Demokratie und Gesellschaft | Gender Weltweit Tates Misogynie trifft auf Konservatismus: Der Aufstieg einer gefährlichen Allianz 18.03.2026 Islam Kanaryous Frauenfeindliche Red-Pill-Influencer in Marokko erzeugen im Zusammenwirken mit konservativ-religiöser Rhetorik einen machtvollen Online-Backlash gegen Feminismus und gefährden damit progressive Errungenschaften von Jahrzehnten. Doch es gibt eine kraftvolle Gegenbewegung. Bild: Urheber: Sara Khyat Krise der Männlichkeit Ein marokkanischer Teenager erlebt seinen ersten Liebeskummer. Seine Freundin hat sich von ihm getrennt, und er muss sich mit Gefühlen wie Scham, Verwirrung und Wut auseinandersetzen. Endlos scrollt er durch die sozialen Medien – auf der Suche nach Ablenkung, nach einer Erklärung, nach einer Geschichte, die seinem Schmerz einen Sinn gibt. Dann findet er, was er sucht. Auf seinem Bildschirm erscheint ein Video – die Stimme selbstbewusst, der Ton scharf: „Frauen sind nicht loyal. Treu sind sie nur dem Mann mit dem höchsten Status, den sie kriegen können. Sobald sie einen Mann finden, der mehr Geld, mehr Macht und mehr Status hat, sind sie weg. Der Feminismus hat Frauen ruiniert und Männer geschwächt.“ Da macht es Klick. Die Bitterkeit dieser Worte ist ihm vertraut. Sie sprechen ihn in seiner Verletztheit an. Er scrollt weiter, und in seinem Feed erscheint ein marokkanischer Scheich. Er spricht langsamer, aber nicht weniger entschieden: Männer sind – wie es von Gott gewollt ist – überlegen, Frauen müssen sich unterwerfen oder diszipliniert werden. Und: Feminismus ist eine Krankheit, die den Islam und die Familie zu zerstören droht. Backlash in Marokkos Genderdebatte Ob Influencer-Content oder religiöse Predigt – die Botschaft ist eindeutig: Männer sind überlegen und zum Herrschen bestimmt. Feminismus ist gefährlich. Er ist gegen Männer, untergräbt die Religion und bedroht die Ordnung der traditionellen Familie. Beide Stimmen warnen vor einer Welt, in der das Männliche unter Beschuss steht – und bieten eine klare Lösung an: Männer müssen wieder die Kontrolle übernehmen. Dieser digitale Trend gewinnt in einer politisch aufgeladenen Lage weiter an Dynamik. 2022 wurde in Marokko die Debatte über eine Reform der Moudawana – des in der nationalen Gesetzgebung verankerten Familiengesetzbuchs – wieder aufgenommen. Im Zentrum stehen Themen wie Ungleichbehandlung im Erbrecht, das Sorgerecht für Kinder, Polygamie und Ehen mit Minderjährigen. Die erneute Reformdebatte ließ lange schwelende Spannungen über Geschlechterrollen, das Personenstandsrecht und die Definition der Familie wieder aufflammen. Konservative Kräfte machten schnell gegen das Vorhaben mobil. Im Netz jedoch entstand etwas Neues. Red-Pill-Influencer, deren Reichweite weit über die üblichen konservativen Kreise hinausgeht, machten sich daran, den Backlash zu verstärken. Ihre Botschaft, geprägt von Ressentiment und übersteigerter Männlichkeit, fand zunehmend Anklang bei jungen Männern, die sich von feministischen Forderungen bedroht fühlen, auch wenn sie sich nicht unbedingt mit traditionellen religiösen Autoritäten identifizieren. Sie organisieren sich nicht in Moscheen oder politischen Parteien, sondern mit Hilfe von Algorithmen. Tates Vermächtnis und die rasante Zunahme von Hass im Netz Andrew Tate war in Marokko schon weithin bekannt, bevor er 2022 zum Islam konvertierte. Die übersteigerte Männlichkeit, die Tates Markenzeichen ist, trifft dort auf fruchtbaren Boden bei jungen Männern, die nach Gewissheit, Status und Identität suchen. Sein Übertritt zum islamischen Glauben verstärkte diesen Einfluss noch zusätzlich und verlieh ihm eine religiöse Legitimation, die seine Botschaft für ein breiteres Publikum anschlussfähig machte. In einem Umfeld, in dem kritische Medienkompetenz schwach ausgeprägt ist, werden solche Narrative nur selten hinterfragt, sondern rasch verinnerlicht und weitergetragen. Auf diese Weise werden die sozialen Medien in Marokko von einer neuen Welle selbsternannter „Coaches“ und „Scheichs“ erfasst, die Andrew Tates Rhetorik und Monetarisierungsstrategien übernehmen. Zugleich haben sie seinen Stil an den heimischen Kontext angepasst und mit islamischem Vokabular angereichert, damit er gesellschaftlich und kulturell glaubwürdiger erscheint. Dieses Zusammenspiel hat die Online-Foren zu fruchtbarem Boden für Feindseligkeit und Hassrede gemacht. Die zunehmende Allianz zwischen den Followern der Red-Pill-Influencer und konservativen religiösen Stimmen produziert einen Diskurs, in dem Geschlechterrollen, Beziehungen und die Autonomie von Frauen aggressiv reglementiert werden. Ein Sprachgebrauch, der sich früher nur in den finsteren Winkeln des Internets fand, ist inzwischen im Mainstream angekommen. Begriffe wie „Hmida Settar“ verspotten Männer, die Frauen mit vorehelichen sexuellen Erfahrungen heiraten, und stellen sie als Schwächlinge dar, weil sie die „Schande“ der Frau decken. Als „Dyouth“ (gehörnte Ehemänner) werden Männer tituliert, die ihrer Frau erlauben, zu arbeiten – insbesondere mit männlichen Vorgesetzten oder Kollegen. In den Kommentaren zu Social-Media-Posts gehören solche Begriffe inzwischen zu den gängigen Beleidigungen unter maskulinistisch eingestellten Männern. Was früher randständiges Vokabular war, hat mittlerweile Eingang in die digitale Alltagskommunikation gefunden. Wie marokkanische Feminist:innen mit dem Online-Backlash umgehen Marokkanische Frauenrechtsaktivist:innen haben durch jahrzehntelange beharrliche Lobbyarbeit den Grundstein für die heutige Reform der Moudawana gelegt. Die Arbeit von Gruppen wie der Union de l’Action Féminine (UAF) – darunter große Mobilisierungskampagnen wie die Kampagne „Eine Million Unterschriften“ – gipfelte in der Reform von 2004, mit der das gesetzliche Heiratsalter auf 18 Jahre angehoben und die Rechte der Frauen in Bezug auf Ehe, Scheidung und Sorgerecht ausgeweitet wurden.Seit 2023 melden sich Vertreter:innen feministischer Positionen wieder in nationalen Debatten zu Wort und fordern einen stärkeren Schutz vor Polygamie und Geschlechterungerechtigkeit. Ihr Aktivismus geht über die juristische Interessenvertretung hinaus und verändert wirksam den öffentlichen Diskurs. Künstler:innen wie Zainab Fasiki brechen Tabus und verleihen feministischen Stimmen durch mutige visuelle Erzählungen und Comics mehr Gewicht. Digitale Plattformen wie JawJab und Sawt nutzen Humor und Satire, um gesellschaftliche Normen zu kritisieren und Diskussionen über Geschlechterfragen anzustoßen. Machi Rojola bietet Männern einen sicheren Raum, in dem sie über Männlichkeit nachdenken und sich über persönliche Geschichten und Interviews mit toxischen Verhaltensweisen auseinandersetzen können. Gleichzeitig setzen sich Intellektuelle wie Asma Lamrabet und Ahmed Assid für einen islamischen Feminismus ein. Mit ihren Interpretationen religiöser Texte und Traditionen stellen sie die vorherrschenden patriarchalischen Auslegungen grundlegend infrage. Während die feministischen Bewegungen in Marokko im Kampf für Veränderungen die Vorreiterrolle übernehmen, spielt auch König Mohammed VI. eine förderliche Rolle. In seiner Thronrede 2022 forderte er die juristischen und religiösen Autoritäten eindringlich auf, das Familiengesetzbuch im Einklang mit den islamischen Prinzipien von Gerechtigkeit und Gleichheit zu überarbeiten. Damit machte er deutlich, dass Geschlechtergleichstellung und Islam nicht zwangsläufig im Widerspruch zueinanderstehen, sondern durch eine umsichtige Neuinterpretation auf Basis islamischer Grundwerte miteinander vereinbar sein können. Von Spannungen zur Transformation Auf die zunehmenden Geschlechterkonflikte in Marokko – insbesondere im Zuge der laufenden Debatten über eine Reform der Moudawana – muss dringend auf mehreren Ebenen reagiert werden. Positive männliche Rollenbilder müssen gestärkt und sichere Räume geschaffen werden, in denen junge Männer sich in ihrer Verletzlichkeit zeigen können, ohne in die Falle toxischer Männlichkeit zu geraten. Progressive Influencer:innen sollten sich empathisch in die Argumente der Red-Pill-Bewegung hineindenken und sie hinterfragen, im Bewusstsein, dass sie oft eine Reaktion auf realen gesellschaftlichen Druck sind. Parallel dazu muss die marokkanische Gesellschaft die Idealisierung der traditionellen Ehe und die Red-Pill-Narrative infrage stellen, die diese Idealisierung verstärken. Eine Möglichkeit ist, Erfahrungsberichten von Frauen, die unter den patriarchalen Normen leiden, mehr Gehör zu verschaffen und damit die Realität offenzulegen, die sich hinter diesen Idealen verbirgt. Auch Social-Media-Plattformen sollten verstärkt Paaren ein Forum geben, die jenseits traditioneller Rollenverständnisse intakte Beziehungen führen. Außerdem braucht es ein klares Bekenntnis der religiösen Autoritäten – in Marokko und anderswo – zu einer Auslegung des Islam, die auf Gerechtigkeit und Gleichberechtigung aufbaut. Für manche Zielgruppen kann ein islamischer Feminismus, der in Empathie verankert ist und Anstöße zu einer ethischen Neuinterpretation gibt, ein wirksames Mittel sein, die Kluft zwischen Tradition und Fortschritt zu überwinden. NGOs müssten sich praktikable Kommunikationsstrategien aneignen, mit denen sie deutlich machen können, dass Feminismus kein Krieg gegen Männer ist, sondern eine gemeinsame Anstrengung mit dem Ziel, eine gerechtere und ausgewogenere Gesellschaft aufzubauen. Zudem sollten sie ihre Online-Präsenz durch verständliche und ansprechende Inhalte verstärken, um Frauenfeindlichkeit und Desinformation entgegenzuwirken. Schließlich sollte Marokko kritisches Denken und Medienkompetenztrainings systematisch in Schulen, Jugendzentren und Programmen der Zivilgesellschaft integrieren. Nur so erhält die nächste Generation das nötige Rüstzeug, um unabhängig zu denken und sich in einer immer komplexer werdenden digitalen Welt zurechtzufinden. Der Artikel erschien ursprünglich auf Englisch auf dem Blog unseres Gender and Feminism Office in Beirut, Libanon. Kontakt Autorin Islam Kanaryous Die marokkanische Feministin, Aktivistin und Autorin Islam Kanaryous setzt sich für Geschlechtergerechtigkeit, Empowerment der Jugend und soziale Innovation ein. Sie leitet Initiativen, die das Patriarchat hinterfragen und marginalisierten Stimmen in Marokko und darüber hinaus Gehör verschaffen. Kontakt FES Berlin Katia Schnellecke +49 30 26935-7499 Katia.Schnellecke(at)fes.de Das könnte Sie auch interessieren... Bild: Urheber: picture alliance / Ikon Images | Stuart Kinlough Mittwoch, 04.03.2026 Publikation Gender Weltweit Geschlechtergerechtigkeit zahlt sich aus – aber für wen? In unserer neuen Publikation untersucht Anna Eknor Ackzell und UNRISD, wie der Backlash gegen Geschlechtergerechtigkeit weltweit funktioniert, und skizziert, wie darauf strategisch reagiert werden kann. 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