• Bild: von Dietz Verlag 

Die MENA-Jugendstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung

In acht Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas führte die Friedrich-Ebert-Stiftung 2016/2017 eine große repräsentative Umfrage unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch. Die Ergebnisse bieten spannende Einblicke in Lebensgefühl, Selbstverständnis und Zukunftsvorstellungen von rund 9.000 jungen Menschen zwischen 16 und 30 Jahren aus Ägypten, Bahrein, Jemen, Jordanien, Libanon, Marokko, Palästina, Syrien und Tunesien.

Die FES MENA-Jugendstudie erscheint im Januar 2018 beim  Verlag J.H.W. Dietz mit dem Titel “Zwischen Ungewissheit und Zuversicht: Jugend im Nahen Osten und in Nordafrika“ (Leseprobe). Dort werden die Ergebnisse zu Themenbereichen wie Werte, Religion, Gender, Familie, Wirtschaft, Hunger und Gewalt, Migration, Kommunikation, Politik, Mobilisierung und Engagement sowie ein Vergleich mit der deutschen Shell-Jugendstudie vorgestellt und analysiert (s. Inhaltsverzeichnis).

Mit Beiträgen von: Mathias Albert, Ines Braune, Helmut Dietrich, Jörg Gertel, Sonja Hegasy, Ralf Hexel, David Kreuer, Rachid Ouaissa, Carola Richter, Christoph H. Schwarz, Nadine Sika, Thorsten Spengler, Friederike Stolleis, Ann-Christin Wagner, Isabelle Werenfels und Tamara Wyrtki.

Die englische Ausgabe erscheint im Sommer 2018 unter dem Titel „Coping with Uncertainty: Youth in the MENA Region“ bei Saqi Books (London). Die arabische Ausgabe erscheint zeitgleich bei Dar al-Saqi (Beirut).

Kontakt

Junge Menschen in der MENA-Region

Mit dem Arabischen Frühling begannen in verschiedenen Ländern der MENA-Region politische und gesellschaftliche Transformationsprozesse, die sich zum Teil erheblich voneinander unterscheiden und deren Ausgang noch nicht absehbar ist. Dabei spielten junge Menschen, die politisch und wirtschaftlich marginalisiert sind und von den politisch Verantwortlichen nicht ernst genommen werden, eine zentrale Rolle.

Auch sechs Jahre später fordern junge Menschen in der MENA-Region nach wie vor einen gleichberechtigten Zugang zu Politik, gesellschaftlicher Teilhabe und Arbeit. In der Öffentlichkeit wollen sie nicht nur mit ihren Interessen wahrgenommen werden, sondern sind auch bereit, Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen. Mit diesen Forderungen stoßen sie jedoch immer wieder auf Grenzen und erfahren Widerstand.

Die Gesellschaften in der MENA-Region sind überdurchschnittlich jung. Nach UN-Angaben machen die 15- bis 29-Jährigen inzwischen 30 Prozent der Bevölkerung aus. Die derzeitigen autoritären Machtstrukturen in der Mehrzahl der Länder der Region verhindern jedoch, dass junge Menschen ihr Talent, ihr Wissen und ihr Engagement wirksam einbringen können. Stabilität und Entwicklung wird es für die Region nur dann geben, wenn junge Menschen politisch und wirtschaftlich an der Gestaltung der Zukunft teilhaben können, wenn es gelingt, inklusivere Gesellschaftsmodelle zu etablieren.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung sieht in der Jugend einen entscheidenden Faktor für die demokratische Entwicklung der Region und möchte deren Potenziale stärken, Veränderungen in Politik und Gesellschaft anzustoßen. Auf der Grundlage der Ergebnisse der Jugendstudie will sie eine Auseinandersetzung mit der Situation von Jugendlichen in der MENA-Region anregen.

1. Junge Menschen wünschen sich Sicherheit, einen guten Lebensstandard und gute Familienbeziehungen

Jugendliche und junge Erwachsene  in der MENA Region wünschen sich vor allem Recht, Ordnung und Sicherheit, einen angemessenen Lebensstandard bzw. adäquate Arbeitsplätze und vertrauensvolle Partner- und Familien­beziehungen.

Jugendliche Wertvorstellungen sind von Gemeinschaftssinn, Erfolgsorientierung, Freiheitsstreben und Sittlichkeit geprägt. Die individuellen Ausprägungen dieser Werte sowie die Lebensrealität sind komplex und in Anbetracht von Kriegerlebnissen und Gewalterfahrungen vielfach durch biographische Brüche geprägt. Zuversicht erwächst vielen aus dem unbedingten Vertrauen in Gott, das als private Angelegenheit verstanden wird.

2. Religiosität nimmt zu, wird jedoch vor allem auf individueller Ebene praktiziert

Generell setzt eine größere Religiosität oft erst nach der Schulzeit ein. Sie findet sich vor allem in Großstädten und bei den Wohlhabenden und Gebildeten. Weniger religiöse Jugendliche stammen hingegen aus Familien mit geringem Bildungskapital, aus den unteren Mittelschichten bzw. armen Schichten der Gesellschaft.

Religion dient jungen Menschen weniger politischen oder ideologischen Zwecken, sondern vor allem dem individuellen Wohlfühlen und der Selbstdisziplinierung. Sie wird zunehmend zum Kanal der Spiritualität und weniger als Ausdruck von Ideologie oder Politik wahrgenommen. Der Grad der Frömmigkeit steigt jedoch vor allem auf individueller Ebene und nicht mehr als eine kollektive Sozialutopie.

3. Die Familie ist das wichtigste Sicherungs- und Bezugssystem

Aufgrund eines massiven Verlustes der Arbeitsplatzsicherheit nimmt die Bedeutung der Familie als soziales und ökonomisches Sicherungssystem weiter zu.

Die Jugendlichen sind an starken Familienbanden interessiert. Sie erachten eigene Kinder als wichtig und würden auch wenig an der Erziehung ändern, die sie selbst genossen haben.

Den eigenen Partner für die Heirat auszuwählen, hat einen hohen Wert.

4. Junge Menschen stehen vor massiven ökonomischen Problemen und mangelnden Aufstiegschancen

Jugendliche sind von drei Dynamiken betroffen: vom massiven Verlust der Arbeitsplatzsicherheit, einer wachsenden wirtschaftlichen Polarisierung sowie dem nicht eingelösten Versprechen von Arbeit durch Bildung. Die arabische Mittelschicht, die jahrzehntelang eine wichtige Größe darstellte, befindet sich nach Jahrzehnten der neo-liberaler Wirtschaftspolitik heute in Auflösung.

Selbst mit weit besserer Ausbildung ist ein sozialer Aufstieg für viele in weite Ferne gerückt. Der Verlust von Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst geht vielmehr noch mit dem Verlust staatlicher Fürsorge einher: Nur ein Drittel der Jugendlichen ist berufstätig (ohne Schüler und Studenten). Zwei Drittel der jungen Menschen arbeiten nur vorübergehend oder gar nicht. Von den Berufstätigen ist fast die Hälfte in ungesicherten Arbeitsverhältnissen tätig.

Junge Familien sind mit massiven ökonomischen Problemen konfrontiert: Etwa die Hälfte der jungen Männer, die bereits einem Haushalt vorstehen, beurteilen die ökonomische Situation ihrer Familien als „eher schlecht“ und „sehr schlecht“. Ein Bruch mit der Familie wird für diese Generation nahezu undenkbar, da kaum eine andere Institution ökonomische Unsicherheit abfedert. Der soziale Prozess der Verunsicherung wird somit zum Dauerzustand und Prekarität allgegenwärtig.

5. Weniger als zehn Prozent der jungen Menschen wollen auswandern

Nur eine kleine Gruppe, weniger als zehn Prozent, ist fest zur Migration entschlossen. Die Möglichkeiten der virtuellen Mobilität im Netz, die Verfestigung der Außengrenzen vieler Länder und die hohen Kosten der Migration tragen hierzu bei.

Aufgrund ihrer prekären Situation sind Betroffene allerdings zwischen vorübergehenden Abwanderungsüberlegungen und der tiefen Verbundenheit mit ihren Heimatländern und ihren Familien hin- und hergerissen. Emigration wird dabei keineswegs als „einfacher Weg raus“ verstanden.

Arbeitsmigration findet in erster Linie innerhalb der arabischen Welt statt. Sie ist durch historische und sprachliche Verbindungen geprägt.

6. Kommunikationsmedien werden vor allem privat genutzt

Mediennutzung konvergiert global. Auch in den arabischen Ländern sind die gleichen Technologien und Formate vorhanden. Doch aufgrund des seit langem bestehenden Misstrauens gegenüber den Medien und infolge des jüngst verstärkten Rückzugs Jugendlicher aus der Tagespolitik zeichnet sich eine Verschiebung der Mediennutzung ab.

Die neuen Medien werden zunehmend für private Kommunikation verwendet, besonders um soziale Netzwerke zu pflegen. Smartphones eröffnen dabei - wie kein anderes Gerät - den Zugang zum Internet und ermöglichen es, mit Freunden und Verwandten in Verbindung zu bleiben sowie digitale Produkte wie Musik und Bilder auszutauschen.

Gleichzeit sind die traditionellen Massenmedien, obwohl sie oft staatlich kontrolliert sind, noch immer präsent und spielen für Jugendliche, die nur limitierten Zugang zu digitalen Medien haben, noch immer eine tragende Rolle.

7. Jugendliche und junge Erwachsene distanzieren sich von Politik

Die Aufstände von 2011 verdeutlichen das Potential der Politisierung der jungen Bevölkerung in den Ländern der MENA-Region, die vielfach nur eine eingeschränkte politische Öffnung zulassen.

Eine große Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen distanziert sich  nach den Erfahrungen der zurückliegenden Jahre von der Politik und betont, sie sei nicht an ihr interessiert, dies bezieht sich häufig auf Parteipolitik. Aber gleichzeitig existieren Interesse und Engagement im sozialen und gesellschaftlichen Bereich.

Ein Großteil der Jugendlichen wünscht sich eine größere Präsenz des Staates. Hierbei geht es in erster Linie um soziale Sicherheit, die der Staat bei wachsenden Unsicherheiten bereitstellen sollte.

8. Viele junge Menschen sind zu sozialem und gesellschaftlichem Engagement bereit

Die Ereignisse 2010/11 stellten den Höhepunkt der politischen Mobilisierung Jugendlicher zur Änderung der Staat-Gesellschaftsbeziehungen dar. Vielfach entstand im Nachgang die Frage, inwieweit Jugendliche Akteure des Wandels sind.

Trotz der Desillusionierung, die für viele in den letzten Jahren mit den formalen politischen Prozessen einhergingen, sind Jugendliche noch immer bereit, aktiv zu werden und sich zu engagieren. Allerdings habe sich ihre Aktionsfelder verschoben: Sie treten vor allem für sozio-ökonomische Ziele und nicht mehr für politischen Wandel ein.

Generell sind die Aktiven wie die Nicht-Engagierten weniger an politischer Freiheit, bürgerlichen Rechten, inklusive Minderheitenrechten interessiert, sondern eher an der Absicherung der Grundbedürfnisse und der Abwesenheit von Gewalt.

9. Gesellschaftliches Engagement findet vor allem außerhalb von Institutionen statt

Junge Menschen in der MENA-Region sind bereit, sich für die Belange Anderer sowie für bestimmte Ziele oder Themen einzusetzen. Das tun sie kaum im Rahmen formaler zivilgesellschaftlicher Organisationen wie Schüler- oder Studentengruppen, Jugendorganisationen, Vereinen, religiösen Institutionen, politischen Parteien oder Gewerkschaften; nur ein Drittel derer, die sich engagieren, wählt diesen Weg.

Tendenziell engagieren sich dabei wohlhabendere Jugendliche häufiger als ärmere. Das geringe Engagement im Rahmen zivilgesellschaftlicher Organisationen ist eher für junge Menschen der Unter- und Mittelschicht typisch. Mitglieder zivilgesellschaftlicher Organisationen geben öfter an, pessimistisch zu sein und Unsicherheit zu empfinden als ihre Altersgenossen.

Durch den Wandel von Werten und Zielen junger Menschen, aber auch durch den festen Griff, mit dem die autoritären Staaten der Region oftmals Institutionen der Zivilgesellschaft kontrollieren und kooptieren, haben diese im Vergleich zu früheren Generationen an Attraktivität eingebüßt.

10. Trotz allem: Die Mehrzahl der jungen Menschen blickt zuversichtlich in die Zukunft

Während die politische und wirtschaftliche Situation in den Ländern der MENA-Region derzeit wenig Anlass für Optimismus gibt, zeichnen die Ergebnisse der Studie das Bild einer Jugend, die besser gebildet ist, als jemals zuvor, die sich ihrer Heimat stark verbunden fühlt, die über eine positive Lebenseinstellung verfügt, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und sich gesellschaftlich zu engagieren.

Die Ergebnisse können Sie auch hier als PDF-Datei herungerladen.

Umfragedaten

Die im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung und in Zusammenarbeit mit Kantar Public (vormals TNS Infratest Politikforschung) und der Universität Leipzig erhobenen Umfragedaten sind in einzelnen PDF-Dateien (englisch) zusammengeführt:

Fragebogen, MENA Regional gesamt, Ägypten,  BahrainJemen, Jordanien, Libanon, Marokko, Palästina, Syrische Flüchtlinge, Tunesien

 

Länderanalysen

Jemen

Transfeld, Mareike

Warten auf den Staat, Rückhalt in der Familie

Die jemenitische Jugend in Not : FES MENA-Jugendstudie: Länderanalyse Jemen
Berlin

Publikation herunterladen (130 KB, PDF-File)


Transfeld, Mareike

Waiting for the state, relying on the family

Yemen's youth in peril : FES MENA youth study: country analysis Yemen
Berlin

Publikation herunterladen (120 KB, PDF-File)


Jordanien

Kreitmeyr, Nadine

Optimistisch in unsicheren Zeiten

Ein Bericht über die Jugend in Jordanien : FES MENA-Jugendstudie: Länderanalyse Jordanien
Berlin

Publikation herunterladen (300 KB, PDF-File)


Kreitmeyr, Nadine

Optimism during uncertain times

A report on Jordanian youth : FES MENA youth study: country analysis Jordan
Berlin

Publikation herunterladen (220 KB, PDF-File)


Libanon

Diese Länderanalyse steht in Kürze zur Verfügung.

Marokko

Hegasy, Sonja

Das Soziale ist politisch

Eine Umfrage unter jungen Menschen in Marokko : FES MENA-Jugendstudie: Länderanalyse Marokko
Berlin

Publikation herunterladen (280 KB, PDF-File)


Palästinensische Gebiete

Khatib, Ghassan

Abkehr von der Politik

Eine Umfrage unter jungen Menschen in Palästina : FES MENA-Jugendstudie: Länderanalyse Palästina
Berlin

Publikation herunterladen (210 KB, PDF-File)


Khatib, Ghassan

Turning away from politics

A survey among Palestinian youth ; FES MENA youth study: country analysis Palestine
Berlin

Publikation herunterladen (200 KB, PDF-File)


Tunesien

Dihstelhoff, Julius

Umgang mit Frustration

Eine Selbsteinschätzung der tunesischen Jugend : FES MENA-Jugendstudie: Länderanalyse Tunesien
Berlin

Publikation herunterladen (600 KB, PDF-File)


Dihstelhoff, Julius

Coping with frustration

A self-assessment of Tunisian youth ; FES MENA youth study: country analysis Tunisia
Berlin

Publikation herunterladen (250 KB, PDF-File)


Pressestimmen

FAZ, 3.1.2018
Spiegel online, 3.1.2018
Süddeutsche.de, 3.1.2017
religion.ORF.at, 3.1.2018

Handelsblatt, 3.1.2018
3sat, 3.1.2018
swissinfo.ch, 3.01.2018
Deutsche Welle, 4.1.2018

IslamiQ, 7.1.2018
King5.com, 8.1.2018
qantara.de, 9.1.2018
arabnews.com, 10.1.2018

Die Welt, 13.1.2018
idw, 15.1.2018
qantara.de, 16.01.2018
Die Tagespost, 17.01.2018

Sicherheit

Selbsteinschätzung: Sicherheit nach Ländern

Bedeutung

Bedeutung möglicher Errungenschaften im Leben

Eigenschaften

Eigenschaften junger Menschen in der MENA-Region

Religiosität

Religiosität heute und vor 5 Jahren

Religiosität Vergleich

Religiosität: Männer und Frauen im Vergleich

Frauen

"Frauen, die unangemessen bekleidet sind, sollten sich nicht über sexuelle Belästigung beschweren."

Familie

Relevanz der Familie für die eigene Lebensplanung

Einstellung

Einstellungen und Prioritäten

Wirtschaftliche Situation

Einschätzung der wirtschaftlichen Situation der eignene Familie

Gewalt

Bedeutung wachsender Gewalt

Soziale Medien

Nutzungszwecke sozialer Medien in den MENA-Staaten

Soziale Netze

Soziale Netze - Clique versus Internet

Digitale Spaltung

Digitale Spaltung: Erstbesitz eines Smartphones - Zahl eigener Geräte

Politisches Interesse

Politisches Interesse

Politische Information

Politische Information

Politisches System

Bevorzugtes politisches System

Staat und Alltag

Rolle des Staates im Alltag

Gesellschaftliches Engagement

Ziele und Themen gesellschaftlichen Engagements allgemein

 

 

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