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Jenseits alter Hierarchien: Süd-Süd-Kooperation neu denken

Kann Zusammenarbeit im Globalen Süden bestehende Machtungleichheiten überwinden? Im Vorfeld des North South Futures Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung sprechen wir darüber mit Kholood Khair.

Im Vorfeld unseres North South Futures Forum (NSFF) in Brasilien haben wir mit Kholood Khair über die Zukunft von Süd-Süd-Kooperation, die Reform globaler Governance-Strukturen und die Frage, wie echtes „Shared Leadership“ zwischen Globalem Norden und Süden aussehen könnte, gesprochen.

Friedrich-Ebert-Stiftung: Süd-Süd-Kooperation wird oft als Alternative zu traditionellen Nord-Süd-Beziehungen beschrieben. Wo siehst du ihr größtes transformatives Potenzial – und wo auch ihre Grenzen?

Kholood Khair: Oft wird über den Globalen Süden gesprochen, als handle es sich um eine homogene Gruppe. Tatsächlich verbindet viele Länder des Globalen Südens vor allem ihre Position innerhalb globaler Machtverhältnisse – nicht unbedingt gemeinsame historische Erfahrungen oder wirtschaftliche Entwicklungswege.

Gerade deshalb sollten bestehende Abhängigkeiten neu gedacht werden. Die COVID-19-Pandemie, aktuelle Energie- und Sicherheitskrisen oder Unterbrechungen globaler Lieferketten haben gezeigt, wie verletzlich viele Länder des Globalen Südens bleiben. Mehr Eigenständigkeit in Bereichen wie Ernährungssicherheit, Energieversorgung und Sicherheitspolitik ist daher dringend notwendig.

Gleichzeitig sollte Süd-Süd-Kooperation nicht als Ersatz für Nord-Süd-Kooperation verstanden werden. In einer eng verflochtenen Weltwirtschaft wäre dies weder realistisch noch besonders transformativ. Die Gefahr besteht vielmehr darin, bestehende Machtasymmetrien lediglich zu reproduzieren oder neue Blockbildungen zu schaffen.

Entscheidend wird sein, Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln, die auf gegenseitigem Nutzen beruhen und nicht nur den Interessen politischer oder wirtschaftlicher Eliten dienen. Dabei kommt auch der Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle zu: Solidarität zwischen Gesellschaften kann dazu beitragen, dass Süd-Süd-Kooperation den Menschen zugutekommt und nicht nur wenigen Akteur_innen wirtschaftliche Vorteile verschafft.

Welche Rolle können Länder des Globalen Südens dabei spielen, globale Governance-Strukturen nicht nur zu reformieren, sondern neu zu definieren? Was sollten wir in Brasilien beim North South Futures Forum hierzu diskutieren?

Viele multilaterale Institutionen stehen heute unter Druck. Gleichzeitig suchen Staaten zunehmend nach kleineren, flexibleren Formaten der Zusammenarbeit. Dennoch zeigen zahlreiche Erfahrungen, dass gerade Länder des Globalen Südens von einer regelbasierten internationalen Ordnung profitieren, in der multilaterale Institutionen stark genug sind, um Machtungleichgewichte auszugleichen.

Statt sich von diesen Institutionen abzuwenden, sollten Länder des Globalen Südens ihren Einfluss innerhalb bestehender Strukturen ausbauen und aktiv an deren Weiterentwicklung mitwirken. Der teilweise Rückzug traditioneller Großmächte eröffnet hierfür neue Handlungsspielräume.

Dabei reicht es allerdings nicht aus, lediglich mehr Repräsentation einzufordern. Entscheidend ist, wie Interessen des Globalen Südens tatsächlich eingebracht werden und ob internationale Institutionen in der Lage sind, auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren.

Für das North South Futures Forum in Brasilien Mitte Juni sieht Kholood Khair insbesondere folgende Themen als zentral an:

  • Perspektiven für eine Zukunft jenseits klassischer Entwicklungszusammenarbeit, insbesondere vor dem Hintergrund sinkender ODA-Mittel;
  • stärkere regionale und Süd-Süd-Verflechtungen in den Bereichen Ernährung, Energie und Lieferketten;
  • engere Zusammenarbeit bei Klima, Schuldenfragen sowie dem Umgang mit natürlichen Ressourcen und kritischen Rohstoffen;
  • neue Formen globaler zivilgesellschaftlicher Kooperation zur Bewältigung gemeinsamer Krisen und Risiken.

Wie kann verhindert werden, dass Süd-Süd-Kooperation bestehende Machtasymmetrien reproduziert?

Auch innerhalb des Globalen Südens bestehen erhebliche Unterschiede – etwa beim Zugang zu Kapital, technologischen Ressourcen, Klimaresilienz oder politischem Einfluss. Diese Unterschiede verleihen einigen Staaten deutlich mehr Möglichkeiten, regionale und internationale Entwicklungen zu prägen als anderen.

Um neue Abhängigkeiten zu vermeiden, braucht es stärkere Solidarität und Unterstützung für demokratische und ausgleichende Kräfte innerhalb des Globalen Südens. In vielen Ländern haben sich in den vergangenen Jahren soziale Bewegungen und zivilgesellschaftliche Initiativen entwickelt, die mehr politische Teilhabe und soziale Gerechtigkeit einfordern.

Gleichzeitig versuchen einige einflussreiche Staaten, solche Dynamiken zu bremsen, wenn sie ihren Interessen widersprechen. Umso wichtiger ist es, regionale Organisationen zu stärken und Räume für gleichberechtigte Zusammenarbeit zu schaffen.

Beim North South Futures Forum sprechen wir von „Shared Leadership“ in multilateralen Prozessen. Was bedeutet das in der Praxis – jenseits symbolischer Beteiligung?

Shared Leadership bedeutet zunächst, Beteiligung neu zu denken. Wo bestehende multilaterale Prozesse bestimmte Perspektiven ausschließen, sollten zivilgesellschaftliche Akteur_innen eigene Räume schaffen, die Reformen anstoßen können, ohne von bestehenden Machtstrukturen vollständig abhängig zu sein.

Darüber hinaus braucht es eine ernsthafte Verpflichtung zu Süd-Süd-Kooperation – etwa beim Austausch von Wissen, Technologien und Ressourcen. Voraussetzung dafür sind jedoch Vertrauen und eine gemeinsame Grundlage.

Diese Grundlage findet sich in Herausforderungen, die Menschen weltweit teilen: Armutsbekämpfung, bezahlbare Lebenshaltungskosten, Klimaresilienz, Energiesicherheit sowie Ernährungssicherheit. Auf dieser Basis könnten künftig auch weitergehende Formen der Zusammenarbeit entstehen – etwa zu den Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf Arbeitsmärkte, zur Zukunft sozialer Sicherungssysteme oder zur Eindämmung von Konflikten und Verbreitung von Waffen.

Die ungekürzte Originalversion des Interviews finden Sie auf Englisch auf der Website unseres New Yorker Büros. Link

Zur Person

Kholood Khair ist Gründerin und Leiterin von Confluence Advisory, einem „Think-and-Do-Tank“ gegründet in Khartum, Sudan. Die Arbeit konzentriert sich auf drei politische Schwerpunkte: Frieden und Sicherheit, Wirtschaft sowie Regierungsführung. Kholood war zudem Moderatorin und Co-Produzentin von „Spotlight 249“, Sudans erster englischsprachiger Diskussions- und Debattensendung, die sich an junge Sudanesen richtet. Kholood verfügt über Berufserfahrung in den Bereichen Forschung, Hilfsprogramme und Politik im Sudan und am Horn von Afrika. Kholood hat einen Master of Science in Violence, Conflict and Development von der SOAS, University of London, sowie einen Master of Science in Afrikastudien von der University of Oxford.

Das North South Futures Forum

Dieser Beitrag entstand im Zusammenhang mit dem North South Futures Forum (NSFF). Das NSFF wird unter der Federführung unseres Büros in New York organisiert und bringt internationale Entscheidungsträger:innen und Expert:innen aus dem Globalen Norden und Süden zusammen, um einen progressiven Multilateralismus in Zeiten geopolitischer Fragmentierung voranzutreiben. Das Ziel sind gerechtere globale Regeln, starke Institutionen und neue Allianzen. Das nächste Treffen des Forums findet im Juni 2026 in Brasilien statt.

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