Friedrichs Bildungsblog

17.10.2019

Klimabildung in Zeiten der Krise

Durch die Unterzeichnung des Pariser Abkommens ist Klimapolitik eine bildungspolitische Aufgabe geworden. Wer jedoch in Anspruch nimmt, das Pariser Abkommen ernst zu nehmen, muss Klimabildung konsequent in die Bildungspläne integrieren. Um die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts zu bewältigen, muss eine fundierte und ausreichende Klimabildung Bestandteil der Schulprogramme und Curricula sein.

Bild: von Alexandra Goritz

Von Nina Kolleck und Alexandra Goritz

Bolsonaro in Brasilien, Trump in den USA, Höcke in Deutschland: Noch nie erschien die öffentliche Aufmerksamkeit für Klimawandelleugner*innen so hoch, der Zuspruch so groß. Umgekehrt gelingt es Bewegungen wie “Fridays for Future“ oder „Extinction Rebellion“, Bevölkerungsgruppen zu mobilisieren und durch weltweite Protestaktionen öffentlich wirksamen Druck für eine konsequentere Klimapolitik auszuüben. Diese Polarisierung der Debatte nimmt vor allem inhaltlichen Auseinandersetzungen den Raum. Erschreckend ist zugleich die zunehmende Aufmerksamkeit, die die Ignoranz oder gar Delegitimierung wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt erlangt hat.

Klimabildung: Versäumnisse des Bildungssystems

Eine Ursache für diese gesellschaftlichen Entwicklungen ist der Mangel an Klimabildung. Dies gilt vor allem für die Schule, die die Teilhabe aller Bevölkerungsschichten garantiert. Trotz der Bedrohung für menschliches Leben: Klimabildung spielt in Ländern wie Deutschland und anderen G20 Staaten nur eine minimale Rolle in Bildungseinrichtungen. Die Verantwortung für die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer gesellschaftlichen Relevanz liegt allerdings nicht allein bei Wissenschaftsjournalist*innen. Sie ist mindestens ebenso im Bildungssystem begründet, das es bislang versäumt hat, die Bevölkerung angemessen aufzuklären. Ein Verständnis für die Ursachen des Klimawandels, seiner gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Implikationen sowie die Urteils- und Handlungsfähigkeit können nicht durch schnelllebig geführte Debatten erlangt werden. Daher will Klimabildung Kinder, Jugendliche und Erwachsene befähigen, Probleme zu erkennen und entsprechende Lösungen zu finden.

Ein fehlendes Grundverständnis für den Klimawandel vergrößert das Risiko, dass wissenschaftliche Ergebnisse nicht ernst genommen werden. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass populistische Politik attraktiv wird. Eine solche Dynamik wird nicht zuletzt durch eine strukturelle Bildungsbenachteiligung verstärkt. Eine jüngste Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung[1]weist für das Fach Politische Bildung in Deutschland bspw. gravierende Unterschiede zwischen den Schulformen auf. Der Umfang von Politikunterricht sei vor allem in Schulformen jenseits des Gymnasiums schwach. Um die Anerkennung wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns zu stärken, ist jedoch die Bildung für alle gesellschaftlichen Schichten und Schulformen wichtig. Eine mangelnde oder gar fehlende Klimabildung kann einen Vertrauensverlust in Wissenschaft und Klimaforschung bewirken. Je besser die komplexen Zusammenhänge verstanden werden, desto weniger glaubhaft erscheinen populistische Lösungsansätze.

Klimabildung ist nicht nur wichtig, um Argumente der Leugner*innen des menschengemachten Klimawandels zu entkräften. In Deutschland zumindest vertrauen viele den Ergebnissen internationaler Studien und der Expertise der Klimawissenschaftler*innen. Nicht zuletzt gelingt es diesen, ihre wissenschaftlichen Ergebnisse seit Jahrzehnten zu replizieren und überzeugende Argumente für die Öffentlichkeit bereit zu stellen. Doch auch hier hat die Klimabildung in Deutschland in den letzten Jahren versagt. Gefährlich sind nämlich nicht nur Zweifel an der Gültigkeit des menschengemachten Klimawandels, sondern auch das Gefühl der Machtlosigkeit.

Klimabildung muss zwingender Bestandteil von Schulprogrammen und Curricula sein

Dieses Gefühl resultiert aus der Komplexität des Problems. Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen haben Einfluss auf viele andere Bereiche des Lebens und müssen somit von vielen Akteuren mitgestaltet und gebilligt werden. In öffentlichen Debatten entsteht oft der Eindruck, dass ausreichende Reaktionen auf den Klimawandel unwahrscheinlich sind. Und zu spät. Klimabildung hat hier bislang versagt. Sie hat es versäumt, den Einzelnen das breite Spektrum an Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Lösungen sind zwar nicht einfach, aber es gibt viele Ansätze. Um die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts zu bewältigen, muss eine fundierte und ausreichende Klimabildung zwingend Bestandteil der Schulprogramme und Curricula sein. Und sicher geht es dann auch darum zu verstehen und zu lernen, dass Zukunft aktiv mitgestaltet wird. Eine klimaneutrale Zukunft ist keine, die auf der Vergangenheit und nostalgischen Vorstellungen beruht, sondern eine, die Wünsche, Interessen und Ziele der künftigen Generationen mit in den Blick nimmt.

Auch wenn der Umgang mit Klimabildung jedem Bundesland und teils jeder Kommune oder Schule selbst überlassen ist: In Ländern wie Deutschland sowie anderen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen ist die Integration von Klimabildung keine freiwillige Angelegenheit mehr. Das im Jahr 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedete Pariser Abkommen hebt Klimabildung als zentrale Maßnahme hervor, um die Verhinderung einer „gefährlichen anthropogene[n] Störung des Klimasystems“ zu erreichen.

Befähigung statt Betroffenheit - Resilienz statt Resignation

„Action for Climate Empowerment“ – so wird Klimabildung von den nationalen Verhandler*innen hier bezeichnet, um die Befähigung der Individuen zum Handeln zu betonen. Verdeutlicht wird durch den neuen Begriff auch, dass sich der Ton der Klimabildung und -politik geändert hat: Es geht um Befähigung, nicht um Betroffenheit; um Resilienz anstelle von Resignation.

Die konsequente Umsetzung dieser Verpflichtung findet aktuell jedoch noch nicht statt. Debattiert wird eher über Bildungsreformen (wie Jahrgangsübergreifendes Lernen/JÜL) oder Schulleistungsvergleichsstudien (wie PISA). Diese sind zwar wichtig, sollten aber nicht vom gesellschaftlichen Auftrag der Schulen ablenken, Schüler*innen zu einer selbstständigen Urteilskraft zu befähigen und zu Handlungsfähigkeit zu erziehen.

Kein elitäres Diktum, sondern breite gesellschaftliche Debatten

Die Fähigkeit, zwischen populären Mythen und harten Fakten in Bezug auf den Klimawandel zu unterscheiden, nimmt den Leugner*innen des menschengemachten Klimawandels den Wind aus den Segeln. „Action for Climate Empowerment“, also Bildungsinitiativen, die zum Handeln angesichts komplexer Fragen der Anpassung und der Minderung des Klimawandels befähigen, machen die Gesellschaft resilienter; sowohl, was klimatische Veränderungen angeht, als auch in Bezug auf populistische Politiksurrogate. Die Aufgabe von Klimabildung ist es dabei nicht, als elitäres Diktum daherzukommen, sondern breite gesellschaftliche Debatten zu befeuern.

Durch die Unterzeichnung des Pariser Abkommens ist Klimapolitik eine bildungspolitische Aufgabe geworden. Wer jedoch in Anspruch nimmt, das Pariser Abkommen ernst zu nehmen, muss Klimabildung konsequent in die Bildungspläne integrieren. Klimabildung orientiert sich eben nicht an Ablenkungsmanövern von rechts. Sie impliziert eine fundierte Auseinandersetzung mit Ursachen, Folgen und Prozessen des Klimawandels, klärt über die Wirkungen individuellen Handelns auf und stärkt Initiativen, um die in Paris gesetzten Ziele zu erreichen.

 

Nina Kolleck (Prof. Dr.) leitet den Arbeitsbereich für Bildungsforschung und soziale Systeme an der Freien Universität Berlin.

Alexandra Goritz (M.Sc.) ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich für Bildungsforschung und soziale Systeme an der Freien Universität Berlin.

 

[1] Achour, Sabine / Wagner, Susanne: Wer hat, dem wird gegeben: Politische Bildung an Schulen, Berlin 2019


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