Rückblick: Chancen und Herausforderungen der digitalen Bildung

Podiumsdiskussion des Fritz-Erler-Forums am 6. Juli 2015 in Mannheim

"Die Schule darf kein Schonraum sein"

Bei einer Veranstaltung des Fritz-Erler-Forums in Mannheim ging es um Chancen und Herausforderungen digitaler Bildung. (Autorin: Ulrike Schnellbach)

Sabine Fandrych, Leiterin des Fritz-Erler-Forums. Bild: FES

"Bildung ermöglicht es uns, uns selbstbestimmt Ziele zu setzen. Sie befähigt zur Teilnahme am demokratischen Gemeinwesen und zu sozialer Verantwortung, sie eröffnet Chancen auf Arbeit und wirtschaftlichen Erfolg. Damit erschließt Bildung den Zugang zu unserer Welt und wird mittlerweile als die soziale Frage gesehen." Mit dieser Feststellung steckte Dr. Sabine Fandrych, die Leiterin des Fritz-Erler-Forums, den Rahmen ab für eine Veranstaltung über "Digitale Bildung" am 6. Juli 2015 in Mannheim. Sie stellte fest: "Die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft verändert die Art, wie wir leben, arbeiten und lernen. Und das sehr schnell."

Was bedeutet das für unsere Kinder? Wie soll Schule sie im Umgang mit digitalen Medien begleiten? Ab welcher Klassenstufe sollen Computer, Tablets und Handys im Unterricht zum Einsatz kommen? Das "Ob", da waren sich Veranstalter und Experten auf dem Podium einig, ist längst keine Frage mehr: Kinder und Jugendliche nutzen Smartphones und Computer sowieso, sie verbringen viel Zeit mit Computerspielen und Sozialen Netzwerken. Dabei sollten Eltern und Pädagogen sie nicht sich selbst überlassen.

Der Begriff "Digitale Bildung" ist verkürzt. Das stellte die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken eingangs klar: Natürlich könne Bildung an sich nicht digital sein, sie lasse sich nicht in Einsern und Nullen ausdrücken, so die Berichterstatterin für Digitale Bildung der SPD-Bundestagsfraktion. Die Fachleute verstehen unter dem Schlagwort "digitale Bildung" zweierlei: Zum einen den Einsatz digitaler Medien für Bildung; und zum anderen die Bildung für den Umgang mit digitalen Medien. Horst Niesyto, Medienpädagoge an der Hochschule Ludwigsburg, spricht lieber von "Medienbildung" und schließt dabei ausdrücklich ältere Medien wie Filme ein. Auch zum Umgang damit müssten Schülerinnen und Schüler befähigt werden, mahnte er. Und zwar nicht nur als möglichst kritische Konsumenten, sondern auch als Produzenten, indem sie Videos drehen oder Internet-Blogs schreiben.

Jugendliche als Akteure in der digitalen Welt

Für Saskia Esken geht es dabei um "digitale Souveränität". Sie fordert: "Wir müssen junge Leute dazu befähigen, selbst zu wählen, ob sie in der digitalen Welt Akteure, Kunden oder Ware sein wollen." Dafür müssten Jugendliche Programme und Spiele nicht nur anwenden können. Sie bräuchten darüber hinaus ein grundlegendes Verständnis für Algorithmen. Jeder Schüler, jede Schülerin müsse deshalb auch programmieren lernen, findet Esken, die selbst staatlich geprüfte Informatikerin ist. Ein eigenes Fach Informatik, wie es eine Lehrerin im Publikum vehement einforderte, werde es aber nicht geben, so Esken. Schon jetzt seien die Stundenpläne übervoll, neue Fächer in Planung und viele Fachlehrer forderten zudem mehr Zeit für ihre Fächer. Digitale Bildung müsse fächerübergreifend stattfinden und auch Themen wie Datensicherheit und Urheberrecht vermitteln.

Stefan Fulst-Blei und Saskia Esken. Bild: FES

Für die Abgeordnete aus dem Wahlkreis Calw-Freudenstadt kann damit kaum zu früh begonnen werden. Die Informationstechnische Grundbildung, die derzeit für Baden-Württembergs Schüler ab Klasse fünf auf dem Lehrplan steht, komme zu spät, wenn schon Sechsjährige selbständig im Internet surfen. "Wir können in Schulen keinen Schonraum einrichten und die Augen vor der Realität verschließen", so Eskens Plädoyer für den Einsatz digitaler Medien ab der ersten Klasse.

Dem entspricht die Aufwertung der Medienbildung im neuen Bildungsplan, den das SPD-geführte Kultusministerium derzeit erarbeitet. Der Plan sieht vor, dass vom Schuljahr 2016/17 an Computer schon in Grundschulen verpflichtend eingesetzt werden sollen. Nach dem Plan soll Medienbildung in Baden-Württembergs Schulen künftig eine der fünf Leitperspektiven sein. Was das bedeutet, erläuterte der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Stefan Fulst-Blei: Digitale Medien sollen in allen Klassenstufen und in allen Unterrichtsfächern altersgerecht zum Einsatz kommen.

Medienbildung der Lehrkräfte verbessern

Städte und Gemeinden ziehen dabei mit dem Land an einem Strang, wie Norbert Brugger vom Städtetag Baden-Württemberg ausführte. Auf die Kommunen, die für die Ausstattung der Schulen zuständig sind, kommen damit enorme Kosten zu. Allerdings betonte Brugger, dass es mit einer zeitgemäßen Technik an den Schulen alleine nicht getan ist. Denn es sei nicht garantiert, dass Lehrerinnen und Lehrer von Smartboards oder Computern im Klassenzimmer auch Gebrauch machen. Er plädierte deshalb für verstärkte Weiterbildung und verwies auf das in seinen Augen vorbildliche Angebot des Landesmedienzentrums. Dort können Lehrerinnen und Lehrer geeignete Materialien abrufen und sich schlau machen, wie sie Medien im Unterricht sinnvoll einsetzen. "Darum beneiden uns andere Bundesländer!" Viele Pädagogen nutzten die vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Medien bereits, so Brugger. "Aber man kann sie natürlich nicht zwingen."

Norbert Brugger, Horst Niesyto und Ulrike Schnellbach. Bild: FES

Professor Niesyto machte deutlich, dass sich die Lehrerausbildung dringend von Grund auf verändern müsse. Mit einer verpflichtenden Überblicksvorlesung in Medienpädagogik sei die Hochschule Ludwigsburg Vorreiterin. Das reiche aber bei weitem nicht aus. Um digitale Medien später im Unterricht sinnvoll einsetzen zu können, bräuchten die Studierenden vertiefende Seminare, in denen sie die Anwendung in kleinen Gruppen üben können. 

"Ein riesiger Markt für Apple & Co."

Stefan Fulst-Blei sieht die rasante Digitalisierung aller Lebensbereiche mit Skepsis. Der Mannheimer Landtagsabgeordnete hatte unlängst an einer Reise ins Silicon Valley teilgenommen und brachte seine Eindrücke so auf den Punkt: "Da rollt eine Lawine auf uns zu." Die Entwicklung sei vergleichbar mit der Erfindung der Elektrizität, die das Leben der Menschen grundlegend veränderte. Fulst-Blei plädiert dafür, genau zu prüfen, welche Technik im Unterricht wann und für welchen Zweck sinnvoll eingesetzt werden kann. Sonst laufe Schule Gefahr, einfach "ein riesiger Markt für Apple & Co." zu werden. Der Berufsschullehrer Fulst-Blei: "Man muss sich auch fragen, wo der Einsatz von Tablets und dergleichen möglicherweise keinen Sinn macht."

Auch Medienpädagoge Niesyto plädierte dafür, Medienbildung nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern stets nach dem Ziel zu fragen. Es gehe nicht nur darum, junge Menschen auf bestimmte Berufe für die Wirtschaft vorzubereiten – Stichwort "Industrie 4.0". Ziel sei vielmehr die grundsätzliche Befähigung zu selbstbestimmtem Leben.

Warnung vor einer "digitalen Spaltung" der Gesellschaft

Darum geht es auch Saskia Esken, und sie wies noch auf einen weiteren Aspekt hin: Bildungschancen hängen in Deutschland nicht nur viel zu stark vom Einkommen ab. Sie hängen zunehmend auch davon ab, wie technikaffin die Eltern eines Schülers, einer Schülerin sind, wie gut sie also bei Powerpoint-Präsentationen und Internetrecherchen helfen können. Weil dieser Befund dem sozialdemokratischen Ideal der Bildungsgerechtigkeit widerspricht, ist es der Bundestagsabgeordneten ein Anliegen, einer drohenden "digitalen Spaltung" der Gesellschaft entgegenzuwirken – mit digitaler Bildung für alle Kinder von klein auf.

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Lesenswert

Open Educational Resources in der Schule, Diskussionspapier, Valerie Lange, 2014, 55 S.

Schöne neue Welt? Open Educational Resources an Schulen, Ute Erdsiek-Rave (Hrsg.), 2014, 100 S.

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