11.06.2015

Teilen und tauschen – oder täuschen?

Die Share economy liegt im Trend. Doch mit dem Etikett schmücken sich auch rein kommerzielle Angebote – und umgehen so gesetzliche Regelungen. Diese und andere Herausforderungen wurden in der Veranstaltung „Ist share auch fair economy?“ im Rahmen des Projektes "Gute Gesellschaft - Soziale Demokratie 2017plus" in Stuttgart diskutiert.

Bild: Life is sharing von Alan Levine lizenziert unter CC BY 2.0

Teilen und Tauschen sind angesagt. Immer mehr Menschen leihen sich einen Smoking oder einen Schlagbohrer aus, statt ihn zu kaufen. Sie nutzen Carsharing, mieten sich beim Städtetrip in einem Privatzimmer ein oder verschenken den Inhalt ihres Kühlschranks, bevor sie verreisen. Was unter Bekannten und im kleinen Rahmen schon lange üblich ist, erlebt durch Smartphone und soziale Netzwerke derzeit einen regelrechten Hype. Nutzen statt besitzen heißt die Formel, nach der nicht mehr die Bohrmaschine Objekt des Begehrens ist, sondern nur das Loch in der Wand, nicht mehr das Auto, sondern das Fortkommen von A nach B. Es gibt Online-Portale, auf denen Hausbesitzer ihre Einfahrt als Parkplatz zur Verfügung stellen (Parkatmyhouse), Hobbyköche Wildfremde zum Essen einladen (Feastly) oder Tierfreunde sich als Hundesitter verdingen (DogVacay). Auf Kleiderkreisel.de kann man günstig Second Hand-Klamotten erstehen, Mitfahrgelegenheit.de ersetzt den Zettelkasten an der Uni und zeitweiliges Mitwohnen lässt sich über Couchsurfing.com organisieren.

Die Wirtschaft des Teilens – neudeutsch Share economy oder auch „shareconomy“ – hilft Ressourcen zu schonen und Produkte besser auszulasten. Manch einer wähnt darüber bereits das Ende der kapitalistischen Marktwirtschaft gekommen, wie der US-Ökonom Jeremy Rifkin in seinem aktuellen Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut (Commons) und der Rückzug des Kapitalismus“. Andere erkennen eher eine Mogelpackung. Der Blogger Sascha Lobo hat den Begriff „Plattform-Kapitalismus“ in die Diskussion gebracht und Chefreporter Dieter Schnaas warnt in der Wirtschaftswoche: „Der Plattform-Kapitalismus unterläuft die Kontroll- und Ordnungsmacht des (Steuer-)Staates und der Gewerkschaften, indem er Ichlinge zu ‚Prosumenten’ vernetzt, also zu Menschen, die sich aus freien Stücken als Produzenten und Konsumenten begegnen und austauschen.“

Kritiker sehen Fans der Tauschwirtschaft Gefahr laufen, ihr ganzes Leben zu ökonomisieren: Überall wittern sie mögliche Geschäfte, wo eigentlich Gastfreundschaft oder Nachbarschaftshilfe angebracht wären. Das leerstehende Kinderzimmer vermieten sie an Touristen, bekochen Fremde gegen ein „Trinkgeld“ oder helfen als bezahlte Handlanger beim Umzug. „Aktivitäten, die auch einem guten Zweck dienen könnten – Handarbeiten für den Adventsbasar der Kirchengemeinde, Einkaufen für die gehbehinderte Nachbarin –, erscheinen in der Sharing-Economy auf einmal als unrentabler Zeitvertreib, aus dem sich kein Profit schlagen lässt“, schreibt etwa Tilman Baumgärtel in der Zeit. So würden zwischenmenschliche Beziehungen zu wahrgenommenen oder verpassten Gelegenheiten, Geld zu verdienen. Und die altruistischen Motive des Teilens und Tauschens verkehrten sich in ihr schieres Gegenteil.

Als „Plattform-Kapitalisten“ stehen vor allem Angebote wie der Fahrdienst Uber oder die Wohnungsvermittlung AirBnB am Pranger. Aus der Idee, das eigene Auto oder die eigene Wohnung unbürokratisch mit Fremden zu teilen, haben sie ein gewinnbringendes Geschäftsmodell entwickelt. Um die 20 Prozent Provision verlangen beide für ihre Vermittlungstätigkeiten und verdienen glänzend damit. 5,9 Milliarden Dollar soll Uber-Chef Travis Kalanick bei Wagnisgeldgebern eingesammelt haben, um weltweit zu expandieren. Der Unternehmenswert wird auf 41 Milliarden Dollar geschätzt.

Derweil sieht die Taxibranche rot ob der Billigkonkurrenz – eine Uber-Fahrt kostet etwa die Hälfte einer Taxifahrt –, zumal der Dienst rechtliche Regelungen umgeht: Die Fahrer brauchen keinen Personenbeförderungsschein, Versicherungsfragen bei Unfällen sind ungeklärt. Ähnlich bei AirBnB, gegen das die Hotelbranche Sturm läuft: Denn Privatwohnungen unterliegen schwächeren Brandschutzbestimmungen als Hotels und die Vermieter zahlen in der Regel keine Gewerbesteuern; wer für Schäden haftet, ist unklar.

Mit der Idee vom uneigennützigen Teilen habe das nichts mehr zu tun, bemängelte auch der Gewerkschafter Michael Schwemmle unlängst bei einer Podiumsdiskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung in Stuttgart und erzählte dazu eine Geschichte: Während der Geiselnahme in Sydney im vergangenen Dezember sei seine Tochter gerade dort gewesen und er habe das Geschehen deshalb genau verfolgt. Dadurch habe er mitbekommen, wie die Preise für Uber-Fahrten aus der Stadt zum Flughafen innerhalb kurzer Zeit in die Höhe schossen: von 60 auf 180 australische Dollars. „Das ist keine Share economy“, folgert Schwemmle, „das ist Kapitalismus pur, der ganz einfach nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage funktioniert.“

Die Gewerkschaften sorgen sich vor allem um die soziale Absicherung der Menschen, die sich als Billigchauffeure oder über Crowdworking-Portale wie TaskRabbit verdingen; auch sie rechnen sich zur Share economy. Beim Crowdworking erledigt eine Schar freier Mitarbeiter Aufgaben am Computer. Sie korrigieren zum Beispiel Webseiten, lesen Texte gegen oder transkribieren Tonaufnahmen. Es handle sich um „ein bemitleidenswertes Prekariat von Arbeitslosen, Studenten, Rentnern und Hausfrauen, die versuchen, sich mit mager bezahlten Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten“, schreibt Zeit-Autor Baumgärtel und analysiert: „Es ist kein Zufall, dass dieses Geschäftsmodell just während der Finanzkrise entstanden ist, als viele Amerikaner ihren Job verloren und vor dem Nichts standen.“ Der Vorwurf: Die Investoren solcher Unternehmen schlügen aus dem Umstand Kapital, dass es an gut bezahlten, sicheren Jobs fehle.

In dieselbe Kerbe haute Baden-Württembergs Arbeitsministerin Katrin Altpeter (SPD) bei der Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung: Man dürfe zwar nicht alle derartigen Portale generell verteufeln, denn sie könnten Aufträge vermitteln oder den Weg in die Selbständigkeit ebnen. Auf der anderen Seite könnten dadurch aber Solo-Selbständigkeiten entstehen „mit Dumpinglöhnen, ohne soziale Absicherung, ohne Arbeitsschutz und Mitbestimmung“, so Altpeter. „Das kann in niemandes Interesse sein.“

Die Aufgabe der Politik ist es nun, die Spreu vom Weizen zu trennen: die Vorteile der echten Share economy zu stärken, digital gestützte Innovationen und Geschäftsideen nicht abzuwürgen, aber gleichzeitig die ausbeuterischen Auswüchse des „Plattform-Kapitalismus“ einzudämmen. Wie sie das bewerkstelligen soll, da hatte die Landesministerin allerdings noch keine Lösungen parat.

 

Die Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Titel „Ist share auch fair economy?“ wurde aufgezeichnet und ist hier zu sehen. Eine Kurzzusammenfassung finden Sie hier.


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