• Mitbestimmung

Warum Demokratie Begegnung braucht

Hanna Fath

Schwimmbäder, Bibliotheken, Dorfkneipen: Für Dr. Rainald Manthe sind sie weit mehr als nur Freizeit- oder Kulturangebote. Im VORAN-Interview erklärt der Soziologe, warum solche Alltagsorte das Fundament gesellschaftlichen Zusammenhalts bilden – und was passiert, wenn sie verschwinden.

Herr Manthe, die These Ihres Buches lautet „Demokratie fehlt Begegnung“. Was meinen Sie damit?

Rainald Manthe: Der Demokratie fehlt nicht die Begegnung im Sinne von sozialem Kontakt – die meisten Menschen treffen im Alltag durchaus andere Menschen. Was jedoch zunehmend fehlt, sind Begegnungen mit Menschen, die anders sind als wir. Ich habe herausgefunden, dass viele Menschen in Deutschland immer häufiger in sozialen Umfeldern leben und verkehren, die ihnen in vielerlei Hinsicht ähneln. Das halte ich für ein Problem, weil dadurch der direkte Bezug zu anderen Lebensrealitäten verloren geht. Im Buch spreche ich von „demokratischer Irritation“. Das ist ausdrücklich nicht negativ gemeint. Demokratie braucht die Erfahrung, dass andere Menschen anders leben, denken oder handeln – und dennoch völlig legitime Mitglieder unserer Gesellschaft sind. Solche kleinen Irritationen des Alltags helfen uns, andere Perspektiven kennenzulernen, mit konkreten Menschen zu verbinden und anzuerkennen.

In einer Demokratie müssen wir mit den anderen Menschen nicht in allem übereinstimmen. Aber wir müssen sie als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft akzeptieren. Wenn wir Menschen vor allem über ihre Unterschiede wahrnehmen – weil sie anders aussehen, woanders herkommen, andere politische Ansichten vertreten oder einen anderen Geschmack haben –, wird das schwieriger. Dann sinkt das Vertrauen in die Demokratie und die Bereitschaft zur Kooperation. Dann wird es immer schwieriger – Menschen werden egoistischer und halten sich weniger an Regeln.

Sie beklagen also einen Rückgang dieser Begegnungsorte in Deutschland. Woran machen Sie das fest?

Für das Buch habe ich untersucht, wie sich Orte verändert haben, an denen Menschen einander begegnen können. Dafür braucht man einen messbaren Anhaltspunkt, reale Orte zu denen Daten vorliegen. Und da zeigt sich ein recht eindeutiges Bild: Fast alle erfassten Begegnungsorte sind in den vergangenen Jahrzehnten weniger geworden. Die Ausnahmen bilden Fitnessstudios und Friseursalons.

Besonders deutlich wird die Entwicklung bei öffentlichen Einrichtungen. Zwischen dem Jahr 2000 und 2020 wurden rund 22 Prozent der Frei- und Hallenbäder geschlossen – also klassische, vergleichsweise günstige Schwimmbäder und nicht die teureren Spaßbäder. Auch bei Bibliotheken zeigt sich ein Rückgang: Hier wurden im selben Zeitraum etwa elf Prozent der Einrichtungen geschlossen. Hinzu kommen Kürzungen bei Kulturangeboten, sozialen Einrichtungen und der außerschulischen Bildung, wie den Volkshochschulen.

Dabei ist das nicht das Ergebnis einer bewussten politischen Entscheidung nach dem Motto: „Diese Orte brauchen wir nicht mehr.“ Vielmehr ist es aus meiner Sicht die Folge mehrerer gesellschaftlicher Entwicklungen.

Welche Entwicklungen sind das?

Die erste ist die zunehmende Individualisierung. In einer liberalen Demokratie haben Menschen heute mehr Möglichkeiten als früher, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten - mit Einschränkung, aber doch viel weitgehender als in autoritären Staats- und Lebensformen. Und das führt dazu, dass Menschen sich immer mehr mit Menschen umgeben, die ihnen ähnlich sind. Dass sie sich in ihre Milieus, ihre Filterblasen zurückziehen, weil es natürlich auch ganz angenehm ist, Menschen um sich zu haben, die ähnlich ticken. Gerade wenn die Welt da draußen zu viel wird, braucht man einen Raum, wo man sich aufgehoben fühlt. Das ist individuell gut, hat aber gesellschaftlich nicht nur positive Effekte.

Die zweite Entwicklung ist der Rückzug des Staates, der seit den 1990er Jahren zu beobachten ist. Damals prägte die Vorstellung von „mehr Markt, weniger Staat“ die politische Debatte. Der Staat galt vielerorts – ähnlich wie heute – als ineffizient und reformbedürftig. In der Folge wurden Steuern gesenkt und öffentliche Ausgaben begrenzt. Man sieht das wie gesagt an den öffentlichen Infrastrukturen, an Bibliotheken oder Schwimmbädern. Hinzu kommt, dass viele dieser Einrichtungen zu den freiwilligen Leistungen der Kommunen gehören. Wenn Städte und Gemeinden sparen müssen, sind das die Bereiche, in denen Kürzungen überhaupt möglich sind. Häufig geschieht das mit Bauchschmerzen, aber eben aus einer finanziellen Notwendigkeit heraus, an der die Kommunen selbst wenig ändern können. 

Und was ist die dritte gesellschaftliche Entwicklung?

Der dritte Treiber ist, dass die Menschen immer mehr unter sich wohnen. Gerade in Großstädten lässt sich das eindeutig belegen: Da sieht man, dass bildungsstarke, einkommensstarke Gruppen eher am Standrand wohnen, im Einfamilienhaus und mit eigenem kleinem Swimmingpool im Garten. Und bildungsärmere, einkommensärmere Gruppen wohnen eher in den Großwohnsiedlungen, also zum Beispiel in Köln-Chorweiler oder in Berlin im Märkischen Viertel. Und das führt dazu, dass die Menschen sich nicht mehr im Hausflur begegnen oder auf der Straße. Aber auch dazu, dass die Kinder nicht mehr gemeinsam zur Schule gehen und man sich dann nicht mehr beim Elternabend streiten muss, ob man sich die Skifreizeit in St. Moritz leisten kann oder nicht, weil da einfach niemand ist, der eine andere Lebensrealität hat. Gleichzeitig fehlen bei den Bildungsärmeren und Einkommensärmeren dann Vorbilder mit anderen Berufen: Menschen, die nicht im Servicesektor tätig sind, sondern Anwältinnen oder Ärzte.

Das sind die drei großen Treiber, die dazu geführt haben, dass die Begegnungen mit Menschen, die anders sind, weniger geworden sind. Und ich glaube, das ist ein Problem für Demokratie. Man muss eben immer mal diesen anderen Menschen begegnen, sie in der Nähe haben, um sie als legitime Andere anzuerkennen. 

Wie unterscheidet sich das zwischen Stadt und Land?

Städte und ländliche Räume verfügen teilweise über unterschiedliche Begegnungsorte und stehen vor unterschiedlichen Herausforderungen. Viele Städte zeichnen sich durch eine Fülle an Orten aus: Wenn dort eine Kneipe schließt, gibt es oft noch andere Räume, an denen Menschen zusammenkommen können. Das gilt zwar nicht für alle Städte, insbesondere nicht für strukturschwache Kommunen, aber häufig ist das Angebot größer als auf dem Land.

In ländlichen Regionen können der Verlust einer Gaststätte, eines Vereinsheims oder auch einer kirchlichen Einrichtung deutlich stärkere Folgen haben, weil es weniger Alternativen gibt. Gleichzeitig gibt es dort häufig engere soziale Netzwerke. Man kennt sich, auch wenn man nicht immer derselben Meinung ist. In Städten ist das Zusammenleben dagegen oft anonymer.

Ein weiteres zentrales Thema im ländlichen Raum ist die Mobilität. Viele Menschen sind auf ein Auto angewiesen, weil der öffentliche Nahverkehr häufig nicht ausreichend ausgebaut ist. Deshalb ist es besonders wichtig, dass Begegnungsorte wohnortnah vorhanden sind. Fehlen sie, trifft das vor allem ältere Menschen, Jugendliche oder Menschen mit geringem Einkommen, die nicht ohne Weiteres mobil sind.

Allerdings halte ich die Gegenüberstellung von Stadt und Land allein für zu kurz gegriffen. Wichtiger erscheint mir die Unterscheidung zwischen strukturstarken und strukturschwachen Regionen. Studien zeigen, dass manche ländlichen Gebiete mehr mit strukturschwachen Städten gemeinsam haben als mit wirtschaftlich starken Regionen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Wenn es darum geht, Begegnungsorte gezielt zu fördern, würde ich deshalb vor allem auf strukturschwache Regionen schauen. Dort fehlen häufig nicht nur wirtschaftliche Perspektiven, sondern auch die zivilgesellschaftlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen für Begegnung und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Wer muss zusammenkommen, damit solche Orte entstehen können?

Selten sind es die Kommunen allein. Häufig sind es Bündnisse aus zivilgesellschaftlichen Akteuren, die eine Idee haben, die einen Ort haben, die vielleicht auch schon eine Zielgruppe haben, und den Kommunen. Denn die Kommunen entscheiden oft über die Orte und über die Regelungen. Und ich glaube, man sollte auch die lokale Wirtschaft einbeziehen. Die Wirtschaft verfügt ebenfalls über Orte. Die kann man einbeziehen – und die Unternehmer nicht nur als Spender, sondern auch als Betreiber von Orten akquirieren. Nehmen wir das Café oder den Bäcker, den es oft in Supermärkten gibt. Den kann man für Angebote nutzen. Da kann man z.B. einen Stammtisch organisieren, um ältere Menschen abzuholen.

Und was steht der Entwicklung dieser Orte im Weg?

Ich erlebe Kommunen, die ganz viel machen wollen. Ich erlebe aber auch viele Kommunen, die sagen: Wir haben unsere Grenzen. Alles, was Begegnung, Kultur und Soziales betrifft, sind freiwillige Leistungen, und den Kommunen sind oft die Hände gebunden. Das ist ein Problem für die Demokratie, das so aber kaum diskutiert wird. In den Kommunen machen Menschen ihre primären Demokratieerfahrungen. Dort merkt man, ob eine Straße umgestaltet wird, ob man mitreden kann, ob die Kommune handlungsfähig ist, ob das Kaufhaus schließt oder die Läden in der Innenstadt verschwinden.

Ich glaube, darüber müsste man viel mehr reden: Wie kann man die Kommunen handlungsfähiger machen? Der Bund, auch die Bundesländer, machen Förderprogramme – zum Beispiel für Dorfkneipen. Ich glaube allerdings, dass etwas anderes wichtiger wäre: die Kommunen handlungsfähiger zu machen und das Geld nicht in immer neue Förderprogramme zu stecken, sondern direkt an die Kommunen zu geben – mit der Maßgabe: Nutzt es für die Förderung der Zivilgesellschaft, für etwas Breites, aber nicht so stark festgelegt nur auf Dorfkneipen oder Vereinsheime. Denn in vier Jahren, in der nächsten Legislaturperiode, ist dann wieder etwas anderes das Thema. So entstehen keine nachhaltigen Strukturen. Und die Akteure vor Ort wissen oft sehr genau, was sie brauchen und was sie wollen. Es gibt dort häufig Menschen, die etwas schaffen wollen, mal mehr, mal weniger viele. Aber sie scheitern oft.

Wo sehen Sie dafür gelungene Beispiele?

Es gibt wahnsinnig viele. (Anm.d.Red.: Siehe auch VORAN-Bericht „Gemeinsam Stadtkultur gestalten“) Das reicht von dem Freibad in Thüringen, das maßgeblich von einem Förderverein betrieben wird und in dem ganz vieles stattfindet – Partys, Sommerkino, Flohmärkte –, bis hin zu großen Innenstadtimmobilien wie dem Stadthof Hanau. Dort hat die Stadt Hanau den Kaufhof gekauft und macht daraus einen multifunktionalen Ort – mit Handel, Museum und einer Berufsakademie. So schafft man einen Ort, an den Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen.

Es könnte aber auch ein Herrenhaus in Brandenburg sein, in dem eine Arztpraxis untergebracht ist, Räume für die Jugend entstehen und ein Dorfgemeinschaftshaus aufgebaut wird. Ideen gibt es viele, und Projekte gibt es viele. Ich glaube, wir müssen schauen, dass sich Regelungen ändern, dass sich Finanzströme ändern und dass es der Zivilgesellschaft leichter gemacht wird, ihre Projekte voranzutreiben.

Was dem Diskurs hilft, ist, wenn man solche kleinen Infrastrukturen wie ein Begegnungszentrum auch als Infrastruktur der Demokratie begreift. Denn Demokratie braucht nicht nur große Institutionen, schnelle Autobahnen und eine halbwegs funktionierende Bahn, sondern auch Orte, an denen Menschen sich begegnen und merken: Okay, diese anderen gehören auch dazu.

Dr. Rainald Manthe, *1987, ist Soziologe, Autor und Vorstand der Stiftung Bildung. Die gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Berlin setzt sich bundesweit für bessere Bildungsbedingungen von Kindern und Jugendlichen ein sowie für die Stärkung des zivilgesellschaftlichen Bildungsengagements. Rainald Manthes Buch „Demokratie fehlt Begegnung. Über Alltagsorte des sozialen Zusammenhalts“ ist 2024 beim transcript Verlag erschienen. Er hat in Duisburg-Essen und Bielefeld studiert und in Luzern über die Rolle transnationaler Treffen sozialer Bewegungen – der Weltsozialforen – promoviert.

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