Blog Denkanstoß Geschichte Willy Brandt, Andy Warhol und die Wohltätigkeitskrümel 18.02.2026 Sven Haarmann Andy Warhol malt Willy Brandt! Sechs Porträts, dutzende Polaroids, Pressefotos, Zeitungsartikel und Archivalien erinnern an eine Kunstaktion. Am 18. Februar 1976 trafen sich Andy Warhol und Willy Brandt um 15 Uhr zum ersten und zum letzten Mal – in einer kleinen Galerie in einem zweistöckigen Anbau an der Ecke Poppelsdorfer Allee/Prinz-Albert-Straße in Bonn. Ihre Begegnung hatte der mit dem Pop-Art-Künstler befreundete Galerist Hermann Wünsche eingefädelt; seine Idee, Warhol möge künftig auch westdeutsche Berühmtheiten mit seiner Polaroid Big Shot ablichten und die im Siebdruckverfahren auf großformatige Leinwand gezogenen Fotos mit Acrylfarben kolorieren, führte direkt zu Willy Brandt. Schriftliche Belege der ersten Anfragen und Vorbereitungen fehlen, aber damals hieß es, Brandt habe spontan zusagt – unter der Voraussetzung, dass ein Bild zu wohltätigen Zwecken verkauft werde: Der Erlös sollte UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen zugutekommen. Willy Brandts Terminkalender, 18. Februar 1976 Bild: Urheber: AdsD Vermerk zur Begegnung zwischen Willy Brandt und Andy Warhol, 13. Februar 1976 Bild: Urheber: AdsD So machte Andy Warhol auf einer Europareise zwischen St. Moritz und Neapel einen Abstecher in die damalige Bundeshauptstadt. Die Galerie Wünsche war gefüllt mit angeblich 80 Journalist_innen, Fotograf_innen, Kameraleuten und Neugierigen, die sich umso mehr drängten, als Warhol und Brandt zusammenfanden und in kargem Small Talk aneinander vorbeiredeten (Tonaufnahmen und bewegte Bilder werden bis heute gesucht). Kaum war die Sofortbildkamera ausgepackt und getestet, zogen sich der Künstler und sein Modell in einen Raum im ersten Stock zurück, um vor weißer Wand und ungestört vom Blitzlichtgewitter die Polaroids zu knipsen. Neben Warhols Managern durften während der Aufnahmen wohl nur zwei Fotografen dabei sein, Herbert Peterhofen (Stern) und Sven Simon (Axel Springer jr.) nutzten ihre Chance. Ursprünglich hatte Brandts Mitarbeiter an Jupp Darchinger gedacht. Der war an diesem Tag nachweislich in Bonn, fotografierte aber woanders. Warum er sich dieses Spektakel entgehen ließ, bleibt ein Rätsel. Andy Warhol, Hermann Wünsche und Willy Brandt mit dem ersten Polaroid-Foto, 18. Februar 1976 Bild: Urheber: picture alliance / dpa / Peter Popp Andy Warhol fotografiert Willy Brandt in der Galerie Wünsche (Poppelsdorfer Allee im Hintergrund), 18. Februar 1976 Bild: Urheber: picture alliance / Sven Simon Etwa zehn Minuten und 26 oder 29 Polaroids später folgten im Pressetrubel noch einige Wortwechsel und Autogramme. Warhol gab freimütig zu Protokoll, was ihn – neben dem Honorar in Höhe von $ 25.000 – zu dieser Aktion bewogen hatte: „He is, after all, an outstanding man in history, and this was incentive enough.“ Das publizistische Echo hallte beachtlich nach und es drehte erneut auf, als fünf fertige Bilder (viermal Brandt mit Zigarette, einmal ohne) zuerst am 24. Juni in der Residenz des deutschen UN-Botschafters Rüdiger von Wechmar in New York, schließlich Anfang Juli in der Galerie Wünsche in Bonn und wenig später in Wünsches Dependance im Hamburger Stadtviertel Pöseldorf ausgestellt wurden. Willy und Rut Brandt gaben sich am Abend des 3. Juli die Ehre. Fotos davon, wie der reale Willy Brandt sein Pop-Art-Konterfei begutachtete, scheint es seltsamerweise nicht zu geben. Die Reaktionen fielen gemischt aus. Manche fanden die Porträts gelungen, andere fremdelten immer noch mit Warhols Werken. Willy Brandt gab sich gelassen und erinnerte daran, „der Porträtierte“ solle „sich über sein Bild zu allerletzt äußern“. Gleichwohl findet sich seine wahrscheinlich erste Reaktion in zwei Varianten verschriftlicht: „Da muss man sich wohl erst mal dran gewöhnen.“ bzw. „Das muss man erst einmal verdauen.“ Zeitungsartikel „‚Ohne Lidschatten gefällst du mir besser‘, meinte Rut Brandt“ (Kölnische Rundschau, 5. Juli 1976) Bild: Urheber: AdsD Brief von Willy Brandt an Andy Warhol, 13. Juli 1976 Bild: Urheber: AdsD Und UNICEF? Eines der fünf Bilder – das Porträt mit kadmiumrotem Hintergrund – sollte zunächst versteigert werden, wurde dann aber die Hauptattraktion einer Tombola. Der knallbunte Kunst-Glamour bekam Kratzer, als ruchbar wurde, dass der von Hermann Wünsche organisierte Losverkauf nur schleppend anlief. Von 2.000 Losen zu je 50 DM bekam der Galerist weit weniger als die Hälfte los, Ende August lagen erst 400 Lose im Topf. Auf einem Basar am 1./2. September, der den Absatz auf den letzten Metern ankurbeln sollte, ließ sich Willy Brandt wegen zahlreicher Bundestagswahlkampftermine nicht blicken, auch nicht bei der Tombola, die tags darauf am 3. September im Rahmen eines unter UNICEF-Schirmherrschaft veranstalteten Spätsommerfests in der Bad Godesberger Redoute mit einer dem Vernehmen nach hektischen und undurchsichtigen Ziehung ihr Ende fand. Das Bild ging ausgerechnet an einen anderen Galeriebetreiber, der es zudem zerknirscht entgegennahm, weil er eigentlich einen Teppich gewinnen wollte. Anschließend hieß es, die Party in der Redoute habe Verluste eingefahren. Wieviel unterm Strich für UNICEF übrigblieb? In Zeitungsartikeln wurden zwar verschiedene fünfstellige Summen – z.B. 65.000 DM – kolportiert, doch hierbei handelte es sich um den grob taxierten Marktwert des Bildes. Die Vorsitzende des Deutschen Komitees für UNICEF ließ sich im Februar 1977 ernüchtert in einem Artikel zitieren: „Die UNICEF hat von Herrn Wünsche DM 2.000,-- (zweitausend) bekommen und ihm dafür eine entsprechende Spendenquittung ausgestellt.“ Reaktionen Willy Brandts hierauf sind nicht überliefert. Als ihn 1989 und 1991 erste Anfragen erreichten, ob er seine Erinnerungen an die Warhol-Aktion in Worte fassen könne, brachte er kaum welche hervor. Willy Brandt erinnert sich an die Begegnung mit Andy Warhol, 2. Mai 1991 Bild: Urheber: AdsD Das kadmiumrote Porträt verschwand, kaum dass es auf der Tombola den Besitzer gewechselt hatte. Seitdem tauchte es nur selten auf, 2003 übertraf es bei Sotheby’s in London den Schätzpreis von £ 70.000 (also mehr als 100.000 €). Es wird derzeit in New York vermutet und ist vor allem durch die als „Trostpreis“ gedachten Poster der Galerie Wünsche bekannt. Manche Exemplare wurden noch Jahre später von Warhol und/oder Brandt signiert. Willy Brandt signiert Andy-Warhol-Poster bei seinem Besuch im Archiv der sozialen Demokratie, 14. Februar 1991 Bild: Urheber: AdsD Andy Warhols Willy-Brandt-Porträt im Haus der Geschichte Bonn, 6. Februar 2026 Bild: Urheber: AdsD Die anderen fünf Bilder der Serie wanderten in Andy Warhols Factory zurück und gelangten irgendwann nach seinem Tod im Jahre 1987 auf den Markt. Nunmehr am ehesten präsent ist ein türkisfarbenes Porträt im Haus der Geschichte in Bonn, links im Foyer – etwas versteckt – oben an der Außenwand der Lounge im ersten Stock schwebend. 1989 hatte sich ein Hamburger Kunstsammler und Galerist an Willy Brandt gewandt: Er besitze mehrere Porträts der Serie, eines wolle er behalten, an einem habe ein skandinavisches Museum Interesse signalisiert, aber es solle doch eigentlich Deutschland nicht verlassen, ob Brandt eine Möglichkeit sehe und jemanden kenne? Das Büro antwortete, Brandt könne „aus naheliegenden Gründen nicht tätig werden“. Vielleicht wurde dann doch abseits aktenkundiger Vermerke und Briefe vermittelt, denn etwa ein Jahr später meldete sich der Sammler erneut, er stehe nun mit der Anfang 1990 errichteten Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Verbindung. Ein in Erd- und Sandfarben etwas eintönig gestaltetes Porträt gehört(e) einem deutsch-amerikanischen Immobilieninvestor. Ein weiteres türkisfarbenes Porträt mit stärker verschobenen Konturen wird hierzulande in einer privaten Sammlung gehütet, es kursiert seit 2006 als Kunstdruck in kleinerem Format und ist als Original gelegentlich sichtbar, sei es 2012 zur Dekoration einer Fernsehshow oder 2022 auf der Art Cologne. "Gottschalk Live" (Das Erste) mit Thomas Gottschalk und Jerry Hall an Andy Warhols 25. Todestag, 22. Februar 2012 Bild: Urheber: picture alliance / dpa / Jörg Carstensen Bundesaußenminister Joschka Fischers Arbeitszimmer im Auswärtigen Amt, Berlin, 27. Januar 2000 Bild: Urheber: picture alliance / Berliner Kurier / Kay Herschelmann Das von Hermann Wünsche auf der Grundlage eines anderen Polaroids in Auftrag gegebene Motiv, das Brandt ohne Zigarette zeigt, hatte Andy Warhol in identischer Farbgebung und ähnlicher Ausführung in zwei Bildern realisiert. Ein Bild verblieb im Eigentum Wünsches und erschien nach seinem Tod auf zwei Auktionen 1994 und 2008. Zwischendurch hing es als Leihgabe im Auswärtigen Amt in Bundesaußenminister Joschka Fischers Büro, inzwischen befindet es sich in der Sammlung des US-amerikanischen Unternehmers Andrew Hall. Das andere Bild konnte recht bald nach einer Stippvisite in den Deichtorhallen Hamburg 2001/02 von der Kunstsammlung des Deutschen Bundestags gesichert werden, die das Porträt zu ihren Highlights zählt. Es wird im FORUM KUNST im Deutschen Bundestag ab dem 22. September 2026 im Mittelpunkt der Ausstellung Kokoschkas Adenauer. Warhols Brandt zu sehen sein. Auch Andy Warhols Polaroids lassen die Kassen klingeln; ein signiertes Foto aus Hermann Wünsches Nachlass wurde bereits zweimal versteigert, zuletzt erzielte es Ende 2021 mehr als 6.000 €. LotSearch, Auktionsarchiv: Willy-Brandt-Polaroid von Andy Warhol für 6.150 €, 4. Dezember 2021 Bild: Urheber: LotSearch Willy-Brandt-Polaroid von Andy Warhol in der Hamburger Kunsthalle, 31. Juli 2014 Bild: Urheber: picture alliance / dpa / Malte Christians Der Wertsteigerung sind keine Grenzen gesetzt: Käme heutzutage eines der sechs Gemälde unter den Hammer, wäre wohl eine solide siebenstellige Summe fällig. 1976 fielen von der Pop-Art-Staffelei enttäuschend wenige Krümel für UNICEF ab. Sie sind längst aufgebraucht, doch der Glanz des wohltätigen Zwecks umstrahlt Andy Warhols Willy-Brandt-Porträts fälschlicherweise bis heute. Sven Haarmann Zum Weiterlesen, Weiterschauen und Weiterhören:Andy Warhol Foundation for the Visual Arts: The Andy Warhol Catalogue Raisonné, Vol. 4 – Paintings and Sculpture late 1974-1976. London 2014stern-Fotoarchiv der Bayerischen Staatsbibliothek: Willy Brandt, SPD-Vorsitzender, und Pop-Künstler Andy Warhol – Fotos von Herbert Peterhofen, 18. Februar 1976bpk-Bildagentur / Hamburger Kunsthalle: Andy Warhols Polaroid, 18. Februar 1976 (Vorlage der vier Willy-Brandt-Porträts mit Zigarette)Haus der Geschichte Bonn: Besucherinformation (Wimmelbild: Wo ist Willy?)Das Erste: Gottschalk Live, 22. Februar 2012 (ab 2:34 Min.)Hall Art Foundation: Andy Warhol – Works from the Hall Collection, February 4 – May 15, 2016Kunstsammlung des Deutschen Bundestags: Highlights der Sammlung: Andy Warhols Willy BrandtKunstsammlung des Deutschen Bundestags: Kommende Ausstellung Kokoschkas Adenauer. Warhols Brandt.David Eisermann: Willy Brandt kommt in die Poppelsdorfer Allee, 2025 – Bonner Bogen-Lesung im Pantheon Theater (ungekürzt), 17. Juni 2025Thames Television: Andy Warhol Interview – Pets, 1976NDR: 1980 brachte Andy Warhol Pop-Art nach Hamburg und Lübeck, 16. November 2025 Das könnte Sie ebenfalls interessieren Bild: Urheber: picture alliance / ASSOCIATED PRESS Montag, 07.12.2020 Denkanstoß Geschichte Willy Brandts Kniefall von Warschau – Versuch einer Rekonstruktion Warschau, 7. Dezember 1970: Als Bundeskanzler Willy Brandt am Ehrenmal zum Gedenken an den Aufstand im Warschauer Ghetto auf die Knie sank – eine stumme Geste der Demut und des Respekts gegenüber den im Holocaust ermordeten Jüdinnen und Juden –,... Bild: Urheber: J. H. Darchinger / FES | 6/FJHD005114 Dienstag, 10.06.2025 Denkanstoß Geschichte Jupp Darchinger - Das Auge der Republik Geht es um die „Bonner Republik“, stößt man unweigerlich auf Jupp Darchingers Fotografien – ganz besonders in diesem Blog. 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