Blog der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung


02.03.2018

Helene Stöcker, 1869 bis 1943

Anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März erinnern wir an die Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin Helene Stöcker, die vor rund 75 Jahren starb.

Bild: Helene Stöcker, Gedenktafel von OTFW lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Mit der Sittlichkeitsfrage fing es an

Skandalös war es, als die bürgerliche Frauenbewegung ab 1890 begann, sich mit der „Sittlichkeitsfrage“ zu befassen. Schließlich sollte die männliche Doppelmoral aufgedeckt werden: Obwohl man an ledige Männer und Frauen die gleichen sittlichen Ansprüche stellte, wurden Bordellbesuche oder Liebschaften der Männer stillschweigend geduldet.  Ledige Mütter dagegen und ihre Kinder waren stigmatisiert - ihre rechtliche und soziale Stellung zu verbessern sowie den Abtreibungsparagraphen zu modifizieren, waren daher Ziele der Sittlichkeits-Diskussion.

Viele auch heute noch relativ bekannte Frauen haben sich an diesem Diskurs beteiligt, Frauenvereine gegründet oder Zeitschriften herausgegeben: etwa Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann oder Minna Cauer. Dazu gehört auch Helene Stöcker - heute ein weniger bekannter Name.

Helene Stöcker und die sexuelle Befreiung der Frau

Helene Stöcker  (geb. 1869) war eine „mutige Vorkämpferin für ein freies Menschentum“ (so Paul Löbe), sie war Sexualreformerin und Pazifistin, sie vertrat in jeder Hinsicht radikale Vorstellungen: Ihr Ideal war die selbstbewusste, wirtschaftlich unabhängige und dem Mann in keiner Weise untergeordnete Frau - so lebte sie selbst und dafür kämpfte sie unermüdlich. Sie forderte den freien Zugang zu allen Bildungseinrichtungen für Frauen sowie deren staatsbürgerliche Gleichstellung. Sie propagierte das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper und ihre Sexualität - die sexuelle Befreiung der Frau also, die von der neuen Frauenbewegung nach 1968 erneut gefordert wurde / werden musste.

1898 gründete Helene Stöcker gemeinsam mit Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann den „Verband fortschrittlicher Frauenvereine“, ein Sammelbecken des eher radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung. Wichtiges Thema war auch hier die „Sittlichkeitsfrage“; man kämpfte für eine bessere Bildung für Mädchen und natürlich: für das Frauenstimmrecht.

Frauenstimmrecht: die staatsbürgerliche Gleichstellung

In der Folge initiierten 1902 wiederum Stöcker, Augspurg und Heymann den „Deutschen Verein für Frauenstimmrecht“. Die Gründung des Vereins löste großes Interesse im Deutschen Reich aus. Der Kampf um das Frauenwahlrecht war international, über die Forderungen wurde immer wieder in der Presse berichtet. Die Mitglieder verstanden es, das Thema durch Petitionen und lokale Aktionen in der Öffentlichkeit zu halten. Die sozialistische Frauenbewegung rief 1911 einen international begangenen Frauentag ins Leben, als Protesttag für den Kampf um das Frauenwahlrecht.

In nur wenigen europäischen Staaten erlangten die Frauen das Wahlrecht noch vor dem ersten Weltkrieg: 1906 in Finnland, 1913 in Norwegen. In Deutschland wurde mit der „Verordnung über die Wahlen zur verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung“ vom 30. November 1918 das Frauenwahlrecht fixiert, bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 konnten die deutschen Frauen erstmals ihre Stimme abgeben.

Für Frieden und Freiheit

Helene Stöcker hat ihr Engagement in zahlreichen Vereinen weiter betrieben. Zunächst lag ihr Schwerpunkt beim Bund für Mutterschutz und Sexualreform, Stöcker war dessen Vorsitzende und Herausgeberin der Zeitschrift „Mutterschutz“ (später: „Die neue Generation“).  Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges entwickelte sich Stöcker zur radikalen Pazifistin, schloss sich dem neu gegründeten pazifistischen „Bund Neues Vaterland“ an. 1919 war sie Mitbegründerin der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“, 1921 der „Internationale der Kriegsdienstgegner“.

Helene Stöcker war hervorragend vernetzt, sie war zu ihrer Zeit eine der bekanntesten Frauenrechtlerinnen und politischen Aktivistinnen. Zu ihrem 60. Geburtstag am 13. November 1929 erschien eine Festschrift, die ihr Wirken für die Emanzipation und ihr Engagement für den Frieden würdigt.

Nach der Machtübernahme ging sie ins Exil nach Zürich, später nach Schweden. Am 24. Februar 1943 stirbt sie verarmt in den USA. Ihr Todestag jährt sich in 2018 zum 75. Mal.

Verschiedene Texte von Helene Stöcker hält die Deutsche Digitale Bibliothek bereit,
dort finden sich zugleich zahlreiche Exponate zum Thema Frauenwahlrecht.

Helene Stöcker - Bestand in der FES-Bibliothek

Arbeitseinheit: Bibliothek


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