• Blog
  • FEShistory

Alte und neue Nord-Süd-Kommission

Stefan Müller

Die Bundesregierung hat im Juni 2026 die Einsetzung einer „Entwicklungspolitischen Nord-Süd-Kommission“ beschlossen. Deshalb blicken wir auf die historische Nord-Süd-Kommission der 1970er-Jahre unter dem Vorsitz von Willy Brandt zurück.

Im Koalitionsvertrag hatten die beiden Regierungsparteien 2025 festgehalten, dass die „bilateralen Beziehungen zu den Ländern des Globalen Südens“ intensiviert und zu „einem globalen Netzwerk“ ausgebaut werden sollen. „Um dieses Verhältnis zu thematisieren”, so im Koalitionsvertrag weiter, „werden wir eine neue Nord-Süd-Kommission gründen“. Am 24. Juni 2026 beschloss die Bundesregierung nun die Einsetzung der „Entwicklungspolitischen Nord-Süd-Kommission (ENSK)“. Angesiedelt ist die Kommission im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und geleitet wird sie vom früheren Bundeskanzler Olaf Scholz und Laura Chinchilla, der ehemaligen Präsidentin Costa Ricas. Die Kommission knüpft an die Nord-Süd-Kommission von Willy Brandt Ende der 1970er-Jahre an. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, einen Blick auf die historische Nord-Süd-Kommission zu werfen.

Der globale Süden als neuer Machtfaktor

Auf Anregung des damaligen Weltbankpräsidenten Robert McNamara übernahm Willy Brandt 1977 die Gründung der „Unabhängigen Kommission für Internationale Entwicklungsfragen“. Seine Erfolge in der Entspannungspolitik und sein guter Ruf als Friedensnobelpreisträger prädestinierten ihn für diese Mission. Brandt gewann in der Folge Mitstreiter*innen aus „Entwicklungsländern“ und Industrieländern. Darunter waren etwa der konservative britische Ex-Premierminister Edward Heath, der sozialdemokratische schwedische Ministerpräsident Olof Palme, der Politiker und mehrmalige Minister Antoine Kipsa Dakouré aus Obervolta (heute Burkina Faso) oder der guyanische Politiker und Generalsekretär des Commonwealth of Nations Shridath Surendranath Ramphal. Die einzige Frau in der Kommission war Katherine Graham, die Herausgeberin der „Washington Post“. Die UdSSR und die Volksrepublik China hatten ihre Mitarbeit verweigert. Drei Jahre später, 1980, legte Willy Brandt den Vereinten Nationen den Abschlussbericht vor: „Das Überleben sichern. Gemeinsame Interessen der Industrie- und Entwicklungsländer“. Bis heute gelten der Bericht und die Arbeit der Kommission vielen Politiker*innen in der internationalen Zusammenarbeit als Vorbild. 

Der globale Hintergrund für die Nord-Süd-Kommission und die Probleme des Globalen Südens „Dritten Welt“, wie die Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas damals genannt wurden, war dies Entwicklung dieser drei Kontinente zu einem neuen Machtfaktor. Die seit den 1960er-Jahren weitgehend durchgesetzte Befreiung der früheren Kolonien von den Staaten des Globalen Nordens führte zu einem politischen Selbstbewusstsein sowie politischen und ökonomischen Ansprüchen an die vormaligen Kolonialstaaten. Auch stellten die neuen, unabhängigen Staaten auf einmal die Mehrheit in der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Die Ölpreiskrise von 1973/74 machte schließlich auch die ökonomische Macht zumindest eines Teils des Globalen Südens deutlich. Die einseitige Erhöhung der Erdölpreise durch die Erzeugerländer im arabischen Raum führte den Industrieländern ihre Rohstoffabhängigkeit drastisch vor Augen und trug dazu bei, die „Dritte Welt“ als neuen Machtfaktor zu installieren. 

Bereits 1964 hatte sich in der „Gruppe der 77“ ein loser Zusammenschluss blockfreier Staaten des Globalen Südens gebildet. In den 1970er-Jahren forderten diese nun die Errichtung einer „Neuen Weltwirtschaftsordnung“, einer gerechten Weltwirtschaftsordnung. Sie forderten, Handelshemmnisse abzubauen und in die Entscheidungsprozesse von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank einbezogen zu werden. 1974 verabschiedete die UN-Vollversammlung eine Erklärung und ein Aktionsprogramm zur Errichtung einer „Neuen Weltwirtschaftsordnung“ sowie die „Charta über die wirtschaftlichen Rechte und Pflichten der Staaten“ - letztere allerdings gegen die Stimmen der USA und der Bundesrepublik Deutschland. Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte in der ökonomischen Krise gar auf einer Kürzung der deutschen Entwicklungshilfe bestanden.

Willy Brandts erklärter Wille war es, mit seiner Kommissionsarbeit zwischen „Nord“ und „Süd“ zu vermitteln und beide Seiten gleichberechtigt zu behandeln. Er betonte die gemeinsamen Interessen von Industrie- und „Entwicklungsländern“ und deren gegenseitige Abhängigkeit. Entwicklungspolitik sollte nicht länger nur eine generöse „Hilfe“ darstellen, sondern die Staaten des Globalen Südens sollten einen gerechten Ertrag für ihre eigenen Produktionsanstrengungen erzielen können. Zugleich stellte die Entwicklungspolitik für Brandt eine neue Dimension globaler Friedenspolitik dar, denn nicht nur Atomwaffen, sondern auch Wirtschaftskrisen, Hungerkatastrophen und ökologische Zerstörung bedrohten nach seiner Ansicht den Weltfrieden.

Ambitionierte Reformvorschläge (zur falschen Zeit)

Nach langwierigen Diskussionen und Beratungen stand am Ende ein über 300 Seiten langer Bericht, der sich nahezu allen Bereichen der Entwicklungsproblematik widmete. Die wichtigsten Vorschläge waren:

  • Bekämpfung der absoluten Armut und die Befriedigung der Grundbedürfnisse, etwa durch ein Nahrungsmittelprogramm für die ärmsten Länder,
  • bessere Förderung der ländlichen Entwicklung und der Landwirtschaft,
  • Stabilisierung der Rohstoffpreise,
  • Integration der „Entwicklungsländer“ in den Welthandel, insbesondere durch den Abbau des Protektionismus der Industrieländer,
  • Ausbau der Stimmrechte dieser Staaten in der Weltbank und beim IWF.

Durch einen massiven öffentlichen Kapitaltransfer von Nord nach Süd in Höhe von 50 bis 60 Milliarden Dollar jährlich sollte das weltwirtschaftliche Wachstum belebt und ein durchgreifender Aufschwung hervorgerufen werden. Die Entwicklungshilfeausgaben der Industriestaaten sollten bis 1985 auf 0,7 Prozent und bis 2000 auf 1 Prozent des jeweiligen nationalen Bruttoinlandsprodukts erhöht werden.

Das waren ambitionierte Ideen – die vor allem zur falschen Zeit kamen. In der medialen Öffentlichkeit standen sich harte Kritik („dummes Geschwätz“ oder „politisch fragwürdig“) seitens Politik und Wissenschaft und begeisterte Aufnahme in kirchlichen oder „Dritte-Welt“-Gruppen gegenüber. Vor allem die Kirchen unterstützten die Forderung nach einer Armutsbekämpfung, die diesen Namen verdiente. Nach höflich bekundeter Wertschätzung ignorierten die entscheidenden Politiker*innen den Bericht und seine Forderungen. Der Einmarsch der UdSSR in Afghanistan provozierte zudem eine Ost-West-Krise, die den Nord-Süd-Dialog völlig in den Schatten stellte. Ronald Reagan in den USA und Margret Thatcher im Vereinigten Königreich verfolgten eine von Nationalinteressen geleitete wirtschaftsliberale Politik, die nur wenig Raum für internationalen Interessenausgleich ließ.

Umgesetzt wurde von den Vorschlägen nur sehr wenig. 1981 folgte eine Internationale Konferenz über Zusammenarbeit und Entwicklung in Cancun unter Beteiligung von 22 Staats- und Regierungschefs, allerdings ohne greifbare Ergebnisse. 1983 übergab Willy Brandt einen zweiten Bericht der Nord-Süd-Kommission mit einem aktualisierten Dringlichkeitsprogramm - das von den konservativen Regierungen in Washington, London und Bonn entschieden abgelehnt wurde. Brandt selbst machte aus seiner Enttäuschung über das vergleichsweise geringe Interesse vor allem in Deutschland keinen Hehl: „Die deutsche Politik ist rückständig auf diesem Gebiet, und die Intelligenz in diesem Lande ist es noch mehr.“ Und in seinen Erinnerungen resümiert er, „dass alle Bemühungen um einen konstruktiven Nord-Süd-Dialog scheiterten oder ins Leere liefen“.

Die internationale Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES)

Schon vor dem Einsetzen der Brandt-Kommission bestand ein Schwerpunkt der Stiftungsarbeit im Dialog mit dem Globalen Süden. Das erste Büro im Ausland, eine am deutschen Modell der Heimvolkshochschule orientierten Bildungseinrichtung, eröffnete die Stiftung 1965 in Madagaskar. Im selben Jahr errichtete die FES ein Regionalbüro in Beirut. 1975 verfügte die Stiftung über 120 Beschäftigte im Ausland, davon 67 auf dem afrikanischen Kontinent. Die Nord-Süd-Kommission gab der Stiftungsarbeit jedoch einen weiteren Schub und die FES baute die Ergebnisse und Initiativen der Kommission in ihre Arbeit ein. Die Stiftung organisierte eine Reihe von Seminaren und Konferenzen sowie Übersetzungen des Berichts, um zum einen die Ergebnisse zu verbreiten und sie zum anderen im regionalen Rahmen zu konkretisieren (zum Beispiel auf Konferenzen in Mexiko, Nairobi und Shanghai). 1981 führte die FES gemeinsam mit den anderen westdeutschen politischen Stiftungen eine Konferenz zur Entwicklungspolitik durch, die von 750 Teilnehmer*innen und zahlreichen hochrangigen nationalen und internationalen Vertreter*innen besucht wurde (so vom Bundespräsidenten, dem UNESCO-Generaldirektor und dem Präsidenten des Internationalen Bundes freier Gewerkschaften). Auch wurden Büros in Dakar und Caracas eröffnet, um den Dialog zwischen den Ländern des Globalen Südens sowie den Nord-Süd-Dialog zu stärken. Im Archiv der sozialen Demokratie wurde ein Referat „Dritte Welt“ gebildet, das sich mit der Sammlung entwicklungspolitischer Literatur befasste.

Und heute?

Die Unterschiede zwischen der historischen und aktuellen Nord-Süd-Kommission liegen natürlich auf der Hand. So sind einige der damals noch zur „Dritten-Welt“ zählenden Staaten heute selbst Teil eines neuen Machtblocks mit immensem Einfluss auf die Weltwirtschaft. China und Indien stehen kurz davor, die global dominierenden Staaten zu werden und damit das 21. Jahrhundert zu prägen. Die globalen Machtverhältnisse haben sich dermaßen gewandelt, dass es nicht mehr nur unpassend ist, von einer „Dritten Welt“ zu sprechen, sondern selbst der Begriff des „Globalen Südens“ weist angesichts der militärischen und ökonomischen Ausdifferenzierung Unschärfen auf. Was sicher gleich oder ähnlich geblieben ist, ist die weitgehende Abhängigkeit der Mehrzahl der afrikanischen Staaten von den ökonomischen und militärischen Global Players. Nur dass jetzt auch Staaten wie insbesondere China dazu zählen.

Angesichts der weltweiten Armut hat sich an der Notwendigkeit eines Nord-Süd-Austauschs und dem Streben nach einer gerechten Weltwirtschaft nichts geändert. Die neue Nord-Süd-Kommission hat ihre Berechtigung und ist dringend notwendig. Allerdings ist zu befürchten, dass die neue Kommission wie schon die historische Nord-Süd-Kommission unter erheblichem Rechtfertigungsdruck stehen wird. Dies sollten alleine die politischen Angriffe aus dem radikalen rechten Lager auf die Entwicklungspolitik deutlich machen.

Auch die FES hat nach wie vor einen Schwerpunkt in der internationalen Arbeit. Ein Leuchtturmprojekt der Stiftung ist das „North South Futures Forum“, das internationale Entscheidungsträger*innen und Expert*innen aus Globalem Norden und Süden zusammenbringt, um einen progressiven Multilateralismus in Zeiten geopolitischer Fragmentierung voranzubringen. Die Ziele sind gerechtere globale Regeln, stärkere Institutionen und neue Allianzen. Das erste Treffen des NSFF fand im Dezember 2025 in New York statt, das zweite im Juni 2026 in Brasilien.

 

Stefan Müller (der Beitrag fußt zu einem erheblichen Teil auf einem Blogbeitrag der verstorbenen Kollegin Gabriele Rose aus dem Jahr 2020).

Quellen und Literatur

Im Katalog unserer Bibliothek finden Sie Literatur rund um den Bericht und die Arbeit der Nord-Süd-Kommission.
Der Titel „Entwicklung und Frieden im 21. Jahrhundert“ beschäftigt sich mit der Wirkungsgeschichte des Brandt-Berichts.
In der Online-Biografie Willy Brandts kann die Rede Willy Brandts als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission vor der United Nations Association in New York vom 26. Oktober 1978 abgerufen werden. Bei der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung können Sie die Einleitung Willy Brandts zum Bericht lesen. 

Kontakt

Autorin

Sie haben eine Rückmeldung zum Beitrag oder möchten mehr über unsere Publikationen und Veranstaltungen erfahren?

Sie möchten selbst bei uns recherchieren oder haben ein allgemeines Anliegen?

nach oben