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Willy Brandt, Andy Warhol und die Wohltätigkeitskrümel

Sven Haarmann

Andy Warhol malt Willy Brandt! Sechs Porträts, dutzende Polaroids, Pressefotos, Zeitungsartikel und Archivalien erinnern an eine Kunstaktion.

Am 18. Februar 1976 trafen sich Andy Warhol und Willy Brandt um 15 Uhr zum ersten und zum letzten Mal – in einer kleinen Galerie in einem zweistöckigen Anbau an der Ecke Poppelsdorfer Allee/Prinz-Albert-Straße in Bonn. Ihre Begegnung hatte der mit dem Pop-Art-Künstler befreundete Galerist Hermann Wünsche eingefädelt; seine Idee, Warhol möge künftig auch westdeutsche Berühmtheiten mit seiner Polaroid Big Shot ablichten und die im Siebdruckverfahren auf großformatige Leinwand gezogenen Fotos mit Acrylfarben kolorieren, führte direkt zu Willy Brandt. Schriftliche Belege der ersten Anfragen und Vorbereitungen fehlen, aber damals hieß es, Brandt habe spontan zusagt – unter der Voraussetzung, dass ein Bild zu wohltätigen Zwecken verkauft werde: Der Erlös sollte UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen zugutekommen.
 

So machte Andy Warhol auf einer Europareise zwischen St. Moritz und Neapel einen Abstecher in die damalige Bundeshauptstadt. Die Galerie Wünsche war gefüllt mit angeblich 80 Journalist_innen, Fotograf_innen, Kameraleuten und Neugierigen, die sich umso mehr drängten, als Warhol und Brandt zusammenfanden und in kargem Small Talk aneinander vorbeiredeten (Tonaufnahmen und bewegte Bilder werden bis heute gesucht). Kaum war die Sofortbildkamera ausgepackt und getestet, zogen sich der Künstler und sein Modell in einen Raum im ersten Stock zurück, um vor weißer Wand und ungestört vom Blitzlichtgewitter die Polaroids zu knipsen. Neben Warhols Managern durften während der Aufnahmen wohl nur zwei Fotografen dabei sein, Herbert Peterhofen (Stern) und Sven Simon (Axel Springer jr.) nutzten ihre Chance. Ursprünglich hatte Brandts Mitarbeiter an Jupp Darchinger gedacht. Der war an diesem Tag nachweislich in Bonn, fotografierte aber woanders. Warum er sich dieses Spektakel entgehen ließ, bleibt ein Rätsel.
 

Etwa zehn Minuten und 26 oder 29 Polaroids später folgten im Pressetrubel noch einige Wortwechsel und Autogramme. Warhol gab freimütig zu Protokoll, was ihn – neben dem Honorar in Höhe von $ 25.000 – zu dieser Aktion bewogen hatte: „He is, after all, an outstanding man in history, and this was incentive enough.“
 

Das publizistische Echo hallte beachtlich nach und es drehte erneut auf, als fünf fertige Bilder (viermal Brandt mit Zigarette, einmal ohne) zuerst am 24. Juni in der Residenz des deutschen UN-Botschafters Rüdiger von Wechmar in New York, schließlich Anfang Juli in der Galerie Wünsche in Bonn und wenig später in Wünsches Dependance im Hamburger Stadtviertel Pöseldorf ausgestellt wurden. Willy und Rut Brandt gaben sich am Abend des 3. Juli die Ehre. Fotos davon, wie der reale Willy Brandt sein Pop-Art-Konterfei begutachtete, scheint es seltsamerweise nicht zu geben. Die Reaktionen fielen gemischt aus. Manche fanden die Porträts gelungen, andere fremdelten immer noch mit Warhols Werken. Willy Brandt gab sich gelassen und erinnerte daran, „der Porträtierte“ solle „sich über sein Bild zu allerletzt äußern“. Gleichwohl findet sich seine wahrscheinlich erste Reaktion in zwei Varianten verschriftlicht: „Da muss man sich wohl erst mal dran gewöhnen.“ bzw. „Das muss man erst einmal verdauen.“
 

Und UNICEF? Eines der fünf Bilder – das Porträt mit kadmiumrotem Hintergrund – sollte zunächst versteigert werden, wurde dann aber die Hauptattraktion einer Tombola. Der knallbunte Kunst-Glamour bekam Kratzer, als ruchbar wurde, dass der von Hermann Wünsche organisierte Losverkauf nur schleppend anlief. Von 2.000 Losen zu je 50 DM bekam der Galerist weit weniger als die Hälfte los, Ende August lagen erst 400 Lose im Topf. Auf einem Basar am 1./2. September, der den Absatz auf den letzten Metern ankurbeln sollte, ließ sich Willy Brandt wegen zahlreicher Bundestagswahlkampftermine nicht blicken, auch nicht bei der Tombola, die tags darauf am 3. September im Rahmen eines unter UNICEF-Schirmherrschaft veranstalteten Spätsommerfests in der Bad Godesberger Redoute mit einer dem Vernehmen nach hektischen und undurchsichtigen Ziehung ihr Ende fand. Das Bild ging ausgerechnet an einen anderen Galeriebetreiber, der es zudem zerknirscht entgegennahm, weil er eigentlich einen Teppich gewinnen wollte. Anschließend hieß es, die Party in der Redoute habe Verluste eingefahren. Wieviel unterm Strich für UNICEF übrigblieb? In Zeitungsartikeln wurden zwar verschiedene fünfstellige Summen – z.B. 65.000 DM – kolportiert, doch hierbei handelte es sich um den grob taxierten Marktwert des Bildes. Die Vorsitzende des Deutschen Komitees für UNICEF ließ sich im Februar 1977 ernüchtert in einem Artikel zitieren: „Die UNICEF hat von Herrn Wünsche DM 2.000,-- (zweitausend) bekommen und ihm dafür eine entsprechende Spendenquittung ausgestellt.“ Reaktionen Willy Brandts hierauf sind nicht überliefert. Als ihn 1989 und 1991 erste Anfragen erreichten, ob er seine Erinnerungen an die Warhol-Aktion in Worte fassen könne, brachte er kaum welche hervor.
 

Das kadmiumrote Porträt verschwand, kaum dass es auf der Tombola den Besitzer gewechselt hatte. Seitdem tauchte es nur selten auf, 2003 übertraf es bei Sotheby’s in London den Schätzpreis von £ 70.000 (also mehr als 100.000 €). Es wird derzeit in New York vermutet und ist vor allem durch die als „Trostpreis“ gedachten Poster der Galerie Wünsche bekannt. Manche Exemplare wurden noch Jahre später von Warhol und/oder Brandt signiert.
 

Die anderen fünf Bilder der Serie wanderten in Andy Warhols Factory zurück und gelangten irgendwann nach seinem Tod im Jahre 1987 auf den Markt. Nunmehr am ehesten präsent ist ein türkisfarbenes Porträt im Haus der Geschichte in Bonn, links im Foyer – etwas versteckt – oben an der Außenwand der Lounge im ersten Stock schwebend. 1989 hatte sich ein Hamburger Kunstsammler und Galerist an Willy Brandt gewandt: Er besitze mehrere Porträts der Serie, eines wolle er behalten, an einem habe ein skandinavisches Museum Interesse signalisiert, aber es solle doch eigentlich Deutschland nicht verlassen, ob Brandt eine Möglichkeit sehe und jemanden kenne? Das Büro antwortete, Brandt könne „aus naheliegenden Gründen nicht tätig werden“. Vielleicht wurde dann doch abseits aktenkundiger Vermerke und Briefe vermittelt, denn etwa ein Jahr später meldete sich der Sammler erneut, er stehe nun mit der Anfang 1990 errichteten Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Verbindung. Ein in Erd- und Sandfarben etwas eintönig gestaltetes Porträt gehört(e) einem deutsch-amerikanischen Immobilieninvestor. Ein weiteres türkisfarbenes Porträt mit stärker verschobenen Konturen wird hierzulande in einer privaten Sammlung gehütet, es kursiert seit 2006 als Kunstdruck in kleinerem Format und ist als Original gelegentlich sichtbar, sei es 2012 zur Dekoration einer Fernsehshow oder 2022 auf der Art Cologne.
 

Das von Hermann Wünsche auf der Grundlage eines anderen Polaroids in Auftrag gegebene Motiv, das Brandt ohne Zigarette zeigt, hatte Andy Warhol in identischer Farbgebung und ähnlicher Ausführung in zwei Bildern realisiert. Ein Bild verblieb im Eigentum Wünsches und erschien nach seinem Tod auf zwei Auktionen 1994 und 2008. Zwischendurch hing es als Leihgabe im Auswärtigen Amt in Bundesaußenminister Joschka Fischers Büro, inzwischen befindet es sich in der Sammlung des US-amerikanischen Unternehmers Andrew Hall. Das andere Bild konnte recht bald nach einer Stippvisite in den Deichtorhallen Hamburg 2001/02 von der Kunstsammlung des Deutschen Bundestags gesichert werden, die das Porträt zu ihren Highlights zählt. Es wird im FORUM KUNST im Deutschen Bundestag ab dem 22. September 2026 im Mittelpunkt der Ausstellung Kokoschkas Adenauer. Warhols Brandt zu sehen sein.
 

Auch Andy Warhols Polaroids lassen die Kassen klingeln; ein signiertes Foto aus Hermann Wünsches Nachlass wurde bereits zweimal versteigert, zuletzt erzielte es Ende 2021 mehr als 6.000 €.
 

Der Wertsteigerung sind keine Grenzen gesetzt: Käme heutzutage eines der sechs Gemälde unter den Hammer, wäre wohl eine solide siebenstellige Summe fällig. 1976 fielen von der Pop-Art-Staffelei enttäuschend wenige Krümel für UNICEF ab. Sie sind längst aufgebraucht, doch der Glanz des wohltätigen Zwecks umstrahlt Andy Warhols Willy-Brandt-Porträts fälschlicherweise bis heute.

Sven Haarmann
 

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