Flucht, Migration, Integration | Migrationspolitik Internationaler Frauentag 2026: Gewerkschaftliche Organisierung ist der beste Schutz 04.03.2026 Rebecca Liebig, ver.di Mit Rebecca Liebig, Vorständin von ver.di, haben wir im Interview über die migrationspolitische Perspektive auf den Abbau von Frauen- und Arbeitnehmer:innenrechten gesprochen. Was braucht es für eine demokratische Arbeitswelt? Bild: Urheber: picture alliance / SZ Photo | Mike Schmidt Frau Liebig, am diesjährigen Internationalen Frauentag ruft ver.di zum Protest gegen den Abbau von Frauen- und Arbeitnehmer:innenrechten und für eine demokratische Arbeitswelt auf. Aus migrationspolitischer Perspektive stellt sich hier die Frage nach den Bedingungen, unter denen Frauen mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland arbeiten. Welche Forderungen stehen aus Ihrer Sicht diesbezüglich im Zentrum? Rebecca Liebig: Die öffentliche Debatte über faire Löhne darf sich nicht allein auf das Geschlecht konzentrieren. Generell sagen wir: Die Entlohnung darf nicht davon abhängen, welche Hautfarbe jemand hat, welchen Pass oder wo jemand geboren wurde. Wir sind als Gesellschaft aufgefordert, die strukturellen Grenzen zwischen Migrant:innen und Nicht-Migrant:innen zu überwinden. Dazu gehört gleicher Zugang zu guten Jobs. Das ist erreichbar durch die Anerkennung von Berufsabschlüssen, Sprachförderung und Qualifizierung. Gute Jobs sind tarifgebunden und nicht diskriminierend. Tarifverträge schützen nicht nur vor willkürlicher Bezahlung, sie schaffen auch Vertrauen. Das ist besonders wichtig für neu zugewanderte Fachkräfte, die sich auf faire Bedingungen verlassen müssen. Wer auf Dauer bleiben soll, muss auch fair behandelt werden. Denn Lohn ist mehr als Geld: Es geht um Anerkennung, Respekt und Teilhabe. In Engpassberufen wie der Altenpflege sind Beschäftigte mit Migrationsgeschichte überdurchschnittlich stark vertreten. Besonders in der 24-Stunden Betreuung in Privathaushalten sind die Belastungen durch ungeregelte Arbeitszeiten sowie mangelnden Arbeits- und Gesundheitsschutz erheblich. Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, damit diese Arbeitsform sowohl im Sinne der Beschäftigten als auch der Pflegebedürftigen besser geregelt wird? Rund drei Millionen pflegebedürftige Menschen werden in Deutschland zu Hause versorgt, vielfach mit Unterstützung von hunderttausenden Betreuerinnen aus Osteuropa. Ohne sie läuft nichts. Das Versprechen der Agenturen einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung hat für die Betreuer:innen überlange Arbeitszeiten zur Folge, die in aller Regel nicht vollständig bezahlt werden. Die 24-Stunden-Betreuung muss von der Politik endlich angegangen werden. Das System verstößt elementar gegen das Arbeitszeitgesetz und den Gesundheitsschutz, außerdem wird hier regelmäßig der gesetzliche Mindestlohn umgangen. Aber auch pflegebedürftige Menschen mit ihren Familien brauchen endlich Rechtssicherheit und vor allem ein offizielles bedarfsgerechtes Hilfesystem. Es ist überfällig, die Pflegeversicherung zu einer „Solidarischen Pflegegarantie“ weiterzuentwickeln: jeder und jede zahlt ein und pflegebedingte Kosten werden vollständig von der Solidargemeinschaft getragen. Insbesondere Beschäftigte mit Einwanderungsgeschichte im Pflegebereich sind aufgrund von Abhängigkeiten, z. B. von Vermittlungsagenturen, Arbeitgeber:innen oder aufenthaltsrechtlichen Regelungen, in einer sehr prekären Situation. Wie gelingt es ver.di, als zuständiger Gewerkschaft diese Beschäftigten zu erreichen und zu organisieren? Wo liegen die größten Herausforderungen? Der Vermittlungsprozess ist besonders anfällig für Missbrauch. Hier zeigt sich, wie nachteilig es ist, dass weder Deutschland noch viele der Herkunftsländer bis heute die ILO Konvention 181 ratifiziert haben. Diese verbietet in Artikel 7 die Zahlungen von Gebühren durch Migrant:innen an private Vermittler. Denn oftmals werden mehrere heimische Monatsgehälter seitens der Pflegekräfte gezahlt, gleichzeitig zahlen die Arbeitgeber bis zu 20.000 Euro für eine Vermittlung. Hinzu kommen Regelungen in den Verträgen zwischen den Agenturen und den Pflegekräften. Diese verpflichten sich darin, Strafzahlungen in Höhe von vier deutschen Monatsgehältern an die Agentur zu leisten, wenn sie den Sprachkurs nicht erfolgreich bestehen oder den Arbeitsvertrag aus „seitens des Arbeitnehmers zu vertretenen Gründen“ vorzeitig beenden. Das sind offensichtliche Knebelverträge, die von ver.di abgelehnt werden. Im Rahmen der Tarifrunden und über unsere Gewerkschaftsvertreter:innen in den Betrieben beziehen wir angeworbene Pflegekräfte ein und entwickeln mit ihnen die Forderungen weiter, die wir als Gewerkschaft aufgestellt haben. ver.di fordert die Entwicklung wirkungsvoller Instrumente (Geldstrafen), um Arbeitgebende zu sanktionieren, die ihre Rechtspflichten bei der Beschäftigung eingewanderter Beschäftigter verletzen. Außerdem müssen Beratungsangebote für Drittstaatsangehörige wie „Faire Integration“ ausgebaut werden. Gerade erst haben wir darüber im thüringischen Altenburg Kontakt zu massiv ausgebeuteten Pflege-Azubis aus Vietnam gewonnen, die jetzt von ver.di beim Einklagen ihres Lohns unterstützt werden. In Zeiten einer verschärften Migrationspolitik und wachsender Angriffe auf Arbeitnehmer:innenrechte: Was gibt Ihnen für 2026 Hoffnung, dass Verbesserungen möglich sind? Wenn ich sehe wie sich aktuell viele eingewanderte Kolleginnen organisieren und für Tarifverträge und eine bessere tarifliche Bezahlung kämpfen, dann bin ich sehr hoffnungsvoll. Die von migrantischen Frauen getragenen Tarifkämpfe an den ausgegründeten Service-Gesellschaften der Krankenhäuser wie beispielsweise zuletzt in Berlin bei CFM an der Charité sind dafür das beste Beispiel. Gewerkschaftliche Organisierung ist der beste Schutz gegen den Druck von Rechts. Zur Person Rebecca Liebig ist Mitglied im Bundesvorstand von ver.di. Nach ihrer Ausbildung zur Arzthelferin sowie dem ersten juristischen Staatsexamen in 2002, war sie bereits während ihrer Anstellung bei einer Krankenkasse in der Personalvertretung aktiv. 2013 begann sie als Gewerkschaftssekretärin der ver.di in Hessen, übernahm 2019 die stellvertretende Landesbezirksleitung Rheinland-Pfalz-Saarland und wurde im September 2023 mit großer Mehrheit von den Delegierten des Bundeskongresses in den Bundesvorstand der ver.di gewählt und ist dort verantwortlich u.a. für die Themen Alterssicherungspolitik, Arbeits- und Gesundheitsschutz, Teilhabepolitik sowie Migration und Integration. Kontakt Redaktion Annette Schlicht 030 26935-8304 Annette.Schlicht(at)fes.de Das könnte Sie auch interessieren... Bild: Urheber: Bergsee, blau Montag, 02.03.2026 Rückblick Migrationspolitik Faire Mobilität braucht ein starkes Europa Um Arbeitskräfte aus der EU und Drittstaaten vor Ausbeutung zu schützen, sind mehr Kontrollen und grenzüberschreitende Kooperation nötig. 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