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North South Futures Forum: Die Krise des Multilateralismus ist auch eine Chance

Dr. Henrik Maihack | BMZ

Henrik Maihack, Leiter des Sekretariats der Nord-Süd-Kommission, über globale Machtverschiebungen, die Erwartungen des Globalen Südens die neue Weltordnung mitzugestalten und Deutschlands Rolle in einer multipolaren Welt.

Friedrich-Ebert-Stiftung: Henrik, du hast sowohl aus deiner früheren Rolle als Referatsleiter Afrika bei der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) als auch heute als Leiter des Sekretariats der entwicklungspolitischen Nord-Süd-Kommission im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) einen besonderen Blick auf Nord-Süd-Kooperation. Wo siehst du derzeit die größten politischen Blockaden – aber auch die wichtigsten Chancen – für eine gerechtere multilaterale Zusammenarbeit?

Dr. Henrik Maihack: Die beiden Ko-Vorsitzenden der neuen South-North Commission on Development, Laura Chinchilla und Olaf Scholz, haben anlässlich des Launches der unabhängigen Kommission am 30.06.2026 auf der Hamburg Sustainability Conference einen tiefgreifenden globalen Wandel beschrieben: Wir befinden uns auf dem Weg in eine multipolare Ära – eine Ära, in der neue Einflusszentren entstehen und sich politische und ökonomische Macht zunehmend verteilt.

Starke internationale Zusammenarbeit wird [...] immer wichtiger

Gleichzeitig werden die Herausforderungen, vor denen wir als globale Gemeinschaft stehen, immer stärker zu gemeinsamen Herausforderungen. Kein Land kann allein Pandemien bekämpfen, Wohlstand fördern, Armut verringern, die natürlichen Lebensgrundlagen bewahren oder Frieden und Sicherheit stärken. Starke internationale Zusammenarbeit wird also immer wichtiger – doch viele ihrer Mechanismen und Institutionen sind (noch) nicht auf eine multipolare Welt eingestellt.

Auffällig ist zudem, dass das, was wir im Globalen Norden vielfach als „Erosion" oder „Krise" des Multilateralismus wahrnehmen, in einigen Teilen des Globalen Südens eher als historische Gestaltungschance verstanden wird, um internationale Kooperation zu reformieren und zeitgemäßer aufzustellen. Das liegt auch daran, dass die meisten Länder der Welt bei der Entstehung bis heute geltender multilateraler Regeln nicht beteiligt wurden.

Umso wichtiger ist es, dass verschiedene Akteure im Globale Norden diesem starken Gestaltungswillen proaktiv begegnen und gemeinsame Potenziale der Zusammenarbeit beschreiben und dann auch nutzen.

Das North South Futures Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung geht von der These aus, dass die bestehende multilaterale Ordnung, die globalen Machtverschiebungen und Ungleichheiten nicht mehr ausreichend abbildet. Welche konkreten Reformen hältst du für notwendig, damit internationale Zusammenarbeit wieder als fair und handlungsfähig wahrgenommen wird – insbesondere aus Perspektive des Globalen Südens?

Zunächst wird immer deutlicher, dass der Wille im Globalen Süden, einen regelgebundenen Multilateralismus gemeinsam mit Partnern im Globalen Norden zu verteidigen, von der Bereitschaft des Globalen Nordens abhängig gemacht wird, diesen auch wirklich zu reformieren. Bei einem unausweichlich zunehmenden relativen Einfluss der Länder des Globalen Südens – ökonomisch, politisch, kulturell – und einem damit verbundenem relativ abnehmenden Einfluss der Länder des Globalen Nordens wird dieser Druck noch weiter steigen.

Darauf gilt es konstruktiv zu reagieren: einerseits aus einer Perspektive globaler Gerechtigkeit, aber eben auch, um Frieden und Wohlstand in Süden und Norden langfristig abzusichern. Genau ein solches Dialogangebot ist die unabhängige South-North Commission on Development, die nun von der Bundesregierung eingerichtet wurde.

[...] Kommissionen alleine werden nicht ausreichen.

Übrigens war es bereits die erste Nord-Süd-Kommission unter Leitung von Willy Brandt, die 1980 das Verständnis gemeinsamer Interessen zwischen Nord und Süd prominent in den Vordergrund stellte.

Aber Kommissionen alleine werden nicht ausreichen. Es braucht ganz verschiedene Räume, die die Welt von Morgen vordenken und das für deren gemeinsame Gestaltung notwendige Vertrauen aufbauen. Ein solcher Raum ist beispielsweise das North South Futures Forum. In einer Phase, in der einige versuchen, ihre imperialen Großmachtträume zu verwirklichen, wird es für Kontinente bzw. Regionen ohne Großmacht – wie Afrika, Europa und Lateinamerika – noch wichtiger, dass verlässliche multilaterale Regeln im Interesse aller gelten. Davon hängt die globale Mehrheit der kleinen und mittelgroßen Länder ab, zu der auch Deutschland gehört.

Wenn es um konkrete Reformvorschläge geht, richtet sich die Aufmerksamkeit meist auf den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen oder die Aufnahme weiterer Länder in die G20. Mein Eindruck ist jedoch, dass für die meisten kleinen und mittelgroßen Länder des Globalen Südens andere Themen noch weiter oben auf der Reformagenda stehen: ein besser geregeltes internationales Regime im Umgang mit Schuldenkrisen, die effektivere Unterbindung illegaler Finanzströme oder eine Klimapolitik, die die enormen Kosten der internationalen Klimakrise gerechter verteilt. Genau auf solche Fragen haben beispielsweise die G20-Präsidentschaften von Brasilien und Südafrika daher ihren Fokus gelegt.

Welche Rolle können Länder wie Brasilien, Südafrika oder Indien – aber auch Akteure wie Deutschland und die EU – dabei spielen, progressive Allianzen für Reformen in Bereichen wie Klima, globale Finanzarchitektur und internationale Governance voranzubringen?

Die G20-Präsidentschaften dieser drei Länder haben deutlich gemacht, wo ihre jeweiligen Prioritäten liegen und wie gut sich diese ergänzen, wenn es um die Erreichung der SDGs geht, die ja für alle Mitgliedsstaaten der UN gelten: Im Fokus standen beispielsweise Ernährungssicherheit (Brasilien), Verschuldung und Ungleichheit (Südafrika) oder ein sehr expliziter SDG-Fokus (Indien).

Wertegeleitete internationale Kooperation war nie allein die Sache einiger weniger Regierungen im Globalen Norden.

Bemerkenswert fand ich zudem, wie deutlich gerade die südafrikanische G20-Präsidentschaft gemeinsame Werte internationaler Kooperation in den Vordergrund gestellt hat – zu einer Zeit, in der in vielen Ländern des Globalen Nordens eher von dem Bedarf einer zukünftig transaktionaleren internationalen Politik die Rede ist. Hier zeigt sich übrigens eine historische Konstante: Wertegeleitete internationale Kooperation war nie allein die Sache einiger weniger Regierungen im Globalen Norden.

Mit Blick nach vorn wird es vermutlich noch wichtiger werden, auch jenseits „gleichgesinnter" Partner themenbezogene Kooperationsformate auf Zeit voranzutreiben, um gemeinsam globale Herausforderungen zu bearbeiten und die so gestaltet sind, dass sie auch die UN mittelfristig stärken. Solche Formate vorzudenken und vielleicht auch bereits bestehenden guten Vorschlägen vorheriger Kommissionen oder High Level Panels zu größerer Wirkung zu verhelfen, ist ein Ziel der Kommission.

Read the article in English on the website of the Friedrich-Ebert-Stiftung United Nations and Global Dialogue Liaison Office New York. 

Zur Person

Dr. Henrik Maihack leitet seit April 2026 das Sekretariat der neuen entwicklungspolitischen Nord-Süd-Kommission im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Zuvor war er 15 Jahre in der Friedrich-Ebert-Stiftung tätig, u.a. als Leiter des Afrikareferats der Abteilung Internationale Zusammenarbeit in Berlin sowie Projekte in Kenia, Südsudan, Ruanda und Bangladesch. Henrik ist außerdem Mitglied im Netzwerk North South Futures Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Das North South Futures Forum

Dieser Beitrag entstand im Zusammenhang mit dem North South Futures Forum (NSFF). Das NSFF wird unter der Federführung unseres Büros in New York organisiert und bringt internationale Entscheidungsträger:innen und Expert:innen aus dem Globalen Norden und Süden zusammen, um einen progressiven Multilateralismus in Zeiten geopolitischer Fragmentierung voranzutreiben. Das Ziel sind gerechtere globale Regeln, starke Institutionen und neue Allianzen. Das nächste Treffen des Forums findet im 2027 in Indien statt.

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