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North South Futures Forum: Ein internationaler Denkraum für die Zukunft des Multilateralismus

Merle Rutz | FES New York

Die internationale Ordnung verändert sich schneller als ihre Institutionen. Das North South Futures Forum bündelt progressive Stimmen aus Nord und Süd und gibt Impulse - auch für die deutsche Debatte.

„Europäische Demokratien haben den Kampf um Wohlstand gewonnen – laufen aber Gefahr, den Kampf um Sinn und Orientierung zu verlieren.“ Mit diesem Gedanken brachte Michele Bellini eine der zentralen Herausforderungen des diesjährigen North South Futures Forum (NSFF) auf den Punkt. Denn beim Treffen Mitte Juni in Brasilien ging es nicht nur darum, wie der Multilateralismus reformiert werden kann. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Frage, wie progressive Kräfte in einer zunehmend fragmentierten Welt wieder politische Gestaltungskraft gewinnen und überzeugende Zukunftserzählungen anbieten können. 

Wie ein gerechterer und handlungsfähigerer Multilateralismus aussehen kann, der den Interessen und Perspektiven des Globalen Südens stärker Rechnung trägt – und welche Rolle progressive Akteur:innen dabei spielen können, diskutierten dabei über 30 politische Entscheidungsträger:innen, Wissenschaftler:innen, Gewerkschafter:innen und Vertreter:innen der Zivilgesellschaft aus mehr als 20 Ländern beim 2. NSFF der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Wie können Staaten, internationale Organisationen, Zivilgesellschaft und neue Koalitionen die internationale Ordnung aktiv mitgestalten?

Von der Krisendiagnose zur politischen Gestaltung

Während Ende 2025 beim 1. NSFF in New York noch die Krise des Multilateralismus im Mittelpunkt stand, markierte das Treffen in Brasilien einen Perspektivwechsel. Statt vor allem über die Schwächen bestehender Institutionen zu sprechen, ging es verstärkt um politische Handlungsmöglichkeiten: Wie können Staaten, internationale Organisationen, Zivilgesellschaft und neue Koalitionen die internationale Ordnung aktiv mitgestalten?

Denn Multilateralismus umfasst heute weit mehr als die Reform der Vereinten Nationen. Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur, wie bestehende Institutionen angepasst werden können, sondern auch, wer künftig politische Prioritäten setzt, Regeln mitgestaltet und Koalitionen bildet. Flexible Allianzen, Mittelmächte, regionale Kooperationen und neue Formen der Süd-Süd-Zusammenarbeit gewinnen an Bedeutung. Gerade Länder wie Brasilien, Indien oder Südafrika verstehen sich zunehmend als Mitgestalter globaler Politik – nicht als Alternative zum bestehenden multilateralen System, sondern als Impulsgeber für dessen Weiterentwicklung.

Was wir aus Brasilien mitnehmen 

Ob Mittelmächte künftig die internationale Ordnung mitgestalten können, ob KI als öffentliches Gut organisiert werden muss oder warum Ungleichheit mittlerweile fast jede außenpolitische Debatte prägt – selten wechselten die Diskussionen innerhalb einer Woche so selbstverständlich zwischen Entwicklungs-, Wirtschafts-, Klima-, Technologie- und Sicherheitspolitik. Genau darin lag eine der wichtigsten Erkenntnisse des NSFF: Diese Herausforderungen lassen sich längst nicht mehr getrennt voneinander diskutieren. Vier Einsichten prägten die Debatten in Brasilien besonders:

  1. Die internationale Ordnung nach dem Kalten Krieg kehrt nicht zurück. Internationale Zusammenarbeit muss sich auf neue Machtverhältnisse einstellen. Statt auf universelle Lösungen und wenige dominante Akteur:innen wird sie künftig stärker von flexiblen Koalitionen, regionalen Bündnissen und wechselnden Partnerschaften – auch nicht-staatlicher Natur – geprägt sein.
  2. Der Globale Süden fordert nicht mehr nur Reformen – er gestaltet die Agenda zunehmend selbst. Mittelmächte wie Brasilien, Indien oder Südafrika übernehmen zurecht eine aktivere Rolle bei globalen Zukunftsfragen und bringen eigene Vorstellungen zu Entwicklung, Klima, Sicherheit und globaler Governance in internationale Debatten wie z.B. G20 ein. 
  3. Technologie wird zum neuen geopolitischen Machtfaktor – und künstliche Intelligenz ist längst mehr als eine technologische Innovation. Sie entwickelt sich laut Cecilia Rikap zu einem „predatory ecosystem“ (Raubtier-Ökosystem), das wirtschaftliche Abhängigkeiten vertiefen und globale Machtverhältnisse neu ordnen kann, sofern Staaten nicht beginnen, digitale Souveränität gemeinsam zu gestalten. KI wird klar zur Governance-Frage. 
  4. Ungleichheit verbindet nahezu alle globalen Krisen. Sie verschärft gesellschaftliche Polarisierung, schwächt das Vertrauen in demokratische Institutionen und erschwert internationale Zusammenarbeit – und wird damit selbst zu einem zentralen Hindernis für wirksame Klima-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik.

Warum diese Debatten auch Deutschland betreffen

Viele Fragen des NSFF spiegeln sich auch in aktuellen deutschen Debatten wider: Wie kann die Zusammenarbeit mit Ländern des Globalen Südens neu und partnerschaftlicher gedacht werden? Wie lassen sich internationale Solidarität und deutsche Interessen in einer multipolaren Welt miteinander verbinden? Und welche politischen Antworten braucht es, damit Klimaschutz, wirtschaftliche Modernisierung und soziale Gerechtigkeit gemeinsam gelingen?

Dabei kommen Initiativen wie der neuen Süd-Nord-Kommission des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) eine besondere Bedeutung zu. Die im NSFF entwickelten Perspektiven – von neuen Entwicklungsparadigmen über globale Finanzreformen bis hin zu einer stärkeren politischen Rolle des Globalen Südens – können wichtige Impulse für diese Debatten liefern. Das NSFF versteht sich damit nicht nur als Ort des Austauschs, sondern auch als Ideenlabor für progressive Politikberatung.

Der Blick nach vorn

In den kommenden Monaten werden sich die Teilnehmenden in Arbeitsgruppen thematischen Schwerpunkten widmen – darunter Künstliche Intelligenz als globales öffentliches Gut, Klima und neue Entwicklungsparadigmen, progressive Narrative sowie Sicherheit und geopolitische Fragmentierung. Wir werden die Arbeit des NSFF mit weiteren Policy Briefs, virtuellen Dialogen und Beiträgen aus dem Netzwerk zu internationalen Prozessen wie UN80, Beyond 2030, G20 oder COP ergänzen.

Das nächste North South Futures Forum findet im September 2027 in Indien statt.

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