Frieden und Sicherheit

15.10.2020

Viele verschiedene Friedensvisionen: Welche Hoffnungen haben die Kolumbianer_innen?

Das Projekt Paz glocal hat tausende Friedensvisionen zusammengetragen. Wir haben mit zwei Vertreterinnen von Organisationen gesprochen, die das Projekt unterstützt haben.

Offiziell beendete Kolumbien 2016 den fünfzig Jahre dauernden bewaffneten inneren Konflikt und schloss einen Waffenstillstand mit der Rebellengruppe FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia oder die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens). Aber es ist eine Herausforderung, diesen auch durchzusetzen. Überschriften wie: „Der kolumbianische Friedensprozess ist unter Druck“, aber „zu wertvoll, um ihn aufzugeben“, verdeutlichen, dass heute Frieden herrscht, wenn auch ein brüchiger. Doch dies deckt sich nicht mit dem Alltag der normalen Bevölkerung, die bis heute Gewalt und Konflikten ausgesetzt ist.

Das Projekt Paz glocal – Glokaler Frieden hat die Visionen vieler tausend Bürger_innen aus dem ganzen Land für einen Frieden in Kolumbien zusammengetragen.  Wir haben mit den Vertreter_innen von zwei der drei deutschen internationalen Organisationen gesprochen, die das Projekt zu den Hoffnungen und Erwartungen der Menschen in Kolumbien unterstützt haben.

Warum wurde Ihr Projekt überhaupt ins Leben gerufen? Inwiefern unterscheidet sich Ihre Forschung von vorangegangenen Umfragen in Kolumbien?

Kristina Birke: Derzeit haben sich alle darauf konzentriert, inwieweit der Frieden Kolumbien polarisiert. Wir dagegen waren mehr daran interessiert, wo Gemeinsamkeiten zu finden sind. Daher haben wir entschieden, die Wahrnehmung von Frieden stärker in den Fokus zu setzen: Was heißt Frieden für Kolumbianer_innen mit unterschiedlichem Alter, Gender, sozio-ökonomischen Hintergrund? Ist es vielleicht mehr als die Abwesenheit des bewaffneten Konflikts mit der FARC? Wir waren neugierig, ob es möglich ist, überhaupt Frieden in Kolumbien nach dem Abkommen zu untersuchen, wo der Konflikt ganz offensichtlich noch nicht beendet ist.

Sabine Kurtenbach: Im Vergleich zu anderen Abkommen ist das kolumbianische Friedensabkommen das umfassendste, das es je gab; doch drei Jahre nach der Unterzeichnung wird deutlich, dass Kolumbien sehr langsam daran geht, die Teile des Abkommens umzusetzen, die über den bloßen Waffenstillstand und die Demobilisierung hinaus gehen. Trotz des formalen Fortschritts in einigen Bereichen – den das Kroc Institut und die Vereinten Nationen hervorheben – verzögert sich die Umsetzung in den stärker umgestaltenden Bereichen, wie der kleinen Agrarreform oder der freiwilligen Vernichtung der Ernte aus illegalem Drogenanbau.

Dies liegt unter anderem daran, dass grundlegende Veränderungen gleich in den ersten paar Monaten nach einem Abkommen angestoßen werden müssen, wenn das Momentum stark ist und Widerstände sich daher noch nicht formiert haben. In Kolumbien war die Dynamik schon 2016 ausgebremst, als das Referendum abgehalten wurde (bei dem das Friedensabkommen knapp abgelehnt wurde, woraufhin dieses überarbeitet und ein Jahr später vom Kongress angenommen wurde), und noch stärker nach den Parlamentswahlen 2018.

Was hat Sie bei der Auswertung der Fragebögen am meisten überrascht? Was haben Sie über die unterschiedlichen Interpretationen von Frieden und die komplexen Bedingungen für Frieden erfahren, die Sie zuvor gar nicht kannten?

SK: Am meisten überraschte uns, was für niedrige Ansprüche die Menschen an Frieden haben. Über 40 Prozent antworteten, dass Frieden für sie Respekt, Gerechtigkeit und Ruhe bedeutet. Andere Möglichkeiten wie Sicherheit oder Veränderungen wurden lediglich von einer Minderheit angegeben. Die zweite Überraschung war, dass trotz des hohen Grades an Polarisierung in der kolumbianischen Gesellschaft dennoch ein großer Konsens darüber besteht, wie wichtig diese Themen sind, auch über Gender, Alter und Regionen hinweg. Was wir daraus geschlossen haben: Die Menschen wollen, so meine Vermutung, eine Umgebung, in der sie ihre Pläne und vielleicht sogar ihre Träume verfolgen können, ohne dass Gewalt oder Krieg sie dabei behindern. Denn als wir fragten, was das Gegenteil von Frieden ist, war die Antwort ganz klar: Mehr als 50 Prozent gaben Krieg an und mehr als 20 Prozent Gewalt. Die Gewalt gegen Vertreter_innen von Menschenrechten und gesellschaftliche Akteur_innen muss beendet werden!

KB: Nach den Aufständen von 2019 würde ich sogar weiter gehen und sagen, dass die Menschen sich der strukturellen und gesellschaftlichen Hürden bewusst sind, die sie daran hindern, ein Leben zu führen, das sie friedlich nennen würden. Und sie haben keine großen Hoffnungen, dass jemand diese Hürden in naher Zukunft für sie beseitigen wird.

Keine Gendergerechtigkeit bedeutet kein Frieden. Das ist eine der Grundannahmen von erfolgreicher Konfliktlösung. Findet sich dies auch in den Ergebnissen Ihrer Studie?

KB: Kolumbiens Abkommen ist das erste mit einer klaren Gender-Perspektive. Jedem Kapitel ist eine Liste von weiteren Empfehlungen zur Umwandlung der Gesellschaft beigefügt. NGOs und Frauenorganisationen überwachen die Umsetzung, aber einige haben schon die Machbarkeit in Frage gestellt. Dem Umsetzungsprozess fehlt die politische Vertretung der Frauen wie die UN sie vorgeschlagen hat. Das Verständnis von Frieden unterscheidet sich, wie gesagt, nicht so sehr, doch in den qualitativen Interviews wurde deutlich, dass Frauen oder LGBTQ+ Menschen ganz unterschiedliche strukturelle Ungleichheiten überwinden müssen, um Frieden zu erreichen. Die Dimensionen von Klasse, Race und Gender überschneiden sich und spielen eine große Rolle bei den Hürden für ein friedliches Leben.

Wie können diese Ergebnisse der kolumbianischen Regierung und den zivilgesellschaftlichen Akteur_innen helfen, um die unterschiedlichen Friedensprozesse in Kolumbien zu unterstützen? Sind die Impulse aus der internationalen Gemeinschaft und aus Deutschland hilfreich?

KB: Der Prozess ist an einem Scheideweg. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Mehrheit der Kolumbianer_innen Frieden möchte, aber gleichzeitig hat sich die Umsetzung des Abkommens verlangsamt und die Gewalt nimmt zu. Nach unserer Studie sollte es weniger darum gehen, ob die kolumbianische Gesellschaft zu stark polarisiert oder gegen einen Frieden ist, sondern stärker darum, wie nationale und internationale Akteur_innen viel deutlicher hinter diesem Prozess stehen und diesen als Fahrplan für die nächsten Jahrzehnte betrachten können.

SK: Alle Akteur_innen, die lokalen, nationalen und internationalen, brauchen eine Friedensperspektive für ihre Politik, die deutlich über die gewöhnlichen drei bis fünf Jahre hinausgeht. Die Unterzeichnenden des Friedensvertrags hatten eine realistischere Perspektive von zwölf Jahren für die Umsetzung vorgesehen. Doch sogar bei dieser mittelfristigen Perspektive bleibt der entscheidende Punkt das Engagement aller oder zumindest der Mehrheit der Akteur_innen. Die gegenwärtige Regierung wird sich formal nicht aus dem Abkommen zurückziehen, aber sie wird sich auch nicht wesentlich an dessen Umsetzung beteiligen. Eine deutliche Anzahl von ehemaligen FARC-Kämpfer_innen haben ihre Waffen nicht abgegeben oder sie haben sich neue angeschafft. Es ist unabdingbar, dass alle, die das Abkommen unterstützen, nicht von den Gegner_innen auf beiden Seiten an den Rand gedrängt oder sogar bedroht werden.

 

Dieser Artikel erschien im Original auf Englisch auf FES Connect.

 

Über die Interviewten

Das Paz Glocal Projekt wird vom German Institute for Global and Area Studies (GIGA) unterstützt, der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der FES.

Sabine Kurtenbach ist Lead research fellow am GIGA.

Kristina Birke ist FES Büroleiterin in Kolumbien und Direktorin des FES Regional Security Projects.

Das Interview führte Konstantin Bärwaldt, Ansprechpartner für Global Peace and Security Policy der FES in Berlin.

Länder / Regionen: Lateinamerika/Karibik | Kolumbien

Arbeitseinheit: Globale Politik und Entwicklung | Referat Lateinamerika/Karibik


Ansprechpartner

Konstantin Bärwaldt
Konstantin Bärwaldt
+49 30 269 35-7501

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