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Geschlechtergerechtigkeit zahlt sich aus – aber für wen?

Anna Eknor Ackzell und UNRISD

In unserer neuen Publikation untersucht Anna Eknor Ackzell und UNRISD, wie der Backlash gegen Geschlechtergerechtigkeit weltweit funktioniert, und skizziert, wie darauf strategisch reagiert werden kann.

Grafik mit diversen Gesichtern von Frauen, von vorne und im Profil.
Urheber: picture alliance / Ikon Images | Stuart Kinlough

Ohne Geschlechtergerechtigkeit keine Demokratie

Weltweit gehen genderfeindliche Akteure von reaktiver Mobilisierung zu proaktivem Agenda Setting über. Sie agieren transnational, sind finanzstark und tief in politischen Parteien, staatlichen Institutionen, religiösen Netzwerken, digitalen Ökosystemen und multilateralen Foren verankert (McEwen & Narayanaswamy 2023). Der Backlash gegen Geschlechtergerechtigkeit ist ein zentrales politisches, wirtschaftliches und religiös-kulturelles Projekt und Teil des gegenwärtigen Rückgangs der Demokratie.

Was strategisch oft als „Wertedebatte“ zur Förderung „familienorientierter“ Agenden inszeniert wird, erweist sich als gezielter Versuch, Geschlechterfragen als Hebel zu nutzen, um zivilgesellschaftliche Freiräume einzuschränken, staatliche Institutionen zu vereinnahmen, die Rechte von Frauen und LGBTQIA+-Personen zu beschneiden sowie autoritäre und ausgrenzende Formen der Regierungsführung zu normalisieren. Ein wichtiger Aspekt ist, dass diese Strategien selten auf die nationale Ebene begrenzt bleiben, sondern in transnationale Netzwerke eingebettet sind und somit rascher in verschiedenen Kontexten verbreitet, politisch eingeübt und normalisiert werden können. Der Backlash gegen Geschlechtergerechtigkeit ist kein Randphänomen der demokratischen Erosion – er zählt zu ihren zentralen Triebkräften.

Geschlechtergerechtigkeit zahlt sich aus – für alle

Geschlechtergerechtigkeit zahlt sich aus – wirtschaftlich, sozial und demokratisch. Sie vergrößert Arbeitsmärkte, steigert die Produktivität und stärkt die politischen und sozioökonomischen Rechte von Frauen, Mädchen und LGBTQIA+-Personen. Sie schafft die Voraussetzungen für allgemeinen Wohlstand und gesellschaftlichen Zusammenhalt. In der Vergangenheit erwiesen sich Fortschritte bei der Geschlechtergerechtigkeit als Motor wirtschaftlicher Transformation: Sie bewirkten eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, bessere Bildungserfolge und Produktivitätsgewinne, die der ganzen Gesellschaft zugutekamen. Diese Fortschritte sind allerdings kein Automatismus und werden nicht gleichmäßig verteilt. Wie Piketty (2021) zeigt, reichen Wirtschaftswachstum und soziale Reformen allein nicht aus, um die kontinuierliche Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen der Eliten zu verhindern. Das Gegenteil ist der Fall: Wachstumsmodelle, die auf Deregulierung, schwacher Umverteilung und Rückzug des Staates basieren, kommen häufig denen, die an der Spitze der Gesellschaft stehen, weit stärker zugute als der breiten Mehrheit. Dieser politisch-ökonomische Zusammenhang ist entscheidend: Geschlechtergerechtigkeit schafft kollektive Gewinne – und stellt zugleich Wirtschaftsmodelle, die auf Ungleichheit sowie auf unbezahlter und informeller Care- und Hausarbeit beruhen, unmittelbar infrage.

Aus gesellschaftlicher Perspektive kommt Geschlechtergerechtigkeit eindeutig der großen Mehrheit zugute: Sie befördert allgemeinen Wohlstand, soziale Inklusion und demokratische Teilhabe. Für bestimmte wirtschaftliche und politische Eliten zahlt sie sich dagegen weniger aus oder wird sogar zur Bedrohung. Gerade diejenigen, die politisch eine illiberale und genderfeindliche Linie verfolgen, profitieren häufig von Deregulierung, Sozialkürzungen und der Konzentration von Vermögen und Macht. Für sie bedeutet Geschlechtergerechtigkeit, dass nicht nur Ressourcen, sondern auch Autorität, Autonomie und Mitspracherechte umverteilt werden.

Dies hilft zu verstehen, warum Geschlechtergerechtigkeit zur Zielscheibe illiberaler Projekte geworden ist. Angriffe auf die Rechte von Frauen, Mädchen und LGBTQIA+ sind keine Nebenschauplätze des Kulturkampfes, sondern fester Bestandteil politischer Strategien, die darauf zielen, soziale Sicherungssysteme auszuhöhlen, die demokratische Rechenschaftspflicht zu schwächen und hierarchische Gesellschaftsstrukturen zu zementieren. Geschlechtergerechtigkeit nützt den Menschen und der Demokratie, aber nicht unbedingt den Eliten, deren wirtschaftliche und politische Macht damit steht und fällt, dass Ungleichheit, Deregulierung und der Abbau von Rechten fortbestehen.

Strategische Antworten auf den Backlash gegen Geschlechtergerechtigkeit

Wenn demokratische Systeme den gegenwärtigen rückschrittlichen Tendenzen standhalten und gegensteuern wollen, müssen auch die politischen Antworten sich entsprechend weiterentwickeln. Wer dem Backlash wirksam entgegenwirken will, muss strategisch, strukturiert und bewegungsübergreifend agieren – muss also die rechtlichen und institutionellen Schutzmechanismen stärken, proaktive feministische Agenden vorantreiben, die auf wirtschaftliche Gerechtigkeit und soziale Absicherung zielen, den Zusammenhang zwischen Geschlechtergerechtigkeit, demokratischer Stabilität und materiellem Wohl herstellen und dadurch narrative Räume der Öffentlichkeit für sich reklamieren – und digitale Infrastrukturen ebenso wie zivilgesellschaftliche Räume als zentrale Institutionen der Demokratie behandeln. Zur Verwirklichung dieser Ziele folgen sieben Empfehlungen.

Empfehlungen

  1. Die legislativen und institutionellen Grundlagen einer geschlechtergerechten Demokratie stärken.
  2. Eine strategische, wertegeleitete Kommunikation fördern, die den Zusammenhang zwischen Geschlechtergerechtigkeit, wirtschaftlichem Wohl und demokratischer Stabilität herstellt.
  3. Eine proaktive Agenda für eine feministische Politik entwickeln, die auf wirtschaftlicher Gerechtigkeit und sozialer Absicherung aufbaut.
  4. In evidenzbasierte Forschung und verlässliche Monitoring-Systeme investieren.
  5. Intersektionale Bündnisse aufbauen, die auf mehreren Ebenen sowie bewegungs-, sektor-, regionen- und politikfeldübergreifend arbeiten.

Download Publikation

Strategic responses to backlash against gender justice

Ackzell, Anna Eknor ; Schnellecke, Katia (Hrsg.) | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., March 2026


Über die Autorin

Anna Eknor Ackzell war bis vor Kurzem Research Analyst bei UNRISD und Expertin für internationale Entwicklung mit Erfahrung in Entwicklungszusammenarbeit, Politikgestaltung, Gender-Analyse und Projektmanagement. Vor ihrem Wechsel zu UNRISD war sie im Programmmanagement bei der Schwedischen Agentur für internationale Entwicklungszusammenarbeit tätig sowie in der Politikentwicklung bei UN Women, der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Universität der Vereinten Nationen (UNU). Sie hat einen Master in International Development Management sowie einen Bachelor in Gender Studies der Universität Lund.


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