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Fritz Erler

Fritz Erler

Bestand: 17,25 lfd.m.
Laufzeit: 1932 - 1967

Lebensdaten: * 14.7.1913 † 22.2.1967

Anläßlich des Todes von Fritz Erler schrieb "Der Tagesspiegel" (Berlin) am 23.2.1967: "Obwohl er keinen Titel getragen und kein öffentliches Amt bekleidet hat, wird Fritz Erler von der Geschichte zu den zehn Männern gezählt werden, die in den ersten zwei Jahrzehnten der Nachkriegszeit den stärksten Einfluß auf die deutsche Politik ausgeübt haben. ... Denn kaum einer war so sehr wie er berufen, Verantwortung zu tragen und politische Entscheidungen zu treffen. Jahrzehnte einer konsequenten, beharrlichen Arbeit an sich selbst, viele Jahre der Zusammenarbeit mit Politikern innerhalb und außerhalb seiner Partei in Deutschland und in vielen Ländern der Welt, hatten ihn zu einem der tüchtigsten und angesehensten Männer in unserem Land werden lassen. ... alle waren sich darüber einig, daß er mit seinem Wissen, seiner Intelligenz, seiner Beherrschung des politischen Metiers zu den Zierden der deutschen Demokratie gehörte.".
Fritz Kurt Gustav Erler wurde am 14.7.1913 in Berlin geboren. Seine Mutter Anna E., geb. Rottke (von Beruf Schneiderin), gehörte seit 1906, sein Vater Gustav E. (von Beruf Friseur) seit 1912 der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an.
Mit 15 Jahren trat Erler 1928 in die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) ein. 1931 wurde er Mitglied der SPD. 1933 mußte er als Vorsitzender der Sozialistischen Schülergemeinde von Groß-Berlin deren Auflösung durch das NS-Regime erleben.
Nach dem Besuch einer Oberrealschule und dem Abitur im Februar 1932 besuchte er das Verwaltungsseminars in Berlin. Er wurde 1935 außerplanmäßiger Inspektor bei der Berliner Stadtverwaltung. Dort lernte er seine spätere Frau Käthe, geb. Wiegand, kennen, die wie er Mitglied der SAJ gewesen war. Fritz Erler heiratete Käthe Wiegand im Juli 1938. Aus dieser Ehe gingen später 2 Söhne und 1 Tochter hervor. Käthe Erler war, als Erler starb, sozialdemokratische Stadträtin in Pforzheim.
1938 mußte Erler sein Amt bei der Berliner Stadtverwaltung aufgeben; er wurde kaufmännischer Leiter bei einer Gummifabrik in Berlin-Mariendorf. Politisch hatte er sich der (illegalen) Neu-Beginnen Gruppe angeschlossen, die im Untergrund ihre Widerstandsarbeit gegen das NS-Regime fortsetzte. Einige Reisen ins Ausland gaben Erler die Gelegenheit, Verbindungen zu politischen Freunden im Exil anzuknüpfen.
Während der sog. Sudetenkrise wurde Erler Soldat und kurze Zeit später (im November 1938) verhaftet. Im September 1939 stand er als Angeklagter vor dem Zweiten Senat des Volksgerichtshofes. Das Gericht verurteilte ihn wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu 10 Jahren Zuchthaus verbunden mit Zwangsarbeit.
Für Erler folgten Aufenthalte in Zuchthäusern und Lagern: Berlin, Brandenburg, Aschendorfer Moor (Emsland), Dieburg (Hessen) und Kassel-Wehlheiden. Dieser Leidensweg endete, als er im April 1945 während eines vorgesehenen Transports nach Dachau fliehen konnte. Bis zum Einmarsch der alliierten Truppen verbarg er sich in Biberach (Württemberg). Dort wurde er im Mai 1945 von den Besatzungsbehörden als Landrat eingesetzt. Von Januar - Mai 1946 war er - wegen Beihilfe zur Flucht eines Fremdenlegionärs - durch die französische Besatzungsmacht im Lager Balingen interniert. Nach einer einjährigen Tätigkeit (Juni 1946/Juni 1947) bei der Landesregierung Württemberg-Hohenzollern in Tübingen wurde er für 2 Jahre (1947 - 1949) Landrat in Tuttlingen.
Als Vertreter der SPD gehörte er der Verfassungsgebenden Landesversammlung von Württemberg-Hohenzollern seit 1946 an. Mitglied des ersten Landtags wurde er 1947.
Am 14. August 1949 zog Fritz Erler als SPD-Kandidat des Wahlkreises Rottweil-Tuttlingen in den Deutschen Bundestag ein. 1953 - 1965 wurde er jeweils wiedergewählt.
Im Bundestag erwies sich Erler bald als sozialdemokratischer Experte für Außen- und Wehrpolitik. Er hatte zahlreiche Ämter in der Partei, in der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion, im Parlament und in anderen Gremien und Organisationen. 1949 wurde Erler Gründungsmitglied des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung, Mitbegründer des Jugendsozialwerks Tübingen, und stellvertretender Präsident des Bundeskuratoriums des Jugendsozialwerkes, 1950 Mitglied der Beratenden Versammlung des Europarates und 1951 Mitglied des Vorstandes der SPD-Bundestagsfraktion. Von 1952 - 1957 war er stellvertretender Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Fragen der europäischen Sicherheit bzw. Verteidigung. 1954 Vizepräsident des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung, 1955 Mitglied der Versammlung der Westeuropäischen Union, 1956 Vizepräsident der Europäischen Stiftung für Internationalen Austausch (Brüssel). 1956 wurde er in den Parteivorstand der SPD gewählt und übernahm im gleichen Jahr die Funktion des Vizepräsidenten der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. 1958 erfolgte seine Wahl in das Präsidium der SPD, 1959 wurde er Mitglied des International Advisory Council des Institute for Strategic Studies (London) und 1964 Vizepräsident dieses Instituts.
Im Februar 1964 erfolgte Erlers Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden seiner Partei. Im März 1964 wurde er - als Nachfolger Erich Ollenhauers - Vorsitzender der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion.
Bereits zu einem frühen Zeitpunkt hatte sich Fritz Erler - neben anderen - mit Vorschlägen und Plänen befaßt, die SPD, die sich u.a. noch immer auf das in mancher Hinsicht veraltete Heidelberger Grundsatzprogramm von 1925 beziehen mußte, zu reformieren. Im Februar 1954 sprach er sich dafür aus, die Parteisprache zu modernisieren. Obschon sich 1956/1957 Erlers "Engagement in der Debatte über theoretische Grundsatzprobleme der Partei verringerte" und obwohl er 1958 die Frage aufwarf, ob die Zeit für ein umfassendes sozialdemokratisches Grundsatzprogramm überhaupt reif sei, kann er als Wegbereiter des Godesberger Programms der SPD (1959) gelten, also jenes Programmes, das die Wandlung der SPD von einer Klassen- und Weltanschauungspartei in eine sozialdemokratische Volkspartei sichtbar machte. An den Arbeiten der Programmkommission hatte sich Erler allerdings von 1956 bis zum Frühjahr 1959 nicht mehr beteiligt. Als die Frage einer deutschen Wiederbewaffnung akut wurde, erklärte Fritz Erler, Deutschland dürfe sich in keinen der Militärblöcke eingliedern lassen. Das hinderte ihn nicht - als die Frage der Remilitarisierung und des Anschlusses der Bundesrepublik an die NATO im Sinne der CDU/CSU und gegen den Willen der SPD entschieden worden war - an der militärpolitischen Gesetzgebung im Bundestag mitzuarbeiten und sozialdemokratische Kontakte zur Bundeswehr herzustellen.
Auf dem Gebiet der Außen- und Wehrpolitik beteiligte sich Erler in den 50er Jahren mit eigenen Vorstellungen an der Diskussion um den sog. Rapacki-Plan. Seine Vorstellungen und Ziele vertrat er in zahlreichen Veröffentlichungen und auf Informationsreisen, die ihn u.a. in die USA, Sowjetunion, in den Vatikan und nach Israel führten. Etwa ab 1960 war er zusammen mit Willy Brandt und Herbert Wehner einer der bedeutendsten Vertreter des neuen SPD-Kurses, der - in Anerkennung der durch andere geschaffenen Fakten - u.a. durch ein Abrücken vom Deutschlandplan und durch ein Bekenntnis zu einer Verteidigungspolitik im Rahmen der NATO gekennzeichnet war.
Weitere politische Vorstöße und Initiativen, die wesentlich auf Erler zurückgehen: Vorschlag von Sitzungen des Bundestags in Berlin (September 1960); Anregung der Aufnahme diplomatischer Beziehungen der Bundesrepublik zu Polen (Januar 1960); Plan der SPD zur Mitwirkung der NATO beim Einsatz von Atomwaffen im Verteidigungsfall (Dezember 1961); Kritik an der geplanten multilateralen Atommacht (1963) und Forderung nach besserer Information der europäischen NATO-Staaten über die Atompolitik der USA; Kritik an de Gaulles Europapolitik (Dezember 1964); Anregung einer direkten Diskussion mit Polen über die Oder-Neiße-Linie noch vor Abschluß eines Friedensvertrages (Januar 1965) und Kritik an der starren Haltung der sog. Hallstein-Doktrin. Am 26.11.1964 war Erler zum stellvertretenden Parteivorsitzenden der SPD wiedergewählt worden; am 3.11.1965 erfolgte seine Wiederwahl zum Vorsitzenden der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion.
Um die Jahreswende 1965/1966 brach seine tödliche Blutkrankheit aus. Obwohl von der Krankheit gezeichnet, trat er noch im Juni 1966 auf dem SPD-Parteitag in Dortmund als Redner auf.
An den Verhandlungen zur Bildung einer Großen Koalition im Spätherbst 1966 konnte er nicht mehr direkt teilnehmen. Vom Krankenbett aus richtete er jedoch einen längeren, bekannt gewordenen Brief an Willy Brandt, in dem er zur Beendigung der Regierungskrise eine Koalition von CDU/CSU und SPD befürwortete.
Fritz Erler starb am 22. Februar 1967 im Alter von 53 Jahren in Pforzheim.

Der Hauptteil des Nachlasses befindet sich seit 1971 im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung. Nach 1971 (bis 1996) erfolgten noch kleinere Ergänzungslieferungen (so etwa Notizbücher, Tonbänder etc.).
Bei der Übernahme des Erler-Nachlasses stellte sich heraus, daß der gesamte Bestand klar und übersichtlich gegliedert war. Es wurde bei der Verzeichnung des Bestandes auf eine möglichst ausführliche Beschreibung Wert gelegt.
Auf thematische und formale Verweisungen innerhalb des sehr umfangreichen Findbuches wurde im allgemeinen verzichtet.

Fritz Erler im Online-KatalogBibliothek der FES