Mitbestimmung Gemeinsam Stadtkultur gestalten 23.07.2026 Hanna Fath Wie entstehen Orte, die Menschen zusammenbringen und zum Mitmachen motivieren? Der Kulturkiosk in Konstanz und das Mit-Mach-Lokal in Dessau-Roßlau zeigen, wie Begegnungsräume Teilhabe fördern und Wandel vor Ort möglich machen. Pasta-Abend im Kulturkiosk in Konstanz. Die Grundidee: einen Ort möglichst für alle zu schaffen, über Milieu- und Altersgrenzen hinweg. Bild: Urheber: Samuel Hofer Am Mittwoch gibt es Spaghetti mit Gorgonzolasoße und Birnenspalten, am Donnerstagabend eine offene Fahrradwerkstatt, samstags ein Sprachcafé oder einen Bingo-Abend. Leckeres Essen und ein vielfältiges Programm – das gibt es im Kulturkiosk Schranke e.V. seit inzwischen fünf Jahren. Das Büdchen an den Bahngleisen ist zu einem beliebten Treffpunkt in Konstanz geworden. „Ins Tun kommen“ lautete Moritz Schneiders Jahresmotto 2021. Getrieben von dem Wunsch nach Wandel und nachhaltiger Entwicklung, wird die Idee geboren: Hier in Konstanz in den öffentlichen Raum hineinwirken, einen neuen Ort schaffen. „Wenn wir Wandel gestalten wollen, brauchen wir eine breite Basis und die kann nur über Kontakt entstehen. Wir müssen Räume gestalten - da, wo Menschen ihren Alltag bestreiten.“ Einen Ort schaffen, an dem Menschen zusammenkommen, um sich gegenseitig zu inspirieren und zu unterstützen. Gemeinsam Stadtkultur gestalten, im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Die Grundidee des Kiosks dabei – einen Ort möglichst für alle zu schaffen, über Milieu- und Altersgrenzen hinweg. Moritz Schneider ist fest überzeugt: Durch Kontakt und Begegnung lässt sich der gesellschaftliche Zusammenhalt stärken. „Wir stecken alle in unseren eigenen Welten. Es braucht Verständnis füreinander, für die jeweilige Lebenssituation.“ 2021 gründete Moritz Schneider mit anderen Engagierten den Kulturkiosk Schranke. Bild: Urheber: Elaine Fehrenbach/www.elaine-Fehrenbach.de Gesagt, getan – 2021 stand der Kiosk an der Schranke zum Verkauf und Moritz Schneider nutzte die Chance, baute die Räume zusammen mit anderen Engagierten um und gründete den Kulturkiosk Schranke – zuerst als Einzelunternehmen, inzwischen getragen von einem Verein mit ihm als Geschäftsleitung. Ein Ort, der alle einlädt Ein Ort für alle – wie kann das gehen? Laut Moritz Schneider ist hier die Lage entscheidend. Der Kulturkiosk befindet sich am Bahnübergang Moltkestraße, hier kommen viele Menschen vorbei. Studierende und Arbeiter:innen, Junge und Alte. Es ist ein durchmischtes Viertel und innenstadtnah. Der zweite entscheidende Faktor sind die Angebote, die den Kiosk ausmachen und die unterschiedlichsten Menschen in den Begegnungsraum einladen. Da ist eine Tischtennisplatte, ein sonniger Garten, eine Kinderspielecke, es finden regelmäßig Flohmärkte, Pub-Quiz oder Bingo-Abende statt. Vereine und Initiativen treffen sich im Kiosk, die örtliche Solidarische Landwirtschaft verteilt hier ihr Gemüse. Es herrscht kein Konsumzwang, Essen darf mitgebracht werden – auch das trägt zur Inklusivität des Ortes bei. Schneiders Fazit nach fünf Jahren – das funktioniert gut! Der Kiosk ist zum Begegnungsort geworden für die Nachbarschaft und für ganz Konstanz. Für manche, die täglich Hallo sagen, ist der Kiosk ein sozialer Anker, eine verlässliche Anlaufstelle. Natürlich gibt es auch Spannungsfelder: Da ist die Schwierigkeit, die Lebensmittel ökologisch nachhaltig zu beschaffen und gleichzeitig möglichst preisgünstige Mahlzeiten anzubieten, die sich jede:r leisten kann. Aktuell kostet ein Essen im Kiosk regulär 11,50 Euro und ermäßigt 9 Euro. Das zweite Spannungsfeld identifiziert Moritz Schneider „zwischen Achtsamkeit und Teilhabe“. Wie kann der Kiosk ein Wohlfühlort, ein möglichst geschützter Raum, sein und Bedürfnisse ernst nehmen und gleichzeitig offen sein für alle. Für kiffende Jugendliche, die sich hier treffen wollen, für wohnungslose Menschen, für diejenigen, die aus der sozialen Norm herausfallen, für Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten, mit diskriminierendem oder grenzüberschreitendem Verhalten? Fragen, die das Team kontinuierlich intensiv beschäftigen. Das Büdchen an den Bahngleisen ist zu einem beliebten Treffpunkt in Konstanz geworden. Bild: Urheber: Elaine Fehrenbach/www.elaine-Fehrenbach.de Kompromisse finden Die Antwort liegt für Moritz Schneider in der ständigen aktiven Aushandlung dieser Fragen, in der Suche nach Kompromissen – das ist aufwändig, und braucht viel Klarheit im Team. Moritz Schneider erzählt von Situationen, in denen es vielleicht der einfachere Weg gewesen wäre, Gäste herauszuwerfen, des Raumes zu verweisen. Aber der Verein besinnt sich auf die Grundidee des Kiosks und verfolgt einen anderen Weg: Im Glauben, dass Wandel nur dann entstehen kann, wenn sich Menschen für Kritik öffnen - und offen bleiben für Verhaltensänderung. Wenn es ein Raum für Wandel sein soll, braucht es Kontakt – auch über politische Grenzen hinweg – das Kiosk-Team will auch in herausfordernden Situationen ins Gespräch gehen und im Gespräch bleiben. Getragen von einem Grundvertrauen in das gesellschaftliche Miteinander und darin, dass man Konfliktfähigkeit lernen und Berührungsängste abbauen kann. Kommunen fehlen oft die Kapazitäten Diese Arbeit lebt vom Engagement, von Zeit, Kraft und Herzblut vieler Ehrenamtlicher. Die Organisation der Veranstaltungen, die Netzwerkarbeit und das Organisatorische werden ehrenamtlich übernommen, die Arbeit in der Gastronomie des Kiosks wird bezahlt. Die Kommunalverwaltung in Konstanz erlebt der Verein eher als Hürde denn als Ermöglicher. Moritz Schneider sitzt selbst im Gemeinderat und erlebt, dass die Kommune überlastet ist und dass für Projekte wie den Kulturkiosk die Kapazitäten fehlen. Zwar hat der Verein 15.000 Euro aus dem städtischen Bürgerbudget erhalten, trotzdem ist und bleibt der Kiosk ein Projekt, das von unten gewachsen ist und getragen wird. Und das ist seine große Stärke: Das Team vereint verschiedene Hintergründe und Perspektiven, die sich im Angebot des Kiosks niederschlagen, und die Gäste sind eingeladen, den Ort aktiv mitzugestalten. Dass der Nachbarschaft hier nicht einfach etwas vorgesetzt wird, sondern dass alle ermutigt werden, mitzuentscheiden, mitzuwirken und eigene Ideen umzusetzen, ist die große Stärke des Projekts. Schulklassen gestalten den Ort an Projekttagen mit, örtliche Initiativen tragen ihre Ideen und Bedarfe herein. Es geht um Partizipation, um Wirksamkeit und um die gelebte Erkenntnis: „Nachhaltigkeit entsteht durch Tun.“ Begegnungsraum für die Dessauer Innenstadt Vom Süden der Republik in den Osten, nach Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt. Hier befasst sich Kathrin Hinze mit der Frage nach dem „ins Tun kommen“ – nach den Bedingungen für zivilgesellschaftliches Engagement und Wirksamkeitserfahrungen der Bürger:innen. Hinze ist die Engagement-Beauftragte der Stadt Dessau-Roßlau und aus ihrer Sicht braucht es vier Voraussetzungen für Ehrenamt und Engagement in einer Stadtgesellschaft: „Wir brauchen eine Transparenz der Angebote, einen festen Ansprechpartner, eine Anerkennungs- und Würdigungskultur und einen Ort, einen Raum, aber nicht im Rathaus.“ Mit-Mach-Lokal heißt ein Begegnungsort in Dessau-Roßlau. Am 1. Oktober 2023 übergab Oberbürgermeister Robert Reck (2.v.r.) den symbolischen Schlüssel an Vereinsvorsitzenden Frank Lehmann (r.). Bild: Urheber: Silvia Bürkmann/Stadt Dessau-Roßlau Aktiv sein in der „Engagierten Stadt“ Weil letzteres in Dessau-Roßlau noch fehlte, regte sie die Idee beim Oberbürgermeister an – „Ja, Frau Hinze, machen Sie mal!“ lautete die Antwort und Kathrin Hinze, Expertin für Projektförderungen in Zeiten klammer kommunaler Kassen, legte los: Dank ihrer Initiative ist Dessau-Roßlau seit 2020 im Bundesprogramm der „Engagierten Stadt“. 110 Städte tragen dieses Siegel, es geht darum, nachhaltige Strukturen für Ehrenamt und Engagement zu schaffen, zwischen Verwaltung, Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft. Eine andere Baustelle – in Dessau-Roßlau wie in vielen anderen Städten: ausgestorbene Zentren. Dessau-Roßlau hat viele Einwohner:innen verloren, besonders in der Innenstadt. Aktuell sind es gut 75.000. Einen Vernetzungsort für ehrenamtliches Engagement schaffen und gleichzeitig die Innenstadt mit einem attraktiven Begegnungsraum beleben? Das Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ unterstützte diesen Plan. An einer roten Ampel wartend fiel Hinzes Blick dann 2023 auf ein leerstehendes Ladenlokal – mitten in der Stadt und gut angebunden. Kurzerhand klopfte sie beim Vermieter an und regelte die Projektförderung, die die Miete des Raums für zwei Jahre tragen sollte. Parallel lief in Dessau-Roßlau das Bürgerbeteiligungsprojekt „Zukunftsreise“ – das Ergebnis: Viele Dessauer teilen Hinzes Eindruck: „Wir brauchen Orte, wo man sich niederschwellig treffen und begegnen kann.“ Mit einigen motivierten Mitstreiter:innen gründete Hinze den Verein lokal e.V., der den Laden betreiben sollte. „Mit-Mach-Lokal taufte die Gruppe das Vorhaben. Am 1. Oktober 2023 dann die Schlüsselübergabe. Und ab dem ersten Tag kamen unzählige Anrufe und Anfragen beim Verein an“, erinnert sich Hinze. Vielfältige Ideen und Bedarfe für die Nutzung der Räumlichkeiten – von Lesungen, Ausstellungen, über Stammtische, Flohmärkte und Vereinstreffen. Zwei Jahre lang schrieb das Mit-Mach-Lokal eine Erfolgsgeschichte, war gut ausgelastet, wurde genutzt und geschätzt von unterschiedlichen städtischen Gruppen. Senior:innen trafen sich zu Computerkursen, es gab Workshops für Kinder, Infoveranstaltungen zum Thema Barrierefreiheit oder Fördermittelakquise, ein Jugendwahllokal zur Bundestagswahl, Hinze bot ihre Sprechstunde als Ehrenamtskoordinatorin im Lokal an. Dessau-Roßlau ist seit 2020 im Bundesprogramm der „Engagierten Stadt“. 110 Städte tragen dieses Siegel und schaffen nachhaltige Strukturen für Ehrenamt und Engagement – und tauschen sich auf Tagungen aus. Bild: Urheber: Stadt Dessau-Roßlau „Das Projekt steht und fällt mit der Finanzierung der Miete“ Ein guter Anfang war gemacht, aber auch die Herausforderungen des Projekts wurden schon bald offenbar: Die Erwartung der Stadt lautete, das Lokal müsse sich nach dem Förderzeitraum selbst tragen. Die politischen Entscheidungsträger konnten sich nicht dazu durchringen, den Raum kommunal finanziert zur Verfügung zu stellen. In Zeiten von Haushaltskonsolidierung, in denen viele sogenannten freiwillige Leistungen hinten herunterfallen aus Hinzes Sicht keine Überraschung und trotzdem eine Enttäuschung. Innerhalb des Vereins knirschte es zunehmend aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen. Mit Ende des Förderzeitraums im August 2025 zog sich der Verein aus dem Projekt zurück. Der Vorsitzende, ein örtlicher Unternehmer sprang in die Bresche mit dem Versprechen, die Raummiete für zwei weitere Jahre zu finanzieren. Es geht also weiter, aber unter etwas anderen Vorzeichen. Da sich der Raum nun wirtschaftlich tragen muss, wird bei der Nutzung jetzt eine – gestaffelte - Miete fällig. Das Projekt befindet sich in einer Umbruchsphase. „Es steht und fällt mit der Finanzierung der Miete solcher Räume“, resümiert Hinze. Selbst anpacken und gestalten Auch wenn die Sachsen-Anhalterin das Reden von der „Stärkung der Demokratie“ oft für abgedroschen hält, sei es genau das, was der Raum bewirkt habe: „Es ist wichtig, dass es solche Orte gibt, weil sie Menschen unterschiedlicher Herkunft, ob jung, alt, ob mit Migrationshintergrund oder ohne, Studierende, Jugendliche, Senior:innen zusammenbringen.“ (Siehe auch VORAN-Interview „Warum Demokratie Begegnung braucht“) Und es geht auch hier um die Erfahrung der Partizipation: „Das hat man gemerkt. Die Menschen können auch mal selber machen, die Verwaltung setzt nicht nur Angebote vor. Räume müssen zur Verfügung gestellt werden, in denen sich Menschen selber sich einbringen und ausprobieren können. Die Kommune muss einen Rahmen schaffen - dann ergibt sich ganz viel von selbst. Leute können teilhaben, sich kennenlernen und miteinander ins Gespräch kommen.“ Weitere Beiträge zu diesem Thema Bild: Urheber: Bernhard Jakob Freitag, 20.02.2026 Mitbestimmung „Im Dialog muss ich mir alle Argumente anhören“ Die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Angelika Vetter plädiert für die Instrumente der Bürgerbeteiligung, die Menschen ins Gespräch bringen. Bild: Urheber: Michael Nagy/Presseamt Landeshauptstadt München Freitag, 20.02.2026 Mitbestimmung Die direkte Demokratie vorantreiben Mit Bürgerbudgets stellen Kommunen einen festen Geldbetrag bereit, über dessen Verwendung die Bürger:innen direkt entscheiden. Erfahrungen aus der brandenburgischen Kleinstadt Beeskow und aus München.