Gender Weltweit Weltfahrradtag: Señoritas Courier und der „fürsorgeorientierte“ Algorithmus 03.06.2026 Aline Os | Señoritas Courier collective Ein Fahrradkurier-Kollektiv aus Brasilien erzählt seine Geschichte: von der Gründung bis zur Etablierung in der Solidarökonomie, von Anerkennung und der Entwicklung eines eigenen Algorithmus. Eine Erfolgsgeschichte? Bild: Urheber: Señoritas/ Luca Meola Die aufstrebende KI- und Plattformökonomie, angetrieben von den Dynamiken des globalen digitalen Kapitalismus, führt zu einem tiefgreifenden Wandel der sozialen und wirtschaftlichen Bereiche von Fürsorge, Arbeit, sozialer Reproduktion und kollektivem Wohlergehen. Ihr Wachstum stützt sich in hohem Maße auf verborgene und prekäre Arbeit – die oft unsichtbare Arbeit jener Menschen, deren unterbezahlter und kaum anerkannter Einsatz genau die Technologien trägt, die diese tiefgreifenden Veränderungen erst möglich machen. Wie können wir eine feministische Zukunft der Arbeit in der KI-Ökonomie zurückgewinnen? Dieser Frage widmet sich die Friedrich-Ebert-Stiftung im Rahmen einer Podiumsdiskussion während der diesjährigen Jahreskonferenz der International Association for Feminist Economics (IAFFE), die im Juli 2026 in der kolumbianischen Stadt Cali stattfinden wird. Ein Beispiel dafür, wie eine feministische digitale Zukunft gestaltet werden kann, ist Señoritas Courier. Aline Os, die Gründerin des Unternehmens, erzählt am heutigen UN-Weltfahrradtag ihre Geschichte. Ein anderer Algorithmus ist möglich. Aline Os, Gründerin von Señoritas Courier Señoritas Courier wurde im Jahr 2017 in São Paulo als Fahrradkurier-Kollektiv gegründet, dem ausschließlich cis Frauen und trans* Menschen angehörten. Das Kollektiv entstand aus dem Wunsch heraus, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem Kurierfahrer:innen über die Anforderungen ihrer Arbeit sprechen und für eine faire Bezahlung eintreten können. Die Strategie des Kollektivs bestand darin, Direktkund:innen zu gewinnen, um Lieferpreise und Liefertermine unmittelbar mit ihnen auszuhandeln. Auf diese Weise konnten die Mitglieder des Kollektivs ihre Arbeit flexibel mit Verpflichtungen wie Hausarbeit und Studium oder weiteren Jobs vereinbaren. Das Kollektiv entstand als direkte Antwort auf die Defizite herkömmlicher Lieferplattformen, die Geschlechterfragen und damit verbundene Intersektionalität systematisch ausblenden. Zu den identifizierten Problemen gehörten zermürbende Arbeitszeiten, fehlende Räumlichkeiten für Pausen, Mahlzeiten, Hygiene und Toilettengänge sowie Strafen und Kontosperrungen bei Fehlzeiten selbst dann, wenn gesundheitliche Gründe vorlagen. Bild: Urheber: Señoritas/ Luca Meola Bild: Urheber: Señoritas/ Luca Meola Die Arbeitsbedingungen bei Lieferdiensten sind für alle prekär – besonders jedoch für Fahrradkurier:innen. Daten einer Studie, die im Jahr 2019 von Aliança Bike durchgeführt wurde, bestätigen diese Realität. Die mangelnde Regulierung von Arbeitszeiten in Brasilien führt zu Sieben-Tage-Wochen, Arbeitsschichten von weit über acht Stunden täglich und Stundenhonoraren unterhalb des Mindestlohns – Bedingungen, die gegen grundlegende Arbeitsrechte verstoßen. Unternehmensplattformen agieren weiterhin nach derselben Logik wie die großen Tech-Konzerne und reproduzieren Verhaltensweisen, die in einem heteronormativen, kolonialistischen Patriarchat verwurzelt sind: Ihre Algorithmen fördern Konkurrenz, die Gamifizierung von Arbeit sowie Bestrafung und Isolation der Beschäftigten, einzig mit dem Ziel, den Profit zu maximieren. Zudem tragen die Beschäftigten sämtliche Betriebskosten selbst: Verpflegung, Miete, die Anschaffung und Wartung von Fahrzeugen, Handys, Sicherheitsausrüstung (Helme, Westen, Beleuchtung, geeignete Kleidung und Schuhe) sowie mobile Datentarife. Für Frauen ist die prekäre Situation noch gravierender, da sie zusätzlich zu all diesen Problemen mit Herausforderungen wie Mehrschichtarbeit (viele tragen die Verantwortung für ihre Kinder und Familien allein) sowie Missbrauch, Belästigung und Gewalt durch andere Beschäftigte und Kund:innen konfrontiert sind. Das Fehlen eines Arbeitsvertrags hat außerdem zur Folge, dass ihnen wichtige Sozialleistungen verwehrt bleiben, etwa im Todesfall, während Schwangerschaft und Geburt oder bei Arbeitsausfall aufgrund von Kinderbetreuung. Der Weg, den Señoritas Courier einschlug, um menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu schaffen, begann mit der Gründung des Kollektivs und führte schließlich zu einer genossenschaftlichen Organisationsstruktur. Beide Modelle schufen Raum dafür, dass bei den regelmäßigen Treffen der Genossenschaft alle Mitglieder angehört wurden. Señoritas sammelte über viele Jahre hinweg Daten und entwickelte sein Betriebsmodell kontinuierlich weiter, bis ein Konzept entstand, das den Bedürfnissen des Kollektivs am besten gerecht wurde. Die Analyse von Arbeitsberichten und Daten zu Lieferpreisen, Fahrtstrecken, Arbeitszeiten und Lieferaufkommen zeigte, dass die Kosten der Kund:innen gesenkt werden konnten, ohne die Verdienste der Beschäftigten zu schmälern. Durch dieses Modell konnten Arbeitszeiten besser kontrolliert und klare Grenzen für Traglasten und Fahrtstrecken festgelegt werden. Es beseitigte zudem den hohen Konkurrenzdruck und die Gamifizierung der Arbeit, förderte den Aufbau eines solidarischen Netzwerks und schuf Raum für persönliche Entwicklung und berufliches Wachstum. Aus diesem Prozess entstand der „fürsorgeorientierte Algorithmus“, den Gustavo Nicolau Gonçalves in seiner Masterarbeit in Programmiersprache übertrug. Dabei zeigte sich, dass das Modell viel effizienter arbeitet: Es schlägt kürzere Routen vor, senkt die Kosten und sorgt zugleich für eine größere Zufriedenheit der Beschäftigten am Ende ihrer Arbeitsschicht. Das bedeutet, dass der Algorithmus der Kundschaft nicht nur günstigere Preise bietet, sondern auch zu einer besseren Lebensqualität und zu höheren Verdiensten des Teams beiträgt. Die genossenschaftliche Plattform wurde als Lösung konzipiert, die auch für andere Initiativen – nicht nur feministische – zugänglich und nutzbar ist. Die Plattform basierte auf kollektivem Eigentum der Beschäftigten sowie auf eigenständiger Kontrolle über den Algorithmus und dessen Code. Señoritas will durch das Verständnis seines eigenen Systems neue Algorithmen entwickeln, die Profit und Fürsorge miteinander in Einklang bringen. Damit greift die Genossenschaft zentrale Ziele des historischen Kampfes für Arbeitsrechte wieder auf: Zeit für Familie, Freizeit und Erholung, Kontrolle über die eigenen Arbeitszeiten, persönliche und berufliche Weiterentwicklung, Vereinigungsfreiheit und menschenwürdige Arbeit. Diese Rechte stehen auf der Agenda feministischer Organisationen und anderer nicht-hegemonialer Gruppen. Die Gründung solcher Initiativen zu fördern bedeutet zugleich auch, in eine Zukunft mit einer neuen algorithmischen Logik zu investieren. Bild: Urheber: Señoritas/ Aline Os Bild: Urheber: Señoritas/ Aline Os Die Fahrradkurier-Genossenschaft Señoritas Courier wurde jedoch im Januar 2026 nach zweijähriger Betriebstätigkeit aufgelöst. Ihre Schließung war aber nicht auf das Scheitern des Genossenschaftsmodells, sondern auf ein Zusammenspiel struktureller Faktoren zurückzuführen: den Mangel an politischen Rahmenbedingungen – etwa eines nach Umsatzklassen gestaffelten Steuermodells für solidarökonomische Unternehmen, wie es im Steuersystem Brasiliens bereits für Klein-, Mittelstands- und Großunternehmen existiert – in Kombination mit der hohen Steuerbelastung, die diesen Sektor prägt. Wie viele andere kleine Genossenschaften scheiterte auch Señoritas Courier daran, dass es eine Steuer in Höhe von 30 % auf den monatlichen Umsatz zahlen musste, während die Umsetzung des Paul-Singer-Gesetzes* weiterhin auf sich warten ließ. Doch auch wenn es verabschiedet wird, garantiert das Gesetz keine finanzielle Absicherung für den Fortbestand genossenschaftlicher Plattformen. Dem Projekt einer genossenschaftlich organisierten Plattform fehlten geeignete rechtliche Rahmenbedingungen und finanzielle Ressourcen für Investitionen in Technologie, Personal und Kommunikation. Darüber hinaus gab und gibt es auf kommunaler, bundesstaatlicher und föderaler Ebene keinerlei Gesetzesentwürfe, die Steuerbefreiungen oder Förderprogramme zur Fortbildung in der digitalen Solidarökonomie vorsehen, um Genossenschaften gezielt beim Aufbau eigener Plattformen zu unterstützen. Das Ende der Genossenschaft war jedoch nicht das Ende von Señoritas. Heute sind sowohl das Kollektiv als auch die Señoritas Courier Association (zivilgesellschaftliche Organisation) weiterhin aktiv und konzentrieren sich auf die Umsetzung von Projekten, die in den vergangenen sechs Jahren entwickelt wurden: Fahrradwerkstätten, Debatten über die Solidarökonomie, kulturelle Fahrradtouren, Studien zu sozialen und digitalen Technologien sowie die Entwicklung neuer Projekte, um Reichweite zu erlangen. Die Vereinigung dient auch weiterhin als Ort der Organisierung, der Bildung und des Widerstands, auch wenn es zurzeit keine Pläne gibt, den Betrieb der Lieferplattform wieder aufzunehmen. Das größte Vermächtnis dieser Zeit bleibt die Anerkennung des „fürsorgeorientierten Algorithmus“ und der Methodik, die zu seiner Entwicklung geführt hat. Im Gegensatz zu den Algorithmen, die von kommerziellen Plattformen reproduziert werden, handelt es sich bei diesem Algorithmus um eine Form des kollektiven Wissens, die den Charakter einer sozialen Technologie besitzt; der „fürsorgeorientierte Algorithmus“ kann weiterentwickelt werden, und vor allem lebt er in den Menschen weiter, die ihn geschaffen haben: Lieferfahrer:innen, die heute als Programmierer:innen, Fahrradmechaniker:innen, Forscher:innen und Aktivist:innen tätig sind. Indem sich Señoritas immer wieder neu erfindet, entzieht sich das Kollektiv dem simplen Konzept von „Erfolg und Scheitern“. Die Grundidee besteht darin, dass sich Fürsorge kollektiv entfaltet: Sie wird durch Projekte weitergegeben, in Studien über soziale und digitale Technologien diskutiert und durch jede neu hinzukommende Arbeitskraft, die erkennt, dass ein anderer Algorithmus möglich ist, weiterverbreitet. *Das Paul-Singer-Gesetz (Gesetz Nr. 15068/2024) ist das erste rechtliche Rahmenwerk in der Geschichte Brasiliens, das sich ausschließlich der Solidarökonomie widmet. Der nach dem Ökonomen Paul Singer benannte Gesetzesentwurf stärkt und schützt Unternehmen, die auf Selbstverwaltung, kollektiver Arbeit und einer gerechten Verteilung von Gewinnen basieren. Bild: Urheber: Señoritas/ Aline Os Bild: Urheber: Señoritas/ Aline Os Ausgewählte Publikationen zum Thema Anti-gender world building McEwen, Haley | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung, April 2026 reflections from CSW70 Zum Download (PDF) Strategic responses to backlash against gender justice Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., March 2026 Zum Download (PDF) Kontakt Referat Globale und Europäische Politik Bild: Urheber: FES | bundesfoto/Kurc Katia Schnellecke +49 30 26935-7499 Katia.Schnellecke(at)fes.de Das könnte Sie auch interessieren... Bild: Urheber: CC BY-NC-ND 4.0 Montag, 20.04.2026 Demokratie und Gesellschaft Frieden und Sicherheit Der Autoritäre Stack Wie Tech-Milliardäre ein postdemokratisches Amerika aufbauen — und warum Europa als Nächstes dran ist Bild: Urheber: picture alliance / Anadolu | Selcuk Acar Mittwoch, 01.04.2026 Interview Gender Weltweit Wir müssen uns organisieren! 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