Publikation Flucht, Migration, Integration | Migrationspolitik Die ersten Schritte zählen 10.03.2026 David Kipp Warum faire Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland wesentlich ist, um Ausbeutung zu verhindern. Bild: Urheber: Bildnachweis picture alliance / REUTERS | CHARLES PLATIAU Deutschland ist zunehmend auf Arbeitskräfte aus Drittstaaten angewiesen. Schon heute fehlen Fach- und Arbeitskräfte in der Pflege, im Gesundheitswesen, im Bau, in der Logistik oder im Handwerk. Mit dem demografischen Wandel wird dieser Bedarf weiter steigen. Gleichzeitig wächst ein Problem, das lange zu wenig Beachtung fand: Arbeitsmigrant:innen sind nicht selten bereits vor ihrer Einreise nach Deutschland dem Risiko von Ausbeutung ausgesetzt. Denn Arbeitsausbeutung beginnt häufig nicht erst am Arbeitsplatz, sondern im Herkunftsland – bei der Anwerbung. Hohe Gebühren, falsche Versprechen, große Abhängigkeiten Auch wenn die Bundesagentur für Arbeit (BA) staatliche Programme zur Anwerbung von Arbeitskräften koordiniert, ein Großteil der Vermittlung nach Deutschland erfolgt über private Agenturen. Neben seriösen Anbietern gibt es auch Akteure, die mit irreführenden Jobangeboten, unklaren Vertragsbedingungen oder überhöhten Gebühren arbeiten. Dabei sind Vermittlungskosten von mehreren tausend Euro keine Ausnahme. Viele Arbeitsmigrant:innen verschulden sich und geraten in Abhängigkeiten – von Vermittlern, die zugleich als Gläubiger auftreten, und von Arbeitgebern, die um die eingeschränkten Handlungsspielräume der Beschäftigten wissen. Besonders gefährdet sind Menschen mit geringen Kenntnissen ihrer Rechte, wenig Sprachkenntnissen und einem lediglich befristeten Aufenthaltsstatus. Ein neuer politischer Rahmen – aber viele offene Fragen Mit dem Nationalen Aktionsplan gegen Arbeitsausbeutung und Zwangsarbeit (NAP A/Z) hat die Bundesregierung Anfang 2025 erstmals einen umfassenden politischen Rahmen geschaffen, um diesen Problemen präventiv zu begegnen. Ein zentrales Handlungsfeld sind dabei Maßnahmen, die den Schutz von Arbeitskräften aus dem Ausland bereits im Rahmen der Anwerbung stärken sollen. Dazu zählen verbesserte Informationsangebote im Herkunftsland, eine Stärkung der Prüf- und Kontrollmechanismen im Anwerbeprozess sowie eine engere Zusammenarbeit mit Partnerländern. Entscheidend ist jedoch, ob diese Maßnahmen tatsächlich geeignet sind, unfaire Praktiken frühzeitig zu verhindern und die Schutzinteressen der Arbeitsmigrant:innen wirksam in den Mittelpunkt zu stellen. Was heißt eigentlich faire Anwerbung? Faire Anwerbung bedeutet: keine Gebühren für Arbeitskräfte, transparente und verständliche Verträge, klare Zuständigkeiten sowie wirksame Beschwerdemöglichkeiten – vor und nach der Einreise. Schutz braucht Kooperation – über Grenzen hinweg Das Policy Brief Zum Arbeiten nach Deutschland: Faire Anwerbung gestalten - Ausbeutung verhindern zeigt anhand von Perspektiven aus wichtigen osteuropäischen und afrikanischen Herkunftsländern, dass transnationale Rekrutierungsketten kaum innerhalb nationaler Grenzen reguliert werden können. Basierend auf den Diskussionen der internationalen Fachtagung: “Ausbeutung verhindern – gute Arbeit sichern: Ansätze für faire Anwerbung” vom 16.9.2025, die die FES gemeinsam mit der Servicestelle gegen Arbeitsausbeutung, Zwangsarbeit und Menschenhandel organisierte, ist eine zentrale Erkenntnis, dass es grenzüberschreitende Schutz- und Kooperationsansätze braucht. Gewerkschaften, Beratungsstellen und Diasporaorganisationen spielen hierbei eine Schlüsselrolle. Sie können Arbeitsmigrant:innen frühzeitig über die Risiken unfairer Anwerbepraktiken informieren und sie bei der Wahrnehmung ihrer Rechte unterstützen. Würden sie eingebunden, ließe sich Missbrauch wirksamer begrenzen. Faire Anwerbung ist eine politische Gestaltungsaufgabe Bei Reformen zur verbesserten Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland liegt der Fokus häufig zu stark auf rechtlichen und administrativen Erleichterungen. Zwar sind weitere Vereinfachungen sinnvoll. Die von der Bundesregierung als digitale Plattform geplante „Work-and-Stay-Agentur“ sollte jedoch auch Instrumente enthalten, die gezielt den Schutz von Arbeitskräften vor unfairer Anwerbung stärken. Darüber hinaus sollte die Bundesregierung die gemeinsame Regulierung privater Vermittlungsagenturen, insbesondere mit Geschäftssitz im Ausland, mit verbindlichen Zulassungsverfahren und systematischen Kontrollen auch auf EU-Ebene stärker vorantreiben und internationale Ansätze für faire Anwerbung konsequenter unterstützen. Das FES Policy Brief macht deutlich: Faire Anwerbung ist kein Nice-to-have, sondern eine Grundvoraussetzung für Gute Arbeit. Es verbindet politische Debatten mit den Praxiserfahrungen gewerkschaftlicher Akteure aus Deutschland und wichtigen Herkunftsländern und zeigt auf, wo bereits Fortschritte erzielt wurden – und wo im Sinne des NAP A/Z dringend nachgesteuert werden muss. Download Publikation Zum Arbeiten nach Deutschland Kipp, David | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., März 2026 faire Anwerbung gestalten - Ausbeutung verhindern Zum Download (PDF) Über den Autor David Kipp ist Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Globale Fragen der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und arbeitet dort in einem Forschungsprojekt zur entwicklungsbezogenen Flucht- und Migrationspolitik. In den letzten Jahren hat er sich als Co-Autor dem Thema der Arbeitskräfteanwerbung in der SWP-Studie „Deutschland sucht Arbeitskräfte“ gewidmet und diese Fragstellungen in der SWP-Studie „Migrationswunder Indien?“ im Hinblick auf die zunehmende Migration aus Indien nach Deutschland vertieft. Kontakt Redaktion Annette Schlicht 030 26935-8304 Annette.Schlicht(at)fes.de Verwandte Artikel Bild: Urheber: Bergsee, blau Montag, 02.03.2026 Rückblick Migrationspolitik Faire Mobilität braucht ein starkes Europa Um Arbeitskräfte aus der EU und Drittstaaten vor Ausbeutung zu schützen, sind mehr Kontrollen und grenzüberschreitende Kooperation nötig. Bild: Urheber: picture alliance / REUTERS | Emily Elconin Donnerstag, 18.09.2025 Flucht, Migration, Integration Migrationspolitik Ziel Deutschland Was für faire und entwicklungsfördernde Arbeitsmigration notwendig ist: Perspektiven aus Herkunftsländern Bild: Urheber: picture alliance/dpa | Eva-Maria Krafczyk Donnerstag, 23.10.2025 Flucht, Migration, Integration Migrationspolitik Der Preis der Mobilität Im September 2024 unterzeichneten Kenia und Deutschland ein bilaterales Migrationsabkommen. Ein Jahr später zeigt sich: Dieses Abkommen steht nicht nur für neue Perspektiven und Hoffnungen, sondern legt zugleich die tief verwurzelten strukturellen...
Zum Arbeiten nach Deutschland Kipp, David | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., März 2026 faire Anwerbung gestalten - Ausbeutung verhindern Zum Download (PDF)