Interview Demokratie und Gesellschaft | Frieden und Sicherheit GenSouth 2026: Neue Stimmen aus dem Globalen Süden zur Zukunft des Multilateralismus 29.04.2026 Was braucht ein inklusiver Multilateralismus? Mit GenSouth-Teilnehmerin Fatima Zohra Dahmani sprachen wir über die Perspektiven des Globalen Südens und die Notwendigkeit einer Reform. Bild: Urheber: foraus Im Februar 2026 veranstaltete der in Genf ansässige Think-Tank foraus mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) das GenSouth-Programm 2026. Das Ergebnis ist der GenSouth 2026 Projektbericht. In einer Zeit, in der der Multilateralismus zunehmendem Druck ausgesetzt ist und Reformforderungen laut werden, zielt GenSouth darauf ab, Stimmen des Globalen Südens in genau jene Diskussionen einzubringen, die die Zukunft der internationalen Zusammenarbeit prägen. Wir sprachen mit Fatima Zohra Dahmani, einer unabhängigen algerischen Forscherin des Think-Tanks „Fonds pour les femmes en Méditerranée“ (FFMed) und Teilnehmerin des diesjährigen Programms. Sie arbeiten beim Think-Tank FFMed im Bereich öffentlicher Systeme und bewegen sich an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Was hat es für Sie persönlich bedeutet, am GenSouth-Programm in Genf teilzunehmen und welche Rolle spielt Multilateralismus in Ihrer täglichen Arbeit sowie in Ihrem Engagement in Ihrer Heimat? Fatima Zohra Dahmani: Die Teilnahme an GenSouth 2026 hat mir vor Augen geführt, dass meine Stimme politisches Gewicht hat und eine echte Triebkraft für gesellschaftliche Veränderung darstellt. Sie hat mir noch einmal verdeutlicht, dass Fachwissen nicht nur im Globalen Norden oder in formalen Institutionen entsteht. Die Erfahrung, in Genf an multilateralen Debatten aus einer feministischen, intersektionalen und dekolonialen Perspektive des Globalen Südens teilzunehmen, hat unterstrichen, wie wichtig gelebte Erfahrung, kritische Analyse und kollektives Wissen für politische Prozesse sind – und dass sie ernst genommen werden müssen. Darüber hinaus hat die Erfahrung mir gezeigt, dass politische Wirksamkeit nicht allein aus institutioneller Nähe zur Macht erwächst, sondern ebenso aus dem Bewusstsein eigener Handlungsmacht sowie der Klarheit und dem Mut, die eigene Perspektive zu artikulieren. Das Ziel des GenSouth Projektberichts ist es, konkrete politische Empfehlungen aus der Perspektive des Globalen Südens zu formulieren. Sie haben am Kapitel über öffentliche Systeme mitgearbeitet. Könnten Sie die Ideen oder Forderungen dieses Kapitels beschreiben und erläutern, was Ihnen persönlich besonders wichtig war? Das Kapitel argumentiert, dass öffentliche Systeme – insbesondere der Zugang zu Finanzmitteln und Mobilität – keine neutralen Politikbereiche sind, sondern politische Infrastrukturen, die von kolonialer Geschichte und anhaltender Ausbeutung geprägt sind. Diese beiden Systeme fungieren als strukturelle Torwächter für alle anderen Rechte und bestimmen, wer Zugang zu Bildung, Arbeit, Sicherheit, politischer Teilhabe und wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit erhält. Wir fordern eine Neugestaltung des Multilateralismus, in der Mobilität und der Zugang zu Finanzmitteln als Rechte und öffentliche Güter verstanden und gemeinsam mit Frauen und Jugendlichen aus dem Globalen Süden gestaltet werden. Für mich persönlich war es wichtig, alltägliche Realitäten in politische Sprache zu übersetzen und aufzuzeigen, dass der Ausschluss von Finanzdienstleistungen und Mobilität kein Zufall ist, sondern strukturelle Ursachen hat; dass Reformen eher umverteilend als wohltätig gedacht werden müssen; und dass Menschen die notwendige Handlungsfähigkeit erhalten müssen, um Veränderungen aktiv voranzutreiben. Aus der Perspektive des Globalen Südens zu schreiben bedeutete dabei auch, politische Eigenverantwortung für unsere Zukunft zu beanspruchen. Bild: Urheber: foraus Podiumsdiskussion "Reinventing Multilateralism towards 2050" Bild: Urheber: foraus GenSouth rückt bewusst Stimmen in den Mittelpunkt, die in globalen Debatten selten Gehör finden. Wo sehen Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung die größten Lücken im heutigen multilateralen System, und was müsste sich strukturell ändern, damit die Länder des Globalen Südens mehr Mitspracherecht erhalten? Eine der größten Lücken im heutigen multilateralen System ist die Annahme, dass Inklusion ohne Umverteilung möglich sei. Oft wird zur Teilhabe eingeladen, ohne dass es zu einer wirklichen Verschiebung von Macht, Ressourcen oder Entscheidungsbefugnissen kommt, wodurch die Stimmen des Globalen Südens strukturell ausgeschlossen bleiben und Initiativen weitgehend symbolischen Charakter haben. Ein weiteres Problem ist die Versicherheitlichung der Mobilität, bei der die Migration aus dem Globalen Süden als Bedrohung und nicht als Voraussetzung für Überleben, Bildung und Teilhabe verstanden wird. Auf struktureller Ebene muss hinterfragt werden, wer die politischen Agenden setzt, wer über Finanzmittel verfügt und wessen Wissen als legitim anerkannt wird. Ohne verbindliche gemeinsame Steuerung und klare Rechenschaftspflichten bleiben die Stimmen des Globalen Südens strukturell ausgeschlossen und multilaterale Programme bleiben eher symbolisch als transformativ. Nun, da der Projektbericht vorliegt: Welche Erkenntnisse nehmen Sie daraus für Ihre eigene Arbeit mit, und wie sollte aus Ihrer Sicht eine angemessene Reaktion von politischen Entscheidungsträgern und internationalen Institutionen aussehen? Gibt es bereits konkrete Ideen, wie Sie die Verbindung zum internationalen Genf in Zukunft aufrechterhalten möchten? Ich nehme ein klareres Verständnis davon mit, wie Expert*Innen aus dem Globalen Norden unsere Kämpfe wahrnehmen und auf unsere politische Neupositionierung reagieren. Ebenso nehme ich eine konkrete Methode mit, gelebte Realitäten in die Sprache der multilateralen Politik zu übersetzen, ohne dabei die politische Integrität zu verlieren. Eine sinnvolle Reaktion der politischen Entscheidungsträger bestünde nicht in weiteren symbolischen Konsultationen, sondern in konkreten Verpflichtungen, Mobilitätsmodelle zu überdenken, Finanzinstrumente neu zu gestalten und Entscheidungsräume für Frauen und Jugendliche aus dem Globalen Süden zu öffnen. Auch künftig möchte ich durch gezielte Zusammenarbeit, Dialog und strategisches Engagement eine Verbindung zum internationalen Genf aufrechterhalten – als Raum, in dem globale Verantwortung neu verhandelt und gestaltet werden muss, ohne ausbeuterische Logiken zu reproduzieren oder das Leben einiger Menschen zugunsten anderer zu relativieren. Das Interview erschien im Original auf English auf der Website unseres Genfer Büros. Zur Person Fatima Zohra Dahmani ist Wissenschaftlerin und Forscherin. Ihre Fachkenntnisse umfassen die Bereiche Meeresökologie, Gender Studies und Bildung. Als Mitwirkende des Think-Tanks „Fonds pour les femmes en Méditerranée“ (FFMed) konzentriert sie sich auf ökologische Nachhaltigkeit, maritime Geopolitik und Geschlechtergleichstellung. Ihre Ausbildung in Außenpolitik und Geopolitik im Rahmen von FES-unterstützten Programmen hat ihr sowohl wissenschaftliches Wissen als auch politisches Gespür vermittelt. Angetrieben von ihrem Engagement für eine inklusive Entwicklung und feministische Ansätze zur Bewältigung globaler Herausforderungen setzt sie sich dafür ein, Wissenschaft, Politik und die Stimmen der Gemeinschaft miteinander zu verbinden, um gerechte und nachhaltige Ergebnisse zu erzielen. Die Gruppe des GenSouth-Programms 2026 Bild: Urheber: foraus Über GenSouth GenSouth ist ein jährlich stattfindendes Programm, das junge Fachleute aus Think-Tanks des Globalen Südens nach Genf bringt, um Ideen zur Zukunft des Multilateralismus auszutauschen. Im Februar 2026 veranstaltete der in Genf ansässige Think-Tank foraus mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) das GenSouth-Programm 2026 und brachte eine Gruppe von 15 jungen Fachleuten zusammen. Das Programm bietet aufstrebenden Vordenker*innen die Möglichkeit, mit zentralen Akteuren des internationalen Genf in den Austausch zu treten. Dabei entwickeln sie konkrete politische Vorschläge, die auf Perspektiven beruhen, die in globalen Debatten noch immer zu selten Gehör finden. Das Ergebnis ist der GenSouth 2026 Projektbericht. Kontakt Referat Globale und Europäische Politik Renate Tenbusch renate.tenbusch(at)fes.de Projektverantwortliche Ira Gibson ira.gibson(at)fes.de Das könnte Sie auch interessieren... Bild: Urheber: picture alliance / Hans Lucas | POOL UNION EUROPEENNE / AGENCE HANS LUCAS Freitag, 10.04.2026 Publikation Frieden und Sicherheit Der „vierte Weg“ Zwischen USA, China und Fragmentierung sucht Europa seine alternative Rolle in einer multipolaren Welt. 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