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Wir müssen uns organisieren!

Die diesjährige Sitzung der UN-Frauenrechtskommission stand unter dem Motto „Zugang zu Recht für alle Frauen und Mädchen“. Machris Cabreros von der Progressive Alliance teilt ihre Beobachtungen zum aktuellen Stand der Demokratie und der Geschlechtergerechtigkeit.

Im März 2026 fand in New York die 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission (FRK70) statt. Die FRK ist das wichtigste zwischenstaatliche Gremium auf globaler Ebene, das sich ausschließlich der Förderung der Geschlechtergleichstellung, der Frauenrechte und des Empowerments von Frauen widmet. Im Mittelpunkt der FRK70 stand die Frage, wie für alle Frauen und Mädchen der Zugang zu Recht gewährleistet und gestärkt werden kann. In diesem Kontext lud die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) gemeinsam mit dem Forschungsinstitut der Vereinten Nationen für soziale Entwicklung (UNRISD) zu einem Side-Event zu globalen Entwicklungen und strategischen Antworten auf den Backlash gegen Feminismus und Frauenrechte ein. Im Rahmen dieser Veranstaltung hielt Machris Cabreros, Ko-Vorsitzende des Feminist Foreign Policy Progressive Voices Collective, eine Grundsatzrede. Machris Cabreros ist zugleich globale Koordinatorin der Progressive Alliance – eines Netzwerks progressiver, demokratischer, sozialdemokratischer, sozialistischer und Arbeiterparteien, die sich für Demokratie, Gleichstellung der Geschlechter, Gerechtigkeit und Solidarität einsetzen.

Im Folgenden teilt Machris Cabreros ihre Beobachtungen und Einschätzungen zur FRK70:

Wir erleben derzeit tiefgreifende globale Veränderungen, durch die demokratische Normen zunehmend unter Druck geraten. Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand der Demokratie und der Geschlechtergerechtigkeit?

Wir leben aktuell in einer schwierigen politischen Zeit. Populistische und rechtsextreme Kräfte, die früher eine politische Randerscheinung waren, werden zunehmend zur Normalität, und die Demokratie ist auf einen historischen Tiefststand gesunken. Inzwischen leben mehr als 70 Prozent der Weltbevölkerung unter autokratischer Herrschaft. 676 Millionen Frauen und Mädchen leben in konflikthaften Verhältnissen, und wenn diese Entwicklung sich im gleichen Tempo fortsetzt, wird es 123 Jahre dauern, bis der globale Gender Gap geschlossen ist. Was wir derzeit erleben, ist ein konzertierter politischer, religiöser und kapitalistischer Angriff, der sich einmal mehr mit patriarchalen Instrumenten gegen einen zivilisatorischen Fortschritt richtet, dessen Maßstab die Gleichberechtigung ist.

Warum wird der Feminismus zur Zielscheibe autoritärer oder konservativer Bewegungen, und welche Rolle spielen dabei politische und wirtschaftliche Kräfte?

Der Backlash gegen die Gleichberechtigung der Geschlechter ist keine spontane Reaktion, sondern organisiert und transnational. In vielen Ländern zeigt sich dasselbe Muster: Delegitimierung, Mittelkürzungen und Desinformation. Forderungen nach Inklusion werden als Bedrohung der Familie hingestellt, das Engagement für Gleichberechtigung wird als ‚woke‘ abgetan, und feministische Bewegungen werden zu Feinden der Tradition erklärt. Im Kern geht es bei dieser Gegenbewegung um Macht. Sie wird von politischen Eliten und wirtschaftlichen Interessen getragen, die von Systemen profitieren, in denen Macht, Reichtum und Chancen konzentriert bleiben. So entsteht ein System, das mehr Ungleichheit, Konflikte und Demokratieabbau produziert. Das ist der Grund, warum der Feminismus zur Zielscheibe wird. Er stellt diese Machtkonzentration infrage.

Gibt es angesichts des massiven Backlashs gegen die Gleichberechtigung der Geschlechter dennoch Grund für Optimismus?

Die Geschlechtergleichstellung ist nicht auf dem Rückzug. Die meisten Menschen stehen weiterhin für das, wofür auch feministische Bewegungen stehen: Würde, Gerechtigkeit, Chancengleichheit und das Recht, über die eigene Zukunft zu bestimmen. Der Backlash ist lautstark, wird aber nicht von der Mehrheit getragen. Es gibt überzeugende Belege dafür, dass Länder, die die Rechte von Frauen und ihre politische Teilhabe stärken, die bessere demokratische Regierungsführung und wirtschaftliche Entwicklung aufweisen und stabiler sind. Die kollektiven Erwartungen der Menschen und die Indizien für die enge Verzahnung von Geschlechtergleichstellung und Fortschritt sprechen für uns.

Wie übersetzt die Progressive Alliance feministische Prinzipien in konkrete politische Strategien, die Demokratien stärken und die Gleichstellung voranbringen?

Die Progressive Alliance vereint weltweit mehr als hundert progressive politische Parteien, in denen feministische Akteur:innen den Kurs mitgestalten. Wir sehen jeden Tag, dass globale Entwicklungen unsere Demokratien beeinflussen. Zugleich erleben wir, dass progressive Kräfte entschlossen darauf reagieren. Mit unserem Aktionsplan für Geschlechtergleichstellung verpflichten sich die Mitglieder zu konkreten Schritten: den Anteil von Frauen in der Politik zu erhöhen, den feministischen Führungsnachwuchs zu stärken, Gender-Folgenabschätzungen in der Politikgestaltung zu verankern und Gleichstellung zum Fortschrittsmaßstab demokratischer Institutionen zu machen. Wir setzen uns für eine feministische Außenpolitik ein, denn Diplomatie, Entwicklung, Handel und Sicherheitspolitik prägen die Welt, in der wir leben.

Wie kann eine feministische Innen- und Außenpolitik Demokratien stärken und eine regelbasierte internationale Ordnung festigen?

Demokratie ohne Geschlechtergleichstellung ist unvollständig. Die aktuellen geopolitischen Spannungen führen uns vor Augen, wie fragil die Weltordnung geworden ist. Konflikte breiten sich über ganze Regionen aus, und die Großmächte setzen wieder stärker auf Abschreckung als auf Zusammenarbeit. Mehr und mehr öffentliche Mittel fließen in die Militarisierung, während soziale Sicherungssysteme geschwächt werden. In diesem Kontext bietet feministische Außenpolitik einen praktischen Ansatz, um demokratische Allianzen zu stärken und die Sicherheit der Menschen ins Zentrum internationaler Zusammenarbeit zu rücken. Wenn Frauen an Friedensprozessen beteiligt sind, halten Vereinbarungen länger, und wenn demokratische Regierungen Gleichstellung als eine Säule ihrer Außenpolitik begreifen, stärken sie die Grundlagen einer regelbasierten internationalen Ordnung.

Welche Rolle sollten progressive Akteure angesichts dieses Backlashs einnehmen?

Wir müssen uns organisieren! Wenn die autoritären Kräfte sich grenzüberschreitend koordinieren, muss der progressive Internationalismus das Gleiche tun. Entscheidend ist, dass intersektionale und generationenübergreifende Bündnisse zwischen feministischen Bewegungen, Gewerkschaften, der Zivilgesellschaft, dem Privatsektor, progressiven Parteien und reformorientierten Regierungen geschmiedet werden. So kann der Backlash gedreht und eine neue Dynamik eingeleitet werden.

Welche Rolle sollten politische Parteien spielen, damit Gleichstellung als Praxis gelebt und im staatlichen Handeln verankert wird?

Politische Parteien müssen die demokratischen Werte, für die sie eintreten, vorleben. Demokratie ist das Immunsystem einer stabilen Gesellschaft – autoritäre Systeme, die sich auf konzentrierte Macht und Reichtum gründen, sind dagegen von Natur aus fragil. Sicherheit entsteht durch Teilhabe, Umverteilung, Zusammenarbeit und Kümmern.

Bei der politischen Teilhabe ist der Gender Gap weltweit nach wie vor am größten. Ein höherer Anteil von Frauen in Führungspositionen stärkt die demokratische Legitimität und Stabilität. Hier stehen die Parteien in der Verantwortung. Öffentliche Finanzierungssysteme sollten Anreize für Parteien schaffen, die Frauen als Kandidatinnen aufstellen und fördern. In der Gesetzgebung sollten Gender-Folgenabschätzungen zum Standard werden. Auf internationaler Ebene gilt es, Gleichstellung zum Maßstab in Handel, Entwicklungszusammenarbeit und Technologiepolitik zu machen.

Es wird noch lange dauern, bis die globale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern beseitigt ist. Wie können feministische Bewegungen Chancen in konkrete Veränderung übersetzen?

Der prognostizierte Zeitraum von 123 Jahren ist weder unausweichlich noch akzeptabel. Die bisherigen Fortschritte beweisen, dass Veränderung möglich ist. Wenn sich der Global Gender Gap Index nur um 0,1 Punkte verbessert, verkürzt sich der Zeitraum um elf Jahre.

Ich bin Philippinerin. Während der Präsidentschaft von Rodrigo Duterte wurden im sogenannten Drogenkrieg Tausende Menschen getötet. Zu den mutigsten Stimmen, die sich gegen diese Gewalt stellten, gehörten Frauen: Leila de Lima, Maria Ressa und Risa Hontiveros. Inzwischen macht die Justiz weitere Fortschritte: Duterte muss sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten, und die genannten Frauen stehen für eine andere Form von Führung, die auf Rechenschaftspflicht, Wahrheit und Mitbestimmung basiert.

Auch wenn der Backlash gegen Geschlechtergleichstellung lautstark und koordiniert verläuft und gut finanziert ist, bleiben die feministischen Bewegungen beharrlich und wachsen – in Communities, in Parlamenten und in internationalen Bündnissen.

Ausgewählte Publikation zum Thema

Strategic responses to backlash against gender justice

Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., March 2026

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