Internationaler Frauentag 2026 Macht Zeit gerecht!

Illustration: Eine Frau rennt in einer großen Uhr, um sie herum sind Menschen in verschiedenen Situationen, z.B. bei der Arbeit, auf dem Rad
Urheber: Goldland Media

79 Minuten täglich: Macht Zeit gerecht!

In Deutschland wird viel gearbeitet. Gleichzeitig werden Arbeitszeitdebatten aktuell kontrovers geführt. Dabei ist klar: Zeit ist eine Frage der Gerechtigkeit. Ob Menschen in Schichtarbeit, Alleinerziehende, Geringverdienende: Viele Menschen erleben bereits, wie es ist, wenn Zeit fehlt und der Alltag eng getaktet ist. 

Zeit ist eine entscheidende Ressource: Sie bestimmt darüber, ob Familien stressfrei zusammenleben können, ob sich Erzieher_innen oder Pflegepersonal angemessen kümmern kann, oder ob neben Beruf und Alltag auch noch Zeit für gesellschaftliches Engagement bleibt.

Zum internationalen Frauentag wollen wir einmal mehr zeigen: Zeit immer noch eine Frage des Geschlechts. Frauen tragen die Hauptlast der unbezahlten Sorgearbeit und übernehmen Kinderbetreuung, Hausarbeit und die Pflege von Angehörigen. Zeit, die Frauen in unbezahlte Sorgearbeit stecken, fehlt ihnen für Erwerbsarbeit – das wirkt sich negativ auf Einkommen, Karrierechancen, Altersversorgung und finanzielle Unabhängigkeit aus. Frauen leisten jeden Tag 79 Minuten mehr dieser unbezahlten Arbeit, die unsere Gesellschaft und Wirtschaft am Laufen hält.

Zeit ist damit auch eine Frage der Teilhabe. Wer kaum arbeitsfreie Zeit hat, die eigene Arbeitszeit nicht flexibel einteilen kann oder sich unbezahlt um Kinder oder Angehörige kümmert, findet weniger Möglichkeiten, sich politisch oder gesellschaftlich einzubringen.

Dabei ist längst klar, was sich Menschen wünschen. Sie möchten Rahmenbedingungen, die sich den unterschiedlichen Bedürfnissen im Lebensverlauf anpassen: Mehr Zeit in der Rushhour des Lebens, wenn Kinder klein sind, verlässliche Tagesstrukturen ohne zeitliche Entgrenzung, mehr Kontrolle über Dauer, Lage und Verteilung der eigenen Arbeitszeit.

Eine geschlechtergerechte Zeitpolitik muss deshalb dafür sorgen, dass für alle Menschen die gleichen Chancen für eine selbstbestimmte Gestaltung von Erwerbs- und Sorgearbeit bestehen – und dabei ein gutes und gesundes Leben möglich ist.

Rückblick: Macht Zeit gerecht!

Veranstaltung am 9. März 2026 beim AWO Landesverband Berlin

O-Töne aus der Diskussion
 

„Anders zum Beispiel als in Schweden, wo es nur ein kurzes Phänomen ist, in Teilzeit zu arbeiten, haben wir in Deutschland eher so eine Verstätigung und Verfestigung der Teilzeitarbeit – auch jetzt immer noch, trotz der Brückenteilzeit, die wir haben. Daraus ergeben sich dann die Ungleichheiten, über die wir so oft reden: Gender Pay Gap, geringere Lohnzuwächse von Frauen, weniger Karrieremöglichkeiten, Gender Pension Gap et cetera pp.“

Dr. Yvonne Lott, WSI der Hans-Böckler-Stiftung

„Schaffen wir es, den Blick zu weiten und nicht nur auf finanzielle Existenzsicherung und Sorgearbeit zu gucken, sondern anzuerkennen, dass es viele weitere Gesellschaftsbereiche gibt, die ebenfalls unsere Zeit brauchen? Und die muss man ja auch erst mal numerisch in die Debatte bekommen, weil: Wir haben den Achtstundentag, der jetzt eben angegriffen wird. Die Zeit für Sorgearbeit, die haben wir auch durch Studien zumindest plastisch gemacht. Aber wir haben kein geteiltes gesellschaftliches Verständnis davon, wie viel Zeit bräuchte eigentlich die Demokratie von jedem Einzelnen von uns, um stabil und wehrhaft zu bleiben“.

Teresa Bücker, Journalistin & Autorin

„Ich glaube, dass es für uns als Gesellschaft, als Frauen sehr wichtig ist, dass wir in eine fortschrittliche Politik wieder reinkommen. Was hier am Anfang dieser Debatte aufgezählt wurde: Elternzeit, Elterngeld gehört dringend überarbeitet. Ich sehe es aber auch auf der anderen Seite: die Familienpflegezeit, (…) da müssen wir auch dringend ran. Weil Carearbeit sind ja nicht nur die Kinder. (...) Wer pflegt denn später die Eltern? Das sind doch in der Regel dann die Frauen zuhause und nicht die Männer. Das ist auch wieder ein Bereich, wo wir noch viel mehr für Gerechtigkeit sorgen könnten.“

Bettina König, MdA


Zaheln und Fakten zum Thema

Überlange oder schlecht planbare Arbeitszeiten verschärfen bestehende Ungleichheiten. Studien zeigen, dass längere Arbeitszeiten weder automatisch produktiver machen noch zu mehr Wohlstand führen – sie gehen jedoch zulasten von Gesundheit, Vereinbarkeit und Gleichstellung. Deshalb ist die tägliche Arbeitszeitgrenze eine zentrale Arbeitsschutzmaßnahme, die auch den Wünschen der Beschäftigten entspricht: Die Mehrheit hält sie für wichtig und lehnt Abendarbeit ab.

Lange und atypische Arbeitszeiten sowie unplanbare Flexibilität treffen insbesondere Frauen. Diese Arbeitszeiten tragen dazu bei, dass Frauen häufiger aus dem Erwerbsleben gedrängt werden. Eine gerechte Zeitpolitik muss daher verlässliche, planbare Tagesstrukturen stärken statt zeitliche Entgrenzung zu fördern.
 

Zeitarmut ist stark geschlechtsspezifisch: Sie trifft vor allem Frauen. Im Jahr 2022 übernahmen sie täglich durchschnittlich 79 Minuten mehr unbezahlte Sorgearbeit, also Kinderbetreuung, Pflege und Hausarbeit als Männer, was zu einem Gender-Care-Gap von rund 44,3 Prozent führt. Frauen investieren wöchentlich durchschnittlich 54 Stunden in Erwerbs- und Sorgearbeit, Männer 53 Stunden. Dadurch bleibt ihnen weniger Zeit für Erwerbsarbeit. Das hat Folgen für die eigene finanzielle Unabhängigkeit, die Rente oder die eigene berufliche Entfaltung. Dabei ist die unbezahlte Sorgearbeit zentral für das Funktionieren unserer Gesellschaft.
 

Besonders knapp ist die Zeit für genau die Bereiche, die für individuelles Wohlbefinden und gesellschaftlichen Zusammenhalt zentral sind: für Familie und Freund_innen, für Erholung, Sport, kulturelle Aktivitäten oder politisches Engagement. Eine Politik, die an den Bedürfnissen der Beschäftigten vorbeigeht schwächt das Vertrauen in demokratische Institutionen. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass insbesondere Frauen mit der Doppelbelastung aus Erwerbsarbeit und Sorgearbeit allein gelassen wurden. Schon heute fehlt vielen Beschäftigten – vor allem Frauen – die Zeit für gesellschaftliches und politisches Engagement. Weitere zeitliche Belastungen würden diese Ungleichheit und die Einschränkung demokratischer Teilhabe weiter verstärken.

Nur 31 Prozent der Erwerbstätigen haben so viel Zeit für politisches oder gesellschaftliches Engagement, wie sie wünschen. Besonders betroffen sind Frauen (28 Prozent) und Mütter (20 Prozent), während Männer (34 Prozent) und Väter (32 Prozent) mehr Zeitwohlstand haben.
 

Damit Zeitwünsche tatsächlich realisiert werden können, brauchen Beschäftigte mehr Kontrolle über Lage, Dauer, Verteilung und Ort ihrer Arbeitszeit. Unter dem Stichwort der Zeitpolitik zielen zahlreiche Initiativen und Reformvorschläge darauf ab, Zeitressourcen gerechter zu verteilen und Menschen mehr Zeit für Sorgearbeit, Weiterbildung, kulturelle Aktivitäten und politische Teilhabe zu eröffnen. Bereits der Zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung plädierte 2017 für einen Abschied vom klassischen Normalarbeitsverhältnis und für die Einführung eines Erwerbs-Sorge-Modells, das Erwerbsarbeit und unbezahlte Sorgetätigkeiten für alle Geschlechter besser miteinander vereinbar macht.

An diese Überlegungen knüpfen aktuelle Konzepte wie die Familienarbeitszeit, das Optionszeitenmodell oder ein Wahlarbeitszeitgesetz an. Gemeinsam ist ihnen das Ziel, Arbeitszeiten über den Lebensverlauf flexibler und partnerschaftlicher zu gestalten und individuelle Zeitbedarfe stärker zu berücksichtigen. Damit sollen strukturelle Zeitungleichheiten – insbesondere zulasten von Frauen – abgebaut und gleichberechtigte Teilhabe in Familie, Arbeitsmarkt und Gesellschaft ermöglicht werden.

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