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09.06.2021

Auf der Suche nach Demokratie in der Geschichte

„Demokratie muss gestaltet, gelebt und weiterentwickelt werden. Für die Versuche, dies zu tun, bietet die Geschichte viele positive Beispiele.“

Die Suche nach demokratiegeschichtlichen Beispielen steht am Anfang des Konzepts für eine neue Stiftung für Orte der Demokratiegeschichte, die der Deutsche Bundestag am 9. Juni 2021 beschlossen hat. Das Unterfangen wird von allen demokratischen Parteien des Deutschen Bundestags grundsätzlich unterstützt. Es erscheint also, als würde hier lediglich konsensual ein neues historisches Feld erschlossen. Der Schritt ist jedoch größer und wirft eine ganze Reihe neuer Fragen auf.

Woher kommt das wachsende Interesse an der Demokratiegeschichte?

Unverkennbar bewegte sich auf dem Themenfeld Demokratiegeschichte in den letzten Jahren vieles. Das war schon allein daran zu erkennen, dass sich 2017 eine bundesweite AG der Orte der Demokratiegeschichte gründete. Unter den aktuell über sechzig Mitgliedern finden sich sowohl zahlreiche kleine Orte als auch größere Akteure wie beispielsweise „Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.“, „Weimarer Republik e.V.“ oder mehrere Politikergedenkstiftungen. Durch diesen Zusammenschluss erfuhr das Thema einen erheblichen Aufwind.

Das gesteigerte Interesse an der Demokratiewerdung vollzog sich vor dem Hintergrund einer zunehmenden Bedrohung der Demokratie: Der Zuspruch zu autoritären, rechtspopulistischen und sogar völkischen Positionen breitete sich verstärkt in den 2010er-Jahren aus. Die Zivilgesellschaft und Politik reagierten darauf mit der Bereitschaft, die Demokratie in ihrer Fragilität und den gebotenen tagtäglichen Einsatz für sie verstärkt zu thematisieren.

Im Gegensatz zu anderen Staaten wie zum Beispiel Frankreich und den Vereinigten Staaten pflegt die Bundesrepublik keine pathetische Gedenkkultur an ihre demokratischen Wurzeln. Folglich sah sich die Bundesebene lange nicht in der Pflicht, einzelne historische Orte der Demokratiegeschichte systematisch zu unterstützen. Dies hat sich mit dem Bundestagsbeschluss nun geändert.

Wo lassen sich die Orte der Demokratiegeschichte in Deutschland finden und wie lässt sich deren Geschichte erzählen?

Einzelne Orte werden im Rahmenkonzept der neuen Stiftung explizit benannt: im Süden das Hambacher Schloss und die Erinnerungsstätte für die deutschen Freiheitsbewegungen in Rastatt. In den Großstädten Berlin und Frankfurt am Main gelten der „Friedhof der Märzgefallenen“, ein Gedenk- und Ausstellungsort zur Märzrevolution 1848, und die Paulskirche als Sitz der Nationalversammlung als besonders mit der Demokratiewerdung verbundene Orte und hielten Einzug in das Konzept. Periodisch erzählen sie jeweils vor allem Demokratiegeschichte im 19. Jahrhundert.

Für das junge 20. Jahrhundert hebt der Beschluss Weimar und die erste Republik als demokratiegeschichtlichen Kristallisationsort hervor. Zudem schließt es dezidiert „Erinnerungsorte“ – im Sinne der „lieu de mémoire“ – mit ein, die nicht geografischen oder materiell lokalisiert werden können. Losgelöst von einem festen Standort werden im Konzept die „Friedliche Revolution“ und das Netzwerk „Orte der Demokratiegeschichte“ aufgeführt.

Der Anspruch lautet, neben etablierten Museen wie dem Deutschen Historischen Museum, dem Haus der Deutschen Geschichte oder Großeinrichtungen wie der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), lange demokratiegeschichtlichen Traditionen in nahezu allen Teilen der Republik sichtbar machen zu wollen. Dabei soll die Stiftung primär mit Förderungen (von jährlich mehreren Millionen) Orte unterstützen sowie bei ihrer Weiterentwicklung beraten und erst sekundär eigene Aktivitäten entfalten

Wie soll es gelingen, dass Demokratiegeschichte nicht auf steinerne Zeugnisse der Parlamentsgeschichte beschränkt bleibt?

Als Stammsitz der neuen Stiftung wählten die Abgeordneten des Bundestages einen „klassischen“ Demokratieort: die zweifellos wichtige Paulskirche in Frankfurt am Main. Von dort aus soll sie versuchen, die regionalen Projekte zu erreichen – und umgekehrt. Die Ortswahl dürfte auch im Sinne des amtierenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier sein, der sich für das Gedenken an die Revolution 1848/49 stark macht und in diesem Jahr am Gedenktag den Revolutionsfriedhof in Berlin-Friedrichshain, wo die Berliner Toten der Revolutionen von 1848 und 1918 bestattet liegen, besuchte.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich schnell eine besondere Herausforderung des erinnerungspolitischen Erzählens der deutschen Demokratiegeschichte: Wie lässt sich die Demokratiegeschichte niedrigschwellig fernab einer Geschichte „großer Männer“, die das Bild der Nationalversammlung in der Paulskirche dominierten, vermitteln? Bisher sind beispielsweise soziale Bewegungen kaum berücksichtigt worden. Dabei formten Die Arbeiter_innen-, Frauen-, Friedens-, Studierenden- oder Umweltbewegung Demokratie in fundamentaler Art und Weise. Dass die Revolutionsgeschichte, in der die Rolle des Einzelnen für die Demokratie besonders hervortritt, explizit einbezogen ist, ist sicherlich ein wichtiger Ansatzpunkt.

Insgesamt muss eine zeitgemäße Erzählung von Demokratiegeschichte einen Spagat vollführen, auf den bereits die Bielefelder Professorin Christina Morina auf einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung hinwies: Auf der einen Seite ist ihre Aufgabe, demokratische Errungenschaften hochzuhalten. Auf der anderen Seite muss sie kommunizieren, dass Demokratie stets fragil ist und war und stets den Einsatz von Menschen verlangte, um demokratische Verfahren und ein demokratisches Miteinander zu sichern und mit Leben zu füllen.

Gerade die bisher vernachlässigte Arbeiter_innenbewegung würde sich anbieten, um sowohl die langen demokratischen Traditionslinien als auch die Veränderlichkeit von Demokratiekonzepten plastisch darzustellen und zu vermitteln. Nicht zuletzt weil der Teilhabe an politischen Prozessen immer auch die Frage der sozialen Gerechtigkeit vorausging, gehören das im Beschluss unberücksichtigte Karl-Marx-Haus in Trier oder der Goldene Löwe in Eisenach zu den wichtigen Orten der Demokratiegeschichte in Deutschland, mit denen zugleich divergierende Vorstellungen von Demokratie offen zu Tage treten.

Was sollte beachtet werden, bei der Suche nach dem Ort der Demokratiegeschichte in der deutschen und europäischen Erinnerungskultur?

Der Erfolg der Stiftung hängt von der praktischen Umsetzung des bedeutsamen Ansatzes der Demokratiegeschichte ab: So muss die reichhaltige Demokratiegeschichte der östlichen Bundesländer, nachdem schon ihr Sitz nicht in den östlichen Bundesländern (z.B. in Weimar) liegt, ausreichend vetreten sein.  Auch müssen die verschiedenen historischen Etappen hinreichend repräsentiert sein sowie ein adäquates Verhältnis zu anderen Feldern der deutschen Gedenkkultur gefunden werden. Jegliche verkürzende Gegenüberstellungen oder gar die Schaffung einer Konkurrenz zur Auseinandersetzung mit der NS-Terrorherrschaft oder der SED-Diktatur würde der deutschen Gedenkkultur schaden. Nicht zuletzt leisteten die Konflikte rund um das Schweigen über die nationalsozialistischen Verbrechen einen elementaren Beitrag zur Demokratie in der Bundesrepublik.

Eine große Chance der neuen erinnerungspolitischen Erzählung besteht darin, über die Orte und deren Geschichte ein besseres Verständnis von Demokratie zu vermitteln. Wie von der Nürnberger Professorin Charlotte Bühl-Gramer in der Bundestags-Anhörung von Expertinnen und Experten angemahnt, gilt es verständlich zu machen, welche anderen Vorstellungen „ein ‚Demokrat‘ der Jahre 1848/49 […] von Demokratie als eine ‚Demokratin‘ im 21. Jahrhundert“ hatte oder eben welche ähnlichen. Dadurch entstünde eine wichtige Grundlage für zukünftige Demokratie-Ideen.

Das Bestreben, die lange, immer auch wieder von Rückschritten geprägte Geschichte der Demokratiewerdung im 19. und 20. Jahrhundert zu erzählen, kann auch nicht räumlich an den deutschen Grenzen enden. Eine zukünftige Weiterentwicklung des Konzepts der Stiftung bietet noch erhebliches Potenzial, um die europäische Geschichte der Demokratie an den Orten in der Bundesrepublik deutlich zu machen und dabei die Rolle von Exil und Migration zu thematisieren.

Oliver Gaida

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