heimarbeit ist hier ähnlich prekär wie in vorindustriellen Zeiten des Westens und nicht mit sozialer Absicherung verbunden. Die Heimarbeit des Globalen Südens ist weiblich. So beträgt beispielsweise auf den Philippinen der Frauenanteil unter den zwei Millionen Heimarbeitenden 79 %.

Telearbeit und Homeoffice gelten seit den 1990er-Jahren immer noch bei vielen berufstätigen Frauen als eine gute Möglichkeit, Beruf und Sorgearbeit zu verbinden. Einige kulturelle Vorzeichen haben sich jedoch verändert: das männliche Alleinverdienermodell gilt gesellschaftlich als überholt und viele Eltern möchten sich im Idealfall Haus-, Sorge- und Erwerbsarbeit paritätisch aufteilen. Nicht allein die Covid-19-Pandemie, sondern auch der gesellschaftliche Diskurs um die Herstellung beruflicher Gehalts- und Chancengleichheit in allen Branchen und Tätigkeitsfeldern wird mit einem kritischen Blick auf tradierte Familien- und Rollenbilder verbunden. Die Diskussionen zielen auf einen weiteren Modernisierungsschub: die Vereinbarkeit von Karriere und Familie bei unbedingter Gleichbehandlung aller Geschlechter in der Arbeitswelt – auch in der heimischen.

3. Heimarbeit, Homeoffice und Arbeitszeit

Mit Beginn der Industrialisierung setzte sich ein kapitalistisches Zeitverständnis durch, das von Effizienz und Produktivität bestimmt war. In der Industrieproduktion verkauften die Belegschaften den Unternehmern ihre Arbeitskraft für eine gewisse Stundenzahl pro Tag. Die Kontrolle über die Zeit und ihre Erfassung behielten sich die Fabrikanten vor. So war den Beschäftigten Ende des 19. Jahrhunderts das Tragen von Uhren in der Fabrik verboten. Nur die zentrale Uhr in der Fertigungshalle sollte als Richtschnur gelten. Nicht selten wurde durch Manipulation des Zeitmessers den Arbeiterinnen und Arbeitern unbezahlte Mehrarbeit abverlangt. Die sozialen Proteste und großen Streiks der Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts drehten sich nicht nur vornehmlich um die Entlohnung, sondern auch um die Arbeitszeitverkürzung. Der britische Sozialreformer Robert Owen prägte bereits 1810 den Slogan: „Acht Stunden Arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung“.
Diese Arbeitskämpfe erfassten jedoch nicht die Heimarbeit. Die Zeiteinteilung erfolgte nach den Regeln einer scheinbaren Selbstständigkeit: eigenverantwortlich, aber auch ohne Schutz durch Betriebsvereinbarungen, gewerkschaftliche Vertretungen oder gar die Rechtsprechung.
Auch heute warnen die Gewerkschaften vor den Folgen einer deregulierten Arbeitszeit im Homeoffice. Betriebliche Maßnahmen zur Einhaltung der Arbeitszeiten – auch gewährleistet durch Dienstpläne, Maschinenzeiten, Öffnungszeiten etc. – drohen am heimischen Schreibtisch zu verschwinden.
Das folgende Kapitel erzählt deshalb von dem speziellen Verhältnis der Heimarbeit zur Arbeitszeit.

 


Heimarbeitende waren gar nicht oder nur dezentral organisiert, auch zu anderen Heimarbeitenden bestand nur ein eingeschränkter Kontakt. Bereits Karl Marx beobachtete eine „Zersplitterung“ dieser Proletariergruppe. Durch die fehlende Organisierung in Gewerk- und Gesellenvereinen, später dann in schlagkräftigen Gewerkschaften, verbesserten sich die Arbeitsbedingungen in der Heimarbeit auch mit dem Übergang ins 20. Jahrhundert nicht. So wird berichtet, dass in der hausindustriellen sächsischen Handweberei ein 14-15-stündiger Arbeitstag vorherrschte, während in den Fabriken desselben Gewerbes elf bis zwölf Stunden, mit einstündiger Mittagspause und Bezahlung bei Überstunden, die Regel waren.

Die Industrialisierung hatte für die meisten Berufe eine Trennung des Arbeitsplatzes von der Wohnstätte zur Folge. Da die Industrieunternehmen als Organisationsform auf zeitlich abgestimmte bzw. zeitgleiche Arbeit der Beschäftigten angewiesen war, wurde kulturell, begrifflich und rechtlich auch die Arbeitszeit von der Freizeit klar abgegrenzt. Die Verankerung des „8-Stunden-Tags“ bei vollem Lohnausgleich und inklusive Arbeitspausen gilt als eine der großen politischen Errungenschaften der Gewerkschaften und ist heute in den Tarifverträgen fast aller Wirtschaftszweige festgeschrieben. Für die klassische „Heimarbeit“ gilt dies bis heute nicht. Im § 11 des bundesdeutschen Heimarbeitsgesetzes wird der Auftraggeber lediglich angehalten: „Die Arbeitsmenge ist so zu bemessen, dass sie durch eine vollwertige Arbeitskraft ohne Hilfskräfte in der für vergleichbare Betriebsarbeiter üblichen Arbeitszeit bewältigt werden kann“.

Menschen in Heimarbeit hatten im Gegensatz zu den Fabrikbelegschaften die Verfügungsgewalt über die eigene Zeit. Dies hieß aber nicht, dass sie völlig frei arbeiten konnten. Wie in der Manufaktur üblich, wurde Heimarbeit in der Fertigung mit Stücklohn bezahlt. Da der Preis für die Waren oft variierte, mussten die Arbeitsstunden täglich der Höhe des Verdienstes angepasst werden. Die Qualitätsstandards der Produkte sowie das Auftragsvolumen wurden seitens der Verleger vorgegeben, ohne den Zeitfaktor der Leistung zu berücksichtigen. Durch maschinelle Konkurrenz sank der Stückpreis mitunter so stark, dass sich die Heimarbeitenden auf einen ruinösen Wettbewerb einlassen mussten. In der häuslichen Produktion arbeiteten viele Familien bis zur Erschöpfung, um das Auskommen zu sichern.

Obwohl mit dem technischen Fortschritt, der Robotik und der Computerisierung spätestens seit den 1970er-Jahren das Ende der Schwerstarbeit in der Industrieproduktion einherging und der Dienstleistungssektor eine erhebliche Ausweitung erfuhr, verschwand die politische Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit nicht.Die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) stellte 1984 auch für Computerarbeitsplätze fest: 35 Stunden sind genug! Erste Studien belegen, dass Homeoffice zu einer zeitlichen Entgrenzung der Arbeit führt. Laut einer Umfrage der Krankenkasse AOK aus 2019 beträgt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit im Homeoffice 40,8 Stunden. Im Unterschied dazu liegt die Wochenarbeitszeit der ausschließlich im Betrieb Arbeitenden bei 35,1 Stunden.

Das Homeoffice während der Covid-19-Pandemie bedeutet für viele Menschen eine erhebliche Ausdehnung ihrer Autonomie in der Arbeit; besonders bezüglich der Zeitplanung. So hilft das Arbeiten von Zuhause bei der Koordinierung von Arbeits- und Privatleben. Einige Arbeitnehmer_innen erledigen im Homeoffice private Dinge, ohne starre Kernarbeitszeiten einhalten zu müssen. Sie suchen sich alternative Zeiträume für ungestörtes Arbeiten, auch in den Abendstunden und am Wochenende. Eine Folge dieser Autonomie ist aber auch, dass nicht mehr primär die Arbeitszeit, sondern die Arbeitsergebnisse für die Bewertung der Arbeitsleistung herangezogen werden können. „Gute Arbeit“ im Homeoffice kann nur entstehen, wenn Führungskräfte genau abwägen, ob die Arbeitsaufgaben auch in den betrieblich vereinbarten Arbeitszeiten zu leisten sind.

4. Leben und Arbeiten im privaten Raum

„Der Kapitalist zahlt den Wert [...] der Arbeitskraft und erhält im Austausch die Verfügung über die lebendige Arbeitskraft selbst.“ Mit dieser Aussage von Karl Marx kann man die Vorgänge innerhalb eines Betriebs beschreiben. Bei näherem Hinsehen merkt man jedoch, dass das Unternehmen viel mehr ist als bloßer Austausch von Arbeitskraft und Geld. Für viele Menschen ist der Betrieb ein sozialer und politischer Ort, der zudem das Arbeiten unter angemessenen Bedingungen garantiert. Diese Errungenschaften sind eng mit der räumlichen Dimension von Arbeit verknüpft. Erst wenn man die Vorteile von Präsenzarbeit in den Unternehmen aufzeigt, kann man die Herausforderungen der Heimarbeit abschätzen.

Der Betrieb ist ein sozialer Ort. Ob beim Mittagessen in der Betriebskantine, bei gemeinsamer Projektarbeit oder beim Betriebssport: Überall treffen Menschen aufeinander und gehen soziale Beziehungen ein. Die soziale Identifikation mit der Arbeit kann mitunter so stark sein, dass Arbeitnehmer_innen nach ihrem Renteneintritt in eine Krise stürzen. Auf der anderen Seite hat ein gutes „Betriebsklima“ großen Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg des Arbeitgebers. Für den Betrieb ist die Präsenz der Arbeitnehmer_innen besonders wichtig. Das merken in erster Linie Menschen, die nicht daran partizipieren können. Informelle Runden wie das Kaffeetrinken in der Angestelltenküche wirken nachweisbar positiv. Heimarbeit steht dieser Kultur diametral entgegen.

Der Betrieb ist ein politischer Ort. Am deutlichsten wird das wohl bei Streiks, in denen Arbeiter_innen kollektiv ihre Tätigkeiten niederlegen. Die politische Dimension des Betriebs zeigt sich aber nicht nur in Tarifauseinandersetzungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmen. Auch in den Unternehmen gibt es demokratische Mitbestimmungsstrukturen. So werden die Aufsichtsräte in Aktiengesellschaften mit über 2.000 Arbeitnehmer_innen jeweils zu Hälfte mit Arbeitnehmervertreter_innen besetzt. Viele Firmen haben einen Betriebsrat, der von Beschäftigten gewählt wird. Der Betriebsrat hat Mitbestimmungsrechte in sozialen Angelegenheiten wie Arbeitszeitfragen und Mitwirkungsrechte, wenn wirtschaftliche Entscheidungen wie der Abbau von Arbeitsplätzen getroffen werden. Für die Durchsetzung der eigenen Interessen benötigen die Arbeitnehmer_innen ein Gefühl der Solidarität. Die „Vereinzelung“ im Homeoffice kann sich negativ auf die Organisierung in Gewerkschaften und Betriebsräten auswirken.

Seit den 1960er-Jahren war in der Arbeiter_innenschaft ein Wertewandel zu beobachten. Vorausgegangen war die Erkenntnis, dass der technische Fortschritt – anders als gedacht – nicht automatisch zu menschenfreundlicheren Arbeitsbedingungen führte. Für die organisierten Arbeitnehmer_innen waren deshalb nicht mehr nur Lohnsteigerungen von Bedeutung, sondern auch Verbesserungen am Arbeitsplatz. Unter dem Stichwort „Humanisierung des Arbeitslebens“ entwickelten sich in der Folge eine Reihe von Projekten und Initiativen, die unsere Anforderungen an die Arbeitsstätte bis heute prägen. So unterliegen beispielsweise Bildschirmarbeitsplätze genauen Vorschriften: von der Art der Beleuchtung bis hin zu Anforderungen an Bildschirmgeräte. Für die Sicherstellung der Arbeitsschutzstandards ist der Arbeitgeber verantwortlich – auch im Homeoffice. Dass dies oft nicht der Realität entspricht, haben viele Arbeitnehmer_innen während der Corona-Pandemie in der Heimarbeit erfahren.

Bei Videokonferenzen erhalten wir oft einen Blick in persönliche und intime Bereiche unserer Kolleg_innen. Die Wohnstätte als privater Rückzugsraum resultiert aber erst aus der räumlichen Trennung von Arbeiten und Wohnen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Wohnung für viele allmählich zu einem expliziten Raum der Nicht-Erwerbsarbeit. Arbeitsgeräte verschwanden und die Wohnstätte wurde ganz auf private Bedürfnisse zugeschnitten. Die Wiederkehr der Heimarbeit bedeutet eine Aufhebung dieser strikten räumlichen Trennung mit weitreichenden Folgen: Wie wird sich das Familienleben ändern, wenn Heimarbeit eine größere Bedeutung bekommt? Welche Auswirkungen auf die Eigenheime wird der Bedarf an Arbeitsräumen haben? Wird sich eine neue Auffassung von Privatheit durchsetzen? Unter anderem mit diesen Fragen beschäftigt sich der Blog: Corona & Care .

5. Heimarbeit und die moderne Plattformökonomie

Das Aufkommen des Homeoffice hat eine Renaissance der Heimarbeit ausgelöst. In den letzten Kapiteln wurden viele Parallelen zwischen dem modernen Homeoffice und der „klassischen“ Heimarbeit des 19. Jahrhunderts aufgezeigt. In einem zentralen Punkt unterscheiden sich allerdings die durch die Corona-Pandemie bedingten neuen Heimarbeiter_innen von denen der Industrialisierung: Während die alten Heimarbeiter_innen in der Regel einfachere oder handwerkliche Tätigkeiten ausübten, handelte es sich in den letzten Monaten um regulär angestellte und vielfach höher qualifizierte Beschäftigte, die (vorübergehend) ihren Arbeitsplatz in die eigene Wohnung verlegt haben. Aber auch das Zeitalter des „digitalen Kapitalismus“ schafft einfache Tätigkeiten, die keine umfangreichen beruflichen Qualifikationen erfordern und die von Zuhause ausgeübt werden können. Cloud- oder auch Crowdworking, Clickworking und Plattformökonomie sind die Stichworte. Hinzu kommt der stetig wachsende Dienstleistungssektor. Diese neuen Erwerbsformen weisen große Analogien zu der Heimarbeit des 19. Jahrhunderts auf.

Die computergetriebene Automation seit den 1950er-Jahren bis hin zur Erfindung des Internets in den 1990er-Jahren hat den Arbeitsmarkt fundamental verändert. Und es entstanden vollkommen neue Wirtschaftszweige wie die Gig Economy, in der ortsungebundene Plattformen Dienstleistungen vermitteln. Bei Lieferdienstleistungen von Foodora oder Uber handelt es sich nicht um Heimarbeit im eigentlichen Sinne, aber die Fahrer_innen tragen die finanziellen Risiken bei Unfällen und müssen sich selber versichern. Sie sind „freie Unternehmer_innen“ und verdienen häufig weniger als den ortsüblichen Mindestlohn. Der Verdacht der Scheinselbstständigkeit ist hier offenkundig. Diese Form der Ausbeutung durch scheinselbständige Arbeit ist in den letzten Jahren stark gewachsen.

Cloudwork bildet die zweite große Gruppe der Plattformökonomie. Hier werden ortsunabhängige Dienstleistungen von Arbeiter_innen Zuhause am Computer erbracht. Neben qualifizierten und angemessen bezahlten Dienstleistungen werden von den Plattformen „Mikrotasks“ vermittelt. Diese sind Kleinstaufgaben wie Produktbeschreibungen oder Übersetzungen, die von der Crowd in Akkordarbeit erledigt werden. Die Tätigkeiten sind standardisiert und die Heimarbeiter_innen beliebig austauschbar. Plattformen wie Amazon Mechanical Turk stehen weltweit eine quasi unerschöpfliche Quelle von Arbeitenden zur Verfügung. Gewerkschaften warnen daher vor einem globalisierten Qualitäts- und Preiskampf. Die Plattformen ähneln zwar Betrieben, aber die Plattformarbeiter_innen können sich wegen ihrer weltweiten Verteilung nur schwer organisieren. Und für welche Mindeststandards sollen sie gemeinsam kämpfen? Für den deutschen Mindestlohn? Oder für chinesische Arbeitsschutzrichtlinien? Die Probleme der Globalisierung werden hier offenkundig.

Das prekäre Clickworking von Zuhause weist einige Analogien zu Karl Marx’ Beschreibung der Hausindustrie im 19. Jahrhundert auf. Die „moderne Hausindustrie“, so Marx, sei nicht mehr handwerklich, sondern „das auswärtige Departement der Fabrik“. Das Kapital kommandiere nicht nur die Fabrikarbeiter_innen, sondern koordiniere durch „unsichtbare Fäden“ auch die Massen der zerstreuten Heimarbeiter_innen. Diese Koordinierung findet damals wie heute ohne konkrete Verfügungsgewalt über die Körper der Betroffenen statt. Amazon Mechanicle Turk („Menschen als Dienstleistungen“) industrialisiert die Kopfarbeit und die Clickworker sind Teil einer Maschinerie. Marx‘ Analyse der Heimarbeit ist hochaktuell, wenn er warnt, dass „die Widerstandsfähigkeit der Arbeiter mit ihrer Zersplitterung abnimmt“.

Der Vergleich zwischen der modernen Plattformökonomie und der Hausindustrie des 19. Jahrhunderts zeigt, dass viele Phänomene nicht neu und die damit verbundenen Probleme lösbar sind. Es gibt erste Anzeichen einer organisierten „globalisierten Arbeiterklasse“. So wird beispielsweise durch die Schaffung von Parallelplattformen versucht, die Machtasymmetrie zwischen Auftraggeber_in und Arbeiter_in aufzubrechen. Auf diesen Seiten können Heimarbeitende ihre Auftraggeber_innen bewerten und sich gegebenenfalls vor diesen warnen, was auf den eigentlichen Plattformen nicht vorgesehen ist. Ein weiterer Ansatz ist die Bereitstellung von Information und Beratung wie auf der Internetseite FairCrowdWork.org der IG Metall. Vorbildcharakter hat die Plattformgenossenschaft Smart aus Belgien, die sich um Versicherungsangelegenheiten, Fortbildung und Mindestvergütung der Arbeiter_innen kümmert. Auch das deutsche Recht bietet durch seine Regulierung von Tele- und Heimarbeit Möglichkeiten, Tarifverträge abzuschließen und Betriebsräte zu wählen. Die Heimarbeiter_innen sind nicht hilflos. Die Schaffung von „Guter Arbeit“ in diesem Bereich bleibt dennoch eine große Herausforderung. Damit endet unsere Online-Ausstellung zum Thema Heimarbeit. Das Wiederaufkommen dieser Erwerbsform mit all ihren Vor- und Nachteilen zeigt, in welch einem Umbruch sich die Arbeitswelt befindet. Die Chancen und Herausforderungen der Heimarbeit werden uns, gerade in Zeiten von Corona, noch lange beschäftigen. Dazu empfehlen wir den Podcast zur Geschichte der Heimarbeit in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern.

Einführende Literatur

Jutta Allendinger et. al.: 50 Jahre Geschlechtergerechtigkeit und Arbeitsmarkt. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 24–25/2008.

Margarete Affenzeller: Ab ins Homeoffice! Eine kleine Geschichte der Heimarbeit. Der Standard, 13.3.2020. URL: https://www.derstandard.de/story/2000115677755/ab-ins-homeoffice-eine-kleine-geschichte-der-heimarbeit [Letzter Aufruf: 7.7.2020].

Knut Andresen (Hg.) et. al.: Der Betrieb als sozialer und politischer Ort. Studien zu Praktiken und Diskursen in den Arbeitswelten des 20. Jahrhunderts, Bonn 2015.

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus, 62. Auflage, Berlin 1973, S. 243–267.

Ursula Bitzegeio: „Arbeitswelten 4.0“ im Spiegel euphorischer und skeptischer Implikationen. In: Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft, Heft 222.

DGB, eed, FES: 11 gute Gründe das IAO-Übereinkommen über Heimarbeit zu ratifizieren, 2005. URL: http://library.fes.de/pdf-files/iez/04307.pdf [Letzter Aufruf 7.7.2020].

Christine Gerber: Alte Herrschaft in digitalen Gewändern? Der Arbeitsprozess auf Crowdwork Plattformen. In: Marx und die Roboter, Berlin 2019.

Isabel Fannrich-Lautenschläger: Technik im Wandel. Deutschlandfunk, 5.3.2020. URL: https://www.deutschlandfunk.de/sozialgeschichte-technik-im-wandel.1148.de.html?dram:article_id=471839 [Letzter Aufruf: 7.7.2020].

Heinrich Koch: Die deutsche Hausindustrie, Mönchengladbach 1913.

Jürgen Kocka: Arbeitsverhältnisse und Arbeiterexistenzen. Grundlagen der Klassenbildung im 19. Jahrhundert, Bonn 1990.

Yvonne Lott: Weniger Arbeit, mehr Freizeit? Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Report Nr. 47, März 2019.

Stefan Lücking: Arbeiten in der Plattformökonomie. Über digitale Tagelöhner, algorithmisches Management und die Folgen für die Arbeitswelt, Hans-Böckler-Stiftung 2019.

Gisela Notz: Warum der Weberaufstand kein Weberinnenaufstand war: Über die Nachhaltigkeit eines gewerkschaftlichen Vorurteils aus den 1840er-Jahren. In: Bitzegeio, Ursula / Kruke, Anja / Woyke, Meik (Hrsg.): Solidargemeinschaft und Erinnerungskultur im 20. Jahrhundert, Bonn 2009, S. 97–117.

Michael Opielka: Familie und Beruf. Eine deutsche Geschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 22/2002.

Manfred Ronzheimer: Die Geschichte der Telearbeit. Tagesspiegel Background, 13.3.2020. URL: https://background.tagesspiegel.de/digitalisierung/die-geschichte-der-telearbeit [Letzter Aufruf: 7.7.2020].

Florian A. Schmidt: Arbeitsmärkte in der Plattformökonomie. Zur Funktionsweise und den Herausforderungen von Crowdwork und Gigwork, Bonn 2016.

Mario Seger: Alternierende Telearbeit – Flexible Grenzen. Charakter, Konditionen und Effekte eines modernisierenden Arbeitszeitmodells, Darmstadt 2005. URL: https://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de/535/1/ATFG2005.pdf [Letzter Aufruf: 7.7.2020].

Wilhelm Stieda: Die deutsche Hausindustrie, Leipzig 1889.

Laf Überland: Geschichte der Heimarbeit. DeutschlandRadio Berlin. URL: https://www.deutschlandradio.de/archiv/dlr/sendungen/merkmal/258089/index.html [Letzter Aufruf 7.7.2020].

Andrea Waltersbacher, Maia Maisuradze, Helmut Schröder: Arbeitszeit und Arbeitsort – (wie viel) Flexibilität ist gesund? Ergebnisse einer repräsentativen Befragung unter Erwerbstätigen zu mobiler Arbeit und gesundheitlichen Beschwerden, in: Fehlzeiten-Report 2019, Wissenschaftliches Institut der AOK, Berlin Heidelberg 2019.

Clara Zetkin: Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart, Berlin 1889.

nach oben