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03.06.2021

„Ein guter Anfang ist ein halber Erfolg“

Im Verein Make it German helfen Migrant_innen anderen Migrant_innen. FES-Stipendiat Mahmoud Almaghrabi engagiert sich hier und gibt im Interview Einblick.



FES: Der Verein Make it German e.V. ist gegründet worden, um für Geflüchtete und Menschen mit Migrationsgeschichte die „Hindernisse auf dem Weg zur Verwirklichung des Lebenstraums“ auszuräumen. Welche Hindernisse sind damit konkret gemeint? Mit welchen (Alltags-)Problemen haben Geflüchtete zu kämpfen?

Die größten Probleme sind die Sprachbarriere und die andersgeartete Gesetzgebung, aber auch die kulturellen Unterschiede. Genau da könnten wir eingreifen. Allein in den vergangenen vier Monaten haben wir über eine halbe Million Menschen erreicht, die Hilfe in ihrer Muttersprache erhalten haben. Davon sind 80 Prozent Menschen unter 30 Jahren.

Auf der einen Seite sind unsere ehrenamtlichen Mitglieder selbst Migrant_innen und können deshalb die Mentalität und den kulturellen Hintergrund dieser Menschen besser einschätzen und damit umgehen. Auf der anderen Seite können sie, anders als in anderen deutschen Beratungsstellen, nicht nur die Theorie erklären, sondern auch vieles aus eigenen gewonnenen Erfahrungen preisgeben.

Es ist nicht überraschend, wenn ich sage, dass es in Deutschland viel Bürokratie gibt, die viele Migrant_innen aus ihren Heimatländern gar nicht kennen. Das betrifft nicht nur den Besuch der Ausländerbehörde, sondern viele andere Alltagssituationen, wie die Wohnsuche, die Jobsuche oder die Bewerbung an einer Universität.

In den vergangenen vier Jahren haben mehr als 6.000 Menschen mit Migrationsgeschichte die Beratungsstelle von Make it German konsultiert. Was sagt diese Zahl aus? Warum suchen diese Menschen Hilfe bei Make it German?

Man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass sich hinter den Zahlen Menschen verbergen. In den vergangenen vier Jahren haben wir viele Geschichten erlebt, vor denen ich nur den Hut ziehen kann. Im Jahr 2016 hat Rama, die damals als Geflüchtete neu in Deutschland war, unsere Beratungsstelle angeschrieben. Sie brauchte Unterstützung bei den erforderlichen Unterlagen für die Bewerbung an der Uni. Heute studiert sie Medizintechnik im letzten Semester, leitet bei uns seit über einem Jahr das Social-Media-Team und ist selbst eine Mitgründerin eines anderen gemeinnützigen Vereins. Auch Anas, der gerade Zahnmedizin studiert und unser Artikelteam leitet, hat uns 2017 kontaktiert. Das sind nur zwei Beispiele von vielen.

Das ist der eigentliche Sinn der Sache. Wir wollen dieses Solidaritätskonzept und das „pay it for-ward“-Prinzip bei der Jugend verankern. Das bedeutet konkret: Dir wurde geholfen und du hilfst dann anderen. Es geht also nicht um ein „Zurückzahlen“, sondern um ein Weiterhelfen. Denn nur so können wir in einer offenen und kohäsiven Gesellschaft zusammenleben.

Wenn Sie fragen, warum die Menschen zu Make it German kommen, ist die Antwort einfach: Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem fremden Land, in dem Sie weder die Sprache noch die Regeln kennen. Sie sind von Millionen von Menschen umgeben, fühlen sich aber dennoch einsam und verloren. Wie schön wäre es zu wissen, dass jemand für Sie da ist? Jemand, der Ihre Sprache versteht, Ihren Hintergrund und Ihre Gefühle kennt. Wir bei Make it German bieten das.

Derzeit gibt es das Online-Projekt „Lass uns Deutsch sprechen“, mit dem Ziel, Menschen mit Migrationsgeschichte, die gerade Deutsch lernen, eine kostenlose Möglichkeit zu bieten, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Was hat euch zu diesem Projekt motiviert und welche persönlichen Erfahrungen hast du beim Deutschlernen gemacht?

Während der Coronapandemie mussten viele Sprachschulen schließen, die Menschen waren nur noch zuhause, wo sie sich wahrscheinlich in ihren Muttersprachen miteinander unterhielten. Das wollten wir verhindern, indem wir den Migrant_innen eine kostenlose Alternative angeboten haben, um an ihren Deutschkenntnissen zu arbeiten. Die Gruppen sind in verschiedenen Niveaus unterteilt und bestehen jeweils aus einem ehrenamtlichen Mitglied unseres Teams und neun Teil-nehmer_innen, die zusammen interessante Diskussionen durchführen. Insgesamt haben sich etwa 1.500 Menschen angemeldet.

Meine persönliche Erfahrung beim Deutschlernen? Nun, als ich neu in Deutschland war, wollte ich unbedingt die Sprache lernen. Denn das Medizinstudium wird nur auf Deutsch angeboten und ich hatte nur zehn Monate Zeit, um das Niveau des gemeinsamen europäischen Referenzrahmens C2 bzw. DSH 3, also die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang, zu erreichen, ansonsten hätte ich die Bewerbungsfrist verpasst und ein weiteres Jahr warten müssen. Deshalb habe ich während dieser Zeit alles, wirklich alles, auf Deutsch gemacht: Ich habe Filme auf Deutsch geschaut, deutsche Musik und deutsches Radio gehört…usw. Ich habe sogar oft fremde Leute im Park oder in den Bibliotheken angesprochen, um mein Konversationsniveau zu verbessern. So sind auch viele Freundschaften entstanden!

Studierende mit Flucht- und Migrationsgeschichte helfen sich gegenseitig – beschränkt sich das Angebot nur auf Studierende und wie setzt sich die Gruppe der Ratsuchenden zusammen?

Nein, ganz und gar nicht. Wir versuchen uns immer an den Bedürfnissen unserer Zielgruppe zu orientieren und gestalten Projekte und Angebote dementsprechend. Dies betrifft insbesondere die Ausbildung und den Arbeitsmarkt, aber auch Probleme mit der Ausländerbehörde, Anträge auf Einbürgerung, Hilfe beim Umschreiben von Führerscheinen, Hilfe bei der Steuererklärung - eben das Alltagsleben in Deutschland.

Sind die Universitäten in Deutschland auf Migrant_innen und deren Probleme vorbereitet? Welche Schwierigkeiten ergeben sich für Geflüchtete oder Studierende mit Migrationsgeschichte an deutschen Universitäten?

Ich glaube, dass sich die meisten ausländischen Studierenden gerade im ersten Semester schwertun, weil sie die gleichen Leistungen wie ihre deutschen Kommiliton_innen erbringen müssen, die aufgrund der Sprache im Vorteil sind. Aber mit jedem Semester wird es einfacher. Am Anfang muss man Gas geben, das ist die Grundvoraussetzung. Denn: Ein guter Anfang ist ein halber Erfolg. Und das ist übrigens unser Motto bei Make it German e.V.
 

Zum Thema Deutschsprachförderung organisieren die FES und der Bundesverband der AWO am 24.06. die digitale Fachtagung "Lost in Corona? Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Pandemie für die Deutschsprachförderung im Rahmen des 'Gesamtprogramms Sprache'"?. Mehr Informationen dazu hier.

 

Mahmoud Almaghrabi

wurde 1997 in Syrien geboren. 2015 begann er in Damaskus ein Medizinstudium, ehe der Bürgerkrieg eskalierte und Mahmoud 2016 im Alter von 19 nach Deutschland kam – allein. Einige Monate zuvor hatte er in der deutschen Botschaft in Beirut ein Studentenvisum erhalten. Seine Familie lebt bis heute in Syrien.

An der Ludwig-Maximilians-Universität München studiert er im vierten Jahr Humanmedizin, seit Januar 2021 ist er Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Seit Februar 2018 ist er außerdem im gemeinnützigen Verein Make it German aktiv. In Form von Beratung, Orientierungshilfen, Sprachkursen und Workshops, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut, hilft Make it German Migrant_innen dabei, sich mit der deutschen Bürokratie, an Universitäten oder dem Arbeitsmarkt besser zurecht zu finden. Das Besondere: Hier helfen Migrant_innen sich gegenseitig.

 

Redaktion
Susan Javad
fmi(at)fes.de

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