Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung

07.11.2018

Tief aus dem Böhmerwald ...

... berichtete 1925 der deutschböhmische Sozialdemokrat und Journalist Wenzel Jaksch von seinen Eindrücken aus dem Leben und Alltag der sudetendeutschen Sozialdemokraten. Wer waren diese Sozialdemokraten im Sudetenland, wie war ihre politische Einstellung und wie haben sie gelebt? Der historische Buchbestand der "Seliger-Gemeinde" gibt darüber Auskunft.

Bild: Josef Seliger von Rechteinhaber nicht ermittelbar

Die deutsche Arbeiterbewegung in den böhmischen Ländern

Bereits im Jahr 1863 wurde in Asch, dem nordöstlichsten Zipfel Böhmens, die erste sozialdemokratische Organisation im Kaiserreich Österreich-Ungarn gegründet. Zum unbestrittenen Führer der deutschsprachigen Arbeiterbewegung in Böhmen entwickelte sich einige Jahrzehnte später der Textilarbeiter und Journalist Josef Seliger. Auf einem historischen Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie im Jahre 1899 stellte er das Brünner Nationalitätenprogramm vor, in dem die Gleichberechtigung der Völker Österreich-Ungarns und die Umgestaltung der Monarchie in einen demokratischen Bundesstaat gefordert wurde. 1907 wurde er erstmals in das Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrats gewählt. Nach dem Zerfall der Doppelmonarchie war er von 1919 bis zu seinem frühen Tod 1920 erster Vorsitzender der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP).

Mit dem Nationalsozialismus wurde auch das Ende der sudetendeutschen Sozialdemokratie eingeläutet. Als 1938 nach dem Münchner Abkommen die Besetzung des Sudetenlandes durch die deutschen Truppen begann, wurden diese von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung jubelnd begrüßt. Für die prominenten Vertreter der antifaschistischen Opposition begann eine Zeit im Exil oder ein Leidensweg in den Konzentrationslagern. 1939 beschloss der Vorstand der DSAP die Einstellung aller Aktivitäten auf dem Territorium der Tschechoslowakei und die Fortsetzung der Arbeit im Exil unter dem Namen "Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten".

Der Bestand der "Bibliothek des Seliger-Archivs"

In der frühen Nachkriegszeit versuchten die Überlebenden der sudetendeutschen Sozialdemokraten, das alte DSAP-Archiv wieder zusammenzufügen. An den verschiedenen Emigrationsorten waren Teilbestände vor der Zerstörung bewahrt worden. Auf dieser Grundlage begann in den 1950er Jahren der Aufbau des "Seliger-Archivs" in Stuttgart durch die neu gegründete "Seliger-Gemeinde". Die Traditionsträger der deutschen Sozialdemokratie in der Tschechoslowakischen Republik benannten sich nun nach ihrem bedeutendsten ehemaligen Vorsitzenden.

Anfang der 1990er Jahre wurde der gesamte "Seliger-Bestand", darin enthalten ca. 4.700 historische Veröffentlichungen aus der Zeit vor 1938 und weitere 5.000 Bände aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, zur Erschließung und Aufbewahrung an die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung übergeben. Über das "Bestandsverzeichnis der Bibliothek des Seliger-Archivs" lassen sich nun nicht nur die Geschichtsquellen der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung in der deutschsprachigen Tschechoslowakei von ihren Anfängen bis zur deutschen Annexion wiederfinden, sondern auch landeskundliche Publikationen und belletristische Romane der Zeit.

Sie suchen Literatur über das Museum des Verbandes der Glas- und Keramikarbeiter und -arbeiterinnen in Haida (heute Nový Bor)? Oder eine Karte des Eisenbahnnetzes in Böhmen von 1934? Oder einen Bildband mit historischen Fotos der Sehenswürdigkeiten des Sudetenlandes? Oder die Festschrift aus Anlass der feierlichen Eröffnung der deutschen Knaben- und Mädchen-Bürgerschule Schreckenstein am 6. November 1932? Dieses und noch viel mehr finden Sie in der Bibliothek des Seliger-Archivs.


Literaturhinweise:
Wenzel Jaksch: Verlorene Dörfer, verlassene Menschen. Reportagen 1924-1928. Kulmbach, 2018, S. 45ff.
Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung: Bestandsverzeichnis der Bibliothek des Seliger-Archivs. Veröffentlichungen bis 1945. Bonn, 1995. - XXVI, 417 S. : Ill.


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