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Friedrichs Bildungsblog

23.06.2021

Was sich Lehrer_innen, Schüler_innen und Eltern von einer Schule im 21. Jahrhundert wünschen

Wie soll Bildung im 21. Jahrhundert aussehen? Welche Kompetenzen sollen wie vermittelt werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich dieser Beitrag.

Bild: Christof Haering von Privat

Von Christof Haering

 

Wie soll Bildung im 21. Jahrhundert aussehen? Welche Kompetenzen sollen wie vermittelt werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich dieser Beitrag und greift dabei nicht nur auf Erfahrungen aus den Unterrichtsformen im pandemiebedingten Lockdown und der jahrelangen Schulpraxis mit dabei gewonnenen Überzeugungen zurück, sondern auch auf eine (nicht repräsentative) Befragung unter Schüler_innen, Kolleg_innen, Eltern, anderen Schulleitungen und auch externen, der Schule verbundenen Personen, die im März 2021 durchgeführt wurde. Dabei wurden wertvolle Hinweise gegeben und Änderungen des Status quo eingefordert, die im Folgenden wiedergegeben werden sollen – in einigen Punkten ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Widerspruchsfreiheit.

Überraschenderweise gab es viele Gemeinsamkeiten der durchaus sehr unterschiedlich denkenden Menschen. Fast alle Befragten sahen die Notwendigkeit zu fundamentalen Änderungen:

  • Das Lernen sollte grundsätzlich verändert werden; dazu gehören natürlich auch die Lehrkräfteausbildung und die Prüfungsformate.
  • Man wünscht sich eine „Öffnung von Schule“: Auf der Basis eines ggf. neu zu entwickelnden verbindlichen Rahmens mit durchaus starker, aber reduzierter Obligatorik – Persönlichkeitsförderung, Fortbildungsverpflichtung, Methodenverbindlichkeit u.a. – sollte Schule weniger an enge und auf Dauer angelegte Lehrpläne, inhaltliche Verbindlichkeit und Fachlichkeit ausgerichtet werden und angesichts der Dynamik der Entwicklung agiler, freier, „ausprobierender“ handeln können.
  • Wenn nicht dauerhaft, so wäre es doch sehr wünschenswert, Schulen, die dies wollen, für eine solche Phase des „Ausprobierens“ und des Entwickelns neuer Formen von Unterricht, Prüfungsformaten, des Lernens an sich einen Freiraum über zum Beispiel drei Schuljahre zu geben – und dafür in dieser Zeit größeren Spielraum zur Reduzierung bzw. Neugestaltung von Prüfungsformaten und „Inhalten“ zu gewähren. Die Schulen würden ihr Vorgehen beschreiben, evaluieren, vorstellen und austauschen – danach könnte über das weitere Vorgehen entschieden werden.

Welche Kompetenzen werden immer wichtiger und was sollte Schule daher vermitteln?

Was sagen die Befragten?

„Für mich müsste sich Schule darum drehen, den Kindern vor allem das Handwerkszeug zum Zurechtfinden in einer immer komplexeren Welt mit auf den Weg zu geben.“

„Fakenews müssen erkannt werden. Dass nicht alles im Internet beliebig oder gleichwertig ist, muss gelernt werden. Übrigens auch ein angemessener Umgang, Ausdruck, Schreibweise, Respekt … “

„Es ist viel schwerer, dass Kinder mit all der digitalen Umgebung stark sind, zu erkennen, was richtig und was falsch ist und sich für das Richtige entscheiden.“

„Die Ausrichtung an Fächern passt nicht mehr, Persönlichkeit und ganz neue Kompetenzen sind wichtig.“

„Wenn ich alle Informationen bekommen kann, verliert das Abfragewissen in Prüfungen an Bedeutung. Wichtiges muss ich wissen und ernst nehmen – anderes darf ich mit gefestigten Kompetenzen digital abfragen. Es muss also neue Prüfungsformate geben.“

„Es muss daran gearbeitet werden, dass die sozialen Unterschiede nicht noch größer werden, wenn sinnvollerweise mehr Autonomie und Kollaboration im Lernen gefördert werden.“

Daraus folgt:

Die folgenden zentralen, möglichst früh und immer wieder einzuübenden Basiskompetenzen sollten im Mittelpunkt des Lernens stehen:

  • Kompetenzen im Umgang mit digitalen Geräten
  • Kompetenz im Umgang mit und der Aufnahme von Informationen des Internets und im Umgang mit anderen Menschen in der digitalen Welt
  • Umdrehen der klassischen Unterrichtsidee: Nicht Methoden in Fächern, sondern fachliche Projekte zumindest zeitweilig unter dem Primat der oben genannten Methodenkompetenzen einüben.

Schule sollte die Persönlichkeitsentwicklung auf der Basis gemeinsamer Werte fördern. Das gelingt, wenn Unterricht als verbindlicher Ort dazu dient, Nachfolgendes zu organisieren, zu besprechen, rückzumelden, zu bewerten, Feedback zu geben, Unterschiede auszugleichen:

  • Schüler_innen brauchen einen ethischen Kompass. Daraus abgeleitet lernen sie Kriterien und wenden diese an, um Informationen und Projekte beurteilen zu können.
  • Daher sind zukünftig die Themen Klimawandel und soziale Gerechtigkeit unverzichtbar, aber auch wesentliche Inhalte in Politik, Philosophie und Ethik sollten an Bedeutung gewinnen.
  • Stark werden, sozial werden, selber kreativ werden, mit anderen kreativ werden, verantwortlich für sich, die Welt und die Gesellschaft werden – das muss an unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Projekten verbindlich gelernt werden.

Unterrichtliches Handelns sollte sich an den 6C-Kompetenzen ausrichten (Communication, Collaboration, Creativity, Critical Thinking, Citizenship, Character Building) – Beispiel:

  • Vom Erkennen der – für die Schüler_innen und die Gesellschaft – wichtigen Themen über
  • eine „rationale“ Recherche mit allen notwendigen analogen und digitalen Hilfsmitteln,
  • die Kreativität, mit analogen und digitalen Tools, alleine wie kooperativ, zu arbeiten und dabei
  • „fachliche“ Aspekte kennenzulernen und anzuwenden und das
  • in immer besserer Qualität im Sinne der eigenen Persönlichkeitsentwicklung
  • und damit Einfluss, Veränderung von Gesellschaft und Welt in den Blick nehmend.

Am Anfang sollte – parallel zu dem Lernen von Basiskompetenzen – erfahren und ausprobiert werden, was für "mich" (Schüler_in) interessant und wichtig sein kann – Fachideen, musisch-künstlerisch-praktische Fertigkeiten, Literatur, MINT-Ideen, Forschung in freien Projekthemen, „Neigungskurse“, schulisches und außerschulisches Engagement – möglichst Vieles sollte ausprobiert werden und keine zu frühe Festlegung auf „Profile“ erfolgen.

Schüler_innen brauchen – viel mehr und viel professioneller als heute – kontinuierliches Coaching durch ihre Lehrer_innen: Motivation, Feedback, Entwicklungsperspektiven (sozial Ungleiches fordert ungleich mehr Begleitung) – kontinuierliche Fragen nach dem „Wie geht es Dir – und was brauchst Du, um Dich zu entwickeln?“ sind notwendig. Dieses Coaching muss Bestandteil der Ausbildung und des Lehrerprofils werden. Schüler_innen sind selbst hoch kompetent in der Beantwortung der gestellten Frage, was sie sich von einer Schule im 21. Jahrhundert wünschen. Sie sollten immer wieder systemisch „agil“ in ihre eigene Entwicklung und die der Schule eingebunden werden. Wegen der Bedeutung von Persönlichkeitsbildung bzw. Persönlichkeitsentwicklung ist die Umgestaltung von Kompetenzen in diesem Sinne „noch wichtiger“ als früher.
 

Wie wichtig sind die Fächer, die wir haben? Braucht es ggf. andere Fächer oder mehr Überfachlichkeit?

Es braucht viel mehr Überfachlichkeit. Vielleicht müssen die Fächer insgesamt zukünftig überfachlich mitgedacht werden, zum Beispiel im Verhältnis 2 – für Fachliches – zu 1 – für überfachliche Projekte, Kompetenzen, Methoden.

Die Fächer sollen inhaltlich entschlackt werden. Zentrale Inhalte der Fächer sind im 21. Jahrhundert: Methoden, Basiskompetenzen, insbesondere fachspezifisches Denken und Forschen, Projektarbeit, Diskutieren, Präsentieren, Recherchieren, Kollaborieren, soziales, verantwortliches, rationales Handeln.

Es muss neben MINT-Fächern auch mehr Sprachen geben, insbesondere Chinesisch. Für die MINT-Fächer ist festzustellen: Akut gibt es zwar Verbesserungen in der Spitzenförderung, aber große Probleme in der Breite. Hier braucht es Ideen, die besten, hochmotivierten und motivierenden Lehrer_innen, viel mehr praktische, fachübergreifende Konzepte. Beruf und Schule müssen neu verzahnt werden, insbesondere im Bewusstsein der Lehrenden und Lernenden – mehr konkrete Projekte können früh und regelmäßig angegangen werden.


Förderung, Prüfungen und Vergleichbarkeit

Es sollte eine viel individuellere Förderung der Spitzenbegabungen – und aller Begabungen  (nicht nur im Sport!) – mit hoher Flexibilität und Herausforderung geben. Begabungsförderung ist ein zentrales Element von Unterricht im 21. Jahrhundert. Eine wirklich individuelle Förderung von Schüler_innen muss früh und intensiv einsetzen: Mehr Coaching für Brennpunktschulen, Ungleiches ungleich fördern, Lehrkräfteverteilung ggf. zentral steuern, Study-Hall-Konzepte …

Die Schullaufbahn sollte insgesamt flexibler werden – warum kann etwa ein Schüler mit Dyskalkulie kein Abitur machen? Es darf mehr Zutrauen in die schulischen Kompetenzen der individuellen Bewertung und Förderung geben.

Die Befragten forderten die Abschaffung des Numerus Clausus als Abitur-Ausrichtung. Prüfungsformate sollten diese Entwicklung neu abbilden. Es gab sehr weitgehende Vorschläge, wie den nachfolgenden:

  • Zu einer Zwischenprüfung in der 10. Jahrgangsstufe oder einem Abitur könnten anstelle der bisherigen Fächer gehören:
    • Je eine Projektarbeit in Gruppe und/oder alleine – mit allen Hilfsmittel der analogen und digitalen Welt – und ein Gespräch über diese Arbeit.
    • Eine Analyse und/oder eine Debatte (Assessment).
    • Prüfung von Kompetenzen in einem MINT-Fach, einem gesellschaftswissenschaftlichen Fach und einer Sprache zweigeteilt: reduzierte Basiskompetenzen ohne; weitergehende Kompetenzen mit allen Hilfsmitteln (Zentralprüfung).
    • Portfolio zur Persönlichkeitsentwicklung, u.a. mit Belegen für persönliches Engagement, z.B. in Kunst oder Musik, Sport, sozialem oder politischen Arbeiten (Auswahl).

Diese Vorschläge aus der Praxis sollten Stoff für weiteres Nachdenken geben. Klar wird: Die Gesellschaft hat sich verändert und wird dies weiter tun. Schule und Lernen sind noch auf dem Weg, diesen Veränderungen Rechnung zu tragen. Für das Suchen und Erproben von Ansätzen und Ideen, die es gibt, sollte jetzt Zeit und Raum gegeben werden.

 

Christof Haering ist Schulleiter des Landfermann-Gymnasiums Duisburg und Schulformsprecher der Duisburger Gymnasien



Über diesen Bildungsblog

Friedrichs Bildungsblog ist der bildungspolitische Blog der Friedrich-Ebert-Stiftung. Friedrich Ebert ist nicht nur Namensgeber der Stiftung.

Sein Lebensweg vom Sattler und Sohn eines Schneiders zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten Deutschlands steht für Aufstieg durch Bildung.

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Sabine Achour, Professorin für Politikdidaktik und Politische Bildung an der FU Berlin

Magnus Bolten, Student der Politikwissenschaften an der Universität Göteborg, Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung

Burkhard Jungkamp, Staatsrat a.D. und Moderator des Netzwerk Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung

Nina Kolleck, Professorin für Politische Bildung an der Universität Leipzig

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Martin Pfafferott, Leiter Bildungs- und Hochschulpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung

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