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Aufbau einer Anti-Gender-Weltordnung

Haley McEwen

Progressive Akteure haben inzwischen solides Wissen über die Strukturen und Akteure der Anti-Gender-Bewegung. Wie können wir dieses Wissen nun nutzen?

Ein Bild von Fäusten, kämpferisch in die Luft gereckt sind.
Urheber: picture alliance / Ikon Images | Roy Scott

Anti-gender world building

McEwen, Haley | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung, April 2026

reflections from CSW70

Vom Wissen zum Handeln

Bei Anti-Gender-Bewegungen handelt es sich um finanziell gut ausgestattete, gut koordinierte Netzwerke mit dem Ziel, Bürger*innen- und Menschenrechte zu schwächen, bestehende Geschlechterhierarchien zu verfestigen und eine illiberale internationale Ordnung zu errichten. Bei der 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission (FRK70) wurde deutlich, wie gut progressive Akteure mittlerweile über die Taktiken und Ressourcen der Gegenpartei Bescheid wissen. Dieses Wissen muss nun in ein koordiniertes Vorgehen umgemünzt werden, in ein beherztes Handeln, das dem Ausmaß der Bedrohung gewachsen ist: nämlich einem Projekt mit dem Ziel, eine globale Ordnung auf Grundlage von Hierarchien, Exklusion und der Institutionalisierung antidemokratischer Normen zu konsolidieren.

Reflektionen zur 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission

Die diesjährige FRK70 fand zu einer Zeit statt, da Geschlechtergerechtigkeit und Frauenrechte verstärkt angegriffen werden. Die Sitzung verdeutlichte jedoch auch, welch solides Wissen Zivilgesellschaft, Diplomat*innen und progressive Regierungen inzwischen über die Akteure, Finanzierungskanäle und Strategien hinter diesen Angriffen erworben haben. Nun, da ein besseres gemeinschaftliches Verständnis der Vorgehensweisen – des »Was« und des »Wie« – dieser Akteure herrscht, dürfen wir nicht die Frage der Beweggründe – des »Warum« – aus den Augen verlieren: Mit welchem Ziel verfolgen konkrete Akteure das Anliegen, sexuelle und reproduktive Rechte, Geschlechtervielfalt oder unterschiedliche Formen von Familie nicht anzuerkennen? Haley McEwens neue Publikation argumentiert, dass dieses Erfragen des »Warum« unser Augenmerk darauf lenken sollte, welchen kolonialen Machtbeziehungen und -interessen die Ideologien und Agenden der Anti-Gender-Akteure dienen. Denn versteht man Anti-Gender-Politik als Aufbauprojekt einer Weltordnung, als gezieltes Vorhaben, um eine neue soziale und geopolitische Ordnung auf Grundlage von Hierarchie und Exklusion zu errichten, dann ermöglicht dies ein besseres Begreifen der langfristigen Ziele von Organisationen, die sich nach Selbstauskunft der »Verteidigung der Familie« verschreiben.

Auf Grundlage der über zehn Jahre währenden Forschung von Haley McEwen zu transnationaler Anti-Gender-Politik verweist ihre Analyse LINK und Titel hier auf vier miteinander verwobene Punkte, die progressive Akteure priorisieren sollten:

  • Erstens muss aus der empirischen Überprüfung eine tiefere Analyse der Machtverhältnisse erwachsen, und zwar, indem gerade kolonialistische wie dekolonialistische Perspektiven in den Mittelpunkt gerückt werden – als Leitfragen gelten hier: Wessen Interessen dienen die Anti-Gender-Agenden und welche Strukturen sollen hierdurch errichtet werden?;
  • zweitens muss mit Willenskraft und Sorgfalt Solidarität über einzelne Bewegungen hinaus und zwischen diesen geschaffen werden – politische Narrative und Vorstellungskraft müssen von jenen zurückerobert werden, die sie zu verengen suchen, und progressive zivilgesellschaftliche Organisationen an der Basis dieses Kampfes müssen unterstützt werden;
  • drittens muss in Städte und Kommunen investiert werden: Als Orte des Widerstands und der Innovation sind sie maßgeblich, doch bislang nicht ausreichend genutzt;
  • und viertens bedarf die bilaterale Diplomatie dringlicher Aufmerksamkeit: als Schaustätte der Anti-Gender-Politik findet dieser Bereich bislang nicht genug Beachtung, wird dabei jedoch immer wesentlicher.

Über die Autor*in

Dr. Haley McEwen forscht an der Witwatersrand-Universität, Südafrika, und an der Universität Göteborg, Schweden. Sie untersucht grenzüberschreitende Anti-Gender-Politik und deren Bewegungen, schwerpunktmäßig deren Implikationen für feministische wie LGBTIQ+-Rechte, Global Governance und Diplomatie. Seit über zehn Jahren arbeitet sie an der Schnittstelle von akademischer Forschung und Aktivismus für Geschlechtergerechtigkeit.

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