Gleichberechtigung

Was bedeutet Gleichberechtigung?

Artikel 3 Absatz 2 Grundgesetz (GG) lautet: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Dieses für Frauen enorm wichtige Grundrecht erkämpfte die Juristin Dr. Elisabeth Selbert bei der Schaffung des Grundgesetzes durch den Parlamentarischen Rat 1948/49. Gleiche Rechte waren damit noch nicht erreicht. 1958 trat das erste Gleichberechtigungsgesetz in Kraft, dennoch war insbesondere im Ehe- und Familienrecht von Gleichberechtigung keine Spur. Das Bundesverfassungsgericht, mehrfach zu Rechtsfragen angerufen, die Art. 3 Abs. 2 GG berührten, entwickelte eine Art „dynamische Verfassungsinterpretation“. Mit dem gesellschaftlichen Fortschritt wandelten sich dessen Ansichten nach und nach zu mehr Gleichberechtigung. Es dauerte bis Anfang der 1990er Jahre, dass das höchste deutsche Gericht aus der Regelung des Grundgesetzes die Pflicht des Gesetzgebers ableitet, „auf eine Angleichung der Lebensverhältnisse von Frauen und Männern hinzuweisen“.

 

Ein wesentlicher Impuls kam mit der Wiedervereinigung. Der Einigungsvertrag legte den politisch Verantwortlichen auf, „die Gesetzgebung zur Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen weiter zu entwickeln“. Erst durch den Druck zahlreicher Frauenverbände wurde Art. 3 Abs. 2 um einen weiteren Satz 2 ergänzt: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Dies gilt als Staatszielbestimmung und ist heute eine starke Grundlage für zahlreiche Maßnahmen, die dennoch oft viel zu zögerlich umgesetzt werden. Schrittmacher ernsthafter rechtlicher Verbesserungen waren die Europäische Gemeinschaft und der Europäische Gerichtshof, der die Kriterien der Frauenquote besser bestimmte. Ein starker Impuls ging 1999 vom Vertrag von Amsterdam aus, der Erfordernisse des Gendermainstreaming verbindlich formulierte.

 

Vor diesem Hintergrund war in der öffentlichen Diskussion, vorangetrieben von der zweiten Frauenbewegung, viel die Rede von Gleichberechtigung. Da dies jedoch nur die formelle Gleichbehandlung durch das Recht meint, es aber weiterhin an Chancengleichheit in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur mangelt, wird heute von Gleichstellung gesprochen.

 


Quellen



Weitere Beiträge zum Thema Gender und Geschlechtergerechtigkeit:

Illustration: Eine Frau rennt in einer großen Uhr, um sie herum sind Menschen in verschiedenen Situationen, z.B. bei der Arbeit, auf dem Rad

Macht Zeit gerecht!

Arbeit, Gender, Soziales
 
Grafik mit diversen Gesichtern von Frauen, von vorne und im Profil.

Geschlechtergerechtigkeit zahlt sich aus – aber für wen?

04.03.2026 Publikation, Gender Weltweit
 
gemaltes Bild von vier nebeneinander schwebendes, sich an den Händen haltenden Frauen in bunten Kleidern

Geschlechtergerechte Machtverhältnisse, Land und Pflege neu denken

14.01.2026 News, Internationale Gemeinschaft und Zivilgesellschaft, Gender Weltweit
 
Eine pakistanische Heimarbeiterin in traditioneller Kleidung sitzt auf der Erde und flechtet Körbe

Der Weg einer Heimarbeiterin in Pakistan

26.11.2025 Gender Weltweit, Gewerkschaften international
 
Das Bild zeigt einen jungen Mann und eine junge Frau

Der Gender Gap unter Europas junger Generation: Macht, Werte und Beziehungen im Wandel

16.10.2025 Gender Weltweit
 
Grafik einer Weltkugel mit diversen menschlichen Icons

Ein Schritt vor, zwei zurück?

30.10.2025 Gender Weltweit
 
Abstraktes Bild in Rottönen: Feine helle Linien verlaufen gleichmäßig von links unten nach rechts oben, darüber verzweigen sich netzartige Strukturen

Security Radar 2025: Geschlechtsspezifische Perspektiven auf Sicherheit

15.09.2025 Gender Weltweit
 

Wir erwarten mehr: Zeit für eine entschlossene Gleichstellungspolitik!

03.09.2025 Publikation, Gender, Soziales
 
Porträt von Natascha Sagorski auf dunkelgrünem Hintergrund mit der Überschrift des Podcasts "Zukunft gerecht Talk"

Gestaffelter Mutterschutz: Wie Natascha Sagorski ein Gesetz geändert hat

20.08.2025 Podcast, Gender
 
Banner mit den Worten "1325 - Frauen, Frieden und Sicherheit" bei einer Fotoausstellung zu Frauen, Frieden und Sicherheit in der Ukraine anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Verabschiedung der Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrates.

Grundnüchtern: 25 Jahre UN-Sicherheitsratsresolution 1325 und die Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit“

08.09.2025 Gender Weltweit, Frieden und Sicherheit
 
nach oben