Lesempfehlungen der Jury

Neben der Entscheidung für das Preisbuch erstellt die Jury jedes Jahr eine Liste mit weiteren, besonders empfehlenswerten Büchern, die aktuelle politische Herausforderungen adressieren und Denkanstöße für die politische Debatte geben.

Empfehlungen 2026

Grace Blakeley stellt eindrucksvoll dar, dass unser Verständnis liberaler Märkte bei näherer Betrachtung in Frage gestellt werden muss. Durch Verknüpfungen von wirtschaftlichen Interessen und politischen Entscheidungen wird aus den freien Märkten eine Planwirtschaft, in welcher der Staat den Interessen der Wirtschaft dient. Durch anschauliche Beispiele unterstreicht Blakeley ihre These, wonach die Einflussnahme einzelner Unternehmen ganze Systeme formt. Sie macht klar, wie diese Einflussnahme Machtmissbrauch ermöglicht und eine Gefahr für die Demokratie darstellt. Die Autorin legt eine originelle, überzeugend argumentierte und ebenso anspruchsvolle wie lesbare Lektüre vor, deren Ausführungen einige Diskussionen auslösen dürften. Daher die klare Empfehlung, das Buch zu lesen und eigene Gedanken zum Thema zu entwickeln.

"Jeder ist seines Glückes Schmied!“ –schöne Idee, aber in Zeiten enormer ökonomischer Ungleichheit helfen Kalendersprüche nicht mehr weiter. Martyna Linartas stellt fest: Wir sind von einer Erwerbs- zu einer Erbengesellschaft geworden. Die Autorin benennt sehr deutlich die Ursachen und Folgen der großen Vermögensungleichheit und belegt, dass die rückverteilende Wirkung des Staates durch ein gerechtes Steuersystem aus dem Lot geraten ist. Damit würden nicht nur die Grundlage eines vernunftorientierten, ökologischen und solidarischen Demokratieprozesses in Frage gestellt, sondern auch die Zukunftschancen kommender Generationen massiv eingeschränkt. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte über eine gerechtere Besteuerung von Erbschaften und Vermögen - und über gleiche Startchancen für die junge Generation. Daher: LESEN

"Unverdiente Ungleichheit. Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann" kurzgefasst und eingeordnet als buch|essenz der Friedrich-Ebert-Stiftung.

In seiner scharfsichtigen Analyse der geopolitischen Lage beschreibt Daniel Marwecki den Wandel der Weltordnung: Während der Westen deutlich an Einfluss verliert, etabliert sich eine multipolare Weltordnung mit Playern des ehemaligen „Globalen Südens“. Die koloniale Geschichte wie auch die doppelten Moralstandards des Westens tragen weltweit zu einer Erosion des Völkerrechts, der allgemeinen Menschenrechte wie auch zum Verlust der liberalen und demokratischen Werte bei, so der Autor. Zur Rettung der Demokratie fordert Marwecki daher vom Westen ein kluges „Abstiegsmanagement“ sowie einen neuen Gesellschaftsvertrag. Marwecki lässt uns einen radikalen Perspektivwechsel vollziehen, seine Ausführungen sind klar, pointiert und auch für Lesende ohne spezielles politisches und historisches Vorwissen verständlich. 

Des Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, langjähriger Chefökonom der Weltbank, legt mit dem Buch eine umfassende und fundierte Kritik des Neoliberalismus vor. Sie setzt an der Analyse an, dass diese Form des Kapitalismus die Freiheit weniger Menschen vergrößert, dafür aber die Freiheit vieler einschränkt. Der international renommierte Wirtschaftswissenschaftler setzt diesem Modell den „progressiven Kapitalismus“ einer erneuerten sozialdemokratischen Politik entgegen. Das Thema gehört angesichts libertärer und autoritärer Entwicklungen unserer Zeit auf die politische Agenda.

Kenntnisreich und differenziert nimmt der Historiker und Experte für neurechte Theoriebildung Volker Weiß die Geschichtsklitterung der extremen Rechten unter die Lupe. Weiß zeigt, wie durch Umdeutungen und selektives Erinnern ein verzerrtes Bild der Vergangenheit konstruiert wird, um das Eigene zu idealisieren und historische Verantwortung zu relativieren. Besondere Schärfe gewinnt die Analyse in der Entlarvung des wiederholten Versuchs, den Nationalsozialismus als „links" umzudeuten. Weiß entlarvt dieses Narrativ als Taschenspielertrick, dessen Wurzeln tief in rechter Tradition liegen und bis in die Gegenwart fortwirken – etwa in Äußerungen führender Politiker:innen der extremen Rechten. Das Buch, das die Mechanismen rechter Geschichtepolitik seziert, ist präzise, klar argumentiert und äußerst aktuell.

Empfehlungen 2025

Das Buch bietet eine hervorragend recherchierte Analyse der Zweckbündnisse, die Autokraten und Diktatoren weltweit eingehen, um Macht zu erhalten und Demokratien zu zerstören – oft unter Mithilfe von Geschäftemachern in demokratischen Ländern. Pointiert wird offengelegt, welche Strategien von Korruption, Kontrolle und massenhafter Propaganda sowie von Waffenlieferungen an Rechtsextremisten und Finanzspritzen an Terroristen zur Destabilisierung demokratischer Systeme genutzt werden. Das Buch liefert aber auch eine Reihe von Vorschlägen, wie den Autokraten gewaltlos begegnet werden kann und muss. Applebaum gelingt eine wichtige Analyse des prekären Zustands der Welt, geradezu ein Hilferuf zur Rettung der Demokratie. Insgesamt recht meinungsstark, aber historisch bestens belegt, investigativ und sehr lesenswert geschrieben.

Übrigens: "Die Achse der Autokraten" gibt's auch kurzgefasst und eingeordnet als buch|essenz!

Videostatement der Jury

Das Buch von Hein de Haas ist im besten Sinne aufklärerisch. 22 gängige Thesen zur Migration werden gründlich diskutiert und als wissenschaftlich nicht haltbar entlarvt. Weltweit gesehen, so eine zentrale Aussage des Autors, weist Migration keine eskalierende Entwicklung auf, bleibt vielmehr bei rund drei Prozent der Weltbevölkerung und spielt sich wesentlich als heimatnahe Binnenmigration ab. Außerdem ist sie gerade in den Zielländern im Wesentlichen konjunkturabhängig und lässt sich im Spannungsfeld von wirtschaftlicher Nachfrage, politischen Kontrollversuchen und zu sichernden Menschenrechten nur bedingt steuern. Das Buch ist für jedes Gespräch über Migration eine wichtige Grundlage, da die von demokratiefeindlichen Kräften befeuerte Migrationsdebatte viel zu oft Fakten ignoriert und an Emotionen statt an die Vernunft appelliert.

"Migration" kurzgefasst und eingeordnet als buch|essenz der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Videostatement der Jury

Elise Gravel präsentiert das brisante Thema Fake News und Verschwörungstheorien mit Witz und einem Hauch Absurdität in ihrem illustrierten Sachbuch „Angriff der Killer-Unterhosen“. In sechs Kapiteln beantwortet sie Fragen wie: Was sind Fake News? Und: Wie erkennt man echte Nachrichten? Mit ihren humorvollen Fantasiefiguren vermittelt Gravel diese Themen anschaulich und unterhaltsam, ohne zu belehren. Sie kombiniert lustige Beispiele, wie den vermeintlichen Angriff der Killer-Unterhosen, mit seriösen Erklärungen zum Umgang mit Fake News. Das Buch ist sprachlich präzise und erreicht damit und durch die Illustrationen auch Kinder, die weniger lesen. Es ist für Leser:innen ab acht Jahren geeignet.

Videostatement der Jury

Jens Kersten, Claudia Neu und Berthold Vogel betrachten Einsamkeit und Ressentiment interdisziplinär und setzen die Begriffe in Beziehung zueinander. Einsamkeit kann in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen bis hin zu extremer Ablehnung der Gesellschaft führen. Das Autorenkollektiv zeigt, dass Einsamkeit vielschichtig ist und unterschiedlich verarbeitet wird. Es beleuchtet antidemokratische Einstellungen als mögliche Folge von Einsamkeit. Ein eigenes Kapitel widmet sich der Frage, wie dem entgegengewirkt werden kann, und welche Rolle soziale Räume wie Bibliotheken dabei spielen. Das Thema Einsamkeit beschäftigt Politik und Wissenschaft seit Jahren. Der Bezug zwischen Einsamkeit und Ressentiments bietet einen neuen Ansatz, der von Politik und Forschung stärker beachtet werden sollte.

Videostatement der Jury

Die Autorin beschreibt beispielhaft extreme Wetterereignisse – Hitze, Dürre, Fluten u.a, - und bringt diese in einen Ursachenzusammenhang, der bisher unterbewertet erscheint. Klimakatastrophen entstehen demnach nicht ausschließlich aus ökologischen Gründen, sondern sind auch sozial und historisch begründet. Daraus leitet sie die Notwendigkeit ab, die Folgen von sozialer und ökonomischer Ungleichheit sowie von politischen Entwicklungen, wie Kolonialismus, mangelnder Geschlechtergerechtigkeit oder Kriegen, ebenfalls in Betracht zu ziehen, wenn es um die Bekämpfung des Klimawandels und seiner Folgen geht. Nur so lässt sich der von ihr postulierten KlimaUNgerechtigkeit wirksam begegnen. Denn Ungleichheit und Ungerechtigkeit gehören zum Kern dessen, was den Klimawandel zum Menschheitsproblem macht, Fairness und globale Gerechtigkeit müssen Teil der Lösung sein.

"Klimaungerechtigkeit" kurzgefasst und eingeordnet als buch|essenz der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Videostatement der Jury

Was kann passieren, wenn eine populistisch-autoritäre Partei im demokratisch verfassten Parlament über eine Mehrheit verfügt? Auf Grundlage des Thüringen-Projekts 2024 dekliniert Maximilian Steinbeis diese Frage beispielhaft und sehr konkret durch. Dabei zeigt er auf, wie eine Sperrminorität – oder gar eine populistisch-autoritäre Regierung - für massive Veränderungen in unserem politischen System sorgen könnten, ohne dabei den Boden der Verfassung zu verlassen. Nach der Methode Obstruktion und Kaperung werden politische Institutionen, Justiz, aber auch öffentlich-rechtliche Medien oder Schulen im Sinne völkischer Ideen umgeformt. Orbans Ungarn lässt grüßen. Steinbeis zeigt, dass wir die Resilienz unserer Demokratie stärken müssen, um der Gefahr zu begegnen, dass ein System von Freiheit, Gleichheit und zivilem Miteinander an den Abgrund gedrängt wird.

"Die verwundbare Demokratie" kurzgefasst und eingeordnet als buch|essenz der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Videostatement der Jury

Empfehlungen 2024

Marlene Engelhorn hat eine mutige und kluge Analyse zu dem Phänomen „Geld“ verfasst: Woher kommt es? Wem dient es? Welche Macht und welche Einflussnahme sind damit verbunden? Wie ist es verteilt? Und vor Allem: Wie lässt es sich gerechter verteilen? Dieses Buch ist mehr als nur die reine Kritik an den bestehenden Verhältnissen, es ist auch eine starke Forderung, sich der Problematik der ungleichen Verteilung von Geld und Vermögen zu stellen und die Diskussion für eine gerechtere Verteilung der Geldmittel energisch und praktisch zu unterstützen.

Felix Heidenreich geht den Ursachen und Hintergründen einer oft zu spürenden Demokratiemüdigkeit und -gefährdung und der damit einhergehenden Entfremdung vieler Menschen von Politik und Staat nach. Er konstatiert eine weit verbreitete Unlust wie auch eine Haltung des Forderns gegenüber der Politik. An historischen wie auch aktuellen Beispielen zeigt er, dass Demokratien immer erkämpft und umkämpft waren. Sie hatten nur Bestand, wenn ihre Bürger*innen für die Erhaltung ihres politischen Gemeinwesens eingetreten sind, sich also Demokratie „zugemutet“ haben. In einer Zeit der sowohl äußeren Bedrohung, wie etwa des Ukrainekriegs, als auch der immer stärker werdenden populistischen Strömungen, gewinnt seine Forderung nach einem Perspektivwechsel - weg von einer Forderungs- und Erwartungshaltung der Bürger*innen an die Demokratie, hin zu der Frage, was ihnen für die Erhaltung einer freiheitlichen Demokratie zugemutet werden darf und muss - große Bedeutung.

Die Machtverhältnisse und Allianzen, die die Wirtschafts- und Außenpolitik des Westens prägten, sind ins Wanken geraten. Die Dominanz des industrialisierten Nordens wird von vielen Ländern des Globalen Südens zunehmend in Frage gestellt. Das beeinflusst die internationale Politikwahrnehmung. Die Ursachen des Aufbegehrens liegen u.a. in der Ablehnung kolonialer Ausbeutung und ihrer fortgesetzten Praktiken wie auch in Marginalisierungserfahrungen. Neue Machtzentren wie Brasilien, China, Indien und Südafrika zwingen den Westen zu einer anderen Politik gegenüber dem Süden. Die veränderten Kräfteverhältnisse bieten den Ländern des Südens neue Entscheidungsspielräume. Das Buch führt aus, wieso der Globale Süden so agiert, wie er agiert, warum er dem Westen gegenüber so skeptisch ist, aber zeigt auch die Chance auf, globale Probleme gemeinsam zu lösen. „Wir“ sollten dieses Buch lesen!

In unserer immer diverser werdenden Gesellschaft werden Debatten um Identität und Zugehörigkeit teils heftig geführt. Neimans philosophischer Essay stellt hierbei ein leidenschaftliches wie überzeugendes Plädoyer dafür dar, an den Errungenschaften der Aufklärung festzuhalten: an universellen, für alle Menschen gleichermaßen geltenden Werten, am Streben nach Gerechtigkeit trotz problematischer Machstrukturen sowie am Glauben, dass Fortschritt im Sinne einer gerechter werdenden Gesellschaft möglich ist. Rechtskonservatives Stammesdenken zu ethnischer Zugehörigkeit ist daher für sie ebenso abzulehnen wie die Reduktion der Identität unterdrückter Minderheiten auf nur ein einziges Identitätsmerkmal wie Hautfarbe oder Herkunft. Neiman schafft Klarheit im Begriffswirrwarr identitätspolitischer Debatten. Lesenswert!

Es wird viel über die Zukunft unserer Welt diskutiert und dabei oft vergessen, wie wesentlich der Faktor Arbeit mit den globalen Veränderungen – negativ wie positiv – verwoben ist. Unser Arbeitsbegriff stammt weitgehend noch der Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts. Doch wir brauchen dringend ein Arbeitsverständnis für das 21. Jahrhundert. Deshalb plädiert der Autor Hans Rusinek für eine ökologisch orientierte Umdeutung des Arbeitsbegriffs. Unsere Arbeit soll „enkeltauglich“ werden und uns selbst mit Würde und Sinn erfüllen. Nicht die Bedingungslosigkeit ist die Lösung, sondern die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung und eine Sensibilität weit über den rein selbstbezogenen und ökonomischen Ansatz hinaus. Auch wenn das Buch kein Ratgeber sein will, schafft es doch durch seine Betrachtungen große Lust auf Diskussion und Veränderung. Es ist somit eine sehr lohnende Lektüre. Zudem punktet das Buch durch seinen Witz und seine Wachheit. 

Sally Lisa Starken und Tina Ruthe haben ein gelungenes Kinderbuch zum Thema Demokratie für Vorschulkinder vorgelegt, das weitgehend darauf verzichtet, größere und für die Zielgruppe zu abstrakte politische Ebenen zu betrachten. Vielmehr ist die Geschichte, in der eine Hausgemeinschaft entscheiden muss, wie sie gemeinsam einen Garten gestaltet will, verständlich und am Alltag der Kinder erzählt. Demokratie wird hier im Kleinen als sehr sinnvolle und notwendige Form des Zusammenlebens beschrieben – auch oder gerade weil deutlich wird, dass ganz unterschiedliche Menschen auch sehr verschiedene Interessen haben. Die Illustrationen von Sophia Schrade sind freundlich, witzig und zielgruppengerecht. Dieses erzählende Sachbuch ist damit rundum gut geeignet, Kinder in das Thema Demokratie einzuführen.

Empfehlungen 2023

Jo Angerer, Korrespondent für ARD und die Wiener Tageszeitung Der Standard in Moskau,  erzählt in einer Reihe eindringlicher Sachtexte - samt Einordnungen von der Historikerin Carmen Scheide - berührende Geschichten mutiger Frauen im Kampf gegen autoritäre Systeme in postsowjetischen Staaten - und lässt Leser gleichermaßen aktuelle Entwicklungen besser verstehen. Sein Befund ist eindeutig: Die osteuropäische Revolution ist vorwiegend weiblich. Von der niedergeknüppelten Revolution in Belarus über Russland, die Ukraine bis hin nach Kirgisistan und Aserbaidschan, wo die Zeit in gewisser Weise stehengeblieben zu sein scheint, erzählt Angerer über den Widerstand der Frauen und lässt bewegende, manchmal auch schockierende Berichte und viele kleine Beobachtungen einfließen. Ein erhellender Einblick in das aktuelle politische Geschehen Osteuropas und seiner Protagonistinnen.

Teresa Bücker plädiert in ihrem Buch dafür, Zeit-Gerechtigkeit zu einem zentralen Thema der Politik zu machen. Hektik und Zeitmangel prägten das Alltagsleben und beeinträchtigten die Möglichkeiten politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Teilhabe, insbesondere für Frauen und Familien. Politik und Gesellschaft müssten daher Lösungen finden, allen mehr Zeitressourcen für Teilhabe, Care-Aufgaben, ehrenamtliches Engagement und für die Selbstfürsorge zu ermöglichen. Lösungen sieht die Autorin unter anderem in der Vier-Tage-Woche, dem bedingungslosen Grundeinkommen oder bezahltem Freiwilligendienst. Mit der Zeitpolitik greift die Autorin ein wichtiges Thema im Trend auf. Auch wenn nicht alle Überlegungen und Lösungsansätze voll verfangen, liefert sie mit ihrem Buch eine solide und lesenswerte Basis für weitergehende politische Diskussionen.

zur BuchEssenz

Haffert liefert eine differenzierte Perspektive auf die wieder aufgelebte Debatte um den Stadt-Land-Konflikt, ohne einfach die These vom „abgehängten Land“ zu wiederholen. Das Buch lebt von den vielen fundierten Daten und Analysen auf Grundlage aktueller Befragungen und Untersuchungen. Der Autor sieht die Ursache der Differenzen in der unterschiedlichen Entwicklung der ökonomischen Strukturen, kulturellen Werte und Lebensweisen in den großen Städten und den ländlichen Räumen. Politischen Ausdruck findet diese Polarisierung zunehmend im Wahlverhalten – starke Grüne in den Städten, und starke AfD eher im ländlichen Bereich.  Dass keine fertigen Lösungen aufgezeigt werden, schadet dem Buch nicht. Dem Autor geht es vielmehr darum, die (Daten)Basis für Lösungen zu schaffen.

Mit ihrem Buch widmen sich die Autorinnen der aktuell viel diskutierten Frage, warum Esoterik, Sekten und pseudowissenschaftliche Methoden und Theorien für viele Menschen attraktiv sind und welche Gefahren damit einhergehen. Sie hinterfragen dabei die Hintergründe und Wirkungsmechanismen dieser Phänomene in Bezug auf alle Lebensbereiche. Einen besonderen Schwerpunkt legen sie auf die möglichen Interdependenzen zwischen esoterischen Welterklärungsmodellen und rechtsextremen politischen Ansichten und auf die Anfälligkeit für eine Instrumentalisierung durch extrem rechte Kräfte. Das Buch zeigt eindrücklich die Risiken auf, die sich aus einer unreflektierten Hingabe an esoterische Gedankenwelten ergeben können – sowohl in persönlicher als auch in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht.

Die zunehmende Diversität unserer Gesellschaft in ethnischer, kultureller und lebensanschaulicher Hinsicht zählt neben dem Klimawandel sicherlich zu den großen Herausforderungen unserer Zeit. Zu der identitätspolitisch oft sehr emotional geführten Debatte liefert Mounk in seinem ausgesprochen lesenswerten Buch einen angenehm unaufgeregten und argumentativ sehr ausgewogenen Beitrag, der auf die Chancen der Zuwanderungsgesellschaft hofft und dabei die großen Herausforderungen für eine in ethnischer wie religiöser Hinsicht immer bunter werdende liberale Demokratie nicht unterschlägt. Gelingen kann dieses nach Ansicht des Autors große Experiment in einer starken Demokratie, die Wohlstand sichert, ihre Institutionen inklusiv gestaltet und soziale Teilhabe garantiert.

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Geht vor deutschen Gerichten alles mit (ge)rechten Dingen zu? Hängt Gerechtigkeit in Prozessen etwa zu sehr vom Einkommen der Angeklagten ab? Sind Pflichtverteidigung und eine gute anwaltliche Vertretung nicht in allen Fällen Standard? Diesen beunruhigenden Fragen muss sich das deutsche Justizsystem von Steinkes überaus profundem, pointiert geschriebenem und dank seiner zahlreichen Beispielfälle anschaulichem Buch gefallen lassen. Auch die diskussionswürdigen Lösungswege aus der Misere, wie etwa eine bessere personelle Ausstattung der Justiz, Pflichtverteidigung für alle oder eine genaue Einkommensprüfung besonders bei Wohlhabenden, machen Steinkes kritische Analyse auch für juristische Laien sehr lesenswert.

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