Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung

17.09.2020

Brot und Rosen

Der FEShistory-Blog stellt sich vor und erzählt von der Frau auf seinem Header

Heute startet das Archiv der sozialen Demokratie seinen FEShistory-Blog. Hier veröffentlichen wir ab sofort regelmäßig Beiträge zur Geschichte der Sozialdemokratie und  der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung.  Wir berichten über die historischen Bestände von  AdsD und Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, weisen auf interessante Veranstaltungen und Publikationen hin und lassen Gäste aus der geschichtswissenschaftlichen Community zu Wort kommen.

Die Frau auf unserem Header

Unser erster Beitrag widmet sich der Zeichnung, die auf unserem Header und im Profilbild des FEShistory-Twitterkanals zu sehen ist. Sie zeigt in kräftigen Farben eine Frau, die in kämpferischer Pose eine Fahne schwenkt. Unerschüttert blickt diese Frau uns an, während sie in ihrem einfachen schwarzen Kleid mit bloßen Füßen fest auf dem Boden steht.

Ursprünglich war die Zeichnung in einem anderen Kontext zu sehen. Sie prägte  das Plakat zum 4. Internationalen Frauentag am 8. März 1914, das Frauen (und solidarische Männer) mit der Parole „Heraus mit dem Frauenwahlrecht“ dazu aufrief, die zahlreichen Veranstaltungen und Demonstrationen zu besuchen, die überall im Deutschen Reich, aber auch in Österreich, der Schweiz, Tschechien und Holland stattfanden.

Der Internationale Frauentag 1914 und danach

Der Frauentag wurde 1910 durch einen Beschluss der II. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen ins Leben gerufen und fand erstmals 1911 statt. Mit der populären Forderung nach einem Frauenwahlrecht konnte er neben den sozialdemokratischen auch viele bürgerliche Frauenrechtler_innen erreichen. 1914 fand der bis dahin erfolgreichste Frauentag statt, der zugleich die letzte Veranstaltung dieser Art werden sollte, die noch nicht von der Spaltung der Arbeiterbewegung überschattet wurde. Der Konflikt um die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten prägte ab 1915 auch den Frauentag. Die wichtigsten Initiatorinnen Clara Zetkin und Luise Zietz überführten das Veranstaltungskonzept ab 1918 zunächst in die USPD. Später wurde die KPD mit Zetkin Veranstalterin des Frauentags, während die SPD ab 1923 die Durchführung eines eigenen Internationalen Frauentags beschloss.

Im Nationalsozialismus wurde der Frauentag verboten, während der bereits in der Weimarer Republik begangene Muttertag für die Verbreitung der nationalsozialistischen Rassenideologie instrumentalisiert wurde.

Unter den Bedingungen des Kalten Krieges wurde der Frauentag zunächst nur in der DDR begangen, bis die Tradition Anfang der 1980er Jahre unter dem Einfluss der erstarkenden feministischen Bewegung auch in der Bundesrepublik Deutschland wieder aufgenommen wurde. Im vereinigten Deutschland gewann der Frauentag schließlich zunehmend an Bedeutung, was 2019 darin gipfelte, dass er in Berlin zum gesetzlichen Feiertag erklärt wurde.

„Give us bread but give us roses”

Nach der Kopenhagener Konferenz von 1910 wurden auch in den USA Frauentage veranstaltet. Die von dort stammende Forderung nach „Bread and Roses“ zeigt eindrücklich, worum es den Frauen jenseits von konkreten Forderungen wie Wahlrecht, Frieden, gerechte Arbeitsbedingungen und medizinische Versorgung grundsätzlich ging. In einem Lied streikender Textilarbeiterinnen in Massachussetts von 1912 heißt es:

Our lives shall not be sweated from birth until live closes;

Hearts starve as well as bodies: give us bread but give us roses!

Rosen sind hier als Zeichen einer grundlegenden Wertschätzung von Frauen seitens der männlich dominierten Gesellschaft zu verstehen. Eingefordert wird nichts weniger als ein Anspruch auf die Teilhabe an den schönen Dingen des Lebens. Über die Frauen aus vergangenen Epochen wird so gesungen:

Small art and love and beauty their drudging spirits knew

Yes, it is bread we fight for – but we fight for roses too.

Es ging also ausdrücklich um das Recht, im Leben Kunst, Liebe und Schönheit erfahren zu dürfen und um die Gleichberechtigung als notwendige Bedingung, um überhaupt ein lebenswertes Leben führen zu können.

Karl Maria Stadler

Nun aber zurück ins Deutschland von 1914 und damit zu den Hintergründen des Plakats. Es trug auch deshalb zum Erfolg des Frauentags bei, weil die Berliner Polizei zunächst ein Plakatverbot erließ, das später unter der Auflage geringfügiger Änderungen revidiert wurde und so noch größere Aufmerksamkeit auf sich zog. Der „Vorwärts“ vom 09.03.1914 spricht in diesem Zusammenhang ironisch von „kräftiger Agitation des Polizeiministers“.

Gestaltet hat das Plakat der Münchner Künstler Karl Maria Stadler, der nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr in sozialdemokratischen Zusammenhängen wirkte. 1920 trat er noch einmal als Illustrator des revanchistischen Sachbuchs „Deutsche Frontarbeit im Kriege“ des späteren Nationalsozialisten Fritz Schinnerer in Erscheinung, bevor es ruhig um ihn wurde. Obwohl wir nicht wissen, was Stadler dazu bewog, im Abstand von nur sechs  Jahren in politisch so gegensätzlichen Umfeldern aufzutreten, scheint er doch ein Beispiel dafür zu sein, wie sehr die deutsche Gesellschaft zwischen 1914 und 1920 erschüttert  wurde und wie sich dies bisweilen auf die individuellen Einstellungen der Menschen auswirkte.

Unser Blog und die Frau auf unserem Header

Wenn wir die Frau auf unserem Header betrachten, können wir uns nun ein ungefähres Bild davon machen, wo sie herkommt und wofür sie steht. Auch können wir ahnen, welche Umwälzungen den Menschen bevorstanden, denen sie 1914 auf den Litfaßsäulen in ihren Stadtvierteln auffiel. Wir haben sie nun in einen ganz anderen Zusammenhang, in den Header unseres Blogs, überführt. Damit haben wir auch eine Verantwortung übernommen und hoffen, dass wir dem mit unseren Beiträgen stets gerecht werden. Ihnen und Euch wünschen wir viele interessante Lektüren und viel Spaß mit unserem Blog.

 

Weitere Informationen zum Frauentag sind hier zu finden:

Die sozialdemokratische Frauenzeitung „Gleichheit“  zog am 18. März 1914 eine Bilanz des Frauentags. Es wurden  46 Veranstaltungen allein in Groß-Berlin erwähnt und zahlreiche  Aktivitäten im In- und Ausland ausführlich zusammengefasst.

Eine monographische Untersuchung  zur Geschichte des internationalen Frauentags liegt mit Siegfried Scholze: Der internationale Frauentag einst und heute vor.  Einen kurzen historischen Abriss bietet Kerstin Wolff im digitalen deutschen Frauenarchiv.

Die Zitate aus dem Gedicht „Bread and Roses“ stammen aus der  Zeitschrift Kürbiskern, 1971,1, S. 3.

Literatur zum Internationalen Frauentag im Bestand der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie hier.

 

Arbeitseinheit: Bibliothek


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